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Full text of "Kniftologie und pfiffolgy des weltweisen Schopenhauer"

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Kniftologie und 
pfiffolgy des 
weltweisen 



Schopenhauer 




Sebastian Brunner 



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* \ 




nifologte unö Pfiffologie 



bei 



$m treiben unb treiben be£ s J)?etfter$ unb feiner $efcllen 
pfofttfd) unb braftifdj bargefteüt 



DOIl 



<f s fprofjt empor auf feibor ffrift 
Da* <Sift unb aud) bas (Segengift; 
Die tPeltttteisljeii", oou irfm erbidjter, 
3jl audj Don it)m ju (Brunb gerietet. 



JJab*rl>ürn. 

Erlief unb SBerlao öon $erbinanb ©cböiiingl). 

1889. 

fünfter t. ^rmatpalmarft 1. — OÄna&rücf. 



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55 0J\ 



HARVARD 
ÜN j VE R5ITY 
LIBRARY 

iV.A, ; 1.5!- 



KU 



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(Sin gereimtes ftogtamm. 



Unter allen $f)iloiobben 
2Röd)te er ber erfte fein, 
Stenn er fagt e3 oft unb offen : 
3t)nt gebüljrt ber (Sieg allein ; 
Steiner t)nt ifjn übertroffen, 
@r nur fanb ben SSeifenftetn, 
$)en er in Söeftfc genommen, 
„3u mir müffen Me fommen!" 

2öa§ mir Oon ben Eliten lefen — 
(Sr ftat SlUeä überflügelt: 
Niemals ift nocb bagetoefen 
<Bo ein ^odjmutf), ungezügelt, 
$)enn Oernarrt in feine Xbefen 
2Bar er, bie er auSgeflügelt, 
Dafe er faft bor Stola serplafct ift, 
9?orf) lang' — beoor er abgefragt ift. 

$Iu§gefüfjrt Ijat er bie ©rille, 
3u erfinben ein ©tjftem; 
„SSelt aß «orfteHung unb SBiHe", 
$)a§ roirb deinem unbequem. 
@r oert&eilte biefe ^ßitte, 
Unb fte fdmiedfte angenehm: 
2Ba3 er null, fann Seber icr)ret6en, 
2Ba3 er fann, roill Seber treiben. 

@r beleuchtet felbft fein (Schreiben 
$)urd) bie eigene ÄRoral, 
9?id)t berfdjroiegen tonnt' fie bleiben, 
Unb baS war für il)n fatal; 
$)enn oon feinen trieben treiben 
ütefj er fict) ia allemal, — 
2öo ifm biefe bingetrteben, 
3ft nidjt unbetannt geblieben. 



Stamm ttjollt' er aucb, fein £eben 
Set bem eitlen «ublifum 

burcbau3 nidjt preisgegeben 
911* entt)üflte§ £>eiligtbum; 
(£r befahl mit .Horn unb $3eben : 
bleibt barüber ftill imb ftumm, 
2)emt roenn Tie mein treiben roiffen, 
Sft mein &orbeerfrans jerriffen! 

(£r bat niemals 2ldjt genommen, 

SSenn er Slnbere oerfeilt bat, 

£)afe an ibn baS 2oo$ roirb fommen, 

2) aS er ?lnberen ertbeilt bat, 
($£ roirb Jseber bergen ommen, 
Xen bie Seemens ereilt bat, 
2Benn bnrd) neue ^bilofopben 
Sbn ber s J?ieberid)tag getroffen. 

So mie feine etg'nen ®inber 

$er (£l)rono§ immer ielbft oerfdjlingt, 

Söirb e$ and) ergeb'n niebt minber 

3) en ^bilofopben unbebingt: 
28ir febn, rcie ein Sbftemerfinber 
3)en anbern anfafet unb bejmingt; 
So roirb aueb ev gefafet beim fragen 
S3on Slnbern, bie ibn uieberfcblngen. 



$ ine alte fiafcgotie, in roebfu das £e6en antf tfas Sqjtem 
des IIIeCfiDßifm 6fquem cingcfrfiaifiMt raettfen fiami. 



Sem geneigten unb bem ungenetgten £efer foll gleid) im 
^Beginne unferer ©djrift eine $ategorieentafel in bie £>anb 
gegeben werben, bie faft 2000 $al)re alt unb üom fjeiligen 
2tyoftel unb Gfrangeliften $ofjanne$ angefertigt werben ift. Sttit 
btefer STafcI möge bann ber tiefer {elber ba§ ©abreiben unb 
treiben be3 SÖeltweifen ©djopenljauer betradjten, unb ber* 
felbe wirb 2llle§, was ©djopenljauer gefdjrieben unb getrieben 
ijat, in ben brei Räumen biefer £afel corfinben. «Sdjopen- 
ljauer fudjt 2lfle£, was in ber SGBelt ba ift — bie gan^e SBelt 
in Sille unb Sßorftedung unterzubringen unb alle (SrfdjeinuKgen 
in ber SBelt au£ SBille unb SBorfteüung tjerauS au erflären. 
£)er SBiÜe weift Anfangs felber nidjt, was er will, er ift oljne 
intelligent unb Söewußtfein üon bem, was er will. Die ®e- 
ftirne f reifen um bie ©onne, fie wiffen nia)t, warum; bie 
Söäume unb ^flanjen warfen aus bem ©oben, fie wiffen nidjt, 
warum; ber (Stein fällt auf bie (£rbe, er weift nidjt, warum; 
nur im 2ftenfdjen wirb ber SBtlle mit intelligent auSgeftattet 
u. f. w. 

9iun !ommen wir audj mit einer $ategorieentafel, bie 
fid) bie (Srflärung beS ganzen Verlaufes ber Üttenfdjengefdjtdjte 
jur Aufgabe gefteüt fjat. £)tefe lautet (2lpoftel $ofjanneS, 1. ©rief, 
2. $ap!, 16. u. 17. 23erS): „Denn SllleS, was in ber 
üBelt ift, baS ift bie 53egierlid)feit beS gleifc&eS, bie 
iöegierliajfeit ber klugen unb bie§offart beS ÖebenS, 
was nidjt üom SBater, fonbern oon ber SBelt ift. Unb 
bicSöelt »ergebt mit ifjrer £uft, wer aber ben SBillen 
Rottes tljut, ber bleibt in ©wigfett." 



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VI 



Einleitung. 



£ter ^abcn mir alfo außer „bem Sitten ber 9totur, ber im 
iEQenfc^cn ^um ©ewußtfein fommt", audj einen f elbftbewußten 
SCÖillcn ®otte§, ber bem ©djopenljauer ebenfo $uwiber ift, 
unb ben er ebenfo oerläugnet, wie er ben perfönlidjen (Sott 
oerläugnet Ijat. 

$n bem $fo3fprud} be3 ^anneS finb ®enußfua% |)abfua)t 
unb @^rfucr)t afe bie brei Sur^elfünben in ber 3ttenfd$ett bloß- 
gelegt. 5lüc§, wa§ ©iinbe Reifet, jie^t aus einer ober ber an* 
beren biefer brei Sur^eln feine 9taljrung. $eber Sttenfdj, ber 
in feinem fersen ungetrübten 53Itcfe^ fthmbfc^au fjält, wirb in 
ftdj felber bie föidjtigfett biefer ©intljeilung beftätigt ftnben. 
Seun nun ber 9ttenfdj feinen ®ott über ber Seit anerfennt 
unb biefen oerläugnet. fo wirb er audj tu ben oom 2lpoftel be* 
getd)neten Sur$clfüuben, in (Senußfudjt, §ab}udjt unb §>offart 
feine ©ünbe anerfennen, fonbern fo gut es eben geljt, bie ent- 
fpredjenben ©lütten unb grüßte aus biefen brei Sur^eln auf* 
fproffen (äffen. 

Sir werben nun tljette aus ben eigenen (Seftänbniffen biefeS 
Seitweifen, tfjeils aus ben ©Triften feiner Stpoftel beweif en, 
baß gerabe biefer Wtofopl) fowoljl in feinen ©djriften, als in 
feinem lieben ein ganzes ©mporium oon Saaren eigenen 
^abrifateS aufgeftapelt l)at, weldje in ben oon ^o^anne^ auf* 
geftellten brei Äategorieen oom £efer felbft otyne 3)iür)e unter* 
gebraut werben fönnen. 

1. SaS bie §offart anbelangt, weldje in bie ^ßpramibaU 
fpifce beS (SrößenwafjnS ausläuft, ift uod(j fein "ißfjilofoplj bfl* 
gewefen, ber mit feiner eigenen §anbfd)rtft fo eflatante, un- 
fläljlige Söewetfe für ben Söefifc biefer (£tgenfdjaft in feinen 
©djriften beigebracht fjätte. $n biefem (Srbßenwaljn ift audj 
ber waljre (Srunb feinet $ltl)etSmuS ju erfe^en. Ser ftdj ber* 
artig gum (Zentrum ber ganzen (Sebanfenwelt, jutn einatgen 
$)ura)forfdjer beS UnioerfumS madjt, baß es ifym allein nadj 
eigenem (Seftänbniß gelungen wäre, baS Selträtfjfel ju löfen, 
ber fann neben unb außer ftdj feinen (Sott brausen. Sir 
werben fefjen, wie er in allen mbglid)en (Sebanfenformcn unb 
uub ©pradjwenbungen fein eigenes (Sente bewunbert unb $UeS 
öeradjtct, was uid)t er felber ift unb wa£ oon iljm nidjt aus* 
geljt. ©eine oon ü)tn felber ftd) geftellte Aufgabe ift fdj ein bar 
bie Verbreitung beS 2ltf)eiSmuS überhaupt, in ber Ztyat 



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©Weitung. 



VII 



aber tft eS nur bie Verbreitung feinet, beS „edjten" MjeiS* 
muS inSbefonbere. (£r wütfjet ofjne Unterlag audj gegen 
alle anberen ^bilofopfjen, btc mit ifym einem gleiten Qvk 31t- 
fteuem (wie gegen gierte, £>egel, üöüdjner u. f. w.) unb gegen 
ade anberen ©toff- unb $raftmänner, bie bodj aua) ganj ortfo* 
bo$e Reiften fein wollen, bloß aus bem ©runbe, weil er 
allein ber wafyre unb eajte Üftetfter unb Herrgott beS Deismus 
in ber oon ü)m erfonnenen gorm, er allein als ber einzige 
oollwidjtige, ortljoboye 2ltl)eift baftefjen unb ben SKuljm ber (5r* 
ftnbung beS edjten SltfjeiSmuS für fidj allein in Slnfprud) nehmen 
will. £)ie eflatanten SßeweiSftellen, com Söeltwetfen felber 
niebergefdjrieben, wirb ber Sefer in üorliegenber ©djrift buftenb* 
weife finben. 

2. £ie $abfucf)t (Kugenluft) tritt befanntlid) in ben Oer* 
fdjiebenften gormen auf. ©ein SBater fjat fia) als immer nodj 
reifer Kaufmann, burdj unoorljergefeljene SBcrluftc gefränft, aus 
bem £eben IjtnauSfpebirt. 93ei ©djopenljauer erfdjeint bie §ab* 
fud)t ntdjt im unfittlidjen Vermehren beS SöefifceS, fon= 
bem im überaus ängftltdjen ©galten beSfetben, im §ag gegen 
bas arme SBolf, oon bem er fürchtet, es fönne, wenn ifyrn bie 
Hoffnung auf einen jenfeitigen SluSgleid) genommen wäre, mit 
ben ?3eftftenben ftier auf (Srben Slbrecfymmg galten wollen, 
©r fürchtet bie grüßte feiner SWetaplfoftf, bie er bie pbilo* 
fop^ifdje nennt, unb fpridjt wieberfjolt ben 2Bunfdj aus, für 
baS arme Sßolf foüe bie religiöfe Sftetapfyofif aufregt 
erhalten bleiben, bie er bodj felber bei ber £afelrunbe feiner 
„aufgeflärten" Cef er als einen Xrug bezeichnet. £)aS tft bie 
eigentliche 9ciebertradjt, bie ©onfeguen^lofigfeit feines (SüftemS 
aus gura}t unb 2lngft oor ben notljwenbigen ©onfequengen 
biefeS feines ©oftemS. feiner JobeSangft wünfdjt er eine 
„religiöfe 3ttetaphbfif" für bas arme 93olf, einen ^ap^aum 
für bie „(Stufte unb Canaillen", wie er fo überaus gart 
bie Proletarier in Jranffurt 1849 getauft fjat. 2Benn er bie 
erften neun (Gebote (suerft baS: „$)u fottft allein an einen 
©Ott glauben") unb mit biefem bie adjt folgenben wie ein 
wüt^enber ©ber niebergeriffen hat, fo maa)t er erfdjrocfen oor 
bem legten, ahnten §alt: 3)u f ollft nicc)t begehren beineS 
9c ädjften ($ut; mit biefem ©ailußftetn erflärt er fict; ooll* 
fommen einoerftanben. £)er große iBeltweife hat eben bei all 



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VIII 



(Einleitung 



feinem föenommiren nicht fo mel Sogif in feinem prononcirten 
Üigerfopf, baft baS lefete ®ebot ofme baS erfte auch feinen 
§alt hat unb oon ben (jeranbrängenben üBolfSmaffen auch nieber- 
gertffen wirb. $n beriet fallen überfommt tfjn baS D^nmac^t^ 
gefügt mitfammt feiner philofophifdjen SDtaaphnftf, unb er 
fudjt biefer mit Kanonen unb glinten, mit ^uloer unb Sölei, 
mit ©äbel unb Bajonett nachzuhelfen, benn ofme (Glauben an 
®ott fann man oerfuajen %u leben, aber otjne ®elb — baS 
geht nicht. 2Benn nun ber Settroetfe auch ben ^eiligen (#ott 
oerläugnet, fo will er bodj um fo zäher am heiligen ©igen* 
tljum feftr)alten mit bem aufrichtigen fersen unb mit bem 
finblichften ®emüthe unb alten feinen Gräften. 

3. 2öaS bie SöcgierUdjfeit beS gleifcheS anbelangt, wollen 
mir feine erbaulichen ®eftänbniffe unb bie Berichte 
fetner 5 reunbe über ihn weitaus weniger in Betracht gießen, 
als feine Slnfidjten, Borfchläge unb (Srfinbungen, bie er 
fchriftlich in feinen ^ilof cremen niebergelegt hat. ©eine Bor* 
f4läge 3ur Regelung ber gefdjlechtlichen Berhältniffe für bie 
aufgeflärte 3ufunft gehen ins grauenhaft Unfinnige 
unb Unhaltbare hinein; fo ftellt er bie (£lje (Monogamie) 
als unfittlia) bar, will Üetragamie (Bierwetberei) eingeführt 
wtffen u. f. w., unb macht Borfdjläge für ben 3ufunftSbat> ber 
($efellfdjaft, meldte jeber Kenner ber focialen guftänbe m ^ 
gutem ®emtffen als oöllige, eflatante Berrücftheiten be* 
Zeichnen wirb. £)enn mürbe man annehmen, er habe biefe kleine 
(fo auch feine Anfielen über baS miberwärtigfte Xfyma ber 
^nabenfdjänbung) mitflaremBewufjtfetn gemacht, fo fönnte 
btefeS Vorgehen nur als Berworfenheit bezeichnet werben. 

3luf feine als "ißrtnctp aufgehellten, auch fchon oerrüeften 
Behauptungen mußten berlei ßonfeguenjen fommen, wie bie 
Anempfehlung ber Bierweiberei, bie oerfudjte Branbmarfung ber 
Monogamie „als ber (Sitte zmoiber"!! $)aS auch noch! 

gürwahr, ,eS fcheint bisweilen, ber 2Beltweife h a & e 
©tobten für fein neues ^crec^t in Menagerien gemacht unb 
er h<*& e bit "ißaragraphenemthetlung an ben £)rahtgittern ber 
Slffenfäfige numerirt 

353ir müffen betonen, baß mir bei ber Umfchau im tfeben 
(Schopenhauers nicht münbliche Ueberliefentngen ober (Stabt* 
tratfeh als Quelle benufct haben, fonbern nur ©eftänbniffe unb 



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Einleitung. 



IX 



Briefe oon it)m ober feinen greunben ; fomit fann ntan un£ 
eines illooalen 93orger)en3 nicht befdjulbigen. 

SBenn wir un§ in Betrachtung oerfchiebener* 
ntata öfter in anberer gorm unb mit anberen Sorten 
wiebertjolt fjaben, fo ift zu bebenfen, bafj eben auch 
Schopenhauer feine Karotten bem ^nfjalt nach gleich, 
aber ber gorm nach oerfdjieben f cr)r oft feinen Sefern 
aufgebrungen hat. 

ifcie betreffenben ju befpredjenben ©teilen haben wir bem 
oon Jrauenftäbt angefertigten Sdjopenhauer^erifon entnommen, 
weil fich biefeS in ben meiften 33iMtotr)cfen unb aua) fonft in 
oielen §änben befinbet unb bie tfefer oon ben genauen ©itaten 
fid) leicht überzeugen fönnen. $eber fann f ia ) Sejdfon 
leidjt oerfchaffen, unb bie Sefifcer ber ®efammtau3gabe haben 
e3 o^ne^in. $)a in biefem tfertion oft bie oerfdnebenften 2ln* 
fa^auungen über ein unb basfelbe Schlagwort (ÜTt)ema) bei* 
fatnmenftefjen, t)at grauenftäbt feinem Üfteifter infofern feljr 
gefdjabet, als man fner bie $Hberfprüche, welche fich biefer 
Genfer in feiner BehauptungSmame fo oft gu ©Bulben fommen 
ließ, beifammen finbet. 

2öir brauchen feine "JSropfjetengabe, fonbern es genügt un£ 
eine jahrelange (Erfahrung, um oorauSjufehen, baf mir oon 
ben Anhängern btefeä Seitweifen nicht wiberlegt, fonbern 
nur befchtmpft werben fönnen. $)a$ Qnbianergeljeul, 
welche^ jene Seitweifen grimmig erfchatten laffen, benen e$ gu= 
roiber ift, wenn man ihnen bie eonfequenjen if)re3 Suterns 
oor bie Stugen hält, ift eine 5lufforberung junt oereinten Kampfe 
gegen jeben Unglücflichen, ber e$ wagt, biefer Gattung Seit* 
weifer mit ben auSgeglieberten (Sonfequengen ihrer Styfteme ent* 
gegen^utreten. 

UebrigenS finb wir weit entfernt, nicht aua) otele treff* 
liehe Aphorismen, bie Schopenhauer in feinen Schriften 
niebergelegt hat, als foldje anjuerfennen. 

(So ^t er 3. 93. anonyme Angriffe unb Schmähungen 
als unmoralifct) unb nieberträchtig erflärt, weil ber Angreifer 

feige ift um offen aufzutreten. 

$)iefe Art, oon irgenb einem unanftänbigen Ort faule 
Slepfel auf fein Dpfer au werfen, ift in ber SKeujeit ein fehr 
beliebtes ®efchäft geworben. 

© r u n n e r , Sbitffologte unb ¥flff oü>gte. II 



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X 



(Smlettung. 



©n foftbareS, moljl 31t beadjtenbeS ®eftänbniß be- 
züglich beS großen 23etfallS, melden baS ©djopenljauerfdje ©Aftern 
gefunben, finben mir im üttetyerfdjen UntoerfakKonoerfationS- 
lerüon (14. 53b., ®. 289) : 

„Snbem er (©djopenbauer) baS unmittelbare Seben in feiner 
Korruption jum ®ecjenftanbe machte unb ftcb bei ber ^Betrachtung 
beweiben über pebantifdje Konventionen ber fcfculm elfter > 
liefen (!) Sftorat binttjegfefcte, oermoebte er e§ in einer SSetfe ju 
UbÜofopbiren, bie jmar roeniger bem ©efdjmacf ber Sßäbagogen, 
aber befto mebr bem etneS 93ublifumS entfprtöt, melcbeS oon ber 
TOlofopbte nic^t al§ ©dmljugenb betrautet fein miß." 

lußerorbentlicf) fchlau unb boeb auch außerorbentlicb bumm, 
metl bie (Schlauheit gu offenbar unb unoerfjüllt jum SBorfdiein 
fommt. 

1. SBarum hat er bie Korruption feines eigenen 
Gebens nicht unmittelbar jum ®egenftanb feiner ^Betrachtung 
gemalt? 

2. Unter ber fdjulmeifterlidjen SDtforal t>erftet)t ber 
fdjlaue Ärtifelfchreiber offenbar baS ct;riftltcr)c (Sitten- 
gefefc, benn (Schopenhauer oermochte es fogar, fidj über bie 
Monogamie funmegaufct$en unb bie ^äberaftie als ein oon ber 
ftatur fchlau erfonneneS SluSfunftSmittel barjufteüen, 
toie es im Verlaufe aus feinen SBorten gegeigt werben wirb. 

3. Seine 9ftoral entfpridjt weniger bem ®efchmatf ber 
^äbagogen. Unter ben ^ßäbagogen finb hier offenbar wieber 
bie SBertljeibiger beS djriftlichen ©ittengefe^es ju 
oerftetjen. 

4. DaS ^ublifum, welches nicht als «Schuljugenb be- 
trautet fein will, nun, baS ift baS ®roS ber aufflärungS- 
burftigen £efer, benen es ein Salfam ift, wenn baS ganje gött- 
liche ®efeft als eine (Elmare bargeftettt wirb, unb wenn fie 
ihren fämmtlichen (Müften ofme gurcht einer 33crantn?ortltc^fett 
cor einem ewigen dichter nachgeben fönnen. 

2)aS finb in ber Zfyat bie Urfadjen oon bem großen @r- 
folge, ben fidj ber 2öeltwetfe in ber mobernen 8efewelt, be- 
fonbers unter ben Lebemännern, ßebefrauen unb Sebe- 
fräulein errungen t)at. 

2Bir erflären ber SÖar)rr)ett gemäß: $n ber $orm feiner 
projeftirten ^^^fopheme f)at er oor ben meiften anrtd^riftltc^cn 
^ilofop^en bie praftifche ©prachfunbe oorauS; er weiß 



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(Einleitung. 



XI 



baS, mas er bem £efer betbringen will, biefem munbgeredjt $u 
madjen. (£r rennet, roie er es in feinem beftänbigen SSefchimpfen 
ber „(Sdmlphilofophen" beftätigt, auf £efer, bie in ben ge- 
möhnliajen ©efeften ber £ogif ntdjt eingefdjult finb; bie 
2ogif h a ß* er oon ganzem §ergen unb mit SHedjt unb metfer 
23orauSfidjt; er nennt aua? feine ^ilofop^ie mehr eine $unft, 
als eine SBiffenfdjaft. 2Bir haben beShalb auch im Verlaufe 
biefer ©djrift nachgenriefen, baß bie Äunft (Schopenhauers bem 
nicht philofophifch gef dmlten £efer gegenüber barin befteljt. fühne, 
unbeweisbare unb beSroegen aud) unbenriefene Behauptungen mit 
ber größten Unverfrorenheit aufstellen unb barnadj auf biefeu 
wie auf 9cebelwolfen feine (Schlußfolgerungen aufzuführen. 

9hm hoben audj mir uns nach Maßgabe unferer geringen 
Gräfte beftrebt, bie Unhaltbarfeit, ben Unfinn unb mitunter bie 
oötlige SBerrüdftheit in ben ©ebanfeneoolutionen «Schopenhauers 
in einer wofjlüerbienten, mitunter humoriftifchen Be* 
leuchtung baraufteilen. 2Bir ha&en auch oft barauf tyn* 
gewiefen, wie Schopenhauers ^ßhilofophie erft burch feine 
hochgrabig unerbauliche Biographie in baS rechte gidjt gefteüt 
wirb. £>ie ^rioatbriefe (Schopenhauers unb bie ®eftänbniffe 
unb Beriete, welche bie nädjften Verehrer unb greunbe btefeS 
®roßbenferS über fein geben nach bem £obe beSfelben, mit 
einer erftaunenSwerthen (SchonungSlofigfeit bloßgelegt 
haben, erfreuten uns als gewichtige, unserftörbare ®runbfteine 
3ur Beurteilung feiner philofophifchen ßthif, bie er mit 
einer großen £reue (man fönnte fomifcher Sßeife fagen: ®e* 
miffenhaftigfeit) mit feinen prafttfehen Uebungen in einen §ax* 
monifchen (Sinflang ^u bringen oerfudjt f)at 

Um auch gebilbeten ö)riftlia^en grauen bie praftifchen (£nb-$iele 
beS ©^openhauerfchen (StoftemS nad^uweifen, ift biephilofophifdje 
Terminologie, baS Latein mit beutfdjen ©nbfilben (bisweilen auch 
fpöttifch ber phttofopfjifche Jargon ober baS fauberwälfeh ge* 
nannt) fo oiel als möglich oermieben werben, um eben bie 
Folgerungen bes (StoftemS in beutfajer (Sprache !lar funftetlen 
ju fönnen. @S ift entfdjteben, baß enragirte Verehrerinnen btefeS 
Seitweifen nur entweber burch ihr unpraftifdjeS Kenten, 
ober fchlimmer noch burch ihr praftifcheS geben sur Be^ 
wunberung ber fehr furiofen 3ttetaph»fif beSfelben fia? oerleiten 
laffen; benn fo fdjänblich, wie oon ihm ift baS weibliche 

n» 



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XII (nmcitung. 

i 

®efdjledjt nodj üon feinem ^In'lofopfjen befjanbelt morben. 
(Sr f>at ben grauen nad) feiner SBorfteüung unb feinem» 
SötUen bie ffmaajoollfte (Stellung in feinem Unmerfum an* 
genriefen. 

3ftöge nun btefe oorliegenbe ©djrift ben nidjt <5a>pen= 
fjaueriftf) angekauften tfefern gu einer in erfjeiternber ®eife 
abgefaßten Söeleljrung, b. f). $u einer ©infidjt in baS Söefen 
unb mefjr nod) in baS Unmefen ber (Sajopenfjauerff en SöefjauV 
tungen bienen, unb wenn jene &nf)änger (SdjopenfymerS, bie 
es füllen unb miffen, marum fie es finb, über uns er* 
Sürnt werben unb naa} ber Sßeife unb Öefjre ityreS §>errn unb 
3fteifterS uns redjt tüajtig kerunterffimpfen, fo finb mir ge* 
mofmt, in biefer %xt fidjer aufridjtigften Urteils fdjon bes= 
^alb eine 33efriebigung ju finben, meil mir barin ben SöemeiS 
erfeljen, baß mir auf naf biefer (Seite f)in unfern ßmecf 
erreift unb Don biefer ©eite fjer bie übliche Slnerfen* 
nung gefunben tyaben. 

Söten, ben 11. $uli 1889. 



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Äntffologic unb ^fiffoloflic 
. be8 Srittoeifett ©djovcnlwucr. 

1. Utir bte guten jFrennbe |«büöenljatters burdj IteröfffntHdjnng 
»an griffen beafelben iljreu SSIeifier orbentlirij bhimirt, Itrij falber 
aber bnrrfi oan tjjnen oatraebraajte, eklatante IHioerfarnaje 
als unfähige Kjerumbafnler an ber Penkmafötne ram= 

pramttttrt b«*ben. 

Die greimbe be3 2Be(rwetf en , bie ficb an benfelben tyxan* 
brängten, feine Sannen in ®ebulb ertrugen, feine Behauptungen 
al$ gebiegeneS (Mb hinnahmen unb u)m entweber gar nicht 
ober nur mit ber größten Schüchternheit ju miberfprechen wagten 
— haben nach feinem £obe oiele feiner Briefe unb totßerungen 
befannt gemalt, welche uns einen tiefen (StnMicf in ben (Sha* 
rafter Schopenhauers gewähren, uns aber auch pgleich Ambe 
geben, baß es biefen .^eranbrängern nur barum gu tfjun war, 
einige Strafen oon ber Sonne beS SBeltweifen aufzufangen 
unb fta) a(S OJconbe beSfelben um ifm unb feinen 9hu)m §erum* 
brefjen ju fönnen. 

9hm haben aber biefe im tfeben oor ihm in feiner ($egen= 
wart fefjr fd)üö)ternen unb iijw aubetenben Jreunbe — nach 
bem Xobe ihres §etligen iebe OTrffia^t bei Seite gefegt 
unb fid) gleichfam für ihre 3 uru ^ auim 9 oor bem (ebenben 
Seitweifen befahlt gemalt, inbem fie eine Spenge oon 33e* 
gebeulten, &uSfprüd)eu unb Briefen veröffentlichten, beren 33e* 
fanntmadjung Schopenhauer offenbar nicht gewännt, fonbern 
felbe fogar fitt} im oottften ©rnfte oerbeten bat. 

Schopenhauer fjflt fic3t) nach feinem eigenen 9(uSfpruch oor 
feiner Biographie gefürchtet unb(Mmbe gehabt, 3U wünfchen, 

Brunne* , faiffbloftle unb Wfftfoife. 1 



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2 St mffotogte unfc s #fiffologie 

baß eine foldje gar nidjt publicirt werbe. (£r fdjretbt in einem 
Briefe am 15. ^uit 1857 1 1 ) 

„Weine Sßiograpbie miß i<$ niefct treiben, noc^ -aet ^rieben 
miffen. $)ie Keine ©fis3e, bie icb bem (Srbmann auf löerlanaeit 
gemacht bie aud) grauenftäbt wiebergegebeu bat, unb ^wei äbnhdje 
tn SRetierS (£onoerfattDn§lerifon unb $terer§ Üteatterjfon in &ilb- 
burgbaufen genüjjt(ü). Stein ^ribatteben tuilt idj ntd&t 
ber feefen unb übelwollenben Neugier be§ $u&ti!um8 
$um heften geben/' 

Sföir werben fcf)en r tute gewif fenljaft feine „g-reunbe" btefen 
teftamentarifdjen 9(u3fprudj erfüllt fjaben. 

Jangen wir gleidj mit ben ^ublifatiouen ^Cf^ers an. £)tefer 
gute greunb fjat, trofcbem <§d)openl)auer felber ibm ben ©unfdj 
begüglicb Widjtoeröffentlidjung fetner Riograpfn'e brieflich mit* 
geteilt, e$ geraden gefimben, ©dirtftftütfe unb Xfyatfacben ju 
publiciren, beren $eröffentlidmng ©tfwpenfjauer nidjt gewünfdjt, 
ja beren Sßerbffentittfmng er gerabewegS gefürchtet bat. Der* 
felbtge 9(ff)er, ber fiefy im tfeben an (gdjopenljauer als beffen 
treuer jünger unb üßerefjrer angefdjmuggelt, ift offenbar burd> 
fein ®efd)äft3räfounement 311 bem ^ntfcfyluß gefommen, Briefe 
<Sdjopenf)auerS, weldje biefen nodj bagu läc^crltcfj mad)en unb 
compromitttren, bruefeu §u (äffen. 

£>er SBeltweife war tobt imb ber greunb bes Söeltweifen 
war am ßeben, unb nur ber tfebenbe bat ^Hect)t ! Sarum foÜ 
Ü)aoib Slffjer nidjt oeröffentlidjen bie (Sorrefponbeng mit <£djopen- 
fjauer, ba ja baS ^ublifum barauS gewafjr wirb, in welken 
intimen Regierungen $)aoib $u ©djopenfjauer geftanbeu ift. 
SBelcbe große ®f)re, ein J-reunb be3 SBeltweifen gewefen 51t fein; 
welche große Gcljre für £)aoib inSbefonbere, weil fjier ©djopen* 
Ijauer eine efjrenooüe 9ht3naf)me gemalt unb einen ©oljn $3rael$ 
als greunb gebulbet, er, ber im Slttgemeinen fi# immer über 
bie $uben fefjr unerquttflidj auSgefproajen f)at. 

Um aber 3U geigen, baß wir burdjaus nidjt parteiifdj ftnb, 
wenn wir berieten, wie $)aütb ftdj burdj feine '»ßubltfation Grl)re 
unb Honorar fyerauSgefdjlagen , muffen wir erwähnen, baß wir 
bie getauften ßfjriften, bie bemüBeltwetf en , ber im £eben ibr 
greiinb war, nadj bem £obe beSfelben mit ber gleiten SKütf* 



l ) Strt^ur <§djopenljauev. SfteueS oon tfjm unb ü&er ifnt. Won 
Dr. $aöto Hföer, «erttn, 35uncfcr 1871. 



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beS Scftrocijcu @cf>open6auer. 3 

fid^tslofigfeit auf feine Sßünfdje fjel)anbelt baben — 
für eben fo große, ja für nodj größere lieber* 
männer unb a<|tenswertf)ere greunbe fjatten, als biefen 
Tiaoib, ber f)inter bem ©arge feinet JreunbeS auf feiner .^arfc 
Birten gcfptctt fjat, — bafe, wie bas (Sprichwort fagt: fein 
greunb fid) f)ätt ? im ©arge umbrefjen mögen! 

Otto tftnbner f>at trofc aflebem aud) bie &nfid)t auSgef proben, , 
es folle über baS tfeben beS Sßt)Uofopr)cn möglirfjft wenig 
public irt werben; es fei burdjwegS bie (Sinftdjtnaljme in 
fein tfeben 511m 33erftänbnij3 feiner ^Uofopfjie niajt notfc 
wenbig. 

£)er gute §err fagt 1 ) ©. 46: 

„^ie ßebenSgefcbidjte erflärt bie eckten großen Söerfe nidjt 
unigefebrt Dielmebr werfen biefe letzteren erft üjr erbetlenbeS 
£tct)t auf ba§ erftere, unb ber in Sßesug auf ©ebopenbauer öou 
einigen neueften SHtftugen aufgehellte ©afc, als gäbe feine S3io- 
{jrapbte erft ben ©cblüffel ^u feiner $l)ilofopbie, ift gerabe fo richtig 
al§ wie ber ©afe, bafc ftcb auS ber 93ered)nung, wie biet 9tinb- 
ftcifdt) u. f. w. SÜcojart mäbrenb ber (Sompofttion beS 2)on 3uan 
aegeffen, wie biet Champagner er babd getarnten, bie Dualität 
feiner SDcufif ableiten laffe." 

iUnbner Witt mit biefem ®leia)nij3 feinen oon tfym für 
überaus bornirt gehaltenen liefern folgenbeS aufheften: 

Das ctr)tfcr)c ^ßrineip eines ^ilofopt)en ftebt in feinem 
#ufammenf)ang mit feinem etljifdjen tfeben, unb bar um barf 
baS £eben beS ^fjilofopfjen nidjt als ein ©djlüffel sunt ©rfennen 
feines ©öftemS angeben werben. Denn: bie (Sompofitionen 
UftosartS ftcr)cn in feinem 3ufammenf)ang mit bem föinbfletfa), 
baS er gegeffen, unb mit bem (^ampagner, ben er getrunfen 
fyat, uitb wie man fomtt bie (Sompofitionen atto^arts nid)t aus 
ben oon tfjm genoffenen ©peifen unb ®etränfen beurteilen barf, 
fo barf mau aud) bie etr)tfct)c gefjre bes ^Ijilofopfjen nidjt aus 
feinem etfjtfcfyen (ober unettn'fdjen) Öeben beurteilen; wie alfo 
eine ®egenwirfung oon 9cab, rung unb Üftufif nidjt beftebt, fo 
beftefjt aud) feine ©egenwirfuug 00m praftifdjen tfeben beS <Pbu> 
foptjen su feiner £l)eorte. 



*) 2trtr/ur @cr;openr)auer. 33oit U)m über tf?n. (Sin Sort ber $evs 
tr/ribiauug öon (Srnjr Otto SMnbner, unb 2Kcmorabmm au Julius ftrauett= 
ftäbt." Berlin, £atm 1863. 762 Seiten. 

i* 



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4 ÄTiiffotogtc unb ^ftffotogje 

$)iefe unoerbau licfjen Sörocfen efltgen, ungenießbaren 
unb unoerfchlingbaren UnfinnS rifchen biefe ©erren bem tfefer 
auf mit ber gumutfmng, er folle biefelben himmterioürgen, unb 
biefe £>erren motten beim Drdjefter ber peffimifrtfdjen unb 
nifuliftifdjen ^ß^itofop^ie bie Baßgeige fptelen! 

9hin ^at aber berfelbtge gute £err tftnbner baS, ma$ er 
<S. 46 gefdjrieben fyat, total oergeffen, beim im felbigen 
$uche ©. 125 (alfo 80 (Seiten fpäter) pfn'lofophirt er roie 
folgt : 

„Much mirb e$ nun leidhter fein, ben 3ufammenbang äiüifc^en 
ihm unb feiner $bilofopbie su überfchauen, letzter, eingeben, bafe 
feine (Etbif unb fein Öeben Durchaus nicht aroei toto coelo auSetn* 
anber lieaenbe $)ina,e geroefen finb; ber Srrtfjum in biefer ©e- 
.üefjung oeftebt ftetS barin, bofe bie ®eaner mit ber abfoluten 
5lffeie, mit ber üottftänbicjften Sßerneinung beS SßiHenS jum Sehen 
anfangen, bafe fte ftch fteflen, als hätte (Schopenhauer biefe üou 
irgenb Semanben verlangt, um ihm bann oorroerfen ju fönnen: 
er habe felber gerabe baS ®egentbeil baöon aetban." 

tiefer Vorwurf (aber mer batikt beim erhoben?) märe 
allerbtngS leicht abkehren, aber Sinbner fct)meigt fcfjlau über 
einen anberen wuchtigen SBorrourf, ber lautet: <Sa>penhauer3 
tfeben unb feine (Ethtf finb feine auSeinanberliegenben $>inge 
gemefen (baS finb eigene Sßorte SinberS, ganj entgegen feiner 
«ufftellung ©. 46), er h<* ficf> faftifd) fein at^eifttfe^cö <ßhtlo* 
fopfjem unb fein ©ittengefe^ nach feinem Ceben conftruirt — 
bas chriftliche (Stttengefefc fyat er für ein äftährchen gehalten. 

(£3 tft für jeben (Schriftfteller, befonberS für einen fyf)i\o* 
fophen, ein üftalbeur, ein fchledjteS ®ebächtni§ jU haben, <S. 25 
fagt £inbner nach einer längeren 53ertr)etbtgung Schopenhauers 
gegen bie Angriffe ®u^foroS: 

„SSiffenichaft aber als fokbe ift nicht (Sittenlehre, unb sroifchen 
bem Genfer (Schopenhauer unb bem Snbioibuum Schopenhauer 
fünnte unter Umftänben ein fo Qrofjer Unterfchieb ftattejefunben 
haben, als er gelegentlich ^milchen bem dichter ber Iphigenie 
unb bem Spanne ber SöulpiuS ungeatoeifelt beftanben." 

^luct) biefer Vergleich tft für einen ^|3r)i(ofopr)cn ein boppelt 
mißlungener (^enieftreich : benn bas SBerr)äItnig eines 
^hil^f^pben §u feiner fittlichen ^panblungSmetfe ift boch ein 
anbereS, als baS eines Richters ^u fetner Gattin! (£in foldjer 
$ergleid> roirb oon feiner philofophtfch ; biftorifch*mathematifchen 

■ 



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bc* gKeftwetfcn @d)opcnf)auer. 5 

(£laffe 2(nerfennung finben. $)ie 8e$w be£ ^fnlofopben unb 
fein £eben bietet für ba$ Öeben eines $)icr)ter$ mit einer grau, 
bie oon feiner $)ict)tfunft nidjte t>erftcf)t — burdjauS feinen 
<&runb au einem (SHeidjnig! $)ie 3(poftel be$ SBeltmetfen 
finb in (äleidjnif f en fer)r unglücf lief) , aber am ancrimglüdf^ 
Haften erfdjeinen biefelben it)rer Stellung $u (Schopenhauer 
nad) — benn fie finb ba in fämmtlidje möglichen gerumrfniffe 
geraden. 1. <5ie finb oft gegen iljren SDceifter. 2. (Streiten 
fie oft miteinauber. 3. ©inb fie oft, jeber mit fict) felbft in 
contrabiftorifetjem SBiberfpruc^. 

2. Pte ber IttcUnifilf bteflerbreHnng feiner Ji Iji In Tophi e feljr 
ftnnretdj als ein Ii mTid) greifen berfelben (gan? enibemiföj) 
befetdjnet, bie größte J : rcuof barüber an ben (Tag legt nnb 
feljr bffargt ift, üb fein jjljotaamplnrdK* JJarträt and; 
!« feiner ^nfriebettjjett ausfallen nrirb. 

£)a$ „Umfidjgreifen" fetner $r)ilofopbte ift it)tn nact) öfteren 
$leuf$erungen beSfelben fcfyr am ^er^en gelegen. 

9tadj $lft)er: ©djopcnljauer fdjreibt am 22. Dctober 1857: 

„Steine $bilofopl)ie greift um fiel). $rof. ®noobt in Söonn unb 
$ör6er in $8re3lau baben im ©ommer einige ©ottegia barü6er 
gelefen. Sßiele 93emd)e finb mir ben ©ommer über gefommen, bar= 
unter 2 Muffen au§ 9J?o8fau unb au§ Petersburg, 2 ©dforoeben, 
bereu einer au§ Upfala, ein föntglicrjer ©efanbrer unb 9tfeidj§graf, 
2 tarnen unb auerljanb. 51u§ ben Briefen unb auS ©efuerjen 
tjiel metjr atö au§ bem (SJebrncften — babon mirb mir mobl raunt 
t)ie Hälfte befannt — fann icb bie Sßerbrettuna meiner $bilofopbie 
beurteilen. JJm öorlefcten (lentralblatt ift Dann bie lefcre TOne 
aefprungen, bereu ftieibe angelegt mar üom 3orn be§ $rpfeffor§ 
xtfeifc über feinen abgeroiefenen iöenidb- 93aufc, nun bin t<5b tobt! 
$)ie guten ßeipatger Sföagifter miffen nierjr, bafcfie burd) folctjeS <&e* 
mäfd) ftd) felber fdjaben, — the ongineer blown up his own petard 
{©tjafefp.). Set) t)abe neulich mieber ben Söefud) eine§ ©friblerS ah- 
Äemicfen unb fjoffe, bafc er auet) Seinen graben mirb a la 2öet§: 
$er ®nall fommt mir *u gut, ber ©cbaben fällt auf fie. 9Ufo 
<Sourage, mein £err ©fribler!" 

25. gebruar 1858: 

„£>erjlid)en $>anf für Sbren (SHücrrountä unb 3§re 93orfeter 
meinet ©eburtStageS beim Dollen ®lafe, unb, ba§ ein (Strenge* 
Utenf audj nietjt nuSbleibt, bat&err SBiefife auf ^ßlauentjof, ber 93e* 
fi&er be§ OelporträtS, mir einen 2 Sufc botjen ftlbernen $o!al mit 
meinem tarnen unb einer erbabeuen ^nfdrjrift barauf überfanbt unb 



6 Jtniffologie unb «ßfiffotogtc 

ucrebrt. ©riefe Don Slpofteln 8 8tücf ftnb eingelaufen aud? au£ 
föarlem unb SBien. ©rofcer s Dceribian!" 

»Sefet sur ftauptfacrje: 33or circa 3 SSodjen fam ber ^iefiae 
s #fjotograpb W. mit einem Briefe ber Slluftrirten unb bat micp, 
tnf olge be§ Auftrags rtjm su fifcen. &abe e§ gctban. (£*r oerfprad), 
mir baSSöilb ju icgicfen jur vlnftcbt, fobalb c£ fertig märe. £>at 
ntc^t SSJort gehalten. 9lber 2. bat e§ gefeben, unähnlich unb febr 
frf)ledjt gefunben. böte, bafj bieler in ber $egel gar feine 
^Borträtä madjt, fonbern nur leblofe ©egenftänbe. Verbriefet mid), 
bem grofeen Publico en carricature oorgejeigt su merben. $)ie erften 
unb reputtrlicbften ^botograpben f)\tx (Sfranffurt) ftnb ©eib unb- 
©djä'ffer. SBenn (Sie machen formten, bafe bie ^ttuftrirte midj noch- 
mals, nä'mlicb Don (£inem biefer beiben, abnehmen liefee, mollte 
icb gerne nochmals ftfcen. (Beben (Sie ibr ^ ö f I i j u Oer* 
fteben, bafe fie in folcbem Salle nicf)t lumpig uni> 
fcbmufcig geijig fein möcbte." 

13. 2(pril 1858: 

„9eacbbem i<$ roufete, bafe bie oon Wl. gemachte ^ßbotograpbie 
nur eine unäbnlicbe, abfcbeulicbe fjrafce fei , bat idj (Sie, ben ßeuten 
ju fagen: id& motte lieber noct) einmal fifcen, menn fie einem ge= 
icfjicften $botograpben ben Auftrag geben rooHten. Wix ift burdp 
au§ nict)t barum *u tbun, in bem $t)ilifterblatt (Sttuftrirte&eitung) 
•jmifcben ©ifenbabnbireftoren unb äbnlidjem Söolf abporträtirt ju 
fteben. $)em babe idj (jefeffen, meil er fam unb mid) bat, 
unb icb ben SDfenfcgen nicbt m feinem betrieb binberlicb fein mottte. 
3um SDanf bafür bat er mir fein feftgegebene§ unb leidjt ju erfül= 
lenbe§ 93erfpredjen , mir ba§ Söttb erft sur s ilnfid)t ju fcbideiv 
fjebrodjen. (£r fott mir nicht mieber fommen. 9?ad)ber grauete 
idj, mid) ba at3 ftxab ber 2Öe(t oorgejeigt au merben." 

3. Hüte *frd)optn\jautv über $t$tl» „moröltfdje <£rbärmltrtjk*Ü", 
itdjclliiuii« ,,frhlcriiifö CSffdjrtib 1 ' l'rij impft unb auf bas (Brak bes 
knr? oürirer tjerßarkenen flebn IXUhn tint „$amtüle" nnb 
einen „krepirten Ijunb" nieberiegt. 

w Da§ $8udj oon &at)tn (ic»egel unb feine 3eit, ©erlin 1857> 
babe tcb ein paar <5tunben burc^blättert, über §egel§ moralifebe @r- 
bärmlicbfeit unb ©ctjetting§ fcblec^teg ©efebretb tttdtjt ofme ^ßtaifir 
gelefen. 5lber auf bie miefe betreffenbc ©tette bin icb nidbt geftofeen; 
mill feben, e§ noc^ mal dorn ©ud)bänbler ju erbatten. 1 ) Öeiber 



>) 2)ic (Stelle ift in Der Einleitung <§. 4: ,,^t erft t}ören «iete 
3um erften SWate »on ber ©tt)openf)auerfdjen ^Htofopr;ie, gelingt eö ben 
9lpofteln biefes ©ofteins (eö würben üorfjer noa) ©aber unb #raufe ae* 
nannt), fia> in weiteren Greifen ber Nation ©e^br ju wrfc^affen ? ^|ft 
5lu^fi(t)t öorl)anben, bafj ein* biefer ©rjfteme bie £errfd>aft über bie 



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be§ Seltiüdfen ®<bopenbauer. 7 

erfahre icb nic^t bie Hälfte bon bem, ma£ ü6er micb (jeubrieben 
wirb. $)a ift eben oon einem biefigen Pfaffen, fatboltfcb, SBeba 
2ßeber, ein bicfeS 93ud>, SartonS :c. erfduenen, worin er auf 
10©eiten miß bunbeicblecbt maßt; tbut nicfctS, obliaateS Pfaffen* 
gebett gegen $f)ilofopben , aber ber (unb) fefct mit (Sänfefüfcen 
Stellen bin, bie idb nie gefd&rieben. $lucb meinen föunb bringt 
er an. 3)ie ®. (anaitte) tft aber frepirt (oerftebt fidb ber $faff), 
ebe ba§ $8u<b crfcf)ten." 

$luf btcfen 2But()au3brucb pfyilofopfyifßer g-legelljafrigfeit wirb 
es nidjt ofjne ^ntereffe fein 311 oerneljmen, ma3 unb wie $3eba 
&*eber über ©djopenljauerS ^büofopfjie gefdjrteben. (®ief)e 
$eba ©efcer« Hartem ©. 303—307.) 

„©cboiienbauer ift fein ®efcer, er ftebt feine (Glaubens** 
lebre ber (Triften an; er bat biefelben als Ungläubige längft über- 
wunden unb binter fieb gelaffen. SBenn er fieb beffenungeaebtet 
ber ubereinftimmung mit bem älteren ©briftentbum xübmt, fo 
müfete ba§ leitete eine$irdje für(£retin§ fein; ba8 üermögen wir 
nißt anjuerfennen. Ob er Wirfltd) ber SÖcann ber 3ufunft ift, 
wie er befdjeibentlidj bofft unb propbeaett, ob eg ibm gelingen 
werbe, allen Religionen ben ®arau§ *u macben, unb bie bitterfte 
©eifteSarmutb feiner SßiltenStbeorie alä einzig gültige SSabrbeit in 
bie entgeiftiate SBelt ju fefcen; ob alle üemünftige SKenfdjen, bie 
nidbt mit iqm übereinä benfen, wirft icb „©cgurfen, 93 rot- 
jäger unb föeucb ler" finb, wie er mit ed)t mornlifeber €>elbft= 
oerläugnung bebauptet, müffen wir nacb [einem Söeifpiele unb mit 
berfelben pbiloiopbifcben SReftgnation ber 9cacbwelt überlaffen. 
2Benn er fieb nebenbei rübmt, bafe er mit ber Sebre ber 93ubbbiften 
in Snbien übereinftimme, fo fönnen Wir biefen berwunberfamen 
Bufammenbang nur al£ SBemeiä binnebmen, wie wenig Stlarbeit 
in köpfen berrfebt, weldje obne cbriftlicbc 23afi§ ber $)enffroft 
menfdjlicber Sßejen baS Unoereinbarfte aß naturgemäß anpfinnen 
wagen." 

Sfoin, biefer bod) webcrrofje noa) brutale $affu3 fjat 
<Sa>penf)auer3 immer oorrätbige unb fefyr leidet erregbare £>au3* 
fnedrttermmologie in oollen glug gebraut. 

Scbopenfyauer fäfyrt im obigen Briefe fort: 

„G£ine ftataftropbe, beftebenb im $riumpb ber ©oetbeieben gar- 
benlebre nebft meiner, fommt aUmäblig beran. $n Berlin ift, 

^iu>ungs= unb 2)ento>eife beS 3eita(ter3 erringen »erbe? 2Me Söajjrbett ift ~ 
gerabe biete« Slufftreben, biefeS fief) 9tuf= unb ©nbringen ber Dii minorum 
gentium ift ber SBeroeiS bafür — , bie 3Babrr)ctt ift, bafe fid? ba3 SRetrf) 
ber ^bilofopbic in einem 3uftanbe »ottfornmener ^errenloftgfeit, int 3nftanbe 
ber Slufföfung unb 3<mittung befinbet." 



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8 Äniffotogic um> ^ftffologie 

bie Sacfce in ber s #ott)tecbnifcben ®efettfcbaft $ur münMicben $>e= 
battc gekommen. SBorlefung bon Dr. SBolf pro Newtone, bon 
Dr. (grübelt bagegen unb für ®oetbe; lefctere ift gebrucft: (Sbaraf* 
teriftif ber 9cemtonicben ^arbentbeorie. (Grübelt mar füraticb t)ter 
unb fommt nocbmatS l)er. <Sobann ein biefiger Dr. (£temen£ bat 
im 2lrd)to für pl)tfofop6ifcfte §eiltunbe einen langen $trtifet pub= 
ücirt über garbcnblinbbeit, worin er fidb ganj au meiner Xbeorie 
unb für ÖJoetbe 6efennt. 'Die ®oetbe*2atrie ift eben in böcbfter 
Kulmination. SKan wirb bie Elften rebibiren, unb bann vae victis! 
Söefucbt baben mid) fürstieb ein Dottor au$ SBien unb bann ein 
proteftantifcber ^rebiger au$ 9Mo8fair. <§ie feben, bie (rpibcmie 
greift um ficfe." 

2. gult 1858 ©. 20: 

„©in SUcenfcb, ber fcfcon in jungen Saferen fäfng ift r um ein 
Strmfgetb bon ber gacultät ficb basu herzugeben, einen auf Safer* 
bunberte beredjneten^racbtbau, wie meine s #bifofopbie 
ift, mit Äotb bewerfen ju wollen, berbient in feiner Ölöie 
baraeftedt &u werben." „4>ie gacultät irrt ftd), bermeinenb, 
folcfje kniffe werben ungenftnbet bmgeben. üKeine ^büofopbie 
berbrettet ficb unaufbaltfam unb bie s 2fften werben nocfe öfter bor* 
genommen unb rebibiert Werben. <So lange e§ mit bämifcbem 
Schweigen unb feigem Sftaulbalten getban war, waren bie foerren 
in it)rer forco; aber jefct, wo e§ an'3 Sefämpfen gebt, wirb ibre 
Schwäche unb elenbe vlbftcbt &vl Xage fommen. Stubenten auf 
mich befeen, fie *u Siebtem über mich beftetlen — fcfeöne Littel! 
©ie arbeiten für, nicht geaen mich. — ^a bat wieber ein 
93rofeffor 3immermann au§ mag eine biete ®efcbicbte ber^leftbetif 
gefebrieben, worin er meine 90?etapbt)ftf be§ Schönen auf 20 (Seiten 
nacb Straften beruntermaebt. SBirft atte§ für mieb. 2öie Sammer 
ift, bafe icb niebt bie&olfte erfahre bon bem, worüber mieb gefebrieben 
wirb; baber bitte icb "Sie, mir ftet§ mitautfeeilen, Wa§ borfommt!" 

4. #!ie ber pteltiuetfe bas ÖTbrtfhntbum ?« ue mieten fhrebt unb 
feine Jlbilofophie rinen auf Jlabrbunberte beredjneten 

pvnrtitbnu nennt. 

^cooember 1858 S. 29. Schopenhauer fud)t alle iöe= 
ftrebungen gegen ba$ pofitioe ©hrtftenthum mit (£ifer 31t 
förbern, um ben „"»Prachtbau fetner Sßr) 1 1 0 f op t) tc" je eher 
befto beffer an bie (Steife beSfelben in $Üleinfjerrfdjaft fefeen 
311 fönnen. 

„Sn $£nglanb gibt e8 eine grofje anttd)riftlidje Partei, ber 
mit einer Uberfe&ung be§ (£brtftenbucb§ (bes 9ceuen $eftament$ 
nacb ben SRefultaten ber Sübinger Schule bon Dr. (Siemen^) ge- 
bieut fein würbe. 'Dort bat bie Geologie ba£ TOe Xeftament 



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be$ Selttoetjen ©cbopcnbauer. 9 

biScrebittrt, unb jene$ 93ucb tonnte über ba£ 9teue $eftament nuf= 
Wären." 

(Sdjopenfjauer berebet formt feinen gfteunb (ben Quben Daoib 
fcföer) er fofle — riefe* „cfiriftlidje" ©er! für t^n anhüben. 

3. Januar 1859 ©. 25: 

„28enn <8ie für micb ein (Somplar ber SQuftrirten erbolten 
fönnen, nnb mir e3 Riefen motten, mirb e§ mir febr lieb fein, 
icb babe e § bloS auf bem (Eafino gefeben unb gelefen. $er §rafe 
ift fcbänblicb unb mir febr unäbnliä). $ie biefe Wafe ift SBirfung 
ber au grofeen 9?äbe ber ^nfebine, bie klugen fdnelia, ba§ 3Jiau( 
infam, folge ber $mcferei biefer®erl§ — melcbe mobltguen mürben, 
ein gutes 35i(b al$ Supplement nacfouliefern. 3)a§ $ing fott 
6000 Abonnenten = 30000 Gaffern baben. 9#itber53iograpbic 
• Pon grauenftäbt bin icb febr aufrieben." 1 ) 

„Srte Anregungen mit 33üd)ner3 Auffafe babe i<fc. (£§ tt)or 
öoräufeben, mie fo ein 93 — — über meine ^Bbitofopbie urtbeilen 
mürbe. S8on 9?etb befeelt, mill er micb berabfefcen, aber tniber 
Söillen läuft ibm biSme tlen bie &erounberung über3 
$81 att. Aber fcböne§ 3eug ^ p . 4 v üp e r ben SBiüen mären 
am meiften competent bie — ^bpfiologen, scilicet bie Pon aufeen 
an ben Sftenfcben fommenben, bie niebt triff en, ma§ brinnen Por* 
gebt! lieber bie Sßirfung ber ©Ipftiere mögen fte competent fein. 
(Segen meinen tran§cenbentalen SbcaltSmuS beruft er ftcb auf 

meine tjjabd Pon ber 5ri§ unb (Sonne, $ft ba§ ein ®dj ! 

2)a*u lugt ber $ert; mo bobe icb je gefagt, bafj über 60 ober 100 
3abre meine ^bilofopbie berrfeben mürbe? 2 ) 9?irgenb3, er lüqt'2. 
Scbabet mir übrigen^ atteö ntcbtS. ©0 bumm ift ba£ ^ublifum 
niebt; Pielmebr bat Voltaire ^edjt: ces gens servent a repandre 
votre renommec. (£u brobt aber mit mehreren gortfetiungen im 
näcbften &eft." 

5. jfrenfce ^djapenbmters über feine gelungene 0ü(!e. jMjimuft 

über ilolVnhnuu nnb Baak. 

10. Wooember 1859 ©. 31: 

„$ie ©ilbbauerin 9*ep (öJrofenicbte be§ äRaricbaCß) ift au3 
Berlin bergefommen, meine 99üfte *u macben. 3)iefe ift foeben 
Pollenbet unb au£geftellt. Atte finben fte unübertrefflieb unb äbnlid). 
SJa.ju febön gearbeitet. (Sin 93ilbbauer ift jcblimm baran, er fann 
mie ber $uprerfted)er fein 2öert 1000 mal mieberbolen , allein er 
bat niebt mie biefer einen Sßerleger, ber e3 anzeigt, ionbem mufe bie 
Hoffnung auf bie ^ournaliftenftellen. 3)aber babe icb ben Dr. 93rocf- 



») 2)er bat natürltd) ben ©djopenbauer aud? gang gehörig gtoriftctrt- 
3 »m 2. %u\i 1858 bat ©djopenbauer feine ^'bilofopfite einen 
auf Safjrbunbcrtc beregneten „<Pracbtbau" ejenannt. 



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10 Äniffologie unb ^fiffologte 

bau8 gebeten, wenn bie Söüfte in Seidig ficb geaetQt baben roirb, 
einen Slrtirel Darüber in ben literartfcien blättern au machen. 
G£benfo nun bitte icb ©ie, ber ©ie mit manchen Journalen in 
Sßerbtnbung fteben (SMorgenblatt), ein gleidje§ äutfjmt, au ® u nften 
ber ®ünftlerin. r>o, thero's a good fellow." 

Ob es ifjm ber feine Xkunb glaubte, baß es Unit, 
bem ©cbopenfjauer, rein nur um biefe gute ftünftlertn ju 
tfyun gemefen? (Sin §ö$mf$e£ Väc^eln mag ben Ottunb biefe3 
^djopenfjauerfcfyen £obpfalmenfänger$ nmfpielt fjaben! 

10. 9cooember 1859 @. 33: 

„föofenfrana im 2. 93anbc feiner logifcben Urbäb (SBiffenicbait 
ber logifeben Sbce) maebt mieb fcblecbt unb roiberlegt mid), bafe 
c3 eine greube ift. 9?oaf im 2. 53attbe über ©cbetling belcbrt un$, 
bafj ict> ällleS oon ftiebte unb ©Petting geftoblen babe. ©arrieic 
lä%t nur nebeuber ein paar SBorte über mieb fallen. Sie boffeu 
mtdj au ®rabc getragen p baben; folleii ftcfj üermunbern. 

2>en Stcufcl nterft ba* $ölf$en niebt, 
Unb toemt er fic beim fragen bättc." 

16. 3fum 1860 ©. 35. Daoib ?lfr)cr f)atte $m „©timmeu ber 
Qeit* oon ür. l'ümenftein (eine $rtrtf ber ©djopenfjauerferjen 
v }M)tlofopf)ie) mitgetbeilt — barauf fct)retbt ©cfyopenbauer : 

„fielen 2)anf für 5$ re 9totia, bie bttrcbau§ niebt überffüffig 
mar, ba icb nid)t§ oon foleber Stritif rottfste. 5lber e3 ift bie fcb(ed)- 
tefte, bie nod) gefebmiert morben. 2>a§ ift ja ein @fel aller (Sfel. 
Sdjaben fann mir bieg 3eua burcbauS nid)t, üielmebr wirft e£ 
günfttg. 3cb nebme „jene ©timmen ber geit" , melcbe beifcen 
tollten: „©timtuen ber ©fei", febon längft nidjtmebr in bieftanb. 

Steine ^öüfte läfet ftcb noeb immer niebt feben unb c§ ferjeinr, 
bafj bie 9?ett noct) ie§t bamit in ftaunooer fifct, roofelbft Wiemanb 
int ©taube fein fou, fie abaugiefjen. ©tatt beffen bat fte mir eine 
s 43botoarapbic gefebieft, fie Telbft neben meiner 33üfte ftebenb, 
febr artig!" 

Der leftte <8rtef an Slfoer ift oom 18. Sluguft 1860: 

„Der Söricf be£ $rufe folgt einliegenb aurücf, mit aufriebtigetn 
Danf, ba er mir mitgefanbt mar; icb fer)e gerne ein roenig bintcr 
bie (Souliffen. $)er vru^ ift ein ©rapbüifter, — ba3 babe tcb bar* 
ou3 abgenommen. $ieie Sournaüften lefen nicbt§, aber burcb ; 
blättern alles." 

6. fffilrlt, tut* ein $tvt in göbmrn fein #ilb üU* STuje neu 

„3n 93öbmen ift ein &err, ber nacb eigener 3leufeerung mein 
$ilbnt6 aüe 5:age frifcb befranst. <£>ie (Stbif ift fertig, 



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fce* SSMttürifen ©djopenfmutr. 11 



wirb nocf) bieten SKonat erfdjeinen. 33rodf&auS bat Auftrag, 3tönen 
ein (Syemplar juAufietten. 3)ie SBüfte ber 9teti ift enblid) orfc-mmen ; 
Tic wirb in ^Berlin in ber Qtofcen SluSftettung, nätfiftenS para* 
biren. $)eSflleid)en in SSien, aucb in Seidig. $)ie y?eo menbet 
ftd) be8f)alb felbft an SörotffjauS. SBenn <2>te ©eleßen&eit baben, 
bitte id& etwas mit au ftftuliren , beionberS mir aber ja alles ju 
melben, Wa3 ^bnen öorfommt; on tho subject of your old well 
wisher 5Irtfmr Sdjopenbauer." 

(Das mar ber fe%te 53rief ; am 21. Oeptember 1860 
ftarb ©djopenfjauer. Dr. (Dae-ib Slfber erbielt als Slnbenfen 
ein (Eremplar ber neuen Auflage ber (£tbtf, unb laut (Eobicill 
Dom 4. jebruar 1859 ©dwpenfjauers golbcne Frille mit 
$3ronaefutteral. 

$lls 5(ft)er btefeS wertbeoüe ®efcbcnf erhielt, mag er fia> 
etwas unwillig gebaut traben: 

2öas tfrt' icf) bamttV 

(Die Seit als 33orftellung unb SBille, 

Die bab' ia? gelebt gar fefjr, 

9hm fommt mit ber golbenen Frille 

3tttr fein Xeftament überquer. 

53el)anbelt fjat er mid) fdjofel, 

Unb fein ganzes ©pftem ift ^ofel. 

Qd) ba&' ben ®op berühmt gemalt, 

Unb er fjat mta) mit ©laSfdjerben bebaut! 

3lbcr icb werb' mid) bitter rädien 

Unb eerhinben alle feine ©djwääjen. - 

93on fetner (£tfH'f ein neues (Syemplar! 

3BaS wirb mir geben bafiir ber Antiquar? 

3BaS tfni ta? mit biefem ganzen Sdunu 

Wlit feiner (£tf)tf unb mit feiner Frille bajuV 

9(ua) ol)ne Frille foll nun bie 2öclt eS lefeu, 

2ßie miferabel bie (£tf)tf biefeS gewefen! 

(Dajj biefe ^fjantafien ntdjt aus ber 8ttft gegriffen fiub, 
bezeugt mofyl Slffjer felber, inbem er fid) bejugS ber Veraus- 
gabe feiner ©djrift über ©dwpenfyauer $u entfdjulbigen fudjt. 

.§err (Daeib fagt ju feiner (£ntfdmlbigung, baft er biefe 
Briefe eeröffentltdu, in einer üBorbemerfung golgenbeS: 

„Sollte man finben, bafj eS ©dwpenljauer babei bloS um bie 
iöefriebiflunfl feiner (Eitelfeit su tbun war, bafj fte Doli finb oon 



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12 



Ämffologte unb ^flffotogie 



Scbmäbungen anberer unb bom Sobe feiner felbft, unb er bie ©itte, 
tont nur ja atle§, roa§ über ifm gefcbrieben, mitautbeilen, mit ber 
(Stetigfeit eine§ SRefrainS in ttmen roieberbolt, fo ift ba§ nicbt 
meine (Scbulb. 2Bag mieb betrifft, fo füble icb mieb bocbgeebrt 
burdj ben brieflieben ©crfebr mit ibm, unb babe biefe ©riefe ftet£ 
al§ meinen böcbften ©dmfe, al§ roärmenbe unb erbeiternbe ©on= 
nenftrablen, bie in ein Don ferneren ^rüfunaen beimgefucbteä Seben 
fielen, betradjtet. $)ocb rooau e§ berbeblen? (Srft bte ®roinnerfcbe 
ÜBiograpbie, jumol aber bie bon Orauenftäbt beröffentltcbten ©riefe 
baben mieb enttäufcbt, unb mir bie traurige Sebre beigebracht, 
bafe bei (Beb openbauer ber SWenfcb bon oer genialen 
^bilofopbie getrennt roerben muffe, hiermit foU nicbt 
et loa bie neuerbingS mit fo arofeem ©cbarffinn unb in fo glatt* 
*enber $>arfteflung aufgehellte ©ebauptung beftritten merben, bafj 
ba§ @t)ftem ber SluSflufe feiner (Subjectibität gemefen, roobl aber 
mirb man nicbt leugnen fönnen, bafj ber etbifdje $beil 
beffelben mit be§ UrbeberS £>anb(ung£toeife nur 
menig im (Sinflange ftebt." 



7. iirijoiimhünfr in feinen griffen jjefdjtmpft Ijnt, bofi es 

aar nid] t in fajjen ift, nnb tote ber kleine JDaoib H Ujt v mit großer 
(SfnttfTtttljofttgkett bte £obfprtt(be publtnrt, bie er bem %Vi itmt i h n 
bnröj feine tnit orientolifdjer Jlbontofie aeumr?ten nnb bem 
Jfröjooenbaner ono,etbonen SMroteidjeleien b*ransaequetfdjt bat. 

„2Ba§ bie etma au befürcbtenbe ^ränfuna, bieler in benfelben 

genannten ^ßerfönltcbfeiten betrifft, fo bat mtcb in biefem fünfte 
ag bon Sinbner unb f^rauenftäbt ©eröffentlicbte jeber ©ebenk 
liebfeit überboben, ba biefelben unb ä'bnltcbe Snbeftiben febon in 
©riefen an biefe Herren borfommen. $5ie ©ettjeiligten roerben fieb 
unter ben Umftänben aueb leiebt au tröften roiffen. 2öa§ gerabeau 
injuriö£ mar, mufete natürlicb roegfallen". 1 ) 

„©erne bätte icb aueb bie mieb betreffenben (Steden roeggelaffen, 
um nicbt ben ©orrourf ber (Eitelfeit auf. mieb a» laben; ba icb 
aber ttfben" bem mir gefpenbeten £ob aueb ben Säbel nicbt oorent* 
balten babe, fo gleidjt e§ ftd) ja roieber au§. UebrigenS febeut 
f icb ia Sftiemanb, bie ibm bon einem Surften geworbene 
2lu§aeicbnung aur (Bebau 31t tragen, unb roenn icb nur 
einen fleinen £beil be§ auroeilen überfebroenglicben 
2obe£ berbient babe, roer fönnte e§ mir berargen, 
roenn icb ntieb bamitmie mit einemboneinemÖJeifte^ 
fürften berliebenen Orben fcbmütftc?" 



>) Sllfo b«t @a)open^aucr nod> »tet braftifc^cr gefebimpft, fo baö „e$ 
gar tii*t ju jagen ift"!! 



beö SBtltoeifen ©$openf?auer. 



13 



8. $öte in j&djüptnhantta griffen ba* ^ittsca fetner 0im?en 

Jütttenleljre rattjhiitrt ifi. 

Obwohl noch 9ttemanb bcn Dr. Daotb Slfher um bas 
Vob in ben ©riefen Schopenhauers beueibet ijat, fe%t er 
boef) oorauS, baß es £eute geben fonnte, bte ihm oerargen, bie 
©riefe (Schopenhauers (bte ihm trtc ber Orben eines ®etfteS* 
fürften merth finb) herausgegeben $u ^aben. §lm unltebften 
würbe biefe Verausgabe fiajer bem Schopenhauer f elber 
gewefen fein, benn biefe ©riefe allein fdjon finb baS fläglichfte 
JiaSfo feiner (Sthif. (Sin üftann, ber alle Wkfophen atö 
(Sfel behanbelte, bte nufjt mit ihm burch £)icf unb $>ünn gingen, 
ber fonnte eben nur beuten l)o!b fein, bie benntubernb oor ihm 
auf bem ©oben lagen. ®eifteSf ürften btefer Slrt brausen 
(&eifteSlafaien, fie werben nur bienftbare ®eifter in ihrer 
kläfft bulben unb mit einigen Strahlen ihrer ®nabeu= 
fonne beglüefen; wer nun barau eine Jreube hat, bem foll 
man biefelbige nicht oerfümmeru. 

9« Hüte ber htarttmiug nerffljhnnfte $tba itfeber ben «frdjapen* 
(jauer feljr nadjltrljtiö aefrijilbert Ijnt. 

Sir haben oernommen, wie Schopenhauer mit ©c^impf- 
Worten, bie man gewöhnlich nur unter angewetterten Schnaps* 
brübern oernehmen fann, ben ©eba Söeber traftirt. 

55a wirb es nun gu einem fönbftcf in bie (^^araftcriftif 
Schopenhauers unb ©eba SeberS fehr geeignet fein, wenn wir 
oernehmen, wie ©eba Söeber über bie ^erfönüchfeit 
Schopenhauers in jenem Sfaffafc, ber Schopenhauer fo in Qoxn 
oerfe^te, gefprodjen hat. 1 ) 

„8u unterem gerechten ßeibwefen müffen wir hier einen Wann 
als ©emeiS unferer ©ehauptung anführen, welcher in feinem $rü 
üatleben bie 2ld)tuna auer ©utgefinnten uerbient, aber, auf eigen* 
thümtich philofophücfjem Söege, räfonnirenb unb combintrenb, in 
fdjeinbarer Uebereinftimmung ber 9?atnrmiffenfcf)aft mit ber $hi= • 
lofopbie, äum nämlichen 9Multnte wie ®arl ©ogt gelangt : bafe eS 
nämlich feinen perfönlichen ©Ott, feine perfönlic§e Freiheit unb 
für baS 3 n biötbuum feine perfönliche ^ortbauer nach bem $obe 
gibt, tiefer 9ftann hei&t Slrtfmr Sdjopen&auer, fe§baft;w Sranf* 



») (SartonS aus bem beutfe^en Äirrf>entcbcu uem >8eba JBeber, aftainj, 
äirc^eim 1858. @. 305. 



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14 tntffotogic unb $fiffologte 

furt am 9)catn, rooljlroollenb unb menfcbenfreunblicb gefinnt, roenn 
aucb einfteblcrifd^er 9catur, mit geringer TOcfftcbt auf bie Sßerfjält* 
niffe ber iqn umgebenben 2Belt. >Jcacü ben Seljren unb StoSfagen 
feinet SöudjeS „lieber ben SSitten in ber Statur" ift er eingeftan- 
bener 3Jca&en nichts anberS, al§ bie fronenbafte 2lu§bilbung be§ 
$aume$, it>elct)er einft in Immanuel ®ant su Königsberg feine 
s $uneIfproffen abtrieben bat. ®ant unb Scbopenbauer finb etu§, 
roie ©ute§ unb $3üfe3 bei ^laton, an ben Scbroänaen bergeftalt in 
einanber geroadjfen, bafe an eine Trennung beiber nidtjt ju benfen 
ift." „2lu3 biefem abenteuerlichen ^oppelgeifte, in welchem bieSSeiS; 
beit uon üftorb* unb Subbeutfct)lanb mit ecbt bentfcbem @inf)eit§triebe 
incarnirt erfdjeint, giebt e§, roenn roirSef)openbauer§^ortnatürlicb 
nebmen, gar feinen öernünftigen 9Jcenfcpen auf drben, falls er 
nicbt in ben Scfcroan^ biefer Doppelgeftalt bemütbig unb anbäng- 
lidj beifeen mild. Die SBefdjeibenbett unb SBoblgeaogenbeit ber 
boppclroücbftgen 2Beltroei§beit, meiere atte 5lnber3bentenben für 
Dummkopfe anftebt, bat in ber $bat einen luftigen Anflug an 
SbafeSpeareS Öebientenroelt, roelcbe nad) ibrer^rt fo leicht über 
atte ® renken be§ 2lnftanbe$ fjinauMpringt. 9cad) Scbopenbauer 
beftebt nur ein föealeS, ba§ föealfte aUe§ Realen: ber Söiüc 
sum&eben, melier ba§ Kanttfdje „Ding anfiel", oberbaS roabr= 
baft Seienbe ift. tiefer SBitte allein geftaltet bie SSelt, ober 
beffer gefagt bie (Srfdjeinungen biefer SBelt, roelcfce nur ba§ Siebt- 
barroerben biefeS 2Bitten§ fmb. (£ine (Sinaelerfcbeinung beSfelben 
ift ba§ (SJelnrn, in roelcbem fid) ba§ (£rfennen auSbilbet, etroaS 
ganj 23erfd)iebene§ bon bem Söitten, roelcfcer bon ibm audj ganj 
unabhängig. SDtefe roitlenbafte Urfraft ift allein frei, roeil au§ 
ftdj felbft tbätig unb roirffam, unfrei bagegen finb alle äußeren 
terfebeinungen, To mit au d&alle&anblungen ber 9Jcenfdjen. 
Diefer S<$öpferroiße geigt fidj im Stein al§ llrfacbe, in ber ^flange 
al§ unbewußte Kraft, im $bter al§ balbberoufeter $rieb, imSJcen- 
fdjen al§ beroufeteS Sein unb SSotten. ($$ ift atlentbalben baäfelbe, 

Sleid) gut, überall ba§ Ding an fid), roeldje§ allein SBefenbeit 
at. Der Stein fällt nicbt, roeil er geroorfen roirb, fonbem roeil 
er miß. Der SBurf ift nur Sßeranlaffung jur üöetbätigung feines 
SBittenS, ber überbolle ^öaef) fdjäumt über, nidbt roeil er ju öiel 
Söaffer bat, fonbem roeil er roill. Der 93ocf befommt bie Börner 
nidjt, meil fte im ®eime feinet 2Befen§ liegen, fonbem weil er 
burd) fein beftimmteS SBollen biefelben an§ Siebt treibt. Der9Jcenfcb 
befommt feine ©eftaltnic^t nadj feiner Oon aufeen in itjn gelegten 
fe^öpferife^en Anlage, fonbem metl unb rote er roill. Sogar ba§ 
33erou§tfem beginnt fe^on im Stein aß Urfacbe, im $bier al§ 
iReiä, im SQfienfc^en tbeilroeife al§ ©rfenntnife. 2Sa§ in bem einen 
roenig, ba§ ift in bem anbern mefjr auöcjebübet, aber ftet£ im Ein- 
fang, äftittel unb @nbe be§ urfprünglicben SBittenS jum Seben, 
obne ben e§ nie^t§ 2öirfliel)e§ gibt. Sine Schöpfung üon aufeen 
ift oon bomfjerein Ünftnit, toelcber ba^ klappern ber 9Jeül)le für 
ireibfraft nimmt. Diefer metapböfifebe Urgrunb, ber SSiüe sunt 
Seben, ift bie Cuelle aller (Stint unb SJcoral, roeil er au§ ftcb felbft 



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b<S 2öettmetfeu (gdjopeubauer. 



15 



wirft. (Sine greibeit, bie nicht auS fich felbft ift, roiberftreitet allen fitt= 
liehen ftorberungen. 3)aber f önnte etroaS don aufcen (Ste)chaffeneS nicht 
etfjifch unb moralifch fein, weil eS oon einem höheren abhängig ift" — 
„2tuS biefem armfeligen 3euae ift baS ganje Sud) geflicft. 
Sßogt entfleibet als aufrichtiger (sottet unb SbriftuSläugner bie 
5Jcaterie aHeS bö&eten <ScbmuifeS unb erfennt fie allein als ^eienbe» 
an , (Schopenhauer fpricht bem SDcaterieHen alles SBefenbafte ab 
unb oergöttert eine Öbee, welche feltiamer SSeife an bie Materie 
gebunben ift unb allein mefenbaft im 2JcaterieHen. SEBie SSogte 
äJcaterie fich felbft erfdjafft, fo erzeugt fich (Schopenhauers SBttle 
jum ßeben ewig auS fich felbft. 59eioe Männer in gatu entgegen- 
gefefcten ©tanbpunften begegnen fich im gemeinsamen N JOcittelpunfte 
be§ gröbften Materialismus unb oerfchwenben aßen (Seift, ber 
ihnen offenbar in reifem 5)((ifec einwohnt, um ben freu 
t^ättQen (Seift im 9Jcenfchen $u tobten unb bie unerbittliche Stoib* 
toenbigfeit als einzig Reales an beffen ©teile *u fefcen." 

10. Jllud) fogarMt nun &tbn Itttber über »trijopr nbaurr uadtatranten 
n nid um $ dt ö u ij e 1 1 e n {jaben firij midj § dt 0 u cu h au er 9 9Tob 
als uidit in a Ii r lj r r n u s n f Ii f U 1. 

9S3ir feben, bap s £eba 3Beber in feinem Urtheil über 
(Schopenhauer Schönheiten fagte, bie fich nach bem Xobc 
(Schopenhauers aus ben Biographien ®wtnnerS unb 
J tauen ftäbts wie aus ben Briefen Schopenhauers als gar 
nicht wafjt herauSftellten, benn über fein ^rioatleben fagt 
ja (Schopenhauer felber: „SRein ^rtoatleben null ich nicht ber 
falten unb Übelwollenben beugter beS ^3ubltfumS preisgeben." 
$8eba$Öeber nennt it)n auch uod): wohtwollenb unb menfchen= 
fr eun blich geftnnt, ein (Kompliment auf (Schopenhauer, welches 
(ich nach ben 31 f tenftücf en post mortem als fomifch heraus^ 
gefteflt hat. 2?ef)anbelt er bod) bie gange Üttenfchbeit als bipedes 
mit einer fo unfäglichen Verachtung, wie folebe im Gebert 
ber aufgeblähteften , ^offärtigften genfer unb (belehrten noch 
nie ruchbar geworben ift. Unb für biefe unoerb tente 
(Sharafterbelobmta, belohnt ber lebenbe (Schopenhauer ben 
eben oerftorbenen 33eba 3Öeber mit ben Sorten: CD i e Canaille 
ift aber frepirt (oerftefjt fich ber *}$faff unb nicht ber 
§>unb), fo oergilt ber menf djenfreunblidje unb wof)l ; 
wollenb cjeftnnte (Schopenhauer bas milbe Urtheil SöeberS 
über feine ^r)tIofopr)ic. (Schopenhauer h a * bamü einen neuen 
SßeweiS geliefert, wie weit eS par fbrce-($otteSläugner bringen ; 
fie bünfen fich felber ein (#ott, unb webe jebem armen 



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16 



i 

Äuiffofogie unb ^fiffologic 



3ftenfßen, bcr fiß ben morfßeu Jü&en ßre* £fjronfeffete naljen 
möchte: im allerminbeften galle (b. fy. wenn bcr arme ($ott feine 
anbere üftaßt ijat) wirb bem „$otte£fßänber" (b. Ij. bem »Sßänber 
biefeö (Rottes) ein ©fei ober ein Quinta topf an ben ^opf ge 
worfen. $)em ©ßopeißauer war e3 bei weitem nißt genug ; wenn 
(£iner oor ifjm auß anf eigenen Jüßen baftanb, ba§ fonnte 
er nißt oertragen; er mußte ljulbigenb oor ifytn Daliegen urie 
$)aoib Äff} er, bann fonnte e^ bem (Sßmeißler gelingen, bem 
($eifte3fürften Briefe Ijerau^ulotfen, um felbige naß bem £obe 
beS $lngef abmeißelten bem tfefepublifum unter bie Wafe ju galten 
mit einem triumpfjirenben |)of)nläßeln, melßes anbeutet: <Seljt 
einmal, mie iß bin gemefen auSge^eißnet oon biefem ®eifte$fürften, 
lüie tß e3 fann bemeifen burß (Sorrefponbirbriefe , au3 benen 
ift 311 fef)en, mie iß, ber $)aoib Äffyer, bin geftanben mit bem 
großen ®op auf bem gleißen s Jlioeau be$ ($enie$, mie auß 
iß bin ein feiner ^fjilofopl) , ma£ fann §>anb in §anb mit 
Sßopeißauer fjerauSforbern ba$ $al)rfmnbert in bie ©ßranfen! 
£>aft bu gefegt! 

11. |tlft0 (buiiham über ^djupniljaurv im idj Ut. 

(^ufcforo 1 ) erjä^lt: 

„3ß faf) ©ßopenlwuer tägltß, nur bafe fein perfönlißer Um- 
gang Sur Söilbung meines UrßeilS sur ©ßulung meiner äften* 
fßenfenntnife bettrug. 3ß fa&te ©ßopeißauer naß bem ©inbruef, 
ben mir a!8 ©tubenten fein 9?ame auf bem S3er*eißm§ ber ^Berliner 
58orlefungen gemacht batte. $)a mar ec ein ftänbia, genannter 
$rtOatbocent, ber nißt la§. 2Sir glaubten, er bätte ferne 3ubörer, 
folgliß mar er für un$ unbebeutenb." „$)a§ ©ßopenbauer ganj 
in grantfurt am Wlain lebte unb eigentliß in ©erlin für Oer* 
fßouen bätte gelten müffen, baSernßr ißerft, als iß ben9)?ann 
mit feinem ©tierfopf unb feinem großen meifcen $ubel um bie 
Xbore granffurtS rennen unb feine SWittagSm ableiten auslaufen 
faß. (£r befußte baffelbe Sefejimmer mie tß, fioßerte fiß ba bie 
8äbnc, fübrte mit feinem braufjen auf bem ^ftofeplafee Aitrütfge ; 
bliebenen $ubel mimoplaftifße Unterboihingen burßS gefßloffene 
genfter, blätterte ein menig in ben 4ime3, bolte ftß bann eine 
s $rtfe öom (Becretär, für*, mir erfßien ba§ atte§ mie bie SBeife 
eineg $lu3gebtenten. Jjrn ©ommer trug fiß ber ©ßote (granf* 
furter SBoffSauSbrucf für ba§ ®egent&eit oon gefßeut), mie man 
ihn nannte, naß bem Damaligen (SJefßmarfe alter ©nglänber. 5)iefe 
Vorliebe für bie engtifße Nation batte er in Böttingen ange* 

>) Gmfefot»: »iücfblicfc, Scrltn 1857 ©. 127. 



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bes Söettweifeu (Schopenhauer. 17 

nomtnen. fßon ihrer Siteratur erftrecfte fie fich auch auf bie Sradjt. 
Sie üöeinfleiber roaren im Sommer üon gelbem DJanfing, baä 
Oberfleib ein fchtuaraer Riad, eine hochgebenbe an ber o6eren 
Deffnung geaacfte SBefte, meifce Jpatöbinbe unb ein Ouäferbut — 
ben Slbfchlufc gab ber o6en a,efdjilberte ®opf auf breitem 9cacfeit. 
Sein SBacfenbart mar anfänglich grau, atlmähltg roei£. 55er SOcann 
festen mir auch ba noch ber Vergangenheit anzugehören, menn ich 
ihn bie Stiegen meines 2Öo&nljau)e§ beraufftürmen, saufen, (armen 
borte mit meutern fpäteren Schroiegerüater, ber bie tfrone Schweben* 
Worroegen at^ ©eneralfonful bertrat. Goncurrensarbeiten hatte 
Schopenhauer geliefert für greife, bie ber hohe Horben, Shrifti- 
ania, für pfnlofophifche Arbeiten auägefe^t hatte. $)er ©lüefliche 
hatte einen biefer greife einmal gan$. ein anbermal im Slcceffit 
gemonnen. 3>a galt e3 nun, Die ßangfamfeit be§ (£in= 
treffeng ber sföebaillen $u rügen, unb ähnliche, immer 
leibenfehaftliche unb nicht im minbeften mit 23ubbbaiftifd)em O-uie* 
ti§mu§ Uorgetragene Q3efch.uerben." „5luf$erbem mürbe bie aller* 
bingS imponirenbe Selbfigenüge be3 Cannes faft erbrüeft burch 
bie gütte öon Slnefboten, bie über feine SSuuberlichfeit, ja über 
feine fterslofigfeit, ba& er mit feiner eigenen Butter im $ro$effe 
lebte, umliefen." 

^anffen (ber jit gleicher gtxt mit (Schopenhauer in Jranf* 
furt gelebt) bringt JolgenbeS: 1 ) 

„Söäljrenb feiner legten ®ranfbeit, fo mirb berichtet, rief er, 
öon heftigen Schmerlen gefoltert, mehrmals au§: „O ©Ott, mein 
©ott!" 91$ eintrat, ber baöet Augegen mar, ihn fragte: feiftirt 
benn noch ein ©ott für 3hre ^bilofopfne? ermieberte er: „Sie 
reicht ohne ©Ott in ben Sdimeraen nicht au§; e3 foll 
bamit, menn ich roieber gefunb bin, anberS werben." 
©ein Buftanb fcefferte fich, unb berfelbe Slr^t traf ihn üon Schmers 
befreit an einem fehr fchöneu Septembertage am genfter fi&en. 
dx erinnerte ihn an bie frühere Unterrebung, fpradj öon ber (rroig* 
feit unb nannte ben Tanten ©bififtuS. S)a gerieth ber s #hilofop[) 
in bie gröfete Aufregung: ©leiben Sie mir mit folgen Schrecf- 
btlbern öom Seibe, folche Wansereien finb für bie ®inber gut, 
ber ^hilofoph bebarf feines (SfjriftuS. Sief erfchüttert 
theilte ber Ohrenseuge einer ftreunbin biefe ^atfaetje mit."') 

(£3 tft ntd)t ju überfel)en, bafj bei Sß^tIofopr)en unb Dichtern 
bie fo recht con ainore als Jeinbe beS Äreujeg ©htifti auf* 
treten, immer fich jübifc^c greuublütge h^ranbrängen ; fo mar 

*) 3eit- unb SebenSbilber oon SohanneS ^anffen. ftrei6urg, $erber 1870. 
@. 125. 

») kölntfä« Sorf^citung 1873 ftr. 38. 
»tunner, Äntffologic unb «ppffologtc. 2 



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18 



ämffologte unb «Pftffotogic 



Effing oon ber $eit, als er fein erfteS ©tütf „ÜDie ^uben *' f 
gut SSerljerrlidjung ber $uben unb gur 5öef(^tmpfuug ber Triften 
getrieben — bis gur $lbfaffung „9tatf)cm begreifen" bei feinem 
£eben3abfd)luß immer oon jübifdjen 3ft cimpcn unb audj yiotfy 
Reifem umrungen; fie lobten ü?n, ftanben iljm bei in feinen 
($elbnötf)en, unb fyaben i(jm ungetnnbert ein ^aljrtnmbert ^ an 3 
üjrcn £)anf für bie ©djöpfung be£ ©betjuben 9iatljan au& 
gefprodjen, weldjen btefer >btct)tcr ben blöben ®ojim als SD^nfter^ 
juben oorgeftellt fjat, ber feine tolerangigen ©entengen über ben 
falfdjcn Sweater *$laron§bart in bie ^arterreluft f)inau3fäufelt. 
$n nenefter $eit Ijaben bie $uben burdj ifjre großartigen $lu£= 
wudjerungen unb $lu£faugungen ber gebulbigen ®ojtm bem 
Öeffing unb feinem 9f}atl)an ba$ (Spiel fefjr oerborben, fo baß 
trofc alles ^ubengeferre^ ber fromme $inberglaube an bie 9tatljan= 
tugenben beS $ubentl)um§ tagtäglid) mefjr aus ben §ergen ber 
ernüchterten ®ojim I)erau£fd)winbet. 

föenan befi^t außer feinem greunbe $eoi) (gugletcr) Verleger) 
unter ben $uben bie größten SluStrommter feiner ($elel)rfamfett; 
fie Reißen tt)n ben größten Geologen bes ^afyrfjunberts. (£>aft 
bu gefehlt!) $lud) Geitau war oon Rubelt umworben. 2lna= 
ftafius ®rün wirb wie oft noäj audj im SBtener Parlament 
oon Hüblingen — als ber größte $)itt?ter unb ebelfte ß^arafter 
gepriefen. — 9hm ift aber biefer wütfyenbe geinb beS Triften- 
tfjums in neuefter 3eit ™ ffotoemfdjen Leitungen a & cul 
notorifdjer Söauernfdjinber begeid)net worben. 1 ) 

13. G&nrinuers fJmöjt*« J\tv le^t« Qfag traurig, htv tvftt humt l'rii. 
^djtlbminö .JFirfjtes. Jrtöjte nnb Swiiüuenljöner als i»entfdjf 
ijclbcn. Utftuuljnltföjfr llnjxnn. 

9tad)bem wir allerfjanb ©elbftgeftänbniffe unb greunbeS* 
fdjilberungen gebraut, wie felbe in einem Q3üdjlein ^lfr)crö oon 
biefem Sßere^rer beS Seifen „pietätooll" niebergelegt worben 
finb, machen wir uns an eine neue Sölumenlefe, aus einem 
©ärtlein, baS ebenfalls eine greunbeSljanb gur (£ljre unb gum 
föuljme @djopenI)auerS angepflangt Ijat, unb werben audj barauS 



l ) 2>on Dutrotte unb ©ancfyo Sßanfa. 9(naft. ©riin unb Söauernfeft? 
aefätfbert öon @eb. ©runner, ©ten unb SBüra&urg, SEBörX 1888. 3roette$ 
jfcaufenb. 



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m Seltroetfen @cf>opcnfiauer. 19 

atterfjanb ^lumenfträufee sufammenppcfen, tute felbe uns eben 
beim Sßanbeln bureb bie etwas mettläufigen ®artenanlageu 
imb £reib fjäufer unterfommen. 1 ) 

(Gminner berichtet über bie (Geburt <Sdt)openfjauer£ $u J)am= 
bürg imb febilbert bei biefer (Gelegenheit febr brollig ben §errn 
5ßater beS ^^üofop^ett (©. 4): ' 

„(Sine aufmärtö ftrebenbe 9We unb ein großer äftunb mit 
bortretenbem Unterfiefer gereichten bem übrigeng feljr ftattlidjen 
9Kanne fo menig jur 3ierbe, baß, al8 er am 22. gebruar 1788 
9cadjmittag§ mit erbittern $opfe in'8 ßomptoir trat unb feinem 
^erfonal bie SB orte entgegen ftammelte: „ein Sobn geboren", 
beribm gegenüber ftfeenbeioucbbalter, ein lebhafter, roifctger 9Jtann, 
ftcb feierlich erbob, unb im Vertrauen auf bte £aubf)eit be8 ^ßrhts 
cipal§ mit ber 9lnrebe gratulirte : „Söeitn er bem $apa äbnticb 
roirb, muß er ein feböner Fabian merben." 

(Gnnnner berietet ©. 89: 

„Siebtel perfönlidje (Srfdjeinung, bie 2lrt feinet $atbeberbor= 
traget miberftrebte ibm (©ebopenbauer) in ebenfo bobem ©rabe, 
n>ie bieg jur 3eit ber Jenaer ^ßeriobe gicbteS bei bem in feiner 
(eibenfebaftlicben Offenberjigfeit ©ebopenbauer mabtoermanbten 
9lnfelm bon geuerbad) ber Satt gemefea. $>en flehten SOiann mit 
bent rotben ©efiebt, borftigen &aar unb fteebenben ©lief, mie er 
toom ftatbeber berab bureb &oble£ SßatboS ben ©tubenten impo- 
nirt bobe, mit $brafen, mie: $)a§ 3cb ift, metl e§ fieb fefct, 
unb fefet fieb, meil e§ ift," mußte er naebabmenb noeb in 
fpäteren labten mirffam $u berfpotten." 3u biefem aueb oon 
&egel ftarr in 2lnfprueb genommenen „©icbfe&en" pflegte (5cbo* 
penbauer aur größeren Sequemlicbfeit einen ©tubl jti seiebnen." 

Seil eben in unferer $eit außerorbentlidt) biel beutfdj* 
getaumelt mirb, ift e3 tum befonberem ^ntereffe, autf)entifdj 
3u erfahren, toie audj biefer 2£cltmeife in ber 3 C ^* ^ er erften 
ootlften üftannesfraft - feinem Crange, für $)eutfdjlanb ($ut 
unb SBlut ju opfent, in einer fdjmacben (Stunbe nachgegeben 
bat. (Gminner berichtet <5. 107: 

„Steg große Sabr 1813 mar gefommen. 9lucb ©ebopenbauer 
fdjafft ftcb ein neue§ ©emebr unb einen <Sd}lager mit ÖJebenf an, 
febenft einem armen ©ommititonen einen foftbaren ©äbel unb 
fteuert reieblicb für bie greimittigen bei, aber fetbft einjutreten, 
baju feblt ibm ber innere eintrieb. SBrabe Seute, meldje ba§, 
morin mir alle gletdj fein fotten, niebt genugiam ermägen, babett 
ibm bie§ febr berargt, ia 9Kenfcben, bie felbft bon allem entblößt 

») @d)opeuf>auer3 ?cben oon ffitfhelm ©nnnner. l'cipjtg 1878. 
634 Seiten. 

8* . 



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20 



Ämffologic unb ^fiffofogic 



finb, waS bcn Gbarafter beS SERanneS fleibet, mit bem Strom bei* 
3eit fdjmimmenbe unb suQletd^ mit fixerer SSitterung ber ÖJefin- 
nunßen (SdjopenbauerS fleflen f i c begabte Siteraten baben fid) 
nad) feinem $obe beeilt, iljm Langel an Patriotismus unb £ibe; 
raliSmuS in'S (SJemiffen 311 Rieben u. f. w." 

®winner gibt fid) nun fcr)r Diele Sftüfje, ben Seitweifen 
wegen feiner ©d)lad)tenunluft in <5d)ufe ju nehmen; wir Ratten 
bicS für unnötfjtg, es erflärt fid) alles aus feinem ©wftem. 

Die 93 orft eilung, bte er fid) 00m ©olbatenleben im Kriege 
machte, tonnte feinen SßMIIen nidjt bewegen, fid) in einen J&mtyf 
einjulaffen. (£r war als wetterfefjenber ^fn'lofopfj nod) oor* 
ftdjtiger als fiidjtt, ber fidj burd) feine unoorftdjtigen patrio* 
tifdjen Nebelt für De u tf djlanb auf bem ßatfjeber in Berlin 
fo feljr erfjtftte, baft er fid) in ber Jieberfjifce f elber oorgaufelte, 
er fei tobeSmutfjig ; inbiefem Aberglauben an feinen 3)hitf) hängte 
er bie ^atroutafc&e um, bewaffnete ftdj mit «Säbel unb ©dnefc 
gewefjr, rannte eine 3Beile aus Berlin fjeraus mit ben anberen ; 
als es aber fjiefr. ber fteinb naf)t — fiegte bie weife 3?orfict)t 
über ben tollfüfmen 9ttutf) — er warf fein <&ewefjr ins £orn unb 
lief, wa§ er tonnte, retour. Das war aber nidjt Jeigfjeit, fon= 
bem oollfte Sonfeqiienj nad) feinem ©wftem. (£r wollte fein $d) 
mct)t bem 9^ict)ti er) entgegenfeften, es wäre flüger gewefen, e$ 
wie <Sdjopenf)auer ju madjen, filmte, ©äbel unb ^atrontafdje 
einem anbern Dötyel 3U fdjenfen, ber, mit bem Söillen ber 
ÄampfeSluft befjaftet, fid) feine fo arge SBorftellung oon bem 
föriegfüljren gemalt unb an ber §anbfjabung ber 9ttorbmerf= 
jeuge nod) einige Jreube gehabt t)ätte. 

©djopenfjauer ijanbelte flüger — er madjte fidj 00m Pa- 
triotismus für Deutfdjlanb eigentlid) gar feine 33orftellung unb 
fjatte fomit aud) feinen Hillen, für ein *ißf)antom feine f oftbare 
§aut gu Dttarfte 31t tragen. 3>tcr)te hingegen Ijat fict) burdj 
feine tfjeoretifdje $atfjebercourage unb bie nacbfolgenbe praftifdje 
Jeigljeit eflatant läcr)erltcr) gemalt. 

®winner @. 166: 

„Dem Vorwurf beS AtbetSmuS liegt ber bunf [e ^Begriff einer ab* 
fohlten $bi)ftf obne äRetapbtyfif su (Srunbe, benn bon ber @rfenntnife, 
bafe bie Orbnung ber 9?atur nic|t bie einzige unb abfolute Orbnung 
ber Dinge fei, bangt bie Sftoralität ab. Daberfann manalS baSnotb- 
wenbige Credo aller (&ered)ten unb ®uten biefeS aufftetteu : 3$ glaube 
an eine SRetap&tjfif." — QJwinner bätte nod) baju fefcen f ollen: 



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fceS Söcttmcifcn @cfropenfiauer. 



21 



„%n bie 9fletaphpfif Schopenhauers." 2Ba3 an btcfer Qfteta* 
phüfif baran tft, wirb ftcb, in bcr Jolge geigen. 

14. Ulie bßö mißtrauen «n& &i* <5niblr*tt bfö UbUofatilrftt 
Önrijljänbkr jUriukljaus gefürirttgt nrorbro iß. 

@>. 173. ($winncr berichtet, wie (Schopenhauer in einem 
Briefe ben iöuchhänbler 33rocfhau3 auf eine nicht $u rechtfertigenbe 
SEÖetfe mit oerlefcenber Grobheit behanbelte. mar ifjm ber 
Drurf feinet SBerfeS ^u langfam oon (Statten gegangen; (Schopen- 
hauer lieg im $luguft 1814 mieberfjolte Mahnbriefe an feinen 
Verleger ergeben, in benen er nach feiner burchaus un- 
praftifchen, ungeftümen unb f d)rof fen, gleich Schlimmes 
fürdjtenben unb Schlechtes argmöhnenben 2lrt, je länger 
bie Verzögerung bauerte, befto oerle^enber auftrat. 

(Schopenhauer macht unter anberm bem ©roefbaus ben 23or= 
murf (S. 174): 

„3d)mu& nach Shrem bisherigen ©erfahren fürchten, bafe Sie 
auch beffen (bes föonorarS) ^UiSsablung öersögern »erben; ma3 
mich in biefem 5lrgmoljn beftätigt, ift 3hr Schweigen über biefen 
^Sunft, fo oft ich ihn berührte, unb jubem hörte icp öon mehreren 
(Seiten, bafe Sie mit bem ©e^ablen be§ &onorar§ meiftenä marten 
liefen, auch wohl überhaupt Wtanb nehmen. ©on Sbnen Ijä'tte 
ich ba£ am wenigften erwartet, u. f. W." 

©rocfbauS wtberlcgte 'punft für 'punft bie ©efd)ulbigungen 
(Schopenhauer^ unb fließt mit ©e^iig auf bie oben angeführte 
«ftonoraroerweigerung wie folgt: 

„Söenn Sie anführen, bafj Sie allgemein hörten, ich laffc 
auf ba§ Honorar (boch gegen (Sontract) warten, fo werben Sie 
mir erlauben, bafe, fo lange Sie mir nidjt WenigftenS einen ein- 
zig en 5lutor namentlich aufführen, ben id) barüber ju Stebeftetten 
fann, ich Sie für feinen (Shrenmann halte. £)a8 allgemeine 
Witt id) Sbnen erfpareu. $a§ sur Antwort auf Shren ©rief. 
©rocfbauS." 

(Schopenhauer gab in feinem 9tücf treiben über ben ©hten^ 
punftSanmurf fein ^eben^eichen, er fonnte eben feinen tter* 
logenen Vorwurf nicht beweifen, besljalb fertigte itm 
©rocfhauS herüber am 24. September ab (®minner 177): 

„SDJein &err, ich hatte in ^hrem ©riefe Dom 22. bor allem 
anbem einen ©emetö für 3hre injuriöfen Behauptungen in Sbrem 
früheren ©riefe, ober einen SSiberruf berfelben erwartet; unb ba 
fich Weber ba§ @ine noct) ba$ Slnbere barinnen befinbet, unb ich 



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22 Äniffologie unb ^ftffotogte 

Sie nacb meiner (£rfläruug alfo fortan für „feinen (Ehren* 
mann" palte, fo fann fünftig fein ^Briefipec^fct roeiter atoifchen uns 
ftattfinben, unb roerbe ich baber Sbre etwaigen Briefe, bie ohnehin 
m ihrer göttlichen Grobheit unb iRufticität eher auf 
einen Vetturino, als einen Sßbilofopben fchliefeen laffen möchten, 
gar nicht annehmen, wenn ich 3bre ftanbfchrift auf ber Slbreffe 
erfenne, unb auf alle ^älle ben Inhalt gar iitc^t beachten. 2öaS 
ich au tfjun habe, mei& ich felbft» unb bebarf ich ba$u feiner (£r= 
innerung, bie in ben facfgroben formen, toorinSie lolche Heiben, 
ohnehin immer entgegen geiefcte Sßirfungen hervorbringen. 3$ 
hoffe nur, bafe meine Befürchtung, an 3hrem SBerfe bloS SOin cu 
latur subrucfen, nicht in Erfüllung gehen möge." — SJcit bieier 
3)iffonana, faßt (Sbuarb SBrocfhauS 1 ), Wob ber an £>armonieeu 
ohnehin nicht reiche briefliche unb gefchäftliche 93erfehr attrifdjen 
Schopenhauer unb 5örocfbauS. SörocfbauS fuchte junädhft feine 
übrigen Verpflichtungen gegen Schopenhauer eoenfo gemiffenhaft 
ju erfüllen, mie er eS Betrefft ber s 2luSaahlung beS JponorarS 
gethan hatte; er äußerte fich noch bor bem oottftänbigen Sßrucbe 
mit Schopenhauer: „3cb ntufe mich mit biefemSUcenfeben fehr au* 
tammennefjmen, toeil er ein mahrer ^ettenhunb tft." 

$)as Porträt Schopenhauers fann als bie gelungenfte SloerS* 
fette biefer oon SBrocffjauS bem praftifcheit SMtroetfen ju ©fjren 
geprägten $)enfmünse angefehen werben. ÜRan oermetnt faft 
jenes bebror)Uct)e knurren 311 oernehmen, meines bem 8oS= 
fahren oorauSaugefjen pflegt. 

15. ^a)nptn\fantv in Jlenebig. <Ein prajjlmföjfr #«nmm. $tv 
ilbilofo^lj nnt*r b*n jbrtßltöjnt ÄünftUrn ?n Haut. Jtym ha* 
ljuiiraanwrfttt nur angffcrölrt. ilnbfr*öjtiatf$ gammln 

(Bminnfra. 

Da§ Sehen (Schopenhauers in $enebtg fteflt ®ennnner mit 
bem Sehen Öorb SfyronS bafelbft sufammen (@. 180): 

„Söeibe erlebten Damals ihre „Senetianifchen ©ef dachten." 
„ s 2luch Schopenhauer fonnte, jener Reit gebenfenb, bie Sporte feines 
©ötttnger Stuoiengenoffen (Ernft Schuhe gebrauchen: „SBahrltch, 
ich habe gelebt! f$eft an bie feurige ©ruft brüeft' ich baS blü* 
henbe Sem. — 9?oA int fpäten Hilter überfam ihn eine ihm fonft 
ganj frembe meiche Stimmung, menn er bon S3enebig fpradj , too 

Die 3 auDerarme öcr Si €De *9 n eme ^ an Ö umftrieft hielten, 
bis bte innere Stimme ihm gebol, fich loSaureifjen unb fei- 
nen SSeg allein meiter au loanbeln." — 

») ^ricbriö^ 2trnolb ©rocfljauS. ©ein £eben unb SBtrten nadj ©riefen 
unb anbeten Slufaetdmungen gefanlbert üon feinem (Snfel #emrid) (£buarb 
«rocfhauS, ?eipgig 1876. II. 249 u. f. f. 



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fceS SBettroetfen ©djopenfjauer. 



23 



($minner eraäfjlt , baß Öorb Qfyron öfter mit einer (Gräfin 
in ber ®onbel fjerumgefafjren, meiere £f)erefa Ijteß, unb be* 
richtet (©. 181): 

„$8ei einer folgen Safjrt traf ©djopenbauer im Sftooember 
mit ü)m aufammen, eine ^Begegnung, meiere biefer um fo beffer 
in ber (Erinnerung behielt, al§ bie feine ©onbel mit ibm tr)eitenbe 
$enetianikt)e greunbin, — fie l)ie§ auef) Stjerefa — burtf) ifcr 
lebfjaft ausgekrochenes Söoblgefatten an 53t)ron3 g(än$enber 
icfjeimma, feine (£iferfud)t ermeefte." — 

2üi3 biefer ganzen fdjönen ®efa)ia)te (audj baju au§ bem 
2tyronfd)en unb <Sd)openfjauerfd)eu ©efid)te) nrirb ber £efer 
fid>er $ur 33emerfung gefommen fein, baß bie £f)erefa beä 
©djopenfjauer geroiß einer SBenetianifdjen ©raf en* ober gar SDogen* 
gamiüe nicr)t angehört r)at — wie aud>, baß biefe ÜDame mit 
ber Söeatrice Dantes ober ber Saura ^etrarcaS roeber in ifjrem 
$fo3fefjen nodj in ibrer fünftigen ©ittfamfeit irgenbmie einen 
5>ergteia) aushalten im ©tanbe gemefen märe. 2fa$ einer 
©emerfung in einem Briefe, ben iijm feine (gdjmefter fpäter 
äugefenbet, ift 31t erfefjen, baß er biefer ©djtoefter erma§ oon 
einer reiben unb oornefjmen (beliebten oorgefdnoefelt f>aben 
müffe. Diefe <5djmefter bemerft: 

„$>eine ®efdjid)te bafelbft (in SBenebig) fängt an rhiob &u inter* 
effiren, möge fie glürflid) enben. - $)ie (SJetiebte ift reief), 
fie ift Dorn ©taube gar, unb bodj meinft bu, fie roerbe 2)ir 
folgen motten? Sßunberltd), ba^u gehört Siebe! ftätteft bu fie 
rptrfücrj gefunben, bann ttjäteft bu gar roofjt, fie su erfjalten." — 

fdjetnt aud) bei biefen ®efd)unftern baS Dtomantalent, 
roeldjes bie 9ttutter bi$ in it)rc atten Xage fet)r erfinbertfer) 
gepflegt fjat, btemeilen gum $)ura)brudj gefommen 311 fein. $n 
ber ftfegel pffegen fta) reidje SBenetianerbamen, 00m ©tanbe 
aud) nodj baju, nur in Romanen an beutfdje, fnurrige 
©eltmeife ju oertjeiratfjen, um biefen in ba3 53ärenflima aud) 
noa) nadföufotgen. 

@. 182: 

„©ein SiebtingSbidjter, beffen (Seift ibm gernom juerft er* 
ieftfoffen batte, blieb merfroürbiger SBeife $etrarca. $)ie Öebr* 
baftigfeit ©anteg mar nietjt nodj feinem (Sefdjmacf." — 

9iid)t bie tfeljrfjaftigfeit, fonbern ba3 pofitio djriftlidje dement, 
bie djriftlidje <ßfjilofopf)ie unb SBeltanfcbauung ift itjm in bie 



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24 Äniffologie unb ^flffotogic 

(Seele hinein jumiber gemefen, mie mir gletdj S>, 18.5 
erfahren, $arl Söitte fd^reibt aus föom über ifm: 

„C£ineS $age§ ^attc er (Sdmpenbauer) im Caffe greco ben für 
bie antife ftunft fo günftigen Umftanb berborgeboben, baß ber 
®rei3 ber olümpifdjen Götter ben ®ünftlem bie Aufgabe geftellt 
bätte, für bie oerfebiebenften Snbiüibualitöten ben leiblichen 9lu^ 
bruef ju finben. (£iner au§ bem anmefenben ®ünftlerfreife (miä) 
bünft, e§ fei ber ©ilbljaiter (£berbarb gemefen) marf ein: 3)afür 
baben mir ja bie 12 Slpoftel! SSeldjeS (£ntfefcen ©ebopem 
bauer§ 5lntmort: „(Seijen ©ie mir boä) mit Stören 12 $l)iliftern 
nu§ ^ernfatem", berborrief, fann man fieb benfen." 

Da fönnten ftdb bie Slpoftel nod) bebanfen, baß fie oon 
©djopenfjauer nur fo milbe angefnurrt morben finb, ®oetfye 
fytt biefelben im Söetüugtfein feiner „©ottnatur'', unb oon feinem 
233eimartfd)en fyofjen (5ittlicf>fett3ftanbpunft gar aus, per „§it!tb*< 
üötter " traftirt. 

£rofc biefer triftigen (Einfälle be$ größten 'pfjilofoüljen unb 
be3 größten DidjterS — erlauben mir uns bie grage: 

2Ba3 fann ben leibenben, unglütflidjen, Jammer unb £ob 
oor 9(ugeu feljenben Sftenfcben 90?utl), £roft unb 3uoerfid)t ge* 
mähren: <§ef)0£enf)auer$ Sillc unb ^orftelfung, ©oetf)e£ ^auft, 
ober .^ermann unb Dorothea 1 ) ober ©t.^auli fünfeeljnteS 
Kapitel be3 erften Äorintljer^riefes? 

Senn aber ber ©terbenbe bie ^ßfjilifter ober $uttb£« 
0 ötter einem großen Genfer ober $)id)ter mit SRetourajaife 
jurüeffenbet?! Da£ ift eben beS ©terbenben «Sadje, in bie mir 
uns nidjt Ijineinmifdjen motten; man foll bem Sterbenben feinen 
Sitten laffen. 

©minner berietet meiter ©. 185: 

„9cun muß man jene im (Statuta unmabre unb impotente. 
au§ bem atoeibeutigen SBoben 58rentanofd)er SRomantit ljerauSge- 
maebfene ueubeutfdje ®unft mit ben klugen ifjrer Stteifter unb 
Mitläufer feben, um beren (£ntbufta£mu§ für biefen StreiS 311 
tbeüen: einem ©djopenbauer fonnte bie pbantaftifebe 
(Syaltation bie träumerifebe 58erfä)mommenbeit jener auten 
©eifter, in beren ©pi^en fiefj auf ber einen talentvollen ©eite 
große llnbtlbung — mit Ueberbilbung unb Skrbtlbuug auf ber 
anberen talentlofen berührten, am menigften imponiren. 1 ) 
3n ber erften Seit feines römifäen Aufenthalts befuä)te er bie 



>) SöelcfceS „Wationalepos" SDaöto (Strauß aU auSatebigen «Seelen* 
troft fammt Nathan ben SGBcifcii für bie abgetane $tbet fafttfcf) anempfiehlt. 



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be$ SBcttrocifcn (Schopenhauer. 25 

aefeUigen 5lbenbe im Caffe greco unb in ber (Sabina, aerietb ba* 
felbft aber balb mit (£onoertitenthum unb $)eutfd)thümefei in (Son= 
flift. ®ein SEBunber bei einem Spanne, bem alle biftorifdje 
Religion ein Unbing mar, 2 ) unb ber über fein Saterlanb backte, 
nrie e§ in eincmftragmente be$ (£uripibe§ heiftt: $)er meite&immel 
ift beS SiblerS Salm, bie mette SBelt be§ @blen SJatcrlanb. 8 ) £)em 
burch eine berfehrte Gfraiehnng noch engherziger unb fopffcheuen, 
at§ er Don 9catur mar, geworbenen, nach feinem $obe uon.£>errn 
^ohanneg Sonffen über ®ebübr aufflebaufd)ten ßiftorifer unb 
nachmaligen (Stabtbibliothefar äoh- Sr. 93öfjmer Meint er bie 
©alle beionber§ erbi&t $u haben; benn berfelbe äufeerte fidjbamal§ 
über (Schopenhauer : man inüffe jum SSobl be§ S3olfe§ bie ge* 
fammte ©ippe biefer unbeutfcben unb reügion§loien 93bilofophen 
ctnfperren laffen. Unb fein SBiograpb mitt über jene beutüte QJe- 
feEfchaft im Caffe greco miffen, (Schopenhauer babe mit feinen 
mepbiftopbelifchen SBifecn eine Beit lang ein fiörenbee» ©lement 
unter ben (Stenoffen gebilbct, unb eines iage£ burcb bie *8ehaup= 
tung, bie beutfche 9cation fei üon allen bie bümmfte, 4 ) habe aber 
gleichmobl ein Uebergemicht über bie übrigen erlangt, meil fte gar 
feine Religion beftfce, unter ben Slnroefenben einen (Sturm ber (£nt= 
rüftung berborgerafen, fo bafe mehrere «Stimmen mit £nnau§merfen 
gebroht hätten. 2Ilfo einfperren unb binanäroerfen, probatum est," 5 ) 

Ob btefe 3lu3laffungen ($unmter3 aus mirfltcher fdjulbbarcr 
Unwiffenheit hervorgegangen, ober ob biefelben abfichtltdje 
föntftellungen ber SCBar)rr)ett finb, ba3 mag fid) jeber tfcfer fclber 
aurechtlegen. $)aj3 cS aber (£ntftel(ungen ber Sabrhett finb, 
ba£ wollen mir tu fotgenben 5 fünften nachreifen. 

1 ) £)ie djriftliche SDcalerfchule jur 3«* *> er Änwefcn^ctt 
(Schopenhauers in SRom ^attc ihre $?orbilber unb 9)tafter in 
(#torto, 9lng,elico, giefole, Ventile ba Jabriano, $entgtnp bis 
Raphael — fonad) ift es gerabemegs blöbe, bic Chrmechmg 
chriftlidjer $unft bem $)td)ter Brentano auaufchreiben. ©tmimet 
f pridjt oon ber großen Unb ilbung biefer ^unftfdnde! Ot»er= 
becf, gühvtdj, Steinte, 3kith, töuppelmeijer u. f. f. maren un* 
gebilbct! — $)aß biefc chriftlichcn S0?aler an ben ®efidjtern 
jener in 53enebig t»ou (Schopenhauer gepriefenen ($onbelfahr> 
geftalten feine (Stubien für ihre Silber machten, ift ganj genriß, 
baS ®efid)t ber ®onbelheiltgen „Ühetefa" (Schopenhauers möchte 
unter ben ®efid)tern ber ^eiligen g"iefolc^ eine furiofc ^fanr 
gefpielt fjaten. 

2 ) (Sonbcrbar! früher ^attc er bie Äünftler gemahnt, fie 
fotlen fich auf baS SDialeu ber Oh)mpif(hen (Götter oerlegen, 



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26 



Ihtiffologte unb ^ftffologte 



auf bie fjiftortfdj ererbte 9)tytr)enwe(t — bie wirflidj fjiftorifdjen 
Momente ber ßirdjengefdjidjte galten bem 333eltn?eifeit als ein 
Unbing ! 

8 ) $)er @ble nidit allein, aud) jeber Sßagabunb, 
$)urd)bummelt liebefelig baS gan^e CSrbenrunb. 

4 ) ©onberbar! %te <Sdjopenfjaner 1820 ^rofeffor in Berlin 
werben wollte, fdjrieb er an ^rofeffor ßid)tenftein in Berlin 

(®. 225): 

„3a e$ fommt ftterau nod}, bafe bie fcö&ere ©etfteä * (£uttur, 
welche 2)eutfd)lanb beut ju Sage t>or anbern Sänbern 
auSaeidjnet, niraenbS fo feljr unb fo aflaemein ju föaufe ift, aU 
gerabe in Berlin, we§balb id) in btefer großen <5tabt bei 
Öorträaen ber $trt, wie idj fie $u fjalten aebenfe, unb 6ei ber ®abe 
etne§ fer)r einbrinaUdjen unb lebenbiaen 9?ortrag§, bte id) ju baben 
üermeine, roobl nod) auf manche 8uf)örer, bte lange nidjt mefcr 
©tubenten finb, mir Hoffnung machen bürfte." 

Qn föom galt tf)m bie beutfdje Wation ate bie bümmfte 
— er erfanb fidt) eben feine Behauptungen naa^ jeweiligem Be* 
bürfntß. Sa3 <3d)openfjauer$ gerühmten „mepljiftoplje* 
lifdjen Söife" anbelangt, erlauben wir uns eine (£infpradje. 
Sir Ijaben in ben (Scbriften biefeS Seitweifen öfter einen 
grinfenben £>oljn, eine »erbitterte ©djmäfjung — 
aber nie einen Sift gefunben; aufgenommen, man wollte 
9(u£britd>e üon boSljafter föofyeit unb Berbiffenljeit mit 
ber Bezeichnung 3Bi% 311 t>erfd)önern fudjen. 

5 ) Sir werben fpäter oernefmten, wie ©djopenljauer eine 
grau in feiner Sutlj über bie «Stiege geworfen, unb felbe ber* 
artig befdjäbigt, baß er it)r lebenslänglidj (20 ^afyre lang) eine 
® cr/mer$en$ penfion ausjäten mußte. £) a 3 finbet^w inner 
in ber Drbnung. Senn aber bie ßunftler in föom auf 
@d)openljauer3 pfjilofopfytfdje Urflegeleien mit bem £>inau$s 
werfen nur brofjen, fo ift ba3 ein Berbredjenü Senn 
®wümer aud) meint, ber §iftorifer Böfjmer fei oon ^anffcit 
über ®ebüljr aufgebaufdjt worben, fo founen wir bagegen nur 
conftatiren, baß Dr. Böhmer ein oon $att)olifen unb ^rote* 
ftanten in granffurt fjodjgead)teter ©fjrenmann, ein liebend 
würbiger unb ben Slrmen fefjr wofjltfjättger 3flenfdj gewefen ift. 
Senn nun bie fünftler in föom ba3 (belüfte anwanbelte, 
ben Ijiftorifd) unb notorifa) biplomirten fyerrfdjfüdjtigen, arro* 



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be$ Sclttücifcn ©diopenfauer. 



27 



ganten unb von fidj über bie -Dtaßen eingenommenen SD3elttt?cifen 
(ber alle anbete üttenfdjen oft als ämeibetnige Sßieljer be^eid^ 
nete) bei ber £fjüre fn'nau^ubeförbern unb fie biefeä (Müfte 
nur burd) 5lnbrofjung funb gegeben Ijaben, fo finb ja biefe 
$ünftler im Söcrglctcr) mit bem megen gemalttf)ättger glegelet 
abgemanbelten ^ßfjilofopfjen oerglidjen, noa) als Ijöflidje (Gentleman 
an^ufeljen! 

%u$ einem langen Sörief, ben ifjm feine ©djmefter ßutfe 
Slbelljeib nadj $om fajrteb, nur ein paar marfante ©teilen 
®. 197: 

„(£ure pbilofopbifc^en $lnfid)ten finb mir nu$t gana fremb, 
unb ob idj gleich nid&tö meniaer al§ biaott, nid)t einmal gan$ 
red)t dnriftlidb bin, fo türmte ictj boeb : $)em ©tauben, Seine SÖtei* 
nung roiberiprtdbt ber meinen, unb id) icbeue ben ©efemerj btefer 
23erfd)tebenbeit. 9fte fann id) mit bem übereinftimmen , Soft $)u 
bir au§ ber SBeradjtung ber 9ftenfd)en nichts maebft; reifce mie 3Du 
tütUft an ber 2eben§fette, bie un§ alle üerfnupft, fiu reifceft$)icb bodj 
nierjt log. unb e3 ift eine arofce grage, ob niebt ©tunben fommen, 
mo 3>ubie2Renfcf)en brauet über bie Su^icbiefctftolä erbebft" — 

16. J&ittöejudj *»n bie pljUöf. jFarnltät ?« 0erltn. II er £tbets= 
mtts f*U eine #ern|jt gang nnfc #ef riebigung bringen! !I 
Her tEag cor bem Ableben ^rfjupenbtwers. 

3»m 53ittgefua) an bie pfjilofopljifdje gaailtät in Berlin um 
eine ^rofeffur fdjliefjt er: 

„Deuni vero optimura maximura ut in hunc qui jam instat et in 
raultos deineeps annos salvos incolummesque vos servet bonisque 
omnibus vos vellit cumulare." 

SBer wirb nidjt $u £fjränen gerührt über bie Slnbadjt, mit 
melier ©a>penfyauer gu unferm £>errgott betet, er motte 
ben ^rofefforen in Berlin, meiere bie ^rofeffuren $u oerleifjen 
fjaben, ©efunbljeit, langet tfeben unb alle möglidjen (Stüter 
oerleifjen! — 9faa)bem er ju bociren angefangen, ift er 
aufeinmal mit unferm ^errgott gan$ anberS oerfaljren! 

lieber ben £ag oor bem Slbfdjeiben ©djooenfauerS berietet 
fein Styoftel „©»inner" ©. 614-615: 

„3)ie gefäbrlicbfte $eriobe be3 böberen SUterä febtenen ibm 



idjritten mären, mürben bie nädtften jebn leichter erlebt, grüber 
glaubte er feiner ftreunbe megen länger leben au müffen, jefct 
lebte er gerne, um fieb in ber mannen 2lnerfennung ju fonnen, 




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Smffotogie unb ^fiffotogie 



bic ihm Don allen Seiten, ielbft bon ben entlegenften Orten, ent* 
gegenfomme. (£r legte Sßertb barauf, baß feine (Schrift 
ten bon Dilettanten unb, nach berenSlrt mit@ntbufi* 
a§mu§, ergriffen würben, nur 6ei ihnen hoffte er ben $um 
Sßerftänbniffe berfelben nötigen ÖJrab bon Unbefangenheit unb 
Unab^ängigfeit finben ju fönnen, unb am metften freute e8 ihn, 
menn er ftet§ neue SBemeife erhielt, bafe feine fdjeinbar irreligi^ 
Öfen Sehren „al§ Religion anschlügen", unb, ben leerg> 
morbenen 93la& be§ berlornen Glaubens auMütfenb, jur Ouefle 
innerfter Beruhigung unb 93 e f riebigung mürben. 3n 
ber Xhnt, ber befte 93emei§ feinet unfterbltchen ®enie§ ! Denn bem 
SSerfe eines blofeen Talents mtrb fo etmaä auf bem trocfenen gelbe 
ber Abftraftion nimmer gelingen." 

Diefcr ^r>tIofopr)tfcr)c ©dnoefelbainpf, ben Dr. $mtnner hier 
3um £obe ber ©chopenhauerfchen ^^ilofop^tc aufzeigen läßt, 
terbient fdjon eine cr)emtfc^e Änalpfe. 

1. (Schopenhauer ^off t t>on Dilettanten bie nötige 
Unbefangenheit unb Unabhängigfeit 3um SBerftänbniß 
feinet ©nftentd — alfo gefdjulte Jachmänner, bie ihm mit ber 
logifdjen '»ßiftole an ben ^elj rücfen fönnen, bie finb ihm 
nicht angenehm. «Sollte e3 nicht logifdjer heißen: oon un- 
gefüllten £efern t)offte er, beim nötfjtflCH ®rab ihrer 
Unmiffenheit unb Unfclbftftänbigf eit, baß fie um fo 
eher ftch jum ©ntfjuf ia3mu£ für fein Aftern hinreißen 
laffen ? 

2. ($S freuten ihn bie neuen SBemeife, baß feine fchetnbar 
irreligiöfen Behren als 9felt-gion ausfälligen u. f. to. mie 
üben. (Sine Religion ohne tranScenbentalen, felbftbemußten ®ott, 
ohne Glauben an Cfrlöfung, Unfterbli(hfeit beS perfönlichen ®eifte$, 
ohne Ausgleichung. Der Atheismus fyat feine Religion unb 
feine (Stttlichfett. Der Atljeift fennt feine (Schranfen, bie fein 
(Streben nad) JleifcheSluft, Augenluft unb §offart beS Sebent 
aufhalten fönnen — £uft, ^)abfud)t unb SKuhmf ud)t finb bie 
2öillenSfaftoren, bie ihn leiten; baS ift bie bretfach geflochtene 
(Geißel, oon melier ber Atheift in ber 2Mt hernmgejagt mirb; unb 
gewöhnlich erringt einer biefer gefroren bie f/öchfte ^errfdjaft 
über ben Atheiften — bei (Schopenhauer mar es bie§offart, 
tu ihrer ©ptfee bie Ütuhmfucht unb, ber negatioe $ol: bie 
unfägliche 2flenfcheno eradjtung ber bipedes, beS 
heutigen 23iehoolfS, nrie er bie ihn nicht fennenbe ober ihn nicht 
lobenbe unb anerfennenbc SBelt in feiner 3Jcenfchenoerad)tung 



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be$ Selttoetfcn ®d?openf)auer. 



oft genug 311 fdn'mpfen beliebte; — ber pofitioe ^ol: bie un- 
befangenen unb unabhängigen Dilettanten, bie ifym fjulbigten 
unb benen fein ©nftem, ben *pla^ bcS oerlorenen (Glaubens 
auSfüllcnb, jur Quelle innerfter SSerufngung unb 53efriebigung 
würbe! — £>aS ift boa) offenbar ^eudjelei beS ^tfjeismuS, 
aber nadj (tfwinner „ber befte beweis feinet unfterblidjen 
®enieS!" 5 ra 9 c Im * *> er fogtfdjen ^iftole: Qft bem (Sdjopen* 
(jauer felber fein ©Aftern sur Quelle innerfter Söerufjü 
gung unb Söcfriebigung geworben? 

Man barf nur bas Porträt biefes 9)?anneS anfdjauen, feine 
©djriften lefen, bie mit bem Porträt oollfommen Ijarmoniren, 
feine ^ e 3 e ^) a ftig^it im Sßerfeljr, fein grobem ($efd)impfe über 
bie pfjilofopljifdjen Vorfahren, meldjeS fid) nie in bem ruhigen 
§umor äußert, ber bie Öeibenfdjaft in fid) übermunben \)at — 
fonbern im grimmigen foltern, ©Wimpfen unb ben 9lusbrüd)en 
beS allerernftcften, oom §od)iuutl) genährten 3orneS unb §>affeS 
u. f. m. 

2$on beriet bodj au ber §anb liegenben Q3etr ad) tungen ab- 
ftrafjiren feine „$(poftel'\ wie er bie tfobfoenber unb Verbreiter 
feinet ©öftemS in feiner fid) 001t ifjm felbft oerlieljenen pfjtlo* 
fopr)tfct)cn StteffiaSwürbe genannt fjat. ($winner fäljrt im Q3e* 
xia)te über ben legten iöefud) bei (Sdjopenfjauer fort: 

„Unter folgen ^Betrachtungen war er wärmer unb weicher 
geworben, al§ id) Um jemals geteben hatte. Ungern üerliefe ich 
tfm, um feine Gräfte ju fronen, ®eine Ahnung tagte mir, bafe 
ich ihm baS lefcteäRal ins 2luge fa^ r sunt lefcten 3Kal bie ftanb 
brüefte. (Srnftbaft äu&erte er nodj: eS würbe für ihn eine Sä$obl= 
tbat fein, sum ab) oluten 9?idjtS su gelangen, aber ber Xoh 
eröffne leiber feine u ö f i ctj t barauf. s Mein eS gehe Wie 
eS wolle, er habe sum menigften ein reines inteUeftucUeö ©ewiffen. 
s £et ber ©nbett unb fteftigfeit feiner Söelt- unb SebenSanficht ein 
boppelteS, felteneS ©IM!" 

©onberbar: 1. er will gum ab) oluten 9ttd)ts gelangen, aber 

2. ber £ob eröffne if)m leiber feine SluSfidjt barauf, unb 

3. gehe es wie es wolle, er fyat mentgftenS ein reines in* 
telleftuelles ®ewiffen! -— 2ÖaS ift aber ein intelleftuetleS ©e= 
wiffen? Das ®e wiffen als immanente Offenbarung beS 
perfönlidjen (Rottes an ben 2D?enfd)engeift, galt iljm als $llfan- 
,$erci; beunruhigt aber fühlte er ftdj bodj — unb fo erfanb er 
fid) ein ifmt eigentümliches intelleftuelles (&emiffen — 



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30 



tmffologie uitb ^fiffologic 



ein oerftänbigeä ($emiffen — gum Untertrieb t>on bem ®e- 
Hüffen, ba£ bie d)riftlidje Offenbarung aB tfeitftern ber §anb- 
lungSmeife be3 üftenfdjen anerfennt unb mcldjeS bann fomit baS 
unoerftänbige in in teile! tu eile (&emtffen genannt werben müßte. 

4. Unb biefe§ intelleftuelle ®emiffen bejeidmet öfomnner bei 
ber GiKnljeit unb Jeftigfett feiner 3Öelt= unb £eben3anfidjt als 
ein boppelteS ®lüd — jum Unterfttjieb oon ben anbern 
bummen bipedes, bie fd^on mit bem einfachen (BIM eines guten, 
in Harmonie mit (Portes SBillen ftefyenben ©emtffens aufrieben finb. 

17. ÜTflö (Snrinner über b«n QTab £ü}vptn\jtintvs berietet. 

Ueber ba3 Slbfterben berietet ®roinner ©. 615: 

J&m näd)ften XaQe mar id) toerbinbert ibn ju feben. 3)en 
barauf folaenben 20. (September befiel um 2ftorqen§ nad) bem 
5lufftef)en ein heftiger Söruftframpf, fo bafe er auf oen Söoben fiel 
unb ftd) bie ©tirn öerlefcte. $en Sag über füllte er fiel) roieber 
frei unb bie folgenbe 9?ad)t berlief out. @r mar mie geroöljnlid) 
aufgeftanben, Ijatte fid) falt gemafefcen unb alSbann sunt grübftücf 
gefefet; bie Wienerin botte eben erft bie Morgenluft in§ 3tmmer 
gelaffen unb ftd> bann entfernt. (Sinige Slugenblid e fpäter 
trat ber s 2lrjt berein unb fanbi&n tobt, auf ben 9t ü den 
gelebnt, in ber ©de be§ @opba§ fifcenb. (Sin Sungen-- 
fct>lafl tjatte it)n fd)merslo3 biefer SBelt entrüdt; ba§ ®eftd)t mar 
unentfteHt, oljne bie ©pur eineä £obe§fampfe3. @r batte immer 
gehofft, leid)t su fterben, beim mer fein Sebenlang einfam aemefen 
fei, merbe fid) auf biefe§ folitaire ®efd)äft beffer oerftegen al§ 
anbere. @tatt unter ben auf bie ärmltd)e ©apacität 
ber bipedes berechneten 5llf anjereien, merbe er im 
freubigen93emufetfeinenbiflen,baljin aurütfjufebr en, 
öon mo er foljodj begnabigt ausgegangen fei, unbfeine 
Sttiffion bollbradjt ju baben." — 

9?adj ber (Sdjilberung ®minner3 tft bie Stimmung ©djopen* 
Bauers in ben legten Xagen eben feine be$ freubigen $3e= 
mußtfeinS gemefen - bie ärmlidje (Sapacttät ber bipedes, 
für meldje bie 5Hfanjereien (felbftwftänblid) ba3 ©rmeden oon 
föeue unb bie bußfertige ©efümung bei pofitioen (£fjrtften, 
bie ©aframente bei ben tatljolifen) beregnet finb. — 
grage: 2Ber Ijat benn biefe Alfanzereien erfunben — mer fie 
beregnet? (Sterben auger ben työdjftpljtlofopljifdjen ®eifteS* 
Ijeroen (bie genialen bipedes) nidjt aud) alle quadru- 
pedes ofjne berlei Sltfansereien? Unb finb fomit bie 
atr)eiftifct)cn bipedes nidjt ben quadrupedes , (bie 3wetfü§ler 



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t*3 Seltttrifen (Schopenhauer. 



31 



ben SBierfüßlew, €>eä)§= imb Xaufenbfüfjlern) öiel näfjer gerücft 
als bie gewöljnlidjen oeradjteten bipedes? Jrage: 2Öcr Ijat 
©djopenljauer begnabtgt bei feinem Ausgange? ©Ott gibt e§ 
ja feinen; alfo eine ©nabe olme ©nabenfpenber, unb wer Ijat 
iljm eine SRtffion anvertraut? 2öie fann man benn beim 
ausgekrochenen 3(tljei£mu$ oon Religion, t>on ©nabe unb 
SJHffton reben, immer nocf) mit ^efcen oom ßeidjenljemb 
be$ erfdjlagenen (Sl)riftentfMm$ ba§ ©feiet be§ SltfyeiSmuS 
umhängen? 

Der ©Treiber biefeS l)at fdjon oor 44 $atyren * n cme * 
eigenen @d)rift btc föefultate ber atljeifrifdjen ^Ijilofopljte ge- 
^eta^net. 1 ) 

„S2Bir brausen feinen ©Ott aufjer uns, 
SBir werben un§ felber genügen, 
Der freie ©ebanfe ift auf feinen £ljron 
$m 3Wenfä)engeifte geftiegen. 

Der alte ©Ott gefyt jeftt fjerum 
SBte ber ©eift oon |>amlet$ $ater, 
(£r wittert fdjon bie Morgenluft 
2Bie jenes ©efpenft im £t)eater. 

(5ö ift feinet 53leiben3 nimmermehr 
Datier auf unferer (£rbe; 
ftier ruft ber füljne 2ttenfd)engeift 
Der neuen (Schöpfung: Serbe! 

Der 9Ute fjüllt fidj ins Ceidjenfleib 
Unb überläßt uns feine ipabe, 
GShr gefyt bebädjtig bie <Stufen Ijinab 
Qu feinem ewigen ©rabe; 

Unb mit iljm geljen als öeidjengelett 
Die Könige oon ©otteS ©naben, 
(£r Ijat fic ^um ewigen ftummen ©ebet 
3u ftä) in bie ©ruft gelaben." 



*) 2>er föcbctjungettsSieb. $on <S. ©runner, WegcnSburg. erfteBufc 
läge. 1845. 214 (Seiten. 



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32 Äuiffologte unb ^ftffologie 

18. Ute kartofe £ttdj*nr*fce. $He geträumten unb bif wirk- 
Ii die u J^rikdjte feiner Itljilo Tophi t. 

®minner f)ielt iljm eine tfeidjenrebe; ba3 aftarfantefte bartn 
tft bie Söemerfung: 

„Stafe er ber etfte gemefen, welker bie (£tl)if Sur 9Jceta- 
bttfif, ba3 Sittliche $um 9lbfoluten erhoben, inbem er 
en SBiüen als? ba» 2Befen ber $)inge faffenb, beut pietoerfdjlungenen 
$tätl)fel ber Sßelt eine einfache fittlicbe Söfung gab, inbem er ben 
fittltdjen 2BilIen§aft mit bem innerften Söefen ber SSelt ibentifc 
cirte. $)ie Snige nämlicb nad) ber StofeinSform btefeS $inge§ 
an ftd) außerhalb jeber Serf örperuna mte§ er als unbe= 
fugt entfdjieben äurücf, 1 ) unb läugnete be§fjalb an bemfelben auch 
bie 8orm be§ menfeblicben 93erouf$tfein§, roeldje§ bem $8e= 
bürfuiffe beS pbilofopbifcben Heulings fo gonj unentbehrlich febeint, 
bafj er baSfelbe au* noch im fiebenten Gimmel nicht ofme geroaU 
tigen $lnftofe Dermint." 

„(Sine foldje Sebre. tbeoretifcb mie praftifcb auf bie Söertäugnung 
ber ©inne gerichtet, oarf ber Staat getroft malten laffen, unb 
e$ befrembet 9?iemaub, bie atyeiftifcben $ücber ©cbopenl)auer£ 
unterboten &u feben. $>ie ftttltcf)e Drbnung ber 2)inge, Sftedjt 
unb ©efefc in unö, aufeer unä unb üor allem über un§ 
in ©eftalt einer ftnrfen Sluctorität über bie Öeibem 
idjaftenber 9ftenfcben, ba§ mar ihm ba$ cinatg Sröftltdje 
unb SBebeutfame in ben 58erf)ältntffen ber Sftenfdjen, beren natür* 
lieber ©elbftmcbt er in allen ©tücfen ba3 <5d)ltmmfie sutraute. 
5ür biefe (Sinnesart legt noch fein lefcter SGßitte 3eugnife ab, roo= 
burd) er feine Öanbäleute, bie im Kampfe gegen bie yieuolutionS- 
macber unferer £age inöalib geworbenen s #reuf$en, ju (Erben feines 
s Jiad)laffe§ eingefegt bat. Sei aller biefer (rntidjiebenfjeit feines 
Urttjetl^ unb feiner ©efinnung, bei aller Schroffheit in ber 
9leufjerung berfelben feblug ibm ein meicbeS, unenblid) empfang- 
licbeä, freilich auch unenblicb emp finblicb e§ erregoareä 
toerj in ber ©ruft. 25er flache $3licf ber MtagSmenfcben fab ben 
!:Uctfantbropen in ibm: aber mie gering er Pon Ben 2Renfdjen auch 
ba^te, er fühlte mit ihnen, er mar Poll öon ä)xitleib." — 

SEßenn ©nriimer meint, bem (Schopenhauer bie Priorität 
be^ugS ber ®xtyf)un§ ber (Etfjif jur Oftetaphqfif, be3 Sittlichen 
jum s #b|"oluteit auftreiben au (ollen — fo ift er im argen 
$rrtl)um. 



l ) 25aö ift fe^r 6cqucm philofop^if^, wenn jemanb um bie roefentlidje 
iBecjrünbung feinet ©qftemS gefragt »irb, antmorten: 2)iefe ^rrage ift 
unbefugt b. f). auf 2)eutfa^: td) »eife bafür feine Hntmort — unb 
barum: ©c^tocige, bu elenbeö (Sremplar Dom ®efdjtea)t ber 
bipedes!! 



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beg SBeltmetfen ©djopentjaucr. 



33 



$>iefe$ «Softem tft fdjon fettSöeginn be£ 19. ^afjrfyunberte 
auf allen 23ierbänfen tion ©eite ber fidj gegenfetttg aU geift* 
reidj anräudjernben 'JJfjtliftcr 511 fyören gemefen. 

©Treiber biefeS erinnert fidj nod) fefyr gut an einen ^litf« 
fdjufter, ber im §aufe feinet 33ater3 (VII. Söe^ir! Neubau) 
ju 3Bien bie üflarotte befaß, aU pfyilofopljtfdjer grretgetft $8e= 
munberung 511 »erlangen; er Derfafy ^ugletcr) (Kärrnerarbeiten, 
idj mar bamate in ber erften Öatetnflaffe (ber fogen. $art>a), 
unb ba bocirte ber ©djufter 1 ): „@£ ift alles nidjt maljr, 
mas $fjnen bte Pfaffen üorlügen; bie Pfaffen Ijaben ba$ £a* 
tcinif<t)e aus bem SÖäüfdjeit gufammengeflttft; benn bie muffen 
immer ma3 ejrtra fjaben. 2Ba3 brausen mir Religion unb 
SHrdjen unb beten, ber 9ttenfdj muß ein orbentltdjer SWenfdj 
fein, er)rltcr> r redjtf Raffen, Wemanb anfdjmieren, nia^t rauben, > 
niajt fteljlen, folib fein, — alles anbere ift $Uf ankeret unb ^ 
überflüfftg." $n biefer SGßeife arbeitete ber ©djufter fort, - 
er brauste ju feinem G£rj}of£ freilid) fein Dufcenb Söänbe, 
fonbern faßte fidf) fo furg als möglidj, — aber fiajer fjat 
biefer ©djufter in fetner Seife bie (£tljif ^ur 9# etapfjofij 
uiel fürjer, ofyne SÖortfdjmall, oiel prafttfdjer, unb 
jebem ^fjilifter munbgeredjter unb fcerftänblidjer 
erhoben, — als ©djopenfjauer. Sftöge baS Slpoftolat ber 
3d)open^aueret über ben gre&el biefer 23ergleid)eS mit bem 
©d^ufter bie §änbe sufammenfdjlagcn, — es wirb bod) audj 
mieber tfeute geben, bie gerabe feine (£fel finb, (mie ©djo* 
pen flauer gen; einlief) alle benannt Ijat, bte oor feinen 2luS= 
fprüdjen ntajt auf bem Söaud) gelegett), unb bie fid) mit ber 
obigen 23emetSfüljrung gegen (Kminner etnoerftanben erflären. 

®mhtner meint femer, ber <&taat fönne bie atljeifttfdje £el)re 
beS ©djopenfjauer getroft malten laffen. $)enn bie Cefjre fei 
tfjeoretifd) mie prafttfd) auf bie SBerl eugnung ber ©inne 
gerietet, unb eine ftarfe Autorität über bie £eibeufd)aften 
ber Sftenfdjen merbe fdjon altes in Qaum unb Orbnung galten. 

Db ©djopenfjauer aud) nur einen ber ^mnberttaufenbe, bie 
in ben £änbern bcutfdjer $ünat in (£riminalgebäuben ftften, — 
$ur Grtnfidjt feiner geljler (benn ©ünben gibt eS ja ntdjt, 



») 3n „Soöer Sofjin" beS SerfafferS. ©rfter 93anb. 3n*ite «uflage 
@. 150 ift bc§ ©djufterS (£rn>äf)mmg gett?an. 

Crunncr, ftitlff oloflte unb ^flffolofltc. 3 



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34 



Äntffologie unfc s JJftffoIogie 



bieS t^eoCogifc^e Sßort ift aus bem ©örterbud) bcr atheiftifdjen 
Wlofophie ftretdjen) unb jur Söefferung feinet £eben3 bringt? 
Das ift eine $rage, bereit $lnttoort auf ber £>anb liegt. Daß 
aber iaufenbe in ihren nach ^^unlia^feit ihrer ($elb* unb 
fonftigen ®eroaltmittel ihnen ^ufagenben unfittlichen ^tuSfchrei* 
hingen fict) burd) bie gottlofe $^iIofop^ie fo biet als mög* 
lieh befriebigt füllen, ober bodj bei ebentuellen Vorwürfen 
ihres ®erotffens in biefer €>djopenljauerei ihre Beruhigung fudjen, 
baS ift eflatante X^atfaa^e. (Schopenhauer l)at feiner 
lofopI)ie burdj bie SloerSfeite feines Gebens ein fdjarf marrtrteS 
(Siegel aufgebrüeft, baS fühlte er felbft, unb barum wollte er 
auch fein Öeben „nicht ber falten übelroollenben Neugier beS 
<PubltfumS 3um heften gegeben nriffen". 

10. |ler angfklttfrf Consensas populorum iti ber Ünmrafeermtff 

Die <5chlu§bef lamation : 

„21ber ttrie gering er auch bon ben 9Äenfcben backte, „er 
fühlte mit ihnen, er mar bot! bon 5ftitletb" 

harmonirt fcr)r fehlest mit ber eflatanteften Verachtung, bie 
er roie oft über bie bumnte Ütacje ber bipedes auSgefprodjen, rote 
biefe Verachtung nur burd) ben fieberhaften Dürft nach Sftuhnt 
unb Slnerfennung bon leiten biefer bipedes auch roieber 
?ügen geftraft roirb. 

9tttt einer oft finbifchen ©telfeit regiftrirte er fehr fleißig 
alletfobfprüdje, bie ihm oon biefer fonft nur als blöb 
unb bumm gefcholtenen SDJenfchenrac^ angethan roorben finb. 
@o ®totnuer (©. 621): 

„(Sein Vlüf mar bon folebem geuer, bon foleber geiftigen 
Schönheit, bafe er bamit befonberS in iungen fahren unmiCtfürlich 
auffiel. #13 er 29 Sabre alt mar, fam ein thm unbefannter äU 
terer &err auf ihn 311, ihm *u fagen, er merbe etroaS grofceS 
merben. (Ein Staliener, ber ihm böttig fremb mar, rebete ihn mit 
ben Sßorten on : Signore, lei deve avero fatto aualque grande ogera ; 
non so cosa sia, raa To vedo al suo viso. (-äßetn föerr, ®fe muffen 
irgenb ein grofeeS SSerf gefchnffen haben; ich roet& nicht roaS, 
aber ich ferje e§ an ^bren Vlicfen.) (Sin (Snglänber, ber ihn nur 
aefeben hatte, äußerte: er müffe einen aufeerorbentltchen (&eift 
gaben. Sin granjofe tagte plöfelirf) über ihn: Je voudrais savoir 
ce qu'il pense de nous autres; nous devons paraitre bien petits a 
ses youx. C'est qu'il est un etro superieur. $>er ©ohn einer burrfj ; 

reifenben engliichen gamilie, bie ftch im ÖJaftaimmer in 8cbopen* 



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beS SMtoeifen <5d)open&auer. 35 

hauerS Wobt ntebcrliefe, rief erregt: „No, Tilsit here I like to see 
his intellectual face." (9cein, ich mitt hier ftfcen , ich fefje gerne 
fein geiftüotteg ©eficht.) derartiges begegnete ihm manchmal, benn 
fein (Mtcf)t phoSphoreScirte oon (Seift. Schmieg er, fo fah er 
SBeethooen ähnlich, gab er fieb bagegen ber Untergattung hin , fo 
hatte man SBoltaire üor Tieg." 

jDiefe Ausbrüche als ©eftd)tScultuS als consensus popu? 
lorum oon wer großen Nationen muß bort) «Schopenhauer f el* 
ber feinen greunben er 3 ä t) 1 1 haben; eS ift nur ju be= 
bauern, ba£ in biefem (£f)or, ber in' S ($e ficht hinein 8 oben, 
mdjt and) Spanier, "»ßortugiefen, Sdjmeben, §ollänber, Dtuffen, 
dürfen unb nod) einige Rumänen unb Montenegriner fich be= 
finben, es ^ättc fid) bann eine unioerfale ^ofyglottenbetounbe* 
rung ^erauSfinben laffen, ber gutmütige unb pfjilofophtfch 
ftrcnggläubtge tfefer aus ber Gattung ber bipedes hätte jur 
^Beroollfommnung ber europäifdjen Sanbfarte auch biefe Nationen 
mit ®ebulb hingenommen. Schabe, ba& ©minner nicht $eugen 
benannt fyat, meldte bei biefeu angeblichen SßetounberungSauS* 
brüten zugegen waren, unb ein eigens aufgenommenes 
iöemunberungsprotof oll eigenen big untere 
fdjriebcn ^aben. 

20. Hins ber Ityrenaloße £djeue für allcrljanb 
9ltigcnben unb itor?üge ans bem £djäbel lidjopenljauers 

htmuslututtltri hat. 

(&S ift mitunter br ollig, maS ber Ißhrenologe Dr. Sd)eoe 
nad) genauer Unterfud)img unb 53emeffung beS Schopenfjauerfchen 
ftopfeS als Wefultat feiner nriffenfdjaftlidjen gorfchung beponirt t)at. 

®winner (S. 631): 

„Selbftgefühl ift jmar nur siemlid) grofc, mirb aber fehr 
oon bem XhätigfeitSftnn, ®ampffinn unb ben Senffräf ten unter= 
ftüfet. 1 ) 3» Schopenhauer mar smar nicht ein öon bortre* 
tenbem StoU ober&ochmutb (!!), aber boch eine fehr entfehtebene 
männliche Selbftftänbigfeit , hinter melcher, fie unterftüfcenb, mie 
mir gefefjen, eine noch entfehiebenere männliche föraftftanb. Sföenn 
baher «Schopenhauer rütffichtSloS ober herrfchfüchtig fein tonnte, fo 

0 2)a3 ©clbftgefübt @d)openr;auerS mar fo außerordentlich ftarf, bafj 
es aller biefer angeblichen (Stüfeen abfolut gar nicht beburft bat. ©djlets 
ermacher, ber fid) bort) aud) eine gehörige Portion auf „feine £crrfd)aft ber 
3ufunft" eingebitbet unb ftd) aufterorbentlia? gefällig über feineu föuf)m 
autieipanüo gefreut bat, gewinnt gegenüber bem <5d)openr»auer faft baS 
STnfehen eines beftf/eibenen SWänncbenS. 

3* 



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36 



tfniffotogie unb ^fiffologie 



mar biefe ütücfftchtSlofigfeit ober iperrfchfucht toeniger bie eine» 
SnglänberS, als bte eines urfräftigen 3)eutfcben, b. b- fie ging 
meniger au£ bünber ©elbfterbebung, als auS Ueberfraft, bie ftct> 
füblt, beröor. SBegen beS jiemlich ftarfen ©elbftgefü^lö fehlte 
bei Schopenhauer auch ber SgoiSmuS nicht, um to weniger, ba 
baS ©elbftgefübl febr bont (SigentbumSftnn unterftufct wirb. 1 ) 
3iemlich grofj ift auch bie SBeifatlöliebe. (Schopenhauer befafc 
(Sbrgeij, mar ntc^t gleichgültig gegen Slnerfennung ober 3"rücf= 
fefcung: ober iebenfallS artete btefer (Etjrgeia nicht in jene häufig 
gefundene fleinliche (Sitelfeit au$." 

mißerbtefemSelbftgefühl, £hätigf ettsfinn, fiampf* 
finn hat tiefer finncrfinbcrtfcr)c ^c^äbelf orf c^cr auch aller- 
t)anb anbere Sinne bei Schopenhauer beS Näheren befchrieben; 
fo 5. B. ben Slnhänglichfeitsfinn, ben ®ef<hlecht£finn, ben Grtgen* 
tljumSfinn, baS Selbftgefüf)l, ben geftigfeitsfinn, ben ©hrfurchts* 
finn, ben SBoIjlioollenfinn, ben Sinn für 'S Söunberbare, ben 
Qbealttätsfinn, ben EerftanbeSfinn. 

9ca<hbem btefer mebi$imfdje ßtaniognomifer, beffer $ranio* 
f omtfer, eine gan^e Wenge Sinne in ben <Sa)äbel (Schopenhauers 
htneingelefen ^at, fommt er ^um (Schluß: 

„2öo bie BeobachtungSf inne ftarf unb bie $)enf* 
fräfte fch tu ach Unb, ba fehlt bie $hi(ofopftie. Xenn biefe ift 
eben nichts anberS alö bie auf bie Verarbeitung ber Beobachtungen 
angeroanbte höhere 3>enffraft." 

^cachbem nun bei btefem Dr. Scheue bie Beobachtung** 
finne fefjr ftarf finb, fo fönnen nach feinem eigenen SluSfpruch 
bei if)m bie £>enffräfte fer)r fch wach fein, unb es ift bann auch 
fehr luahrfdjetnlich, baß ihm bie ^ßhifofophte — weldjen 
Langel er aber burch feinen maffenhaft probucirten 
Unftnn ju erfefcen fucht. 2öaS fommt aber für ein 9te» 
fultat heraus, menn bei einem Üttenfdjen bte BeobachtungSun* 
finne fehr ftarf finb? ba mürbe bann bie ^3r) tl o f op^ic 
beS UnfinnS am ^lafce fein. Qft ber Beobachtung^ 
finn auch uod) fo groß, ber BeobacbrungSunfinn ift bisweilen 
boch noch größer, beim ber ift grenzenlos, <So t)aben biefe 



') 2)icfer ^t)renolog braucht lauter @tih)en, bic männliche äraft mufe 
bie @elbftänbtg!eit , ber (SigentbumSftim mufe baS ©elbftgefüfil unb ben 
(SgotSmuS frühen, auch ber 2efer benöthigte angefichtS btefer 
pt)renotogtfchen SBetoeiSführu ng einiger ©tüfcen, um nicht um* 
jufalTeu! 



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beS Selttodfen @$op«tf>auer. 37 

^raniologen, menn fic aud? tun unb f>er erwogen, — fidj 
felbft unb anbete feljr belogen. 

©te wollen beim ©djäbel oon äugen lefen, 
$öa§ alles ift einmal barin gewefen. 
$Bie bie tnopfbredjsler aus £ljierföpfen bie oerfdjiebenar* 
tigften knöpfe bredjfeln, fo accurat bie ßtaniologen; fie bredjfeln 
fid) aus ben Sttenfdjenf fabeln bie oerfd)iebenften ®aben, latente, 
(ftgenfdjaften, £ugenben unb geiler fjerauS, — wie knöpfe, 
ber Untertrieb oon ber eigentlidjen 2)redjSlerarbeit tft nur, 
baft bie knöpfe ber SDredjSler gewöfjnlidj einen §alt fjaben, 
unb bie knöpfe ber tramologen feinen §alt Ijaben. 

21. fite rein* pbilorupljirrije JUrtnphufih unb Ritten U hrr 
o !l tu -II e 1 i a t c n bei bem Ittel tum fen ijcrru u o n Ortowct Jer b « r rtt 
ternTperren genmrbtat $djapftt|joucr nnb ber doppelte |tieber= 
inurf ber JUarquft. ber tntereffautefle JFöU f nr IJeflättauna 
bes tiefen ©enttttljslebens, beflen Rdj biefer Ittdtmnfr 

fdiulbiö nemartji Ijnl. 

®wmner erjäfylt fef>r unbefangen, wie (skfyopenljauer oon ben 
„9ted)ten ber $ugenb" ®ebraudj madjtc unb fidj nodj in 
ben oorgerüdften ^a^ren feiner faunenljaften ®reislid)feit an 
biefe wunberlidjen ^Hcct) töftubien feiner $ u 3 enc erinnert f)at. 
Of)ne bas ftrafbare 2öagnif$, „ben gefeierten Üftanen beS 
größten Sßr)tIofopr)cn ber SBelt" näber ju treten, fann 
man ftdj l)ier unwillfürlidj an ben anbern großen granffurter 
^fjilofop^cn erinnern, ber ebenfalls wie ©djopenfjauer mit 53c* 
geifterung ben SltfjeiSmuS gu oerbreiten fudjte, über benfelben 
menfdjenbeglütfenbe ißorlefungen Inelt unb SSüdjer fdjrieb, unb 
ebenfo wie @d)ooenl)auer für bie oon jebem £>ogma gereinigte 
äftoral begeiftert. war, ber alfo aud) bie (Stbif Sur 9fteta= 
pfjtyfif erfyob, ftdj aber gelegentlid) bei biefer ©rfyebung ber 
(£tf)if außerorbentlid) befdjäbigte: er würbe nämtidj einmal im 
(SaMoßgarten 511 Siftannfjeim bei Trübung eines Attentats, 
welkes aud) gegen bie ©taatSgefefoe arg oerftöfjt, erwifdjt unb 
auf einige üttonate oon biefer bummen 3Belt abgefajloffen, um 
über ben fonberbaren <5djlu6ftein feines etfjifd)en ©ttftemS im 
^unfein na^ubenfen. $)ie babifdjen ©eridjte ftanben fomit 
nodj nict)t auf ber §öf)e ber com Dogma gereinigten oon 
©djweiae rfdjer Sftoral, fonft bätten fie für §>errn oon ^a^wei^er 



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Äniffotogtc unb ^flffologk 



eine 5tu^etc^mmg verfangen muffen, benn wer über bie gereinigte 
ättoral SBorlefungen hält, ber muß e3 ja boct) am beften miffen r 
mag an ber gereinigten Sittoral eigentlich baran ift. — (Seit 
biefer Qzit fyat e3 ber ^^ilcfo^ üerfdjmäht, Sßorlefungen au 
halten, unb hat bie 93erfua>, um biefeS bumme Sßolf für feine 
mtrgirte (Sittenlehre, bie fidj gemafdjen fytt, 311 geroinnen, total 
aufgegeben. 

(Sdjopenhauer t)at fidj bei ben praftifa^en Uebungen feiner 
reinen (Stfjif unb feinet ihm ton ®roinner jugeftanbenen „Qu* 
genbred)te3" allerbingS nid)t über ben Gahmen berftaat* 
tieften (Sefefcgebung InnauS erfdjroungen; obrooljl er in 
®ebraua)maa)ungoon feinen „$ugenbredjten" am 31. $lug. 1821 
in jweiterßinie aud) mit ben StaatSgefefcen in einen l)oa> 
grabig oerbrießlidjen, einige $aljre anbauernben (Sonflict geraden 
unb groanjig ^aftre tymburd) $u einer fefjr ^uroibern (Sühn* 
gelbjaftlung oerurtheilt roorben ift. ®roinner roibmete biefem 
(t^hirfe über baS (Strafgefe^ 26 ootte (Seiten feinet 53uc^e^ 
(<S. 304-329). — tura ersäht ift ber gaü, melier fia> 
in ^Berlin ereignete, folgenber: 

(£ine Söefannte feiner £)au3roirthin, bie im felbeu <Stotfe 
rooftnte, bie Näherin Caroline &üfe Sftarquet, 47 $abre alt, 
ftatte ftdj mit jwei jüngeren Jreunbinnen im ßorribor oor ber 
3immertl)üre (SdjopenljauerS aufgeteilt. — (Sdjopenfjauer fam 
nadj §)aufe, ärgerte fidj aus nadjfolgenben (&rünben über biefe 
roeiblii|e „(Jhrennjaa^e", f Raffte biefe tarnen fort, bie 9War* 
quet aber leiftete SÖiberftanb , unb ber ^ftilofoph päd** bie 
9flarquet; eS begann ein fltaufhanbel, unb (bie üDtequet mar 
fidjerlidh audj ein fjegef euer) , er roarf fie bei ber Xftür ber 
(Sntree fyinauS, fie fam loieber, er warf fie wieber hinaus unb 
foll fie über bie (Stiege gefeuert haben. 1 ) (Sie fiel, befdjäbtgte 
fich unb fdn'mpfte, er gab ihr eingeftanbener SWaßen baS ^rä- 
UM „altes £uber" ; fie ließ fidt) am anbero £age ein ärstlidjcs 
ßeugniß über blaue gleden unb eine am ipalfe loSgertffene 
^Barje aufteilen, Hagte beim ©eriajt, unb nun fpann fict) ber 
tyxobtf* %ai)xz lang burdj ade $nftanjen bura). (Sa^openhauer 



*) ©»inner fagte über if)n in feiner gefdjrooöenen ®rabrebe: (£r fam au$ 
ber ®cr>ule ^piaton§ unb ÄantS, bafjer [eine etfftfche £tefe. 3)ie amte 
SRarquet fonnte nun au$, als fie unten tag, mm ber etlichen fctefe 
maS erzählen. 



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39 



mürbe julefet auf 300 £haler (Surfoften, unb meil bic War* 
quet noch einige in'3 ©ebiet ber ßfjtrurgie unb innerlicher 33er* 
lefcungen gehörige Stäben befchmor, $u 60 Sfyiler jährlicher 
Leibrente für btefe £)ame oerurtheilt. 

2öa§ ben befonberen ftoxn über btefe ^ortnärfige Seibmache 
bei (Schopenhauer entflammt t)at r beutet er felber an (bei einer 
Eingabe an ba£ ©ericht). 

„2Rein aan$ bef onbereS 9&ecbt aber, bort SRiemanben su leiben. 
Geht aug Solaenbem beioor: (stma 14 Sage oor bem U. 3tuguft 
fanb ich *u föaute fommenb in ber ©ntree brei mir frembe grauen 
jimmer, oa biefeö mir au£ öielen ©rünben oerbriefelich 
lein mufete, linb feit 159ttonaten, bie ich ba roohnte, nicht bor* 
gefommen mar u. t". m." 

©minner geht in bic Chrflärung etmas näher ein unb bemerft in 
einer Sftote (©. 328): „(£r ermartete nämlich, mie f ich ber 
cinfichtige Cef er bereite gefagt haben mirb, „SÖefuch". 

^ad)bem nun mir &u ben einficht igen £efern befcheibener 
Seife un£ nicht rechnen motten, tonnen mir in unferer (£hr* 
furcht oon bem berliner ©alomo, bem $önig aller ^^ilo- 
fopfjen be$ 19.^ah r ^ unoer ^ nur btnfen, berfelbe höbe (mie es 
im 10. Kapitel beS 3. $8uch$ ber Könige erzählt mirb), auf 
irgenb eine Königin oon <Saba gemartet, bie ihn befuajen mill, 
um SBortc ber SÖeteheit aus feinem ÜDhinbe gu oemehmen 
unb ihm 120 Talente ©olbes, <Spejereieu, überaus oiele unb 
föftliche ©teine gum $efd)enfe bar$ubringen. 

SBeil nun ber ©alomo bes 19. QahrhunbertS biefem oon 
ihm fogenannten „alten tfuber" ben Slnblicf beS ihn be* 
muubern mollenben h°h cn 93efuc^ed nicht oergönnen mollte, 
unb biefe Qame mit 2 anbern fich oor feiner £h urc poftirte, 
loar fein $Ö i 1 1 e über biefe ÜB o r ft e 1 1 u n g berartig erbittert, baft 
er biefelbe mit ©etoalt jmcimal oor fich nieb er legte. — 
tiefer peinliche Vorfall h at f* 0 ) thatfächltdj ereignet ju Berlin 
in ber s J?ieberlagftrage 9tr. 4. 

22. Pit Itabgrlattge C6tuinnerö 
unb «in £öbliefc mm htt JHorquci ßefjtngtn. J\ta tyt)üüUp\}tn 
naiijljöUtger jahrelange JUerornfe. 

gür bie üttarquet mar biefer Jall ein mafjreS <#lücf . ©min* 
ner bemerft 329: 



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40 Äniffologte unb ^fiffologie 

„©ie erfcob Don bn an bie ifcr auertonntcn Alimente mit 
äitternbem 9lrm regelmäßig bi§ an i&rem atoanaig Safjre naefo bem 
glücflicfcen gaü erfolgten feiigen (£nbe. ©cfcopengauer aber fd^rieb 
auf iforen $obtenfd)etn: obit anus, abit onus." 

©mtnner fließt ben langen 'ßroceß mit folgenber SBefc 
flage (©. 330): 

„$)ie ^ränfung unb ©nttäufcfmng über ben SluSgang biefeS 
üermünfdbten 9?ecf)t§ljanbel§ trafen ifjn fernerer al§ ber materielle 
9frt<|t$eiL $aum in ba§ 8eben3alter ber borljerrfdjenben Srrita* 
bilität eingetreten, Ijatte er bie bitteren (Srfaljrungen beweiben, 
obmoljl er roeber ©elb, nod) $reunbfct)aften, noeb (£bren, alfo 
nict)t§ uon bem gefügt, ir»a§ in biefem Sllter begehrt au merben 
pflegt, bereite gemnetjt unb bie leibige Ueberaeugung babonge^ 
tragen. bafc für iljn, ben anr 33etfjätigung überfdnefcenber Gräfte 
im praftifefcen Seben Unfähigen, Die fdjlimmfte Seit erft im 
tSnange fei." — 

2Bie fdjabe, bafc bie 511 53oben gefdnnetterte 9Warquet'nid?t 
meljr bie frönen rüfyrenben 2öorte Ijören ober tefen tonnte, 
roeldje (^roinner am ®rabe beS ^Ijilofopfjcn gefproa^en, roeldje 
wörtltdj lauten: 

„tiefer tiefe finnige Sftenfdj, bem borf) ein föera in ber !öruft 
id)lug, lief er nidjt beleibigt nrie ein ®inb, ba§ fid) im Spiele 
erjürnt, burdj fein ganac£ Öebeu balnn e infam unb uuberftanben, 
unb nur ftdj felbft getreu; felfenfeft murmelte in feiner <Seele ber 
(glauben an feine Soeftimmimg." 

©id) felbft treu unb feft an fid) felbft unb feine 
iöeftunmung glaubenb! (Sr, ber ben (Glauben fonft fo haßte 
unb oerabfdjeute! ©id) felbft ift aud) ber größte (£gotft treu: 
an ©ott wollte er ntdjt glauben, bafür pflegte er ben feften 
(Glauben au feine iöefttmmung: ben 2ltf)et3muS 31t oerfün- 
bigeu. $3 er f>at iljn ba^u befttmmt? 9tad) feinem eigenen 
<Snftem: eutioeber ber 3ufa(l ober bie 9totI)menbigfett ; benn 
alles ma$ gefdjtefjt, bas muß fo gefdjeljen, lefjrt er felber. 

Sir meinen, bie -Dcarquet fjätte fidj nad) 1)urdjlefung biefer 
überaus fcf)meid)ell)aften, aber audj cbenfo umuafjren unb uttfUt* 
uigen ®rabrebe ungefähr folgenbe <$ebaufen machen fönneu: 

3fn jeber #eile ift bei if)tn 311 lefen: 
Sag er fid) felbft ift immer treu gemefen. 
„$)tefer finnige 9J?enfd), biefeS erzürnte $inb", 
$a, ba fann id) audj n?a3 fagen, 



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m ffiefaoeifen @cbopeiU)cMer. 



41 



?ll3 er midj gepaeft beim Etagen, 

Unb ia? fjinabflog wie ber Söinb; 

„Der (Glaube an feine SSeftimmung war f elf enfeft gemurmelt", 

Qdj aber bin burd) iljn — über bie Stiege fjinuutergepuraelt! 

Hdj laßt mief) aus mit bem ^erjen, ba$ in ber SSruft tljm fdjlug, 

Der ßobpfalm (StorinnerS ift uni^bleibt ein wahrer .'gmmbug. 

Die Sdjläge feinet ^er^enS, bie fjat nur er empfunben/ 

Die ©abläge feiner gäufte beroeifen meine Söunben; 

„(£in beleibigteS fönb, baS erzürnt ift im Spiel", 

Dies fabe ®emäfd>e fofl glauben 10er nrifl! 

Den |>öreru fo etioa<S iir« ^ngefia^t ju fagen, 

Das fjeißt bodj: ber SBabrfjett farfl Wngefid)t fragen. 

Der feine (Jrfinber fo geiftreidjer Xf)efen 

5Vft bod) aud) ein fef)r grober Riegel getoefen; 

^d) fonnte fein garten, fein puffen, fein ^Bürgen, 

Das alles mit ßeugen geriajtlid) oerbürgen. 

$dj fjab e£ gefehlt — bieS finnige (#eftdjt, 

Unb muß es gefteb'n — id) oergeff e$ ntdjt; 

2Öar baS eine fjod^grimmige ^^pfiognomie 

Sie bie eines XigerS in ber Üttenagerie. 

2Bet)' $ebem, ben einmal ber 3orn M getroffen 

DicfeS tiefen unb finnigen ^bilofopfjen! 

$öer ladjt bem £>errn (Dinner nidjt tn'si (#efidjt, 

3Benn er tjier oon erzürnten $inbern fpriajt, 

Die weljleibig jeglidjeS SBörtlein empfanben 

Unb ioanbelten einfant unb unoerftanben, 

Dod) idj fjab' bies Ätnb oerftanben gar fetyr 

Unb mödjt' eS oerftefjen mein Lebtag nidjt mefyr, 

Das feine $5eroeife fo tief burajbadjt, 

Wlit 3)hmb unb $auft mir oerftänblid) gemalt! 

$d) fjab' fie empfunben — Sdjlag auf Sd)lag, 

3MS id) überzeugt — auf ber (Jrbe lag; 

SWj lernte fie Fennen, bie ^fjilofopfjenrace, 

$u Berlin Wr. 4 in ber 9iieberlagftraße. 

©djopenbauer felber fonnte ben er$äl)lten Ü$efuoauSbrua) 
feinet 3ornes wegen ber ifnn fefjr ärger lidjen folgen beSfelben 
fein i'ebtag nidjt oergeffen. Der fünf ^pfjre fic^ fortfpinnenbc 
^roceß mit ben für i^noerbrüßlia^en^u^gang mußte iljn um fo 



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42 Sniffologie unfc ^ftffottgtc 

mebr wurmen, als er ßd) burd) feine föedjtbaberei, burdj fein 
langet gewaltiges SBtberftreben bie ©träfe $u bellen, erft nodj 
redjt lädjerlidj maajte, unb tipn su feinem 3onteSmütljen audj 
nod) ber ®elbfa)muft (beim er war ja bodj fcr)r wofylljabenb, 
fo bafc es ifym auf biefe ©umme mafjrlidj nidjt anfommen 
fonnte) oon feinen ®egneriw>or feine aufjerorbentlid) feinfü> 
(ige 9tofe gehalten würbe. $)er unoergepdje 33erbrug über 
biefe feine Weberlage taudftt in oerfa^iebenen auffprubelnben 
trafen in feinen fpäteren ©Triften bisweilen auf. 

<5o 3. $1. in W. 11. 241 eine bittere <8etrad)rung über 
biefen oerfluajten bem 9ftenfd)en fo tnel (Mle unb SBerbrug 
bereitenben ftoxn: 

„2Bie alle Slffefte, fo wirft aud) ber Born ftörenb unb Oers 
fölfcbenb auf ben Sntetteft. 5)er 3orn läfet unS nid)t mebr miffen, 
waS wir t&un, nodj weniger, waS Wir faa,en." 

©omit geftet)t er felber, baft er fidj gar nidjt bewußt war, 
als er „bie s 2llte" malträtirte unb tfjr sunt ©djlufcpunfte feiner 
(Sicero^tilina^erebfamfeit nod) ein „altes £uber" nadjfenbete. 

Qn W 7 . 11. 626. erfahren. wir, baß ber #orn ben 2Jcenfa)en 
oerblenbet: 

M 2)er fleinfte 5lnlafe QenÜQt bem 3oru, inbem er ibn in ber 
s $bantafie öerqröfeert. 5)er 3uru icbnfft nämlid) foajeid) ein Sölenb* 
werf, weldjeS m einer monftröien &eraröfcerunö unb SteraerrunQ 
feines SlnlaffeS beftefjt. 3)iefeS Sölenbmerf erhöbt nun felbft wieber 
ben 3om unb wirb barauf burd) biefen erböbten 3 oni WW 
abermal öerQröfeert. ©0 fteigert fid) fortwäbrenb biefe gegen- 
fettige SBirfung, btS ber furor brevis ba ift." 

(W. II. 229): 

„3)er &nfe oert)ält fid) sunt Qoxn, Wie bie cbronndbe jur afuten 
Sfranfbeit (218). Öeibe baben bieS gemein, bafc ibre Söefriebtgung 
fü% ift, unb baS ©ubjeft nad) ibrer SluSlaffung, wenn fte nur 
auf feinen SBiberftanb geftofeen, fidj entf trieben wobler be- 
finbetü" 

tiefes garte (^eftanbutfe über bie Sonne beS befriebigteu 
3ornmutI)eS unb 9iad)eburfteS ift aufjerorbentlid) liebenswürbig 
unb belefjrenb. 

9ßur r)at ber Seitweife feine Erfahrung über btefeS£fjema 
nicfyt ooflftänbig auSgenüfct. (£r Rättern it sberwertfmng feiner 
bittern Erfahrungen nod) f)insufiigen f ollen: „Senn aber ber 



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*c3 äBettrocifeit @$op€nt>auer. 



43 



3orn naajträglta) jahrelang bte traurigften folgen für ben Q3efrie* 
btger be$felben nacfy fidj ^ieljt, fo wirb berfelbe ba3 Sofylbe* 
ftnben, melcfyeö er einige Momente natf) SBefriebigung feiner 
Öeibenfdjaft emofunben f)at, total einbüßen, nnb bann mirb ber 
Qoxn erft redjt arg nnb nadjfjaltig merben, weil er feine äftög* 
Iid)feit mefyr finbet, benfelben audplaffen. $>ie befürchtete weitere 
©träfe ftebt rote ein brofjenbeS (äefoenft oor be3 .gornigen 
klugen, er muß feine Leibenfdjaft unbefriedigt hinunter würgen 
nnb fann f)öd)ften$ fid) felber mit ber Jauft an bte ©tirne 
f ablagen, nnb ba$ $ivax burdjauS reue! of e, aber bennod) f er) r 
aufrichtige ®eftänbni(3 machen: 5Ba3f)ab' ja? ba mieberfür 
einen bummen ©treid) begangen!" 

23. Per „tragtfaje knoten", ben ßminner 
im £eben §Mfyaptn\jaüt rs, unb ber ilnftnn, ben mir nnb mit 
nne öuöj ein flncftel Juanen jjnuers im ^äjretben bes 

(5 m inner aefnnben. 

* 

3um ©bluffe (©. 634—635) läßt Dinner folgenbe im 
p^tIofopr)tfct)eH ^fjrafen^aboratorium aus $utoer*, (Stfen* unb 
foipferfeilfpäneu unb ertra tüchtigem ©djmefelbeifafc oollgepropfte 
^Ratete fteigen: 

„55er äRenfcb, ber nacb bieiem freiließ unbollfommenen unb in 
(£inael|eiten unfiebern, im GJrunbftocf aber richtigen Denfen üor 
unö ftebt, mar alfo in ber Sljat nor^errferjenb „Stile unb Jöor= 
fietlung", unb ben Primat in feinem Seelenleben tjatte entfdueben 
ber SBille. Dag ©efübl bingegen trat al§ blofeer SöcobuS biefer 
beiben in ben föintergrunb." 

„Unb gleidnuie bieieS (Srgebnife mit ber richtigen Wfaffung 
feiner Sebre Aufammenftimmt, fo finbe id) barin aueb eine 93eftä- 
tigung feines SbarafterS. Denn wenn id) bie erftaunlidje ®raft= 
fuße, bie aujjjerorbentlicbc ©tärfe be§ 2Bitten§ an b t eiern Sd)ä= 
bei betrachte, fo brängt fid) mir bie UeberaeugimQ auf: Die 
(Seele biefeS SKenfAen mufe ein glübenber Drang, oerje^rt baben, 
bie ibr eingeborene Sbee itjreS DafeinS banbelnb au3*ugefta(ten — 
alfo nict)t etma nur fie ju erfennen. DieC£rfenntnt§an fieb, ba§2eben 
in ber Söiffenfcbaft, ©elebrfamfeit unb Scbriftftellerei oermoebten 
biefem äJcenfcben feine mabre, feine eigentlicbe ©efriebigung 3u 
geben, ßhrmägen mir nur ben Umfang unb bie Xiefe ber au^u- 
febenbeu !3bee, be§ 3beal£, ba§ ibn befeelte, ba§ au§ feinen klugen 
forad), unb ba§ feine Söerfe mieberfpiegelu - fo aiebt fid) fein 
Sieben unb fieiben in einer 2öelt, bie jur SSermirflicbung biefeS 
SbealS feine Wittel bietet, au einem tragifdjen tfnoten 



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44 



Äitiffotogic unb ^fiffolocjic 



Sufammen, ber feine Ööfung nur in ber Verneinung beS 
SBillenS finben tonnte, weil thm bie centrale (Sintert beS SjebenS 
im Gefühl, welches ben ©egenfafc aufhebt, nicht in gleichem ®rabe 
bemufet worben mar." — 

Sir finb £>errn (£winner augerorbentltch banfbar 
für ben Schlugftein sunt £empelbau feiner Slpotljeofe Sa>* 
penhauerS. Sir wollen baS, was er fner über feinen großen 
3Ketfter fagt, auf ilm, ben Schüler anwenben, nadjbem wir 
im Irrgarten feinet '♦ßhrafenwalbeS eine ßett lang herum- 
gegangen finb unb wir oor lauter hoajaufftrebenben phtlofo* 
phifchen ©äumen ben eigentlichen philofopln'fchen Salb gar nicht 
gefeljen haben. 

Sir fefjenawar nicht, „was aus feinen (besternt ($winner) 
klugen fprichr , wir finb aber fchon fetjr ^ufrteben mit bem, 
was er oor unfern klugen in feinen Herfen entfaltet hat. Senn 
Schopenhauer in einer Seit gelebt, bie $ur Verwirf lidnmg feiner 
^beale feine üttittel bietet, fo finb eben biefe fogenannten 
^beale burchwegS unpraftifch f)kxx\\ ftimmen wir mit ©winner 
ooüfommen überein — bie gegenwärtige Seit fteht oor bem 
oerworrenen knoten ber focialen §rage, unb in ber 
SBorftellungS* unb StflenS'^ßfnlofophie Schopenhauers gibt es 
feinen funbigen ftinwx, biefen oerworrenen knoten ^u löfen. 
Das gan$e Softem ift ein tragifcheS (Spos beS Atheismus, 
bieS Styftem fann mit allen' barin sufammeugeftoppelten 
^h^f en feinen 2)?enfchen au einem opfermuthigen %tt ber Sirt* 
Itchfeit bringen unb ebenfo wenig ben üttenfehen oon einem Uft 
ber Unfittliäfeit abhalten, — bieS Softem ift auch »ia)t einmal 
im Stanbe, eine fixere ©renglinie 311 siehen, welche Sittlia> 
feit oon Unfittlichfeit fcheibet, ja es hat nicht bie gähigfeit, eine 
ftichhalrige Definition oon Stttlidjfeit unb Unftttlid^feit $u geben. 
Der Schluftfafc ber Verttjeibigung Schopenhauers ift baS Oer* 
unglüefte 33eftreben, ben ®runb anzugeben, warum fict) fein 
Softem gu einem tragifchen knoten jitfammengegogen hat, 

„ber feine Söfung nur in ber Verneinung beS SöißenS finben 
fonnte — weil ibm bie centrale (Einheit beS Sebent 
im Gefühl, welches ben <$egenfafc aufhebt, nicht in 
gleichem (SJrabe bemufet roorben mar." 

Sir erlauben uns 311 fragen: 

1. Sorin befteht bie centrale Einheit beS Gebens im Gefühl? 



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bcs Selttoeifen ©djopenfauer. 



45 



2. Sorin befteljt bcr ®egenfafc, toelchen biefe centrale (£in- 
fjeit aufgeben foll? 

3. Saturn ift bem «Schopenhauer biefe centrale (Einheit be$ 
£eben3 im ©cfü^l nicht betrugt geworben? 

©o lange, bis irgenb ein „ftpoftel" (Schopenhauers 
biefe 5 ra 9 en Ul cmer 2B*if* Iöft, baß brei pljilof ophifche 
JJacul täten in £)eutfcc)lanb biefe tföfung als genügenb unb 
gufriebenfteflenb anerfennen, erlauben wir uns biefe oier^etlige 
<Schluß*$)eflamarton (SwinnerS für einen completenUnftun 
$u erflären. 

SWan §at wenig $u thun, wenn man bie $poftel «Sdjopen* 
hauers einen Überben anbern losläßt, ßinbner, im breiblättrigen 
Kleeblatt ber erfte, fjrauenftäbt, ®winner bie beiben anbern), 
fagt über (Dinner 1 ), 

„(naefcbem er bem ^Schopenhauer nachrühmt, e8 fei einer ber 
föauptboraüge ber ©chopenbauerfdjen s J$hilofopfjie, „bafe fie fiel) 
rein erhält Don bem 93eifd)macf ber Xbeoloßie)," „bafe 
®roinuer für bieS alles nur ein unjureidjenbeS S5er- 
ftänbnifjbefifc e." „$ie p&ilof opgif che ftritif ©roiunerä tft ielbft 
ba, wo er meiner Anficht nach riebtia urtbetlt, ju unflar auSge« 
brüeft, überhaupt aber ju abgeriffen unb gebonfenarm, um bei 
Sreunb ober §einb begrünbete $lnfprüdje auf eine erbebliche Sc* 
beutuncj geltenb machen au tonnen." 

„ßeiber fnnn t ctj aber auch mit ber (öminnerf eben 
$)arftellungbeS9Jcenfchen<Sd)openbauernichtüberein= 
ft im tuen, bennfie erfcheintmir ebenfo unüoUftänbig als einfeitig." 

2öir ciriren biefe gegenfeitigen Verarbeitungen ber erften 
ilpoftel beS mober nen SGöeltweifen barum, um nad^uroeifen, baß 
felbft biefe §erren, benen es außer bem tfefen ber ©djopen* 
hauerfchen (Schriften auch oergönnt mar, ben lehrreichen Umgang 
ihres äfleifterS jahrelang 3" genießen, fidj über benSßMtten 
unb bie 93orftellung wie auch über baS Öeben beSfelben nicht 
flar werben fonnten, fonbern fid) in (Streitigkeiten über biefe 
2$emata oerwicfelt haben, wenn nun fchon beim berühmten geifc 
reichen, oom JabrifSherrn felber mit bem (Stempel oerfehenen 
Bpoftolat beriet >}anfäpfel als grüßte junt SBorfchein fommen, 
was wäreerft oon ben ^Dilettanten $u erwarten, auf welche 
(Schopenhauer freilich eine größere Hoffnung gefegt, als auf 
gefdjulte Wtofophen, »eil er fer)r fchlau oorauSfehen tonnte, 

l ) 3trtf)ur <5a)op*nf)aiKr. »on ftrauenftäbt @. 14, 15. 



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4<> tniffotogic unb ^ftffotofltc 

baß biefen ba$ 3eug * ur ÄfiHI fef)lt, »üb baft f tc 
blinbgläubig für iljren 2Jcetfter fid) in'$ fteuer be§ 
Kampfe« fjineinftüraen roerben. 

24. Uüc ber #paltel £inbner gegen ben Hpoltel (6 in inner 
auftritt, um ben Ittetfter gegen nerfdriebene {Inningen 

m nertljetbtgen. 

• ®roinner wirb oon tfinbner (<S. 6) febr getabelt, roeil er 
fieb erlaubt fjat, über Scbopeufyauer „eine große Süttenge ein* 
feiner Steuerungen feinet Strgroofuts, feiner flteijbarfeit, feiner 
,£ef tigfeit, feinet ©tolles an^ufüfjren, weil er fefbeten über ilm 
er$äljlt, welche, fo t>eretu$elt aueinanber gereift, f)ier unb ba 
an'3 ^ärrifcf)e ftreifen, weil er er 3 ä t) 1 1, baft ©eftopen* 
Ijauer fdjon mit 30 ^ a M cn e ^ ö er^ 1 1 mübe war, 
SB e feit für feines; Wietzen auf eben 311 muffen, 
bie e$ roaljrfjaftig 11 i et) t feien." 

93efonber$ jumiber ift bem £)errn Vtnbuer bte (Sfyarafter* 
fcfulberung ®roinner$ über Sd}openf)auer, roelcbc lautet 16) : 

„Sie ber ®nabe in ba§ i*ebeu jjineinfaO mit bem erftaunten 
SMtcf auf ba§ burd) ßunger unb ©efdjlecf)t§luft erhaltene (betriebe 
biefer 9BeIt, rote ber Öüngling ibr fd)eu entgegentrat feine eigene 
innere SSelt üerberaenb, roie ber mann il)r fremb unb fd)eu 
ftegenüberftanb, a vulgo longe longequo remotus solutus omni foe- 
nore, roie ber ®rei§ enblicb fte tief tinter fiel) erbtiefte , unb fein 
feuriges flareS 3lußc in ftoUer SReftgnation erfaltete, — bie§ möchte 
man barftcIXen fönnen, bie trübfelige (Sinfamfeit, bie gren^enlofe 
Oebe feine§ $)afein§, bie unfäglic^eufteit)ct)ent)eradt)tung, bie Sterbe 
be£ <5tol$e3, mit bem er fein ftera roie mit einem Ganser umgab, 
ber e3 felbft &u üerfjärten brobte — et&tkb uerftättblicfc ju machen, 
um bem Sbaraf ter be£$Jcanne3 feinen $lafcin ber Söelt 51t roabren, 
ber ibtn gebübrt." 



>) Scfye jener Seit, locld^ bem ^bilofophen tciublid? gegenüber* 
fknb, befonberS roc^c ber out gären 2Bett, in ber WicberTagfirafec $u 
Berlin 9?r. 4, roo er bie jmemtat bei ber Xi)üx hinausgeworfene Wärterin 
ein „alteS ?uber" nannte, toeil tiefe fo r/artnätfig neugierig war, eine jum 
33cfud? erwartete Königin o. (§aba burajauö fefyen 311 wollen, cS täfjt 
fidj benten, wa3 biefe &amc fia? auf ben boppelten £inau§wurf hinauf 
in ifjrer Sutff für 2flajcuatSbeteibigungcn bcaügltdj ber tßnigin oon @aba 
bat ju ©Bulben tommen laffen, rate bie SKarquct ben alten ?uber= 
werfet, oom Skltroeifen aufgestellt, beut iBefudj beSfelbcn contptant 
beglichen unb in btefem SBcdjf elbrief nur baS SBctwort „alte§" auSge* 
laffen unb bafür ein weitaus fräfrigereS gebrannt bat! 



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beS SSettroeifcn Schopenhauer. 47 

Diefe allerbingS nidjt fefjr erbauliche unb an^ic^enbe (Slja= 
raftertftif beS SlpoftelS A mirb oon ?(poftel B (ßinbner) burdj f ob 
genbe Declamation (©. 117) atyufcfyroädjen gefugt: 

- 

„2Bäre eS nun alfo mit SdjopenbauerS Sbarafter beiebaffeu 
geroefen, meieren ^lajj fönnte man ibm oor ber 3öelt magren 
motten? öerr Dr. ©minner mag fieb bie ftnttoort felber geben, 
roenn er ftefjt, roelcber $lafc in £$olge meiner (Jbaraftertfttf für 
feinen „ftreunb" bereits &ured)t gemalt mirb. Slber eS feblt 
bier eben bie ©egenfeite feiner be^aubernben ^iebenSmür bigfeit, 
menn er ibm in irgenb einer ©ejtebung näber ftebenben Naturen 
begegnete, feine lebbafte unb bauernbe vlnbänglicbfeit unbSreunb- 
febaft für Sßerfonen, bie ibm auS irgenb einem ©runbe mertb ae= 
morben, feine Offenbett unb finblicbe 9Jaibität gegen SBiele, bie 
bäufig faum etroaS anbereS als eine übrigens leid&t üer$eiblicbc 
Neugier au ibm geführt batte. 3)od) felbft abgefeben oon biefen 
Mängeln unb ßücfen, aueb baS roaS föerr Dr. ©minner mabrbeitS* 
getreu beriebtet, sugegeben, bafj aße Suuelbeiten, bie er auf bem 
groben gnbett feiner (Sr^äbtung aneinanberreibt, üollfommen riebtia 
feien, fo erfebeint ©ebopenbauer boeb babureb nur in einfeitiger unb 
ungünftiger, roeil nur oon 2luf$en angebraebter ^Beleuchtung. <Scbo= 
peubauer erfebeint mir in biefer 33iograpbie glcieb einem SöaebS- 
bilbe, bebangen mit SHeibuugSftücfen , tote Tie ber SBerftorbene au 
tragen pflegte, aber 9ciemanb mag auS ber Slebnlicbfeit biefer 
9JcaSfe auf bie lebenbiqen Lienen beS Originals $u fcbliefcen, 
9tiemanb mirb bureb biefen ftarren Augapfel bie Xiefe unb ®larbeit, 
bie ftrablenbe SöabrbeitSliebe unb bie feurige Söegeifterung für 
baS erfannte (ober fieb eingebilbeteü) 9tiebtige unb ufeebte, melcbe 
auS ben blauen Wugenftemen beS „SSerbärteten" ftrablten, aueb 
nur annä'berungSmetfe toabraunebmen üermögen." — 

$ÖaS t)ter tfinbner gegen ®minner fagt, ift alles feljr fdjön, 
bamit ift aber aurf) gar nichts, mas 06 minner bertdjtet 
bat, umgeftoßen. 3Me s Iften|djeitüeracfjtung unb bie §ärte 
beS Stolpes, baS §erabfefjen oon ber §>öbe auf bie bipedes, 
auf baS bumme 93olf — er mar rootyl liebensmürbig, aber nur 
gegen jene, bie anbetenb oor ifjm gelegen, bie oor feinen 
&usfprüd)en fjerumfrodjen, bie feinen «Stola bef riebigten, — eSmar 
nur immer ($r, fein Qcf> unb bieSlnerfennung feines 
maS iljn liebenSmürbig machen fonnte. (So beljanbelte er 3fle li- 
fo) eu unb Wettlingen mit 53e^ unb ^eracfytwtg. 

tfinbuer vtxifytet (©. 19): 

„Den beutfeben 3eitungen febenfte er erft, feitbem fie ficf> 
mit ibm befebäff igten, größere Slufmerffamfeit!" 



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48 



Äniffologie unb ^ftffologie 



25. HUe£iitbnu* bt* ÖrFrijulingung 05ui?ltouia, Itdjoptntjfratr 
fei ein Umraftr tmb (6elbmadjcr graulen, imrrij Anführung ber 
$tr rnge nnb C6cuit ITünljaf tifl Ucit , mit mridjcr flaut bie CaUegien» 
gelber einfttiretben lunfitc. abfufdjniädjen Fnrljt. 

£inbner beftrebt ftdj, bic Vorwürfe ®ufcfon>3: (Schopenhauer 
fei eitel, ein (ftelbmacher, fnauferig geroefen, burd) Einführung oon 
Momenten au3 bem £eben &a\\tä abäufdjiüädjen, ber aud) 1789 
an Dr. £>er$ gefdjrteben (S. 28): 

leuchtet mir eine Hoffnung entgegen, bie ich Siicmonb aufeer 
Shnen ohne Söeiorgnife, ber grö&eften (Sitelfeit oerbächtigt werben, 
eröffne, nämlich ber s $bilofopbie baburch auf eine bauerhnftc 2lrt 
eine anbere unb für föeligton unb Sitten meit üortbeilbaftere 
SSenbuna. äugleicb aber auch ihr baburch bie ©eftalt ju geben, 
bie ben fpröben Sftatbematifer üerlocfen fann, fie feiner SBearbei* 
tung fähig unb mürbig $u halten." 

2luf berfelbcn (Seite gibt guttatet ju, baß flaut in Ziehung 
auf bie(Mbfrage auch felber ein „fpröber ättathemattfer" geroefen 
ift unbfich unter ben ©tubenten bura) „bie (Strenge, roomit 
er bie Sollegiengclber" einbog, aua) al<§ einen fehr ge= 
miffen haften SBerfaffer feiner Äritil ber praftifchen SBer* 
nunft erroiefen §al $luf ben Sßonourf: (Schopenhauer fyate 
gerne unb gut getafelt, roirb öfter auch flaut tn£ treffen 
geführt, oon bem e3 in föeicharts;: Urania, Xafchenbuch für 
1812, heißt: 

„flant mar ein an Öeib unb Seele ganj troefener äKann. 
hagerer, ja bürrer als fein fleiner Körper hat üielleicht nie einer 
ejiftirt, fälter, reiner, in fid) abgefchloffener mohl nie ein SBeifer 
gelebt, ©ine hohe heitere (Stirn, feine Ittafe unb helle flare klugen 
zeichneten fein ®eficht Oortbeilhaft au£. Slber ber untere $geil 
oeSfelben mar baa.egen auch ber OoHfommenfte $Iu3brucf grober 
(Sinnlichfeit, bie ftch bei ihm befonberg im föffen unb $rinfen über? 
mäfeig geigte. (£r liebte eine gute £afel in fröhlicher ©efettfehaft 
unb mar Telbft ein fröhlicher ©efellfchafter u. f. m." 

2Btr berichten hier nur ganj unbefangen unb objectio, roie 
bie Verehrer (Schopenhauers ben ihrem 20?ctftcr gemachten Vor- 
wurf: er h^be gerne gut unb oiel gegeffen, burch Berufung 
auf ben SBerfaffer ber Aritif ber praftifdjen Vernunft $u beef en 
Juanen, ber auch gern unb oiel gegeffen hat. ©ir finb foroeit 
entfernt, roegen beriet £afelfreuben einem ^3r)iIo[opl)en Söormürfe 
machen gu motten, baß mir im ®egenthetl jebem $(ttofop$en 
einen guten Sifdj unb einen gefegneten "Appetit oon §erjen 



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m Sßelttteifen ©ttjopenOauer. 



49 



amoünfdjen. Sir wollten nur bic edjt fdjülerljafte, aber fic^cr 
nidjt apoftelfdjülerljafte 2lu3fludjt fennjeidjnen, roeldje fidj in ben 
Korten bemerfbar madjt: Sie faim bcnn ba£ ein gefjler fein, 
ber unb ber fyat e3 ja gerabe aud) fo getrieben. — £)a3 ift 
bie in neuefter Qdt fd)on fo oft mit flledjt lätt)erlia) gemalte 
£ogtf, roeldje oon SBertfjeibigern in ©traffadjen gef)anbt)abt toirb. 

26. f!nrji nanj gvb nnfc Jßvtxs. Groß* &tfüVQn\%, nb brr 
fJUbljaner fein <f5fftdji mdjt aeißretdj 8*nng meißeln wirft. 
Gr nennt Hegels Gfoltajt eine gierntirtfosnlrofwönonue. 
£?efYnr$tljeti um Herbreitnna feiner tyb'üvftyljxt. 

Dürft naa) Sob unb ?luerfennung. „©in elenber 
©djauplafe, ber SRufjm in ben köpfen 9(nberer." Da* 
finb bcfannte Sorte <2>djopenIjauer$, bie, mie fo oiele 
ä^nlidje Steuerungen, feine oolle 33eradjtung ber 93ipebe3, 
ber jroeibeintgen SBieljwelt, bie fidj 9ttenfd)emoelt nennt, funb- 
geben foflen! 

9Jun finb aber biefe Sorte, roeldje bodj offenbar anzeigen f ollen, 
ber *>ßf)ilofopl) Ijabe ben 9i ufjm oon ©eite ber Sflenfdjen, im elenben 
£5a)auplafc if)rer ßöpfe, grünblid) oerad)tet, — oon bemf elften 
<Sdjopent)auer aU eine abgrünolidje £üge, als ein 
fjodjfdjnnnbelljafter Siberfprudj fignalifirt roorben. 
(§S \)at faum einen 2lutor, befonberS einen $I)tlofopl)en gegeben, 
ber mit einem ät)nlid)en brennenben Dürft unb §etf$unger auf 
8ob unb Slnerfennung oerfeffen gemefen märe, unb biefen £>etß* 
junger unb brennenben Dürft off auf eine feljr finbifdje Seife 
audj nod) offen befannt gemadjt fjätte. SDftt einem ©ort: biefe 
angebliche 9hifmtoerad)tung au£ ben köpfen ber 23ipebe3 ift eine 
foloffale Öüge gemefen. Diefc <Sud>t natt) l*ob fjat felbft* 
oerftänblid) als ben anberen tyol ben fürchterlichen 
31 er g er über jeben gegen ir>n auSgefprocftenen £abel gum 33e* 
gleiter gehabt. 

Söeljanblung oon Gegnern, (Sdjopenfjctuer an 
tfinbner 1856: 

„£$m neueften 3<muarfteft ber „Anregungen" fteftt ber erfte 
totfel einer Srittf meiner $&ilofop&ie t> 0 n iöüdjner. @r rebet, 
mie e$ öon einem fo unroiffenben, platten ©arbievgefeHen ju er* 
märten ftanb: babei lügt er j. *ö. „60—100 Sabre", nie ftabe id) 
bergleic&en gefaßt." 

»tunner, Äntffoloftte unb ^fiffologie. a 



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50 Äntffologie unb ^ftffotogtc 

Jreube über 9(nerfennung : 

„(Heftern mein 71. (Geburtstag: 8 ÖJratulatiouSbriefe, ein 
Sonett, ein ganj friicbeS 5öouqitet auS ^Berlin ftet)t üor mir im 
SSaffer, fam per express mit brei $erlenftirfereien , ferner smei 
$8üd)er, baüon eiueS t>on iUffjer mir bebicirt: jebn Sage nadj ber 
erften Sinnige finb über 400 93eftellungen barauf eingelaufen — 
ift blofc, weil mein 9came barauf ftebt, — fie meinen, 
e§ fäme Don mir." 

Sipoftel Sinbner fudjt btefe finbifdje greube be3 ^fjilofopljen 
burd) golgenbeS ju entfdnrtbigen : 

„SBictteicbt wirb ber auf feineu (Geburtstag beaügücfje Xbeil 
biefeS Briefes daneben für einen neuen 93eweiS jener (Sitelfeit 
gelten, weldje (Scbopenbauer niebt feiten wäbrcnb feiner legten 
Öebensjabre öorgeworfen worben ift. $ltferbing3 ift e§ riebtig, 
bafe ibm bie reiche 91nerfennung, welcbe biefe ^a\)xc braebten, febr 
angenelmi mar, unb er ersäbite gern babon, aber nad) meiner 
Srfabrung menigftenS cum grano salis u. f. m." 

©ein Ütuljm unb bie Verbreitung beSfetben befdjöftigte tbn 
außerorbentlid). 21. 9coo. 1859 fdjreibt er: 

„Sßieüeicbt ift ^bnen bie S3ilbr)aueriu 9?. befannt : roomdjt, io 
»edieren ©ie Piel; id) babe nidjt geglaubt, bofj eä ein fo liebend 
würbigeS ÜWäbdjen geben fönnte. 3)iefe ift Anfangs öftober aus 
Berlin bera.efommen, um meine 53üfte &u macben unb bat fie fo 
böcbft äbnlicb unb febön gearbeitet, bafe tjter Scber fie bemunbert 
unb ein biefiger SBilbbauer gefagt bot, bafe feiner ber bier lebenben 
©ilbbauer fie fo gut bätte macben fönnen. (Sie ift iefet noeb im 
Shuiftoerem auSgefteßt, nämlicb ber „®ern". 5)ann mirb fie nacb 
Berlin gefanbt unb bort Deröielfältigt, mnbrenb bie 9?. ftdj ba» 
auSfcblie&ttcbe SRecbt auf $Ibgufe biefer 33üfte fiebern mirb. — ©.'3 
®upferftid) nacb feinem Oelportrat ift bis auf wenige ©triebe 
fertig, ^cb i e be barauf auS wie ein alter ffrofeb." 

©inige Söeitytele, wie er 21nbere befjanbclte unb wie aber 
er oon Zubern beljanbelt fein Wülfte, 

(Sr ersäht feinen $efud> bei ©cbetttng (g-rauenftäbt <5. 138): 

„3cb üefe micb'S einen ftriebridjSbor Eoften unb ging, naebbem 
icb biefen auf ber Ouäftur binterlegt batte, in bie SBobnung beS 
(SJebeimen SHatbS ©djelling in ber Öeipaigerftrafee, um mieb ibm 
nerfönlid) öorjufteHen unb bei ibm gu inferibiren. $113 icb in ben 
grofeen, teeren ©mpfongSfaal eingetaffen war, öffnete ftdj bie 
gegenüber gelegene ibür unb eintrat ein mittelgroßer, corpulenter 
Hilter in langem braunen Ueberrocf, ben icb für eine s 2lrt alten 
f$amulu$ beS ^fjilofopben ^tett unb bcSbalb fragte, ob icb nid)t 
ben Öiebeim. 9iatb ©cbelling fpreeben fönnte. „3dj bin eS felbft", 



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be<? SBritiocifen @d)openf?auer. 51 

war bie Antwort, unb nun war idj freiließ enrtäuiebt, fonn aber 
jefct norf) nic^t glauben, bafc meine mangelhafte $l)t)fiognomif baran 
©cbulb mar." 

©djopenljaucr fdjeint e3 äfynlid) mit §egel gegangen ju fein, 
beim er fdjreibt i(jm im fapitel „jur ^(jnftognomif" im 2. Söanb 
ber Parerga eine ^ientrirtf)$pf)nfiognomie $u. 

Ötnbner ©.142: 

„©eine Erbitterung über bie nod) immer gegen i&n geübte 
Safttf be3 Sö«oriren§ unb ©efretirenS machte fidj mir gegenüber 
Suft; mie er überhaupt immer mieber auf ba£ ©cbicffal 
feiner 9$bilofoobte &u fpredjen tarn, „träten niebt ©ie 
(fjrauenftäbt) unb l)orgutb für mich ein, ba§ ^ublifum erführe faft 
ntd)t3 Don mir. (Sie gereieben mir sum $rofte." $orgutb3 $rom= 
pete biclt aber ©ebopenbauer — fo fdjrieb er mir fpäter in 
einem feiner 33rtefe — nicht für fo meitreidjenb, aU meine 
(öinbner^ 9ßof aune. 1843 erfebien öon 'Sorgutb ein ©enbfcbretben 
an $arl OtofenfranÄ, morin er ©ebopenbauer ben erften realen 
ftjftematifcben Genfer in be r ganzen Siteraturgefcbicbte 
nannte, $)orgutb brachte fogar unter ber Ueberfctjrtf t : „Söitle, 
ba§ Söefen be§ fo§miicben C£m3" bie ©ebopenbauerfebe $bi s 
(ofopbte in SBerfe. — UebrigenS, fo febr $)orgutb aueb bie ©ebopen* 
bauerfebe ^ßbilofopbie prie§, fo machte er boeb in mebreren 
fünften, namentlich im fünfte be§ $ef fimiSntuS, 
gegen fie Dppofition." 

(Sin neuer 93ewei§, mie felbft bie erften 9lpoftel mit bem 
Slceifter niebt burd)weg3 einoerftanben waren. 

27, ttfir «jriiö;icnljnurr ans bem nnuul'rtiüitctnt ^intettfaf? unb 
bem QTraum feiner JHößb bie „HUabrljett" behauptet: £Ue$, 
was geflieht, 0«rdjt«ljt nuthnjenbia. 

grauenftäbt berietet (©. 143), ©djopenljauer fagte it)m: 

„^cb macbe febon feit jwei Sohren ©tubien über ©omnam* 
buli§mu§, ÖJeifterfeben unb bie bamit oermanbten ©rfebeinungen 
bebufö einer metapbbfifcben ©rffärung berfelben." 

„2ll§ icb nun aber begierig mar, su üernebmen, mie ©d). bie 
bem iraume oermanbten Crrfcbeinungen be§ £>e£lfebeng unb ©eifter* 
lebend 311 erflären gebäcbte, 1 1> a t er febr gebeimnifetooll. 
.frier, mo er glaubte eine neue Chttbecfung gemacht unb ben raabren 
©eblüffet $ur Söfung ber £raqe gefunben $u baben, mar ©cb. aueb 
gegen mich surürfbaltenb m feinen Sftittbetlungen, wollte auch mir 
feine gebauten nidt>t Oerratben, bebor er fie bem$5rutf über- 
geben." 

4« 



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52 Äniffotogie unb ^ftffotogic 

$ören mir nun £inbnerS 93crid^t, nue fiegeSbemugt fidj 
©cfyopenljauer biefe geljeimnigoollen Qrf Meinungen im -äflenfcljem 
leben erflärt, ©. 144: 

„©djopenbauer fpriebt im Parerga (2. Auflage, 1. 33b., 
©. 269) baoon, bafc niebt blofc äufeere Unfälle, mie geuerSbrünfte, 
93ulüerejplofionen, Schiffbrüche, befonberS aber SobeSfälle, btS= 
meilen bureb $ räume angefünbigt, fonbern oueb anbere, mitunter 
Atemlicb geringfügige Söegebenbetten üon einigen SMenfcben baar= 
nein borgeträumt mürben, mooon er felbft bureb eine ungroet« 
beutige (Sfabrung ftd) überzeugt bätte. tUSbann fäbrt er fort: 
„3$ mitt btefe fterfefeen, ba fie augleid) bie ftrenge 92otb s 
menbigfeit alles ©efebebenben, felbft beS Ätterjufätligfteii, 
in baS bettfte 2id)t ftellt. &n einem borgen febrieb icb mit 

grofeem Gsifer einen langen unb für mid) febr miebtigen <&efd)äft£s 
rief; als icb bie britte (Seite fertig batte, ergriff icb ftatt beS 
©treufanbS baS Tintenfaß unb gofe eS über ben Abrief auS; Dom 
Sttlt flofe bie Sinte auf ben gufjboben. 'Sie auf mein ©cbellen 
berbeigefommene ättagb bolte einen (Simer SBaffer unb fdjeuerte 
bamit Den fjufeboben, bamit bie gierten ntebt einbrängen. SBäbrenb 
biefer Arbeit fagte fie ju mir: „UKir bat btefe 9?acbt geträumt, bafe 
id) bier Jintenflecfen auS bem gttfeboben aufriebe." SBorauf icb 
antmortete: „^aS ift ntebt mabr." <Ste mieberum: „@S ift roabr, 
unb bflbe icb eS nacb bem (Srroacben ber anberen mit mir *u= 
fammenfcblafenben SJcagb er^äblt." 3efct fommt jufällig biefe 
anbere, etroa 17 Sobre alte Sücagb berein, bie febeuernbe abju* 
berufen, ^d) trete ber (Sintretenben entgegen unb fage: „SßaS 
bat ber ba biefe 9cacbt geträumt?" Slntmort: „UaS roeife icb 
mdjt." 3cb mieberum: „web! fie bat eS $)ir ja beim (Srmacbcn 
eraäblt." ^3Die junge äJiagb: w 9ld) ja, ibr batte geträumt, bafe fie 
bier Xintenflecfen auS bem gufeboben reiben mürbe." — ,/&efe 
ÖJefcbtcbte", fügt ©djopenbauer bin$u, „melcbe, ba icb mieb für bie 
genaue SBabrbeit berielben öerbürge, bie tbeorematifeben bräunte 
aufjer 3meifel fefct, ift nietjt minber babureb merfmürbig, ba§ baS 
iöorbergeträumte bie SBtrfung einer £>anblung mar, bie man un= 
miflfürficb nennen fömtte, fofem icb fie ganj unb aar gegen meine 
Wbficbt öofljog, unb fie öon einem ganj fleinen fteblgrtff meiner 
#anb abbing. $)emnacb mar biefe ganbtung io ftrenge notb 5 
menbig unb unauSbleiblid) oorber beftimmt, ba& ibre 
Söirfung mebrere ©tunben üorber als $raum im 53e* 
mufctfein eines Slnbern baftanb. föier fiebt man auf's beutlicbfte 
bie SBabrbeit meines ©afeeS: vllleS, roaS gefebiebt, ge= 
febiebt notbmenbig." 

$)en $ufrinuS ferner befcfyulbtgt ©djopenhauerber Setcbt= 
gläubtgfeit unb foridjt oon beffen „bummen föttechiSmuSglauben", 
aber xf)m, bem (Schopenhauer, foll man feinen ©afe 
glauben: ÄlleS, ma§ gefc^teht, gefchie^t notbmenbig. 



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beS ffieltweifen «S^openfaiur. 



53 



s Mt einer anerfennensmerthen Unverfrorenheit eignet fid) ber 
Söeltweife biefen morjehen g^^en aus ber 'prophetenfaljne 9tto- 
hammebs an unb gibt ben JataliSmuS für feine (Srftnbung 
aus, inbem er oon ber 2Bar)rr)cit feines vSafeeS f priest. 
9hm ift aber ber <Safc Weber wahr, noch ift er fein. 

28. ittu ber itftUnmf* mit Fftttf* «rftnbnna tum ber üat&» 
jüfnbiöhctt alltd m (BtfätfytntHn in Ut £U* mme kommt. 

Betrachten wir nun biefen (Safc mittelft einer ^cufcanwenbung 
anf bie 2flarquet*2Jatalttät. (Sefceu mir ben ftaü, We Oflarquet 
wäre mit ben Behauptungen beS Reifen vertraut gewefen: 
wie ^ättc fie bie fei ben lächerlich machen fönnen? 

1. (Sie hätte bem Schopenhauer (nach feinem (Safe), als 
er fie anrumpelte, was fie unb bie gwei anberen Damen in 
feinem (£ntree gu tfjun haben, antworten muffen: (£s ift noth- 
wen big, baß wir ba finb; wenn (Sie f elber auf %$xt Wto 5 
fophte was h a ^ e «r fo fönnen (Sie gegen unfer Dafetn 
nichts einwenben. 

2. Darauf fonnte er fagen : M h^c unbebingt auf meine 
^h^ofophie; es ift aber auch nothwenbig, baß ich $ÜMM$* 
werfe, — unb er wirft fie hinaus. 

3. (Sie eitirt ben SBeltweifen oor Bericht. (£r fragt em= 
pört: 2Bie fönnen (Sie fo frech fein, mich oor Bericht ju 
citiren, ba ich nur oon meinem fechte (Gebrauch gemacht habe? 

4. Darauf fie: $dj mußte (Sie h^rher citiren, ich fonnte 
nicht anberS, eS ift auch nothwenbig, baß (Sie mich entfehäbigen 
unb mir ein (SchmeraenSgelb jaulen. 

5. Darauf er: (Sie werben oon mir nichts befommen, 
unb barauS erfehen, baß bie Bezahlung eines (Schmer^enSgelbeS 
nicht nothwenbig ift. 

6. Darauf fie: Das werben wir erft fet)en ; baS (Bericht 
wirb^hnen bie wahre Scotljwcnbigfeit $$xtx blöben *»ß^tIo^ 
fophie fchou einbläuen. 

7. (Sie fragt zugleich fehr bitter: $ft es auch nothwenbig 
gewefen, baß bie Königin oon (Saba $hnen einen Befud) ab-* 
ftatten mußte? 

8. (£r: ©eiche ^mperttnenj ! 2öie fönnen (Sie fich in meine 
häuslichen Angelegenheiten einmifchen? 



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54 



Ahriffologie mrt> ^ftffologic 



9. darauf fie : wollte gerabe mit $fmen nidjts gu 
tfmn Ijaben, weil ©ie im ganzen «&flufe afö ein grober Jlegcl 
befannt finb, aber ba§ SRotljwenbigfeitsfcfjitffal $fjrer 'ißljilofopijie 
fjat mid) bedungen, unb biefelbige 'pfjilofopljie wirb aua? ^ffmen 
felber an ben fragen fommen. 

10. darauf er: £o(je3 ®eria)t, f^ü^cn ©te midj gegen 
bie gemeinen ^nfulten biefeS „alten 2uber3". 

11. darauf ber 9lia)ter: $)a$ ift eine neue (Sbrenbeletbigung 
unb eine 93erlefcung be3 $lnftanbe$ oor bem ®erta)t3fjof, bafiir 
gafjlen <5ie ertta 20 X^aler ©träfe. 

12. 3$ üerwaljre mid? feierlid), itf) bin in meinem fliegt 
unb galjle feinen Pfennig! 

13. ©ie Ijaben bier Fein flied)t, ein Urtljeil gu fpredjen, 
bagu bin id) ba. Sie fjaben ber SWarquet 300 £fyaler (Sur* 
foften unb ©djmcrgen§gelb, unb 60 £f)aler jäfjrlttt) als 
mentation gu bellen. 

14. (£r : 3<b werbe appelliren, ba§ Urtljeil ift im l)ödjften 
($rabe unrcdjt. 

15. (Sie werben bennodj jaulen; bieSmal wirb ^nen oon 
jurtbifdjer (Seite bie Sftotfjwenbigfeit be3 3al)len3 bewiefen werben. 
SBenn ber ©afe: 9Ule£, wa3 gcfdjiefjt, gefdjiefjt notf)- 
wenbig, jefct in Qljren Wu§m a ^ *in Sölöbfinn gelten follte, 
fo nehmen <t>ie fid> felbft bei ber 9tafe, ©ie Ijaben ben ©afc 
aufgeteilt. 

16. $dj Ijabe aber meine ^ßljilofopljic für ein gebilbeteS 
^ublifum, niajt im $ntereffe biefer alten 9täf)terin gefdjrieben. 

17. $)er iRicr)ter : £fmt mir fef)r leib; wenn ©ie e$ für 
notfjwenbtg galten, fo appelliren <Sie bis gur legten ^nftang, 
unb idj fagc 3fjnen, biefe wirb e$ fidjer für notljwenbig fmben, 
mein Urteil gu betätigen. $>cr oberfte ©eridjtsiljof wirb gu 
(fünften 3^ter ©a^werenot^p^ilofop^ie unfer Urteil ntdjt 
umftogen ! 

18. 3Me »Ite fagt: ©ef)en Sie, e$ gibt eben gwei 9iot^ 
wenbigfeiten, unb m e i n e 9totfywcnbigfeit ift noeb oiel notfjwen* 
biger als $Ijre 9totljwenbtgFett. 

19. bitte, Ijober (56cric^t^r)of r ba§ ift ein $ofy\ auf 
mitt), eine (£brcnbeleibigung meinet gangen ©oftcmS. 



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bc§ ©cltrocifen <Scf>openf)auer. 



55 



20. SBßtr finb md)t ba, um p ^ilofop^ifc^e (Söfteme 
<$u fd)üfcen, — ba nehmen (Sie jum tjötfjften ÖUd^tcrftu^I in 
biefer Angelegenheit, jur tfogü, ihre 3uflncht! 2Btr fcfjüfcen 
nur $ er fönen gegen ^nfulten wrt fyafxn ber 3Jcarquet ben 
gefefclidjen (Sdmfc angebeihcn laffen. 

2Ba3 gefdjah in ber £h<rt? $)er (Sdjtoerenothphilofoph f)at 
f elber fünf ^abre lang gegen feinen eigenen (Safc oon ber yiotfy 
wenbigf eit alles ju (55cfcr>er)enben proceffirt, aber eS half if)m 
feine gan^e ©op^tftif nichts, er mußte jaulen, ift mit feiner 
^rinciptencrftnbung unb ^rincipienreiterei im ßircuS feinet 
eigenen (SoftemS in ben (Sanb geftretft loorben unb r)at fia) 
für fo lange lächerlich gemalt, fo lange oon ihm unb feiner 
^r)üofop^tc bie $ebe fein wirb. 

Bei einem anberen 3 te rb lief) en, toeldjer aus biefer 
Stinten« unb (Streufanboermechslung, tuelct)c bie üftagb 
Schopenhauers prophetifdj im Xraume oorauSgefefjen haben 
foQ, ^um <Sa)luffe fäme: „§)ier fieht man aufs beutlid)fte bie 
Sabrheit meines (SafceS: „Alles, maS geflieht, geflieht 
uothroenbtg", müßte man biefe Befchlagnafjme beS türfifdjen 
JatumS 3um $hif) me feiner p^itofop^ifc^cn Gmtbecfung als 
eine foloffale unb blöbfinnige Arroganz bezeichnen; bei 
(Schopenhauer ift es philofopfnfcheS <Selbftbenntßtfein. £)ätte 
man ihn gefragt: ioaS ift benn ber ®runb biefer oon 
3fnum entbeeften ^cothmen bigfeit? ÜDen religiöfen (Glauben 
oerhöhnen unb oerlachcn (Sie, aber $h nen foll man ben luf = 
tigen (#runb, auf ben <Sie allerbingS mit fchr großer poetifcher 
(£rfinbungSgabe ihr (Softem hinaufgefchroinbelt haben, auf $hre 
Autorität hin glauben!! 

Aber nicht nur er fei ber nahm Befdjlag oon uralten 
Beobachtungen, bie er für feine eigene ©rfinbung, für bie 8le= 
fultate feines p^Uofopt^ifc^eit (ScharffinneS ausgab, auch Wne 
Apoftel fuchten ihm noch allerhanb uraltes 3 eu 9 au f feine 
priüilegirte (SntbecfungStafcl hinaufeufchtoinbeln. <So oerfünbigt 
allen (SrnfteS ($toinner oon ihm: „©einem (Scharf finn 
entging nicht ber ©taub ber (Srniebrigung, ber $or* 
ruptioit, in ber mir leben." ©tefc fcharf finnige Beobachtung 
fteht längft in ber Bibel, fie ift in allen fircbenfchriftftellern 
p lefen, gu taufenb 9Ratai in <ßrebigten gu hören, unb ba 
muß eS auf einmal (Schopenhauer entbeeft haben! 



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56 Äniffologie unb ^ßfiffotogie 

SG5a§ ©djopenfjauer bcn ®oetbe befdjulbigt, ba$ ift in ioeit 
b oberem 2D2agc auf tljn felber anjutoenben. ($nrinner berietet 
über feinen 93erfel)r mit (Stoetze in feiner ^fugenb: 

„(Seit <$oetfje§ erfter ^Begegnung mufcte er (<5c&open&auer), 
ba§ beffen (®oetbe§) bornebmfteS QJebot mar: $)u follft feine 
anberen ©ötter baben neben mir." 

29. Ufte 3>ajapenbaaer alle anderen $Nnlt»Fffubeu aerrdiimtfft nnb 
aeraajtet, alle Jfflenfdjen für rajledjt, Jidj felber aber für „ein 
Ijöljerts ptefen" l^iilt r aber tra^bem beim £nfdranen eines grüßen 
Uffett in iFrannfnrt einen &ffen fär ben Stammvater nnb für»« 
berm aes menfa^enaefibledried ausgibt. 

2öir »erben nun eine Heine ^ßrobe bringen, wie ©djopen= 
bauer atfe pr)tfofo^r)tfcr)cn ®ötter auger ifjm gerabetoegS mit 
ganaen, auf felbige geworfenen Sflüljlftetnen ber 93eradjtung ju 
aerquetfdjen fuebt. 

1. ©eine üttutter fonntc mit bem Jüngling nia)t leben, 
nrie e$ ein Sörief oon ifjr an i^n, als er in feinem 19. ^re 
ftanb, befagt: 

„teilte klagen über unbermeibltdje 3)inge, $eine finfteren 
©eftebter, $5eine biaarren Urtbeile, bie roie Oraf elfprücbe 
öonbir au§gef proeben merben, ofjne bafc man etroaS Dagegen 
einmenben Dürfte, trüben aueb unb öerfteinern meinen guten 
£mmor, obne bafj e§ £)ir etroaS bilft. 3)etne Samentationen über 
bie bumme 28elt unb ba§ menfeblicbe dlenb macben mir fcblecbte 
träume." 

$er Jüngling mit 19 ^aljren ^atte alfo bamals nod) nittyt 
bie geniale ©ntbeefung gemacht, bafj 2111 e$, roaS gefdjiefyt, not^ 
menbig gefdn'efjt, fonft Ijätte er fidj ntdjt über unüermeib* 
ltct)c SMnge beflagt. 

2. $n Berlin fjbrte er giebte, oeraajtete tyn aber balb. 
er ©cfyleiermaajer börte unb biefer fagte: „^bilofopljie unb 

Religion fönnte nidjt oljne eiuanbcr beftel)en", f abrieb ©djopen* 
Ijauer an ben fltanb be£ §efte£: 

„deiner, ber religiös ift, gelangt aur Wofopbie, deiner, ber 
Pbiloiopbirt, ift religiös, er gebt obne ©ängelbanb aber frei." 

2Öie fann benn ber SDtafa? frei gcfjen, wenn $llfe$, n>a$ 
gefdu'eljt, not^menbig gefdu'eijt. Die ©ebanfen ber Sflenfdjen 
finb aber audj ®efa)elmiffe, bie im 9ttenfdjengeift oorge^en, — 



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beS Söeltweifen ©cfcopcnfauer. 57 



ba muß ja nun Ellies, mag bcr Oflenfdj benft, notljmenbig 
gebort tv erben, ©nmal behauptet er bie Jretfjett, ein 
anbereS SM roieber bie 9}otfjroenbigfeit! $)aß mit ber tyfyu 
lof op^ic ©Fleier madjerS (bem §>egeltljum) bie cfyrtftlidje föe= 
ligion nidjt befielen fann, bas fagen audj mir, aber ebenfo 
fann man, toenn man mirttiö) religiös ift, nia)t jum (Sa^open* 
Ijauerfdjen $ltfjei§mu3 gelangen, unb locnn man a la 
€>djopenf)auer p^üofop^ttt, fo fann man ntdjt gur Religion ge* 
langen ; man fann aber aud) mit ber ©djopenfyauerfdjen ^fjilo* 
fopljie nidjt, wie er behauptet, frei unb oljne (Mängel* 
banb gel)en, benn ©djopenfjauer behauptet ja lieber anberen 
Ortö bie f a ta liftif dt)c 9fotl)roenbigfeit alles gu ®e* 
fdjeljenben. 

3. Dinner fagt: 

„$Bei einem ©enie, roie ©cfcopenbauer, ber ftd) su ben 
„9Jitfftonären ber Söa&rbeit an ba§ ^Jenfcf>enöefd)led)t M rechnete, 
fei e§ niefct fo genau au nefjmen, ßebre unb ßeben, @r* 
fennen unb £bun müffen ba getrennt werben." 

SBir Ijaben früher gehört, loie fidt) ®roinner in biefer Stuf- 
ftellung felber biametral toiberfprodjen t)at. Söenn nun 9We§, 
toa§ gcfcr)tcr)t f notfjtoenbig gcfcr)tct)t r fo müßte es aud) notfj* 
toenbtg gefdjeljen fein, bog fidj bei ©djopenljauer bie tfeljre 
unb ba£ £eben, bas (Srfennen unb baS 2^un nriberfproajen Ijat; 
wenn aber baS Ellies notfjroenbig fo gefdjeben mußte, toogu 
benn bann bie (£ntfdjulbigung: bei ben ÜKiffionären ber SBafyr- 
bett ift eS nidjt fo genau ju nehmen! — Sllfo Ratten bie 
Sftiffionäre ber SBaljrfjeit bas tfjnen oon ®roinner erteilte 
^3rioilcgium, burdj iljr £fjun unb tfeben, iljre £el)re unb 
tfjr (Srfcunen: fidj felber £ügen ju ftrafen! $n ber 
$fjat, ©djopenfyauer unb feine 5Ipoftel Ijaben baS Äunftftürf er* 
funben, ein pfjilofopIjifdjeS ©Aftern mit fouoeräner 33er* 
adjtung ber tfogif unb mit bem ^rioilegium ber lädjer* 
lidjften SÖHberfprüdje unb ber entfdjiebenften (Sonfufton 
$u conftruiren. 

4. $)eu £>egel r)aßtc er roegen ber §>offart beSfelben, er 
felber aber roar nod) weitaus fjoffärttger, als £>egel felber, ber 
1820 feine 33orlefung in ^Berlin mit ben Söorten begann: 
mödjte mit (SfjriftuS fagen: $dj leljre bie ©afjrfjctt unb bin 
bie Söafjrljett." <Sd)open^auer aber fagt über §egel: 



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58 



tfniffologie unb ^fiffologie 



„Söei biefem finbe man mir leere, bunfle, pretentiöfe, in $Q\p 
perbeln unb (Eon trab ictionen fdnoelgenbe SBortqeroebe, roeldje ben 
beulen $f)ilofopl)en unfereS 3al)rfjunbert§ bie aHaemeine 33er- 
acbtnng iuerft be3 ftu$lanbe§, bann auc^ beä SnlanbeS mit üoflftem 
IHcctjte jugejogen." 

9hm, beim <St)ftem ©djopenfjauer fann man fidj über einen 
Langel an §>M>erbeln unb Sontrabiettonen ftdjer audj nidjt 
beflagen. 

5. @r fjält alle Sflenfdien für fdjledjt, fict) aber für ein 
IjöljereS Sefen, ba$ fidj oor ben fünf ©erteilt ©(Surfen 
ober Marren unb ÜHtmmföpfen in ber SCöelt ^üten müffe. 

6. $)a§felbe fjöfjere SBefen (er fnelt fid) roörtlid) für ein 
foldjeS) »erlegte jeittocilig roteber bie 3Bursel feinet ©tamm* 
bäumet in einen 3Wenagertefäfig hinein, inbem er su granffurt 
einen großen Slffen roteberljolt als ben mutfymaßltcfjen ©tamm* 
oater nnfereS (#efd)ledjte$ betrachtete! — ©in banfenSroertljeS 
Kompliment für bie oerad)tete 9J?enfd)r)eit, baß er in biefer 53e- 
tradjtung fein ©djroerenotfjfpftem aufgab unb nur oon einer 
'Jttutljmaßliajfeit, aber utd)t oon ber s Jcotf)roenbigfeit biefer SBte^= 
abftammung gefprodjen fyat. ®nnnner berietet neben biefer 
xUffen^nen*§Bermut()img audj : 

„@r mar fdjon mit 30 öftren ^er^tic^ mübe,, ^Bieber (b. I). 
anbere SRenfdjen) für feines (#leidjen anfeben 31t müffen, bie e$ 
wa&rlid) nid)t feien." 

30. HU* Me $poftei fclber bie ginsbv'ndjt bes OSra^ennitt^itö bei 
ifcrem Jfflttftar ein?ttöefhben geinmngen jtnb. <£r btljanptti, bus 
ittaträtbrH gelöfl ?« buben, nnb Ijült feint ilbilof^bi* „<*ls 00m 
belügen «Keifte eingegeben". 

9caä)bcm nun 5 rauen ftäbt allerfjanb 5lu§brücf)e be3 oer= 
bittertften ®rößemoalm3 oon ©eiten feinet £)errn unb 9tteifter$ 
f elber beftätigt Ijat, unb er bodj nun oorauSfietyt, wie fidj an 
ber ©tirne be£ £efer$ bebenflidje galten aufammenjieljcn, fo 
fommt er mit feinem 93ügeleifen baljer, um biefe galten nneber 
auszugleiten; er fudjt bie ©djmäfjfuajt unb ©itelfeit be£ Söelt- 
weifen 311 oertfjeibigen, wie folgt (©. 155): 

.,2öenn aber ©c&openfjauerS @cf>mäbfud)t unb ©elbftüber* 
Hebung gerügt werben fotten, fo fange man bod) juerft bei feinen 
gerübmten Slntagoniften an, meiere nad) beS ebrlicben SJcanneä 



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beS SBcltroeifcn ©c^openfjaucr. 



59 



3euonife otte echten Sßerefjrer beS Sfonttfcfcen WamenS ü6er bie 
unletblicbe 21rrogana unb ben bübifchen SRuthroiHen ber Nachfolger 
beS flrofeen Reformators emptanben. ifflan gebenfe beS fouöeränen 
ftochmutbS, mit meinem ©cbelling auf alle feine $orgänaer herab* 
fab unb bie anS ihrer (Erhabenheit in'S ßäcberlicbe fatfenbe ©elbft* 
öergötterung Tegels u. f. m. %n biefeS &olj freilich trieb unfer 
3reunb berbc ®eile." 

3)iefe SBertfjetbigungSmctljobe (#wtnners ift wieber außer- 
orbentlitt) philo] ophifd). — „Sie finb alfo beS $)iebftaf)ls über- 
wiefen", fcbließt ber Staatsanwalt feine ^Beweisführung. 9hm 
fommt ber SBerthetbtger unb jagt: „3Öie 3$iele gehen nod) forum, 
bie nod) oicl größere $)iebe finb, als mein (Slient; 
wie fommt es nun, baß gerabe ber geftraft werben foll, ber 
Weniger geftoblen hat als bie anberen, unb bem nun bas SDtfalfjeur 
paffiert ift, baß man ihn erwifdjt bat", u. f. w. 

^tauenftäbt berichtet über einen (Einwurf (gegen Schopen- 
hauers Softem), weisen er bem ^fn'lofopljen bei einem 
Spaziergange außer Jranffurt mitteilte, wie folgt (S. 151): 

„Seh rüdte mit einigen (Sinmenbungen gegen bie SSelt als 
„SBiUe unb Sßorftellung" heraus, begierig, was Schopenhauer 
barauf erwibern werbe." 

$)ie hbd)ft ungenügenben Antworten (beffer Ausflüchte) 
Schopenhauers berichtet grauenftäbt S. 152—153; er fommt 
aber troft aller Verehrung SdiopeuhauerS bodj §tt 
folgcnbem Weftäubniß : 

„$luS allen folgen Antworten würbe mir nun freilid) flar, 
bnfj aud) bie Scbopenbauerfche $bitof opbie nod) einen 
unaelönen Reft übrig laffe, ja, bafe fte mit ibrer Söiung ber 
Probleme bie Probleme eigentlich crft recht aufgebe, baS 
SRäthfelhafte beS $afeinS erft recht jum ©ewufctfein 
bringe." 

<S. 154 beridjtet Jrauenftäbt weiter: 

„Um fo auffallenbcr war eS mir bnber, bafc Schopenhauer 
wieber bei anberen ®elegenl)eiten ftcb fo bod) unb ftolj über feine 
3Wetnpbi)hf äußerte. als bätte biefclbe baS SBelträtbfel 
gelöft unb tonnte man nicht über fte hinaus. (Er faßte 
mir einft gerabeau, eS qebe feinen anberen 2Beg 5ur ßö* 
fung ber metapht)ftf eben Probleme als ben ieinigen, 
fcbliefclidj müßten b och $11 le au ihm fommen." „^n meiner 
Jugcnb (erzählte er mir), als ich bie erfte Auflage ber üöelt als 
Siüe unb SßorfteHung oollenbet hatte, wollte ich mir eine SpbDnj', 
bie ftd) in ben Wbgrunb ftürat, auf mein ^etfchaft ftechen laffen. 



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60 



tfniffotogie unb ^fiffologic 



benn id) war überzeugt bo§ 9?ätf)fet ber SSelt ßelöft ju haben. 1 ) 
3n feiner mir Dermalen ©rief tafele finben ftd) bie SBorte: 5)a§ 
wäre mein ^üd)ftcr Üuifmt, wenn man einft bon mir tagte, 
ba§ ich bog föätbfel gelöft, Welches ®ant aufgegeben 
hätte." 

$)as §mauswerfen bei ber £t)nt unb ba§ §inabfeuern in 
ben Slbgrunb fcheint bei (Schopenhauer eine eigene ^affion 
gewefen 31t fein. 2Ba£ er in feinem heiligen $orn bem „alten 
Öuber" (wie er bie üftarquet in feiner befannten ^enfe^cn- 
freunblidjfett gefcholten) getfjan, ba3 ift eben nur ein SJh'ßgriff 
gewefen; er hat biefe Dame für bie ©phpnr gehalten, bie er 
auf feinem 'Jtetfchirftöcfel oerewigen wollte, nachbem er unter 
üielen anbeten Ueberäeugungen auch biefe gewonnen, baß burdj 
ihn ba§ SKätfjfel bet SEöelt gelöft worben ift. 2öie würbe fid) 
fo ein armer 'tßetfehirftecher ben $opf gerbrochen hoben, wenn 
er bie fehr oergwiefte Aufgabe be$ ^hüofopfcn ^ättc löfen 
follen: auf ben f (einen fliaum be$ (Siegels eine ©ph^nr, 
einen Abgrunb unb einen ©turg biefer ©ph*) 11 * in ocn 
Slbgrunb barjuftelten? Üflan ftelle einem ber renommirteften 
©iegelftecber biefe Aufgabe: er wirb bie Sichfei juefen, lächeln 
unb ben Auftraggeber als einen SD^enfchen bezeichnen, bem e§ 
an ber fjä^igfeit mangelt, gu erfennen, was in einem $unft= 
$weig möglich unb was rein unmöglich ift. 9hm ift aber 
auch Sie ©phtynr befanntlich ein S3ilb ber SBeteheit, — baS ift 
aber eine fehr befperate ^Bctö^ctt, bie entweber fich felber fopf= 
über in ben Stbgrunb ftürjt ober oon irgenb einem ^ß^ilofop^cn 
in ben Slbgrunb hinuntergefeuert witb! d§ ift bem großen 9?ach' 
benler über baS Unioerfum fchon öfter nachgejagt worben, baß 
fich m feinem £eben Momente entfehiebener SBerrücftheit cor- 
finben. Ob nun biefeS ©phtynfproblem nnb bie ftarfe 
Anforberung an bie SEBelt: biefelbige Seit folle ihm nachtühmen, 
baß et baS SBelträthfel genügenb auf gelöft fyait, unter bie 
föubrif be§ ein* unb auSgebilbeten (Größenwahns ge= 
f teilt werben fann, — ba§ oermögen eher noch ^rofefforen ber 
^ßf^chiatrie, als '»ßrofefforen ber ^üofop^ie au entfeheiben. 

2Bir hoben in $)eutfchlanb allerljanb phtlofophifdje Quartal* 
fchriften, eS wäre angezeigt, auch §kx (ja, ^tcr um fo eher, als 



s ) SBtc aber, wenn fein ©p&tynrfieget ba3 SSklträt&fel erft nodj 
re#t unauflo3li($ gupetf^irt ^ätte? 



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be8 SBeltroeifen (Schopenhauer. 



61 



bei anberen 3 e i tun 9 cn ) au f oer tefcten (Seite eine 9tätr)felrubrtf 
mit ^ßrämtenoerl)eij3ung anzulegen, <So 3. 33. bie Aufgabe, ba£ 
$Beltratf)fel, in ber legten Kummer genüge nb gelöft oon 
$lrtljur Sdjopenljauer in granffurt. (Srfter ^reis eine 
leberne, mit föofjljaar au§geftopfte ©pl)mt£, meiere mteberf)olt, 
olme befdjäbigt ^u werben, in ben Slbgrunb gefdjleubert werben 
fann, — ein (Spielball, ber für ben Sttätljfelauf löfer um fo will* 
fommener fein wirb, weil biefer Surf foftenfrei ift, wäfjreub 
ber Söurf be3 „alten SuberS" in ben Slbgrunb 300 Sfjaler 
Gurfoften unb 20 $afjre r)tnburct) 60 £f)aler ©dunersenSgelb 
gefoftet f)at. 

<5d)opent)auer fjatte mitunter audj lichte 5lugenblicfe be- 
3Ügltd) feiner ©elbftwertf)fd)äkung, inbem er fogar meinte, bie 
Söfung ber metapljöfifcben 5 ra fl cn f c * f ur °i c 9flenfd)en eine 
Unmöglidjfeit, aber biefe Slugenbücfe bauerten nidjt lange, 
in $ur$em feljrte ber oermeintltdj f)inau3gemorfene ^offarts* 
beljebub mit 3et)n neuen Söel^ebuben bewaffnet wieber, unb er 
erflärte gang troefen, feine ^fyilofoplne fei bie Offenbarung ber 
ewigen 3Bar)rt)eit. ©0 ju lefen in feines SlnbeterS ft raucn f ta bt 
weiterem Söertd)t (ß. 155): 

„Sßenn aber, wie ©djopenbauer augibt, eine birefte 
unb genügenbe Söfung ber metapbufifeben Probleme bem menfeb- 
liefen Sntetteft unmöglid) ift, fo fonnte feine bobe Meinung Don 
feiner uJJetapbüfif aueb unmüalicb ben (Sinn baben, ba| mit ber* 
felben nun wirflieb ba§ Sftäüjfel ber ©pbtinr. oelöft fei, fonbern 
nur biefen, bafc oon allen bisherigen äRetapbnftfen bie feinige ftcb 
ber Söfung am meiften genäbert, unb bie§ war in ber $ljat feine 
Meinung. Snnerbalb be3 ber 3)ietapl)toftC überbaupt (Erregbaren, 
wollte er fagen 1 )» babe id) bnS £>öcbfte erreicht, „lieber mieb", 
äufeerte er einft, „tarnt man mobl in ber breite, aber niebt in ber 
$iefe binauS." Unb wie er in jüngeren ^abren in biefer 33e= 
Hebung gebaebt, fo baebte er noeb im Hilter, benn in feinem 1852 
begonnenem unb bi$ ju feinem Xobe fortgefübrten SDcanufcripten- 
bud) Senilia finben fieb bie SSorte: -Weine ^büofopbie ift 
innerbolb ber ©ebronfen ber menicblicgen ßrfenntniä überhaupt 
bie wirfliebe Söfung be8 föätbfelS ber Söelt. $n biefem 
Sinne fann fie eine Offenbarung beiden. S.ufptrirt ift 
foldje bom ©eifte ber SBabrbeit, fogar finb im 4. Söudje 



*) $inbner fudjt bier bureb. biefe bera&minbernbe Auslegung oon ber 
©elbftroertr/fcbäfeung @d?opentjauer3 roenigfien« ba$ lädjerlicbe 2Ro; 
ment 3U entfernen. 



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62 



tniffologie um) ^fiffologie 



einige Paragraphen, bie man als Pom heiligen (Seifte 
eingegeben anfefyen fönnte." §luch finb feine Briefe an 
mich öoa beleihen flogen (Selbftgefühß." 

31. Per |Jttbel #ri]openljauers nnb bes Jßnttid i'trrn; bus 
btßänbige ^elbjtlub bes Ifleijtertt nnb feiner 05 ereilen, ^djoptn* 
haner bulbei keine (gtnroenbnngen, keinen jUtberfprudT. 

ffiemt e$ fich bei Schopenhauer um bie ©elbftoerherr* 
Itzling r)anbcltc, ba f)k$ e3: £)tlf, ma$ Reifen fann, — ba 
muftte fogar ber fonft als Sttärchen erflärtc heilige (Seift mit= 
helfen, um feine Offenbarung $u einer Offenbarung (Sottet $u 
machen. 

Sluf alle biefc ©clbftoerherrlichung hinauf geflieht (£inem 
orbentüch wohl, wenn Jrauenftäbt in fetner ©d)ilberung be£ 
"»ß^tlof opr)eitct>araf tcrö gur (Mmlung ein wenig auf ben £unb 
fommt, wie folgt (©. 155): 

„2luf unferem erften Spaziergang oergarj jeboch ber Phiwfoph 
über unteren metapbnfifchen Problemen boch auch uicht feineu 
Rittet 1 ). Einige 5Nale mar biefer au weit oorauSgelaufen unb 
mar un§ au3 bem ®efid)te entichwunben. s 2Il§balb rief ihn fein 
err burch ein geUcnbe* pfeifen, ich glaube, auf einer fleineu 
reife, jurücf. 5U3 mir gegen $lbenb mieber in Schopenhauer^ 
53ebauiung angelangt maren, ruhten mir üon ber gehabten 2ln= 
ftrengung bc§ kaufend unb be$ mährenb be§ fiaufenä ununter- 
brochen fortgelegten ÖtefprächS au§, mährenb Sttma iein Butter, 
einen Heller Pott Rleifch, berührte unb fich bann un£ gegenüber 
ebenfalls jum $ludruhen lagerte, ^och bie 9tube bauerte nicht 
lange; nach einigen gleichgültigen ©efprächen brach £ dj o p e n 
hauer nach bem Sefefabinet auf. 3ch begleitete ihn noch bi§ 
bahiu unb nahm bann 5Ibfchieb mit bem Söuniche, balb auf längere 
3eit fommen ju tonnen. „$bun Sie bte£", fagte er, „Sie finb 
boch menigftenS ©iner, mit bem iich ein Sßort reben 

mr 

(Sin (Eomplunent erforbert ba3 anbere, im ttächften Kapitel: 
„2. s Jttein fünfmonatlicher S3er!er)r mit ©chopenhaner", fagt 
jrauenftäbt : 

„(£3 tonnte mir nichts erwünühter fein, al§ nun einen ganzen 
Söinter in bem milben SHima granffurtS m fc er sj^he eines 



») ©ieiem ^Jubel hatte «Schopenhauer ben Manien Sltma beigelegt, 
n>a3 „SBeltfeele" bebeutet, ©in niebt gu ü&erfefyenber $3en>ei8, wie 
burch biefen großen Center bie SBeltfeele auf ben #unb ge* 
tommen ift. 



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m SBcttmcifm <5djop«ibau<r. 



N #bif ofopben su Derweilen, ben icb für ben gröfcten unter 
ben lebenben bielt." 

3Gßie aber bann, wenn ber (Sdjopenfjauer ben g-rauenftäbt 
apoftropljirt (jätte: ,,©ic gehören audj $u ber klaffe ber 53t- 
pebrä, mit wela>er fieb fein gefct)eibtcs Söort reben lägt"? £>anu 
würbe gftflumftäbt ben ©ebopenljauer fict)cr nidjt für ben größten 
^Ijilofoptjen, fonbern für ben größten fflcftd gehalten Ijaben. 

©djopentjaucr batte feinem jünger audj oon feiner ©elbft- 
werrtjfdjäfeung eine tüdjtige Portion mitgeteilt. (Er berietet 
über ben fünf monatlieben SBerfefjr mit Sefjopenfjauer im 
^afjre 1846 (ß. 158): 

» -Diefc ©tuuben mufe id) $u ben febünften unb gcbaltüottften 
meinet Sebent reebnen. 3eb mürbe in tfmeu mit ©ebopenbauer 
fo intim befreimbet, unb biefe greunbfetaft fefcte ftcb fpäter in 
feinen ©riefen an mieb unb in feinem SÖermädjtntS fo fort, bafc 
icb wobl ol)ne Uebertreibung annehmen barf, deiner habe ibn 
fo nalje fennen gelernt al3 id), deiner fo tiefe «liefe in 
bog Sttefen feines* GJeifteS getban al§ icb." 

@3 ließe fid) au$ grauenftäbtS Sluffcbjeibungen eine gange, 

feljr intereffante 3Hufterfammlimg oon ©djopentyauerS (Selbfc 

lüert^febä^ungen. b. b- »on einer nodj gar nia)t bagewefeneu 

giteifeit sufammenftellen. ©o j. 53. (©. 161): 

,,3d) oerbielt mieb Sctopenbauer gegenüber metft em* 
pfanaenb jubörenb, unterbvacb ibn nur feiten bureb Segens 
beuterfungen , beim einerfeitä mar eö ein ©enufj, ibn *u bören, 
unb anberfeitä f)atte icb febon malgenommen, bafe er (Sin* 
menbungen niebt liebe." 

2Wan mußte eben an iljn glauben, wie an ein @oan- 
gel i um, fein 2$orftetlung3frei3 burfte ntdjt burdjbrocfyen, um 
einen ©runb, ber fnnter ober unter bem $Öillen unb ber 
33orftellung liegen fönnte, burfte nidjt gefragt werben; 
ba würbe er grob unb bradj bas ©efprädj ab. Qx 
wollte eben nur ftumme $uljörer unb 93cwunberer. 

ferner (©. 161): 

„•Scbopenbauer war ftcb feinet toeranfebauliebenben $)ar* 
ftettunaStalenteä aueb felbft bewufet unb glaubte, bafj er bureb 
badfelbe febr sum ©djaufpieler befäbigt gewefen wäre." 

SCötr erfinden bebeutenbe 3ttimifer, naa^bem fie ba$ 

Stafjlftidjporträt in £inbner*®minner§ 53ucr) betrautet, it)rc 

Meinung über biefen <Sa>pent)auer ate Oa^aufpieler abju^ 

geben, 2Bir erlauben uns felbftmftänblidj unmaßgeblich ju 



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64 tfniffologie unb ^ftffotogie 

meinen, (Schopenhauer hätte 5. 33. tu fämmtltchcit Shafefpeare* 
(Stüdfen nur ben Äönig £ear unb biefen »nur in ber 
gluchfeene (3. 5lft, 2) mit Erfolg geben tonnen. SßMr er- 
tnnern uns, in unferer $ugenb ben §)elbenfpieler ^tnfe^ü^ in 
Sßten mit einer bem (Schopenbauerfchen (&eficbt ähnlichen 
ShataftermaSfe beim tfearflud) gefe^en ju haben. 

<S. 162: 

„(Sin eigentümlicher #ug in Schopenhauers (Uefprächen 
mar, bafi, roo e§ ber ©egenftanb auliefe, er ebenfo leicht bon objec* 
tiben ^Betrachtungen auf fiel), auf feine Nerton unb ihr Scbicffal 
überging, bie Slnroenbung auf biefe macbenb, al§ umgefehrt öon 
feiner $erfon auf objectibe, au§ jener abfrrahirte Betrachtungen. 
35aber fommt e§ auch, bafj Schopenhauer in feinen Söerfen, 
befonberS aber in feinen SHanufcripten öfter üon fich rebet, 
al§ anbere Scbriftfteller. Mber ihm bie§ al§ (Sitelfeit auflegen, 
märe boch fehr unüerftänbig. ©in $bilofopb betrachtet feine s #erfon 
ebenfo objectiü unb macht fie ebenfo gut sunt Gtegenftanb be3 
StubtumS, mie anbere.* 1 

©3 ift fehr fchmeichelhaft, menn grauenftäbt ben begriff 
^h^ofoph mit allen £ugenben be3 ^^tlofop^en auSge* 
rüftet hinftellt unb ben (Sharafter (Schopenhauers furjmeg 
mit biefem begriff ^u beefen fuct)t. (Sbenfo gut fonnte man 
fagen: (Sin $$tfofoph ift ein fittlicher SJcenfch, ein ^tlofo^ 
ift mit Anbeten liebebotl unb nadjfichtig, ein ^h^foph fchaut 
nicht alle anberen aflenfdjen als lieber, (£fel ober (Gauner an, 
bie ihn betrügen motten, ein ^hü°f°Ph lmr ft ^ eutc » °* c *h n m 
feinem 23orhaufe geniren, nicht gleich über bie (Stiege hinunter, 
u. f. m. 



32. 3u ftxntn 5*rijrfib*n nnt $fbnt brcljt ftrfj gilita nm ftint 
CBrößf mtb nm bif tlrm £*büljr*nbe JUeribfdjö^ttna unb 

Ijcthaöjttmg. 

©. 162: 

„2)en oberften Safe feiner ÖebenSmeiSbeit b- 93-, baß nämlich 
baS Söefte, mag (Siner bat, in bem beftebt, mn§ er an 
fich felber bat, unb bafc, mo biefes gering ift, aller äufeere 
®lanj unb 9ieid)tbum nichts hilft, hatte (Schopenhauer au§ 
feiner $erfon abftrahirt, mie id) beutlich an ber SSenbung, bie er 
jenem Safe im ©efpräche mit mir gab, erfehen fonnte, ba er ben 
Safe fo begann: „^mmer mehr habe ich in meinem Sehen ein* 
fehen gelernt", u. f. m." 



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bed SeUioetfen Schopenhauer. 65 

fjanbelte ficf; mit einem 'Boxt in feiner $Gilofop$ie, in 
feinen ®efprädj?n, in feinen £agebüdjern nur immer um feine 
Serthfchäftung; wenn tfjm biefe in jenem SJcaße, in bem er 
felbe £>eanfprucr)tc f nidjt gemäbrt würbe, ba fing ber £öwe an 
aufeufpringen nnb brüllen. 

ftrauenftäbt (162): 

„(£inft maßte er feiner Snbignation ü6er bie gegen ifcu 
beobachtete Xatüt be§ 3gnoriren§ nnb ©efretirenS in bitteren 
?lu§brücfen Suft. „2Öie", fagte er bei biefer (gelegen bett, „ein 
ßöwe, nadjbem er eine gute Seile im ®äfig gelegen, wieber auf* 
ipringt unb an ben eifernen Stäben be§ $äftg§ ju rütteln beginnt, 
iieb erinnernb, wer er ift 1 ), 10 fifee id) bier in meinem 
®rimm u. f. ro." SSon biefem 2lu§brud) perfönlidjer Erbitterung 
ging er aber plö&licb an bem allgemeinen objectiben ©a&e über: 
Qui non habet indignationem, non habet ingeniutn, unb Cttirte mir 
bafür ein fpanifcbe§ ©prtebmort. 9Iu§ bem Ingenium feiner eigenen 
Snbignation t^atte er alfo jenen objeetwen ©afc conftrutrt." 

MerbingS befag ©djopenfjauer baS ®enie, feine £)enN 
weife, feinen (ftebanfengang, feine SEBcltanfdjauung, feine §anb* 
(ungSwetfe, — Wiz$ unb $ebe3 ju fnftematifiren, barum aiU 
gemeine Regeln für bie £)enf= unb £>anblung3weife ju con^ 
ftruiren; ba3, was er für üDcetaphpfif hielt, unb baS, wa§ er 
fief) au3 feinem Xlnm unb äffen abftrahirte, ber ganjeu 
2Öclt als (Glaubens* unb ©ittenfnftem aufeubifputiren 
unb nicht nur gegen $ene lömenartig ju brüllen, bie ihm miber* 
fprachen, fonbern auch $ene 311 verfolgen, bie fiel) um ilm niebt 
fümmerten, bie ihm alfo meber Slufmerffamfeit noch 28iÜfäfjrigfeit 
entgegenbrachten. 

Slnerfannt, gelobt ober minbeftens gefürchtet werben, biefer 
©unfeh ge^t 3U Imnbert SDcalen aus all feinem ©innen, üDenfen 
unb bem tfautwerben be^felben fyx\)QX. 

grauenftäbt berietet weiter (©. 163): 

„Umgefebrt ging er aber aud) bon objectiben ©ä&en 
auf f ich über, fieb al§ SBeifpiel bafür anfübrenb. ©0 fagte er 
einft: „Öie meiften SBücber werben wieber bergeffen. SBletbenben 
(Sinbrucf machen nur biejentgen, wo ber $lutor fidj felber ganj 
hineingelegt bat $n allen großen SBerfen ift ber Slutor felbft 



0 2>a§ ift gerabe fo, al$ ob ber Jörne au fid? felber fagte: ,,^a, ta) 
bin bo# eine roilbe «eftie unb mufc bieS ben gaffenben aafjmen 3roeifüfelem 
bi§roeilen geigen". 

» v u n n c r , «itiff otoflic unb ^fiffolocjtc. f. 



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tH> Äniffotogte unb ^fiffotogte 

gana roieber^ufinben. %n meinen SSerfen ftetfe id) feI6ft gans. 
Man mufc ftd) bur<fcau§ jum Sftärtnrer fetner Sadje machen, roie 
id) e3 gettjan." 



33. Sie mtmberi feinen genialen (Scftöjiöattsbrttm, reine (f rlinbenljett. 
m t II alle injilüfa pljiftf rofetToren m »* einer ßarhatrdje bnrfljprügeln 
unb läfft aufs ilene ben iHenföjen nan einem 3»ajimpönfen in 
alüdtlirijfv IHunbe gebaren werben, fpridit über ^rijlangen= unb 
€ibedj fengebnr ten einen unglnublirijen Unjinn fufammen. 

„S8et biefer ÖJelegenljeit fogte er: „9Jcan fiefjt e§ meinem 
.Stopfe cm, bafe id) biel in meinem Seben gearbeitet t)abe. $)ie 
Arbeit ift mir au§ bem ®eftcf)te lefen." @in (Sngtänber, Tagte 
er, Ijabe if)m an ber Table d'höte gegenüber gefeffen, oljne ifjn m 
fennen, unb naefcbem er iljn eine SSetle angefefjen, Ijabe er an ibm 
gefagt: „&err, <Sie müffen ein grofeeä Söerf bottenbet baben. 1 )" 

Die armen ^rofefforen, meiere e£ magten, gegen feine <ßl)Uo= 
fopfrie (Sinmenbungen §u madjen ober biefclbc audj nur 311 tgno* 
riren, mürben oon ilnn im 1. 5öanb ber Parerga unter bem 
£itel ff Uiüücrf ttätöprjtlof opf)ic " einer ($eneralsüd)tigung unter* 
äogeit. @r \pta$ über biefen ^uuft (©. 164): 

„^a, in ber Sugenb ift man fo ergaben, aber im Hilter roirb'3 
anberS. $d) Ijabe 25 ^afnre lang biefe ©rbabenfjeit befeffen unb 
Ijabe gefd)ttnegen, aber iefet miß tdj fie gana faltblütig süchtigen; 
id) fdjreibe ntdjt für bie jßbilofopbieprofefforen, bie tdj süchtige, 
bann ift bie $eitfd)c, mit ber id) fie burcfcprügle, feine gemeine 
®arbntfd)e, fonbern oergolbet unb mit feibener <§>dmur ummicfelt, 
äbnlid) ber feibenen Sdmur, bie ber Sultan anm (Srbroffeln 
id>irft." 

$ntereffant ift, baß alte biefe ^iebensroürbigfeiten, meldje 
er feinen Gegnern münfdjt unb gugebadjt fjat, fidj in feiner 
^(jnfiognomie finben, bie fidj burd) einen lömenartigen, babei 
oudj ed?t raubtljierifdjen $orn unb eine btefer Xljierqualität %\u 
fommenbe 33iffigfeit unb 33erbiffenljeit au^eia^net. 



*) 2>er angebttdje Sßropfjetenbltcf biefeö (£nglänber3 madjte beut 
3S3ettn>eifen eine fo grofje $reube, unb bie Erinnerung an biefen grofjen 
unb fa^arfen ©efta^tSfunbigen fdjtoamm immer fo obenauf im (Sebäcr/tniffe 
<Sd)open bauerä, bafc er oon biefem fötgtänber 3U feinen »erfdjtebenett 
Vtpoftetn mit großer Vorliebe unb öfter su fpredjen pflegte. 68 ift nid>t 
3U überfein, tote er aua? oerfdjtebene Vertreter anberer Nationen mit 
JÖetounberungSpbrafen über fein geniales StuSfefjen ring§ um fein ?ötoen= 
fjaupt gelagert r)at 



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CCy 5ü5fltU>CttCtt ©u)Of>enDaUCl. 



67 



<5>el)r tnteref faut ift es, mie €>djopenl)auer mit aller pfjtlo; 
fopljifdjen Cmtfdjiebentycit über bie ©nrmicfelung be3 Sflenfdjeit 
von ber fdjmargen gfarbe gur meißelt unb über bte (Snthricfelimg 
beS SWenfd^eii aus ber £biermelt fpridjt. GHne GSKnmenbuitg 
gegen biefe feine Xbeorie mirb nidjt gebulbet, fonft fommt er 
mit ber §e$>citfdje. 

@. 168: 

„$ll§ mir Dom Urguftanb be§ SKcnfc^enQeic^tecötS fpradjen, 
faßte ©ajopenbauer: „3)er SWenfd) mar uriprünglid) fdjmarg 
imb ei» reinlidjeS, mic ber 9lffe, üon SÖeßetabilien lebenbe§ ifjier. 
(Sinntal in ben Horben bineinßcbränßt aber tonnte er obne SJleifd) 
nic^t mebr beftetjen unb bat baburaj, fomie burri) bie SHeibuttß 
e'ine unreine unb efelbofte 3Md)affenljeit außenommen." ©ctjopen* 
bauer mar feft baoon übergeußt, bafj e3 eine generatio aequivoca 
aebe. 21ber bafj ein SBefen mie ber SWenfd) unmittelbar au3 bem 
Sdjfomme entlauben fei, bielt er für abfurb. „9cein", faßte er, 
„bte Statur fteißert ftd) allmäblid). Sur ßlücflidjen «Stunbe, 
al£ alle Söebinßunßen bagu oorbanben roaren, leßte einft bie 
©djlanße, nadjbem fte ungäbliße ERale (£ier gelegt batte, morauö 
mieber nur ©d)lanaen mitrben, ein (£i, au§ meldjem eine @ibed)fe 
mürbe. 2Ran bente ftd) einen Slbler, mie foute ber au§ bem 
©crjlamme bernorgefommen fein? Ücetn, gur ßlücflicben 
(5 tu übe mürbe etnft au§ bem föabtd)t ein 5lbler. Unb mieber 
gur ßlücflidjen <5tunbe mürbe an§ bem (Sbimpanfen ein 
kenfdH" 

Sir motten ba$ Ungereimte, fo tue! e£ geljt, in SHcimc 
bringen. ^ mt ^ ^ gef ^^ 

Den 9ftenfd)en im $aräbieä, 
(h* ftammt oon einem Siffen, 
3$ mei|l e3 gang gemifj. 

Unb ^aoiane gieren 
9)2ir meinen Üljnenfaal, 
$dj fdjau gu biefen Steteren 
SBoll 21nbad)t allemal. 

Drum tmV id) aucr) fo gente 
^n ber SDtaagerie, 
Unb motyl mirb infofente 
3)?ir bei bem lieben $ieb. 



l ) Unb toteber eine qlütflidje (Stunbe, in n>eld)er au$ cinent 
(Srjimpanfenenfel ber cnöfete ^fitlofopf) wirb, ber ba$ IRätbfet beS 
UnmerfumS enthüllt. 



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Äniffologte unb *Pftffotogtc 



$)ie (Otiten gefj'n auf Bieren, 
$>ie Slnbem finb aweibeinig, 
Unb fonft ift mit ben £l)ieren 
$)er 9ttenfd) ganj gleidj unb einig. 

Ijab' idj e3 erbaut mir 

$u f5' ran ^f lir * an ocm Sftoin- 
$)ie größte 3r rcuoc wa(^t mir: 
(Sin Slffenenfel fein. 

#um £rofte allen Pfaffen 
§ab' id) erfonnen bieS, 
Gin Söalb ooll lauter Riffen — 
£>a$ ift mein ^arabieS. 

grauenftäbt berietet roeiter (@. 169): 

„Stuf meine grafle, tote e8 benn fomme, ba§ bie 9tatur, nacb* 
bem fic einmal aur glücflicf)en©tunbe au3 einem (Schlangenei 
eine (Sibedjfe beröorgebracbt, naebber boef) au£ ben ©erlangen 
roieber neue ©drangen berüorgingen, ermiberte er, fie tonnte e£ 
eben nur einmal jur glüctlicben <Btunbe. 9?acbber pflanzten 
ficb"bie Seetangen mieber nur als ©drangen fort." 

(&§ ift bod) toaljrljaft unbegreiflich, wie fo ein ©djüler be£ 
^ilofop^en feinen .§errn unb üßeifter fo entf djieben bla- 
iniren fann. 3ll§ ©djopenljauer obigen Unfinn fprad) unb 
Jrauenftäbt benfelbigen Unfinn bem Öefepublifum jum ®enuffe 
»orfefcte, fjaben eben beibe feine g lücf Hcr)e ©tunbe ge* 
Ijabt. $n ber Xfjat ein eflatantes SBetfpiel jum. 33cn?eifc 
ber £f)atfad)e : ma3 fict) ein 3flenfd) in feinem (^röpemoalm 
alles erlauben barf. 

34. £iebt tttfferorbenilti^ $imbe. Jlpriäjt über f&ijetemns mtb 
3Tljri|ien. jfrprütri über (Baltlei «ms Romanen unb (ffafdruijt&rogen, 
meint: „bte rotren Hatarntenfiiren etfeagen ben (Slanbtn im GSott". 

@. 170: 

„2Bir ipracfjen öom &unbc. „$)er ipunb", iaate <Scf)o|ieii' 
bauer, „ift eigentlich ein Stoubtbier. $)er Üftenfd) bat itjn ftd) erft 
3u bem gebogen unb gebübet, roaS er iefct ift, 311m jabnieu .S?au3s 
tbier. SBenn e£ feine ©mibe gäbe", fügte er binsu, „möchte irf) 
nicht leben." 



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beS SBeltmetfen @cf>optnfrauer. 09 

$)a3 ift (ebenfalls fc^r d)arafteriftifd) unb enthält audj eine 
pfwbologifdje Satyr fjett. @r liebte audj nur (Sdniler, bic lumbc- 
gleidj oor iljm berumfrodjen unb ben größten t>on iljm Der- 
gebrauten Unfinn gebulbig hinabwürgten. (£in cntfdjtebener 
Widjtfriedjer tyätte iljm ja bei feiner SintenumfturÄgefc&idjte, au* 
meldjer er bie greibeit läugnete unb alles Xfjun be3 2)2enfd)en 
als 9}otfjmenbigfeit criuetfett wollte, unb bei feiner SluSfiuicbt 
mit ber glütflidjen (gtunbe bei ber (£ibedjfener$eugung gerabe^ 
wegS unter bte 9?afe ladjen müffen. greiltd) fjätte er einen 
©djüler ob biefeS Attentats aus ber <Stube gejagt unb mellcidjt 
je nad) böfer £mme wie bie üflarquet über bic «Stiege Ijinal^ 
beförbert. 

SSefonberS tntereffant finb ©djopenfjauers ®efpräd)c über 
Ideologie (©. 171): 

„£>eit ÄopernifuS", fagte ©djopenbauer, „fommen bte 
$beologen mit bem lieben ©Ott in Sßerlegenbeit, benn eS ift fein 
öimmel mebr für ibn ba, mo fte ibn roie trüber ptaciren fönnten. 
Meiner bat bem SbeiSmuS fo üiel gehabet, als $opernifu$." 

$m Parerga, 2. Auflage, 1. 93b., ©. 55, fagt ©ebopen^ 
bauet in felbiger föidjtung: 

„3>er emftlid) gemeinte $bei§muS fefct notbwenbtg üoraus, 
bafj man bie SBelt einteile in Gimmel unb (Etbe; auf biefer laufen 
bie SWenfcben berum, in jenem ftfct ®ott, ber fte regiert. 9?immt 
nun bie 51ftronomte ben £>immel weg, fo bat fte Den ©ort mit 
weggenommen: fie bat nämltd) bie SBelt fo auSgebebnt, bafc für 
ben ®ott fein 9faum übrig bleibt. 9lber ein petfönlicbeS SBefen. 
mie jeber ®ott unumgängltd) ift, baS feinen Ott bätte, fonbem 
überall unb nirgenbS märe, läfet ftcb blofe fagen, niebt imagimren 
unb barum niebt glauben. $)emnacb mufe in bem Sftafee, als bie 
Dbtiftfcbe 3lftronomie populnriftrt roirb, ber $bei§muS fdjminben, 
fo feft er aud) burdj unabläfftgeö unb feierlicbeS SSorfagen ben 
9)?enfcben eingeprägt raorben, mie benn aud) bie fatbolifebe ®ircbe 
bieg fofort rtebtig erfannt unb bemgemäi baS föopemifaniiebe 
©Uftem »erfolgt bat, roorüber baber fid) fo febr unb mit Beter* 
gefebrei über bte Sebrängnife be§ (Galilei m bermunbem einfältig 
tft, Denn omnis natura vult esse conservatrix sui." 

$ÖaS bier ©djopenljauer bei bem „entftlid) gemeinten 3$ei& 
ntuS al«? notbmenbig" oorausfekt, ift nur eine Grfinbung biefes 
SBeltweifen, um bie £ef)re ber $ird)e über baS SBcfen ©otte^ 
lädjerlid) machen 31t fönnen. 2BaS er oon topernifuS unb 
(Galilei behauptet, gibt ein 3 cu 9 ,u fo er alle neuen feft* 
geftellten fyiftorifdjen ©rgebniffe über ©alilct unb 



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70 



Äuiffologie unb ^nffologie 



ftopernifuS ignor irt, um feinen ^(tfjeismuS mit einer (Gloriole 
umgeben 311 fönnen. 3Me „§tft Sßolit. sölätter" in -äftündjen 
haben fc^oit im 9. Q3anbe, 1841, ben $alileiprocefi grünblia) 
beleuchtet. 2BaS f eitler nodj barüber enthüllt würbe, ift in 
„&efcbicht$lügen M , 7. Auflage, «paberborn, ©djbmngh, 1887, 
®. 480 — 494, 311 finben. (££ ift 3U betonen, bafj biefer ^^ilo^ 
fopb bie Chrgebniffe ^iftorifeber jorfdjung mit totaler ^iicfjt- 
beachtung bcr)anbelt unb 31t Öügen unb (Sntftellungen ber 
(ttefdnchte als S8ewei3mittel für fein (Softem feine ^uflucbt 
nimmt. 

gerner (©. 172): 

„Schopenhauer läuonete, bafe bie 3bee <&otte8 angeboren 
fei. „£er 4bei3mu3", faßte er, „ift anersogen. 2Ran fage einem 
tfinbc nie etmaS Don ®ott, fo wirb e§ bon feinem (Sott miffen. 
©ben bnrum ift ber 5hibbbai3mu§ fo fd)ön." $)ie SBubbbiften 
nannte ©d) openbauer, beiläufig gefaat, feine ©lauben§~ 
gen offen unb fagte, wenn er am Sterben fein werbe, werbe er 
in feiner bubbbtfttuben 53ibel lefen." 

Sonberbar, als er furj oor feinem £obe oon Schmerlen 

gefoltert mürbe, rief er wieber holt : „£) (#ott, mein ®ott!" 

Unb auf bie ftrage üc ^ 2lr$te3: „(S^ifrhrt benn noch ein ®ott 

für $f)tt 'ß^ilofopljie?" befannte er: „Sie reicht ofme ®ott 

in ben Schmerlen nicht au3, c£ fofl bamit, wenn idj mieber 

gefunb bin, anberS werben." 2Ötr haben ben weiteren Verlauf 

f djon früher gebraut, factum : bie r a b l e r e i mit bem bubbb> 

ftifchen SBibellefen oor bem Sterben ift nicht in Scenc gefegt 

worben. 

grauenftäbt fährt fort (S. 172): 

„$US idt) bagegen einwenbete, au8 Mo§er 9lner$iebung laffe 
fieb bie Sbee ©otte§ auch nicf)t erflären, benn (Siner müffe boeb 
juerft aufbiefelbe gefommen fem, ehe fte bureb 3lnerjiebung weiter 
fortgepflanzt werben fonnte, mir ferjeine ber Aberglaube, bte $)eift* 
Dämonie, ber gemeinfcbaftlicbe Urfprung ber ©ötter wie be§ ©ott* 
glaubeng ju fein, ba fttmmte mir Schopenhauer bei unb ber* 
wieg auf &ume8 öerwanbte tafterungen. 9?icbt bie SSortrefflicbfeit 
ber SBelt — benn biefe laufe boeb nur barauf bmauS, bafe ber 
SRenfcb jur 9?otb ei'iftiren fönne — fonbern bie Uebel ber SBelt, 
OTfewadbS, Sßeft, igungerönotb u. bgl. eneuaten in ben ®emütljem 
rober Sftaturmenfcben ben ©otteSglauben." 

(£3 wäre auch eine Aufgabe, barüber nachaubenfen, mobura> 
in ber ®emüthloftgfeit flegelhafter Unnaturmenfcbeu berSÜheiS- 
mit 5 erzeugt würbe. 



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be$ ©cßtoeifen (Schopenhauer. 71 

35. Orr mödjtf niriit v\jnt tjnnoe, null aber bafnr ajjn« 05ott 
lebfit. 5rost, ©att fei *tne (Erfmbaitö b*s jtabeitttntm*. <£tn 
pjjUafaplfifä*r .Sdjujhr bi* giriere JUljUafapln* mit 

öriTODf it hon er. 

(& 173: 

„©djopenhauer erinnerte ferner an &ume§ 5leufeerung, ba§ 
ber ®ott bem Üötafchen fo gemein fei, al§ fie felbft, weshalb fie 
ihn fortwährenb fdjmeichelten unb hulbigten. £a(jer ba§ unaur* 
hörlidje ©erebe bon bem Slttmeifen, ^Etaütigen u. f. w., mä'hrenb 
bodt) bie SBelt boll Jammer, 9?oth unb (Slenb fei, inbem Sfranfheit, 
$rieg, $eft unb £mnger3noth in ihr mutzet. „SBenn man", tagte 
Schopenhauer, „ben 93ubbhai§mu§ au§ feinen Cuetten ftubirt, 
ba wirb e§ einem IjetI im ®opfe, ba ift gar nicht ba§ bumme %z* 
rebe bon ber SJBelt au§ nichts gefdjaffen, unb bon einem per* 
fönlirfcen ®erl, ber fie gemacht hat. $fut über biefen 

Sonberbar! Ohne §unbe möchte biefer ^fnlofoph nt«§t 
(eben, aber ohne ©Ott und er leben. SBtr erinnern uns, feine 
ähnliche $8la3ph em ie $otte3 als bc^ SSkltenfchöpferS ge* 
lefen ju haben. Unbeadjtef unb ungerügt unb unoerurthetlt wirb 
biefelbe hingenommen, — ba£ ift ein (S^araftertfrifum ber 
3eit, in ber wir (eben. Söenn aber mm $emanb fagen würbe: 
„<&o fann nur ein jum ^öd^ften ©otte^haffe borge- 
brungener gan^ orbiuärer $erl fprechen. '»ßf ui über 
biefen <Schmuft!" — fo gäbe es ^hifofopljenfdjület genug, bie 
in einer folgen 93emerfung $ntoleran$, JanatiSmus, ^Dummheit, 
Aberglauben, ^faffenfnechtfehaft unb wie eS in ber ©djtmpfsöitanei 
beS confequenten Liberalismus weiter fortgeht, finben würben 
unb bie ben großen $fn'lofop$en wegen feines 3rreimutheS aud> 
noch ^ ©tf)itfc nehmen möchten. 2Bir erflären gan$ falten 
33luteS, baß Schopenhauer burch bie f e Sleufjerung eigentlich 
ben ihm oon oerfchiebenen (Seiten gugemutheten ißerbacht ber 
zeitweiligen 33crrücf tl)eit aus Größenwahn energifd) 
beftätigt hat. 

33ei bem SBcltmeifen wirb ber alltägliche, blöbefte Kaffee* 
hauSfchwäfcer einiget Hnfehen gewinnen, wenn er fich gegen baS 
Däfern eines tranScenbenten ©otteS ausbricht. 

So (<3. 172): 

ift boch", fagte er ein anbereS Mai, „eine fraffe Sbee, 
ber $hei3mu3. (£r flammt lebiglich auS bem Subenthum. s 4ber 
bie herrfchenbe Bcitrichtung entfernt ftch immer mehr bon ihm 



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72 



Ämffotogte ntib ^fiffologic 



unb näfjert fidi immer meljr bem Pantheismus. 3d) fyöxte in 
einer ©efellfci&aft einen jungen, niditgeleljrten 9J£ann, als oon ©ott 
btc 9?cbc mar, fagen: „ffiarum fottte (SJott lüc^t fein? ©eljet ber, 
überall ift ®ott; bieler 2Sein bier ift ©ott, bie ßiebe ift (Sott, 
2llle3 ift ©ott." 

©elbft ber Sölöbfinn eines ®d»uatf>fopfeS ift tym als ein 
beweis für fein «Snftem willfommen. $)ie obigen trafen biefes 
jungen, nidjtgelefjrten Cannes ftefjen ja $u taufenb Skalen in 
Rettungen gebrueft, meiere eben bie „fjerrfdjenbe Sritriajtung" 
mit matten Reifen. $ludj ber glia^dmftcr aus meiner Knaben- 
Seit l)er Ijatte biefelbe ^fjilofopfn'e in irgenb einer Kneipe auf; 
gegabelt unb jeigte fie jum 23eweife feiner Suifgeflärtfjeit umljer. 
„(Seijen ©ie", fagte er einmal im harten au mir, „in jeber 
$Mrne, in jebem Äpfel, in jebem Sölatt, in jebem ©onnenftraljl, 
im SBtnbe, ber wef)t, im fteuer, — überall ift Gtott unb 9llleS 

ift mttv 

Wlix tarn fd)on bamals bas föenommiren biefeS pljilofo; 
pfjifdjen ©dmfterS fomifdj oor. Qd) fagte il)m einmal barauf : 
„(Sie ^aben SRedjt, audj in jebem abgcfjatfdjten ©djlapfen (fd?icf; 
getretenen ©d)Iappfdmlj) unb in jebem alten ©tiefei, ben ©ic ju^ 
fammenflirfen unb jufammenreben, in öftrem 'Jtappljefen ($leifter^ 
fdjüffel) unb im ©dmfterpedj, — überall ift ®ott!" £>arob 
würbe biefer ©eltweife erzürnt unb fagte mir: „Sftan mufj 
aus fo ernftfjaften ©adjen feinen ©pafc madjen, unb es ift gar 
ntdjt fdjön, weun fo ein junger SOienfd), wie <5k finb, einen 
alten 9ftann wegen feines efjrlidjen §anbwerfs oerfpottet." $d) 
war aud) oerfeffen unb wottte bie gefränftc ©fjre beS |)errn 
Sieger (fo t)icß er) burdjauS nidjt repariren. $dj fagte ifjm: 
„Qd) eftre $ljr §anbwerf, aber idj meine, ber ©djufter fott bei 
feinen Seiften bleiben unb nid)t ben §errgottSfdjufter fpieleu 
wollen." &ud) er gab ntdjt nadj; er meinte, es fei ein Uebel, 
wenn fo junge Seute mit iljrem Sßiffel Semen in ber (Sdjule 
fo ftol$ unb fetf werben unb alte, erfahrene Seutc foppen wollen, 
u. f. w. — $)er gute äftann ftatte mit anberen großen ^ilo- 
foppen nur bas (£ine gemein, bafj er fidj auf fein (Softem fcr)r 
oiel eiubilbete unb baß er fid) burd) jeben Einwurf gegen baS= 
felbe jum #orne retten lieft. 



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fces gSkltwrifm ©c&open&auer. 73 

36. i>« gfttfwnmgen nnh llrtireüe über Cbrtftas txttt ntut 
&ttflö3* tülimti>tftfrfr itfntjj nnb talmnbif^Jtt giöbfron*. 

3fn feinen ^eupenmgen über (£fjriftu§ unb ba3 (Sfjriftentljum 
reurhmbet ber ^bilofopl) eine großartige ^rioolttat, bie aber 
bnrd) feine impertinente Unnriffenfjrit in tfjeologifdjen fragen 
nod) mit überwogen wirb. 

@. 174: 

„3n öinfidjt aur(£briftu3 ftimmte ©cbopenbauer ber 2ln= 
fid^t be3 SHaimaruS in beffen 93ucb bom .Amect $efu unb feiner 
jünger bei, monad) ber urfprünglidj trbtfcbe 3Keffta3, at§ bie po= 
Ittifcben Ghtmartungen, bie man öon ibm beste, niebt in (Srfütfung 
gegangen maren, nacb ber ®reu*igung öon ben Stpoftetn 
tn einen bimmlüc&en umgefcbaffen morben. (!!!) £er 
biftorifcbe (£briftu§ fei nur ein Demagoge gemeien, ber fid) jum 
$ömg ber 3"ben babe machen motten. 5Weffia§ beifce ®efalbter, 
$önig, unb niebt obne (örunb bflbe man über ba§ ^reuj gefcbrieben: 
„Jesus Nazarenus Rox Judaeorum." (Später, a($ ba§ (SJeboffte febl s 
aefcblagen mar, bätten Slnbere mit ber Nerton 3eiu bubbljaifttfcbe 
Jbeen üerbunben, bätten bubbbaiftifcbe 9)?oral an feine (Sefcbicbte 
gefnüpft. öiernacb fei bann ©briftuS ber 9fepräfentant ber SBer= 
netnung oeS willen 3 ^um Seben gemorben, ber un§ niebt 
Pom 3oru ®otte§ — biefe #nficbt fei jübifcb — fonbern Pon ber 
bemalt be3 $eufel§, b. i. bon ber Sejabung be§ 2ötlten§ 
Aum Seben erlöft babe. 2)er etbiic&e ©ebalt be£ Sbriftentbum* 
fei alto bubbbiftifcb." 

®$ ift fid)cr nocfj mefjr brollig als blaSpljcmifdj, 
menn ber ©eltmeife fyier ben 33erfutf) inadjt, bas ^Birten be$ 
SelterlöferS jur SBerfjerrlidjung (eines ©pftemS in ba$; 
felbe (Verneinung, 93ejafmng bes SBittenS) etnsufdjadjteln. 
(Sbenfo brollig ift bie Sfotmort auf ba3 Q3ebenfen grauenftäbts 
(©. 175): 

„2113 idj ©ebopenbauer bierauf fragte, mie e§ gefebeben 
tonnte, bafe fieb an bie fimple GJefcbicbte eines iübifeben Fernas 
goa,en lotd^e überfcbmengltcbe äftptben unb Segenben an= 
fnüpften, mie bie neuteftamentlicben, führte er mir jur drläuterung 
anbere 9Wt)tbenfreife an, bie fieb in ber ($efcbicbte an manebe ttiu 
bebeutenbe s $erfonen unb 93egebenbeiten gefnüpft baben. 3)a§ 
Safttfcbc biefer lefeteren fei fegr öerfebieben öon bem, ma8 bie 
Sage au$ ibnen gemaebt bat. (So fei nacb neueren £$orfcbungen 
baä ben poetifeben Sagen öom ®önig 5lrtl)u§ au ®runbe Iiegenbe 
.'Oiftorifcbe jiemlicb unbebeutenb, uno niebt mmber unbebeutenb, 
niebt minber geringfügig möcbte mobl ba§ eigentlicb ^iftorifebe 
Pom Xrojanikben Kriege fein, ba§ ber 3Ua§ 31t OJrunbe liegt." 



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74 



ßniffologie unb ^fiffologie 



Sa3 gehört für eine unverfrorene ©elbftgenügfamfeit ba$u, 
ba3 gange neue Üeftament, baä gange drfa^einen (£hrifti unb 
feiner Kirche auf Grben mit ben 'Sagen über ben König 9lrthu3 
unb mit bem oon §omer gefchilberten £rojantfchen Kriege 31t 
Dergleichen, unb was für ein blinber Köhlerglaube, biefe 
Perforationen beS SBeltwetfen als ed)t unb Vollgültig $itt$lts 
nehmen ! 

2Btr werben bei einer anberen Gelegenheit 1 ) auf ben im 
i8ud)e be$ SRaimaruS enthaltenen C^traft au£ ben ©Triften ber 
alten Üalmubiften gurürffommen unb jugleidj ben oollgewid)* 
tigen $)ufatenantheil, meieren bie 9lmfterbamer $uben 
an ber ^ßublifation biefer ©cr)rift burdj Seffutg gehabt 
haben, nadjmeifen. 

37. Wit luaattue Uibtlnrtttk ifl fem &tljü$tn. &t\nt Citate aus 
Itirdjtnuättrtt, feine cklntoutr UnurilTculTrit aus Jertuüinna 
SMtjrtjTen itaöjgemtcjen. ©r unoinjt ote effitf jh iruirm 

(SÜebrauäj. 

©elbftoerftänblich paßte bie mobeme negatioe SSibclfritif 
oolffommen in feinen Kram unb in fein ©Dftem, was aud) 
ftraueitftäbt beftätigt (©. 175): 

„Schopenhauer war fehr erfreut über bie (£rge6niffe ber 
neueften biblifchen Kritif, ber aufolge bie 2lpofalt)pfe ba£ eigentlich 
echte unb cfcriftliche 93uch fei. (5r fal) barin bie Söeftätigung feiner 
Anficht, baft ba§ alte, echte ßhrtftentbum afeetifchen ®eifte§ mar. 
„3n oer Slpofalupfe", fQQte er, „wirb bie ©heloftgfeit gepriefen", 
unb er roieS ba6ei auf bie Stelle (£ap. 14, 4*), bte er in feinem 
bleuen £eftament angeftrtchen hatte. „9?ur bie mobernen prote- 
ftantifchen Optimiften", Tagte er, „erflären bie (£be für etwaS 
•poheS, J0eiltge3, (Wörtliche* £ertullian hingegen habe gefagt, bafj 
bie ®he Dom Stuprum nicht mefentlich oerfdueben fei." 

2öir erfuchen oorerft ben £efer, ben ©inn, welchen bie 
Ktrchenoäter in biefer ©teile gefunben fftöiii, in fatholifchen 
(Sjregeten ober nur in ber 9lllioli41eberfefcung, welche gebeut 
leicht zugänglich tft, nachäufehen, wo er in Kür^e angegeben ift. 



') 3n einer (Schrift: „tfeffingiafte unb 9catt)anologie". 

2 ) „2)iefe ftnb'3, bie ftdj mit SBeibern nicht befleeft Reißen, benn fie 
fmb Jungfrauen. (Sie folgen bem tfamme, toofjin e3 gefjt, fte fmb er* 
lauft auö ben Sföenfajcn als Grätinge für ©Ott unb baS Samm." 



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btf SMtrocifeu @d)opatfNtucr. 75 

Da fteüt ftdj bann biefelbe gan$ anberS fjeraitö, als ltac^ bei* 
willfürlidjen Deutung ©djopenfyauerS, bie aus bem Don tfjm 
aufgehellten ®egenfafce 31t ben „proteftantifcben Dptimiften" 
beroorgefjt. 

S>efjr oorfidjtig beutet meber Sdjopenbauer, nodj Jrauen* 
ftäbt an, wie, manu, wo, bei welker ®elegenbeit iertulliau 
fo entwürbigenb von bev (£t)e gefprod)en t)abe. ^n bei* Sdjrift 
Ad uxorem, II. Söudj, 6. (Eapitel, aber fagt Xerrullian: 

„SBie füllen mir e§ üermögen, bie ©lücffeltgfeit ber (£t)e gu 
idjilbern, melcbe bie $ird>e fließt, ba§ Opfer beftätigt, ber Segen 
befiegelt, bie Sngel berfünbigen. ber SBater al3 gültig annimmt, 
ba felbft auf ßrbeu bie Söfme fid) ntd)t obne (5'inftimmitng ifjrer 
53äter mit ^ug unb fWec^t üerbeiratben. SSelcue SBerbmbung 
sweier ©laubigen, bie <üemeinfd|aft einer Hoffnung, einer 
^ebenSorbnuug , beäfelben ©otte§bienfte3. 5Öeibe SBruber unb 
Sc&mefter, betbe im ielben Dienfte, feine Trennung bes ©eifteä 
unb gkifdjeS. SBabrlid), awei in (Sinem feinte, wo (Sin tfleifdj, 
audj (£in (&eift. Sie 6eten ^ugleid), fie werfen fidj sugleid) nieber, 
fie faften äugleid); fie belehren, fie ermahnen, fie tragen einanber 
gegenteilig. (Sie finb miteinander aufammen m ber S$ird)e (Rottes, 
bei bem Mfable bc£ £>errn, fie t&eilen miteinanber 9?otl), S3er= 
folgung, greube; feine§ üerbirgt etmaä öor bem anbem, feinet 
meibet ben anbern, feinet ift bem anbem läftig, frei wirb ber 
.Vhranfe befugt, ber Dürftige unterftüfct, 9llmofen werben obne 
©ei* gegeben, Opfer oljne s -8ebenfen bargebraebt. Der tägliche 
d)riftlid)e (Eifer finbet fein fchibernife, man brauet ba§ ^etefcen 
beS ®reu$e3 nidjt gebeim au balten, m an brauet nidjt frf)ücf)tern 
bie cfcriftlicbe Sreube auSaufprecbeu, fein ftummer Segen, $falmen 
unb fotjmnen ertönen unter Reiben unb fie wetteifern miteinanber, 
wer feinem ©ott beffere Soblieber finge." 

Wir fefjen fjier au§ einem wörtlichen ^eugntjs Dertullian*, 

wie biefer (nadj ©djopenfjauer) bie @be oerädjtlid) be- 

fprodjen fjat. Da t)at nun Sdjopenbauer entweber feine 

eigene Unwiffenbeit bocumenttrt ober gan$ unoer^ 

froren auf bie Unwiffenfjeit feiner Dilettanten fpe- 

culirl. 

$n ber Schrift: De exhortatione castitatis fud)t Der- 
tullian einen fatr)olifct)eii greunb nadj bem $obe oou beffen 
Jrau ju bewegen, er möge feine neue (S$e eingeben : fdjon beim 
Urfpnmg be§ 3)knfa)engefa)lea^te§ fei auf bie (£inf)eit ber (£be 
bingemiefen. Das isöeifpiel ber Patriarchen fönne fjicr nid)t 
gelten, (#ott (jabe ba3 gut Ausbreitung beS 3ftenfd)engefdjledjte* 
Sitgelaffen. möge aderbingö erlaubt fein, ftdj wieber ju 



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76 



Ämffologie unfc ^fifiotogic 



t>eret)elid)eu, aber nidjt SüfeS, roa3 erlaubt ift, frommt, ©enau 
genommen fei bie atoeite (£I)e eine ipurerei; bei ber jroetten 
Qfy umgeben ben 9)2ann jroei grauen, — ^it eine bem 
gleifdje, bie anbere bem (Reifte nad), u. f. to." ©omit 
fpridjt £crtuflian nur oon ber 2Öicberoerf)eiratt)ung, 
loäljrenb il)m @djopent)auer biefe Aeußerung über bie (£t)c 
im Allgemeinen in ben -Dhmb legt, um einen fdjarfen 
©egenfafc mit ben „mobernen proteftantifdjen Optimiften" 
t)erau$$ubefommen. 

SBir bemerfen hier beutlich baS (SSfamotireu unb ba§ Xafdjen^ 
fpielen nidjt nur in ber ©ebanfenoerbrefjung, fonbem aud) in 
tljatfadjlidjer (SjntfteHung oon Zitaten, roeun e3 nur 3um 3ioecfe 
bient, unb fönnen bc§l)aI6 mit öoflfter Berechtigung eine 2luf= 
forberung an ben roat)rr)eit3liebenben tfefer rieten: biefer Gattung 
SBcItmeifcr nid)t 31t trauen, it)nen auf bie ginger 311 
flauen unb fich oon ifjren «Sophismen nicht tauften, bura) 
ihre SRebefünfte nicht aufs (£is führen 3U laffen. 

2)ie 53erbre^ungen beS wörtlichen X^atbeftanbe^ finb bei 
tiefem tybiio foppen ettoaS ©eroölmlicheS. (£r malt fich feinen 
Gegner auf ein SSrett, ioie er ihn brauet, um ir)n mit feinen 
(^efdjoffen 311 bearbeiten, wie er lernst. 

38. Pif lri?tat JJtnö« finb ifrm übfrnbtvi'ub futuibtr. <£r b*r 
sröfctf Wtlixotift, — ber &vin$tv ber ittaljrljett. 

©. 176: 

„(58 mar oon ben „legten fingen" ber Geologie bie SHebe. 
Schopenhauer faßte : „(Smige sÖerbammnife — nrie abmrb! 
gür ein Sehen oon 30 Sauren eroige SBerbammnifc!" 

gür baS £eben ift feine SBerbammniß in SmSficht gefteflt, 
fonbem für bie entfdiiebene, im oollen 93eioußtfein ooll^ 
Sogene 9lbfchr oon ©Ott, — roohtn ber Saum bann fällt, 
heißt e$, bort roirb er liegen bleiben. $e entfd^iebener bie Auf- 
lehnung, bie Abfehr oon ©Ott — bie Uebertretung feinet ©c* 
fe^eS, bie 23erläugnung feinet 2)afein3 unb feines ©crtchteS 
über bie tfebenbigen unb lobten, befto größer auch bie ©träfe. 
2)a3 ©ericht aber bleibt ©ort anheimgefteüt, bei einem üflen* 
jehen, ber ©Ott, ben SBeltf Töpfer, einen per fön liefen $erl 
nennt, fann man fchon auf gcittoeilige 93 errücf tjr)eit im 
©rößeutuahn fließen, ^ntereffant unb merfnuirbtg bleibt 



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Seltocifen ©ajopenfjauer. 77 

c3 immer, baß ben SÖutfjauSbrüdjen btcfeö Söeltmetfen gegenüber 
bem perfbnlid)en ®ott immer eine Vergötterung feines aller- 
wertheften $<5h nachfolgt: er fe%t fid) an (Rottes ©teile, er 
qerirt fidj alö Selterlöfer burd) fein Aftern. So auf ber^ 
felben Seite (176): 

„Geologie unb 93f)ilofopfjte", fagte er, „ftnb wie atoei 2öag* 
Malen. Se mebr bie eine finft, befto metjr fteigt bie aubere. $e 
grö&er ber Unglaube in unferer 3eit wirb, befto ftärfer erwacht 
ba§ Vebürfnifc nach ^bilofoppie, na# SWetaphtrftf, unb ba müf fen 
iie su mir fommen." 

$mmer gcrirt fich er als ben einzigen, wahren unb 
regten Vertreter ber Wlofo^te. So gleich wieber @. UiJ: 

„gür einen ftauptirrtbum ber $&ilofppbte be§ Gartefiuä unb 
Spinoza erflärte Schopenhauer bie Sßermifchung üon SSifle 
unb llrtbeil. „Seiner", fagte er bei biefer (Selegcnfteit, „bat fo 
idjarf amifdjen Sßille unb Sutelleft aefd)ieben, wie id). $)er 3n= 
tetteft weif? oft gar nicht, wa3 ber Wiüt für ein Sterl ift, wie i<jt> 
in meinem Sapitel Ü6er ben Primat be3 SBiUenö gezeigt habe. 
Der 3nteIIeft traut baber aud) bem Söitten nicf)t, wenn er einen 
Vlan aefaftt bat, benn er weife öor ber SluSfübrung nicht, ob e» 
bem 2Siflen ernft bamit ift. Sftandjer bilbet fich ein, er mürbe fo 
ober io banbeln, menn biefe ober jene Umftänbe einträten, unb 
menn fie bann eintreten, mirb er au feinem ©rftaunen gewahr, 
bafe er gana entgegengefefct. banbelt, a» V. frembeä ©ut fich an- 
eignet, menn ferne ®efabr ber (Sntbecfung unb Veftrafung öor* 
liegt, roäbrenb er üorber glaubte, bafc er unter alten Umjtänben 
cbrlidj banbeln mürbe." 

SDaS ift boa) lauter Sopljtftif unb foll mit anbeten Sotten 
Reißen: SDtondjer bilbet fich ein, ein ehrlicher Wlann au fein, 
unb fieljt bei (Gelegenheit fpäter au feinem ßtftaunen, baß 
et ein (Gaunet ift. — 2öenn bet 2ttenfd) ben feften moralifcbeu 
öntfchluß gefaßt, er)rücr) au fein unb au bleiben, fo wirb er 
biefen (£ntfchluß aud) burdphren, menn er e3 fia} nur ein* 
bilbet, ehrlich fein unb bleiben au wollen, unb bleibt er e* 
bei (Gelegenheit bennoa) nicht, fo bat er and) feinen ernftltcben 
C^ntfcr)lug gefaßt gehabt. 

®. 186: 

„gerner rühmte er an feiner ^fjilofopbie bie uharfe Son* 
berung aroifc^en Verftanb unb Vernunft." 

$)a$ haben ja auch fdjon anbere oor Schopenhauer be* 

tont unb bura)aufühten gefugt gegen bie ein Qahrhunbcrt 

lang üblidie Sdmlfchablone: „Verftanb ift ba£ niebere, Vernunft 



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78 



Äniffologie um> Wffofog« 



ba$ böljere ©rfcnntiüpt^crniögcn". @£ foinmt fefjr oft bei 
Scbopenfjaucr üor, baß er (^ebanfen, bie längft üor ilnn 
auSgefprodjen werben finb, für feine Gnrftnbung ausgibt; er ift 
immer ber ßinjige, p ifjm müffen alle fommeu. (Et 
fdnmpft über §egel, ber gefaxt Ijat: $cf) bin bie 2£af)rl)eit, — 
er fdjimpft aber audj mir, mcil ifjm §egel in biefer läcberlidjcn 
^ratenfton bcn Vorrang abgelaufen, felbe t>or ibm au$gc= 
fprodjcn Ijat. 

39. fltötoeüeii ltajte gnaenbltriu. Weber ftm* ItyUoFopiji* 8*bt 
niöjte mefrr Titians. #ra«enjiäbt lobt Jtoj felber als ben 
^HtinJjölb 3fdjüp*njjött*rs". Gin foböffana. an ben 

Dr. JFrmtenJIäbt. 

<£* fällt um niajt ein, in Slbrebe ftellen, baß oft aud) 
lid)te Slugenbltrfe in biefeS enrige <5pkl anrifdjen Sitte nnb 
^erftellung, in biefeS alle ©reigniffc be$ £eben3 in feinen i?ou 
Üjm conftmirten ©nftemfaften bineinjufcbadjteln, iwrfemmen. 

©o 8. 188: 

„91l§ SBeifpiel, mie mandjmal ein Seiben bie SBefebrung plö&lid) 
erbeiiübrt, er^äblte er mir bie ®efd)id)te be§ 9ttaimunbu3 2ullu§, 
er fid) in eine ©<$öne Derliebt nnb ibr naebgegangen mar. Siefe 
roieS ir)n lange ab, enblid) aber liefe fte ifm oor fieg fommen, ent- 
blöfctc ibre Dom ®reb§ serfreffene Söruft. 2)a ging er in fid)." 
(5htrf) in ber 3. Auflage ber „28elt al§ SBiUe nnb SBorfteHung", 
I., 3. 466.) 

6. 184: 

„$)ie Sßbilofopbie müffe bod) enblid) einmal in eine ©pi&c 
auslaufen, einen Gipfel erreidjen. <Bo mie e§ nur eine ßbemic 
gebe, fo tonne e8 aud) nur eine mabre $jjttofof>(te geben, 
unb menn tiefe einmal gefunben ift, bann müffe man bei ibr 
fteben bleiben, fönne ni<$t mebr über fie binauä." 

Dem ?efer uürb e3 nad) ben melen früberen 9lu3fprüd)en 
©d)openf>auer3 nidjt ferner fein, bei meinem ^3 1) i l o = 
fopben bie roaljre $f)ilofopf)ie gu finben fei, über meldic 
binauSäugefyen jebem folgenben ^ilofop^en bei ©träfe 
i»on 20 2ftarf unb breijäfjrigem (Sljrcnoerluft ftreng 
ßeitd »erboten mirb. 

©. 185: 

,,©d)Openbauer tbeilte bie ©eifter im TOaemeinen in brei 
klaffen: 1. ©oldje, bie au§ eigenen TOtteln ba§ tftedjte finben unb 
machen; biefe feien febr feiten. 2. <§old)e, bie e8 smar niebt 
iclDft macben fünnen, aber eS erfennen, menn es" ibnen öorgelegt 



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be$ Söettrocifen ©cfcopcnljaucr. 



79 



wirb; audj biefer gebe e§ nur wenige. (£nblid) 3. foldje, 
bie e£ Weber tnadjen, nod) erfennen tonnen — ber Qxokz &aufe. 
$iefe§ ba6e kfcon £efiob gefaßt, u. f. W. 3« ber zweiten klaffe 
toon ©eifiern rechnet © dj o p e n l) a u e r 9*einfwlb unb 51. SB. ©Riegel, 
bic jtöar felbft nicf)t§ SöebeutenbeS flemni^t, aber ba§ ©rofie in 
®ant unb ©oetfje erfannt unb jur Geltung gebracht fjätten. äßid) 
f cfj t e ii Scf) openbauer in Söesug auf fid) feI6ft jur 
^weiten klaffe ju rennen, mi$ für feinen föeintjolb 
3U galten." 

^Dicfe ©elbftberäucberuug ift augercrbentltdj brollig. Der 
9tyoftel ©djopenfjauerä (wie ©djopenljauer bic §erren 
Verbreiter fetner welterlöfenben ^Inlofopfjic nannte) baifi ftd>: 

fjabe je§t fct)on an 100 Letten in eincmfort bem §)errn 
unb Sfteifter einen SDcetfjtiegcl Doli fügen ©tmu;3 nadj bem an= 
fcern aufgefegt, — id) iniig bod) einmal audj an midj f elber 
beuten unb mir autf) einen auffegen, unb fomit erfläre id) 
öffentlidj, baß id) ber gtociten pfjilcfoplnfdjen klaffe (WfyU 
rauher) angehöre, beren 3JKtglteber basi föedjte swar nidjt 
felber 51t erftuben t>ermbgcn, bie c3 aber erfennen, wenn 
e3 ilmen vorgelegt wirb: and) biefer gebe es nur wenige. 

©0 fagt ber Dotter f^rauenftäbt f 
Der aus bem Junbament t>erftef)t, 
$3ei feinen 33unbe^labetän3en 
9ttit £orbeern felbft fidj gu betränken. 
$)er 9ttcifter ftetgt bte ftetle treppe 
3um 9tul)me3tempel ftolj fjinan 
Unb grauenftäbt trägt i|m bie ©djleppc 
Voll (£fjrfurd)t nadj als fleiner üftann. 
ffiet ba nieftt taugt 51t großen Atollen, 
$öirb audi 53cbiente fpielen wollen; 
©0 wirft er nun im felben ©tnne, 
ißHe Oieinljolb, totts &optrmafd)ine. 
Unb ben befa^eib'nen Üfttljm genießt er, 
^Der SRcinljolb ©dwpenljauerS ift er. 
511$ ^ebenfadje gilt ba§ Seljren, 
Da$ §ödjfte ift ba3 ©elbftoercljrcn, 
Unb barauf nur jielt alles teufen: 
©id) fclbft ba£ ^Haud)faß ooraufdjwenfen. 
©0 madjen btefe ^ilofop^en 
©id) fclbft 311 iljreS DenfenS ©toffeu. 



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HO 



Äniffotogte unb ^fiffo(ogie 



£)ie ©ternemoclt, meint bann ber Seife, 

T)refjt fidj um it)n tjerum im Greife. 

@r mattet fia) felber feine Selten 

Unb läßt ben ©djöpfer nid)t$ mefjr gelten. 

Unb weil er C#ott nidjt fann ermeffen, 

©oll alle Seit auf ®ott oergeffen. 

Unb fo nrirb ®ottoergeffenfjeit 

$ur (Signatur ber jüngften Qtit, 

$)a3 fjödjfte Qk\ ift ifjm gelungen, 

Senn if)m allein wirb $rei3 gefungen! 

3luf jebe tfobeslnjmne fpifct er 

Unb auf bem äfjrone (#otte$ ftfct er; 

£)ie ©elbftoergött'rung ift fein (Sult 

Unb jum Altäre wirb fein $ult, 

Unb Selten ofjue Unterlag 

Schöpft er au§ feinem Tintenfaß. 

£)ie oierfad)e Sursei be§ ©a$e£ oom (#runb 

(Srfefct ben Gilten unb s Jteuen SSunb. 

(£r felber Ijat e3 ja wie oft befeuert: 

„^d) fjabe ba3 föätljfel ber Seit entfdjleiert!" 

3$on meinem SBlifeftrafyl oernidjtenb getroffen 

©inb alle Pfaffen unb ^ßfn'lofopfjen. 

Unb bie jefct nadj Safjrljeit feufeen beflommen: 

„3« wir nur, ju mir nur tnüffen jte fommen!" 

40. 5»djon mittut $tlbftbttandittun$ unb ^dbßnrrljfrrltöjnntt. . 
<6'xbt uralte (Betanken für feine ßrfmimng ans. ilerfudit ftdj 

andj als Stnnfthenner. 

©. 185: 

„$)a§ $)afein ber (SenieS unter ben SRenfc&en", faate kf), „fcat 
ctroaS SSunberbareS. SBie fommen fte in biefe äNentdräeit ^tnehu 
ba fie fieb bod) fo fremb unb &eteroa,en fällen?" „ftür fid> 
freilid) niegt, aber für bie 2Renfd)&eit fommen fie inoieSBelt, 
um fie au§ föofjeit unb Barbarei ju erlöfen 1 ). 9l6aeter)en 



») aber roer feftüft biefelben in bie Seit V Sem tfl baran gelegen, 
bafe bie Seit an« fflofait unb Barbarei crXBft werbe? SaS bat bie mo* 
berne attjetfnfdje ^ilofopbif, fobalb fte in ben SRieberungen be$ $5ol!e$ 
prafttfd^ ^eimifdt) toirb, für §frü$te bejugS fRobeit unb ©arbarei bafür 
oberbawiber gebraut? ®o alberne fragen foHman felbjtöerfla'nblidj gar 
ni$t auSfpreaW ©title fein, nidjt murffen! 



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bes Seltroeifen (Schopenhauer. 81 

öon bem (Senufe, ben (SenieS an fich felbft höben, ftnb fie boch 
nur eigentlich bie ®reu$träger ber ÜJcenfchheit. 21 ud) fid) rech- 
nete «Schopenhauer ju biefen $reu$trägern. „3ch 
habe", fagte er bei einer anberen Gelegenheit, „mein Seben lang 
mein $reuj getragen unb habe beffen 2)rucf gefühlt". 1 ) *5)ie Genies 
rechnete (Schopenhauer ju ben hohen ©etftern, unb einft 
jagte er *u mir: „Ein hoher ©eift, baö roiU öiel fagen, bie 
roerben feiten gefunben." $af$ bie GenieS ihrer 3eit geroöhnlich 
um ein ^ahrhunbert borauS ftnb, bafür hatte Schopenhauer 
iola,enbe£ Gleichnifj: „2Bie bie Öugel, bie ich au£ ber ^Uiftole 
fchtefje, hunbert Schritte entfernt üor mir nieberfäUt unb ich nicht 
zugleich an biefem Orte, roo fie t)infäUt, fein fann: fo propeUirt 
baö Genie feine 3eit, fann alfo felbft bort nicht fein, roo e§ fie 
hinbringt." 

Me biefe 33emerhmgen be$ief)en fiel) offenbar auf tfjn, auf 
feine ^ilofopfjte unb auf bie gefjoffte Ausbreitung berfelben, 
benn es gibt ja aud) Oftaler, 3Mlbf)auer, 2ttuftfer, $)idjter, bie 
(Pentes ftnb, unb auf biefe fjat btefer ^iftolenoergletct) ^umeift 
feine Anrocnbung. 

(Sd?openf)auer hat audj bie Karotte, ©ebanfen unb 
Erfahrungen, bie gu unjäljHgen Skalen oor tljm gebaut 
ober gemalt roorben finb, für feine Driginalerftnbung 
auszugeben. (So 3. Seit als Stile u. f. to., 3. Aufl., IL, 
@, 455: 

„SDceine eigene oieljährige Erfahrung hat mich out bie ÜBer^ 
muthung geführt, bafj Söahnftnn berbäftnifcmäfjig am bäufigften 
bei Schauspielern eintritt u. f. to." 

Ofterfroürbtg vkibt, bag (Sajopenfjauer für bie djriftlidje 
üftalerfunft nicht abfic^tltdt) bltnb ift, roie (Stoetze, baft er aber 
auch baS ganje ^unftftreben c^rtftltcfjcr 2ttaler in fein <Sr^ 
ftem, ben ®egenfaft ber „Söejafjung unb SBerneinung bes 
95$tllenS sunt ßeben", einaufdjadjteln fudjt. 

Er fagte (©. 189): 

tiefer Gegenfafc ift eS, ber fich in ben roeltlichen unb hei ; 
ligen Silbern abfpiegelt, baher ber Eontraft betber. Xte roelt^ 
liefen Silber ftetlen bie ^Bejahung, bie fceüigenbtlber bie SBer- 
netnung beS SSitlenS sunt fieben bar." Sei btefer Gelegenheit 



») ©ufcforo fchilberte ausführlich, toorin baS tägliche Äreugtragen 
Schopenhauers bejtanb. ©ehr gut fjrühftücfen , ?efen, Schreiben, fein- 
gut SJfittag* unb 9lbenbeffen, Spazierengehen mit bem ^ßubel, fich bei ber 
table d'höte oon Slnroefenben, bie in ^bilo>ppbie machen ober boch fo 
thun, als ob fie in ^3t)itofopt>ic machten, anfehauen unb betounbern laffen 
u. f. to. 

»runner, »niffoloflic unb spfiffoloßtc. 6 



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82 Ämffotogie unb Wffologic 

fprad) er oon bem unüerge§ttdjen ©inbrucf , ben auf ibn in ber 
t)re8bener ©alerte einifle fteiligenbilber gemacht. „SBenn man", 
faßte er, „in ber T/reSbener (Stolerie fid) ben beiligen 8ran$i£fu£ 
öon tStfftfi anfielt, fo fd&aut er und au3 bem Silbe an, afö ob er 
iaaen mottte: 3dj fjabeSlfleS übermunben, eö ift toorbei, eS ift ia 
9lue8 nidjtö, e§ ift s 2llIeS •Spafc. 1 ) <5o feliö fieljt er un§ an." 

lieber bie Silber, in benen „ber eigentliche, b. h- ber etr>tfct)e 
(Mft be£ (Sfjriftentbums für bie $nfdjauung offenbar nrirb burcb 
■Uftenfchen, meldte biefes (Äetftea oott finb", bemerft ©chopen* 
Ijauer : 

„$tefe $>arftetlungen ftnb in ber Xbat bie böcfcften unb be- 
rounberungSroürbigften ßeiftunaen ber SKalerfunft, audj ftnb fte 
nur ben gröfcten lOfetftern biefer ®unft, befonberS bem SfJapfjael 
unb bem ©oreggio, bieiem aumal in feinen frühen Silbern, ge* 
Jungen u. f. tt>." 

9?achbem er einen C^curS (nach fetner gewöhnlichen 3ttarotte) 
über ®leichfteltung best ($eifte3 be3 (£hriftenthum$ mit ber in- 
bifdjen 2Bei$h«t gemalt, f fliegt er: 

„<Bo fpredjen jene etoig preiäroürbigen Sfteifter ber 
Äunft burd) itjre SBerfe bie bödjfte 2Bei§bctt anfchau* 
lid) au§." 

&us biefen Söemerhmgen, bie fidj ihre (Krempel nur aus ber 
3)reSbener Valerie ^uf ammengeholt, geht fidjtbar tyxvox, ba$ 
(Schopenhauer bei feinem Aufenthalt in föom unb §^ ren S 
ftdj um bie (Schöpfungen ber chrtftlichen $unft in biefen 
(Stäbten (er mar bort noch jung unb fer)r r^eibnifct) geftimmt) 
gar nicht gcfümmert r)a t r fonft mären ihm jum 93elege feiner 
Betrachtung oiele -Jtteifter unb SÖerfe ins ©ebäcr)rntö gefommen, 
meiere bie oon ihm angeführten aus ber QreSbener (Valerie 
weit überragen. 

$ntereffant bhibt $ob unb $tnerfennung ber „preis* 
mürbigen äfleifter, in beren SÖerfen bie r)öc£^fte 2öet^r)eit an- 
fraulich ift". Diefe Anerfennung jollt (Schopenhauer ben 
#ünftlern erft bann, nact/bem er früher ben Söerfuct) gemalt 
hat, biefelben mit feiner JabrifSmarfe 51t oerfeben unb fie in 
feine ©tyftemfdjublaben htneinpquetfa^en. 

*) 2Bcnn ÄCtcä ©pafe ift, bann märe bie<5$openf)auerfd}e Wto- 
fopljie ein $auptfpafj unb ber größte $f)üofopb ^ugleidj ber größte @pafj= 
»ogel. 



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bed Öeftroeifttt ©djopenbauev. 83 

41. Uer Tri) impft bif Hamüntiher. Unönriitujt Stfmherpear*. 
^bakrTpfarc nrrurt heilt bie alte, von $djopeuljatter nett 
attfgetttärmte JHarotte oon ber Hothwenbigkett. 
IHe „beuiußtlofc $traüibenf". 

$n feiner Definition ber föomantif wirft <Sd)openbauer 
lieber allerhanb 2Babre3 unb ftalfcbeS burcheinanber (©. 190): 

„(Schopenhauer bermarf ben äRifeoraudj, ber mit bem 
SGÖorte 9iomantif getrieben nrirb. „Xie Hegelianer", fagte er, 
„Öaben bem Söorte „Üiomantif" einen gan* anberen ©inn gegeben, 
als e§ uriprünajicb im ötegenfafce sunt Saaififdjen, 5lntiten ^at. 
©traufc nennt 93. Julian ben Abtrünnigen einen Sftomantifer, 
mäbrenb bieier buch aerabe baS 9lntife. ftlaffifcbe roieber aurücf* 
führen wollte. Die Stomantif ift ein s $robuft be§ (SbriftentbumS. 
Ueberfcbroenglicbe Steligiüfttät, pbantaftifcbe SSeiberberebrung unb 
ritterliche $apferfett, alfo (Sott, bie Xame unb ber Degen — ba§ 
finb bie ßennfteicften be£ SRomantifcfcen. Galberon ift ein dto- 
mantifer." " 

'ftacbbem nun (Schopenhauer mit unritter lieber $aüf erfeit 
unb fetjr pbautaftifcber 2Beiberoeracbtung bie 9ttarquet ein paar 
2ftal nieberwarf — unb if)in überfcbmenglicbe föeligiöfität auch 
nicht febr eigen gewefen ift, f)at er ficb burcb biefen wohl 
einzigen, aber fet)r gewichtigen Surf unb $M als einen 
$laf fiter erwiefen. — Daß ber 5Öeltweife einer „pfjantaftifchen 
s 23eiberrjerebrung" (aufrichtiger wäre e3, 511 fagen: einer SBertb* 
fdjäftuna, cbler unb tugenbt)after grauen) feljr abt)olb 
gewefen ift, baö läßt fich au§ ben febr oerbädjticjen Unioerfitäten 
unb SRealfdutlen erflären, in benen er feine fefjr realen Qbeale 
für ba$ ©tubutin 31t feiner 2WetapbPfif ber ($efd)lecbt$liebe auf= 
gefugt t)at. 

SGBir bringen bie nacbfolgenbe ^erbäcbtiguncj €»$ate* 
fpeareö als einen gerabeweg* biabotifdjen $ug ö£>n 
eminenter Öciotff enlof tgfeit unb Söoöftcit 

@. 203: 

„(£r (Schopenhauer) batte Sbafefpeare im Sßerbacbte, al$ 
märe biefer ein ^äberaft geweint, unb wollte bie* au* ietnen ©0= 
netten fdjliefcen." 

ffitt meinen, biefe 33erbäd)tigung fei aus bem ©rögenwabn 
(Schopenhauer* ju erflären, ber neben fid) feine (^röße 
bulben fon nte. (ftenie unb (Straftet tonnten bem ©hafefpeare 
nia^t abgefproeben werben, unb nun fncf)tc er ihm mit bem 



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84 



Äniffologte unb *Pflffologic 



£)ola)e im s Jtütfen eine SBunbe beizubringen. SfjafefpeareS 
SGBeltanfdjauung ftefjt nämlidj jener bcS ©cfjopenfjauer Diame- 
tral entgegen. 

$ur$ barauf mieber bie Karotte oon ber 9cotfjmenbigfeit 
alles gu ®efdjef)enben (©. 201): 

„$)a3 SBorberrfcben be§ 3ufünftigen in ber Clairvoyance er* 
flärte Scbopenbauer auS ber Sbealität ber Qtit unb ber 
DöHiaen SRotfjmenbigfeit afleS QJefcbebenben. „(58 tft", fagte er, 
„OTeS febon jefet, maS noeb fommen mirb; mir feben eS btofe 
mit unferen gemöfjnücben klugen niebt. $er Spettfebenbe triebt 
aber gleicbfam bie ©ritte ber Seit ooran unb fiebt eS." 

£>a ^aben mir gleiaj mieber ein Söetfpiel, mie ber eben oer^ 
ieumbete ©^afefpeare gang gegenteilig pr)tlofop^trt $m 1. &ft 
beS „flönig &ar" fagt (Sbmunb (Softer $aftarb: 

w $)a3 ift ba§ feböne 9carrenfpiel ber SBelt, bafc mir, menn 
unfer (Slücf unpäfjlicb ift — oft bureb eine felbft augeioaerte lieber- 
labung — bie <Sdmlb unfereS UiißlücfS auf Sonne, lERonb unb 
Sterne fdneben, al§ menn mir Seburfen mären bureb 
otbmenbigfeit, Sboren bureb binimtifeben eintrieb, 
Sebälfe, $)iebe unb Sßerrätber bureb bie (JJemalt ber 
Spbären, Xrunfenbolbe, Süaner unb (Sbebrecber 
bureb einen unmiberfteblicben Sinflufe ber Planeten, 
unb vllleS, morin mir böfe Unb, bureb aöttlicbe (Sin* 
mirfung. (Sine unbercjleicbltcbe SluSffucbt für einen 
föureniäger, feinen SJceerfafcentrieb ben Sternen jur Saft &u legen." 

$n ber Zfyat, bie Scfjopenhauerfaje ßäugnung beS freien 
Hillens im 2Wcnfcr)ert burdj feine erfunbene Xfyeorie oon 
ber 9totfj menbigf eit alles 311 (^efcfjefjenben tonnte mit 
feiner mudjttgeren Äeule niebergefdjlagen merben. 
(Gegenüber ber ^tlofopljie Sfjafefpeares erfcfjeint uns Sdjopen* 
fyauer als ein oor .^ocfjmutf) 311m äerplatjen aufgebunfener 
($ecf. (£r fügt fidj mcr)t bem $mange Dorliegenber (£rfd)eimmgen 
im SWenfdjengeifte, bafür feilen fämmtltdje drfdjeinungen feinem 
Softem fiel) fügen, gur 33erfjerrltdjung feines Genies gegmungen 
merben. 

bietet) barauf mirft Schopenhauer mieber bie prooibentielle 
Leitung ber (Sinjelnen mit ber 9cotfjmenbigfeit beS inftinft* 
artigen £fmnS ber $f)iere gufammen. 

S. 202: 

„Sebliefclicb fei noeb ermäbnt, ba§ Scbopenbauer mit mir 
aueb oon „proöibenttetter Seitung im Scbicfjale ber Cruiaelnen" 



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be$ ffielttoeifeit (Scbopenbauer. 85 

fpradj. (Sr fanb eine Analogie berfelben in bem inftmftartigen 
Stbun ber öftere unb ber in oem Snftinft maltenben bemufctlofen 
$rooibena." 

SBenn einer Ijinter bie fpanifdje $öanb, auf meldje 
<Sdjopenbauer fein (Stiftern t>on SBille unb SBorftellung ge= 
malt, fidj einen ©nblitf erlauben mollte, mürbe er oom 2Öelt- 
meifen feljr entfdjieben gurürfgebrängt. SCBenn e3 eine 
proptbcntielle Leitung gibt, fo muß e3 ja bodj audj einen 
prom'bentiellen Leiter geben. ÜDaS mirb feljr etnfadj mtberlegt. 
Die Leitung mirb anerfannt, ber Detter wirb abgeftritten, 
er paßt ntti)t tn§ (Stiftern. S&tberfprudj, Söebenfen, audj bie 
geredjteften unb ocrnünf tigften , werben bei (Sdjopenfyauer 
ntdjt gebulbet. (Stitlfein! Äufd^en! mar in beriet gälten 
immer bie le%te 9lu3funft. 

42. $tüt beiroetfelnbe Jfrage über Jcm Itnffrm bringt tfrtt in 
Ijaruifdj. £tüi lf tu unb ihm glauben! gtlUs <Taurrijung unb 
füg* aufttv iljm. <£in $tenh an ftnen Itot*r mit hololTder 

^«lbfitifrljtrrltrtjnng. 

204: 

„©eine (Altern betreffenb fab 6d)openbauer in ftdb einen 
lebenbigen Üöeleg für feine i*ebrc, bafj ber (Sbarafter, bie Steigungen 
unb Setoenfcbaften, für,} ba$ £>er* com $8ater, bagegen bie Sn* 
tettigens, it)r ®rab, ibre 23efcbaffenbcit unb föicbtung, Don ber 
Butter angeboren fei. (93ergl. „2Belt al§ SBtUe" ic, 33b. II, 
Kapitel 43.) 2U8 id) einft mit il)m über biefen (Segenftanb fprad) 
unb bemerfte, e§ tarnen mobl and) Stinber oor, bie nicfct ben (Iba- 
rafter be£ SSaterö bätten, ermiberte er furj: „Pater semper in- 
certus." 1 ) Unb al§ id) ferner in mir felbft einen bon meinem 
Später üerfd)iebenen (Sbarafter mabrgenommen babcn mollte, trofc^ 
bem, ba|i>ater incertus auf mid) nid)t anjumenben fei, erflärte er 
meine SBabrnebmung al§ Säufcbung. ,,©ie glauben", faßte 
er, „nur barum einen anberen (Sbarafter al§ Sbr Öater ju baben, 
meil 3br com SBater ererbter ßbarafter infolge be§ ibm non ber 
s JJiutter beigegebenen SJntelleftö eine anbere Sticbtung genommen 
bat, al£ bei Sbrem Sater. £$br SBille ift, prüfen (Sie ficb, 
mefentlicb berfelbe, mie ber ^bre§ 58ater§, aber bie SHotibe, bte 
biefen SEÖiHen in SBeroegung lefccn, ftub, al§ burd) ein anbereS 
yjiebtum, ben bon Sbter Butter ererbten SnteUeft, binburcbgebenb, 



*) Süöcnn e§ eine $ertbeibigung teineS ©pftemS galt, griff er $u jebem 
Wm, and) entfebtebene föofjeit im 3otenUeibe roufete er al§ ©treitfotbm 
ju oenuenben. 



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86 ffniffologte unb ^fiffobgie 

anbere, unb baber bie fcfceinbare SBerfcbiebenbeit be§ (£ba s 
rafterS." ©o feft mar ©cbopenbauer non ber Söabrbeit feiner 
2ef)re über bie „©rblicbtcit ber (£igenfd)aften" überzeugt @r liefe 
feine bagegen fpredjenbe ©rfabrung auffommen, 
fonbern erflärtc folrf)e für (Schein unb $äufd)ung." 

©efjr fonberbar, — er mußte immer Wedjt fyaben. Senn 
i§m ber gaben ausging, wenn e$ ifjm an ©rünben mangelte, 
Einwürfe gegen feine Slufftellungen *u wiberlegen, erflärte 
er biefelben feljr einfatf) unb gefdjwinb al3 ©djein unb lau* 
fdjung. £)as ging ioof?l bei feinen Slpofteln feljr leicht, biefe 
wagten e§ nidjt, in beriet gällen ifjren i£infprua) aufregt $u 
erhalten, unb mit (Gegnern, bie U)m rücffid^t^lo^ hätten SÖiber* 
ftanb leiften fönnen, ließ er fia) in feinen Streit ein. 

Unter feinen Sluffdjreibungen fanb ftdj eine $)ebifation 
ber ^weiten SluSgabe ber „SBelt als SBtlle" :c, „ben Stöanen 
meinet $ater$, beö Kaufmanns Reinritt} gloris ©ajopenfjauer", 
52 3eilen lang. 

Diefe £)ebifation läuft — wie MleS unb Silier bei ©djopen* 
Ijauer — in eine ppramibale ©elbftoerl)errlitt)ung 
binau^. 

einige groben barau* (©. 206): 

„©bler, mobltbätiger ®eift, bem id) ^iüeö banfe, wa§ id) bin." 
„$)enn, inbem $)u einen ©olm, wie id) bin'), in bie SBelt fefcteft, 
forgteft $u Augleiä) bafür, bafj er aud) als ein foldjer in einer 
SSelt, wie biefe ift, befteben unb fieb entmicfeln fomtte, unb fd)einft 
üorgefeben ju gaben, bafc $ein <sobn, 3)u ftoljer tftepublifaner, 
nid)t ba£ Talent würbe baben fönnen, üor 9J£iniftern unb SRätbeu, 
SRäcenen unb ibren töatbgebem $u frieetjen, um ein fauer ab$u= 
berbienenbeS ©tücf $rob erft nieberträebtig ju erbetteln ober ber 
uef) bläbenben 9J2ittelmäfeigfeit ;,u fä)meid)eln unb bcmütliig ftd) 
bem lobpreifenben befolge ctjarlatanifc^er ^Sfufctjer anjufebheften, 
bafj er öielmebr al§ 'Sein @obn aud) mit beinern nerebrten Sol= 
tatre benfen Würbe: nous n'avons que deux jours ä vivre: il ne 
vaut pas la peinc do les passer ä ramper devant des coquins mepri- 
sables. 2 )" „'Safe icb bie Strafte, bie mir bie Statur gab, auSbilben 



') ©eborfamer 25iener. 

*) ©onberbar ! £rofc biefer bodjntütfjigen UnabbängigfeitSprafjlerct 
ift biefer Voltaire am £ofe beS grofjcn ^riebric^ berumgefroeben, fjat 
fieb mit einem jübifeben ©auner juerft brüberlia> eingelaffen, bann 
ben Sjuben f elber iu bei (bummeln t>erfu$t, unb ift berfetbige Voltaire 
oerfc^iebener noefc ärgerer 9fteberträ$tigfeiten wegen oon fjriebrtdi mit bem 
<Sdbuf t enti t el beehrt worben. 



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■ 

beö Seltroeifen @d)opeiü)auer. 



87 



imb bem öerroenben fonnte, moAU fie beftimmt waren 0; bafj 
ich bem angeborenen triebe folgen unb für UnAäblia,e benfen 
unb arbeiten fonnte, roäljrenb fetner für mid etroaä 
tjat (!!!), ba§ banfe ich bir, mein Sßater. Unb Seber, ber an 
meinem föerfe irgenb eine greube, Sroft (!!) ober Belehrung 
finbet, fott deinen tarnen bernebmen unb roiffen, bafe, roenn 
Jpeinrich 5lori§ Schopenhauer nict)t ber äKann geroefen märe, 
ber er mar, Slrtfjur Schopenhauer bunbertmal ju ÖJrunbe ge* 
gangen märe. Unb fo lafj meine ^Danf barfeit ba§ (SinAige tfmn, 
ma§ ich für $)ich, ber 3)u üottenbet haft, Oermag: la§ fie beuten 
tarnen fo meit bringen, al§ meiner ihn au tragen im 
Stanbe ift." 



43. Pos ilerJjältnif ?n reiner $R\xiUr. flennt (Soetlje einen 
(fgoiflen; lebt leinen Jlrofeflar $djnl?e, boft biefer bei iJjw 
ben QTrteb für PhUöfapbie angeregt, r4rtnt|ift iijn aber barmtf 

boöj „ein $inbtiieb". 

Jrauenftäbt oerfucht e3 auf 16 (Seiten, ben (Schopenhauer 
bejügltch feinet traurigen 93erf)ältniffe$ au fetner Stfhttter, melcheä 
(&minner ohne föaifonnement mit fd)r ift liehen Belegen ge= 
bracht hat, roeifeumafchen. £a3 3erroürfni6 mar fo meit ge* 
btehen, baß Schopenhauer felbft lachte, als er feine 2ftutter 
unb Schwefter in ber Biographie 2lnfelm Beuerbachs, tyrauä* 
gegeben oon beffen Sohn l'ubroig Jeuerbach (tfeipAig, Otto 
Sieganb, 1852), perfifltrt gefunben. Die Stelle lautet: 

„Befanntfchaft in tfarlSbab unb granaenSbab. «ftofräthm 
Schopenhauer, eine reiche SBittroe. ücacht Don ber ©eiernd 
famfeit ^Srofeffton. Sdjriftftellerin. Schmafet üiel unb gut ber- 
jtänbig ohne ÖJemütl) unb Seele. SelbftgefäHig, nach Beifall 
bafchenb unb ftetS ftch felbft belächelnb. Behüte un§ ©Ott bor 
SSetbern, bereu (Seift au lauterem Berftanbe aufgefchoffen ift. £)er 
Stfc fdjöner weiblicher Bilbung ift allein in beS SSeibeS ftenen. 
$)aS (SänSchen, ihre Tochter: „3ch habe für Blumenmalerei Da» 
Oorjüglichfte Talent, — ich falle gana au§ ber (Snabe." 

Schopenhauer fchrieb an Jrauenftäbt, ber ihm bteje Stelle 
mitgetheilt, 12. $uli 1852: 

„2>anfe Shnen für Ußittbeilung ber Stelle im geuerbach, bie 
mir fonft mohl nie au ©eficht gefommen märe: bießharafteriftif 
ift nur gar au treffenb. &abe, (Sott Beleih' mir% lachen 



») 93on roem? 3Ber fjat benn biete ©efrimmung getroffen? Sine 
\o\ä)t ftrage f)ätte ©djopent/auer gefcfcunnb mit ^mptttinenA, Schein unt> 
£äufd)ung gebranbmarft. 



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88 frmffolooie unb Wffotogic 

muffen. Steine Schroetter malte 93lumen unb Heine menfchliche 
Figuren mirflich fe^r fdjön, u. f. m." 

$)ie Selbftroerthfchätymg ^errfc^te fomit in ber ganjen 

gamilie eptbemifd), unbgnxrr graffirte bief elfte in einem fo 

hohen (Grabe, baß fidj bie Üftitglieber fclbcr gegenseitig au§* 

Iahten ober nad) Umftänben übereinanber ärgerten. 

S. 224: 

«lieber (StoetheS (£barafter äußerte ftch Schopenhauer einft 
SU mir babin: „(Sin (Sgoift i ft biefer ©oetbe gemefen, 
ba3 ift mabr." 93on bemerfenäroertben Weiterungen ®oetbe§ 
ffU Schopenhauer führe ich noch an, ba§ Goethe einft ju ihm 
pefagt, fo oft er ein paar Seiten in Öean Sßaul lefe, übenomme 
ihn ein @fel unb er muffe ba8 S8uch meglegen. Schopenhauer 
erzählte mir biefe§, als mir einft überhaupt Don bem efelhaften 
Stöl mancher S chrif tfteller fprachen." 

Schon aU Schopenhauer noch ^orlefungen ju 93erlin 
hörte, oerfäumte er feine (Gelegenheit, um ben Atheismus, ba$ 
SBerläugnen eines tranScenbenten ©ottes als bie einige echte 
imb wahre ^htlofophie ju proflamiren. 

S. 238 : 

„Schleiermacher bemerft : 3n ber Religion ift baS SBiffen bon 
©ott in ber Sorm beS (SefübtS, in ber ^üilofophie in ber Sorm 
be$ SöegriffS, boch erfennen beibe ben ©egenftanb be§ anbern für 
ibentifch mit bem Sbrigen an." 

Obwohl mit biefem nebelhaften SluSfpruch Schleiermacher« 
eigentlich gar nichts gefagt ift, roaS irgenbnric eine pofitioe 
53egrünbung ber Religion in ber Siffenfchaft — baS Streben 
nach bem Riffen um ben (Grunb beS Glauben« — auch nur 
t>on ferne anbeutet, fo mar es bem Schopenhauer boch noch 
3U oiel; er fpielte barauf ben entfdnebenften Atheismus au£: 

„Die echte ^hilofophie mirb als etmaS höheres, al§ alle mög- 
liche Religion, biefer, bie fie begreifen unb burch)chauen mute, 
ifir 9iecht miberfahren laffen, bafe, tt>a§ bieie ®ott nennt, baSfeloe 
ift. mag bie ^hilofaphie in abftrafter, geläuterter unb (als bon 
allem 3ufafc frei) unumftöfelicb erfennt. 'Sie Religion aber mirb 
baS nicht ermibern fönnen unb mufe bie ^ßhilofophen, bie j. 93. 
einen objectiben ©ort Schöpfer, oberfte Sntettigenj läugneten, 
s Jltheiften fchelten unb für Söiberfadjer halten, roährenb biefelßhilo- 
fophen jene fteinbfchaft mit greunbfehaft (auS Ueberaeugung) Oer* 
gelten merben." 

Senn man bie JreunbfchaftSoergeltungen, oon benen 
ber SBeltroetfe fafelt, gerabe in biefer Dichtung gegenüber ben 



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bces Sßeltroeifen (Scbopenfjauei:. 89 

„föeligiöfen" in feinen Steuerungen betrautet, fommt man un* 
roillfürliä} sunt Ausruf: ($ott motte einen oor ber greunbfdjaft 
©djopenljauerS bewahren! 

Ueber ©a)leiermactyer, ber bocirt: ,,^f)tlofopljie unb Religion 
fönnen nidjt ofme einanber beftefjen, deiner fann Wlofopfy 
fein, ofme religiös su fein; umgefeljrt mufj ber föeligiöfe fia> 
roentgftens; bie Aufgabe be$ ?f)ilofopfjen madjen", erroibert 
«Sdjopenljauer in einer föanbgloffe: 

„deiner, ber religiös ift, gelangt jur s #btlofopbie, er brauefit 
fie md)t. deiner, ber roirflieb pbilofopbirt, ift religiös er gebt 
obne (Sängelbanb, gef ab rltcb, aber frei." 

Sin eflatante3 Söeifpiel, roie bie Slpoftet ©dfyopenfjauerö 
beftrebt finb, ibjen 9Ö?eifter nodj irreligiöfer &\i mad)en, 
als er fo fd)on geiocfen ift, unb roie fie ju biefem 3roecfe fid) 
aud) nod) Sertfälfdnmgen erlauben, gefjt au3 bem oorliegenben 
33eifpiele beroor. ®romner, ber obige ©teile audj anführt, fjat 
e$ für rätf)Iid> befunben, ba$ $Bort „gefä^Hd)" oor „aber 
frei" $u ftreidjen, um nid)t einmal auf bie mbglicbe, oon 
(Bcfeopenfjauer einbefannte ®efäljrlidjfeit be3 pt)tlo= 
foppen SBanbete bei feinen £efem Ijinsubeuten. 

©öS e3 mit ber pbilofopfjifdjen ^reunbfdjaftsoerfidjerung 
•3cbopenf)auer$ feinen Gegnern gegenüber für ein fomifcbeä 
^emanbtniß fjat, ba3 erficht man in 9Ui3fprüd)eu ober $u3 = 
brüten, benen fid) <s>d)openf)auer felbft feilten Jreunbeu 
gegenüber Eingibt; roenn biefe nidjt $o\\ für ßoü m ^ $ m 
übereinftimmen, ba regnet e$ robrtlid) „Diinboicbcr". 

grauenftäbt er^lt ©. 239? 

„'Seit $rieb, $u Jpbilof opbiren. erroeef ten bef anntlicb in © cb o p e n * 
bauer juerft bie Sßorlefungen ®. fr @cbulje§, beS ÖerfafferS be§ 
„Slenefibem" jw (Söttingen, unb entfebeibenb mürbe babei <Sdjutse£ 
perfönlicber $atb, ben 5$ribatfleife für§ (Erfte auMcbliefelicb ^laton 
unb ®ant sujuroenben, ebe biefe beroältigt feien, feinen anbern, 
namentlich nid)t 2lrtftotele§ unb (Spinoza, anjufeben. (Sin 9tatb, 
ben genau befolgt su baben ©djopenbauer, rote er felbft fügte, 
nie bereut bat. £a nun ©d)openbauer ber Anregung unb 
bem (Sinfluffe Sdntl^eg fo Diel ju üerbanfen batte, fo erwartete 
icb, bafe Öefctcrer tn ben föanbgloffen beffer roegfommen 
roürbe, al§ Siebte unb ©cbleiermacber. 3Meg ift aber 
feine§roeg£ ber Sali. §ln einer ©teile mirft ibm <Sdbopen = 
bauer „(SeroäW oor unb bafe er „ba8 ©öttlidje in $laton£ 



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90 



Äniffologie unb ^fiffologie 



„$biIebo3" gar ntc^t öerftanben" ; an onbcren ©teilen nennt er ba£ 
öon ©dntlae ®e[aQte Unfinn. ja er titultrt ifcn ba a(8 ©opbift 
unb faßt einmal tn edjt ftubentifebem $one: „(£r, ba§ 
ftinbtueb ©ebulae", u. f. ro." 

Sfofeerorbentlio) freunbfdjaftlicf) unb banfbar! 

44. fVirb mnibenb, mtnn ein JUjüofanb bas JDüftin tifotte* ütuij 
nnr für möglinj frält. S»««e im Qxeibbiras ?n Proben, Jlefmtrt 
ben §umar tmb labt biefe Pefmtitim als bie hefte, ferneres 

fidbftlab über Selbßtob 

2öenn ein "pfnlofopfj audj nur burcbfdjimmern lieg, baß er an 
eine Oftacbt, an eine (Sinfidjt glaube, meldte auf bie Regierung 
be$ UnfoerfumS Einfluß neunte unb ber eine fyöljere dinfidjt, 
als bie menfdjlidje eigen fein muffe, ba fam ber erafte 
9(tfjeift fogleidj in ben fyödjften pljtlofopfu'fdjen 30m. 

<5o ©. 240: 

„©cfoulse fagt: „Um bie 3tt>etfmäf$igfeit ber SBegebenbeiten in 
ber ©innentuett beurteilen $u fönnen, müfcten mir ©infiebt Dom 
f)öd)ften 3n>ecfe be§ UniüerfumS baben, mobon jene Söelt ein St^eil 
ift. 9hm gebort nur einige SBefinnung ba$u, um auf ben Söefih 
biefer (Jinftcbt feinen Slnfprudj ju maetjen." 

©a)on biefe oljnebteS f ct)r matt ausgekrochene Slljmmg : 
e§ fönnte bod) hinter bem ganzen fia] bor ber 9Dtafa>n klugen 
fjerumbrefjenben Umoerfum irgenb eine aftadjt geben, roeldje 
eine (Hnftdjt beftftt, auf meldte wir (Sterblichen bei 33efifc 
einiger Söefinnung feinen Slnfprudj machen fönnen, war Inn- 
reia)enb, um (Schopenhauer au3 bem Räuschen $u bringen. 

(£r macht ^ier^u in feinem atfyeifrtfdjen SBerbrufj folgenbe 
ffianbgloffe : 

„SBenn mir aber niebt einige, menngletdj unbollfommene unb 
bilblicbe ©inftebt bon biefem 3roecf haben, fo fönnen mir nicht au3 
freiem SBttten nach felbigem hinarbeiten, leben planlog unb 
muffen ^bilofobbie unb $elicjion wegwerfen." 

Selbft bie Srjä^lung, wie ihn ber ^uffeljer be£ £reib* 
Kaufes in Bresben für uerrüeft gehalten, gipfelt roieber 
in ber ^inmeifung auf feine eigene geiftige Roheit gegen- 
über ber £)ummfjeit ber anberen bipedes. £)iefe (£r$ählung, 



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be£ SBettrocifcn «Schopenhauer. 



91 



bie offenbar eben fo genaue unb [trifte Söafjrfjeit enthält, 
mie bic Söetounberung über fein geniales $lu3fehen, welche ihm 
bier Nationen ins i$efidjt gejdjleubert höben, bringt 3lpoftcI 
grauenftäbt (©. 241): 

„9113 Schopenhauer ju Dre§ben mit feinem föauptrocrf 
fcbroangcr ging, zeigte er, roie er mir felbft erzählt, in feinem 
28efen unb feinen ganzen ©ebärben etroaS fo s 2tuifallenbeä, ba§ 
man ihn beinahe für toll gehalten. (£inft im Sreibbaufe 511 
DreSben umbergebenb unb gana in Betrachtung über bie ^ßbufioa* 
nomie ber^ßflanjen bertieft, habe er ftcb gefragt: „Sßober biefe fo 
oerfcbiebenen gormen unb Färbungen ber Wanden? 2BaS roilt 
mir bier biefeS ©eroäcbS m feiner fo eigentümlichen ©eftalt 
fagen? SSetcbeS ift baS innere fubiectioe ©efen, ber SBille, ber 
bier in bieten blättern unb SBlüt^en jur (£rfd)einung fommt?" 
C£r babe Oieüeicbt laut mit fid) gebrochen unb fei baburd), wie 
burd) feine ©efttfulationen bem Suffeber be§ $reibbaufe£ aufge* 
fallen, tiefer fei neugierig gemefen, roer benn biefer fonberbare 

trr fei unb babe ihn beim Weggeben ausgefragt, hierauf 
cbüpenbauer: „Sa, roenn ©ie mir baS fagen fönnten, roer id) 
bin, bann märe icb 3föuen bielen Danf fcbuloig." Darum babe 
ibn jener angefeben, al§ ob er einen $8errücften bor fid) 
babe. „Da§ aber ift &umor", fügte <5d)openbauei bei 
biefer ©elegenbett binju unb ging fogleicb auf feine im Kapitel 
über ba§ Säcberltcbe im 2. 33b. be£ „SBelt al§ SBille" 2c. ge; 
gebene Definition beS £>umor§ über, auf bie er fid) üiel ju 
©ute tbat, roeil alle anberen bor ibm gegebenen (Sr- 
flärungen beö öumorS nid)t§ taugten. 9?ad) <Sdjopen = 
bauer ift nämlich £>umor ba» Umgefebrte bon Ironie. 3 ron ^ e 
ift @rnft, binter bem fid) ber <5cber$ berftecft, 3. ©. menn mir auf 
bie Meinungen be§ Zubern, welche ba§ ©egentbeil ber unferigen 
finb, mit fdjeinbarem ©ruft eingeben unb Tie mit ibm ju 
tbeilen fimultren, bi§ enblid) ba§ SRefultat ibn an un$ unb ibneu 
irre macht. ©0 berbielt fid) ©ofrateS ben ©opbiften gegenüber. 
DaS Umgefebrte ber Ironie ift ber &umor, b. i. <Scher3, hinter 
bem fid) ber (£rnft berftecft. roie er beionberS bei ©bafefpeare 
namentlich im „Hamlet", fobann bei Sean ^Baul, aber auch im 
Xrtftram Sbanbt) (biefe brei fübrte nun «Schopenhauer al£ 
flaffifcbe SDcufter be3 öumorS an) au finben. (jrflärungen, roie: 
Der &umor ift bie föecbfelburcbbringung be£ ©üblichen 
unb Unenblicben, brücfen nach Schopenhauer nur bie gän$* 
liebe Unfäbigfeit Derer sum Denfen auS, bie an foleben gloSfeln 
ibr ©enüge haben." 

Diefe Definition bon ber „ SÖ3ecr)felburcr)bringung " ift aller- 
bingS fab, abgefdjmacft unb nichtsfagenb. 2Barum hat Schopen- 
hauer nicht ben tarnen be3 D)efinitor§ gebracht? 2Barum 
bat er unter ber 2)taffe ber Definitionen gerabe bie roirflid) 



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92 



tfmffofogie unfc ^fiffologie 



blbbefte auSgefucht? Um feinen £>umor jum Durchbruch 
^u bringen. (£r befinirt femer: 

„$)ie Sronte ift objectib, nämlich aufben&nbernberedjnet, 
ber föumor aber fubjecttö, nämlich aunächft nur für baS 
eigene ©elbft ba." 

Äoftbar biefe ^Definition ! So fefjen wir bei ©djopen* 
hauer fein ganjeS tfeben ooll be3 reinften ipumorS nach feiner 
eigenen Definition. 2llle£ ift bei ihm $unächft für ba$ eigene 
Selbft ba r 5llle3 fubjectio, alle anberen Wlofop^en 9iinb= 
weher, bipedes, ©fei, wie er e£ nach feiner Definition be£ 
§umor§ fo oft au§gefprodjen. 2Benn er erjäljlt, wie ir)n bie 
wer europäifdjen Nationen, in ihren Bertretern, feinet (#eftchte$ 
wegen bewunbert [jaben, fo war ba3 $ronie, nämlidj ob = 
jeetto auf ben Slnbem (auf ihn) beregnet. SBenn er, ber 
(Schopenhauer felber, ba3 9tt(e3 wieber feinen $lpofteln jur 
SÖeiteroerbreitung er$äljlt, fo ift ba3 zugleich $ronie unb 
^urnor; $ronie „auf bie knberen beregnet", §umor 
(weil er baburd) gelobt unb geprtefen fein will) „fubjectio, 
nämlich aunädjft nur für ba£ eigene (Selbft beregnet". 
Da Ratten wir ben großen Definirionetfömen in ben Clingen 
feiner eigenen 2Bet3heit gefangen. 

Schopenhauer ift über feine Schöpfungen immer Doli be3 
ungeheuerlichften SelbftlobeS (S. 244). Schon 1813 fchrteb 
er in Berlin einen foloffalen tfobfjmnnuS: 

„Unter meinen föänben wnb Dielmebr in meinem (Steifte er* 
roächft ein Söerf, eine $bilofopbie, bie (Stbif unb s J5cetnpI)t)fif in 
(Sutern fein fofl, ba man fie bisher trennte, fo fälfchltch, at§ 
bie SOcenfchen in Seele unb Körper, u. f. m." 

§ier ^ben wir eben bie Behauptung, — ben Beweist 
bafür hat Schopenhauer nicht geliefert. Den Beweif en 
Dorn ©egentheil, baß Seib unb ®eift jwei oerfchiebene ©rößen 
finb, hat er feine Slufmerffamfeit gefajenft, ja fie nicht einmal 
gewürbigt ober erwähnt. 

9cachbem er allerhanb anbere Behauptungen feiner 3Bei0r)cit 

loSgelaffen, fchwingt er fich ju folgenbem ®ebet ju feinem 

®ott, bem 3 u falt, au f : 

„Bufatt, Beberrfdjer biefer (Sinnenwelt, lafc mich leben unb 
Stufte haben nodj» meniae Sabre, benn ich liebe mein SBerf, wie 
bie ÜJcutter ihr $inb. SÖenn e§ reif unb geboren fein wirb, bann 
übe bein Siecht an mir unb nimm Binfen be§ 2luffchub§. (Sehe 



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fceS 95Mttt>eifen ©diopenfmuer. 93 

ich aber früher unter in biefer eifemen 3cit, o, fo mögen biefe 
unreifen Anfänge, biete meine ©tubien ber 2öelt gegeben roerben, 
wie fie finb unb alö roaS fie finb. 3)ereinft erlernt öielleicht ein 
öerroanbter ©eift, ber bie ©lieber suiammenaufeken oerftebt unb 
bie antifen reftaurirt." 

45. (Einmal iß bei tlpn £Ues Jlailjtttenbigkeit, ein anbete* jUal 
&Ues 3nf all. iUtrot feine Jßtjilofanlj'xt allen «rnftes „eine 
rdjöne ©eaenb". ^impft »nb «radjtet bie ö«n?e #lenr4l!r*ii. 
£eine WWwhit tfl „bie ködtfe fhtnft". üie iWloMie (Uxnt) 
barf firfy um bie pieltnrraöje baröjans nidjt kümmern. 

!©ir i)tibm gebort, toie (Schopenhauer aus bem pro* 
phetifchen Sraume feiner 3flagb, bie ba3 Sintenfafperfchütten, 
welches fid) am Jage ereignete, fcfjon im Traume oorauSgefefjen, 
ben füfjnen ©afc aufftellte: £>ier fleht man aufs beutlichfte bie 
Söaljrfjeit meinet <5at$e$: „$llle$, loaS geflieht, geflieht 
nothmenbtg". £ner hat biefer ©chmerenothphilofoph mieber 
auf bie 9Jotfjmenbtgfett alles ju ($efd)ehenben oergeffen unb richtet 
ein flammenbeS ($ebet an ben 3ufall: „Qufatl, SBeherrfdjer 
biefer ©tnneiuoelt! £aft mich leben unb SKufje fyafan noch wenig 
3ah*c" 

früher SllleS Mothmenbtgfeit, hier mieber %m Zufällig- 
fett, unb borf) 3We3, roaS er gefagt fyat, pures £)ogma. 

<5o <5. 245: 

„3u ben in Bresben 1814—1818 getcbriebenen Sogen hat 
Schopenhauer fpäter (1849) am Ütanbe Innaubemerft: „2)ieie 
ju 3>re§ben in ben fahren 18H— 18 getriebenen Sogen aeigen 
ben (UabrungSprocefe meines XenfenS, auS bem bamalS meine 
gan$e s $&ilofopbie beröorging, fich nach unb nach barauS berbor* 
bebenb, roie auS bem SRorgennebel eine fchöne (SJegenb. 93e* 
merfenSroertb ift babei, bafj fchon im Sahre 1814 (in meinem 
27. Sahre) alle Dogmen meinet SnftemS, fogar bie untergeorb= 
neten, fich feftfteaten." 

• 

2Bte in biefer ungeheuerlichen Dogmattf ber s Jftenfa)en- 
hafj unb bie 9ttenfchenoerachtung in einemfort bie große 
Baßgeige fptelen, baS beioeift Jrauenftäbt felber aus oteleu 
©teilen biefer Junbamental^ogmatif (©. 246): 

„SöciS fann man benu Diel oon einer SSelt erroarten, in ber 
faft 2lQe blofe leben, roeil fie noch nicht haben fich ein £>ers raffen 



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94 Äntffologtc unb «ßftffologie 

fönnen sunt Xobtichiefeen?" — „Die fogennnnten (!) äRenfchen 
finb faft burchgängig nichts Slnbereg als Saffermppen mit etroaS 
^Irienif." — „Örtchen mufe ich, roenn ich febe, bafe bie fo genannten 
2ftenfd)en mit 3ut>erftcht unb £rofe eine Sortbauer burch atte 
Cfcmigfeit ihrer erbärmlichen ^nbiüibualttät üerlangen, ba 
Tie bod) offenbar nichts $lnbere$ ftnb, als bie in SSinbeln menfdjen? 
ähnlich oerlaröten (steine, bie man mit Sreuben Pom ©bronoS 
oetfcblingen fiebt, roäbrcnb nur ber echte, unterbliebe Seu% por 
ihm gefiebert Aiir eroigen £>errfchaft beranroäcbft." — „5öer geifttge 
unb leibliche (Schönheit fennt, bem gibt ber $lnblicf uub bie Ü8e^ 
fanntfefjaft eines jeben neuen fo genannten s J5cenfchen in fmnbert 
Sötten gegen einen nichts, als ein gans neues, roirflid) originales 
unb it)m bisher noch nicht in ben ©inn gefommeneS ^eifpiel eines 
Compositi oon föäfcliehfeit, Plattheit, Gemeinheit, Serfebrtbeit, 
Dummheit, SöoSbeit, mit einem SBort: Söiberliebfeit unb $lbfd)eu ; 
liebfeit." — „(£S ift ftar, bafe eS ungleich mahrer ift, *u fagen, 
ber Teufel hat bie SBelt geschaffen, als Gott hat bie 28elt ge= 
fchaffen; ebenfalls roatjrer, bie 2Belt ift GinS mit bem $eufel, als 
bie SBelt ift (£inS mit ©Ott. DaS beffere 93eroufjtfein gehört eben 
nicht §ut 2Selt, fonbern fleht ihr entgegen, roitt fie nicht." 

©eine <ßhilofophie ift bie echte, erhaben über atte anberen, 
atte anberen entbehrlich madjeiib, fo fchretbt er (©. 247) in 
Bresben 1814: 

»Weine 9$bilotopbie fott Oon ntten bisherigen (bie platonifdje 
geroiffetmafcen aufgenommen) fid) im innerften SBefen baburch 
unterlcheiben, bafe fie nicht toie jene atte eine blo&e Slnroenbung 
beS <3afeeS üom ©runbe ift unb an biefem als Seitfaben baher= 
läuft, roaS alle SBiffenfchaften muffen; baher fie auch feine 
foldje fein foll, fonbern eine $unft. ©ie roirb fich nicht 
an baS, roaS ju folgern eine Demonftration fein mufe, fonbern 
einzig an baS, roaS ift, halten." 

üftan barf baher nach bem abroebreuben 9üiSfprucbe grauen^ 
ftä'bts nach bem befehle <5chopenfjauer3 nie au feine '»P^iYofop^te 
mit bem gewöhnlichen Sttaßftabe, ber $u ben bisherigen (£üo- 
lurtonen in ber (#ebanfenroelt gebräucbltdi mar, heranfommen, 
benn grauenftäbt fagt: 

„9cidjtS fann baher ungehöriger fein, als an bie ©chopen= 
hauerfeße SBbilofopbie mit einem begriff einer ^bilofopfjie $u 
gehen, ben fie felbft auSbrürflicb oermirft, alfo 5. S8. mit 
Sern ©egriff, bafe bie ^hiloiophie gemäfj bem Safee üom (Sfrunbe 
bie SSelt auS einer Ur fache abzuleiten höbe, roie innerhalb ber 
Sßelt jebe befonbere iffiiffenfchaft bie ©rfcheinungen ihres ©ebieteS 
auS Urfachen ableitet, baS toeift Schopenhauer auSbrürflicb 



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I 

be£ SSMtmetfen (Schopenhauer. 95 

• 

jurücf. Unb man tljut ihm baber Unrecht, trenn man feine 
5$bilotopbte nach bem Sftafjftabe ber bie SBelt au§ einer Ur- 
fache erflärenben ^hüofopben mifet." 

<S. 248: 

„$)ie (Schopenhauer f e ^hilofopbie ift feine SBiffenfdjaft 
im Sinne biefer unb fein (Softem im (Sinne biefer mitt eS auch 
nicht fein, dennoch ift Tie SBif fenfchaf t unb (Stiftern 
mehr unb in einem befferen (Sinne, al§ bie biefer." 

Sluf ©. 247 fagt grauenftäbt: 

„Daher Tie (bie (Sdjopenbauerfche ^bilofopbie) auch feine 
folche (feine SSiffenfchaft) fein fott, fonbern eine ®unft." 

Unb ®. 248 

„ift fte bennoch Söiffenfchaft unb (Stiftern, mehr unb in befferem 
Sinne al§ in biefer. (Sie ift SBtffenföaft nämlich nicht au§ 93e- 
griff, fonbent im begriffe, unb ift (Stiftern nicht hohler apriorifcher 
Sonftructionen, fonbern (Stiftern inbaltStiotter, au§ ber Slnfchauung 
ber Sßirflichfeit genommener Segriffe, fürs: fie fott ein SMlb ber 
2öelt fein. 2fcan hat alfo bei ihrer SBeurtbeilung nur *u fragen, 
ob ba§ 93ilb getroffen fei, nicht aber hat man einen ihr fremb= 
artigen s Dca§ftab an fte ju legen, roie bie thun, bie e§ für Aufgabe 
ber ^hüofophie halten, ma§ (Schopenhauer gerabe tiermirft: bie 
2Belt nach beut <Safce oom Orunbe au§ einer oberftett 
Urfache abzuleiten ober fte au§ einem oberften <Safce 
herau^sufpinnen." 

£)a3 heißt in einer etwas beutlicheren (Sprache: 3$ bulbe 
bei ber 53eurtf)eilung metner ^ilofop^tc feinen mir frembartigen 
TOaßftab ; nur ben bürft $hr gebrauchen, ben ich bafür 
fabrtcirt ^abe. gerner fyitet Such, Qh* bummen jungen, 
nach bem ($runbe, nach einer oberften Urfache ber SBelt 311 
fragen, btefe bumme grage bulbe ich nicht, fie paßt abfohlt 
nicht in mein (Stiftern. (5$ fönnte, toenn ich auf biefe grage 
feine fttchhaltige Antwort in meinem (Sinne unb nach 
meiner •phtlofophte geben fann, fo ein bummer ajfenfch („fo ein 
Sompofitum oon ^äßltchfett, Plattheit, (Gemeinheit, 55crfcr)rtr)cit f 
Dummheit, 93o3hett, mit einem 2Bort SBtberltchfeit unb 3lb- 
fcheulichfett") nach einem SÖ3cltenfc^öpfcr Verlangen tragen, wo- 
gegen ich mich mit allen meinen phüofophtfchen fräften mehren 
muß. 3$ brauche feinen (Schöpfer, — ich habe bie Sföelt con= 
ftruirt, ich, ber (Srfte unb (Sinnige, deiner hat e$ oor mir 
getroffen unb deiner fann e$ nach mir treffen. 



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96 



Äntffotogie unb ^fiffotogie 



46. (Er t|t bie klingntbe JÜcmmmsfaul* ; *r bat 
ItyUaPMJ« entöfikt, tr tfl bas ÖFentrnm aller pleisljeit. 
fülle fallen Ifhutrerben, bic uar tbm etroas $tfa$t Ijabett, 
»as eigeniltdj fein* <$rfmbmta ilt! (Er ifl töenie. 
Pte IJrioUeaien bes (Kernes. 

®. 250 fagt er roörtlia}: 

»Sd? flefte^e übrigen^, bafe icb nicht glaube, bafj meine Cebre 
je hätte entfielen tonnen, ehe bie Upani)d)aben s 45lato unb ®ant 
ihre (Strafen sugleicb in eine§ äKenfäen &erj werfen fonnten. 
2lber freittc^ ftanben, roie 2)iberot fagt, otele «Säulen ba, unb bte 
Sonne lebten auf alle, bocb nur SERemnonS (Säule Hang." 

9iun oerflingen aber auch 9ttemnün$fäulen! $)a3 9cta)tmehr= 
Hingen ber 9flemnon3fäule ift fett bem 5. ^abrljunbert chrift- 
(icher 3 e i* Te( *j nun 9 conftatirt. greiltct) r auch biefen ®ebanfen 
nur aussprechen ift fchon ein ftxml 

Qx totiftt fid) tapfer gegen 2lÜe, welche ifjm bie Originalität 
feiner (Srftnbung unb ben erotgen 9lu^m be£ (SrfinberS ber 
ganzen Wahrheit abftretten möchten. 

(Ir, baö Zentrum aller ©etSfjeit; roaS nict)t oon ihm aus- 
gebt, ift nichts unb maS t»on ihm ausgeht, baS ift $tlle3. 3 U 
Imnbert Opalen berichten feine ^Ipoftel feine eigenen Söorte be* 
ftänbiger ©elbftrü^mung. 

<3. 251: 

,,^n feinen Pandectae fagt (Schopenhauer: „Siebte unb 
Scbetfmg fteefen in mir, aber ich nicht in ihnen, b. b- ba§ 
wenige SBabre, roa§ in ibren Sebren liegt, ift in bem, 
roa§ icb getagt habe, enthalten." 

„3n ben Senilia fagt (Schopenhauer : „3n allen fingen ift 
*u allen 3eiten bon (Sinjelnen bie SBabrbeit gefühlt morben unb 
gat in oereinjelten 2lu3fprücben ihren ^uäbrucf gefunben, bi3 fie 
oon mir im 3ufammenbang erfafet mürbe." 

§aben Rubere oor ifjm ©äfee aufgeteilt, meiere er tmeber 
aufeumufcen unb mit feiner gabrifömarfe ju oerfehen feinen 
Slnftanb genommen, fo nimmt er boch ba3 $erbienft ber feiten 
©ntbeefung feljr ftanbfjaft für fich in 5lnfprudj. 

©. 252: 

„3n Schopenhauers goliant fj^t e§: ,,3n be§ SBolfianerS, 
ober öieHeicbt richtiger ®egner3 SBolffS, (5b- fl. ®rufiu§, ©ntmurf 
ber notbtoenbigen SSermmftroabrbetten, 1745, 4. Auflage 1766, ber 
eine complete äftetapbbfif ift» fteben amei Sßabrbetten, bie feine 
Obren fanben unb bie icb *um stowten iOiale babe ent^ 
beefen rnüffen." 



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be§ SBeltroeifen «Schopenhauer. 97 

(©. 253.) 2lm föanbe $u ben jroei an$ GrufiuS cttirten 
Safjrfjetten fjat ©djopenfjauer feinem Dietger über biefen 
Vorgänger £uft gemalt in ben Sorten au3 Donatus : 

„Pereant, qui ante nos nostra dixorunt, — £intr»erben fallen, 
bie oor ung fcbon etroaä geengt baben, ma§ unTer ift." 

©. 253: 

„3>ie Verlegung be§ (Seiftet ober $cf)§ in sroet gan* Der- 
icbtebene £beile, in einen primären, mefentlicben, ben SBttten, unb 
einen fefunbären, ben i^nteUeft, ift e ' n «ÖQHptiaJj unb ein 
ipauptöerbienft meiner ^?^itofopt)te unb ein ftaupt-. 
unterfcbieb berfelben öon allen anberen." 

Söenn e3 ftd) um (Sntfdjulbigung feiner @j:ccntrtcttäten r 
Xollljeiten, Flegeleien Ijanbelt, ift er fcfjr erfinbungSreid). 
Das ftttb eben bie „SBorredjte be3 ®enie$", wie ®oetf)e in ber 
Soge 311 Weimar bei ber Xrauerrebe über SBielaub bie faunen* 
f>afte gotenpoefie biefeS DicbterS mit ben „5$orred)ten beS 
$enie$" ju beefen oerfudjt l)at. 

@o parfümirt fid) ©djopenfjauer (®. 261) in „©dt 
atö SMe": 

„(£ben biete grofje unb gemaltiame Soncentration, bie ju ben 
^rioilegien be§ ®enie§ gebört, tritt nun für baSfelbe aueb 
bei ben ©egenftänben ber Söirflicbfeit unb ben Slngelegenbeiten 
be& täglichen Sebent ein, meiere atebann, unter einen folgen §ocu§ 
gebracht, eine fo monftröie Sergröfecrung erhalten, bafe fte ftcb 
barfteuen, mie ber im «Sonnenmifroffop bie ©tatur be§ (£lepbanten 
annebmenbe ijlob- &terau3 entfielt bafc boeb begabte 3nbi= 
üibuen biSroeilen über ®leinigfeiten in OTeftc ber berfchiebenften 
2lrt geratben, bie ben anberen unbegreiflich finb, al§ melcbe fte tu 
Xrauer, »Jreube, ©orge, Surdjt, ßorn u. i. m. Perfekt febeu 
bureb Dtnge, bei melrbeu ein 2Ultag§menfcb ganj ge* 
1 äffen bliebe. 3)arum alfo r\l)lt bem ®enie bie 9cüebternbeit, 
al§ melcbe gerabe barin beftebt, bafe man in ben fingen nicbtfc 
weiter fiebr, als ma§ ibnen befonberS in .§infidjt auf uniere mög^ 
lieben Broecfe mirflicb aufommt: baber fann fein nüd)temer 
^enfcb ein ©enie fein." 

47. $lte mißlungene eriljrtbtaunn ber Juijopenlj au er rrfjcn 3orn- 
ausbrhrije. #rau*nftäbi tnadtf fidi läajjrltdj. er nr|tr Ijt am <£ube 
frlbft bie Jttürbelufigkeit bes JUeltumfen in feinem Öeiteijmeu. 
;£djauenljauer beftuiri PJürbe, wie er es braurljt, m feinem 
iturifjetl, aber frbr mi^lnngen. 

$)iefe Apologie ber ©ebopen^auerfeben ßornau^brüc^e 
ift mirflidj toftbar. $)er Öefer mirb es fia^er fo gefa)minb 

»runncr, shttffoloflie unb ^fiffologif. 7 



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98 



«mffotogic unfc ^fiffotogic 



heraus haben, wie Jrauenftäbt, baß bicfe Definition oon 
(^entc unb Nüchternheit eine fpanifdje Söanb fein foü f 
lammt anbeten ßomöbien — auch bie feljr fatale ßomöbie mit 
bem £rinauS= unb §>inabmurf ber 9)tarquet gu maSfiren. 

grauenftäbt hilft fogleid) mieber bie alte geen^offe (welche 
nad) ber ipanb, wegen beS Gelächters barüber unb wegen 
ber Unfofteu, bem ^(nlofop^en nad) eigenem Geftänbniß fer)r 
oerbrießlid) geworben) eutfchulbtgenb in (Schuft z u nehmen, tote 
folgt: 

„AuS ben angegebenen ©rünben fehlte c§ auch (Schopen- 
hauer im praftiföen 2eben an -ftücbternbeit, unb biefer gehler 
Wieber erflärt e§, ba& er fich manche SBerbrie&lichfeiten juaon, 
benen ein nüchterner, adefcter, oernünftiger SLRenfcb entgebt, wie 
biefe, ba& er bieÄlte, bie er einft mSBerlin juribürc 
hinausgeworfen, unb bie, bureb ihren unglüel liehen 
ftall arbeitsunfähig geworben, lebenslänglich ali* 
mentiren mufjte. (Solche 3)inge in bem Sehen etnes s #hilo= 
fopben motten nicht blofe troefen erzählt fein, fonbern bebürfen 
eines (SommentarS unb ben habe ich in bem Angeführten 
Gegeben." 

Nun, auch mir haben uns erlaubt, einen Kommentar 
über „biefc Dinge" 5U geben, unb Dr. grauenftäbt wirb 
bod) fo oiel 55erftanb unb SHechtSgefühl befiften, baß er es nicht 
melleicht auch als ein Vorrecht feinet Genies bezeichnet, ba* 
auSfchließlidje ^ßrioilcgium für Gommcntare ju ben biogra= 
V^tfdt)cn (£uriofitäten (Schopenhauers innezuhaben. 

UebrigenS finb nur bem Apoftel banfocrpflidjtet für baS 
Geftänbniß (was auch GericfytSerfenntntß in Berlin ge= 
wefen), baß bie -äftarquet burdj biefen curiofen ftall in ber Ge* 
f deichte ber neueften *ipr)iIofop^tc arbeitsunfähig gemorbeu 
ift unb felbige ber ^tlofoph lebenslänglich alimentiren mußte. 

Aus biefem Geftänbniffc ergibt fich, baß, felbft bie 
fülme £>t)pothefe angenommen : ber ipinauSwurf ber Alten mit- 
fammt ber ihr naebgefeuerten „AlteS=£uber^£itulatur fei ein 
Genieoorrecht, bar nach P0C ^ «od) ber fünfjährige $roceß 
Schopenhauers, ber nichts zahlen wollte (ba er bod) 
ein ioohll)ctbenber SDcann mar), oon gewöhnlichen, oernünftigen, 
ruhigen, wenn auch ungenialen 9)?enfdjen als eine Gemeinheit 
fonber (bleichen bezeichnet wirb. 9hm, Dr. ^rauenftäbt 
hätte ja biefen fchmufeigen, jahrelang bauemben, h a rtNä(figcn 



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be3 üMtioeifen ©djopeufjauer. U9 

ißroceß auü) unter bie SHubrif ber (^eniepriotlegien ftetten 
tonnen, mobttrd) feine (^roftmuttj unb ^reige&igfett im Söerleitjen 
ton ^rioilegien nur nod) in ein glänaenbereS tftdjt geftellt 
morben märe. 

5(ber grauenftäbt fefjrt im ®efüf)le, bap er fidj bureb, feine 
^rioilegienoerfdjmenbung bod) febon ein menig läd^crltc^ gemalt, 
auf ebenem ©ege um unb fommt jum ®eftänbniß, baß e$ bod) 
bem großen Seltvoeifen in oicleu gällen an jener äußeren 
2Bürbe gemangelt fjabc, bie man oon ^öcttipetfcn $u ermarten 
berechtigt märe. 

@r meint (©. 261): 

„ÜJiit bem betagten Langel an 9Jücf)t er nfj ei t im praf- 
tilgen fieben — im tbeoretifeben befafe ©cbopenljauer umgefebrt 
jene Sßefonnenbett, bie er ebenfalls al§ ein £enn$eicben beä Ötenie» 
icfnlbert unb bie barin beftebt, bafe e£ md)t mic oer 9cormalmenfcb 
in ben Strubel unb Tumult bc§ Sebent eingefentt ift unb über 
fcen einzelnen fingen unb SBoraangen be3 Sebent nidjt ba3 objec* 
tiöe Söefen ber J)inge unb beä &eben§ fclbft getoabr mirb, fonbern 
fid) auf biefe3 beftnnt 1 ) — alfo mit bem besagten SOtongel an 
iftüd)tembeit im praftifeben Seben bing bei ©djopenbauer ein 
anberer ^aitact sufammen, ber au3 oerfelben Guefle entftanb, 
nämlidj ber äKanael an perfbnlicber SBürbe in ber ©rfcfceinung 
unb Spaltung." — „(Scbopenbauer seigte nidjt jene perfbnltdje 
SBürbe, bie man getoöbnlid) mit bem begriffe eine3 ^büofopben 
uerbinbet. $)ie§ fonnte id> nicf)t blofe bamatö febon roabrnebmen, 
als er fein barfebeä 9?aturett gegen mieb fjerauSfebrte, fo bafe id) 
vorläufig meine Söefudje bei ibm etnftettte, fonbern aud) fpäter 
nod) au3 nmneben 3ügen, unb vlße, bie itjn näber fennen gelernt 
baben, merben e£ beftätigen. s 21ud) fein Jon in feinen Abriefen 
unb fein Jon gegen feine ©egner, oie ^fnlofopbteprofefforen unb 
bämfcben 91fabemifer, ift ntefct immer ber roürbige 2 ), benman Oon 
einem ^^tlofop^en ermartet unb ber h- 33- bei Staut überall an* 
zutreffen ift." — „©ebopenbauer Ijielt befanntlid) aueb öon ber 
liöürbe al§ SCRornlprincip nicbtS. 3n ben $arergi§ fagt er: 
„23enn man überhaupt früge, morauf benn biefe angebliche Söürbe 
bc§ SMenfcben berube, fo mürbe bie Slntmort balb bal)m geben, 
bnB e§ auf fetner 9floralität fei. (?) SJlfo bie äRoralität auf ber 
SSürbe unb bie SBürbe auf ber uftoralität. Slber bierbon aud) 
abgefeljen, fdjeint mir ber begriff bon SSürbe auf ein am SBitten 



*) ©in (Songtomerat oon bofiten trafen, um ba§ notrjgebrungene 
naebfotgenbe ©eftdnbnifj bod) nod) ein menig a&aufdnoädjen ; ein oerun* 
gtücfter fh'ategifdjer S3erfud), ben Mcfsug gu beefen. 

«) D roie milbe! (Statt: r ,2)tefer Jon ift in ber flieget fc^r flegelhafte, 
nur 3U fagen: ,&tx Jon ift ntc&t immer roürbig!" D ©cbönfarberei ! 



100 



£mffoioäte unb ^fiffotogic 



fo fünblicheS, am Reifte fo befdjränfteS, am Körper fo öerlefebareS 
28efen, wie ber äRenfd) ift # nur ironifdj anroenbbar ju fein." 

Jrauenftäbt hat fidj bic Aufgabe geftelft, bcit Schopenhauer 
auch trofc ber eigenen offenen ®eftänbmffe beSfelben fyxaufyu* 
pufeen unb fagt, wenn Schopenhauer auch bie Würbe als 
Sttoralprincip nicr)t habe gelten laffen, fo habe bod) feiner baS 
eigentliche unb wahre Wefen ber Würbe fo richtig erfannt unb 
ju fehlen gewugt, tote er. 

„Sil feinem Foliant fd)rei6t Schopenhauer: ,,„28a§ ba ber* 
bient, xöürbe bee Sttentcfjen genannt 311 werben, fängt erft bei an, 
wo er feine 9catur oerläugnet, 3. 93. nicht baS £eben höher fchäfcr, 
als aÜeS Slnbere, nicht gerabe auf fubjeettoe 93efriebigung ber 
s -öebürfniffe, fonbern auf etwas ©biecttöeS gerichtet ift unb 
baburef) 3. 53. ben (SefchlecbtStrieb öerwanbelt in leibenichaftltdje 
Siebe ju einer Sßerfon u. bgl.; alfo, wo cS anfänat, fichtbar ju 
werben, bafe baS Urfprüngltche in ihm, ber SÜille, befiegt werben 
fann Dom Sefunbären, bem (Srfennen."" • * 

48. £Mi aftcr Itlürbfbfltii bei <&oei\)e unb Iis Wen iUnilm*. 
Brutalität »nb pürbe bei 3*djojwnljantr. 

$n ber Ür)at eine außerorbentlich bißige Slnforberung an 
ben SDcenfchen, um ben „Würbetitel" 511 er taugen! Senn 
er nur eS fo weit bringt — 311 einer ^erfon einer leiben? 
fct)aftHc^cn £iebe fidj hinzugeben, fo ift er fdjon im Würbebefity. 
Wertt)er war im Würbcbeftfc; (Goethe brüefte it)m bie tyu 
ftole in bie §anb, oon welcher ber X)tcr)terfürft felber, ber feine 
Würbe noa^ fortbefifcen wollte, feinen (Gebrauch machte. Wenn 
it)m eine Sonne unterging, fo ging it)m ja auf ber anbereit 
Seite fdjon wieber ein leucfytenber SWonb auf, fagte er felber, — 
• ein ($eftirn nach bem anbern, aber eben immer nur eine*. 
Der Wedjfel an ber XageSorbnung, aber nur immer oou einer 
3ur anbern — immer fefjr würbig. 

Drei SBänbe oon tftebeS* unb $erltebtfeins Schwüren — 
Wertfjangabe : „'ßapiergelb al pari mit echter, oollwichttger* 
t&olbmünje." Da fommt aber ein plöfelidjer ÖiebeSbörfen* 
fr ach — ber glücf liefen SBefifcerin ber Wertpapiere wirb fein 
Pfennig für baS &erf)ei§ene ®olb (echter Xreue) ausgezahlt. 
Das Ijöchfte ^beal ebler Wetblichfeit, baS attobell, welches bem 
(£haraftermaler ju ben ebelften Jrauenbilbern gefeffen, gerätt) 
in Qoxn, fieht in bem ganzen benehmen beS SBriefftellerS nichts 



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beS SBettwctfeit ©cbopenriauer. 



101 



weniger als Söürbc, bellt ben neuen, eben aufgegangenen 
„2ftonb" an mit großem (Gelärme, unb bev fcfyöne ©ajopen^ 
fjauerfafc oon ber Stürbe ber leibenfajaftlidjen tfiebe ju 
einer $erfon ift febon in biefem einen tfjatf ablieben $8eif»tele, 
ba$ man burdj taufenb anbere beftärfen fonnte, in Srümmer 
gegangen. 

9faa? im £eben unb SBirfen be$ föomanfjelben SBcrtfyer 
nimmt „bie leibenfdjaftlidje £iebe ju einer $erfon" (in melier 
(Gattung Ctebe bie Sftürbe 511 finben fein foll) einen entf 
lidjen Ausgang, e$ ift ba3 finale ber allcrleibenfdjaft- 
Haften £iebe, fomit fyat Söertljer aua) burdj biefen Siiafleffeft 
bie allerfjödjftc SBürbe errungen. 9llle3 naefy ©djoyen* 
fyauerfajer ©iirbebefimrton. 

Senn nun ein SRenfdj nidjt gefonnen ift, ein ^eillofe^ 
®efa}Wä^ (ein oerunglütfteS 33eftrebcn, alleweil geiftreidj» unb 
fd)arffinuig 51t fein) als (Srgcbniß ber tiefften, einzig in 
iljren 9icf iiitaten wabren ©peeulation Ijinäuncfjmen, fc 
ift er ein <Sa)mad)fopf, eine zweibeinige öeftie ic, wie biefe 
£itel weitläufig in bem Snftilaruroeraeidjntß be$ Seitweifen 
unb feiner enragirten 3(poftel 31t finben finb. 

&ud) in ber ftoifcbcn (Stfyif fudjt <Sd)opcnl?auer bie wafjre 
^enfdjemmirbe 1 ): 

„$>ie ftoifcbe (£tbif im (Standen genommen ift in ber $&at ein 
fe(jr fcfcäkbarer unb acbtungSmertber SBerfudj, ba$ gro&e Sßorrecbt 
be§ 2Kenfdt)en, bie SB er nun ft, 31t einem wiebtiaen unb I;eil- 
bringenben 3wecfe ju benufcen, nämlicb um ibn über bie Seiben 
unb ©djmeraen, melcben jebeS ßeben anbeimaefatten ift, binauS- . 
aubeben unb ibn eben babureb im böcbften ©raoe ber SBürbe tbeil- 
baftig ju macben, weldje ibm nlg üernünftiaem SBefen im ®egen* 
fafce De§ 2 biereS suftebt unb üon ber in biefem ©inne atterbmgS 
bie föebe fein fnnn unb niebt in einem nnberen." 2 ) 

Jrauenftäbt, bem e3 barum 511 tljun ift, feinen Patron — 

trofe bem oerfdjämten 3ugefteljcn, baß fi(b biefer oft meljr brutal 

als würbeoolt benommen — gu entlaften, bewerft su obiger (Stelle 

©ajopenfyauers (©. 263): 



«) „Seit als Sitte" jc, 3. aufläge, L $b., ®. 107. 

*) 9Ja<b f«ncr oft unb entitfieben auögefprocfyencn 2Wenf<b<nö<rad>tung 
fefcte er feine Sürbe gerabe in ben aueb nwfc reebt ettatant jur (Scbau 
getragenen £ocbmutt}, bei »eldjem immer auf ber at*r8feite ftcb bie griuuv 
(t<bjle SWen|(b<n&craa>tung aufragt. 



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102 ühttffologic unb WffötoflK 

„21ber eben bie Definition ber SBürbe, bie in bieten SBorten 
enthalten ift, erflärt e£ aueb, warum ©ebopenbauer in feiner 
natürlich perföntieben (Srfc^etnunö ber 2Bürbe ermangelte. Sri) be* 
merfe au^brücflicb, ba§ icb t)ier nur non feiner natürlich perfön* 
licfjen (Srtcbeinung rebe, benn ba§ Scbopenbauer, wenn er fief) 
üerftellen wollte, aueb SBürbe beucbeln fonnte, ift niebt ju be* 
sweifeln. ^>n feiner natürlich perfönlicben (Srfcbeinung geborte 
nämlicb Scbopenbauer, wie er ielbft ja in ber oben cittrten 
Stelle eingeftanben bat niebt ju ben Sßernunftmenfcben, gu jenen 
ruljigen, gefefcten, gletcbmütfiigen (£barafteren, bie bauptt'äcblieb in 
gegriffen (eben, fonbern au ben lebhaften, beftigen, unter oem 
(Itnbrucf ber (Gegenwart ftebenben SKenfcben, bie baupttacblid) in 
v 2lnfcbauungen, fei e3 benen ber SSirflicbfeit ober ber ^Sbantafie. 
leben. Unter bieten beibeu entgergengeiefcten Strien üon SDcemcben 
fommt aber ba§ ^räbifat ber Würbe natürlicher Söeife nur ber 
erfteren au, niebt ber (enteren. Die erfteren ertdjeinen öon Matuv 
würbeöoll, wäbrenb bie lefcteren fieb erft oerftetten muffen, um 
würbeoott ju erfebetnen. £>errfcbaft ber Vernunft unb infolge ber- 
telbeu ®altblütigfeit ift ©runbbebingung be§ würbeoollen 2lufs 
tretend. Scbopenbauer mar aber Don 9catur fein fnltblütiger 93er- 
nunftmenid), fonbern t)atte beifce£ 3Mut." 

49. (Eine crbärmlirfjc peftniiton ber Jtb nfdjfmmirbf. Jiit Homan = 
bflbiunnt maberner Piäjter, bie iFrauenbüber im Ctbtn 
$iijapcnljöucrö unb — bie barmljmtgm Stdjmeßern. IHe 
$tbopenb«nfrrrijf JlljiUropbif kann im Halbe nur faldje 
(Exemplare füdjten, bie ber JJbitaJapb UM 1849 
5»rfrafte unb Canaillen gebeten bat. 

yiaä) bem ganzen £)in* unb §erreben fomobl ©djoüenfjauerS 
al£ fetner ^Ipoftel „fängt bie SBürbe be3 9ttenfd)en ba an, wo 
er feine 9<atur oerläugnet", Üö. „wenn ber ®efa)lea}t3trieb in 
bie tfiebe $u einem SBefen oerwanbelt wirb". 9cun, ba fjaben 
wir allerbingS bie SBürbe, aber bie SBürbe unferer fämmtliajen 
föomanfjelben. 

2Bir erlauben uns fyter gar feine Definition ber Söürbe im 
(Sftriftentfjum aufstellen, fonbern lieber gleia) bem SBetfpiele, 
mit bem uns <2>djopenf)auer feinen SBürbebegriff ju tlluftriren 
fudjt, ein anbere3 ©etfpiel entgegenjufefeen. 

$m %af}Xt 1849 war in 2Bien ba3 £ofpital ber barm- 
herzigen ©djmeftern burd) bie ßrtegSwtrren unb bie 3Jcenge ber 
Traufen unb Söerwunbeten, welche bafelbft tfjrer Pflege anoer* 
traut waren, fo oon Mitteln entblößt, baß ber ©djretber biefeS 
einen Aufruf an barmherzige 2Jcenfd)en ergeben ließ, welker 



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be$ SÖMtroeifen ©cbopenfjauer. 



103 



ein ©rgebnig oon oiertbalbtaufenb (Bulben zur Jolge Ijatte. 
XHtrdj biefe ©ammlung mar e£ bcu barmherzigen Sdjioeftern 
möglid) geworben, im (Sinne wahrer djriftlidjer iöarmljeraigfeit 
$ranfe nnb SBernnmbete aufzunehmen unb zu pflegen. 

Sir laffen ^icr jenen Sfjeil biefeS Aufrufes folgen, in welkem 
mir ein söeifpiel oon Siirbe jenem zuoor gebrauten Sbeifpiel 
^djopenljauerS entgegenfe^eu. (2lu3 intimer, ipomilienbud), 
l. $anb, <5. 328): 

„Kotten wir einige Silber jene§ ftitten .ftelbenlebenS auf, 
roelcbed opfermutbige grauen führen um ®otte§ mitten, 33ilber 
oon ©röfeen, bie ber 2Sett unbefannt bleiben, bie obne s #omp oon 
ber (£rbe febeiben, aber bafür geroife oerjeiebnet ftebeu im 93ucbe 
be£ Sebent. SSir treten ein in eine feftlicb gefcbmücfte Capelle, 
buftige Sölumen fteben um ben SUtar, bie Gerzen flammen. %t- 
fenften §aupte3 fnieen garte Jungfrauen an ben «Stufen, bereit, 
oom ©ifdjof baä Orbenäfleib ber barmherzigen Scbmefteru &u 
empfangen. 3>er erfte ®ampf, ber erfteSieg! finb SDienföen 
au§ gleticb unb SBlur. bie ba fnieen, unb ftc finb bereit, ein Sebe= 
roobl ju iagen ber 2öelt unb ihrer Suft, bereit, ein Opferleben m 
beginnen in ber ®raft aöttlicber, beiliger Siebe, lieber manche 
blubenbe Söange rottt ba nod) eine $bränenperle berab al§ Sebmutf 
unb Si-rbe be3 neuen $Ieibe3. SBon S3ater unb Butter 311 febeiben 
unb oon ben treuem Angehörigen, — e§ ift ein ernfter ©ebanfe; 
bie 2öelt unb ihre greubeu üerlaffeu, melcbe bie jugenblicbe, bilber= 
reierje Seele üietteiebt oft febon früher atö ein s #arabie§ üott Se^ 
ligfeit fieb üorgeträumt — e£ ift ein febmerer (Schritt, ©eine $age 
unb 9Jäcbte oon nun an gremblingen $u weihen, jufammen^ 
gebroebene Seiber üott efelbafter ®ranfbeiten beftonbig oor fieb zu 



Sterbenben oon einem $ag auf ben anbem, oon einer Wacht in 
bie anbere niebt au3 ben Obren zu oerlieren - e3 ift feine locfenbe 
8uhmfr. SBanbeCn zu muffen bureb bie ®ranfenreiben, wie bureb 
feinblicbe ©olonnen, forbert fflluti), benn mie aus bieten bie kugeln 
jifeben unb bu niebt weifet, ob eine ober bie anbere bir in bie 
$3ruft fäbrt, fo fann beute ober morgen bieb ein giftiger Obern 
anbauebeu, unb ber $ob fenft fieb in bein Herzblut, ba§ $ieber 
3ucft bureb beinen Seib, unb nach einigen Xcigen, oft nacb einigen 
Stunben febon 6 ift bu ein Opfer betneS 33erufe3. Unb bie ba 
fnieen, bie herrlichen Jungfrauen, erfenne fie an al£ föelbinnen; 
Tie haben .fielt) entfcbloffen, für ibre Jugenb*unb Scbönbeit nietjt 
Seben3genuf$ ein^utaufeben, — um einer hoben, beiligen Siebe fid) 
iuäuroenben, baben fie auf bie irbifebe oeriiebtet — fie bringen Seib 
unb Seben bem &erm zum Opfer ! ift ein $lugenblicf beilißer 
SBeibc; angetban finb fie febon mit bem bunfeln Stleibe, unb ba» 
weifje Sinnen um ba3 £aupt gefcblungcn — eS ift eine &elben= 
trone, ein Sorbeerfrana !" 




Sdmteraburdjmüblten, ba3 s Jiücbeln ber 



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104 Ämffofogk unb ^fiffologte ■ 

„SBor bem&ntlife foldjer Suugfrauen bebt felbft bcrSBüftlina 
icbeu jurücf; beim eine ebrfurebtgebtetenbe Menfcbenliebe fpiegeft 
fteb in ibren Slugen, ber Slbglanj einer böjjeren Sßelt, ba§ Ö5efcfe 
be§ ©eifteS, ba3 bie Dcatur überwunben ! Jn erhabenen SSeifen 
raufeben iejjt bie Orgelflänge burd) bie §aHen, ein beiltge§ Sieb, 
ein Opferlieb wirb gefangen, unb e§ ift ein ©djlacbtengefang ! 

tabt iljr wo anber» gefeben einen foldjen Mutb, eine folcbe 
iebe? — (Sudjt, wo ibr wollt — unb ifjr werbet nirgenbS finben 
biefeu Mutb, btefe Siebe, fte blübt nur an ber 9tebe, Die mit bem 
©tamme be§ 28einftoefe§ nerbunben ift, fie btübt nur an bem 
Sebenöbaum ber fatboliieben Strebe." 

„Unb nun ftnb bie ©cbweftern eingereibt in ben $rieg3bienft unb 
e3 beginnt ibr kämpfen unb fingen, ©cbön unb berrlicb ift bie 
Mutterliebe, unb erbaben, wenn bte Mutter bereit ift, bütaugeben 
ibr £>er*blut. ibr Seben für ba§ tbeure $teinob, für ba§ geliebte 
ftinb! ©röfcer aber unb berrltc^er unb erbabener ift bie Siebe, 
welcbe biefe beiligen ^unqfrauen befeelt gegenüber ber leibenbeu 
Menfcbbeit. 35ie Mutterltebe bat ibren (Srunb in einem natür- 
lieben ®efü()l, ba§ freilieb im (Reifte feine SSerflärung finben fann; 
bie Mutter liebt ba§ ®inb, ba§ fte unter ibrem denen getragen, 
fte liebt ©lut tum ibrem ©litte, bte Srucbt tbre§ Seibe*, ibreS 
Sebent !" 

„(Scbaut aber biefe Jungfrauen an, fte fefeen ibr Seben für 
jeben S^mbling ein, welcber ibrer Pflege anvertraut wirb; fein 
SBanb be3 53lute3, fein Söanb gemöbnlicber irbifeber Siebe ober 
9ceiejung öerbinbet fte mit ibm, unb fte weiften ibm boeb ibre 
beiltge Mutterliebe! — ftrembling? 'Der Seibenbe ift ibnen fein 
ftrembling, er ift ibnen ein ©rlöjter bureb (£briftu§, er ift ibnen 
ein ©ruber be§ &eilanbe§, ber in bie Menfebbeit eingegangen ift, 
um ade Menden mit bem ©anbe ber göttl-idjen Stebe %\i um= 
iebüngen, ber gefagt bat : „2Ba§ ibr ben geringften meiner ©rüber 
timt, ba§ X)(iU ibr mir getban." $)arin hegt aber aud) ber ®runb 
be3 wunberbaren OpfermutbeS, in ber Siebe &u ©r)rtftu§, bie ibren 
reinften 3lu§brucf, ibren lebenbigften SBerfebr im boebbeiligen ©a* 
framente be§ 9lltar§ nur in ber fatbolifeben ftirebe ftnbet. föier 
nur finben wir bie Söfung be§ föätbfelS, ben fieberen, feften (Skunb 
btefer beiligen Siebe!" 

«$äglteb baben bie ©cbweftern (Selegenbeit, ba§ Menfcbenleben 
im Wabren Siebte, bei ber (Sterbeferse ju betraebten; int föofpttal 
laufen bie Labien be§ MenfcbenjammerS wie in einem 5öremt= 
imnft sufammeu, unb bie ©cbweftern wiffen wobl, wo bie mobre 
(Srlöfuug bom Jammer ju finben; niebt in ber Suft ber SBelt, 
fonbern in ber Einigung mit bem, ber bie SBelt überwunben. 
'Sarum ift aber aueb niet)t bie Suft ber SSelt auf ibren QJeftcbtern 
abgefpiegelt, fonbern ber beiltge griebe gottliebeuber ©eelen." 

„(Sin SÖilb, Wie e$ in ben ®ranfenfälen ber barmbersigen 
©cbweftern wobt bunbert unb bunbert Mal borfommt fei bier 
gezeigt. (Ein müfter ©urfebe erfranft unb feine $ranfbeit ift jum 
Zotte. (£3 erfafet ibn ©erjweiflung ! Sange, lange febon bat fein 



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t** Seltroeifen @tf>openbauet. 105 

C^ctft teine 9iabrung mebr im ©cbet Qemdjt, unb mit ßircbe unb 
(fbriftentbum ^at er in luftiger GJefeQicbaft oftmals fein GJefpötte 
getrieben, um ficb bot feinen (SJenoffen als geiftreicben gelben au 
ermeifen. dt tutrb in§ ftofpitat bc? frommen OrbenS gebrockt. 
Die fiiebe, mit ber er bier gemattet unb gepflegt wirb, fenbet einen 
©trabl überirbifeber Hoffnung in fein frer*. (5r baftte bie 9J?enfdjs 
beit, e§ mar ibm früher nidjt sunt iöcftcn gegangen, unb iein 
Sunftfinn, ben er treulich auggebilbet unb mit bem er manebesi 
feböne SBerf gefebaffen, fonnte im (Semirre be§ grofeen ©tabtleben§ 
feine SInerfennung, finben, feinen Sobn! — Qx meint, alSer feiner 
Butter gebenft in ber fernen, fernen föeimatf), über bunbert 
Steilen meit; tbeilnebmenb fragt ibn bie bienenbe ©djmefter um 
bie Urfacbe feiner $bränen — unb fie meint mit unb uerfpriebt 
ibn au pflegen, tute feine 3Rutter ibn pflegen mürbe. 3m (Sefüble 
beiligen $rofte§ erfafct er bie föänbe feiner Atueitett SJiutter unb 
überfebüttet fie mit $bränen. & bricht ibm ba§ in äNenfcbenbafe 
oerftoefte &era, ba§ aud) lange 3ett febon uon (Sott ftcb abgetoenbet. 
(5r beginnt }tt beten unb uerlangt nacb ben ©aframenten unb 
fagt: „So foldje Siebe ift, ba mu| aueb bie SBabrbeit fein"; unb 
bie Orben£fd)tuefter tueilt aueb bie lefcten ©tunben be§ ©cbetbettben 
bei ibm, unb fpricfct ibm (Sebete Uor unb bleibt bei ibm, bt8 er 
ben iobe^fompf au§gerungen — eine ameite Butter!" 

„Unb tuie Uiele, uielc £)rben3ut)mefiern opfern ibr Seben in 
tbrem anftrengenben Berufe in früben 3abren! 3*n einfad&en 
©arge liegt bie Setcbe einer Jungfrau — bie ftraft ibreS 2eibe£ 
ift ber befcbmerlidjen ^raufenpflege unterlegen. — &eiligcnbilber 
unb eine 53lumenfrone baben ibr bie Iiebenben OrbenSfcbmeftern 
in ben ©ara, gelegt; febmeigfam fteben fie beruni unb beten, unb 
getuife, bie btngetd)iebetteG:itgelfcele betet für bie 3urütf gebliebenen. 
3)er ©arg mirb gefcbloffen, bie ©ebroefteru geleiten ibn *ur ®irdjc 
bin, Attr (Sinfegnung be£ ÖeicbnamS! Gin fleine§ ©lödflein tönt, 
unb bie Öeute, an benen ber 8ug Uorübergebt, fagen: „G$ ift 
febon mieber eine Uon ben grauen ©ebtueftern geftorben." 

„Unb eine ©tunbe barttoeb tuirb fie auf einem fernen griebbofe 
aufeer ber ©tabt tnS (Srab gefenft; ba ift fein ^ßotnp unb fein 
©eläute, ber ©arg febmebt auf *mei ©eilen binab, ibr öeib rubt 
neben ben Seibern ibrer ©cbmeftern, tuelcbe ibr öorattSgegongen ! 
2öer aber noeb ein fjünflein Don ©lauben an einen (Sott unb eine 
göttlicbe (Seredjtigfeit bot, ber tueifj, bie (Seifter berjenigen, benett 
Sie Eingetriebene beigeftanben al§ treue Butter in Seiben unb 
im StobeSfampf, im ©cbmerA ber Trennung bcS Seibc§ uom un- 
fterblicben (Seift, bie fie gepflegt burd) $bat, getröftet uttb fjeftärft 
im (Sebet, bie baben bem (Seifte ber opfernben £>elbiu, bte obne 
(Slana gelebt unb obne SHitbm geftorben, einen Sriumpb bereitet 
Dor (SotteS 5Hicbterftttbl!" 

„Unb fo tuirft bte dmftltdje Qtomqeraigfeit ; laffett mir uns 
burd) folgen oerrlidjen Dpfermutb niebt nur au einer fliidjrigcn, 
fetttimentalett SHüfjruug bewegen, üben mir otelmetyr SöarmfyerAjgfeit 



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10(3 



Äuiffologie unb ^fiffologt« 



in jenen i*eben$f reifen, in welche un3 bie SBorfefjunq geftellt fjat, 
bewahren wir, wie mit glammenfd)rift, mit unoerlöfdjlidjeu 
$ügen ba$ Sort beS göttlidjen §cilaube$ in unfere §erjen 
aefdjrieben: „<2elig finb bte iöarmfyeraigen, beim fie werben 
^öarmfjerjigf eit erlangen." 

Die Sipo fiel ber Sdjopenljauerfdjen 'JSfjilofopfjie 
f ollen e3 einmal oerfudjen, ein (Spital oon ^elbinneit ju- 
fammenjubringen, wie mir ein foltfieS tren nad) ber 2Birf* 
Hd)feit gejtfjilbert baben, inbem fie bie in ben adjt Söättben 
Sdjopcnljauerfcfjer Söeltiuetefjett oorfiublidjeu (Stellen 
über 3S3ürbe unb Opfer feparat brnrfen unb oertljetlen laffen, 
nnb in biefem $3armf)er3igen=$lofter täglich jnr ^erjenSftärfung 
unb jur Belebung beS Opfermutes (ftatt ®ebet, üttepopfer 
unb Empfang ber ©aframente) aus biefem feljr lefjrremjen 
pfn'lofopfjifdjen Gompenbium ein ©tücf jur tfefung anempfehlen ; 
unb wenn bicfelbeu ein berartigeS ftlofteifpitol mit opfermutfjigen 
grauen (bie aus tfiebe 511 ©djopenfjauer unb beffeu $tf)ei$mu3 
iftr £eben barbringen) ftiften unb erhalten fonnen, bann märe 
es möglich, oor biefer v l$l)tlof opfjie einen Otefpeft 31t 
fyaben. — Söenn bie §erren aber biefen 3$orfdjlag nur mit 
bem blöben ($rinfen beS ins §>erj getroffeneu §oaV 
mutf)eS ober mit bem §ofjngeläd}ter ber befdjäbigten 
Sit et feit beantworten tonnten, fo würben fie ben beweis 
liefern, baß fie, wie bei melen anberen unftid)l)alttgen $)efi* 
nitionen, fo audj bei biefer über bte 2ftenfrf)cu würbe fidj 
entfdjieben blamirt fjaben. 

Seil eS nun gar 31t oft mit ben gemöfynlidjen Denfgefe^en, 
mit ber £ogif in ben €>d) openfj au erfreu $(ufftellungeu gar 
nidjt jufamm engest, fo führen bei beriet Slufedjtungen bte 
tfpoftcl immer ben ©afe in* gelb: bie 'ßljilofopfjie fei $unft, 
nidjt Siffenfcr/aft ! 

(<&. 265) Jrauenftäbt: 

„9ßbiloiop&ie ift ßunft unb bei biefer tritt $altblutigfeit als 
(Shcrorbernifc erft bann ein, wenn eS flilt, baS lebhaft $lnQe[d)aute, 
ba§ warm unb tief (£mpfunbene nun autf) funftflereerjt baraufteflen, 
nidjt aber barf baS ©rfjauen unb ©mpfinben ielbft üou &aufe auS 
falt unb matt fein. Ober glaubt man etwa, bafe, wenn ©oetbe 
ein faltblüttger, b. I). ein rubiger, Qefefcter, üemünftiger TOcnfcf) 
oewefen wäre, er SßertberS Setben Qeicfcrteben bätte? SNufjte er 
nid)t erft biete Seibcu in ftctj ielbft emphmben baben unb burd) 



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beä ffirftrocifen.®c&openf>auer. 107 

fie inuerltc^ft eridjüttert morbeu fein, ebe er fic faltblütia, fo ob- 
lectiö in gorm eines 9toman3 barftellcn fonnte? 3Ku£te nid)t 
©oetbe ebenfo bie inneren kämpfe be3 Sanft burcblebt baben, ebe 
er fte fo befonnen, io objectio idnlbern fonnte'?" — „92un, ganj 
ebenfo, lote mit bem Siebter oerbält e£ fieb aueb mit beut ^bilo* 
fopben. So mie ber Dichter bie befonberen CSbaraftere unb 3u s 
ftänbe, bie er un3 borfübrt, in fid) felbft burcblebt ober menigften& 
ben $(nbereu, bie fie burcblebt, inuigft nacbempiunben baben mu&, 
fo mufc ber ^fnlofopb ba§ Söeien be§ Sebent im ©an*en, beffen 
iöilb er un3 gibt, in fieb erfabren, mufe ftcb glcicbmm jur Söelt* 
ieele erweitert baben. Unb fo mie beim Siebter tritt aneb beim 
"^bitofopben $oltblütigfeit erft bann al§ ßrforbernifc ein, menu eS 
gilt, ba£ innerlicb (Erlebte nnb (£mprunbene objeftio, allgemein 
gültig baranftctlen. ^Diefe sur ®arftellung be§ Erlebten nnb (£m* 
pfunbenen erforberlicbe .taltblütigfeit unb 33efonnenbeit befa§ aber 
Scbopenbauer in einem ©rabe, mie noeb fein anberer 
^bilofopb- C£*r beiafe fie auf bem Gebiete ber Sßbüoiopbie in 
eben bem ©rabe, al$ ©oetbe unb Sbafeipeare auf bem ©ebiete 
ber ^oefie." 

50. »Tu jFnmfnJläbt fein Püijmen ber Kaltblütigkeit b*s Stfelt* 
mt'xfm ftibev lädjerltdj madjt. 9u bW* UnvtrWmt\ftit b*a 
HJeltttififeu — mm iFranenfläbt bmdjtet unb tiertireibiat. 

$)erfetbe grauenftäbt, ber uns bie $altblüttcjfeit unb 33e^ 
fonnenfjett <3d)openljauer3 in ber $)arftelluna,, mie noefj fein 
anberer ^fjilofoplj fie befeffen, anrüfymt, bringt auf berfclbtgen 
Seite 266 folgenbe 9luSfprüd)e : 

„3u SBertiu 1812 febreibt er: ,,„2Senn mir eben einen grofeen 
Scbmera erfabren baben, üerrounbert e$ un£, bafc bie Seit um 
un§ berum obue $beilnabme bleibt unb ibren gemobnten ©ana 
fortgebt. 21ber noeb mebr, e§ mirb und unerträglicb, bafe mir 
felbft fogar ben meebanifeben ©ang btö täglicben 4reiben3 fort* 
iefcen fouen unb taufenb unterer eigenen £>anblungen ber ©cbmerj 
fremb bleiben fofl, ber im Sunern tobt. £e$balb, um bie &ar- 
monie jmiieben unferem äußeren Xfyun unb ber inneren (Jmpfinbung 
berauftellen, toben, febreien mir, raufen bie ftaare unb 
mälzen un§ auf bem iöoben."" 

Qaä ift bie objectioe, faltblüttge CDarftclluug, mie 
f o I et) c noef) fein anberer ^fjilofopf) befeffen. 3Ötr er- 
fudjen biefe fjaarauSraufenben, fitt) auf bem 23oben mäljenben 
^fjilofopben, nidjt im <ß Iura! ^u arbeiten, baS „mir" ju oer- 
di et b e n, ntdjt g(etct) bie ganje Seit in i f) r c % o f> f u t 
f)tnein ju jieljen , md)t alle 3J?enfct)cri mit ibrem %z fahret 31t 
begaben unb 311 alarmiren. Unb ben §errn Jrauenftäbt, ben 



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108 



tfntffologie unb ^fiffotogic 



^^ttofopftcuapoftel, erfudjen mir, nicht gleich auf ber f elbigen 

(Seite feine eigenen 3Borte unb ^Belebungen be£ SÖtelrmeifen 

burch Anführungen ber 35>orte beS Seltmeifen f elber ju t>cr = 

nieten unb fomit fid) unb feinen SWeifter ^tigleid) 

hodjgrabig läcftcrlic^ §u machen. 

©ine lange, eingängige Abhanblung über ben $ampf ber 

<Sinnlid)feit mit ber Vernunft im Sftenfdjen fehltest ©chopen* 

flauer (©. 269): 

,,^5n§ Aenbern ber 9ticbtung, ber Uebergong bom 9teittV ber 
ginfternife, be§ 93ebürfniffe8, SBunfcbeS, ber fäufchung, be§ 2Ber* 
benben unb nie ©eienben aum deiche be§ i*ic^tcö, ber 9tube, Sreube, 
Sieblicbfeit, Harmonie unb ^rieben ift unenblich feiner unb 
unenblich leidet. $)iefe Grfenntnife f)at ber Dichtung *u ®runbe 
gelegen uom bitter, ber in ein ©d)lo§ foff. ba§ eine läKauer mil 
«iner einaigen engen $bür umgibt, meiere SKauer miroeltifc fcbnell 
fieb brebt. £)er tapfere bitter fpornt ba§ SHofc, Iä%t bie 3ügel 
log, £opf tmran, Augen au unb fprengt in bie Pforte. 3)ie3 ift 
ba3 ©umbol ber $ugenb, be$ 2Sege§ be» Siebtel: um ba§ unge^ 
heuer ©chroere, Unmögliche ju öottenben, braucht man nur 311. 
motten, aber m ollen mufe man!" 

(Schopenhauer ^at fic^ burd)au3 feine Sftülje gegeben, um 

>a3 ungeheuer (Sdjmere 31t oolfenben, unb barum nennt er 

*3 aua^ ^tö Unmögliche. Söenn er ba^ufe^t, man fönne aud? 

fca£ Unmögliche r>ollenben unb brauche ba3 nur gu m ollen, 

fo ift baö mieber ein eflatanter 93emei#, ba§ man ben Au£* 

fprüchen (Schopenhauers mit ber Sogt! nicht an ben fragen 

tommen barf. $)a3 Unmöglidje märe ja auch mit oem a ^ CV; 

ftärfften 3Billen nicht gu bemältigen, menn auch (Sdjopeuhauer 

feine gefdjmollene $)eflamarion f daliegt : 

„©ollen, grofjes SSort! 3unge in ber Sßage be§ SBeltgerichtS ! 
^Drücfe amifeben Gimmel unb fööue!" 

Auf biefen SugenbpreiS hinauf macr)t nun grauenftäbt über 
feineu Dfleifter folgeubeS bebenfliche ®eftäubni6 (<S. 270): 

„(Scbopcn Ij auev felbft mar nun freilich nicht ber tapfere 
bitter, Don bem er hier ipriebt. (£r mar im fünfte ber @c* 
fcblecbtäliebe fein ^eiliger unb hat e§ mir felbft geftanben, bafj er 
arg nach ben Söeibern gemefen, bafe er in Italien nicht blofe bo^ 
(Schöne, fonbem auch Bie ©chönen genoffen hat u. f. m. Auch 
merft man e§ feiner 95ietapbt)fif ber ®efd)lecht3liebe hinlänglich 
an, bafe er ben ©egenftanb berfelben au§ eigener ©rfabrung unb 
UkarjS fannte. SSie hätte er auch fonft über biefeS Kapitel 
fchreiben tonnen ? Gr felbft fagte einft im Scberje au mir : „(Sin 
echter ^bilofopb muffe nicht allein mit bem ftopfe, fonbem. . . ." 



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fceS SMtiueifen ©cfapenfjcwer. 10D 



Sir (jaltm es für überflüffig, bem tfefer biefe SBilenie tu 
tfjrer ganzen Unocrfc^ämt^eit üorjulegen. ($3 genügt uns, au$ 
ber geber beS Styoftete fclber baS uuglütflidje fingen um beu 
XugenbpreiS, tote er baSfelbe aus bcm 9ftunbe bes SfteifterS 
in aller gredjfjeit gugeftanben unb beftätigt gehört fjat, ju 
conftatiren unb jugleid) $u erfefjen. bag ber curiofe 9htf, 
Neffen ©djopcnfj au er in biefer Ütidjtung fid) tl)eUfjaftig ge* 
mad)t, ntdjt unfcerbient ift, wie e$ audj felbft ^oct)(tbcralc 
Tutoren, meldje barüber gefdjrieben, betätigen. 

$)af3 biefe 9?adjrebe eine rooljlDerbiente, Dorn 33erbiener 
berfelbeu felbft eflatant betätigte gemefen ift, genirt feinen 
Styoftel grauenftäbt ungemein, unb eben wegen biefer Un* 
gemeinfjeit mad)t er einen unglücflirfjen i&erfudj, beu ÜÜMfter 
t*er (Lerneinheit 31t entlaften. (£r fdjreibt (©. 270): 

„5H>er $)iejeniflen, bie bierauS, tote fdjou au3 ben bon <&roinner 
ü6er biefen $unft aemacfcteu 90?tttl)etlungen ßefdjeben, mit Gerrit 
(iiu^fott) in beu „Unterljaltungen am bäusltefcen £>erb" unb mit 
-Verrn 2R.(£. in ben „QJren^oten" ftua§ fcf)liefeen, bafc ©d)open = 
l>auer ein aemeiner Sftenfcf) ßeroefen, benen mu§ icf) bod) I)ier 
jagen, bafe e§ mit ifjrer ^iudjoloaie unb Floxal fcljr mifera6el 
beftedt ift. Sin oberfläd&licfjereS Urteil als biefeS fanu e$ faum 
aeben, nnb menn nid)t fdjon bie ©ebäffigfeit, bie au§ ben Slrtifeln 
biefer Herren gcaut ©djopen&auer beruorleucfctet, il)re gan^ 
licfje UntäljiQfeit, ihn richtig su erfenneu unb -$u beurteilen, ber- 
riet^e, fo mürbe eS jener ©djlufj öon ©cfoopenbauerS 
erotifchen ©ünben auf feine Lerneinheit t^un. 92ad) 
meiner $fl)cfcoIoaje unb SJJoral fann Gfiner ftrf) eröeblidje ©ünben 
ju ©Bulben fommen laffen unb babei boefj ein febr ebur Sftenut), 
unb umaefebrt Güter, ber frei öon biefen ©ünben ift, ein fefjr 
aemeiner Sflenfcf) fein." 

51. Plie iTüitfnßäM, um frinen Jlleißer m «rtjjetbigen, bie 
yaRorcutoo^ utuiübt nnb lidj mit ber ItttJjeriFnjen (Ortjjaboxte 
leitmeüin betoafnet. Jtfadjt mitteilt eine* fjumbngs ben 
(Blanben ?nr inneren Äefinnnna nnb bie jtlerke ?nr 
äußeren «lyrtinrkeit. 

SBtr* muffen fjier bot Zqt beS Dr. grauenftäbt, beS geüV 
reiben &erifjeibiger3 tri pfjilofopfnfdjen ©traffadjen, einen 9D?o- 
ment unterbredjen, um ben Cef er auf ben ^eifter^djtmtng unb 
Sprung biefeS fu^uen ©d)mimmleljrer3 aufmerffam gu madjen. 
(Sr wirb 311m Belnif e feiner itfertfjeibigung auf einmal ein ftrenger 



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110 Ämffofogie unb ^ftffologic 

ortfjoborer Slltlutberaner, bäumt fidj auf, läuft auf bas £ram- 
polin (ba3 (Sdjmungbrett ober bcm (Sa^mtmmbaffin), faltet 
bte ^>äube oor bcm $opfe unb ftürjt fid) fopfüber in ba3 ®e- 
loäffcr ber lutberifdjcn ®nabenlebre hinein ! .£>ilf, ma§ Wfen 
fann — wentt'6 fdjon nidjt anbete geljt, fo fofi ber ^fn'lofopb 
mit ber lutljertfdjen Drtljoborje reingemafdjen werben, ©ine fo 
fdmefle 23cfeljrung eines atbetftifdjen ^^ilofop^cn gur lutljertfdjen 
Drtboborie ift nod) nidjt bageroefen. 

§ören mir grauenftäbt, ben 23efef)rten (ß. 271): * 

„$)enn toa§ entfrbeibet barüber, ob ber 5J?enfcb ebel ift ober 
gemein? $)ie SGÖerfe ober ber (Staube? 3)ie äufcere Legalität 
ober bie innere (Seredjtigfeit? 9cadj meiner, aber nid)t blofe narf) 
metner, fonbern aud) nad) ber djriftlidjen SOioral : b*r (glaube, bie 
©eredjtigfeit ber ©efinnung, nicfot bie SSerfe, nidjt bie äufcere 
<£br= unb £ugenbfamfeit. Sßie aber ber ÖHaube, bie (Seftnnung 
<Sdjopenbauer§ begaffen geroefen, mie er tiefer al§ irgenb ein 
anberer djriftlid)er (!) $büofopb bie (Sünbbaftigfeit be§ menfd)-- 
licfcen 28iflen§ erfannt, eben btefer ©ünbbaftigteit megen bie 
gänslirbe SBerneinung be§ SBiHenS für ben aHeiniaen 28eg 
äitm ipeile erflärt unb bie ^eiligen um ibre ©elbft- unb SSeltüber- 
toinbung beneibet bat, bafär fpredjen fattfam feine SSerfe 1 ). Unb 
ein folcber Sßbilofopb ein gemeiner SDtafcb?" 

„3n feinen (frftltng£manufcripten (^Berlin, 1813) fdjreibt 
©cbopenbauer: ,,^n oer SWoralttät unfereS &anbeln§ barf ber 
jurifttfdje (Srunbfafc: audiatur et altera pars nidjt gelten, b. b- bie 
©innlicbfeit unb ber (£goi§mu§ bürfen gar nid)t gebört toerben. 
Sßielmebr beifet e§, fobalb ber reine SBiUe fid) auSgefprocben : nec 
audienda altera pars." Unb biefer ©cbopenbauer ein ge = 
meiner SHenfd)?" 

©. 271: 

„3u SSeimarl813 fcbreibt ©djopenbauer: „$ie ätfenfdjen, 
meiere naeb einem glänsenben, glüalicben unb langen Seben ftatt 
nad) einem tugenbbaften £eben ftreben, gteidjen ben tbörtcbten 
<Sd)<mfpielern, bie immer brillante, fiegretcbe unb lange Kotten 
baben mollen, meil fte nidjt einfeben, bafe e8 nidjt barauf anfommt, 
roa§ obermieoiel fte fprecben, fonbem mie fie fpielen." Unb biefer 
©cbopenb au er ein gemeiner 9)?enfd)?" — 



*) $n btefer Gonfteüation tft ba3 Sßort „Serfe" total Dcrfcftft: ba 
foU e§ fpradjridjttg Reiften: feine SBorte. 2)ettn eben bie SÖerfc be§ SBclt* 
weifen finb ja gerabe f^tcv int biantetraten ©cgenfafcc feinen Sorten. 
Sltq ber Stfeib, mit roeldjetn ©djopenfjaucr bte ^eiligen um ihrer 
©etbfrübertoinbuna votßen beneibet bat, ift aufjerorbeutticfj fc^toaa? ge= 
mefen. SSon btefem ißeibe !ann ©djopenbauer oottfontmen lo§^ 
gef proben »erben. 



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be$ JÖMrroetfcn ©cbopcnbauer. 111 

„8u $)re§ben 1815 fcbreibt er: „$)ie Söerriebigung be§ ®e* 
fcblecbt£triebe3 ift an ftdj fdjlecbtbin öerroerflicb, ineil fte bie ftärffte 
£3eiabung be§ Sebent ift. 2)ie§ ö*tt Don ber in ber (Sbe 1 ), mie 
Don ber aufjer ber (£be; lefctere aber ift boppelt oermerflidj, roeil 
fte nodj baju Verneinung be§ fremben 2öitlen§ ift, inbem ba§ 
äRäbcben mittelbar ober unmittelbar baburd) in Unglüdf gerätb, 
ber SDrann alfo feine 2uft auf Soften Ruberer befriebigt. Gine 
ShtSnabme bieroon märe, roenn ein 5ftäbcben ober SBittme reicb 
genug ift, $inber au Oerjorgen unb ftarf genug, bie frembe 9ftei= 
nung ju oeracbten. Ueberbaupt trägt ba§ Sßeib bei ber aufterebe;' 
lieben *Befriebigung niebt jenen ^meiten böberen ©rab ber <Sd)itlb. 
©bebrueb ift al£ ber ärgfte 5)icbftabl, nod) um einen ÖJrab 
fcblecbter." Unb biefer ©ebopenbauer ein gemeiner SWeufcb?" 

Gin fcltfame^ ($emtfcb t>on ©tun unb Unfinn, 9)2oral tutb 
(Strtcnlofigfeit, SBaljrfjett unb £üge! SfiSenn alfo ein genus 
femininum (Mb fyat, um eoentuette milbe Sprößlinge oerforgen 
3U fönnen, unb ©tärfe, „bie frembe SReimmg" (b. t). Unocr- 
fcr/ämtljeit genug, ba£ djriftltdjc ©ittengefe^) ^u oeradjten, 
bann nurbfie Dom $ßitttn& unb $orfteflung3pl)ilofopf)en aller ^ 
gnäbtgft abfolotrt unb fatltt tfytn, ma$ fte mttt. ©ine 
atfjeiftifcbe 2floral, bie nur für bie armen £eufel gilt unb 
über meiere fid) tfeute, bie Diel ®elb unb gar feine Religion 
^aben, mit Slnftanb unb ftiufyc f)tnau3fcken fönnen, unb juxir 
mit (Srlaubniß be$ pfn'lofopln'fdjen >!J/ofe3, ber bie 3m et neuen 
®efefctafeln auf 'Ißappenbecfel, SJÖttle unb $$orftellung, er- 
funden Ijat. 

Jtauenftäbt oertljetbtgt fort: 

„3u SBeimar 1814 fdjreibt er: „Söenn bieb ber (£goi§mu§ 
ganj erfällt unb gefafjt bat, fei e£ als f$reube, al§ Sriumpb, als 
Öegier, al§ Hoffnung ober als roütbenber ©cbmera, al§ fterger, 
al§ ßorn, al§ Surcbt, al§ 9Jc*i&trauen, al§ Gtfer jeber Slrt, fo bift 
bu in be§ Teufels flauen unb roic ift einerlei." Unb biefer 
(3d)0penbauer ein gemeiner SRenfcb? 3br, i>ie !Jbr ibn gern 
bafür ausgeben mödjtet, bemeifet entmeber, bafj 3br feine ßebren 
gar nidjt fennet, — ma§ bereebtigt (Sud) aber alsbann, über ibn Mt 
urtbeilen? — ober bafj (Sure SKorat bie oberfläcblicbfte unb unebrift; 
licbfte Don ber SBelt ift, »eil 3br bie 9Koralität be§ SKenfcben 
nach ben SBerfen unb nidjt nacb bem 01 alt freit, nacb ber 
äufeeren ©brbarfeit unb niebt nacb ber ©efinnung ab-- 
kbäfcet." 



l ) ben 2lu3)prücben unb 3tnf orberungett weit über feie 
cbriftfidjc (fatfjoltfcbe) ©ittenlefire binau§, unb im ?cbcn . . . . ba£ iß ja 
eben bie eomplete Warrctbet ! 



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112 tfniffotogie unb ^fiffologte 



©Aon nrieber wirb ©djopenfyauer als ein £3efi^er ber 
lutfjerifdjen Drtfjoborte in$ Üreffen geführt unb fein angeblich 
luttyerifSer ©taube al3 alleinfeUgmac^ettb gerühmt, — ein 
Moment, an ba3 grauenftäbt, ber Kenner ber ©djopen* 
Ijuuerfdjen ^fjtlofopfue, bodj entfdjieben felber mdjt glauben 
fonnte; er csfamorirt baljei baß man iljn wegen btefer ent* 
f 4t ebenen Unwaljrljetl utd)t pacfeir fann, in Jorm einer 
$letdmng bie SÖerfe in äußere (Sfyrbarfeit unb ben (Glauben 
tn ©efinnung. £>er oft wieberfjolte fragenbe $iu£ruf: „Unb 
biefer ©djopenfyauer ein gemeiner ^enfdj?" ift eben audj 
wieber ein grauenftäbtfdjer ipumbug. 20er fjat benn biefen 
©ajopenfjauer im^ Allgemeinen or)nc 33eleg einen „gemeinen 
s Jttenfdjen" gefdjimpft? $5a§ fjat Jrauenftäbt gar ntdjt 
funbgegeben. 

Wut feine §anblung£meife, fein ($ebafjren im 93erfeljr 
mit ber^rauenfjalbmelt mürbe als eine conftatirte, oon ifmt 
frea) einbefannte Xfyatfadje befprodjen. 

52. /nraenftäbi frtjretbt beut £efer nur, »<m welöjetu $tonb« 
trankt* fettiger bte Ülaralität bes IBeltmeifen ?n betreffet'* 
Italic ; er beruft ftifc tn feiner frommen gnunt anf ben 
Hjwtftel $!nuln*, ba badj fein gtetßer bte £n*Jtel 
jr^tii^er serdioltett feat. 

grauenftäbt oerlangt: mir füllen bie Totalität ©djopen= 
Bauers naa| bem (Glauben (naa> ber ©efinnung) unb nidjt 
nao) ben Serfen (ber äußeren (Sfjrbarfeit) abfdjäfeen, b. fj. mir 
Jollen ba§ oon iljm felber mit allem (SijntemuS feiner .§offart 
einbefannte freuben^äu3ltcf)e geben btefeS Söeltmeifen, 
anmeldjeäer ofjneirgenb eine 9ieue, oielmefjr audj mieber 
eingeftanbeuer 3ttaßen mit ber niebergebämpften ßüfternfjeit 
eine$ abgebrausten gaun fict) gu erinnern pflegte, ignoriren 
(mie aud) ber ©eltwetfe oorausfidjtlidj mieberljolt gewünfdjt Ijat) 
unb uns nur an feine l'efjre Ratten. 

(£3 gehört mieber bie größte Unoerfrorenfjeit btefeS 
$f)üofo|rt>nfa)üler$ ba$u, wenn er feinen liefern aumutljet, bie* 
felben follen fta) bura) feinen fjodjgrabig »erlogenen 2öortfd)wall, 
burd) feine gerabeWegS &nx |>eua>lei if>re 3uflud>t neljmenbe 
33ert§etbigung$metf)obe einflüstern laffen. <Sa)openljauer 
oermirft bie (£lje boppelt, „weil fie eine Verneinung be3 



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bcS Söeltroeifm ©tfopenfjcmer. 113 



f rem ben ©illenS ift." (5r bef dumpf t unb leugnet ben 
Schöpfer, tfjm gilt baS ^eue Xeftament als ein !2ttär$en, unb 
Jrauenftäbt madjt iljn ^u einem ^efenner beS alletnfeligmadjenben 
lutf)erifdjen (Glaubens, um mit biefem fingirten Glauben, 
wie mit einem ßnppelpels, jenes Öeben Huberten, weldjeS ber 
'JJfjtlofoph felber feinen greunben eingeftanben, baS oon biefen 
publicirt unb audj, wie wir fefjen, oertfjeibigt ober minbeftens 
entfdjulbigt Würben ift, meldjeS er felber aber ntdjt be* 
fprodjen unb ber ^eugierbe beS ^ßublifumS nia^t 
preisgegeben miffen wollte. 

@S fommt aber nod) oiel feböner. Jrauenftäbt fefct fefjr 
füfm alle $ene in einen pljilofopfjifdjen $lnflageftanb, weldje 
fid) erfreuen, ben Sfikltweifen trofc feines Gebens unb feiner 
oft in Sföutfj geratenen Jlegelfjaftigfett nict)t für ben ebelften 
•Ißenfdjen ju galten. 2Ber muß nidjt ladjen, wenn er folgenbe 
£)eclamatton oernimmt (©. 272): 

„Unb wer feib benn Stör, bie 3b* über ©djopenjjauer ben 
©tab brechet? 3br feib üteUeidjt frei öon feinen ©djroäcben, babt 
aber bafür anbere unb melletdjt nod) fd)limmere in &üHe unb 
güHe, obne ba§ 3br (Sud) toie er äuajeid) rübmen fönnt, ein 
grojjeS, unfterblidieS SSerf für bie 2Renid)beit öoUbracbt au baben. 
$)aoet febe icb aud) nidjt, bafj (Sure (SJeftmtuna eiue befonberS 
nobele märe. $)enn menigftenS auS (Suren gebälftaen Slngriffen auf 
©djopenbauer leuchtet fie nietjt berbor." 

$urtoS! tiefem SBeltwetfen, ber oljne Unterlag unb 
unjäfjlige 50?alc fämmtltdje Sttenfdjen (ausgenommen biejenigen, 
bie iljn als $Öelterlbfer betrauten, ifm bewunbern, feine SBillenS = 
unb 35orftellungStf)eorie als baS Ijödjfte, lefcte, unantaftbare 9le= 
fultat aller $)enfarbeit in ber 3)?enfd$ett anerfennen) als bipedes, 
als oeräd)tlid)eS zweibeiniges SBietyoolf betradjtete, foll ^iemanb 
nafjen, über bie ftxüdftt feiner 'pfjilofopfn'e, bie fein eigenes 
$eben gezeitigt unb jur ©djau getragen, foll 9ciemanb fpredjen; 
fein Seben als ein föefultat fetner Öeljren foll SRiemanb er- 
mähnen, benn er r)at ein grojjeS, unfterblidjeS 2ßerf für 
bie Sftenfdjfjeit oollbradjt, unb barum §at man ferne „be- 
fonberS nobele ®eftnnung", wenn man fidj nodj ein Urtfjeil 
über bie merfwürbige Disharmonie mit ben SKomenten feiner 
bisweilen burdjbredjenben befferen (Srfenntnifj, als audj über bie 
§armonie biefeS Gebens mit ben Momenten feines gottlofen 
unb fittenlofen£f)eoremS erlaubt unb bie contrabictorif djen 

»runnet, Änlffolofltc unb ^ftffoloßic. 8 



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114 



Äniffologie unb $ftffotogie 



unjäf)lige 3Me aufgetauten SBtberfprüdje feinet Gebens mit 
feiner ßefjre — unb feiner Seljre in fidj felbft — unb feiner 
s 2tyoftel ©Triften bloßlegen fuajt. 

(5s ift geraberoegs eine Unoerfd)ämtIjeit, fidj jur 33er- 
tljetbigung biefes Sßelttoeifen, ber bie 2fyoftel in feinem 
®rö&enmaf)n $I)ilifter gef polten fyat, auf ben SCöeltapoftel 
Paulus &u berufen unb mit SUusfprüdjen btefes $(poftels bas 
ßeben unb bie ßeljren €>djopenljauers beefen gu motten. 
(£s ift bies aber nidjt nur eine Unoerfdjämtljeit, fonbem autf> 
ein eflatantcr Unfinn, tote es jebem mit Öogif begabten £efer 
einlenkten wirb, ber es nodj magt, ben Dr. ^rauenftäbt in 
feiner föeinigungsanftalt bes©djopenf)auerfa)en ^fjilofo^en* 
mantels (mir motten gart fein unb uns niefrt bes &usbrucfes 
eines fa^mu^igen deinen jeugs bebienen) nidjt freunbfdjaftlidj bie 
§änbe bargubieten. §>ören mir ben grauenftäbt, ber mit alt^ 
lutljerifdjer, fdjneemetfjer, gefältelter ^alsfraufe bie 
Langel befteigt unb, mit ber altlutfyerifdjen Dogmatil in ber 
§anb, ben eflatanten Leugner bes perfönltdjen (Rottes feinen 
proteftantifdjen unb fatfjolifdjen Gegnern gegenüber ju oer= 
tljeibigen fudjt. 

@. 273: 

„©etjet bo<$ füintig, ebe 2för über einanber richtet, juerft in 
(fud), unb fobann, um gerecht su rieten, laffet (Surf) Dom Sluoftel 
Paulus belehren. $er mtrb (£ud) (Börner 7, 14—23) tagen, bafe 
ber 9Q?enfd) fleifdjlidj unter bie ©ünbe berfauft ift bafe ein anberes 
' (Sefefc in feinen (Biebern ift, ein anberes im (Semütbe, 1 ) fo bafj 
er bas ®ute, bas er roitt, nidjt t&ut, fonbem bas Sööfe, bas er 
nid)t mitt, ba§ es a6er barauf anfomme, moran er ßuft Imbe, ob 
am inroenbigen s Iften)d)en ober am fleifrf) liefen. $)er Slpoftel 
roirb (md) fattfam belehren, ba§ nid^t bie SBerfe, fonbem ber 
(Glaube ben 9J?enfd)en rechtfertige, unb bafc §$r (Surf) um Qairer 
guten SBerfe mitten nodj nidjt für frei bon ber 93erbammnife, fo 
mie anbere um ibrer fcfclecbten SBerfe mitten nod) ntd)t reif für 
bie SBerbnmmnifc balten bürfet. Unb bann, menn Sbr aus ber 
SÖibel gelernt baben merbet, mürbe icb (Sudj nod) ben mati) geben, 
Schoben bauers SBerfe fleifcig ^u ftubiren. 9>fjr merbet bann 
oiettetd)t el)er im ©taube fein, über SHoralität im Sittgemeinen, 
fomie über bie moralifdje Dualität eines beftimmten 9ttenfc&en 
insbefonbere, 5. 33. über bie ©djopenbauers, ober auc§ über 
ßuere eigene, richtig ju urteilen." 



*) ®4 Reifet : „$a§ («efefc ift geiftig", aber e$ f;rißt nid)t „ge- 
müt^lidj". 



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bcö SEBeltroeifcn (Schopenhauer. 



115 



53. löte i>er tfpoltfi JIöuIuö als ®ittlnlhtttgs«u8* für fcni 
lUflimriffit üb To Int ntrtji m brau dien iß. tüte iraurufiäM 
fcetn $rfiopfuJjautr ein paragrapbmrftriTcs itbelsbtplam für 
btc JUaral iiföfclbrn ausfallt. 

$>a§ ift ja bodj rein jum 3)urdjgefyen ! ftefct f oll ber Dan 
<3djopenf)auer in feinem ©rbgenwaljn unb in feinem 
ft oi^en Söewugtfetn, er fei bie (Sentralfonne aller ^ilofop^ie, 
als „^fjilifter" gegoltene Slpoftel <ßaulu§ auf einmal 
mitfjelfen, ben ©ajopenfjauer oertfyeibigen, bie fdjmufcige 
Safere beSfelben ju wafdjen unb einige au§ bem (Sontejt 
fjerauSgertffene unb nodj bap oerftümmelte 33erfe aus bem 
SRbmerbriefe tote 9$apierfefcen bem £efer über bie 5lugen gelegt 
werben, bog er ja nia)t baö gange fiebente fapitel burdjlefe 
unb am Gmbe ju ber Ucberjeugung fomme, bafj grauenftäbt ilm 
roteber befdjwinbeln wollte. 

35Mr erfudjen ben Sefer, ba£ (£itat in bem 9lömerbriefe, 
VII. 14—23, naö^julefen, aber aud? glctct) 33er§ 24 unb 25 
unb ba<3 gange VIII. (Sapitel ba$u, befonberä 33. 12 unb 13: 
„Demnadj finb wir nidjt ©djulbner be3 gleifdjes, baß wir nadj 
bem gleifdje leben, benn, wenn ifjr nadj bem ^rletfd^e lebet, 
werbet iljr fterben, wenn ifjr aber mit bem Reifte bie 2Berfe 
be3 Jleifdjes ertöbtet, werbet iljr leben." 

Äuf alles baS fann man mit oollfter 33eredjttgung fagen: 

ift fdwn ein §mmbug, ba§ unfittlidje £eben eines 91 1 Reiften 
mit Sßibelcitaten berfen ju wollen, es ift aber ein noaj 
größerer unb total oerunglütfter SBerfud), wenn gerabe im oolf* 
ftänbigen, unoerfälfdjten unb unbefdmittenen Söibelcitat eben biefeS 
ßeben, was entfdmlbigt werben foll, gerabewegS oerurtljetlt 
wirb. 

$efyt fommt aber erft bie wafjre (Sfftaf e JrauenftäbtS, bie 
©djluftfanonabe ; ber Öefer wirb erfudjt, baS golgenbe genau 
ju prüfen (©. 273): 

„gür miefc (b. b- grauenftäbt) ift<Sc&openbauer trofc feiner 
menfdjlicben, fleifcbliajen ©<$wäcf)en unb ©ebredjen, bie icb burefc 
au§ nid)t in 5lbrebe ftetten Witt, fowie er fte felbft nic^t in SIbrebe 
fleftellt, ütelmebr offen ju mir befannt unb gefaßt bat: „3$ babe 
wobl Qelebrt, wag ein ^eiliger ift, bin aber felbft fein ^eiliger," 
für nud), fage icb, ift ©ebopenbauer trofe feiner ©c$wäcfjen 
einer ber ebelften Ufcenfcben, bie ie aewefen finb, unb fo lange ibr 
mir nidjt beweifet, ba§ «Sdjopenb auer an feinen ©ünben Suft 



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116 



tfniffologie unb ^fiffologie 



unb SBo^IßcfaUcn gefunben — wie gemeine SD?enfd)en pfle* 
gen — , bafc er fie nidit als eine Hemmung ietneS magren böbern 
SöefenS ober „beffern £eroufctfein§" emprunben, fonbern in iljnen 
fo recht au föaufe, in feinem Esse ftdj gefüllt habe, wie gemeine 
9Jcenfchen pflegen, fo lange werbet ihr mir meinen ©lauben 
on (Schopenhauers ebele, moralifche Oualität ntdjt 
rauben." 

54. jcttir htx $piefo mit bfw «franenfläM Me <8>egner It* WtlU 
mrt|en ftt ontnjuünrcn oioijt, gegen ujn | einer nmgemenoet nitro. 
$riiauliaftc £ngik, nm lien JÖeißer ?n entlüften. Jler #tbftft 
gibt felber fn, baff feine ifterke ber jFtnJlermff nnnütjärcn, fprtdjt 
aber bas iUertmuen auf feinen Itrijtm (Ölaubnt ans!!! 

©o grauenftäbt. ©efcen tt)ir nun ben gall, ein 53erracr)ter 
biefer eblen, moralifdjen Oualität *2$erfia)erung3anftalt würbe 
f agen : „ $)iefe 33ertr)etbtgung (Schopenhauers [ ammt ber barauf * 
aufteilten moralifchen (Sbelqualität ift ein purer Unfinn unb eine 
foloffale ^Dummheit!" fo fönnte biefem freien ^Betrachter unb 
Sßeurtheiler be£ ^rauenftäbtfa^en Panegyricus mit ber 23ewei£= 
metljobe grauenftäbts JolgenbeS ins ®eficht gefagt werben: 

„@o lange ihr mir nicht be weifet, bag Jrauenftäbt obige 
(&onfufion mit jener Unwiff enfjett, Arroganz unb (Selbft* 
gefälligfeit auSgefprochen, wie baS bei bummen SWenfa^en 
ber Jall ift; fo lange ihr mir ferner nicht bewetfet, bafc 
frrauenftäbt felber an biefen feinen SluSfprüchen eine 
£uft unb ein Wohlgefallen gefunben unb bafj er fia) beim 
SluSfprechen biefeS SBlöbfinnS fo recht gu §aufe in feinem 
Esse gefüllt fjat, wie biefe ©rfajeinung bei bummen SUien* 
fchen fehr häufig porgufommen pflegt, fo lange werbet ihr 
mir meinen (Glauben an bie beweisfräfttge £ogif, an ben (Scharf- 
fütn, an bas ®enie, an bie unübewrinblidje 5)ialeftif grauen* 
ftäbts nicht entreißen." 

9ßaä)bem nun Jrauenftäbt ben SBerfua) gemalt fjat, bem 
(Schopenhauer bas moralifche Abelsbiplom auszufertigen, führt 
er audj an, was (Schopenhauer felber für fiä) in biefer 
Dichtung oorgebradjt fyat 

S. 274: 

„Sßie Schopenhauer felbft fchon frühzeitig über bie $ln* 
fechtungen feiner (Sinnlichfeit gebadjt, mag au§ folgenben, 1812 ju 
Berlin getriebenen SBorten herPorge^en: „$)en Anfechtungen 



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oeä SBeltroeifcn (Schopenhauer. 



t 

117 



deiner (Sinnlichfeit fte^c lad&enb fo su, rote ber Ausführung eine§ 
Gegen 3)id& berabrebeteu, $)ir a6er gefteeften (3d)elmenftreich3. M 

§öa]ft intereffant ift bie Slnftrengung, mit roeldjer grauen* 
ftäbt feinen SWeifter lafatenfiaft roegen fetner £eben§roeife su 
entfdjulbigen fudjt unb roie aua? ber ©eltroeife felber oft ba3 
iöebürfnig gefüllt fjat, fidj in biefer föidjtung retnsuroafdjen. 

@. 274: 

„5luc^ roar er (©cfcopenljauer) nicht fo ooerftädjlidj, rote 
bie tön iefct roegen fetner tnenfdjlid)en <Schroädjen SBerbammenben, 1 ) 
bafj er bie moraltfcbe Cualität eines 2Äenicf)en nad) beffen äußerer 
Legalität unb ^robttät nbgefchcifct hätte. Gr unitnc reetjt gut, bnfe 
t>ie getftreichen unb genialen 9Jcenfdjen oft in ber Uebung ber 
£ugenb roeit r)inter ben geroöbntidhen äRenfdjenfinbern äurücffte&en, 
bafj biefe nteift oft ebrfamer leben, roeit weniger Anftofc geben al§ 
jene. ®ennod) liefe er fidj niefct baau öerleiten, über jene 
barum ben <5>ta6 ^u Breden unb biefe in ntoralifcfcer föinficht über 
Tie ju ftetten, rote au§ folgenben $lufaeid)nungen in feinen @rft= 
lingSmanufcripten beroorgeben roirb." 

2Öa§ ift ba3 roieber für ein foftbarer Sßertljetbigerftyl ! 
£)enfen roir un£ einen Slnroalt oor ®eridjt: er fjat einen $)ieb 
,ju oert^eibigen unb fpridjt nadj JrauenftäbtS Vorgang: „3ftein 
(Slient roeif* redjt gut, bafj feine ©enoffen oft in Uebung ber 
Xugenb roeit hinter geroöfmlidjen 9ttenfd)enfinbern gurücffter)en, 
ba§ biefe oft oiel e^rlid^er finb unb roeit roeniger Slnftoß geben 
als feine (Somplicen, er lägt fid) aber beSfjalb bod) nidjt 
verleiten, barum ben ©tab über feine (Somplicen (unb folgltdj 
audj über fta? felbft) ju bredjen unb biefe geroölmlia) (Sfjrlidjen 
in moralifdjer SBejieljung über bie (Somplicen (unb felbftoer- 
ftänblicb, auet) über fidj f elber) gu ftellen. 

®an3 mit ber ätynltdjen fdjabljaften £ogif oertfjeibigt fidj 
<5djopenfjauer felber. 



*) 2>a3 ift ein echter £b«atercoup, immer oon ben (Schopenhauer 
SJerbammenben $u fpreeben; ba$ geflieht boch nur in ber fcbftcht, um 
alle $ene, benen bie ?ehre Schopenhauer 3 ebenfotoenig gefällt, toie fein 
?eben, unb bie ftch ein ruhiges Unheil barüber erlauben, — als t>er= 
bammungSfüchtig, als ganatiler bargufleHen. SGBir erttSren biefe 
oratorifchen tfunfigriffe gerabetoegS als orbinär, benn fie geben ein §eugni§, 
bafj bie Sertbeibiger in ihrer Verlegenheit ju ben SBaffen ber Süge unb 
<£ntftettung greifen, roeit eS ihnen an ben Staffen ju einem ehrlichen Äampfe 
gebricht. 



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118 Äniffologie unb $fiffologie 

R 274: 

„3u Bresben 1814 treibt er: 2Renfcben bon ®enie unb 
(Steift unb folcbe, bei bcncn bie $luSbilbung bei ^nteßeftuctten, be§ 
Sbeorettfcben, bc§ <3$ ciftcS bcr be§ Sftoralifcben, be§ $raftifcben, 
be8 GbarafterS tt>eit toorgeeilt ift, finb im Seben niefit nur oft 
ungefebieft unb lächerlich, wie e§ $laton im 7. ©uebe bcr föepublif 
bemerft unb (Soetbe im 3Taffo gefebilbert bot, fonbern fie finb oft 
logar moralifcb febroaeb, erbärmlich, ja faft idjledjt. SBirflirbe 
99eifpiele bot Siouffeau gegeben. $)ennocb ift bie Quelle aller 
£ugenb, ba§ beffere SBenntfetfein, in ihnen oft ftärfer al3 in Dielen 
beffer $anbelnben, boeb roeniger febön SJenfenben, ja Seite finb 
eigentlich mit ber $ugenb genauer befannt, als biefe, bie fie beffer 
üben. %tne möcbten oott difer für ba8 ®ute nrie für ba§ ©cböne 
geraben Saufet ftcb jum Gimmel erbeben, aber baS biefe @rb* 
dement roiberftebt ihnen unb fie finfen jurücf. <Sie gleichen 
geborenen Sttinftlern, benen ba§ Xecbnifcbe mangelt, ober benen 
ber äKarmor ju hart ift. ^Mancher anbere, ber uiel weniger al£ 
fie für ba§ <$ute begeiftert ift, ungleich roeniejer beffen liefen er* 
grünbet bot, übt eS öiel beffer, erfiebt auf jene mit SSeracbtung 
herab unb bat ein SHedjt baju, unb boc§ oerftebt er fie niebt, 
unb aueb fie üeraebten ibn niebt mit Unrecbt. ©ie finb 
m tabeln, benn ieber Sebenbe bat eben bureb fein Seben bie 99e- 
bingungen be§ SebenS unterfebrieben, aber fie finb noch mebr ju 
bebauem. Sie roerben ertöft niebt auf bem SSege ber $ugenb, 
fonbern auf einem eigenen SBege: niebt bie SBerte, fonbern ber 
(glaube maebt fie feiig \ u 

§ter feljen mir, nrie ber entfdjtebene Sltfjetft, bem bodj ftcher 

bie ganje lutherifche Drtljoborie ate eine reine alte SRumpeU 

fammet gegolten hat, fieh auf einmal nrieber bie lutherifche 

2Berf* unb ®lauben$tfjeorie als töüftjeug heroorfjolt, um feinen 

Söanbel, ber „nicht auf bem 2öege ber Xugenb" gemefen 

ift, „auf einem eigenen ©ege" 3U rechtfertigen, (5r hat 

abfolut feinen (Glauben, aber ber (Glaube foll ifjn feiig machen; 

e$ ift roenigftenS ein achtenStoertheS ^eftänbniß, baß e3 ihm auf 

bem ©ege ber Xugenb nicht gelungen ift. - SBtr fehen 

hier beutltch, baß auch feljr renommirte ^P^ilofopljen, roenn fie in 

Verlegenheit fommen, gerabe fo nrie ganj orbtnäre 2ftenfdjen* 

finber jur Verlogenheit ihre 3uflucht nehmen. 

55. fite finßf vtn %$txhc tBfrben fdjon mtebr r mit btnt IHantfl b*r 
6enu«jrrioUegten fcfl fugebttfct. ütorai tft nur für fctn iläbel ! 

grauenftäbt ^at aber auch noch anbere ähnliche (£ntlaftung£* 
(teilen au§ ben Schriften feine« 9tteifter3 ^ufammengefucht, fo 



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beS ffieltmeifen @a?opem>uer. 



119 



©. 275: 

„^lebnlictje hierher gehörige ^leufjerunften Schopenhauer* 
in feinen C£rftltngSmanuKripten finb : £)aS üeben beS (Geifrreichen, 
beS genialen bat feine blojj moralifche, fonbem auch eine tbeoretikhe 
£enbena. %a, man fönnte üteUeicbt fagen, bafc er in einem 
gemiffen (Grabe über baS 9ftoralifcbe hinaus ift 1 ): 
grofeer ©oSbeit ift er öößig unfähig unb bie gewöhnlichen Sünben 
brürfen fein (Gewiffen weniger, als baS beS gewöhnlichen DZenfcfcen, 
weil er gleichiam baS ©piel beS Sebent burchkbaut." (SreSben, 
1814.) 

2Öir wollen hier bie Schönfärbereien, beren fidj bcr ^^tlo- 
fopfj pix Beruhigung feinet (GewtffenS gerabe in ben ^fjren 
1814 unb 1815 bebient, ein wenig unterbrechen, um auf einen 
nicht gu überfehenben Umftanb aufmerffam zumachen. 
Schopenhauer hat vielfach nachweisbar bie (Gewohnheit, (Ge= 
banfen unb Erfahrungen Ruberer, mit bem (Gepräge feiner 
Sprache oerfefjen, als eigene SJcunje in ben (SourS ju bringen. 
$)tefe Stellung beS (Genies (oerftct)t fia) angemaßte, bie allen 
jenen Söebrängten wot)lgefällt, welcbe biefe Stellung ebenfalls als 
einen ^ertfjeibigungSapparat gebrauchen wollen) hat (Goetf>e suerft 
1813 bei ber Xrauerrebe für ffiielanb in ber Freimaurerloge 
3u Seimar auSgefpielt 2 ). Schopenhauer gibt bicfelbe gleich 
3Wet Jjjahre barnach als fct)r oerwenbbares SöefchwichtigungS^ 
mittel in oerfcf)iebenen Sprachwenbungen wieber. 

Sir laffen felbe hier nach 5 raucn ftöbt (S. 275) folgen: 
„gemer : (Geniale baben oft beftiae ©egierben, finb ber SBottuft 



nicht weil, wenn biefe ftc$ ihnen barbieten, fie bie $bee berfelben 
erfennen, lebhaft unb tief erfennen, baS ©ubject alfo auf biefe 
gerichtet ift unb nun biefe (£rfenntni§ bie Uebermacht über ben 
Warfen SBiUen gewinnt, 3 ) ibn nunmehr (eben wie beim ^eiligen) 
wenbet unb bie 3fliffetbat alfo unterbleibt. 3mmer alfo partieipirt 
baS (Genie etwas bon ber &etligfeit, inbem eS bie 93ebmgung ju 
biefer hat, unb ber ^eilige etwas Pom (Genie, inbem er Die Se* 
bingung au biefem hat." 



J ) 9Kdjt nur in einem gewiffen, fonbem aua? in einem fehr ungemiffen 
(grabe. 

») (SoetbeS Serie, XXII. «b., @. 233—266. 

3 ) SBarum fotl man biefe furiofe (Erfenntnifj unb biefe Uebermadit 
über ben ftarfen SBiHen bei aornmütfngen, böswilligen ©enieS nia)t beffer 
mit bem 2ßorte ©algenangft bejeiamen? 




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120 



Äniffologie unb ^fiffologie 



©djlug : Da3 ®enie t)at eine Heine Portion |>eiltgfeit, unb 
biefe §eiligfeit (biefe Heine Portion) ljält ba§ ®enie oon 3J2tffe= 
traten gurütf. 

ift oft gerabemeg3 brodig, wie fämmtlidje, bem ^ilo= 
fopfyen in ben SBurf fommenben @rf Meinungen in bie ©djub- 
fäcfyer feinet ©tiftemS in „SSMlle unb SSorftellung" hineingehängt 
werben. Der „ftarfe $Öille" wirb beim ®enie wie beim §>ei* 
ligen gewenbet, unb bie 9ftiffetfjat unterbleibt. ©djopentyauer 
bat fidj eine eigene Definition oon ber Jpeiligfeit gemalt unb 
bie ®oetfjefd)e Definition Dorn fanonifdjen SRedjt unb 
fämmtlidje ^ßrimlegien bes ®enie$, meldje fi$ btefeS ($ente felber 
oerletfjt, audj für fidj in 93efd)lag genommen, 
©djopenbauer (©. 275): 

„$er mit <§tenie begabte 9ftenfcf) opfert fidj ganj für baS 
(Stange, eben inbem er lebt unb fcfcafft. 'Daber ift er frei bon ber 
Sßerbinblict)fett r fieb im (^injelnen für ©naelne ju opfern. 1 ) $)iefep 
wegen fann er manebe Slnforbenmgen abweifen, bie anbere 
billig erfüllen müffen. @r leibet unb leiftet bo<$ mefcr, al§ 
alle Sfnbern." (Bresben, 1815.) 

§ür bie anberen bummen $erle, für ba3 gemeine tyad, für 
bie bipedes, ba ift ba3 Sittengefefc ganj gut. Die müffen eS 
erfüllen, aber baö ®enie leibet unb leiftet für alle Uebrtgen. Da§ 
Seiben ©djopenbauerä beftanb, wie e£ iljm nidjt mit Unredjt 
oft oorgefjalten mürbe, barin: (£r lieg fidj §u Wittag unb 
3lbenb3 redjt mofjl gefdjeljen, naljm gut unb oiel $u ftdj. ging 
mit feinem 'pubel unb irgenb einem Enberen, ber ben ^ßubel 
ntd)t im bellen nadjabmen burfte, bafür im Sebeln unb $riedjen 
nod) übertreffen mugte, frieren unb atljmete bie Sobtiraben 
über feine ^ilofopfjie mit oieler $3egierbe ein. ©onft mar 
oom Sei ben bei iljm feljr wenig ^u fefjen, unb bodj meint er 
offenbar audj fidj felbft, menn er fagt: „ba3 ®enie (b. Ij. er) 
leiftet unb leibet mef?r al3 alle ftnbern". 

(£$ ift intereffant, ju feben, wie alle biefe ©enieoerljerr-- 
Übungen, ®eniebefinittonen, ®enieprioilegien, (Senieentfdjulbiger 



*) ©3 a,ef)ört bod& eine in£ Äomifa?e bmüberragenbe Unoerfrorenbett 
baau, auf bie ©oetfjeföe ^roffamatton ber ©eme&orredjte in ©aufdj unb 
Sogen fnn ein göiuc§ neues SWoratgefe^ }ii üerf äffen. SBie bei ©Popens 
bau er &fle§ in SBiUe unb SJorfteßung fjinemgefdjadjtelt nurb, fo fönnte 
man Rimberte feiner lÄufftettungen at§ 9lu§flüa>te unb (Jonfequenjen be$ 
©röfjenroa^nS beseiten. 



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be3 Sffielttoeifen (Scfcopenfauer. 



121 



fid? auf bcn SEßcltiu ctf cn, ate ba3 eigentlidje ©entrum bcr 
3Belt unb feinet ©rjftemS jurürfbcjte^cn. (£r ift watjrüdj ntdjt 
bcr 2ttann, ber je Anbete oerberrltdjt Ijat, er benft nur immer 
mit bcr größten ®eroiffenl)aftigfeit auf bic $lnerfennung feineö 
<^enic§, auf bic „Umfidjgrcifung" feiner Sß^tlofop^tc, auf bie 
SBerfyerrlidjung feinet SRufymeS. 

©elbftoerftänblidj muß er bei biefem prononcirten ©gotemuS 
oft (jerabemegS Drollig werben, wie 3. $3., wenn er (biefer SBclt- 
metfe) fidj fogar ein <5tütf £>eiligfeit juerfennt. 

Wodj deinem tft'3 gelungen, 
2)afe er ba8 2öcif)rauc$fafc 
<5o ofjne Unterlaß 
Äfitt' um fief) felbft cjefa?wungen. 
$om füfeen 3)uft erfüllt, 
$n Siebet eingebüßt, 
3Jeräua>crt um unb um 
6r ftd) — fem £eiltgtf)um. 

56. #ranenftäbt nie JHafilhibfabrihnui fertigt utieberljolt einen 
eigenen Jiln&fhib an, mit bem bie bnmmen iTefer bie inoraiifrhe 
Jrefinng $münettljauerö abiumeflen Ijnben. fler JtJeltrceire ürr= 
aleidjt fitij mit „JTefus von Haiaretlj''. Per StTeltnietfe freut ft dr . 
inbem er feinen Pertlj nnb ben UumerUj aller ilebrigen 

erkennt. 

9tun folgt jur 2lbwed)§lung fdjon lieber eine Sßertfieibigung 
(Stfjopenljauers gegen ©emetnljett (<&. 276): 

„£te8 mar ber moralifdje 3fta&fta6, nad) bem ©djopen* 
Ijauer ba§ perfönltc^e £eben ber geiftreidjen unb genialen 2Henfd)en 
abfdjäfcte, unb bnfc er jebenfattö wahrer, tiefer unb gerechter ift, 
al§ ber unterer heutigen bogfmften glacrjföpfe, bie einen ©cfcopen* 
bauer wegen feiner perfönltcfcen ©a^wäerjen unb Sünben ate 
einen gemeinen SWenfcfcen öerbädjtigen , ba§ fteljt für jeben 
(Sinfiofctigen reft." 

2Ba£ bleibt uns jefct übrig V benfen fidj t)ier unb ba un* 
einf ict) ttge £efer. 2Bir müffen e3, um fftt etnfiajttg ge- 
halten ju werben, mit grauenftäbt galten, unb mir bürfen ja 
nidjt murffen, über <5djopenfyauer3 Öeben ein Söebenfen 311 
äußern, fonft wirb jebem oon uns ein bo^after fjlac^f opf 
an ben topf geworfen. 9hm gibt e3 aber audj gutmütige 
J}rladjföpfe, bo^afte ©pifcföpfe unb aufgeblafene 



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122 Äniffologie unb ^ftffologtc 

£)ummföpfe unb allerfjanb anbete Titulaturen aus bem philo* 
fophifdjen (Schimpf lerifon. Unb fo fann man am (£nbe ben 
boshaften glaif opf ertragen, unb jroar oon einem fyfylo* 
foppen, ber ftdj bodj offenbar burdj biefe Titulatur implicite 
als ($egenfafc berfelben für einen gutmütigen ©pifc* 
topf hält. 

Söteroeilen brürft aber ben tfafai Schopenhauers boct) baS 
($eroiffen unb er macht nid)t gerne, aber boch notljgebrungen 
einige ^ugeftänbniffe. So ©. 276: 

„Wit mcbv 9ßecht, al§ bie (Lerneinheit, fönnte man ©chopen* 
bauer ü i e 1 1 e i rf) t (nur?) ben Sßorrourf be§ &ochmutb§ machen 3)enn 
feine SKenfchenöerachtung, fein ftch fremb unb heterogen Sühlen 
unter bem „SReitf chenpaef, ben „^iliftern", ber „Sabrifroaare 
ber Statur" u. f. ro. nimmt allerbingS mitunter (?) einen 8u$* 
bruef an, ber rote £odjmuth auSfiebt (nur?), Schon in 
feinen (s&cftlingSmanufcripten fommen gablreiche Stetten bor, in 
benen er auf bie Sftenfajen herabfielt, aI3 märe er ein SBefen 
höherer ©attung, ,v 35.: „Stuf ben ftöben mufe e3 freilich einfam 
fein." (Bresben, 1814.) „5)ie äßenfeben finben ftch oft burch ein 
einjifleS Söort, eine 4ftiene, einen SBiberfprudj fo beleibigt, bafe 
fie eö nie »ergeben unb geinbfehaft unb Sreunbichaft machen : mir 
ift ba$ nun auemal unüerftänblich. 5)a8 macht : ich mufe in einem* 
fort ©efic^ter, Sßorte, Meinungen, SBiberfprüche aller Slrt Oer- 
geben, bte mein 3nnerfte§ empören auf eine SBeife, bie ^ene 
gar nicht fennen." (Bresben, 1814. S. 276.) 

„2luf bem ©eftchte be§ SlpollS üon Seloebere 1 ) lefe ich ben 
gerechten unb tief gefühlten Unwillen be§ 9^ufenaotteö über bie 
(ftbärmlichfeit unb gänzliche, nicht gu beffembe Sjerfehrtheit ber 
^ßhilifter. $luf biefe hat er feine Pfeile gefenbet, um bie 53rut ber 
emig Slbgefchmacften au öertilaen." (Bresben, 1814.) 

„3cb rebe biSroeilen mit Sftenfchen, fo mie ba§ ®inb mit feiner 
$uppe rebet: e§ roeife jmar, bafc e3 bie $uppe nicht öerfteht, fchafft 
ftch aber bureb eine angenehme roiffentliche Selbfttäufchung bie 
ftreube ber 2Rittheilung. M (Bresben, 1816.) 

„Sfttr ift unter ben Sftenfchen immer, mie bem 3efu£ Oon 
9?aaareth mar, als er bie jünger aufrief, bie immer alle 
ich liefen." CDreäben, 1816.) 



») ©elbftoerftänblich hält fta? Schopenhauer felbft für ben »poK Dem 
Seloebere; er legt feine glühenbe SKenfchenoerachtung in bte falten 
aKarmorjüge be3 £eibeitaotte3 unb mochte junt 8fa3taufch bafür bie 
"pfeile be§ ©otteS, um bte 93rut ber eroia, Slbgefcbmacften ju oerttlgen, bie 
fo blöbe finb, in i h m nicht ben »af>ren Crrtöfer ber SRenfdjheit anzubeten. 
C£S tft bodj nur baSfelbe Chamäleon bcS @rb'feenn>ahn§, ba$ in aßen färben 
fchiaert. 



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be$ Seltroetfen ©cfcopen&auer. 



123 



2Ba$ ift btefer „i^efuS oon 9taaaretlj" gegen ben ©djopen* 
fjauer, ben Äpollo oon Söeloebere, ben grünblidjen Sßerädjter 
ber äftenfdjfjeit! (SfjriftuS liebt bie 2ttenfd)en aß $inber be§ 
göttlidjen Detters, unb ©djopenljauer ^agt unb oeradjtet bie 
Üftenfdjfjeit als Slbfömmltnge oon ^aütanen, £)rang-Utang3 unb 
anbeten Äffen. Uebrtgen3 ift e§ audj nod) eine irrige SBor* 
ftellung unb ein böfer Stile, wenn ©djopenfjauer bie 
3<ünger „immer" unb toenn er „alle" fcfylafen lägt. 

gerner rebet fidj ber Selrioeife felber gu, feinen ^odjmutb. 
100 möglidj nodj fteigernb: 

„$u mein Sreunb, oergifc nie, bafc $)u ein ^bilofoptj bift, oon 
ber ytotur baju unb ju nidgti anberem berufen. SSanbele bafjer 
nie bie SSege ber 93()iüfter, benn, roenn $)u audj einer merben 
roottteft, fo fönnteft <2)u e3 nie, bliebeft fogar nur ein .<palbpbilifter, 
ein mtfelungeneS ^ing." (Bresben, 1816. ©. 277.) 

„(£inen $unft gibt e§ für jeben SWenfdjen öon ausgezeichnetem 
inneren SBertb, au roeldjem gelangt, er geborgen ift. tiefer $unft 
ift ber, roo er innig unb üöuig flar feinen eigenen SBertb erfennt. 1 ) 
Unb ba SBertb immer relatiü ift, fo ift bie§ jugleic^ ber $unft, 
ioo er ben Untoertfj ber Uebrigen erfennt. 9cun ift er, 
fage id), geborgen; benn bie anberen fönnen iljn nie mebr irre 
madjen: ipr Xbun unb tfjr deinen roiegt ibm jefet leicht: er ift 
über alle Autorität erbaben, erfennt bie zöeften für feine 
®eifte§brüber unb bie Spenge (l'ignorante et sötte multitudo des 
Rabelais) für beftanb* unb roefenlofe Ratten." 

(Sr ift über alle Autorität ergaben, unb bie Anberen fjaben 
ifjn als alleinige Autorität anjuerfennen, — fo mill e3 fein 
Sille in ber Seit unb fo madjt er ftd) feine 33orftellung 
oon ber Seit. 

57. Hie iTüdißc £eißtmg int ©röfiennmljn. ijortjmuiij unb 

tiuföfblnrmljtit. 

$n ber Xfyat, bie ganje ($efd)idjte ber *ißljilofopf)ie unb fämmt* 
liaje ®efdjia)ten fämmtltdjer ?f)ilofopl)en fjaben fein (£r*mplar 
aufeutoeifen oon einer berarttgen Sertfjfcpfcung ir)rer felbft 
unb Unmertljfdjäkung ber ganzen anberen ättenfdjljeit. Unb ber= 
felbe Seltioeife fyat e3 einmal bem ®oetfje oorgetoorfen, ba& 



*) 3)iefe @el6ftyunftirung bc§ CT^a6cncn SBeltweifen in feinem 27. %at)Tt 
ift befonberS beadjten3wertf>, nrie audj bie gong confequente Äefirfrite, bie 
$erad)tung (ber Umoerti)) ber Uebrigen. 



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124 



Äitiffotogie unb ^fiffologic 



man in feiner Dcähe feinen anbern ($ott anerfennen burfte, als 
itm felber ! Gegenüber biefen hägelbidjten Söeroeifen oon ®röj3en= 
roahn bei (Schopenhauer erfchetnt ja ®oetf)e noch immer in 
einer finblid)en 5Bcfct)cibcn^ctt. 

@S ift anerfennenSroerth, bag aud) grauenftäbt r ber bodj 
bem 30?ctftcr immer burdj £)icf unb $)ünn nachfolgt, ihn bei 
jeber (Gelegenheit IjerauSjuIjauen fudjt, ^ier ntd^t umhin fann, 
bem gefunben (Sinn beS £eferS bodj einige (Sonceffionen 
machen, einige Opfer bringen. @r bemerft über biefe 
^imalatyahöhe ber ©elbftfdjäfcung (<S. 277): 

„klingt baS nun nic^t bodmtütbig? 3ft, roer in einem fort 
bie (Seftcbter, Meinungen, Urtbeile anberer ju Vergeben bat; roer 
mit ben 9Jcenjcben roie baS ®inb mit fetner flippe rebet; roem 
unter ben SRenfcben faft immer ju 9Jcutbe ift, roie bem ©rlöfer, 
ber fte auS bem «Schlaf aufrütteln möcbte — ift ber niebt boeb- 
mütbtQ? 2lud) ift eS gan* geroifc, ba£ Schopenhauer öon ber 
Söefcbeibenbett nichts aebabt bat. Scbon 1814 jtt Bresben febreibt 
er, niebt obne einen Anflug bon (Sattore: „2Benn icb über *8e* 
febetbenbeit ju febreiben bätte, fo mürbe icb lagen: 3dj fenne ju 
iebr mein bocbßefcbäfeteS ^ublifum, für roelcbeS icb su febreiben 
bie ©bre babe, als bal icb mieb unterfangen follte, meine äJceinuna 
über bie iuejenb ber ÜBefcbeibenbeit laut roerben ju laffen. ttuet) 
oerftebe icb mieb für meine Verfem gerne baju, befdjeiben ju fein 
unb mieb mit möglicbftem öebaebt Diefer Sugenb ju befleifjtaen, 
nur baS roeröe icb nie jugeben, bafe icb öon irgenb 3emanb 95e- 
icbeibenbeit geforbert bätte, unb roeije jebe Söebauptung einer foleben 
gorberung öon meiner Seite als Öerläumbung juruef." 

$)er erfte £fjcil biefeS <SattorenanflugS (roie es Jrauenftäbt 
nennt) ift abgefdjmacfter §o!jn ohne SBtfc, ber groeite SPjeil 
ift eine 93ertheibigung ohne ($runb. (£r hat freilicb nie gu 
irgenbroem gefagt: „$ch forbere oon $h ncn ^efehetben- 
beit", aber er t)at trofc feines (SchmähenS unb feiner Ver- 
achtung ber Uebrigen, „beren llnroerth er erfannt hat", boeb 
mit unerfättlid)em ^Durft nach Sluerfennung eben biefer SÖerth* 
lofen geleckt unb ift immer in ©rimm gegen ^ene ausgebrochen, 
bie ihm offen biefe ^luerfennung oerroeigert hoben. 

58. Jtfu iri^ flüfbem gvnntnftütt bei feinem JltetfJer wxdj ein 
^tttm &t |nj«tOfnijm an ernannt nitiirn tutu. iips gttrt ntnjt tmr 
btfdjtxbtnt, ts ötbt mtdj nnfncblaffnc unb frt^e fnmpe! 

SKachbem e§ aber bei grauenftäbt ohne ©ntlafrung unb ohne 
Verpufeung ber ftarfen ©chroächen feines ÜJceifterS nicht abgehen 



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I 



be3 Seltwcifen @#openf>auer. 125 

fann, fo fängt er aud) trofc aller angeführten Sleußerungen be$ 
s ^etfterä alfo an (©. 278): 

„©eine (<Sdjot> ent)auer§) $leufeerungen über SBefcbeibenfjeit 
in „$>te SBett al* SöiUe unb SSorftetlung" (3. «ufL 28b. EL 8. 489) 
lauten bafnn, ba§ ®oetfje gefaßt: 9iur bie Sumpe f tnb be* 
j Reiben, bafe aber nod) unfehlbarer bte v Sebauptuna aemefen 
märe, bafe bie, meldje fo eifrig bon anbern 93efc$eibenljeit forbern, 
auf ©efc^eibenbeit brinaen, unabläffta rufen: $ur betreiben um 
©otteSroiflen, nur befaSeiben, äuöerläfiig Sumpe finb, b. b- 
DöIIig öerbienftlofe Sickte, gabrtfroaare ber Statur, orbentlidje 
SRitglieber be$ $acf3 ber äRenid)$eit." 

©djopenfjauerfjatin fetner 5lnfd)auung über Söefajeibenfjeit 
ben ($oetfje mit ($lücf nodj ^u überflügeln gefudjt, benn er Ijat 
t^n überflegelt. 

!X)a§ märe allerbingS ein blöbeS, fd)roädjltd)e3, abgefdjma<fte§ 
Verlangen, einem I)odjgrabtg unbefdjeibenen 9)?enfd)en 
zurufen: „9iur befdjetben, um (Rottes roilleu nur be* 
fdjetben!" 9ftit folgen beuten muß man anberS reben, man 
muß if)x £e$ifon ftubtren, mit ifjren Söaffen üjnen entgegen- 
treten. 

Senn nun (Sin er, ber bte SBefdjeibenljeit oeradjtet (A), einem 
Anbern (B) r ben er für bef Reiben fyält, guruft: „9htr Sumpe finb 
befdjeiben!" fo foll ber B bem A fagen: „SBergeffen ©ie nidjt, 
baß es audj fredje, aufgeblafene Öumpe gibt unb baß bie 
freien 8umpe jebenfalls nod) ungenießbarer finb, als bie 
befa^etbenen ßumpe." 9lodj brafttf c^cr märe es, roenn 
ber B auf ben ©dumpf Inn, er fei ein befdjeibener Sump, 
bem A eine tüdjtige Ohrfeige oerfefcen mürbe, benn bann fönnte 
ber B oor ®eridjt fagen: „ftdj fjabe mir nia^t anbern gu Reifen 
gemußt, als bürd) btcfcn fdjlagenben 23emei£. $)a3 SBort 
Sump ift ein ©djlag auf ben (Sfjarafter be3 2flenfdjen unb 
ft^er nodj mefjr oerlefcenb, als eine Ohrfeige. (Sr foll mir 
ben ßutnp abbitten, bann ljab' idj ben Öump meg, — tdj 
merbe üjm bann bie Ofjrfeige abbitten, bie man fretlia) nur 
abbitten, aber in feinem galle aurücfnejjmen fann." 

$Ötr wollten fter nur einfaa) ben Söemete liefern, baß e3 
mit biefer Kraftmeierei im SBerfe^r, mit biefer Öumpenfdjitnpferei 
confequenter äBeife am (£nbe jutn gegenfeitigen £urd)prügeln 
unb ju ®eridjtöfcenen fommen muß, unb Ijaben uns audj f$on 
früher in aller Unbefdjeiben&eit geäußert, baß mir audj auf 



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126 Ätiologie unb Wffotogte 

0oet$e£ geflügelte ©orte bann niajts geben, wenn biefelben 
in geflegelte Sorte ausarten. 

&uf Siefen prooocirten (SjrcurS über befdjeibene unb fredje 
Sumpe wollen wir wieber grauenftäbt ljören, ber „eine lieber- 
geugung gewonnen Ijat". SÖir njollen ben glütflidjen (Gewinner 
unb baS SooS, weldjeS er gewonnen fyat, nä^er betrauten. Gnr 
fagt (©. 278): 

w $)ennod) babe i$ bie Ueber$eugung gewonnen, bafc © dj o p en = 
Bauer nid)t bocbmütbig war, unb fann jum SBelea bafür fomobl 
(Stellen feiner frübeften äftanuferipte, als fetner aeorutften SBerfe, 
fowie aud) münbiiebe 9leufüerungen anfübren. ©djopenbauer 
wollte nidjt, bafc bie 93etrad)tung ber @htbärmlid)feit Ruberer uns 
bod)mütbig mad&e. $5enn fdwn ju Bresben 1814, wo er eben 
jene boegmütbig flingenben ©teilen niebergefebrieben, fdjrieb er 
aud) : ©oll bie 5öetradjtung ber Cfrbärmlicbf ett §lnberer unS über* 
mütfjig ober bemütbig ntaqen? 5luf ben ©inen wirb fte auf bie 
eine, auf ben Slnbern auf bie anbere SSeife wirfen unb bieS Wirb 
d)arafteriftifdj fein." 

S)aS foll ein 93ewei§ für ÜDemutlj fein! Siegt in biefer 

Setradjtung ber „(Srbärmlidjfeit $lnberer" Uebermutlj ober 

ftemutl)? grauenftäbt fätjrt fort: 

„Serner unterfdjieb ©djopenbauer febr genau jwifdjen ber 
auS unmoralifeber Öuette, auS einem bösartigen (Sbarafter ber- 
borgebenben StKifantbropte unb iener timonifdjen, bie auS einem 
eblen, moralifdjen Unwillen entfpringt, inbem er fdjon au ©reiben, 
1814, fdjrieb: „$)er SWcnfcbenbafc eines £imon öon Sltben ift 
etwas gans anbereS, als bie geinbfeligfeit ber Sööfen. 3ener 
entftebt auS einer objectioen (Srfenntnifc ber SÖoSbeit unb $borbeit 
ber -ücenfeben im OTgemeinen, er trifft niebt ©in^elne, wenngleid) 
©injelne ber erfte 3lnlafc fein fönnen, fonbem er gebt auf Sitte, 
unb jene ©injelne werben bloS als gleicbgültigeS JÖeifpiel ange= 
feben. Sa, eS ift immer ein gewiffermafeen eoler Unwille, ber 
wobl nur <Btatt bat, wo baS Semufetfetn einer befferen eigenen 
9?atur ba ift, bie ftdj über gans unerwartete ©d&lerf}tigfett ent* 
rüftet bat."" 

59. öfrmtQlüdüc ftcrijtff ritamiß fcr s Jflr urrijenljnlTcs. Pif intt Urk- 
iutllt mmfaanjrai« b*s Reißers tum b*r mflralifdjfn natfr feiner 
eigenen &n»fn$t ftfyr vtvf^j'xthtn. 

(5S fudjt fia? ©(Jjopentyauer offenbar bei feiner no = 
tortfdjen ättenfdjenoeradjtung mit bem eblen Unwillen unb 
mit bem Söewufjtfein feiner befferen eigenen Watax f)erau3$u* 
Wfen. (Sr ift immer ber ©bie, ber 23eoorsugte, bem bas 



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be3 SBeltwrifen ©cfcopenfauer. 



127 



Privilegium ber Verachtung fämmtlicher Anbeten burdj 
eben feine ungeheuerlichen Vorzüge unb Xugenben, bie er 
vor ben &nberen voraus fjat, t^cil^af ttg geworben ift (£r 
fä^rt in gleichem (Sinne fort (©. 279): 

„$)agegen tft bie gewöhnliche geinbfeligfeit, Uebelroollen, 
©ebäffigteit ettt>a§ gans ©ubjecttoeS , nidjt au3 ber (Srfenntnife, 
fonbern au§ bem SSttten entftanben, ber bon anberen SWenfdjen 
burch ftete (SoCtiftonen immer getreust mirb unb nun bie (Siruelnen 
bafet, bie ihm binberlich fein fönnen, b. b- eigentlich aber & He, 
bodj immer ftücfroeife, einzeln unb b!o§ bon ienem fubiectitoen 
©tanbpunft au3. (Sinige roentge, mit benen er, au8 blofeer S3er- 
roanbtfchoft unb ©eroognbeit berfnütoft, nur (jin Sntereffe bat, 
wirb er lieben, obwohl f t e nicht beffer finb, als bie 
anberen." 

Wo felbft bie „(beliebten" fönnen bem üblichen Jufj- 
tritt nicht entgehen unb roerben freilich immer nur „im eblen 
Unnrillen unb im 53en>ufjtfein ber befferen eigenen 9ßatur" in 
ben Krater ber allgemeinen Verachtung hwabgeftofcen, benn fie 
finb ja „auch beffer al§ bie Slnberen". 

Sei allebem finbet ^rauenftäbt obligat im ganzen au3ge= 
fprochenen aftenfehenhajj ©chopent)auer3 (£belmuth. C£r bocirt 
(©. 279): 

„9hm (Schopenhauers eigene Sfttfantbrobie mar feine 
gemeine, au§ iubjectiber geinbfeligfett gegen (Sinjelne ent* 
iprungene, fonbern eine eble, au§ ooieettber (Srfenntntfe be§ 
*Ü?enfchentt)efen§ im Allgemeinen hervorgegangene. 2)afür fpredjen, 
benfe ich, *ur ©enüge alle feine SBerfe. Sine folche SKifantbropie 
fann aber nicht hochmüthifl machen, benn fcbliefet fie nicht bie ©r* 
fenntnifj in fich, bafc man felbft an ben (Sigenfdjaf ten 
p ar tieipirt, megen beren man eben auf baS ätfenfcbengefcblecbt 
mit bem Singe be£ 3ftifantbropen herabfieht?" 

Sie es Jraucnftäbt pd) nuT klauben fann, mit fo unge* 
heuerlich in fragen gehüllten 3umuthungen an ben £efer f)vccm* 
gufommen? (Schopenhauer betont immer feljr geroiffenhaft 
fi<h, fein ($ente, feine (£rfenntni§, feine Ueberlegenheit, 
feine Vorzüge gegenüber ber übrigen oerachteten 9D^cnfcr>t)ctt ; 
er ift meit entfernt, in fich fclbcr jene ©genfdjaften $u ber= 
mutzen ober an benfelben gar $u particijriren, bie er bei bem 
anbern *ßleb£ oorausfefct, unb um berenrmillen er eben biefem 
Plebö gegenüber feine bollfommenfte Verachtung an ben £ag 
legt 



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128 Jtntffologte unb Wffrtgte 

9ftit bem 93eroetfe aus ben fd)riftlidjen tefcerungen £>chopen^ 
f)auer§ ift e3 bem Dr. grauenftäbt gar nic^t gelungen. 9hm 
oerfuäjt er e3 aus bem münblichen SSerfc^r (@. 286): 

„2hidj mei& ich au§ meinem perfönlidjen Umgange mit 
Schopenhauer, baft er mit berfelben Obiectiüität, mit ber er 
auf Slnbere berabfab, auch auf fiefe felbft berabaufeben fähig (sic> 
mar. (£r befannte mir nämlich einft gan$ unverhohlen, bafc, fo 
tc^r ihm auch ieine intelleftuelle *Bbpfiognomie gefalle, io 
roenia gefalle ihm boch feine moralifepe. Schopenhauer 
unterfebteb nämlich bie intetteftueHe U$bt)ftognomie be§ üUcenfdjen 
öon ber moralifeben. ^ene liefe er in $luge unb Stirn, biefe in 
ber unteru Partie be§ (Mtcbt§ um äflunb unb $tnn feinen Si& 
haben. $)iefelbe UnterfcbetbunQ fanb ich in einer $u ©reiben 
1814 niebergefchriebenen Stelle wteber, wo er fagt: ©er tnteUeftuelle 
(Jbarafter beftimmt bie ^Sbtiftognomie genialer Sftenfcben, bie ich 
bie tfjeoretifc&e 93bhftognomie nennen möchte, unb gibt ihr ba3 
ausgezeichnete (Gepräge, am meiften in Sluge unb Stime; bei 
gewöhnlichen SDcenfcben ift öon foleber tfjeorettfcben $b*)ftognomie 
nur em fcbwacbe§ 2lnafogon. hingegen bie prattifebe $bt)ftognomie, 
ben 5lu§brucf be§ Sßilleng, be§ prafttfeben (£barafter§, ber eigent* 
lic^ moralifeben ©eftnnung, haben $llle, e§ jeigt fieb am metften 
am äJcunbe." 

2lu£ biefen Steuerungen braut Jrauenftäbt einen Xranf gu- 
fammen, um beim gutmütigen £efer em Xraumbilb oon ber 
s 33efdjeibenljett Schopenhauer^ h c ^orju§aubern. ^rauenftäbt fäfjrt 
in fetner 23emei§füfjrung §u (fünften Schopenhauers fort 
(@. 280): 

„5Run, wie gefagt, fo febr Schopenhauer auc§ mit feinem 
tbeorettfeben ©barafter aufrieben unb auf beffen pbhftognomifcben 
SluSbrucf in Sluge unb Stirn ftol* war, mit feinem prafttfeben, 
moralifeben war er e§ feine§weg3, unb fanb beffen pbhfiognomifcben 
SluSbrucf um SDcunb unb ®inn im aftifcberbältnife m bem obern, 
intelleftuellen, ba§ weife ich au3 feinem eigenen 9Jcunbe." 



60. Jlruf Btmtxft für Prmatlj nnb ffcfnjribcuhrit, an ^ajt^tn* 
\jaiLtv Hon ^rrimrnßäM rntbfrftt. lUklamtrf rinnt £abpfaim auf 

Söetl nun bem Sdjopenfjauer boch fein SDßunb, ber 
fidj boch auch auf feinem Porträt in einem ma^aft frofefc 
artigen Ouerfänitt präfentirt, einmal etroa§ gar gu prononetrt 
oorgefommen ift, wirb biefeS als ein brettmünbltcher SöeweiS 



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be# 3Ö€ttmcifcn ©djopenfaucr. 129 

für bic £)emutb be$ Söeltroeifen au^unü^cn gefugt. Jraueuftäbt 
baut unb braut luetter (©. 280): 

„23er aber fo obiectiü über ftcb felbft ju <&erid)t (boc^ mebr 
3U ©eftdjt) fifct unb mit folc^er Offenheit feine eigenen gebier 
befennt, fann man ben bod^mütbiö nennen? 1 ) STudb babe id) 
fd>on gefaßt, ba| ©ebopenb au er offen befannt bat, er nabe roobl 

Selebrt, toa§ ein Jpeilijjer fei, er felbft aber fei fein ^eiliger.*) 
lebrigenS fanb id) in feinen (rrftling»manufcripten audj eine ©teile, 
au§ ber beröorgebt, bafc er ber Vlnfidbt war, aueb ber ebelfte 
äftenfd) unb bai größte (&enie bätten nod) Urfacbe, bemütbig 
5U fein, ©c febreibt nämlicb au Dre§ben 1815: „2Bie ber febönfte 
iWenfcbenförper in feinem Innern $otb unb mepbitiieben Dunft 
einfd)ltef$t, fo bat ber ebelfte (Sbarafter einzelne böfe 3üge unb 
ba§ grÖfjte ©enie ©puren bon Söefcbränftbeit unb SSabnftnn."" 
„vludj fonnte roobl fdjroerlicb ber bodmiütbig fein, ber fo tote 
©djopenbauer in feinen mir binterlaffenen (in einem (jaiton 
befinblicben) 9ianbgloffen gu $ant§ ©ebriften über bie Sugenb 
ber Demutb gefebrieben bat. ®ant befinirt nämlidj in fernen 
„$D?etapbi)ftfd)en 9lnfang3grünbcn ber Sugenblebre" Sie Demutb 
folgenbermafcen (2. Slufl., äöniggbera, 1803, ©. 94): „Da3 SBemufct; 
fein unb ©efübl ber ©eringfügiftfett feines moralifeben 2öertbe£ 
in SBergleicbung mit bem ®efefc ift bie moralifebe Demutb (humi- 
litas moralis)." Diefe Definition genügte ©djopenbauer nid)t unb 
er (©ebopenbauer) merfte baber 311 bieler ©teile ®ant§ an : ®ant£ 
Definition ber Demutb ift falfcb. Denn fie bat nid)t§, roa§ fie 
Oom ÖJefübl ber ©cbulb unterfebeibet, a!3 etroa Den $rab. Demutb 
ift ber in meinem SBefen le6enbtge 2lu§brucf be§ ©ebanfenä: SRein 
föeicb ift nid)t oon biefer SBelt, b. f). ba§ 93erou£tfein ber böcbften 
Sugenb roirb mieb nie Oerleiten, für folebe bie SBerebrung unb 
Unterroürfigfeit 3U forbern, bie in ber ©innentoelt ber llebermacbt 
ober fünft einer JeivoT^g gesollt voerben. Denn alle biefe 3eidjen 
fteben in feinem SBerbältntfc mit bem, roa§ in mir treffltcb ift. 
Da§ aber, roomit fie in SBerbältnife fteben, babe icb ju berlangen 
üernadbläffigt; oerlangte icb bennod) jene SBerefjrung unb Untere 
loürfigfeit, fo mürbe mein £eben§roanbel eben nid)t§ als ba§ 
©treben nad) biefen, nur auf einem anbern Söege, getoefen fein, 
alfo in ber £bat: mein 9teidj „oon biefer SBelt". — Sftebr in 
®ant§ $u3brud: Demutb ift bte ^etraebtung ber gäiulicben S8er= 
idbiebenbeit meiner al§ homo noumonon oon mir al£ nomo phae- 
nomenon, ba£ öemufetfein, bafc bie £refflicbfeit jeneä su boeb ftebt 



*) 2>arauf fott ber £efcr ganj üerbubt unb eingeflüstert fagen: ®ar 
feine Webe; n>cr wirb auf fo glanjenbe ^eroetfe hin nia>t für bie 2>cmutb 
be§ ^^lofopben einfielen? 

«) ©onüt fönnte man nur Reiten bo^müt^ig nennen, ber fidj für einen 
geitißen ausgibt: ein 2ftenf# aber, ber fid) für einen ^eiligen erftärt, ber 
ift ntdjt r>oc^mütr)tg, ber ift üerrücft! 

Brunnet, ftniffolofltc unb Wffofoßtc. 9 



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130 Äntffologie unb ^ftffologie 

um bieiem ju <&ute ju fommen. 3e böfjer ftdj ber SOZcnfc^ <ri§ 
horao nouraonon fd)ä&t, befto Weniger roirb er auf ftd) alö homo 
phaenomenon ober auf irgenb einen 93oraug, ben er als fold&er fjat, 
einen SBertf) legen." 

grauenftäbt fdjetnt es felber ju füllen, baß bie bisfjer ge- 
brauten Qooetfe für ben ^icfytljodjmutb (SdjopenfjauerS eine 
ma)t$bebeutenbe £>erumreberet, rotrfüa) feljr J>of)tc $)efimtton3= 
perfudie finb, unb er fommt nun mit bem (bermeintltd) fdjroerften 
unb nieberfdjlagenbften) legten ®efd)üft l)erangefaf)ren. 

61. irrüttmUöbt Imbt ben JJontmrf bfß Uarfjtmttira tiöiiis 
mebfr?nrdjlag*n. £b*r wie? 

©. 282: 

„SBottenbS niebergetälagen aber roirb ber SBorrourf beS &ocfc 
mutbS, ben bie obcrfläc^ltd&en ftenner ©djooenfjauerS foroie 
feine geinbe unb 9tnfcbroär*er gegen ifm erhoben baben, burd) jene 
flafftfdje Stelle in ber „SBelt al§ SBiUe :c.", roeidje bie ®üte 
beS fterjenS fo bod) über bie gläuaenbften @igenfd)aften be§ 
®opfeö fteUt, bafe ifjr SBafo bon Serulam nichts tft gegen einen 
ungele&rten unb ungebtlbeten Sftann bon ebelem fersen. $)ie 
Stelle lautet: „(Sin entfdjieben ebler (Ebarafter bet gänjlid)em 
Langel intelleftueller 33or$üge unb ©Übung ftet)t ba roie (Siner, 
bem nichts abgebt, fjingeaen roirb ber größte (&eift, roenn mit 
ftarfen moralifd&en gierten Berjoftet, nod) immer tabelbaft erfcbeinen. 
$)enn roie garfein unb geuerroerf bor ber Sonne blafe unb un- 
fc^einbar roerben, fo roirb ©eift unb ©enie unb ebenfalls bie 
Sdjönbeit überftrablt unb oerbunfelt bon ber ©üte be£ £>er$en§. 
2Öo biefe in boftem (SJrabe berbortritt, fann fie ben Söiangel lener 
(Jigenfcbaften fo febr erfefcen, bafj man foldje bermifct ju baben 
ftd) fdjjämt. Sogar ber befcbränftefte SSerftanb rote aud) bie groteSfe 
.päfjlicbfeit roeroen, fobalb bie ungemeine <&üte be$ föeraenS in 
i&rer Begleitung ftd) funb getfean, gletrfpam öertlärt, umftrablt 
oon einer Sd)önf)eit Pberer 8rt, inbem jefct au§ ujnen eine SBeiS* 
beit fpridjt, bor ber jebe anbere üerftummen mufj. 3)enn bie 
®üte be§ £>ersen3 ift eine tranScenbente @igenfd)aft, gehört einer 
über biefeS Seben IjinauSreic&enben Drbnung ber 3>inge an unb 
ift mit jeber nuberen Sßoflfommenbeit incommenfurabel. 2öo fie 
in boljem ®rabe borljanben ift, madjt fie baS £>erä fo grofe, bafe 
e£ bie ganje SSelt umfaßt, fo bafe iefct alles in ifjm, nid)t§ mebr 
aufeerbalb liegt, ba fie ja alle ÜSefen mit bem eigenen ibentificirt. 
28aS jft bagegen 2Stfc unb ®enie, roa£ söafo bon 5?erulam?" 
(©. „SBelt al§ SBiße" 3. Slufl-, 33b. n, ©. 261.) 

$)tefe3 gange ^Renommiren mit ber ^er^enSgüte ift boa^ nur 

ein matter $lbflatfdjbe3 13. Kapitels bom 1. (Sortntfjerbrtefe, 

mit bem S3erläugnen be3 ?ogo§ (ber in bie SJtotfdjfjeit 



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beS Selttoeifen ©cfjooenfyauer. 



181 



eingegangenen etuigen ($otteSliebe) ^ter in ©eene gefegt, $n 
ber gangen X^eorie oon „$)ie Seit als Sitte" ift fein Sorn au 
finben, aus bem biefe Siebe auSftrömt. Senn biefe tfjeoretif<|e 
Knetfennttitg ber §er$ eng gute ein beweis für bie £)emutfj 
fein fönnte, fo müßte bie Xfjeorie, bie <5d)openl)auer aud) 
für bie $Q eilig feit aufgeteilt l)at, ein iöeroeis fein, baß er ein 
^eiliger geroefen ift. £)iefe 9lrt SöenKiSfüfyrung, mit 
roeldjer grauenftäbt i m Qntereffe feines SfteifterS fjeranrütft, er- 
mangelt aller tfogif unb ift eben nur für ßeutc beregnet, 
beren iperaenSgüte in ber öoflften Sßerfimpelung burd) 
ftummcS Verbeugen oor ©djopenljauer unb feinen s ?lpofteln ifjren 
9luSbrutf finbet. 

2luS biefem ($efid)tspunfte ift bie fragenartige £>efla~ 
mation ju betradjten, meldje ^rauenftäbt bem £efer als einen 
SßeroeiS für bie (Sdjopenfjauerf dje £)emutf) fjinaufbisputirt. 

©. 283: 

„23af)rlid&, mer fo fdjretbt, ber fann trofe beS ftoljen ®efül)lS 
feiner intelleftuellen ®röf$e unb Ueberlegenbcit über bie 5lnberen 
unb tr o feiner barauS entfpringenben 35erad)tung ber „^lu'lifter" 
unb ber „gabrifroaare ber Sftatur" nidjt l)orf)mütl)ig geroefen 
fein. 28er fo bor ber (Süte beS fteraenS ben &ut ablief) t unb 
fidj efjrfurdjtSüotl oerbeugt, 1 ) ben tonnen bie glän^enben ©tgen- 
idjaften feines ®opfe§ nid)t aufgeblafen gemacht f)aben. M 

Älfo £cfcr, nad) biefem Seroeis bleibt bir nichts Ruberes 
übrig, als biaj oorSdjopenljauer Ijin^uftellen unb audj oor 
feiner $)emutf) (nadj bem grauenftäbtfd)en SöeroeiS) ben 
§ut ab ju gießen unb bidj 311 oerbeugen. 3$ möd>te bir nidjt 
ratzen, oor bem <pi)tlofop(jen am ©nbe 3U ladjen, fonft fönnte 
es bir nrie ber armen -äflarquet ergeben; ber bemütfjige 9)cann 
fönnte feinen £)ut unb feinen $opf auffegen unb biet), als einen 
fjodjmütigen 9lid)toerbeuger, ein paar 9ftal ben iöoben 
Kiffen laffen unb in einem eigentljümlidjen Anflug oon $)emutl) 
bir gu einem ^inabflug über bie (Stiege aud) nod) oerfjelfen. 

$)oa) bie ganje ®efdjia)te Ijat aud) iljre fct)r emfte (Seite. 
I)ie fübne £>erauSforberung JrauenftäbtS an ben gebulbigen 



l ) ©ine fdjb'nc Aufgabe für einen 9Mer, btefen SBeltwcifen oor ber 
,,©üte beS ^er^enS" 3U fefjen, tote er ben (Sqlinber in ber #anb ^ätt 
nnb fid) oeroeugt. 



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132 



Äntffotogic unb ^fiffotogte 



tfefer ift bodj am (Snbe fo albern uitb babet fo unverfroren 
unb gerabc bas ($egentf)eil beweifenb, baft wir bereit finb, eben 
ben beweis für baS ®cgcntljetl oon Demutfj im (Sljarafter 
©dwpenbauerS anzutreten. 

(£s gibt 3 eu 9 ,u P öon einem unfäglidjen ^odjmutfj, alles 
3U tgnoriren, was (SljriftuS ber £>err, bie 5lpoftel, bie 
ßircbenoäter unb Äirdjenlefyrer auf baS dotteSwort gebaut, über 
bie wafjre Demutf) gelefjrt fjaben, unb einen bcüetrtftifd>en 
©djwinbel über bie |)eräenSgüte bafür loskläffen, burdj 
ben fo wemg :gemanb 3 U * Demutfj befeljrt wirb, fo wenig 
«Sdjopenljauer biefe £ugenb befeffen Ijat. 

2öir fprea>n falt ben <&at$ aus unb finb erbötig, ifjn oor 
jebem <s4opeufjauer*(£ntljuftaften $u oertreten, bog biefer 
Seitweife febr oft mit frembeu, längft bagewefenen SluSfprüdjen 
unb $ebanfen geflunfert fjat, ja ba& er biefelben nidjt in tfjrem 
originellen ißollgefjalt reprobucirt, fonbern ju (fünften feines 
©vftems, in baS er fie eben einfdjadjteln wollte, etwas umgeänbert 
unb abgeftfjwädjt f?at, um bie (Sntlej&nuna, aus bem Originale un= 
fenntltd) su matten, $n biefer DHdjtung fönnen mir audj naa> 
weifen, baß biefe ©djopenfjauerfdje Definition ber Demutf) 
unb ipersenSgütc bura?auS niajt auf ben ®runb geprüft werben 
fann, wie es ber ^ilofoplj überhaupt bei feinem ganzen ©öftem 
nie barauf anfommen lieft um ben ganzen Seltgrunb unb um 
ben ganzen legten ®nmb feines (S&ftemS interpellirt su werben, 
unb er jebe foldje Interpellation mit QorneSunmutfj abpweljren 
gefuefit fjat. 

62. Utas djrtßltrij* |Storiili[lrn über Ptmntlj, |»anffttmttr tmb 
gjkrftnsgüte fagen, bas x^mvxvtn tbtnfc »ürtteljm als 
nngmdrt bie fipofttl Jtdjoptnljaiurs. 

Sir müffen fjier Joie SBemerfung oorausfenben, ba§ fämmt- 
lidje Sittenlehren, weldje bas ©tttengefeft ber Offenbarung nidjt 
anerfennen, ein glängenbeS $iaSfo madjen. Senn fidj jeber 
9ttenfd) felber baS ftttlidje ®efefe gibt, fo fann er es ebenfo gut 
felbft mobuliren unb formultren, als er es fidj gegeben fjat. 
Das fogenannte SBernunftgefefc unb bie geforberte Sichtung 
oor bemfelben unb Sßeobadjtung beSfelben werben gur (Sfyimäre, 
wenn ber 3flenfa) in ben $ampf mit feinen geibenf haften »er* 



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be3 2öcltn>eifen ©crjopetUiauer. 



widelt wirb. (£tne ©ittlidjfeit, bie ihren Qmd in fidj felber 
hat, ift ofme allen §alt, b. fj- ber Sßeitfd) fanit bic3 (tiefet 
beobachten, ober er fann e3 auet) bleiben laffen. 9tid)ter gibt 
e3 feinen. 

2Benn ber üttenfcf) in feinem fittlicfoeu tfeben nid)t unter bem 
oon ($ott gegebenen (#efefee fteht, welches befiehlt, e§ au§ #iebe 
311 ®ott 311 erfüllen, um fo feiig 31t werben, fo wirb if)n fein 
^fnfofopl) anf biefer 3BcIt beftimmen, ein fittlidje^ £ebcn ju 
führen, — unb ber (Schopenhauer felbftoerftänblich fdion gar 
nicht. 

2Öer fid) 00m wiffertfchaftlidjen uub philofophifdjen <Stanb- 
punft mit einer wahrhaft jermalmenben Überlegung ber ethifd) 
genannten träume unb Deflamationen befaunt machen mill, 
bem ratfjen wir, ftd) folgenbeS üGßcrf anjufdjaffen : „Apologie 
be3 (SfjriftenthumS 00m ©tanbpunfte beS (Shnftenthums unb 
ber Cuiltur", oon Ulbert 9)?aria 2Öeh3, Ordinis Praedicatorum, 
2. Auflage, Jreiburg, §erber, 1888. 

$n biefem ^oa^gete^rten unb geiftoollen SBerfe fann ber 
£efer aua) eine Spenge Anführungen ans griednfeben s J$hitofophen 
finben, bie fid) (Schopenhauer in gewohnter 2£eife angeeignet 
unb al3 feine ©rfinbung in bie Oeffcntiid)feit gefegt ^at. 

2Bir wollen nun einige Definitionen ber Demutf), (Sanft- 
mutb unb jperjcnSgüte oernehmen, wie foldje oon alten Hircben^ 
lehrern unb neuen djriftlidjen s Jftoraliften auf ber S3afi£ ber 
$ird)enlehre auSgefprodjen worben. ÜBir tonnen bann an jeben 
felbftbenfenben £efer bie 5 ra 3 e ftellen: 2Bo ift s }3räcifion, wo 
ift logifd)er (#runb, wo ift 9J?öglid)feit, bie 9Jienfcr)eii 31t biefen 
Xugenben 3U bewegen: in bem (äefalbaber (Schopenhauers 
ober in ben oon ihm in feinem unfäglichen §oa}muth ignorirten 
ober oeradjteten Slustfprüchen ber £ird)enlehrer feit ^ahrhun- 
berten $er? 

©ouffet 1 ) beftnirt bie Demutf) nach Pc nt h- St$oma3 oon 
«quin, 7. Gap.: 33on ber Demuth, ©anftmutf) unb Sttilbe, 322: 



») üfloraltfieologie üon Stomas 2Ji. 3. (itouffet, Äarbinal unb Qx^ 
bifcf>of üon förjeimS, nad) ber 7. Auflage überfefct, »acfccn 1851. (Sremer, 
:8b. h, <§. 124. 2Öir werben unS nur auf SRoraUocrfe berufen, bie in 
beutfcfycr (Sprache abgefaßt fmb, um jebein ?efer, ber aud) ber tateiniferjen 
ober einer anberen ©pracr)e nidjt mädjtig ift, baS SRadjlefen in bieten 
#ücr;ern 311 ermöglichen. 



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134 Äniffotogic unb Sßfiffofogte 

„$ie 'Jtemutb ift eine $ugenb, toefcfce un§ burdt) bie SBetrad)* 
hing unierer gefjler unb SDfangel in einer geroiffen ©rniebrigung 
erhält unb üerfjinbert, un§ gegen bie Slnorbnungen ber SBorfeßung 
au ergeben, unb bie un§ aue3 ©ute, ma8 mir tbun tonnen, out 
©ort allem surücffübren läfet." ,,$>ie $)emutt) ift bie Hüterin ber 
anberen $ugenben, roeit fte un8 SBadjfamfeit unb äRifcrrnuen gegen 
un3 felbft einflöfet, roeil fte un§ abhält, unS leicfctftnnig ber <$e~ 
fabr au fünbigen aufoufe&en, unb toeü ©Ott bem 2)emütr)tgen 
6efonoere ©naben bergeifcen tjat. $)ie föoffart, bie (£itelfett, ber 
Hüntel, bie (Sljriucbt, bie $lnmafeung unb bie anberen ©ünben, 
bie au§ ber ^offort berfliefeen, finb ber $ugenb ber $)emutb enfc 
gegengefefct." „$ie ©anftmutlj ift eine $ugenb, meiere bie 9lu&= 
brücke be$,3orne§ bänbigt, bie ©eele in einer rubigen unb ftitten 
Raffung erfjält, jebeS ©efübt ber Söitterfeit au§ bem föeraen Der- 
bannt unb un§ ben 92äd)ften mit ©üte, mit iener &iebe befinnbefa 
Iäfct, bie 2ltte§ ertrögt, SUm erbulbet u. f. ro." 

Der fj. £()oma$ oon Slquin gibt uns eine Definition ber 
Demutt), tnbem er oom Sortlaut unb ber S&urjel ausgebt: hu- 
militas 1 ). gefer, bie lateinifdj oerftefjcn, mögen ba3 Settere in 
bem unten angeführten SBerfe nadjlefen. 

Der ^eilige SBenebtft jä^lt in feiner föegel 12 @rabe ber 
Demutfj auf, loeldje ber f). SfjomaS (qu. 161, a. 6) näljer 
erftärt : 

„$ie SBur^el unb ber (£entralounft aller ©emutlj ift, bafe ber 
9J?enfd) <S5ott fürchte unb fein ©efefe immer fid) bor klugen balte, 
auf bem ©runbe biefer ©efinnung mufc ba§ begehren bem un* 
georbneten &ange naef) <3eloftberrficf)feit entfagen, ber 3)emütbige 
mufc im ©egentbeite feine geblerbaftigfeit bor s 3Iuflen baben unb 
fte befennen. 99?it ber inneren ©efinnung mufe ftdj eine SBeife 
m reben unb ju banbetn oerbinben, bie atte§ oermeibet, tonS auf* 
faHenb, fonberticr>, unbef Reiben märe" 2 ) u. f. to. 

Dr. ©imar 3 ) befimrt bie Demutf): 

„(£ine anbere ftrudjt be§ cbriftlicfjen ©Iauben§ im Vereine 
mit ber djriftltcfcen Hoffnung ift bie £emutb. Stöhnt SBefen nad) 
ift fie nichts anberS, al§ bie roirffame $Inerfennung unferer atU 
fertigen 5lbbängigfeit bon ©Ott, unferer UnöoUfommenbeit unb 
©ünbbaftigfeit. ©ie ift mit ber cbriftlicben ©elbftocbtung 
nic^t unberein bar. %m ©egentbeil, je mebr ber ©eift bon 



*) Humilitas dicitur, quasi humi aeclivis i. e. immis inhaerens. 
©iefje Moralis Divi Thon). Aqu. autoro Ludovico Bancel. Yenetiis 
1680. Pezzana Tom. I., pag. 259. 

2 ) Dr. grüner: „£ef)rbu# ber fatb. 3Woralt$eoiogie w , 2. «uffoge, 
grciburg 1883, §erbcr, <5. 139. 

8 ) ,,^rbud) ber SDiorattfjeotogie", 2. Auflage, ^reiburg 1877 f ^erber, 
<§. 297. 



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fcc3 Scttmctien ©c^opcn^auer. 



135 



ber hoben SSürbe feiner 9?atur. bon bem SBertbe ber ihm $uge; 
tbeilten (Knaben unb ©oben ©otte§ unb Don ber &öbe feines 
chriftlicben 33erufe3 burcbbrungen ift , um fo mehr ©runb unb 
Antrieb wirb er finben, feine Ofmmacbt (SSott gegenüber unb feine 
Unmürbigfeit ansuerfennen. 9iicf)t SBerfennung ber eigenen au3 
. ©ott ftanunenben SBürbe forbert bie 5)emutb bon bem SWenfcben, 



fbrung, auf ©ott." 

„SDie eigentliche GueUe ber £emutf) ift näcbft ber ©nabe 
©orte§ bie im Richte be§ ©lauben§ unb ber cbriftlic^en Hoffnung 
gewonnene wahre ©elbflerfenntnifj. ©ie ift barum auch eine 
fpecififch cbriftlicbe Sugenb, bie bem £>eibenthum fremb mar." 

tfetrmatr : 

„Daö &eibentbum fannte biefe £ugenb faum bem tarnen 
nach; nicht feiten warb Tie al3 ba£ Gbarafteriftifum einer feigen 
(Sflabenfeele betrachtet. $)er foeibe fannte wohl eine $8erftanbe£~- 
bemuth, bie in bem 33emuf$tfein ber Ohnmacht be£ s Dienfcben 
gegenüber ben SöecbfelfäUen be§ Sebent grünbete. $lber auch biefe 
gehörte ju ben feltenften ©rfcheinungen auf beibnifchem ©oben. 
Wit bem gefcbraubten ©elbftbemufetfem eines Reiben bertrug ftcb 
nur bie falte Unterorbnung unter ba§ ©efefc. lieber biefe SDfacht 
beugte er fich im öinblicf auf ben 93eftanb ber menfcblicben ©efelk 
fcbaft, bie ohne ©efefc unb ohne ©eborfam nicht su Siecht beftehen 
fönnte. ®luge Berechnung, f^urcftt unb Hoffnung waren bie Sttottbe 
biefer Unterorbnung — Die wahre £>eraen§bemutfj aber mar im 
fteibenthum ein frembeS ©emäcb§. ®ie tcmeivwotg ber ©riechen 
unb hurailitas ber Börner hatten eine berächtlicbe Söebeutung, 
nämlich bie DZieberträchtigfeit ber ©eftnnung." 

' ©tmar : 

„Soll bie ®emuth ben ©fcarafter ber $uaenb beftfcen, fo muß 
fie eine wahrhaft innerliche fein. $)ie bloß äußerlich affeftirte 
Demuth ift phatifüifche Heuchelei ober raffinirter Stols. 5luch ift 
bie echte £emutb mit mahrer ©elbfiachtung unb mit ©ottbertrauen 
4)erbunben, ba^er fern bon 9iieberträd)ttgfeit, fünbhafter «Schwäche 
unb SHeinmutf). Shte bornebmften prucfcte finb ©Ott gegenüber 
ein banfbarer, geborfamer unb bußfertiger @mn, ©eoulb unb 
Ergebung in ©otteg heiligen SEBißen, Verlangen nach feiner ©nabe 
unb treue Sftitmirfung mit berfelben, fobann TOßtrauen be§ 
^Wenfcben gegen fich felbft unb barauS entfpringenbe SBacbfamfeit, 
©leichgültigfeit gegen £ob unb s 2lu^eichnung. bem Sftächften Oexens 
über aufrichtige Hochachtung, ©eborfam, Sefchetbenheit; ufttlbe, 



naturgemäß bie $emutb an fich ift, eben fo ichmer ift e8 für ben 
cjefaUenen SNenfchen, fte ju erl angen unb ju bem ah ten. $)ie 
ifjm angeborenen Schier bcr 93linbqeit be§ ©eifle§, bie Neigung 
jum (Stolpe unb $ur ©elbftfucht finb ihre mächtigften getnbe, 
welche nur burch etnen auSbauernben ®ambf überwunben werben 
fönnen." 





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136 Äniffologte unb s ^fiffologie 

Sir übergefjen nod) t>tclc Argumente für bic roafjre, bie 
cr)rtftüd^c Demutl), wie btefetben bei <5tmar angeführt werben, unb 
bringen aus guten ®rünben bic Einleitung bem § 141 über 
bie (^egenfäfee ber Demutb, sunädjft ben ©tolj nnb feine 
grüßte : 

„$5er Stoli ift eine ünorbentliße (Selbfter&ebung be3 aRenfdjen. 
(£r fdjliefet ate mefentlidje Momente in ftdj ben Langel ber 
tdjulbtgen Unterroürftgfeit unb $)anf barfett gegen ®ott, fomie 
anbererfeitS einungeorbneteSSBoblge fallen an ber eige^ 
nen $erfon unb ein f e 1 6 f t f üd)tige§ ©teeben naef) 5lu§- 
setc^nungöor^lnberen. So öerfetjt er ben 2Henfcben in ein 
unroabreS unb fünbbafteg SSerbälmifc ju ®ott, ju ftcf) felbft unb 
ber SKitmelt. $)er ©toU ift eine$lrt ©elbftbergötterung." 

Jür unfern Qmti ber $$erftäubigung über bie 93ebeutung 

oon Demutlj unb ©tolj im djriftliajen @inne genügt c3, wenn 

mir noeb ben ©ajlug biefeS Paragraphen bringen: 

„$)ie Neigung sunt ©tolj gebort mit au ber allen 9ttenfcf)en 
angeborenen <Sünbenoerberbni&. $ie Steuerungen berfelben ftnb 
faft io mannigfaltig al§ bie SÖerübiebenbeit ber mentcblidjen $n* 
biüibualität. $)ie Söefämpfung be§ ©tolles bleibt barum De» 
Gbrtfteu beftänbige SebenSaufgabe bi§ an§ (Snbe. grüßte be§ 
Stolpes ftnb einerlei^ bie (£itelfeit unb ber ©fjrgeia, *Bral)liucf)t, 
Sßerroegenbeit, &eud)clei, anbererfettS 93erad)tung be§ sftädjften, 
(fiferutd}t, tQa%, (Stgenfinn, Ungeborfam." 

63. Stielt an ben £tftv f er möge, bte ||anb aufs £tvh entleiben, 
mer ftedjt bat: bie hriluu $djrtft nnb bie &irdjenleljrer, ober 
ber iHljeift. ^nr fiumntitdje IJfitöjten gegenüber bem Uäöjllen 
Inhllitutrt ber fttbeiji Ijadjlt rentimentnl nnb mrfjtsbenurkenb ben 

flegrtff: Herzensgute. 

Der unpartciifdje i^efer mirb zugeben, ba§ f)ier oon ben 
angeführten ©djriftftellern, bie nad) ben Cuellen ber fj. ©djrift, 
ber 93äter unb $irdjenleijrer tr)re Definitionen über Demutf) 
unb ©10I3 gegeben fjaben, ba3 Sföefen ber Xugenb unb beS 
i'afterS pfndjologifdj unb tieffinnig aufgefaßt fei gegenüber bem 
oagen, grunblofen, unbefttmmten Sortfdjroall, ben un$ <Sd)open- 
fjauer unb fein 2lpoftel grauenftäbt oorgemadjt f)flben. 

Senn man ben ©djopenfjauer in feinem maßlofen Jpod)* 
muth f ernten gelernt fyit, fo fann man fict) benfen, roie e£ einem 
(Gegner ergangen märe, ber tfjm bie oon uns gebrauten 
fprüdje über Demutf) unb ©tol^ oorgefagt hätte, ^n ein 
®efpräd) f)ätt e er fict) fiajer nidjt eingelaffen, benn bie tief 



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be3 Söeltroeifcn ©djopenfmuer. 



137 



pfuchologifche (Sit t Füllung be3 Stoves unb ber Gegenliebe, 
ber Verachtung aller anbevcn $cenfcben unb bcr ungeheuerlichen 
Selbfterhebung mürbe ben jum 3orne geneigten SMtroeifen 
berartig aufgebracht haben, baft feine Opponenten, falls btefe 
im (Sntree feiner SBohnung geftanben mären, baS Sdjicffal 
ber üflarquet erlebt haben mürben. 9cur feine apoftolifdjen 
Kriecher, bie ihm gegenüber pbarifaifd) jeben Stola unterbrächen, 
um ü)n Ruberen gegenüber umfomehr 3itr Geltung 
bringen 31t fönnen, fonnten mit ihm in Harmonie buräV 
fommen. 

?(ud) gegen bie ©rtraüaganjen mobemer $()ilofopIjen, 
meldte bie c^riftlicf>c 5l3cefe 31t einer oollenbeten Selbftoernicf)tung 
herunterbringen mollen, finben mir im felbeu 23ud)e SimarS bie 
nach Schrift unb Xrabition formulirte d^r iftl id^c Selbft* - 
liebe, bie mit jenem $errbilbe, melcfjeS eben bie djriftlichc $l3cefe 
unleiblich ober lächerlich machen foll, feine 2lehnlichfeit befifct. 

S. 302: 

„2lu§ ber chriftltchen Sel&ftacbtung im herein mit ber Siebe 
®otte3 entspringt bie $ugenb ber Selbftliebe. Sie ift bie ge= 
orbnete, moglmollenbe SÖertbfchäfcung, bie ber (£brift für bie öon 
©ott ihm öerliehenen natürlichen unb übernatürlichen ©aben hegt, 
oerbunbeu mit bem roirffamen Verlangen, ba§ eiQene 2Se)en unb 
Däfern bem SBillen ©otteg gemäfj 3U üerüotlfommnen unb aur 
Vollenbung beSfelben im SBeftfce ©otte3 31t gelangen. $)ie $ugenb 
ber Selbftliebe hat alfo ihre ©runblage unb ihr (£nbjtel in ber 
Siebe ©otte§ als be§ höWten ©ute§. barum ift aud) bie 9cächften* 
liebe ihre un3ertrennliche ^Begleiterin. Durch bie genannten 
Momente unter f Reibet 1 1 e Heb bon ber ungeorbneten 
Selbftliebe ober Selbftfucbt, bei melcher ber 2Jcenfcb 
iich felbft an ©otte§ ©teile fefct." 

gttt alle btefe in ber chriftlichen (Sittenlehre beftimmten 
(Sonceffionen be3ug$ ber Selbftliebe unb Pflichten ber 9cäct)ften= 
liebe fommt Schopenhauer mit bem (Surrogat ber ©11 1 = 
her3igfeit baher. 2öa3 ift C^utheqigfeit? 2öem oerbanft fie 
ihren Urfprung, melche Verpflichtungen legt fie bem SDccitf djen 
auf? JJft fie üon Stimmungen, oon (#efüblSanregungeu ab* 
hängig, ober mirb ber 9flenfch 001t einem Öcfefc 311 bcrfelbeu 
oerhalteu? 2Öer unb mo ift ber (#efefcgeber, melcher bie (£r~ 
füllung biefeS ®efe£e3 lohnen ober bie tlebertretung beSfclben 
beftrafen fann? — Das finb burdjmegS im Sinne (ober im 
Unfinne) ber Sdjopenhauerfcben ^h^P^ impertinente 



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138 ftntffotogte unb ^ftffologtc 

fragen, auf meldte ftd) ber echte (Schopenhauer [ et) c ^3^ilofop& 
nicht einladen barf, baS gef)t ja SllleS über Stile unb $$or= 
fteliung ^tnau^, unb beriet fragen, bereu ^Beantwortung auger 
bem ©pfteme liegt, hat ber echte ^^ilofop^ mit ^nbignation 
3urücf$uweifen ! ! 

(Somit finben wir in ber alten chriftlidjen Selbft* unb 
^cächften liebe gang anbere ^Definitionen unb Q3eftimmungen, 
alö in ben fragen, grunb* unb logiflofen Slbflatfchen unchriftlicher 
*}3^tlofop^emc. 

9(odj mehr aber wirb bie bunftige „®uthersigfeit£* 
theorie" (Schopenhauers burch folgenbe ©rflärungen in ihrer 
behalt* unb fternlofigfett bargeftellt (<Simar ©. 303): 

„£te £ugenb ber (Selbuliebe ift eine notbmenbige Söebingung 
be§ fceileS. Ohne fie ift feine treue (Erfüllung ber üon ©Ott 
überfommenen £>eben§aufgabe, feine SluSbauer im (SJuten unb fein 
£>eroi§mu§ djriftlicher Xugenbübung benfbar. ,3ur QJrunblage 
bient ihr bie natürliche Selbftliebe, welche aber im Gefallenen 
s D?enfchen ber Regelung unb Bucht burch bie ®efefce ber Vernunft 
unb be§ ®lauben§ bebarf, unb fo erft mit ftülfe ber ©nabe ju 
einer christlichen Sugenb geftaltet wirb. $)ie Uebung biefer $ugenb 
richtet ftd) einerfeitS auf bie (Erhaltung, SBermebrung unb Ser* 
wenbung ber öon (Sott überfommenen natürlichen ©üter, anberer- 
ieitS öermöge ber Söefchaffenbeit ber menfehlicheu Sftatur auf bie 
Unterjochung ber ©mibe unb bie Aneignung ber &um föeile notq* 
roenbigen ®naben unb $ugenben. £$hre foeeififchen ©egen* 
. fäfce bilben bie unorbentliche (Selbftfucht ober Geigen* 
liebe unb ber Selbftbafe. (Irftere ift mit bem ©tolje 
innig oermanbt unb mit mahrer $)emuth unb (SotteS* 
liebe fo unoerträglich mie mit ber djriftlidjen ^ächften* 
liebe; letzterer ift eine ber unnatürlichen SBerirrungen , in bereu 
Slbgrunb nur ein langer, f ortgefefcter ©ünbenbienft oen SNenfchen 
*u ftüraen oermag." . 

§ören mir noch eine (Stimme aus einer jüngft erfchienenen 

(Schrift l ). Stach einer längeren, im SBefentlicben mit ben oorfjer* 

ettirten 9)coraltften überetnftimmenben (Erflärung r>cißt e3 bei 

Dr. «Schwane (S. 255) : 

„SBaS bie allgemeine SBebeutung ber ^emuth für ba§ ganje 
Sugenblcben angeht, fo ift fie ba§ negatibe ^unbament aller er- 
worbenen $ugenben, meil fie bie SöereitmiHigfeit in ber (Seele 
heroorruft, fich bem gefefcgebenben Söillen (Sotteg unb ber fitt- 
liehen Orbnung su untermerfen u. f. m." „ s .ßotlfommen mirb bie 



») „Ungemeine SDcoral". $cm Dr. ^ofcpl? (Sc&roane, ö. o. ^rofeffor 
an ber königlichen »fabemie fünfter, ftreiburg 1885. 



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fce3 SBcttrocifcn ©d>openfjauer. 139 

übernatürlidje $)emutb burd) bie (£t)artta§, fobalb biete bie gorm 
unb ©eele bafür abgibt. Dann finbet ber (£brift in ber Unter- 
orbnung unter ($ott nicfct ntefjr etroa§ $)rüdenbe§ unb £äftige§, 
fonbem gewinnt barau3 eine innere ftreube unb ©elicjfeit. $>od) 
nidjt bloS gegen ®ott, fonbern aud) im Serfebr mit ben WiU 
mengen fott bie $emutb geübt werben." 

64. Ute gttfieltraiikte ?nm IPfrUäntmtf? mm ftuQttib unb gafitv. 

2Bir fjaben e3 für nötfjig gefunben, bem oagen, burdjaus 
unbeftimmbaren unb nid)t$fagenben £>erumflunfern <Sd)open; 
Bauers mit ber „®utt)er*igfeir bie feften Söefttmmungen unb 
formen ber d)riftltdjen (Sittenlehre entgegenzuhalten, benn ge^ 
rabe in bem abfidjtlidjen 3)Hßoerftehen unb Verfemten 
biefer zwei Slngclpunfte in iugcnb unb £after, £)emuth 
(Unterwürfigfeit unter ©ort) unb (Stola ( f tc3t> über ©Ott er- 
heben, bie (Sreatur an Rottes ©teile fefcen) liegt bie 
Eifere ber mobernen Bewegung im focialen lieben, an welcher 
unfere $eit erfranft ift. 

«Schopenhauer wollte etne Tabula rasa mad)en: Alles, 
was bie 33orfelmng in ber OKenfdjljeit unb bie Oftenjdjen in 
ihrem (Angehen, Sßernehmen unb befolgen ber Offenbarung 
(Rottes an bie SÖcmfdjen gefdjaffen haben, wäre nad) ber ^ß^an= 
tafie biefer SSMtweifen null unb nicbtig, Alles Unfinn, Alle* 
£rug; er baut fein (Spftem — aus ift'S mit aller Xbeologie 
unb aller ^fjilofopfn'e oor if)m. Unb wenn Alles ringsum 
als unhaltbar niebergefcbimpft ift, bann ruft er triumpbirenb : 
$u mir, gu mir müffen fie fommen. Unb weil nun eben 
biefer (Größen walm, biefer an SBafynfinn grenjenbc giodnnuth 
in ber djrtftlichen Sittenlehre implicite Oer urteilt wirb, unb 
biefeS Urteil für ben Jpocbmuth beS (SoftembauerS fcr)r oer- 
leftenb auffällt, fudjt er fid) bie ganze fttftorifdie tyat beS 
(ShrtftentbumS a (§ e ; n ^ärd)en oom §alfe 31t {Raffen; unb 
biefe Angft unb Abneigung hat er wiebcrlwlt in ber § orme ^ 
auSgefprocfyen : er wolle burdjauS feine hiftorifdje ftie- 
ligion haben unb anerf ernten! Aus biefem Umftanbe erflärt 
fid> auch ber 3° ruc 3ntutf), mit .bem er feinem Ar^te am Jage 
feines ÜobeS noch, als biefer oon ber (£wigfeit unb oon (Sfjriftus 
fprad), abwehrenb bemerfte: „3) er *»ß ^ il of op ^ brauet feinen 
Sc)rtftu^ ; bleiben (Sie mir mit foleben ©dirccfbilbern oom 
£eibe, joldje Alfanzereien finb für bie ftinber gut." 



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140 



ßniffologte unb ^ftffologic 



2)er Söeltweife fyattz fich in feinem (Größenwahn fo fefjr 
in bie ^ochfchäfeung feines SpftemS öinemgefdjraubt, baß auch 
er fid), wie oor ifjm ber oon ihm grünblich oerfchtmpfte 
§egel für ben eisten Sörmger ber 3Bar>rr)ctt r für ben 2öelt= 
erlöfer fytlt (£r bulbete notorifcfj nur £eute in feiner 9cähe, 
bie, um an feinem ^caajruhm auch participiren ju tonnen, oor 
it)m webelten, wie fein "iß u bei; er äußerte fict) ja f elber, baß 
er gar nicht leben möchte, wenn e3 feine §unbe gäbe. 
Sine Sleußerung, in welker für feine 2lpoftel unb Anbeter eine 
außerorbentlia) negatioe Sertfjfchäfeung erfe^en werben fann. 

©omit Ratten wir bie oon ftrauenftäbt angeführte „flaffifcfje 
Stelle" beleuchtet, buref) welche ber bem Schopenhauer ge* 
machte Vorwurf be3 §od)muth§ oollenbs niebergefchlagen 
fein foll, unb erfehen, baß e3 mit bem lieber f ablagen für 
jefct burchauö nicht gelungen ift, benn ber §>ochmuth biefeS 
Seltmeifen fteht noch fo entfdncben aufrecht wie ein SDcarmor- 
herfuleä, ber nicht fo leicht oon feinem ^lafec oerfdjoben werben 
fann. 

65. itf« htm gvnntnftäM nanj jeber ilerttjetbtanng unb g obes= 
benlmnatian badj bangt nrirb, üb ber £tftv reine (Bvnxibt für 
bas £öb bes ffltiUn {faltbar ftnbet. Pf aa Jürijanenfjaner felbjl frir 
feinen eigenen bellen &nif ausgibt. 

$ntereffant ift f wie grauenftäbt immer, nadjbem er fich in 
feine Üicbc pro (Schopenhauer recht hingearbeitet t)at f am 
(Stifte immer 3um $3ewußtfein fommt, baß mancher ßefer über 
biefe diceronianifchen ^erfuche boct) noch bebenflich ben $opf 
fchütteln bürfte unb baß biefem Zweifler botij Schanben falber 
einige (£onceff tonen gemacht werben müffen. 

So h^ißt 08 in biefem Sinne (S. 283): 

„3)er glänaenben (Sigenfchaften feine§ ®opfe§ war fich aber 
Sdjopenljauer allerbing§ ftarf bewufjt. (Sr wufete fefjr 
aut, ba§ nidjt blo§ fein Schabe!, feine Stirn, fonbern auch, bafe 
ba£, wa3 barunter baufete, nicht gewöhnlicher VXrt war, unb 
legte, wenn er fidj Photographien ober malen liefe, grofeen SBertb 
barauf, ba| feine „ intellektuelle $f)l)fiognomie" gebüljrenb Ijerüor- 
trat. (£r fpractj einft mit mir über ben Unterfdjieb ber Stirnen 
bei SÜdjtern unb Hentern, öergltcb ®oetbe§ mit ftantS ®opf, 
beren beibe $orträt§ er in feinem 3immer bangen hatte, unb 
tchrieb ben Hentern breite, ben Richtern boOe Stirnen ju. M 



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be$ Seltweifen ^opcnfiaucr. 141 

„Sßorin er aber bie eigentümliche ^Begabung, ober mit feinen 
eigenen SBorten $u reben, ben „eigentümlichen $niff" feineä 
©eifte§ fefcte, barüber roerben folgenbe «Stellen feiner nacbgelaffenen 
äNanufcripte am beften 9lu§fumt geben. 3«erft fdjreibt er nocb 
obne alle Schiebung auf ftd) felbft ju SSeimar 1814: „Sine un= 
roürbtge 9teben§art fjebraucbenb fann man fagen: Seber Üftenfcb 
öon ÖJenie bat nur etnen einzigen ®nift, ber ipm aber au§= 
fcbliefjlicb angehört unb ben er in iebem feiner Sßerfe, nur immer 
unter anberer Slmoenbung, anbringt. 2>a ber Jhttff ibm au§* 
fcbliefjlicb eigen ift, fo ift er burcrjnuS originell, unb ba ber ®niff 
nid)t unmittelbar, ionbern blo§ mittelbar, b. i. burdj $unftroerfe, 
ferner nic&t im (Sanken unb Slbfrraften, fonbern nur in einzelnen 
(Rempeln mitt&eilbar ift, fo bat er nidjt ju fürchten, bafc einer 
üm auslerne, aud) nicbt, boft er fic& (fo lange er geniat bleibt, 
b. b- feinen ®niff beftfct) erfcfföpfe. 5)er $niff ift gleicbfam nur 
ein Socb im «Schleier ber^atur, ein übermenut)licbe3 <5tüd- 
djen im 9Menfcben. (£r ift burd)au§ ber 33rennpunft aller $ro* 
buftionen be8 jebesmaligen (SenieS. (£r leuchtet au3 feinen klugen 
al§ geniale Snbirjibualität. ©einem refleftirenben SBeroufetfein 
(Vernunft) ift ber Sntff fo gut aß «Inberen ein föätbfet." 

63 fdjetnt — fo unterbricht grcmenftäbt bicfc ftniffologie 
(Sdjopenf)auer3 — als märe ©djopenljauern bamatö, al£ er 
bie3 fdjrteb (1814) fein jhtiff nod) nidjt ins refleftirte 33e= 
roufstfein getreten, ba er fonft mofyl gleid) etmaS über feinen 
Shtiff ba^ugefe^t hätte. (Srft in bem mett fpäteren 9)?anuffripten= 
buch Cogitata, angefangen im ^ c & ruat 1830 in Berlin, finbet 
fict) hierüber folgenbe (Stelle: 

„Schon oor oielen ^Jabren babe ich aufgetrieben, bafj bem 
treiben jebe£ (SenieS etn angeborener ®unftgriff, man möchte 
faaen ein ®ntff, au ÖJrunbe hegt, ber bie geheime Springfeber 
aller feiner SSerfe ift unb beften SluSbrucf man auf fetnem 
GJeficbte erbtieft. 1 ) SO?cin tniff ift ba§ lebbaftefte Slnfcbauen 
ober ba§ tieffte Smofinben, roenn bie gute (Stunbe e§ gerbet geführt 
bat, plöfclid) unb im felben Moment mit ber fälteften &bfrraftion 
&u übergießen unb e§ babureb „erftarrt" aufjuberoabren. 511 fo 
ein bober ®rab oou ©efonnenjeit* 



l ) Sie e3 bie Vertreter ber wer Nationen nach SKuSfage ©d)0|>en= 
bau er 3 toirflidj nadjeinanber in einem wahrhaft feltenen consensus po- 
pulorura an bem ©eftajte (Schopenhauers erblicft unb biefem 2Belt= 
weifen gum £rof*e unb jur @ati$fatrton mitgeteilt Gaben unb er biefe 
feltfamen SJifionen jur 2)arnacbadjtung für ben gefammten anbereit ^ßlebö 
unb pr SBetterterbreitung feinen Slpofteln mitgeteilt fiat. 



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142 Äniffologie unb ^fiffotogic 

(Somit mar es eine fajlemte <5tunbe, ein fjofjer ®rab bon 
Unbefonnenljeit, aß er bie 2flarquet mit bcm Kompliment „altes 
£uber" übergoß unb biefefbe mit ber märmften föeflerjon ein 
paar SDlat su ifjrer „(Srftarrung" auf ben 33oben marf. 



66. |!cr finiff bcs Bxites twm tiollfti ^t>pf ttnb ittvtn &opf 
kritifdj bekttdjtft. gttarm &tljoptn\jantv$ ei %t u 1 1 idjrr Jtatff 

grauenftäbt (©. 284) : 

„9ll§ ein SBetfpiel biefer bier bon ©(bopenfjauer felbft 
gerühmten (Sigenfcbait möge folgenbe ©teile au§ bemiel6en 3Kanu* 
icriptenbucb bicnen, in ber feine lebhafte $tnfd)auung ber objectioen 
2öelt al§ bloße SBorftellung zum tebrucf fommt: „O, melcbe 
Söunber tcb gefeben babe! Sn biefer SBelt ber 'Dinge unb ber 
Körper lagen bor mir jroei folcbe ©inge. beibe maren Körper, 
ferner, regelmäßig geformt, fdjön anjufeben. $)a§ eine mar eine 
$afe bon 2Mpi3 mtt golbenem 9?anb uub Teufeln; ba§ anbere 
mar ein organiuW, eiu £bier, ein SWenfcb. 5ftadjbem id) 
beibe genugfam bon außen bemunbert, bat idj ben <&eniu§, ber 
midj begleitete, nun aui mid) in ibr £fanere§ einbringen ju laffen. 
(£§ gefdjab. 3n ber SSafe fanb td) nicf)t§ bor, al§ ben ©rang ber 
Scbmere unb ben ©rang ber ©ebnfucfct, bie ftd) al3 cbemtfdje 
Söermanbtfdjaft au§fprad). 2113 idj aber in ba§ anbere 2)tng ge= 
brungen mar — mie foll icb mein (Srftaunen auSfprecben über ba§, 
roaS id) bort gemafjrte! übertrifft e§ bod) an Unglaublidtfeit alle 
je erfonnenen Sftärdjcn unb gabeln, ©od) miU. icb e§ eraablen 
auf bie ©efabr bin, feinen (glauben ju finben. Sn biefem ©inge 
alfo, ober bielmebr in beffen oberen dnbe, ®opf genannt, meines, 
bon 5lußen gefeben, ein ©ing mie alle anberen, im SRaume be- 
grenzt, fc&mer u. f. m. ift, fanb icb eben nichts ©eringereä bor, 
al§ eben bie ganae SBelt felbft, mit bem ganzen föaum, in meldjem 
ba§ $lfle3 ift, unb ber ganzen Reit, in ber ftd) Sittel bemegt, nebft 
Mem enblidj, ma§ beibe füllt in feiner ganzen 33untfcbecfigfeit 
unb Bablloftgfeit, ja — ma£ ba3 £ollfte ift — mid) felbft fanb id) 
barin berumipajierenb." 

„Unb fo fteeft e§ mirflieb unb mabrbaftig in biefem ©inge, 
ba§ nitf)t größer ift, al§ ein ®of)lfopf, unb melcbeS gelegentltd) 
ber ©cbarfridjter abfeblägt mit einem &ieb, mo bann plü&licb 
©unfelbeit unb 9kd)t jene SBelt beberft ; unb fte märe bann meg, 
mutierten nidjt jene ©inge mie bie $tlse, fo baß ibrer ftet§ genug 
finb, bie in'§ 9ftd)t§ berftnfenbe SBelt mieber aufzufangen, fo bafe 
fte bon ibnen ftetä mie ein ©all im ©djmeben erbalten mirb, als 
eine allen gemeinfame Sßorftelluna, beren ©emeinfamfeit fte 
bureb ba§ SBort Cbjectibität auSbrücfen." 



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beS SBcItrocifcn ©cfjopenfxmer. 143 

„9ftir warb babet etwa fo 31t SOtutfje, rote bem 5lrbfdmna, 
als $rifdnna ftcfc ihm in feiner wahren (SJottgeftalt jeigte, mit 
hunberttaufenb Firmen unb klugen unb 9Jläulem u. f. w. 

„Der $niff ift gleich) am nur ein tfoch im ©dreier ber 
Statut", meint (Schopenhauer. 2Öir erlauben uns nun fjier, 
ben S^cfcr auf ben magren unb eigentlichen $niff in ber 
(Sdjopenhauerfdjen (Spefulation aufmerffam 311 machen, ben 
er aua) $m aus bem Dollen ®opf in ben leeren Xopf 
hineingelegt hat. $)er üDJenfdj tft ein Stbfbmmling oom Riffen, 
ein £hiermenfch, unb etiles, was ber 9ftenfchenfopf h^r tn 
fidj aufnimmt, muß fidj in beS Seltweifen 3Wei Kategorien- 
fäftdjen einfchachteln laffen ; bann behauptet er immer, er wolle 
burdjauS feine fjiftorifdje Religion, hat aber auger feiner 
(£infd)ad)telung in Sföille unb 23orftellung auch bie 
Karotte, feine Religion, feine Xbeologie unb ^^Uofop^te im 
ißubbhiSmuS 3U Jüchen unb aus bemfelben herzuleiten. JÖaS ift 
ber wat)re f echte, 3U hundert Skalen ermähnte $niff 
ber «Scfjopenhauerfchen ^ßhtlof op ^ i e r bie nach feinem 
eigenen (Gutachten oiel beffer ^ntffologie genannt werben 
fönnte. 2luch muß bei jeber Gelegenheit bem tranScenbenten 
Gott • als (Schöpfer ein <Sd>nippd)en gefchlagen unb baS 93er- 
fchwinben beS 2ttenfchengeifteS nach bem £obe im Unioerfum 
als unanfechtbares $)ogma proflamirt werben, wie auch hier 
„burch ben §ieb beS Scharfrichters plö^lich Tuntel- 
heit unb 9caa)t feine SOßclt bebeeft". 

(Somit läßt fid) auSfprechen unb nach weifen, baß (Schopen- 
hauers ^niffologie in bem Söeftreben enthalten ift, ben SöubbhtSmuS 
in eine phtlofopljtfche Jorm 31t bringen unb felbigem (Eingang 
in ben europäischen köpfen 311 r»erfcr)affen. f urj unb treffenb 
charafterifirt Dr. Steinhart («profeffor in greiftngen) ben Söufc 
bhtSmuS : 

„3)ie urfprüngliche Söhre SßubbhaS ift 9)£enfchenöergötterung 
ober, waS baSfelbe ift, ber entf djiebenfte SltheiSrauS. Silier* 
bingS tritt berfel6e nicht herüor als eine entfqnebene Seugnung 
(SJotteS, ionbem er ift mebr negotii). 93ubbt)a weife nichts uno 
ipricht nichts öon einem höchften unenbltdjen SSefen, er fragt auch 
gor nicht nach einem erften ©runb unb Anfang aller SBefen, er 
lebt biefe ohne SöeitereS als ewig bagewefen borauS, unb fo ift 
für ihn baS höchfte SBefen unbebingt ber SWenfch, ber 
jur öolltommenen (Srfenntnifc gelangt, ber SBubbha, 
er felbft." 



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144 Äniffologte unb ?ßfiffotogic 

Senn mir Ijter ftatt Söubbha (Schopenhauer fefcen, fo f)cüti\ 
mir bie ganje $$tlofop$ie Schopenhauers mit ihrem ginale ber 
(Selbftoergbtterung in einer §afelmijjfchale. 

„$)er £>auptmoment ber bubbbiftifchen Seljre fällt auf bie 
SOioral: 3)er urfprünglicbe 33ubbbai§mu3 ift feinem SBefen nad) 
mehr ein SMoralftiftem, als eine Religion. X>iefe SKoral beant= 
mortet bie jftrage, mic ber 9#enfcb jur feiigen Befreiung Don ber 
dual be£ £)afem£ gelangen tonne." 1 ) 

67. tötßänbnifle i>*0 $Mtilmt\ftti übtx &nlrx$ unb &nijtt\jtn 

ftintv Jl^tloroöbif. 

grauenftäbt in feinem profaifdjen §ochgefang * am f c ^P* 
oerftänblich nicht umhin, auch um ben r)ot)len £opf unb ooflen 
$opf be3 (Sdjopenhau erfreu $niffe3 feinen tforbeerfrana 311 
fd)lingen, roie folgt: 

„$ann bie ibealifttfdje (JJrunblebre, mit ber <Scf) openbauerä 
SSclt al§ SßiHe unb SBorftettung anfängt: „$te SBelt ift meine 
SBorftelluna," — fann biefelbe, frage td), roobl lebhafter, anfcbau= 
licher unb mit tieferer (£mpfinbung in bie Dteflerjon übertragen 
merben al§ t)ier?" 

«$)od) Sdjopenljauer hat fiel) in feinen SKanufcripten nicht 
b!o§ ü6er feinen ®niff ausgebrochen , fonbern, mie au§ anbeten 
(Stellen beröorgefjt, aueb ü6er bie gelegenbeitlicbe 9lrt feine* 
(Staffens unb $robucirenS unb bat bamit felbft beftätigt, 
mag id) fchon oben gefagt habe, nämlid), bafc er ein ÖJelegenbeit^ 
Philofoph mar." 

3ftt feinem üttanuffriptenbudj Cogitata fagt er nämlich: 

„Wit (Sebanfen, melche ich aufaefebrieben, finb auf äufeeren 
9lnlafj, meifteng auf einen anfebaulidoen ©inbruef, entftanben unb 
öom Objectiüen auSgeljenb niebergeid)rieben, unbefümmert, mohin 
fie fübren mürben; aber fie gleichen Labien, bie öon ber Peripherie 
auSgefienb alle auf (£in Zentrum laufen, meld)e3 bie (Srunb- 
aebanren meiner Seljre finb, au biefen führen fie Oon ben Oer- 
fchiebenften Seiten unb Vluffaffungen aug." 

(Schopenhauer fagt, e3 fummere ihn nicht, mohin feine 
(Gebauten führen, unb boch laufen ft c a ^ a "f ©in Zentrum, 
auf bie ®runbgebanfen feiner gehre. Stlfo ift ber 



») Dr. SBeinfjart tjat im ftreiburger lirebenlerifim, XII. 53b., (Seite 
151—188, auf 28 tfepfonfeiten bie ©efdndjte bei ©ubbbtemuö in gebrängter 
Äürge bargeftellt unb am @ct/luffe audj nodj bie Literatur üon sroanjig ber 
bebeutenbften SÖerfe über ben SöubbfyiSmuS beigegeben. 



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bcS ScIttDctfcn ©djopenfjcmer. 145 

Genfer ntdjt audj ber Öenfer feiner ©ebanfen. £)iefe 
banfen feiger laufen, ofjne bag ber "probucent berfeföen fie 
fjütfüljrt, gu ben ($runbgebanfen feiner £ef)re tn3 Zentrum Inn. 
Q£ tft begreifüdj, bag biefer reijbare SfiMtweife immer fer)r 
milb würbe, wenn man iljm mit ber pfjiliftcr* unb profefforen- 
fjaften ^orbenmg ber £ogif, ber gemöfynHdjen £)enfgefefce an 
ben £eib (ober an ben ($eift) rütfte. 

grauenftäbt fucr)t nun auf mehreren (Seiten ben Söeroete ju 
führen, baß, menn ©djopenfjauer audj nur ein ®elegenfjeit§* 
pfytlofopfj mar, boa) 2ltte3 auf bie (Eonftrucrion feinet ©öftemS 
I)inau£ging; man müffe beSljalb audj ben ©djopenfjauer gang 
lefen, weil er felber fpäter 9ftandje£ erflärt unb anber§ bar* 
ftettt, als e£ bem Öefer, ber nitfjt 2lüeS gelefen Ijat, im Anfange 
ücrfommen mag. 

93ei Jeber Gelegenheit fornmt er auf feinen perennirenben, 
nie untergeljenben föuljm gu fpredjen (©. 293). 

©o in feinem 2flanufcriptenbudj, 1824: 

„SBa§ mir bie (Jdjtbeit unb bafcer bie SDauer meiner ^ilo- 
foptjeme berbürgt, ift, bafe icfc fie gar ntd)t gemacht fjabe, f onbern 
He baben fi4 felbft gemacht, (Sie ftnb in mir entftanben 
ganj obne mein 3utfmn in Momenten, too aHe§ SBolIen in mir 
aleidjfam tief eingefdjlafen mar, unb ber ^nteHeft nun oottfommen 
fierrenloä unb baburdj müfcig tfjätig mar, bie $lnfdjauung ber 
roirftidjen SEBelt auffaßte unb fie mit bem SDenfen paratfeltftrte, 
beibe gleicf)fam fpietenb aneinanberijaltenb." 

„9Jur, ma§ in folgen Momenten ganj mittenSremer (Srfenntnifc 
in mir ftdj barftellte, babe id) al§ bIo§er Bufdjauer unb 3euge 
aufgetrieben unb ju meinem SSerfe benufet. $)a§ Verbürgt beffen 
Geleit unb läfct mid) nitf)t irre werben beim Langel aHe§ $ln* 
tbeitö unb aller SInerfennung." 

(©. 294.) Ueber ben SWaßftab ber SBeurtfjeitung feinet 
®etfte$ fagt er: 

„3)en -äftafftab für meinen (Seift nefime man au§ ben Säßen, 
mo id) in ber drflärung gan^ fpecietter $l)änomene mit großen 
Männern competirte: tn oer ijfarbentfjeortc mit iftemton unb 
®oetlje, in ber (Srflärung be§ 9ftd)tfdjreien§ be» Üaofoon mit 
SBinfelntann, Öefftng, ©oetlje, nebenbei &irt, gernom, in ber (£r= 
ttärung be8 ßäc&erltdjen mit $ant unb Sean $aul." 

»runner, Äniffoloflie unb ^fiffologte. iü 



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t 



146 flmffologte unb ^ßftffotogte 

68. Uüe iFranrcßäbt bte holnlTnlf £ügc auöfprirlit : ber iUrltrocilt 
Ijnbe lixij um btr Hlf hnnnmt feiner ^fitge nullen menig gekumme rt . 

Pti £uture ^djouenljmierö nur bitterer ^ulj« «>tm* Pil?. 

HTunberHdje JJefimtiun bes Staates. Per Ulenfüj gilt tym 

als ein Haubtljier. 

(8. 296.) #u Bresben 1815 fa^retbt er: 

„28er ein grofeeS unb unfterblidje3 SSerf bollenbet bat» ben 
roirb bie 9lufna&me be3 ^SublifuinS unb ba3 Urt^ctl ber Scritifer 
>o roenia fränfen ober beroegen tonnen, al§ einen Vernünftigen, 
ber im ÜoCUjau^ umhergeht, ba§ ©d)mäf)en unb Söeleibigen ber 
Kotten, ©o lange freilief) jener (Srftere bte SKenfdjen nidjt fennt, 
unb ber Sefetere nicht roeife, too er ift, roirb e§ anberS fein, aber 
nach biefer erhaltenen Elufflärung nicht mehr." 

Jrauenftäbt bemerft basu: 

„©in bon Sttarur frübieitia fo felbftänbiger ®eift unb (Sbarafter 
roie ber ©ebopenbauerä, ber ftd) um bie 9)1 einungen ber 3 ei t* 
genoffen fo toenig fümmerte, fonnte natürlich auch in 
praftifeben fingen ftd) niebt für ba§ begeiftern, roofür biefe ftcb 
begeifterten u. f. tu." 

Jolgt nun eine lange (Sntfchulbigung über ben SBomntrf, 
baft (Schopenhauer an bem greiheitöfriege 1813 nicht habe 
thetlnehmen motten. (Sehr nieberfdjlagenb für bte abfälligen 
$ritifer (Schopenhauers ift e3, ba§ er btefelben mit Marren 
im ^rrenfjaufe auf eine i'inie fefct, unb fefjr fomifch ift e3, 
roeitn grauenftäbt bem £efer falt erflärt, (Schopenhauer ^abe 
ftd) um bie SÜfeinuugen feiner Qeitgenoffen fo menig ge- 
kümmert. SfiÖtr haben bei Einführung ber (£orrefponben$ mit 
31 f her au3 Briefen (Schopenhauers genugfam bargetfjan, mit 
nxlchem glühenben £)urft er Seifall^be^eugungen unb fmlbigungen 
Berufungen unb nrie jeber £abel ihn hodjgrabtg erbittert fyat 

Jrauenftäbt bie Unbefümmerthett (Schopenhauers um 
feine 3citgenoffen nieberf abrieb, waren bte Briefe oon Elf her noch 
nicht publictrt, welche bie ju frühe unb oorlaute 33ertheibtgung 
grauenftäbts geraberoegS oer matten. 

$i(ht nur bie ^^tlofop^teprofcfforcn feiner 3eit, fonbern 
aud) renommirte ^3r)iIofopt)cn oor ihm ftnb bem Söeltnmfeit 
immer brücfenb im 2ttagcn a/legeit. <So berietet g-rauenftäbt 
(@. 700): 

„$)ie ^bifofopben", fagte er ju mir einft, „ftnb nur barunt 
fo unmiffenb unb lernen nichts, roeil fie $u otel treiben, 
SlmtSgefcbäfte, $oiitif, Reifen. 2öer maS lernen tottt, barf nichts 



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beä Settwetfen ©c^openbauer. 147 

treiben." Unb Oon Seibnifc au§ bemfelben (Srunbe fjielt er nictjt 
üiel. „Da fachen Tie," fagte er einft su mir, „toieber ben Seibnifc 
berbor, geben ibn IjerauS unb reben Diel oon iljm, al§ ob ber ein 
fo grofeeS 2id)t toäre. SRetn ®ott, toenn (Siner fo lebt, mie ber, 
Ijerumreift, braunfcfcroeigifcbe Slnnalen fdjreibt u. f. m., fo ift er 
fdjon barum in meinen #ugen fein großer ^ß^itofopr)." 3n, 
(Schopenhauer fpottet in feinem ^anufcriötenbucf) Spicüegia über 
bie berliner 3lfabemie, bafe fie attiäbrtiaj ben (Geburtstag ßeib- 
nifcenS feiert: „Die berliner s 2Ifabemie celebrirt afliäbrltd) ben 
©eburt§tag be§ (SrfinberS ber SJconaben, ber ptäftabilirten önr- 
monie unb ber identitas discernibilium. 3$ mürbe ifjr ratgen, 
biefe (SJegenftänbe burd) einen getieften Stfaler abbilben ^u laffen 
unb ibre ©öle bamit w Derberen, um bie 93erbienfte ifjreä grofeen 
Stifters immer uor klugen $u f)aben." 

SCBemt ©djopenljauer (mos immer infolge gefränfter (Sütel* 
fett ober offenbarer GKferfudjt ber %aü ift) fatortfefj merben 
miß, manifefttrt fidj biefe ©atore in einem jroar bitteren, aber 
burcfyauS roifclofen §oljn, mie t)tcr oben. SDcitunter er* 
fdjeinen fdjon audj anerfennensmertfje Öidjtpunfte unter ben offene 
barften ^araborieen (<3. 301): 

„Die ®efd)id)tc ift iljm (Scbopen^auer) nur ber <Srf)auplafc 
ber 33ejat)ung be£ SSitlenS sunt Öeben, unb ba e§ bie ©rtöfung 
oon biefem gilt, fo ift if)m bie gröfete, midjtigfte unb bebeutfamfte 
(£r febeinung, roeldje bie SSelt auftoeifen fann, nidjt ber SSelt- 
eroberet*, fonbern ber SSeltübertoinber. Der affetifdje Sftöndj 
unb bie „fd)öne (Seele" ftnb ibm ebrmürbigere, berounbernStoert&cre 
©rfebeinungen al£ bie gefeiertften, roelt&tftorifd)en gelben." 

<5. 301: 

„Den relatiüen SSertb ber ®efd)icbte terfennt er *tuar niefct, 
aber bie, tueldje ber ®efd)idjte einen Oberen Söertb afe ben oon 
fönt anerfannten beilegen, öerfpottet er als ^bilifter. 3u feinem 
s Dcanufcriptenbud) goltant (angefangen 1821 im Jänner) fagt er: 
3dj toeifc mir feinen fdjöneren (Sinmurf gegen ben Söertb alle* 
®efd)id)t3ftubium3, al£ bafc man ben ftiftorifuS fragt: „Unb 
toenn td) nun gelebt bätte, efje alle biefe Dinge ftcb zutrugen, 
hätte icf) bann notbroenbig weniger meife merben müffen?" (SJemäfj 
biefer fdjon früber oielfacp geäußerten 2lnftd)t fpottete er in feinem 
QJefpräcbe mit mir über bie Hegelianer, bie ben äßunb immer fo 
Ooa nebmen über ben ^rojefc bcS 9lbfoluten. „Der ^nbalt ber 
Gefcbicbte," fagte er mir, „ftnb bie europäifcfjen ßafcbalgereien." 

<B. 302: 

„Da§ üDcenfcfjengef d^ledt>t " fagte (Sdjopenfjauer ein anber 
mat in feinem entfebiebenen $effimi£mu£, „ift einmal üon SRatur 
auS sunt (£lenb unb Untergang beftimmt. Denn toenn nun and) 
burd) ben ©taat unb bie ©efcf)td}te bem Unrecht unb ber 9Zot§ fo 

10* 



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148 



Ämffologie unb ^fiffologie 



meit abgebolfen märe, ba§ eine 5Irt <5d)laraffenleben einträte, io 
mürben fieb bie SJienidjen alSbann üor ßangemeile balgen unb 
über einonber berfallen, ober bie Ueberbblferung mürbe fcungerS* 
notb berbeifübren unb btefe fie aufreiben." 

$)te 5lnfidjt Dom (Staate ift gerabemegS brofltg unb be= 

luftigenb. ©te mar fa)on 1814 biefelbe, bie fid) fpäter in feinen 

©Triften funbgibt (©. 302): 

„$er ©taat mar ibm nur ber SPfaulforb, ber ba§ „9*aub= 
tbicr" SRenfd) unfcbäblid) ju machen unb babureb biefelbe 
(£rf(beinung beröorjubringen bat, als menn er ein 
graSfreffenoeS Xbier märe." 

3Öir feljen, mie ber Söeltmeife nidjt aufrieben ift, ben üften* 

fdjen oom Riffen abftammen gu laffen, mie er nidjt aufrieben ift, 

i£>it bei oerfdjiebenen (Gelegenheiten ein Sljier ober ben Xfjier- 

9ftenfdjen ju nennen; er madjt tr)n fjier tro^ feiner oon 

Jrauenftäbt ifjm funaufbteputirten §er$en£güte audj nodj junt 

Sftaubtfjier, meines burdj bie © taatsf unft ju einem (Gra3* 

freffer ^cranciuiltfirt morben ift. 2lu§ ben Dielen Anhängern 

biefeS ^ilofopfjen, mie audj be3 ^aturmeifen Karmin ift %u 

erfeljen, mie e§ oielen beuten ein abfonbertidjeS 95er* 

gnügen madjt, al£ Xljier ober fo redjt en canaille bejubelt 

ju merben. 

Dfjne bei irgenb einer (Gelegenheit eine Definition ober 53e- 
fpredjung in feinen $niff: in 33orftellung ober Sßille ober in 
beibe cinfcr)acr)tcln ju motten, geljt e3 nitf>t ab. ÜDer Äniff, 
alfo fein ä niff, mufj ba bei i^m, mie bei jebem (Genie, 
fid) immer bemerfbar madjen. 

69. üomrnt bnrdj Rinnt jßniff itbtr ben $taat mit bem Ünif 
von btr JTotbtücnbiglutt olles jo t»5efrijeljenben in ben grellßf n 
UKbf r fanidj. C?ntrrf)uli>ujuna obfütfierreü, gonaporirs tt. f. ». 

(5. 303 fdjreibt er ju Drüben 1814: 

„93on bem, ma§ bie ^feubo»9ßbilofopben unferer 3*it Iebren : 
£)er <5taat babe jur Slbficbt Söeförberung beS moralifcben 3mecf3 
be£ SRenfcben, ift Diel eber ba3 (Gegenteil mabr. $5er 3roed! be3 
aJienjcben — ein parabolifeber 3lu§brucf — ift niebt, bafj er fo 
ober anberS banble, benn alle opera operata ftnb an fieb ßleicb= 
gültig, fonbern ba§ ber SSille, betior ieber SKenfcb ein DoCU 
fommeneg ©peeimen ift, fid) menbe, moju nötbtQ, tft, bajj ber 
ättenfcb (ber herein Don(£rfennen unbSBollen) biefen SBillen 
erfenne, bn§ ©ntfefclicbe biefeS 2Billen§ erfenne, fieb fpiegele in 



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DeS Scttwetfen Schopenhauer. 149 

feinen $&aten unb beren (Sräueln. $)er (Staat, bem e§ nur auf 
ba§ SÖoblfein 5111er abgefeben ift, fjemmt bie Steuerungen beö 
böfen SSitlenS, feine§roeg§ ben SSillen, mag unmöglich märe. 
3)aburd) gefdjiebt e§, bafe böcbft feiten ein SOienft^ feine gan*e 
(Sntfefcltcbfeit im Spiegel feiner Sbaten erblicft. Ober 
glaubt ifjr rotrtlicb, 9tobe3pierre , SBonaparte, ber $aifer üon 
iufaroffo, bie Sftörber, bie tbr räbern febt, feien allein fo fcblerfjt 
unter Hillen? <Sefjt if>r nidjt, bafe Söiele baSfelbe al§ Seite träten, 
tuenn fte nur fönnten?" 

ÄurtoS! $) er f elbige Söeltnmfe, ber ben (Saft aufgeteilt 
fjat: $llle3, n?a§ gcfdjtefjt, geftf)iel)t notfjnmtbtg, unb 
ber btefen (Safc jtüar nidjt mtttclft Xtnte unb geber naaV 
gennefen, fonbern ben 53eroete mit bem au3gefd)ütteten 
itntenfag, lücldje Operation feine -SRagb im Traume oorljer* 
gefeljen, Ijerguftellen fudjte, berfclbe 2Belft>eife geftet)t r)ier, bafj 
ber ©taat bennod) bie Steuerungen be£ böfen 3Billcu^ 
Ijemmen fönne, unb baß e3 iljm nur unmöglidj ift, ben 
böfen Stilen felbft 5U unterbrüefen. (£r proflamtrt einmal 
bie fllotljtpenbigfett gegen bie Jretfyett, bann nneber bte gretljett 
gegen bie 9?otf)iuenbigfeit, unb wenn t^n GKner paeft unb um 
ben ®runb btefeS 2öed)fclö fragt, fo toirb er böfe, will mit bem 
logtfdjen $)enfen ntdjtä gu tljun Robert, fdjtmpft über fämmt* 
lic|e $feubopljtlofop§en als ber einsig toaljre unb edjte ^ilo* 
fopf), unb fagt, bie ^ilofo^ie ift eben Äunft unb ntdjt 
SCöiffenfdjaft. Sßenn er in trgenb einer unlogifdjen 33er * 
legenfjett unb Verlogenheit brinnen ift, fo feljlt e3 tfjm ntdjt an 
feinen kniffen, an ©opfytemen aller Slrt, um fidj bor feinen 
aubäajttgen, ifjm burd) £)icf unb £)ümt nadjfolgenben Verehrern 
Ijerau^uljelfen. 

©. 303: 

„SRandjer Verbrecher ftirbt rubiger auf bem ©djaffot, al$ 
mancher 5Riät=S3erbrecber in ben Firmen ber ©einen. Seit er bat 
feinen Söulen erfannt unb geroenbet. tiefer bat ibn nietjt 
menben fönnen, meil er ibn nie bat ernennen fönnen. 2)er (Staat 
beameeft ein ©djlaraffenlanb, ba§ bem mabren 3n)ecf be§ Sebent, 
ber (Srfenntnil be§ SBillenS in feiner gurebtbarfett, gerabe ent* 
gegenftebt." 

£)er langen $ebe furjer ©tnn, ober be3 langen, oorgeftellten 
Unftmtö furjer S33iüe tft: alle bisherigen (£inrtd)tungen beS 
<&taattä gehören für bte $afce ; ber <5taat fann nur bie Sleuße* 
rungen be$ böfen Sillens fjemmen, aber ben böfen Sitten nidjt 



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150 



tniffologie unb ißftffologie 



felbft ummenben. 9)can gefje bafjer in ben Söudjlaben, faufe fid) 
©djopenfjauerS 2Berfe, — er fyat bas föätfjfel bcr SBelt gelöft. 
„Qu mir müffcn fie fommen", ^at er fctber getagt; bie f)ifto* 
riftt)e Religion, btc ©ntnritfelung ber <pfjtlofopfN'e, bcr Gefräidjte, 
alle Geologie — $Ue3 in ben Ofen! — 3flein ©nftem ge* 
nügt, bie 9)cenfdjf)eit crlöfcn. 

@. 304: 

„93onaparte tft mobl eigentlich nid)t fdjledjter al§ Diele Sftenfdjen, 
um niefit au fagen, al§ bie metften. (Sr bat eben ben ganj gerobbu* 
liefen (£got§mu§, fein 2öoI)l auf Soften Ruberer gu fud&en. 
2öa§ ifjn auSaeidmet, tft blo§ bie größere Straft, biefem SBitten ju 
genügen, größerer SBerftanb, Vernunft, äftutb, rao^u ber 3ufa(I 
tbm nod) einen günftigen «Spielraum fetjenfte. 3)urdj atte§ bieie§ 
t&nt er für feinen (£goi§mu§, ma§ taufenb Rubere für ben i&ren 
roo&l mödjten, aber nietjt fönnen. ^eber fd)tr>ad)e 93ube, ber burd) 
fleine ©d)lecbtigfetten einen geringen Sortiert jutn Dtacfct&eil 
Stnberer, menn aud) biefer -iftaegtbeu eben fo gering, ift, ftd) öer : 
fdjafft, ift cbenfo fälecfct als 93onaparte." 

©ine furiofe ßogif! 2)er bumme Jjjunge, ber in ben 
(harten fteigt unb ein paar Söirnen friert, ift ebenfo fdjleajt, 
als ein eljrfüdjtiger Geroaltfjaber, ber £nmberttaufenbe auf bem 
edjladjtfelbe im Gelüfte feiner §errfd)fud)t fnnopfert! £at 
Napoleon, bem ©djopenfjauer felbft fo itel SSerftanb unb 
Vernunft auftreibt, ntdjt einfe^en fönnen, baß feiner §errfa> 
fudjt taufenbe oon SWenfdjenleben gum Opfer fallen, baß er 
maßlofeS SBelj ben Gefallenen unb tfjren ^unterbliebenen be= 
reitet? fyat er nidjt eine unnennbar größere SBerantmortung, 
als ber bumme Qunge, ben ein paar kirnen sunt £)iebftafyl 
Perioden? 

• 

70. JUndjt ÖTruöfdjläfire über Srrnnfdjlüfle, um btc Ueraelhmn. im 
jltttfrits nertrnanen ?tt können. 2J*rnUtteme inert feine Uoöljeti 
unb Jtarijlurijt nnb gießt felbe über bns aaiwe IHenFdjenflerdjledjt 
uns. Per Unter rnjieb fmtfdjeu bem peWtbiger nnb bem £cibenben 
märe nnr in ber <£r fäjeinnna. 

(£3 ift ein §auptfniff ©djopenfjauerS, in Srugfcpffen 
gu arbeiten, bie er mit oratorifa^em £aubroerf aufgupufcen 
ftel>t unb felbige bann ben Öefern (ben £fn'ermenfa^en unb bi- 
pedes) jum Genießen gibt, <5o fäfjrt er fort. 



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be3 SBeltroeifen ®a)opettf|auer. 151 



©. 304: 

„3)ie, roelche eine Vergeltung nach bem $obe mähnen, mürben 
verlangen, bafe Vonaparte burch unsägliche Dualen alle unzähl- 
baren Setben büfcte, bte er berurfacht bat. $lber er ift nicht ftraf* 
bnrer al§ alle bte, melche benfelben SQSiüen haben, nur nicht mit 
berfelben Sraft. $>aburch. bafe ihm biete felbe Äraft beigegeben 
ift, hat er bie ganje Vo^bett be§ menfchltchen 2Btllen3 offenbart, 
unb bie Seiben feinet 3eitatter§, al§ bie notbroenbige aubere (Seite 
baoon, offenbaren ben Jammer, ber mit bem böfen SStHen, beffen 
(£r)"dbetnung im ©anaen biefe Söelt ift, unzertrennlich berfnüpft 
ift. (Iben bte)e£ aber, bafc erfannt merbe, mit welchem namenlofen 
Sammer ber SSilte sunt Sehen berfnüpft unb eigentlich 
(£in3 ift, ift ber 3 werf ber 923 e It. VonaparteS (Srfd&einung 
trägt alfo biet ju biefem 3n>ecfe bei. £)afe bie SSelt ein fabe§ 
©ajlaraffenlanb fei, ift nicht ihr 3wecf, fonbern baft fte ein $rauer= 
fpiel fei, in welchem ber Sßitle sunt Sehen ftch erfenne unb ftch 
menbe. Vonaparte ift nur ein gewaltiger «Spiegel be§ menfehüchen 
SStHeng aum Seben." 

(£3 ift ergöfclieb, an fcr)cn f wie felbft Vonaparte beim (Schopf 
gepaeft wirb unb herhalten tnujj, um ate ein eflatanteS Veifptel 
unb ein fcfjlagenber Vewcte für ben (Schopenhauerfdjen 
&ntff von Vorftellung unb Stile ftch fremden jn laffen. 

Unterfuchen mir bte 2>cflamatton: 

1. ®ibt e3 9fttllionen unb r)at SVHttionen gegeben, bie eine 
Vergeltung nach ^ern £°°e glauben unb hoffen, liefen gegen- 
über fjat Schopenhauer fein föecfjt, benfelben ihren (Glauben al£ 
Sahn unb biefelben als Sahnfinnige zu bezeichnen. £)iefelben 
haben ein SRecht, ben «Spteft urnjutehren unb ihm feinen Seit- 
begriff, in beffen amei Giften Vorftellung unb Sille 
er jeben 9}?enfchen unb bie ganze Seltgefchichte einaufchachteln 
bemüht ift, auch ate einen Sahn unb ihn als einen Sahn« 
finnigen ober minbeftenä, infofern er auf feine Sß^tlofopr)te 

* glaubt, einen Sahngläubigen an nennen. 

2. Senn (Schopenhauer in feiner Oftante, bie ganze 
9}?enfchheit für fo bo^r)aft, radjfüchtig, fchimpferifch a u f)(dUn t 
wie er fich felber im £eben fo oft mantfefttrt hat, fo ift er ba 
im Slllgemeinen ebenfo im Unrecht nrie auch fyier fpeatell, wo 
er allen (S^rtften r welche an bie Unfterblichfeit glauben, ba$ 
Verlangen gumuthet: Vonaparte folle unfä gliche Qualen 
für bie unzähligen Reiben bügen, bie er berurfacht fjat. £)« 
wahre (Shrift r)at fein fo rachfüdjttgeS Verlangen an hegen; 



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152 Ätttffologie unb «ßfiffotogtc 

er foll bie Vergeltung demjenigen überlaffen, ber in (berechtig* 
feit unb 93armljer3igfe.it bie üttenfehen rieten wirb. 

3. (£s ift eine nach d)riftUd)er (Sittenlehre unhaltbare £)c* 
flamation f baß ein Ottenfdjenopferer en gros nidjt ftrafbarer fei, 
als Wt, wela> benfelben Hillen haben, benn bem Bonaparte 
ift ja aua) meljr Chrfenntniß gegeben gewefen, unb baS (Bericht 
erfolgt auch nach bem Ghrfennen beS üftenfehen, nicht allein nach 
feinem §anbeln. 

4. gmter ift es f ct)r problematisch, ob Bonaparte bie 
ganje ^öo§r)ett beS menfchltchen Sillens geoffenbaret fjat, benn 
baS üftenfehenopfem mar bei ihm fidjer nicht ein Serf ber 
Bosheit, fonbern ein notljwenbigeS Littel, feinen (S^rgct^ unb 
feine Ühthmfucht $u bef riebigen. 

5. (£s ift auch tein erlogen unb unermeisbar, baß biefe 
Seit eine (Srfcfjeinung beS böfen Sillens ift. 

6. (£s ift ein (Schopenhauerfcher $niff: bie nicht ju er* 
weifenbe Behauptung, baß ber Sitte jum Öeben mit namenlofem 
Jammer oerfnüpft ©ins fein muß, unb baß biefeS ber 3wecf 
ber Seit fei. Ser r)at benn ber Seit biefen 3wecf 
oorgefteeft? ($ott ift für (Schopenhauer feiner — alfo ift 
es ber (Sdjopenhauerfche Selt^wecf. 

7. SaS foll bteS Behaupten: es ift ber 3wecf ber Seit, 
baß fie ein irauerfpiel fei? Ser f)at bie Seit für biefen 
3wecf beftimmt? 

8. Bonaparte ift etwas gan$ SlnbereS, als ein gewaltiger 
(Spiegel beS menfehlichen Sillens jum £eben. UebrtgenS gibt 
es große, flare, ben ®egenftanb treu wiebergebenbe (Spiegel, 
aber einen gewaltigen (Spiegel? ba fönnte man öiel eher • 
(Schopenhauerfche Behauptungen eine gewaltige (Spiegel* 
fechterei benennen. 

©chopenhauer beflamirt weiter (©. 305): 

„SDer Unterfdfueb arotfdjen bem, ber baS Setben berurfadjt, 
unb bem, ber eS leibet, ift nur in ber (Srfcheinuna. (SS ift baS 
Me8 (SinSBüle jumßeben, ber mit großen ßetben (StnS ^ 
tft, burdj beren ©rfenntntß er fich wenben unb enben fann." 



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158 



71. IU* fdjrtbljüftfn tTfj*0rtetn bas lUfliroeiftn ntnrbrc in brr 
|Jra*tö vav C5mdji anggtladjt w^rbtn. tfnnienimnfl iraf fem 

Jfali jlfariftttt. 

®o hätte fich (Schopenhauer oor (Bericht oertheibigen 
follen, als er bie SDtorquet ein paar s 3)fal gu 33oben warf unb 
maltraitirte: „Der Unterfchieb swifdjen mir unb ber äftarquet ift 
nur in ber (£rf dj einung; es ift bei mir unb bei if)r nur 
ber SBille gum tfeben" u. f. w. Der föidjter würbe ihm ge* 
antwortet ^abcn : Senn (Sie ein Söudj fchreiben, ift es $fmen er* 
laubt, jeben Unfinn barin nieberlegen, mir fjanbeln hier nach bem 
6., 7., 8., 9. ©efefteSparagraphen. £)b awtfchen Qhnen unb ber 
Sttarquet, gwifchen bem Abpuffen unb hinauswerfen, unb jwifchen 
bem 9tteberfchlagen unb bem s Jitebergefchlagenwerben ein Unter* 
fchieb ift, barüber wollen mir uns in fein philofophifdjeS ®efpräch 
einlaffen. SÖir finb hier Qurtften, unb oor bem $uS hat 
fich auch $h* e geiftreiche ^h^ofophie %u beugen unb gu partren ; 
mir werben $h Ten ©Wen unb !$Tt (Srfenntniß bahin wenben, 
ob Sie wollen ober ob Sie nicht wollen, baS bleibt fich 
egal. (Sie Rahlen 300 Xljaler (Schmer^enS* unb ßurgclb unb 
jährlich, fo lange bie (Geprügelte lebt, 60 £r)aler Alimentation. 
Qu welches (Schubfach ober in welche (Schachtel ihres philofopfn* 
fdjen (StyftemS (Sie biefen Vorfall funeinpracticiren wollen, baS 
bleibt $h* cr 33orftellung unb Qh rcm $BWen freigeftellt. grünf 
Qahre lang haben (Sie $fj*e WM^phie gegen unfer QuS 
ins treffen geführt, unb (Sie haben in biefem fünfjährigen 
Kriege (wo Alles, wie (Sie fagen, (Sin SBille gum Seben ift) 
gegeigt, bafj nicht Alles ©in SEBtlle gum ©eben ift; wir waren 
fo glüeflich unb haben $h rcn i 1 1 e rt gum Seben anerfannt, 
aber %foxtn SBillen jum 9Hchtgeben gebrochen. Durch biefeS 
(Serich tSerfenntnifj unb burch biefen fünfjährigen, oon Qfmen &er* 
gebenS unb mit Unglücf geführten trieg haben (Sie fich nicht nur 
als graufam, fonbem auch als fchmufcig gejeigt. gür bie 9^ieber= 
läge, welche bie 2flarquet gu Berlin in ber ^ieberlagftrape burch 
ihre §)änbe erlitten hat, werben auch (Sie eine ^ieberlage er* 
leiben, es werben biefelben^änbe fytv bei uns baS ©traf gelb 
nieberlegen müffen. Seber $h*e SSorftellung, noch 3h* 
SBille hat in biefem Kampfe ums Öeben unb Vichts- 
hergeben etwas genügt; wir laffen uns hier burch fein, wenn 



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154 



Äniffotogie unb ^fiffologie 



aud) noti} fo renommirteS ©oftem befdjminbeln. 9tadjbem mir 
$bren Söillen gemenbet, ift bcr ^roceft geenbet. 2Bir fjaben 
©tc jur „(Srfenntnifc" bcr „großen Reiben" gebraut, meldje 
©ie bcr Klägerin gugefügt Ija'bcn. 

72. iFranfnftöbt fntfdjnlMgt bas arüümütijiöe Ilerfdjfnkett 
non (Bfmeln*, £äbfl nnb Jlatrantorrfje txn «inen tmburn patriottfdj 
bjötiJUrten ftranf als rint nailjtttfnbiöe ifolgf bfr Siajupen* 
Ijaucrrrfjtii IJjjtlflfopbif. itarfudj* b*n JJffltmismttö ^djoptn* 
Ijaners ?n rvklärtn nnb ben gtfeiftn mtebfr rctninntafiljcn. 
SUarabirt bie iJernitnft |nm (Eöötemns. 

grouenftäbt oertbeibigt audj btcfeS $artia Ipfyilofopfjem 
„über Reiben unb Sitten gum tfeben", beffen praftifdje Stber* 
legung mir bem fHtc^ter bei 53eenbigung be£ fünfjährigen ^ro? 
jeffeS in ben SDSnnb gelegt fjaben. 

grauenftäbt meint (©. 305): 

„5Kan mag nun mit biefen $lnftd)ten übereinftimmen ober 
nirf)t: fo Diel ftefjt boeb jebenfall3 feft, bafj ein junger 3Jiann, ber 
fo benft mie bier ber 26jä6rige ©d&openbauer, md)t bie polt* 
tifdje 93egeifterung fetner -Seit* unb §llter§genoffen tljetlen fann. 
(£$ ift biefeö eben fo ftreng notbroenbig, mie bafc bie brei SSinfel 
eine§ £retecf3 gleich jmeien rechten ftnb. 2Ser feinen anberen 
«Smecf be§ Sebent fennt, alö ben et^ifc^en, unb roer biefen in bie 
Verneinung bc» 28itlen3 sunt Seben fefet, in ber ©efct)id)te unb 
im ©taate hingegen nur bie Söejabung oeSfelben ftebt, ber fann 
fid) für politiicbeS SBirfen niefct begetftern. 2)ieie3 unb nichts 
mettereS mollte icb bier beroeifen. 3<G mollte benen, Sie 
©ebopenbauer feine poltttfdje £aftlofigfeit oorgemorfen boben, 
jeigen, ba| fte u n ü e r ft ä n b t g ftnb, roeilfie Üjm etroa§ jugemutbet, 
roa3 ju teilten ibm bei ber Söefcbaffenbeit feines 2Sefen§ unb feiner 
Söcltanfcbauuna, unmöglid} mar. Unüerftanb ift e§ allemal, 
etma§ UmnögltcbeS su f orbern, Unoerftanb ift e§, oon einem 
Söaume anbere Srücbte ju forbem, al§ er feiner Sftatur nacb geben 
fann, unb Unoerftanb ift e§, üon einem SOtenuften anbere Sei- 
ftnngen su f orbern, als feinem (Seifte unb Gbarafter möglid) 
ftnb." 

jDcnfen mir un3: oor einer SlffentirungScommtffion mürbe 
ein einberufener 9tefrut biefer (Sommiffion mit ben 
©orten grauenftäbtS ben SöemeiS iljreS Unoer ftanbes liefern, 
meil bief elbige oon tfjm etmaS oerlangt, ma$ ibm bei Söe^ 
fdjaffenljeit feines SEBefenS unb feiner 2Beltanf(^auung 



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be3 2öelttt>etfen ®$open()auer. 155 

unmöglich ift. ÜDer 33orfi%cnbe mürbe ihm ermibern: ©ie 
motten ba£ üflögliche unmöglich mächen, unb mir werben ba§ 
Unmögliche möglich machen! 2öir haben üJHttet, ^nen unfern 
Unoerftanb oerftänblid) ju machen, mätjrenb mir $t)ren 23er* 
ftanb unoer ftänb lieh finben. §ier ^etßt e3 cor allem Slnbem 
pariren; mir fönnen un<3 in bie @d)opent)auerfcf)e $niffologie 
nicht weiter einlaffen. Hu§ ift'3! 

grauenftäbt nimmt nun behufs ber Skrtfjetbigung (Schopen* 
h auer^ jum SBubbljaiSmuS feine 3ufludjt (@>- 305): 

„2lber woher, fann man fragen, fam benn bem jungen 
Schopenhauer biefe pefftmiftifcbe Söeltanichauuna, bie feinen 
anberen Sroft fennt, als bie (Sntfagung, bie Sfteftgnation be$ 
bubbbaiftifchen 9?irn>ana? SBar er nicht in SBohlftanb geboren 
unb aufer^ogen? Sar er nicht ein „Freiherr", ber ganj feiner 
Neigung folgen fonnte, unb rühmte er ftch nicht felbft biefe§ <$lücf£? 
Xiefe grage fefct öorau§, bafe man, um Cptimiü ober ^effimift 
p fein, fid) entroeber in gtücflichen ober unglücfüchen Söerbältniffen 
befinben muffe. 3ch felbft machte einft biefe SBorauSfefcung. Site 
ich $um erften 9Jcale bie „SBelt als SBitte unb «orftellung" la§, 
ehe tcb noch (Schopenhauer perföntich rannte unb oon feinen SBer* 
bältniffen etmaS mufcre, fteHte ich ihn mir immer al§ einen in 
3lrmuth unb SJürftigfett SÖerctnfantten oor unb mar batjer nicht 
menig, erftaunt, al§ tch nachher in granffurt feine, menn auch nicht 
lujuriöfe, boch auch femeSmegS bürftige SebenSmeife unb feinen 
23erfer)r faf). $ch mar nun geneigt, feinen 9Mfimi§mu§ au§ 
fchmeren Sug/nMeiben unb $rübfalen abzuleiten. SIber als ich 
ihn einft barüber befragte, ob er etma in jungen fahren oiel ge= 
litten habe unb barauS fein 9ßefftmi§mu§ ju erflären fei, ermiberte 
er : „(Sar nicht, fonbern ich mar al» 3ünalhta immer fet)r melan* 
cholifch unb einmal, ich mochte ungefähr 18 ^afjre alt fein, bachte 
ich, noch fo jung, bei mir: $>tefe SSelt Toll ein ®ott ge = 
macht haben, nein, eher ein Xeufel. £$ch habe freilich 
fcr)on oiel in ber Srjiehung burch bie £>ärte meines SBaterS su 
letben gehabt." Späher ging er bamalS auf ben eigentlichen Urs 
fprung feines 3$effimi$mud nicht ein." 

grauenftäbt bringt nun eine oiele (Seiten lange 9lbr)anblung, 
um ben Urfprung be3 $efftmtemu8 bei <Scr)openbauet au§ alten 
unb neuen $r)ttofopr)en unb au§ bem Vergleich mit biefen r)^ 5 
aufteilen. 

SDajg e3 bei (Schopenhauer unb feinen Slpofteln «JSara* 
borieen in einemfort regnet, ift felbftoerftänblich. Qu Berlin 
treibt (Schopenhauer 1813 unter 9tnberem: 



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156 griff otogtc unb ^fiffotogie 

©. 314: 

„$>a§ oralifd^e im & a n b e 1 n au§ ber Vernunft herleiten 
ift SBIaSphemie. *) 3m Ufloralifdjen [priest ftdj ba$ beffere 
SÖenmfetfetn au§, ba§ hoch über alle Vernunft liegt, ftd) im 
ftanbeln al§ ßeiligfett äußert unb bie roaljre SBelterlöfung 
ift.*) $)a§fetoe äußert ftcb *um $roft für bie 3eitlidjfeit in ber 
$unft al§ ®enie. 3 ) 91ud) ber trübfte (Sprachgebrauch rechtfertigt 
ba§ ÖJefagte. 2Ber ttnrb ben ^Bbilifter unvernünftig fcf>elten ober 
leugnen, ba& er bödjft bernünftig feine (Sache angreife? 2Ber 
mtro bagegen fagen, e3 fei fjöcbft üernünftig getreten oon ^efu§ 
(£&riftu§, bafe er fiefe freudigen liefe, Don $boma3 3Roru§, bafe er 
lieber [ein föaupt bem genfer, al§ bem $önig miber feine lieber* 
äeugung bie )öeiftimmung gab, Don $lrnolb SSinfelrieb. ba§ er bie 
(Speere in feinen £eib trieb?" 

©3 ift nicht 311 überfeinen, ba§ (Schopenhauer hier bie 23er= 

nunft pr gang gemöhnlicben (Schlauheit be3 (£got§mu£ 

b egr ab irt, beten höchftes Streben ift: unter jeber SBebingung, 

ohne irgenb einen 3fmpul§ ber Sttoral ober eine 51nforberung 

»on ®enriffen unb (Sfjre 3n achten, ba3 geben burchäubrtngen. 

73. #Uts stlt iijm als Ubütftem, ntas niüjt »an unb aus ijjm tfi. 
U« öan?« Wtltgf Mufti« tjt JlljUi^rci, £Ues ift lädrreitnj! £eine 
ftjjtlafaplju ift «tu ^tfbiinaj50«riajt für £ba*brattöjte, 01a fir te 
unb Ijerunteraekammene. Utte Sofenhram über ^tujapenljaner 

»rt&füt. 

Berlin 1813 (@. 315): 

„$)a§ Srauerfpiel ift ber roabre ®egenfafc aller ^bilifterei : 
e§ ift ber 91u§fprud) ber Unaulänglichfeit aller praftifeben Vernunft 



») 2)a§ Sort Blasphemie, fytx gebraust, ift boct) roteber ein 
frech vorgebrachter Unfinn! ©ott gibt e§ nach Schopenhauer 
feinen, alfo ©ott fann nicht bcleibigt werben. ber Vernunft barf 
man ba§ SJcoraltfcbe nicht ableiten, fagt Schopenhauer fetber; atfo auch 
gegenüber ber Vernunft gibt e3 feine Blasphemie, roeil man bie Vernunft 
. auch nicht nach ©ebopenhauer an ©otteS ©teile fejjen fann, fomit bleibt 
nur noch eine Blasphemie, an (Schopenhauer unb feinem ©tjfiem geübt! 

*) Sie ftch auch Schopenhauer burdj feinen heiligen SSanbel im thurm= 
hoch über alle Vernunft binauSragenben befferen Benmfetfein als »ahrer 
SBelterlöfer manifefttrt hat. 2öir fehen, toie biefer Sßeltroetfe in feinem 
mafclofen ftochmuth (oon ihm beffereS Betoufetfetu genannt) immer über 
ben perfonlichen ©ott unb über ben ©elterlöfer <£brtftu3 mit fouoeräner 
Verachtung ftch anspricht 

8 ) ©elbftoerfla'nblich nimmt, fo oft oom ©entc bie föebe ift, ©ct/open* 
hauer bann für ftch ben Sötoenantheil in «nfprud). 



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be§ ©ettweifen ©cfjopenfjcmer. 157 

im angegebenen Sinne. $5er Sauft fpridjt sualeicfj bie Unsuläng* 
lidjfeit aller tfjeorettfdjen Vernunft au§ uno ift baber emsig. 
s #biltfter lieben baber nidjt ba§ $rauerfpiet , fiaben bie poetitaje 
®eredjtia ; feit erfunben, bamit bie Sugenb bod& menigften§ aulefct 
etroaä nü&e." 

„Mjer finb audj alle Xbeobiceeen, ^to63 oernünftelnbe 
ftreunbe, ®ant§ ^oftulate eine§ belobnenbeu ®otte§ unb einer 
belohnt roerbenben unterblieben Seele s #biliftereien." 

m& ^fjiltfterei! $ie Sefjre, welche bte Söeltgefdjiajte 
gibt, bte gan$e 2öcltgcfcr)tct)te — SllleS, ma3 große genfer unb 
$)t4ter gefcfyaffen fjaben, jeber £ampf, jebe (Sntfagung, jebeS 
Reiben, ber erbulbete £ob im Q3efcnnen be3 perfönlidjen ®otte£ 
unb be§ £ogo3, ben er in bte Seit gefanbt fyat, um fie gu er* 
lofen, am (£nbe audj nod) $ant mitfammt feinem oI)nebie§ 
feljr fdjmädjlidjen unb abgeblaßten ^oftulate ber Vernunft — 
2llle3 ^ilifterei ! ©djopen^auer f>at 2Hle3 überragt, Sllleä 
übertreffen, 9llle3 burdjfdjaut, geoffenbart; er fjat bte Söelt 
erlöft, tljr ben magren £roft gebraut! 

Slber audj feinem Slpoftel grauenftäbt mtrb e3 bisweilen 
bodj $u ftarf, unb er ftnbet eine SldjilleSferfe in ber Sa^open* 
fjauerfcfyen ^Ijtlofopljie. S5o ©. 316: 

„S cb o p e nb a u e r bat üoflf ommen SRed&t, roenn er baä Streben, 
bie Qhoigfeit bureb bie 3eit auSjumeffen, bem öergebtieben 58er* 
tude ber Ouabratur be§ 8irfel§ oergleicbt. — 3lber folgt benn 
barauS, roaä Scbopenbauer baraue folgert, bafc mir, um ba§ 
(Eroige au erreieben, ba3 3ettlidje flanj üerlaffen müffen, bafc e§ 
feine SBrücfe jroifcben beiben gibt, fonbern mir nur bie SBabl 
baben, entmeber brüben ober büoen $u fteben? £$n biefer Solgerung 
finbe icb bie SldjilleSferfe ber Scbopenbauer feben WloTopbie. 
Statt ftet) bamit au begnügen, au fagen: $5a3 auSfcbltefclicbe 
(Streben nad) bem Snblidben, ßmpirifeben, Sßergängticben fübre im 
ibeoretifeben üon ber SSabrbett, im $raftifd)en oon ber $ugenb 
ab, bat Scbopenbauer gefagt: $5a§ (Snblicbe, (Smpirifcbe, Seit 5 
liebe ift überbaupt aufzugeben, e$ ift bemfelben gänalicb au tnU 
fagen, unb obne biefe (Snttatmng ift burdjauS an fein föeil au 
benfen. Unb biefe§ bat er niebt blo§ in ber erften Auflage ber 
„SSelt alg SBitte jc." gefolgert, fonbern in Aitern." 

Stoß felbft bie Hegelianer bem (Schopenhauer fein 
außerorbentlid) b^djmütfjtges Sr^eben über bie gan§e bisher auf= 
getaufte pljilofopfyifdje SÖelt aller ©a^ulen nia^t mit (Sdjtoeigen 
Eingenommen, gefte^t, obmo^l nia}t mit Jreuben ober mit Qu* 
ftimmung, Jrauenftäbt. 



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158 Äniffotogie unb ^fiffotogic 

£)er Hegelianer Ütofenfrang 1 ) fagt : 

„(Schopenhauer mürbe feine 3eitgenoffen nicht in bem 
(Srabe gefeffelt haben, tnenn er nicht ben ttftuth befeffen, ben §ohn 
gegen ba§ 2)afein offen aussprechen, roenn er nicht ber traurig* 
reit be§ 23ubbbai3mu3 bie Sronie be§ SSeltfehmerscS hinzugefügt 
hätte. 9Jcit biefem pifanten $one, welchen bie SSelt lächerlich 
finbet, ift er jum Siebling aller blafirten, roeltmüben $)eutfd)en 
geworben; benn bie SSclt gilt ihm al3 bafeienbe Unwahrheit, al£ 
conftituirtc Anarchie. 3)ie au§ tiefer Ueber*eugung (?) entsprungene 
Sraft, mit welcher (Schopenhauer allem 'Safein ben glud) ber 
Örbärmlichfeit entgegenfchleubert, ift ber 9teii, ber fo oiele ge* 
brochenen Oetfter unferer ©poche au ihn feffelt. ^iefe, nom (E'fel 
an ben SBiberfprüchen be§ erfahtung^niöfeigen 3)afein§ Erfüllten, 
Don ben bieten be§ (Schief falä s 2lbgemübeten, üon ihren f alfchen 
Hoffnungen Betrogenen, burch ihre ßetbenfehaf ten ju Pbt) s 
ftfehem unb moralifchem Banfrott &e rabgebrachten 
finben eine unenbliche Beruhigung barin, ba§ atbeifttfehe SBeltatt 
unter ber Autorität etne§ grofeen ^hiiofophen für 
eine tolle Srafce erflären *u bürfen, in Welcher 9cicf)t£ 
atö ba§ 9ctd)t$ Stecht behalte. Srfpart ihnen biefe ©inficht boch 
auch bie Üieue über begangene £bort)eiten unb bie 
Sapf erfeit ber Arbeit. (Schopenhauer fdjmeichelt bem natür* 
liehen SRenfchcn; bie 'Efliebtftrenge $ant§ erfcheint ihm al§ eine 
pebantifche, meltunerfabrene Befchrörtftbeit." 

gerner 2 ): 

„(Sie (bie ^hifotopbie (Schopenhauers) ift *war feine eigent= 
liehe ^hilofophie im (Sinne einer föftematifchen Söiffenfchaft, aber 
fie ift eine philofophifche (Sonfeffton oon ungeheurer Sntenfität in 
einer fjöcbft geiftreichen Sorrn. <Sie fprach ben Ueberbrufc an aller 
©chulphilofophie mit einem fo roifeigen unb heftigen (Sarfa§mu£, 
oft fogar m it io-brutaler 9iohbeit au3, 8 ) bafc ba3 ^ublifum 
ftet) höchlich ergöfcte, bie $rofefforenmei§beit einmal fo gebemüthigt 
3u fehen. (Sie serrte alle pbilofophifchen Berühmtheiten 5)eutfctjs 
lanb§ in ben föotb, bemitleibete $ant über feine fpiefebürgerliche 
SDcoral, feine ßüge geftatten ju motten, unb fchilberte ben (£fel au 
ber ©rjftena, bie dual ber ÖebcnSfattbeit, bie ©ehnfucht ber bla* 
firten Benmetflung nach bem Vichts mit fo feffelnber Berebfam* 
feit, bafe fte für bie Slriftofratie ber geiftreichen ®eniefelinge ein 



») Sötffenfchaft ber logi|cf>cn $bce. II., 327. 
*) (Spilegomena — aU SRepttf gegen 2ftid>clet unb ?afatle. Äöma3= 
berg 1862. 

3 ) brutale fltorjett, ja ! heftiger @arfa§mu$, ja ! aber ber Su> if* 
mit Brutalität unb £efttgfeit gerafce»eg§ unvereinbar. 3um SBife genügt 
nicht ber SBtlle, einen fötalen machen ju »ollen, unb wenn biefer ffiille 
auch noch fo heftig unb brutal wäre. 3" m 2Bhj gefrört eine überlegene 
9iuhe, nicht eine unterliegenbe &eftigfeit unb Brutalität. 



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. beg Sßettmeifeu (Schopenhauer. 159 

n5ahre£ SBrePter mürbe, aumal fte bie £$rauenlie6e mit pifantem 
(£tint§mu§ ju bebanbeln unb bie (Sonfecmensen be§ (3elbftmorb§, 
bie au§ bem 2lbfcheu am ©lenbe be3 Sebent fich ergeben, fopbiftüch 
mieber au§sureben ttm&te. SBar nun a6er auch bie (Schopen* 
bauerfdje ©pefulation eine franfhafte, fo mar fte boch ©pefulation 
unb entfpracb einer roeitoerbreiteten 3eitftimmung ber (Srnüch* 
terung, (£nttäufchung unb be$ innerften SBiberfpruchS mit ben 
laufenben 3uftänben. (Sie Perabioluttrte ben WftmiämuS." 

(Selbftoerftänblich macht JJrauenftäbt im $ntereffe feinet 
•äflcifterS oerfdnebene (Sinmürfe gegen biefe $ritif beS SKofeit' 
fran3. Sftofenfrans, meint er, fei als ^rofeffor unb §ege* 
I i an er oiel §u befangen, um ©a^openbauer richtig mürbigen gu 
rönnen, unb nach ^enen, bie ben (Schopenhauer unb feine* Söerfe 
grünblich rennen, mußte föofenfrana Unrecht tjaben. 

Sfact) bie Sötafirtfjeit unb tfebenSfattheit, bie bem ©djopett* 
J)auer oorgemorfen nrirb, fudjt Jrauenftäbt feinen ßefern au^ 
jureben. 

74. Jrrattünjläöt uerilyetbigt Itajtfpenjjaufr gegen Hafenknm? «nb 
tnubtttrt htm erfleren grüße unb eMe föeifitgkeit. Uergletöjt 
^rijopf uljaucrs üJlaTtrtljett mit ber PJeltüeradjtttng heiliger Beelen. 
Per exorbitante Jjlöbfinn bie fer ß t Ijoupiun g l'eljr letrijt nachweisbar 
nnb feljr II in- Ii bnrdj irijntrurijeu nadjgettriefen. Pte Perlagenjjeii 
bes UM tut ei feit unb reiner Hpajiet. UHe ftrlj Urijapntljaucr burrij 
alle mögluijen brillant ationen ut keiner eblen «£eele 

hinauf fdjnriubeln läßt, 

- grauenftäbt beflamirt nrie folgt (©. 325): 

r,Sd} tuttt euch iagen, meiere Sßeroanbtnife e§ eigentlich mit 
(Schopenhauers 531aftrtbeit unb Sebeneifattbeit bat. (53 ift bie 
Sölaürtfjeit, an ber, fo lange als bie Seit fteht, alle grofeen, hoben 
unb eblen (SJeiftcr, alle (BenieS, alle mit einem übermiegenben 
^nteßeft auSgeftatteten unb in il)rem Dichten unb brachten meit 
über ba§ (Semeine erhabenen Naturen gelitten haben, e3 ift bie 
331nfirtf)eit jener eblen Seelen, bie oon jeher am StotfAen fein 
Genügen gefunben, bie in bie platonifche Öbeenmelt geblicft unb 
barum Pon ber gemeinen Realität, an welcher bie SBhiltfter fo fcljr 
ihr Rehagen haben, fich abgeftofeen gefühlt unb fich nach einem 
beffern Däfern gefehnt haben." 

»<Sebv mahr fchreibt (Schopenhauer in feinem SDcanuicriptcii; 
buch (Pandecta 1832) : „£ie gemöhnlichen unb gemeinen äftenfehen, 
Pon benen bie ©rbe mimmelt, feben meiftenS fetjr behaglich uub 
Pergnüglich au§, mährenb auf ben hohen (Stirnen ber SßeoorÄugtcn 



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1G0 



£niffotogte imb ^ßftffologie 



häufig ber Unmuts thront. @S ift, als 06 ^cnc füllten, ba§ 
GxbenlooS fei eben iljren SBerbienften angemeften — 2)iefe (nn* 
gegen» fie feien tüo&I eineS befferen roertf)." 

„Mm"*, bteSdjopenbauerfcjje 93laftrtbeit ftammt au§ einer 
imb berfelben Ouette mit oer SBlafirtbeit aller großen Genfer unb 
2)tdjter, bie bon jefcer ftcl) üon ber fitesten unb gemeinen 2öirf= 
lirfjfeit abgemenbet, fie ftammt au§ berfelben Duette aud) mit ber 
s -ÖIafirtbeit Jener frommen, djriftlicfcen ©eelen, bie ftd^ nacfc einem 
beffern 2)afein febnen." 

2öaS für eine exorbitante 5lufgeblafenfjeit, tt>aS für ein meljr 
ber Sädjerltdjfeit als ber Sßeradjtung nmrbiger §od)mutlj buftet 
aus biefen fteikn beS SBeltroeifen unb feinet SßertljeibigerS. 

$)er SD^tffionär, ber r)cibnifct)en Golfern bei fidjtltdjer (Gefahr 
feines SebenS, bei offen baliegenben Reiben unb ßümmerniffen 
baS (Soangeltum prebigt; bie barmherzige ©djroefter, meldje i^re 
Qugenbblütfje aus Siebe gu (Gott (ber beut ©djopenljauer nur 
ein ^ßfjantom für bumme, ungebilbete Seute, für ben gemeinen 
"ipiebS ber bipedes gilt) ben armen, oerlaffenen, in (Slenb unb 
9lotfj, in Jammer unb ©a^mergen baliegenben 9ttenfd)en opfert, 
bie fott mit ifjrer reinen, unbefletften, gottliebenben ©eele bem 
(Gottesleugner, bie bulbenbe Pflegerin im SeibenljauS fott 
bem genußfüd)tigen 5Öüftling im JreubenfjauS gleidj* 
gefteüt njerben ; beibe fotten aus berfelben Ouette ber 33tafirtr)ctt 
tt)rc ©elroeradjtung erlangt fjaben; berjenige, ber in feiner 
gottlofen Jredjfjeit fict) feiner ©ünbe unb ©djanbe rüfjmt, ber 
fott mit ber opfermutfngen, reinen, unbeflerf ten <Seele nidjt nur 
auf biefelbe ©rufe geftettt, foribern burdj feine Ijofje (Stinte 
(fredje, fjofje ©rirne unb niebere (Gefinnung), auf welker ber 
Unmutfj thront, nod) „$u ben SBeoorgugten geregnet werben", 
bie eines befferen SoofeS roürbig toären! $)ie Sßlafirtljeit 
beS 2BüftltngS, ber ben 93edjer erft bann nrie ein betrunfener 
gedjer toegnrirft, nadjbem er iljn bis auf bie Steige, bis auf 
ben legten Kröpfen auSgefdjlürft fjat, — btefe 33Iaftrtr)cit 
fott mit bem SÄartr/rium ber Jungfrau, bie freiwillig in 
Siebe $u ©Ott unb gur Ieibenben OJcenfd^eit iljr ganzes Seben ben 
ßeibenben geopfert l)at, aus berfelben Ouette fjeroorgegangen fein! 

$)aS ift greoel an ber SBaljrfjeit, ftxml an ber (Gef djidjte, 
greoel an ber üttenfdjfjeit — baS ift 311m SBafjnfinn gefteigerte 
©elbftüberfjebung, ba£ ift eine Qüuftration beS ^falmenoerfeS: 
$)er£fjor fagt in feinem ^ergen: es gibt feinen (Gott. 



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SeUtoeifen (Schopenhauer. 161 

Unb fo fpredjen wir nur aus: @$ ift eine blöbe £üge, 
was Schopenhauer in biefer Dichtung oorgebracht, unb biefe 
tfüge ift burch grauenftäbt noct) präetfirt roorben, menn er „bie 
üBlafirtheit frommer Seelen, bic fid) nach einem befferen %tn* 
feitö fernen", mit ber SölafiTtfjeit Schopenhauers aufammenfteüt, 
welcher in feinem §aß ber ganzen 3BcIt ofme Unterlag gufc 
tritte ausfeilen wollte, nebenbei aber einem unerf ältlichen Dürft 
nach £ob unb Inerfennung eben biefer. SBelt oerfallen mar. 

grauenftäbt fucht feine unb Schopenhauers X^eorieen 
bejugs ber gleichgestellten Sölafirtfjeit ber frommen chriftlidjen 
Beelen mit ber 8lafirthett unfrommer unb undjriftlidjer Seelen 
in etwas abschwächen unb buret) fragenbe (Srflärungen aeeep* 
tabler ju machen (S. 326): 

„3ft, wa£ alle biefe ebeln, benfenben, bichteuben unb relifliöfen 
Seelen oon jeher zu s #efftmiften gemacht bat — wenn fie e£ gleich 
nicht alle in jenem entfehiebenen ©rabe waren wie Schopenhauer ~ 
etwa biefeö, bafe baS Sehen ju menig ©enüffe bietet, bafj e£ nicht 
luftig flenug in felbem hergeht, bafj (£iuem nicht wie im Schla= 
raffenlanb bie Rauben gebraten ins Sttaul fliegen, ionbern man 
ftch placfen mu§, um baS 9iotbwenbige ju erlangen? Ober ift e£ 
etma biefeS, ba| (£tnem im Sehen jebeS $lmüfement öergällt wirb 
unb bafe, wenn man ju Diel be£ ©uten aentefjt, man gar hinterher 
burch Seiben unb ^ranfheit büfeen muff? Sinb e£ überhaupt bie 
Schrecfen unb ftemmniffe, bie ba§ fleikhltche Sehen finbet, finb e£ 
bie Seiben unb Schmerlen, roelche ber finnliche Söcenfch erfährt, 
bie jene benfenben, bid&tenben unb frommen Seelen au ihren 
Philofophifchen, poetifchen unb religiöfen klagen über baS 9JJenfchen= 
loo£ gebracht haben?" 

,.£) nein, ber fleifchlidje 9Jcenfch ift trofc allen Ungemachs 
trofe aller Seiben unb Schmenen, welche ben Seih treffen, opti* 
mtftifdj geftnnt. er finbet mit SDcarquiS $ofa baS Sehen boch fchön 
unb brüeft e§ immer oon Beuern freubig an bie ©ruft. $inaecjen 
finb ebele Seelen, hohe ibeale Naturen, menn eS ihnen persönlich, 
b. h- leiblich noch fo cjut im Sehen geht unb Schopenhauer litt 
ja auch leiblich feinen Langel — bennod) in moralifcher Jöinftcht 
s #eff imiften, benn fie tragen ein 3beal im $opfe unb im Wersen, 
gegen welches bie gemeine SBirflichfett }u ferjr abfticht, als bafc 
fie an biefer ihr (genügen haben füllten. Sie fehnen ftch nach 
Safjrhaftigfeit unb (^erechtiafeit, unb finben in ber SBelt Süge 
unb Ungerechtigfeit an ber JageSorbnung. Sie fehnen ftch nach 
greunbfehaf t unb Siebe, unb finben allerorten gcinbfdhaft unb föafe. 
Sie möchten gern überaß Schönheit unb Harmonie oerwirflicht 
fehen, unb flößen überaß auf Öerjerrung uno Disharmonie. £)ieS 
fchmerat ihre ebele Seele, bteö öermunbet ihr ^nnerfteS unb macht 
fie au 9ß e ff i mitten." 

SBrnnnct, ftniffolofltc mtb «Pflffoloflic. n 



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162 



Ämffologte unb ^ftffologic 



$)iefe $)eflamationen Reifen am (£nbe bodj nichts. (Schopen* 
t)auer lägt ftdj 311 feiner eblen (Seele fjtnauffdjnjtnbeln, bie au§ 
(Schmerz über £üge im ^nnerften oerwunbet unb beShalb jutn 
^effimi^mu^ getrieben worben ift. (Schopenhauer ift faftifdj 
ein bodjmüthiger, haßerfüllter, ungenießbarer 3)?enfa^ gewefen, 
ber febon in feiner $ugenb mit feiner üftutter in ein fo offenbar 
burdj feinen £>ochmuth oerfdmlbeteS 3 crnmr f m ß geratben ift, 
baß feine üJhitter ganz mit 9tecbt ihm feinen öodjmutfj, feine 
©efjäffigfeit, feine unlribliaje 3J2enfa)ent?eraa)tung tn einem Briefe 
getreulich, wie in einem (Spiegel, oorgefjalten ^at. $n feinem 
gottlofen (Snfteme fonnte er ben begriff ber (Sünbe nicht 
gebrauten, für ihn gab es feine (Sünbe, mir ba£ weltliche 
®efefc fürchtete er; es hielt ir)n ab oon feinen 9lu3fcbreitungen, 
er lobte unb brauste e$ aber aud) zum (Sdm^e feiner wertben 
'ßerfönlidbfeit. 2luf bie milttärifa)e Drbnung, auf ba* lieber- 
brüefen ber SBolfSgelüfte mit bem Bajonette pflegte er fefjr oiel 
Zu galten. Das SWüitär follte immer in bereit) djaft fein, 
um baS wi Ibe Xtjier im SWenfa^en, was eben feine gottlofc 
^ilofop^ie ootlfommen aus bem $äfig befreien mußte, tn bie fem 
Ääftg feft zuhalten, ober, wenn es zeitweilig entfprungen 
war, wieber hineinzutreiben. Die fittliche Seltorbnung ift 
burdb eine gottlofe ^tlof opftie tro% aKem ^ßr)rafenfd^n?ulft 
unb aller Äunftrabomontaben oollfommen jerftört, unb wemt 
bte Slpoftel (Schopenhauers oon einem £rOfte fafeln, ber in ber 
(Sdjopenhauerfchen ©eltweisheit enthalten fein foll, fo ift es 
immer eine ^o^le ^f)rafe. ^Die Herren &poftel (Schopenhauers 
finb beSbalb auch auf ben eblen Dr. Böhmer (ber ben «Schopen^ 
hauer in ber 9tähe, zu granffurt, fennen gelernt) fel)r erbittert, 
weil biefer einmal in einer ®efellfchaft oon ßünftlern fidj ge= 
äußert: „?eute wie biefer (Schopenhauer follte man ein- 
fperren, um fie unfehäblich 311 machen." 

75. pttfber|joUtr iterfudr eines &tmt'\U9 f &d)cpen\)antv Jei kein 
gemeiner Oürgotji genieren. #rge iöiberfnrürije bringe UtelnR 1 
ntorbes. $öjnnenljatters angebliche Begeiferung fitr Me ij eiligen. 

Slm @nbe fühlt fich bodt) Jrauenftäbt felber mit allen feinen 
33elobungSbeereten für (Schopenhauer hier etwas unheimlich auf 
ein formales £erratn jurüefgebrängt, unb er ergreift bie Defenfioe, 



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be$ födtoeifen (Schopenhauer. 163 



um ben (Schopenhauer, wenn er fd^oit $effitnift mar, boeb, üon 
(Gemeinheit unb (Egoismus lo^ufprecben. 

<S. 328: 

„@in gemeiner, unftttlidjer ^eifimift, b. b- ein au§ egoiftifchen 
(iJrünben lebenäfatter, mürbe leinen einzigen $roft im (Selbftmorb 
finben. 9?ach biefem ;£roft hoben auch mirflich üon ieher alle 
unfitt lieben ^efftmiften, bie e§ im Öeben nicht mehr aulhielten, 
gegriffen. 1 ) Schopenhauer hingegen, ber blaftrte „^eifimift", 
roie ihn SRoienfranj ju nennen beliebt , üermirft ben <Selbftmorb 
auf'§ (Jntfcbiebenfte, auö tief fittlichen (Örünben, bie freilich feinen 
Söerläumbern unbeguem finb, tueSbalb fie fte, mie SRolenfranj, 
iophiftifch 3U nennen belieben. 3)er ©elbftmörber gleicht nach 
Schopenhauer „einem ®ranfen, ber eine fdjmersbafte Operation, 
bie ihn üon Orunb au£ heilen fönnte, nachbem fie angefangen, 
nicht ooUenben läfet, fonbern lieber bie ftranfhett beibehält. 35öS 
Seiben naht fich unb eröffnet al§ iolcbeS bie Sftöglichfeit jur Ver- 
neinung bes SSilicnS, aber er meift e§ üon fich, inbem er bie 
(Srfcheinung be£ 2öitten§, ben Seib, serftört, bamit ber 2BiHe im* 
gebrochen bleibe." 

$Bir fragen jeben i'efer unb erfuchen ihn um eine ehrliche, 
aufrichtige Stntmort: (Gibt e$ einen Ottenfchen, ber ®ott, Un* 
fterblicbfeit, Bericht oerläugnet, ber alfo burd) religiöfe s Jftorioe 
oom geplanten (Selbftmorb nicht fid) aufhalten lägt, ber aber 
bann auf obiges (Gemäfche oon Verneinung unb (£rfcheinung be* 
Sillens bie ^iftole weglegt unb f agt : „Der Schopenhauer 
hat mit feinen acht ßeilen bem (Schnapphahn meiner «piftole 
ben Siegel oorgefeboben ; biefem großen Seltmeifen 3U tfiebe 
bleibe ich am £eben" ? 

Ober mirb ber Anhänger ber Sch open bau er fchen 
atheiftifchen ^hitefophie nicht taufenb ü)tol eher fagen: „SÖenn 
e3 ohnehin nach biefem leiblichen ßeöai für immer au$ ift, mie 
e$ in ben acht Söänben Schopenhauers ^u lefen, fo mirb er 
mich burd) biefen Wiegel oon ad)t feilen ficher nicht hier 



i) SaS ift ba* roieber für eine ttäglichc tfogit! X0c unfit Hieben 
^cfftniiften, bie e* im S?ebeu nicht mehr aufhielten, fyahtn naa> 
bem (Selbfnnorb gegriffen, b. b- alle ^effimiften, bie fich umgebracht haben, 
haben e§ im Pebcn niebt mehr aufgehalten. 9cun halt aber bie äRcbrjabl 
(man fann faaen 100 $u 1) oon $efftmifren e3 boeb im £eben auf, aber 
nia)t au§ fittfichen ®rimben, fonbern weil fie noch ju leben haben unb 
toeil fie aua> oft ju feige finb, bem £ebcn $u entfagen. 2>er eigentliche 
Pef firniß fenntja feine religiöfen ©rünbc (ober will fie toenigftenf nicht 
fennen), bie ihm ben Selbftmorb oerbieten. 



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164 Ämffologie unb ^ftffologte 



fefifjalten fönnen. $)ie ($rünbe Schopenhauers gegen ben 
«Selbftmorb finb ntd&t nur fopfjtfttfd), wie SKofenfrang nod> 
f c^r mtlbe fagt — benn fic finb nod) mcl unfinniger als fo~ 
pfn'ftifch — eS mangelt ifjnen nicht nur baS wefentlidje ®efüge, 
fic Ijaben auch nicht einmal bie Jorm eines ScbluffeS, fo baft 
man fagen fann: biefer Schlug hemmt feinen (Sdju§! 

$)erf elbige ^rauenftäbt, ber uns <S. 328 belehrt, Schopen* 
hau er habe ben Selbftmorb auf's (£ntfd)tebenfte aus tief fitt* 
liefen ®rünben permorfen, ergäbt gang itato aa)t «Seiten nachher 
(«. 336): 

„Schopenhauer mar fein Heuchler, fonbern ber wahr* 
l)afttöfte fö^arafter, ben eS je gegeben hat. ©her hätte er fich 
tobtfchlagen laffen, als bafe er gelogen unb geheuchelt hätte. SBäre 
ich, fagte er cinft 5U mir, arm gewefen, hätte oon ber ^biloiopbie 
leben unb meine Üehre nach ben 93orfchriften ber Üfegieruna ctn= 
rieten füllen, fo hätte ich mir eine ftugel burch ben ®opf 
geiagt." 

Somit wäre ber Selbftmorb nur bei deichen unb 3Bof)l* 
ha ben ben eine unfittliche $fjat; arme Teufel, welche um bes 
(Selbes wiflen etwas lehren feilen, was ihnen unb ihrem Softem 
nicht conoenirt, bie fönnen fidj fchon eine Sölaue pors ignrn 
tnallen. Trofcbem aber Pertheibigt graueuftäbt piele (Seiten 
lang feinen äftetfter wegen feiner (Sonfequeng, wegen fetner 
Harmonie im l'eben unb in bem Softem. 

grauenftäbt berietet ferner über üjn (@. 336): 

„So wie er aber im Allgemeinen fein Heuchler war, io mar 
er eS auch im fünfte berAScefe nicht. £ie $reimng biefer 
unb bie SBeneibung ber ^eiligen, ber SBeltüberwinber um ihren 
^rieben, ihre innere greubigfeit unb Seligfeit ging ihm Pom 
Öerjen. SBie hätte er auch ionft ben innern 8uftanb ber ^»eiligen 
mit folchem Wohlgefallen fchilbern fönnen, wie er eS in feinen 
SSerfen gettjan? Sch erinnere mich noch, mit welchem (Sntftäcfeu 
er Pon bem (Sinbrucf iprach, ben ifjm baS Söilb beS hl- SrangiSfuS 
pon Afftft in ber $>reSbener Batterie gemacht. Serner erinnere 
ich mich, mit welcher ^öegeifterung unb inneren &efriebigung er 
mir einft baS entfagenbe Sieben SßubbbaS fchilberte unb bie Sanft* 
muth ber Pom echten ©eift beS SBubbbaiSmuS $)urd)brungenen bei 
SBeleibiaungen, ^ränfungen, Verlegungen prieS. Auch führte er 
mich etnft in fein SBibuotbef&tmmer Por feine Sammlung Pon 
affetifchen Schriften, Pon SBiograpbieen ber ^eiligen u. f. w. unb 
iprach baPon, bafe eS v£inem, wenn man biefe Sucher lefe, wie 
Schuppen Pon ben Augen falle. Unb biefer Schopenhauer foll, 
wie ihn feine geinbe unb Anfchmäraer gern ausgeben möchten, 



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be$ JÖJdtioeifen @$openf>auer. 



165 



ein ftnnlidjer, fleifcf)lid)er <$enu§menfdj aeroefen fein, roeil er ftc^ 
mit bem SBabefdnonmm gemäßen, TOafctjinenfaffec getrunfen, au§ 
langen pfeifen geraupt, im ermüden £>of an ber Table d'hote 
gegeben unb feinen ©poppen SSein baju getrunfen Ijat?" 

2öte je^t Jrauenftäbt auf einmal ben Umuiffenben fpielt! 
<£r fjat gan$ oergeffen, maS er früher aus bem Sttunbe 
<5a>penf)auer3 für cpntfa^e 53crta>te über ba$ eigene geben 
btefeS Söeltwetfen gebracht fjat, unb oertfjetbigt auf einmal $3abe= 
fa>amm, lange pfeife, 2flafa^iuenfaffee unb Table d'hote. £>ier 
ift nneber einmal reajt fifyltd) auf bie ®ebä^tnij3fa}roäd)e be$ 
tfefers geregnet, ber ntct>t mefjr miffen mttb, \m$ ^open- 
fjauer früfjer, iüd)t oielletdjt in Üteue tute fjeilige 93üßer, fonbern 
mit bem fredjften Stylomb ber (5elbftrea)tferiignng unb mit 
nachhaltiger Jreube a ^ ^robemufter aus feinem 
tfeben oorge^eigt f)at. 

76. Stellt baa Cthm btd h- jFraniiskna mit btm £tben tlubbliuy 
ntlamincu. Die nitfrfiicbenf Perlogmljeit, wenn er uorijtbt, bie 
^eiligen m eljren. Unfälle nan ber Ututb bes flfaffenperitigens. 

Slugerorbentliclj nothgebrungen unb notfjgejnnmgen ift aud) 
bie 3ufautmenftellung oom tfeben beS fj. JranfliSfuS mit bem 
Veben 33ubbfya3. Der 3$ergleid) jeigt auffallenb, bafc bem 
<5d)openf)auer baS widjtigfte üftoment in ber $l3cefe unb 
im Orben be$ l). JranjiSfuS total entgangen ift, ober bafs er, 
wie er e$ bei jeber unliebfam fein ©nftem ftörenben @rf Meinung 
öfter getrau, abfidjtlid) bie Mugen oor bemfelben oerfdjloffen hat. 
& fjanbelte fich bei JranjiSfuS unb bei (^rünbung feinet Drbens 
barum: bie ^Irmutfj unb Ghitfagung im gropartigften 
<5tple 31t gfjren ju bringen, bie notfjgebrungcn Firmen 
burefj eine ganje $ergefellfd)aftuug von SOcenfchen, meiere bie 
Slrmutf) freiwillig um ßfjrifti willen auf fid) genommen, mit 
bem s Jieicf)tf)um. unb bem treiben ber SRetdjen tnfofern 311 oer* 
föfmen, als ber Orben in opfernrilltgfter SBeife bie Sßeraa^tung 
ber trbtfa)en ®üter faftifdj prebigte unb ben armen 2)?enfd)en 
auf bie Ausgleichung im jenfeittgen £eben l)inmie§. Da fteht 
ja boch ber* ganje SöubbhiSmuS mit feiner ftumpfen, ge* 
banfen=, glaubend, Hoffnung** unb lieblofen (Sntfagung 
ganj erbärmlich ba unb tarnt feinen Vergleich mit jenen 



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166 



tfniffoloflie nnb ^fiffrlo^ic 



hohen fielen aushalten, bie bem b- Jranjt^fuö oorgeleudjtet unb 
benen er imb feine begeifterten »Schüler nadjgeftrebt fyaben. 

(£3 finb bem (Schopenhauer auch beim tfefen ber 53iogra* 
pfneen feiiger chrtftlidjer Beeten burdjauS feine (Schuppen 
oon ben lugen gefallen, fonft hätte er ja erfennen müffen, 
ba§ bie chriftliche ©ntfagung, bie chriftliche ($ebulb im Ertragen 
be3 bte^feitigen (5lenbe3 eben nur burd) bie $rta$ göttlicher 
Üugenben: Glaube, Hoffnung unb £tebe, errungen wirb. 

%nd) ift biefe oon Jrauenftäbt verbürgte Verehrung, ja 
Q3enetbung chriftlicher Beeten, bie er oor ben a^cetifchen 
Schriften unb iötograpbieen ber ^eiligen au^fprad), roieber 
ein ganj eflatanter contrabictorifcher 2Öiberfpruc6 mit 
feinem fonftigen fdmapSbubenartigen ®efd)impfe über Pfaffen, 

8- SM): 

„3)a3 (Srunbgebeimnifc unb bie Urlift aller Vßfaffen auf ber 
ganjen (£rbe unb *u allen Reiten, mögen fte bramabmfebe ober 
mubamebantfehe, bubbbaiftiiehe ober chriftliche fein, ift folgenbeS: 
Sie haben bie grofee <3tärfe unb Unoerttlgbarfeit be§ metapböftfehen 
©ebürtniffeä be£ 2ttenfchen richtig erfannt unb roobl aefafet; nun 
aeben fte oor, bie SBefrtebigung be§felben ju befifcen, inbem ba§ 
28ort be3 grofjen SätbfelS ihnen auf aufcerorbentlichem 2Bege 
bireft äuaefommen märe. 2 ) 3)iefe§ nun ben s Jftenfd)en einmal ein* 
aerebet, tonnen fie folche leiten unb beherrschen nach £>eraen3luft. 
Sern ben Regenten gehen baljer bie flügeren eine TOiana mit ihnen 
ein, bie anberen roerben felbft üon ihnen beberrfcht." 

Das ift boch in ber Zfyat noch meniger al3 frankfurter 
^nglifche^^of^Table-d'höte-'ißh^^phie, ba§ ift echte 53ier = 
häufels^hilofophie. $te Stauf enbc oon Beeten, 9)Mr tnrern, 
oon eblen s Jftenfchen, bie ihr £ebeu in (Sntfagung unb Irmuth 
um ($otte3 mitten burchgelebt haben, in Söaufd) unb Söogen 
als eine SÖanbe h*** fdifücbttgcr, eigennütziger SBolf§ = 
betrüger hin^uftellen. 

(£in ähnlicher SluSfpruch beS SBeltmeifen 3 ) : 

„Der £>af$ ber Pfaffen gegen bie SDiaQie aeht au3 einer bunflen 
Ahnung unb 93eforgntB heröor, bafe bte iwagie bie Urfraft an 

>) Parerga, II., 387. 

») 2)aö SBclträtMd tot fetofroerftönblid) nad& ben oftmaligen, 
feljr ftd) felbft anerfennenben Steuerungen nur (5 in er gelöft, nämtid) 
Schopenhauer. 3 U ibm ntüffeu 3Ue fommen, — er bat SBorte beä 
eroigen (ntcfct £eben§, fonbern) £obe£. 

8 ) Parerga, V., 127. aWemorabttten, 467. Parerga, II., 402. 



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be$ ©eltroeifen ©djopenfmuer 



167 



ihre richtige Quelle aurücfüerlege , mährenb bie fircbe ihr eine 
Stelle außerhalb her SRatur angewiefen hatte." 

„$ie Pfaffen unb ihre ©efellen wollen nicht leiben, bafc im 
Stetem ber #oologie ber TOenfc^ 511 ben £fueren gerechnet werbe. 
Xte dlenben, welche ben ewigen ®etft nerfennen, ber in allen 
Sefen lebt, einer unb berielbe, unb in ihrem finbifcrjen SBatjn fich 
an ihm öeriünbigen!" 

£>ier entpuppt fid) Schopenhauer wieber als ein Hegelianer 

oon ber linfften Seite, nachbem er boch ben §egel unb feine 

Schule noch ^er^after bei t>ielen (Gelegenheiten oerfdjimpft hat 

als bie Pfaffen. 23on Gonfequens ift in ber ganzen (Sauferte 

be3 Schopenhauer feine 9iebe; feine 'philofophte ift aud) — 

wie er e3 immer betont, wenn er burdj feine foloffalen Söiber* 

fprüche in eine klemme geräth — nid)t Siffenfchaft, fonbern 

fünft. SlllerbingS eine fünft, fecf $u behaupten, feine @in= 

rebe 311 bulben, jebe grage um ben (Grunb feiner Behauptungen 

mit ^nbignation aurütfsuweifen, aber feljr feft am (Grunbfa^ 

fefouhalten : üfleine ^hilofop^ie ift ber einzig mögliche — oor 

mir war feiner, wie tdi, unb nad) mir wirb feiner fommen, 

wie icb; Stile finb ^fnKfter, bipedes, unb Mk, welche am 

Urquell ber Wahrheit trinfen wollen: „$u mir müffen fie 

fommen." 

Bezugs ber Stberfprücbe im tfebcu unb in ben Schriften 

)\ia)t Jrauenftäbt ben üfteifter fehv oft, freilid) aud) immer fcr>r 

öergeblid), herau^uf echten. So S. 337: 

„&öcbfteu£ fönnte bier (bei Schopenhauer) bod) nur üon 
einem SSiberfprud) ^wifeben äufeerem unb innerem ßeben bie $ebe 
fein, wie e§ all erb in g3 häufig twrfommt, weil ein anbereS 
ber (glaube unb wieber ein anbereö bie SB er fe eine§ SRem'chen 
ftnb; aber nimmermehr uon einem Sötberipruch jmifchen Seben 
unb Sebre, wofern unter bem Seben nicht bie all eräufje rfte 
Schale be3 Sebent oerftanben wirb!" 

Sa3 ift ber (Glaube, wa$ ftnb bie Serfe Schopenhauers 
gewefen? SaS ift bie äußerfte Schale bes Gebens, welche 
allerbingS mit ber tfehre in Söiberfpruch gerathen fannV %ua) 
^rofeffor «^er^og rühmte feinersett ben Ülrid) oon Hutten uon 
wegen feiner inneren Sittlichfeit, welche mit ber aller ^ 
äußerften Schale feinet ßebenö in feinem SBiberfprud) 
geftanben ift, unb meint noch fefjr nachftebtig baju, baß Rubere, 
bei benen bie äußere Schale be$ Sebent femgefunb war, boch 
in ber inneren Sittlich feit bem «glitten nadjgeftanben finb. 



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168 



Äitiffotogtc unb ^flffologtc 



Die &ngft, e$ märe bodj am (Snbe möglich, baß „bie 
Pfaffen" tfjm als ein gnnberniß auf feinem 28ege jum alleinigen 
föubmestempel (in meinem er für emige fetten ate ber malere 
SÖtkiterlöfer oerehrt unb angebetet werben fott) entgegenftefjen 
tonnten, fpriebt er ganj entf Rieben au$. („SBelt als 28iüe unb 
Vorfteßung", 2 $änbe, Veipsig, Brockaus, 1877. im 1. 58b., 
@. 169, im Kapitel über bas metaphpfifche Söebürfniß ber 
3ttenfchen.): 

„Wlan bebenfe, wohin e§ mit ben ttnmaftmgen ber Vriefter- 
idjart ieber Religion fommen mürbe, roenn ber (glaube an ihre 
Öebren fo feft unb blinb märe, mie jene eigentlich roünfchen. SJcan 
felje babei jurücf auf alle Kriege, Unruhen, Rebellionen unb Re ; 
Solutionen in Atropa, Dom 8. bi3 jum 18. Sabrbunbert, mie 
loeniae mirb man finben, bie nicht sunt $em ober jum SSormanb 
irgeno eine ©laubenSftrettigfeit ober metaplmfticbe Probleme gehabt 
hätten, welche ber 9lnlafe mürben, bie Golfer aufetnanbeu su bereit, 
äft boch iene§ ganae ^abrtaufenb ein fortmäbrenbeS Horben, balb 
auf bem ©cblachtfelbe, halb auf bem ©cbaffot, balb auf ben ©äffen, 
in metapbDftfcben Angelegenheiten. 5ch mollte, id) hätte ein 
autbentiicbeS SÖeraeicfmifj aller Verbrechen, bie rotrtlich baS 
(£ hriftenthum oerhinbert unb aller guten £>anblunaen, bie 
e§ mir flieh erzeugt hat, um fte auf bie anbere SÖaajchale 
legen $u fönnen " 

Der SBeltmeife beginnt fo gan^ gleichgültig mit ben „An- 
maßungen ber ^ßriefterfchaft" jeber Religion, aber fdjon einige 
feilen fpäter oerräth er fich entf Rieben, baß feine 3Butl) 
nur immer Kirche unb (Sfjriftentum im Auge hat unb baß 
bieS |>erumreben oon jeber Religion, bieS beftänbige Verall- 
gemeinern boct) nur ein ßntff ift. Auch gehört es ju ben kniffen 
Schopenhauers, baS (Sljriftenthum für bie Uebel (bie tämpfe 
unb Kriege) in ber SBelt oerantmortlid) ^u machen, fo auch oben 
burch feine lächerliche Behauptung oon ber metapf) pfiffen 
$rtegSurfache. (SS ift boct> offenbar unb entfehieben, baß bie 
Kriege aus ©tolj, .^ochmuth, a b f u ct> t f .^errfebfucht, 
aber nicht aus metaphnfifchen ®rünben geführt morben finb. 

77. ttltftiftijoltf (ßauhfltirn ber $pra$e, »m bem UteÜnmOu 
eine hohe C*i t tlidikn t hinauf lubtsputtren . $apljiömfn ttttb Citnen 
ahne 3aljl. ,&r hat uaUanf &&ttft getrieben" unb „bas £re»f 
ber Jljjilofophie getragen." <£ö mirb gebeten, ntriit ?u latfcen. 

Die turtofe Beweisführung für bie hohe ©ittlichfeit <Scbopen= 
hauerS fährt fort: 



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be$ SBeltroetfen «Schopenhauer. 160 

„2)a3 eigentliche, roef entließe, innerliche öeben eines $Nenfchen 
fann gar nicht in Söiberfprudj gerathen mit deiner Sehre, b. b- 
mit berienigen Sehre, bie mir flieh bie [einige ift, bie er nicht bloß 
äußerlich auf Autorität Ijin angenommen, fonbern bie er felbft 
unb au§ fid) felbft probucirt hat. $5enn biefe felbfterjeugte Sehre 
ift immer nur ber abftrafte, begriffliche 2lu3brucf be3 innerlich 
Erlebten." 

„5Bobl aber fann ba3 rein äußerliche Sehen etne3 äftenidjen 
^eitmeife m SSiberfprucb treten mit feiner Sehre. (£§ fann einer 
leiner Sehre nach bie Siebe beiahen, ben &aß öerneinen, in ein- 
zelnen Sötten aber boch HebloS hanbeln unb Kbtoach genug fein 
$u baffen. Cs& fann einer ©ereebtigfeit, 9Witleib, (Sntbaltfamfeit 
al§ £ugenben preifen unb boch au Seiten ungerecht, ohne SRitleib, 
unentfjaltfam hcmbeln. $)ann liegt aber ein Sßiberfpruch nicht 
smifchen Sehen unb Sehre, fonbern amifchen äußerm unb innerm 
Sehen öor, ein SSiberfpruch, roie er in bem S)uaü£mu3 ber menfeh- 
lichen Ücatur begrünbet, unb oon bem roobl noch deiner in feinem 
Sehen, auch ber große (Stafeforo nicht, frei geblieben ift." „(Senau 
genommen liegt aber bei Schopenhauer nicht einmal ein 
xöiberfpruch anwehen äußerm unb innerm Sehen üor, mofern 
man unter bem äußern Sehen nicht einzelne abgeriffene £>anblungen 
oerfteht, fonbern bie SebenSfübrung im ÖJanjen u. f. to" 

©onberbar! „£)a$ eigentliche, roefentliche innere £eben", 

„Da§ rein äußerliche £eben", „(5$ fann (Siner", „$)artn 

liegt aber ein s Biberfprucb", „®enau genommen", „2Öo^ 

fern" u. f. w.l $ft baS boch ein Dreyen, Sinben, Senben, 

(häufeln mit ber (Sprache, nur um ben Seltmetfen reinjumafc^en 

unb am Grnbe jum Slbfchluft $u fommen: 

„3m Dienfte feinet 53er uf3 hat Schopenhauer nicht bloß 
$l§cefe gelehrt, fonbern auch roie feiner (oh! bo! ho!) geübt. 1 ) 
<3)enn aue§, toofür bie Sopbiften bie ^bilofopbie opfern, ©elb, 
Remter, ©bren unb 9Iu$aeicbnungen, Beifall ber 3 e i t = 
gen offen (!!) u. f. tu. hat er ohne 3<nibern unb Siebenten ber 
$hitofophie geopfert." 

Das ift ja eine plan balicgenbe, coloffale Umoaljrtyeit : 

($elb r>at er nidjt gebraucht, er war mofjlfjabenb, Remter f>at 

er nicfyt angeftrebt, benn er brauchte feine 3«t sunt 33aue feinet 

©nftem*! (Sfjren unb 9lu$sctd)nungen ju erftreben, oerfefmtähte 

er allerbingS, aber baß er auf ben Söeifall ber ßeitgenoffeu 

oer$tcf>tet fjat, bas ift geraberoegs gegenüber ben oorliegenbeu 

') Oft roar er außer föanb unb Stonb; 
(Setrieben hat er aUerfiaitb, 
2öa3 wirb aScefe nur genannt 
$on einem, bem ba* #irn oerbrannt. 



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170 Äniffologie unb $fiffologte 

Briefen (Schopenhauers eine ^Behauptung, beren Unver- 
frorenheit offen conftatirt werben fann. ©ein $)urft nach 
ÜRuhm unb Stnertennung oor ben $eitgenoffen tft eigentlich bic 
alle anberen SBünfcbe überroucherube tfeibenfehaft feines Gebens 
geroefen. 

9?adj oielen £obfprüd)en beS SBelrioeifen (felbft bic ®eroiffen- 
baftigfett in Orthographie unb 3>nterpunction wirb ge* 
lobt) fommt Jrauenftäbt ju bem «bfchluß (©. 339): 

„2luf iolche 3)inae müfet ihr achten, wenn ihr barüber urtbeilen 
mottet, ob annfeben Öebre unb Öeben eines ^bilofopben em ggibcr= 
fprud) tft, nicht aber auf ©fien unb Xrtnfen! 2Bie bat er 
feinen ©eruf Getrieben, müfct it)r fraßen, nicht aber, roa§ bat er 
gegeffen unb getrunfen? Schopenhauer hat nicht blofj &$cefe 
gelehrt, fonbem imDienfte feine* Berufs auch öottauf ge trieben." 1 ) 
„3a, mit ©elbftoerleugnuna. unb (Selbftüberroinbung hat Scbopen* 
hau er ba§ Äreuj be3 ^Bbtlofopben getragen." 

9cacr)bem nun graueuftäbt eine fopfjiftifche Ratterte nach ber 

anbern abgefeuert hat» um bie ^eftung be$ gewöhnlichen, hauS* 

baefenen 2Kenf<henoerftanbe$ in ütrümmer ju legen, fucht er fich 

felber gegen allenfallfige Angriffe in feinem ©(htlberhäuSlein $u 

oerfteefen, um feine (Gegner mit bem |)oblgefchof$ be$ „f raffelten 

UnoerftanbeS" oollftänbig fampfunfähtg ju macben. 

78. |0er b« tm finnigen flebanpinngen iFranenJtäbts niajt baar 
Einnimmt, wirb bea „kraJF*ßfn Wmifrftttnbes" beffbnlbigt. 
iFranenßöbt gibt fiöj nnbankbare Jffltitje, ans ber $atn«afl>, 
in bie er fidj verrannt bat, btranaitthoinntea. 

grauenftäbt (©. 340): 

„$>a& er aber bie 9l§cefe nur fo meit getrieben, al§ fein ©eruf 
fie forberte, nicht weiter: bafc er nur all ein einfamer, unbeaefc 
teter unb trofc ber Nichtbeachtung raftloS fortarbeitenber Genfer, 
nicht aber al3 ein feinen üieib mortificirenber SRönch, al§ inbifcher 
Süfeer u. f. m. gelebt hat, barin einen SBiberfpruch jwifeben feinem 
Üeben unb feinen Behren finben $u wollen, märe boch nur 
fraffefter Unoerftanb." 

©ehr fchlau erfunben unb boch fc^r blöbe aufgeführt. 
„Wicht als ein feinen Seib mortificirenber Ottönch, als inbifcher 
23üfjer"! «ber Jrauenftäbt oergigt ober will es oergeffen 

>) ©n (Sebot, roelcbe* fröltftrt wäre: 25u foflf* 3l3cefe treiben, tft 
un§ nodjmd)t oorgefommen ; ein Verbot: aa§ ber SRenfcb nta)t treiben 
foll, baS ijt febon befannter. 



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beS Söettroeifen ©cr/opemjauer. 



171 



machen, baß (Schopenhauer fid) jebeö belüfte feines 
Leibes, roelcheS er mit ®elb erfaufen fonnte, mit einer 
($roßmuth gegönnt fyat, roclcftc unter aßen antia§cetifd)en 
Lebemännern bie oollfte Slnerfennung ftnben wirb, unb noch mehr, 
baß er [ich bie) er £)elbenthaten unter feinen Jreunben gerühmt, 
unb noch am allermeiften, baß er bie brutalfte ^Bef riebt ^ 
gung feiner Lüfte in ber brutalften SBeife al§ eine 
bem philofopbifchen Genfer notfnoenbige (£igenfd)aft 
proclamirt hat. ©ornit ift bie entfdmlbigenbe, fchbnfärbenbc 
*pr)rafc f er habe nicht als ein feinen Leib mortificirenber 3J?önch 
gelebt, total mißlungen, benn barunter follen bie Lefer oerftehen, 
er f)at nicht eigentliche, ben Leib abtöbtenbe SBußübungen oor- 
genommen unb bod) babei ein fittlid)e3 Leben geführt, unb beS- 
halb liegt in ber obigen ^h ra f e SrauenftäbtS cm mißlungener 
@ntfchulbigungöfchn)inbel, ben ^rauenftäbt erft noch recht be* 
ftätigt, inbem er, jebe $)i3fuffion über biefen ©egenftanb beim 
Lefer ab^ufchneiben, biefem Lefer bie benfelben oerblüffenbe $ln* 
fchulbigung oom „fraffeften Unoerftanb" ins ©cfic^t wirft. 

grauenftäbt fucht nun bod) im (Gefühle feiner fchminbelhaften 
Behauptung biefelbe burch eine noch fdjnnnbelhaftere Q3egrünbung 
$u befeftigen. (£r fagt: 

„^enn evften§ hat (Schopenhauer mit ber 3lnpreifung ber 
s 2l$ceie nicht bie beftimmten hiftorifchen formen biefer, roelche fte 
im (Shriftentbum ober im fcinbtömuS genommen, gemeint, ionbern 
nur ben ©inn unb ®eift biefer $l3cefe 1 )." 

„Demgemäß fagt er in ber „SBelt al$ SBttte", 3. Slufl., IL, 
649: „2öeil 9lrmutb, (Entbehrungen unb eigenes Öeiben bielf acher 
s 21rt fchon burch bie ooUfommenfte SlnSübung ( ! ! ) ber moralifd)en 
Sugenben herbeigeführt roerben, roirb oon fielen, unb otetletcht 
mit föecht, bie 5lScefe im aQerengften «Sinne, alfo ba§ Aufgeben 
iebeö (SigentbumS , ba3 abfichtliche 3luf|uchen beS Unangenehmen 
unb Sßiberroärtigcn, bie ©elbftpeinigung, bog härene ©eroanb unb 
bie ®afteiung al8 überflüffig öerroorfen. 3>ie ®erechtigfeit felbft 
ift ba£ härene ©eroanb, melcheS bem Eigener ftete Sefchroerbe 
bereitet, unb bie Sftenfdfcenliebe, bie ba§ Wötbige roeggibt, baS 
immermährenbe gaften." 



0 2Ktt biefem ©inn unb biefem ©eift ber Slöcefe ift e3 bem »öceten 
btefeö ©inneö unb btefeS ©eifteS gemattet, .... £äufer $u befugen, 
unb wenn biefer &3cet sufättig auct; ein Stö ettwetf er ifr, fo finb ir/m 
berlei Söefucfce, teie e£ ®(fjopenr;auer eben fo brafrifd) al£ beutlicrj au£- 
gefpnxtjen bat, foaar aU eine &rt ftunbament jum StuSbau feinet ®tj= 
jiemö — ein («ebot unb eine <Rotf)roenbig!eit geroefen. 



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172 Äntffotogte unb ^ftffologie 

« 



<$S ift eine bie chriftltche SlSeefe entfteüenbe unb oon «Schopen- 
hauer unb feinen Jüngern fc^r oft gebrauste g'intc, bie $lScefe 
bes GbriftentfmmS unb bie bes SöubbhiSmuS in einen £opf zu 
werfen unb alle möglichen ^^rafen anzumenben, jene 9Ätttel, 
melcbe 5tSceten in ftrengen Orben freiwillig gebrauten, um 
ben £etb im ($ehorfam bem ($eift unb bem göttlichen ($ebot 
gegenüber zu erhalten, als allgemeine $$orf Triften für 
jeben (Shriften auszugeben. 

£)ie §erren arbeiten gegen bie dmftlidje SlScefe mit einer 
perennirenben (Sntftetlung , bie {ebenfalls oerfdjulbet ift, benn 
haben fie ben ®eift unb bas Sefen biefer SlScefe nicht gefannt, 
fo märe es für biefelben boef) leicht gemefen, fich mit benfelben 
befannt zu machen. Slber baS taugt eben nicht in ihr <Snftem 
unb barum mirb es üermieben. 

Jrauenftäbt fährt fort: 

„3metten§ Ijat Schopenhauer bie ^Uöcefe überhaupt nicht 
in gorm eines fateaortfehen ^mperatioS ö or ge f ehr i eben, hat 
nicht geiagt: 35u follft bem i*eben entfagen, ba er red)t gut roufcte, 
bafe baS Nolle (liefet- SBoÜen) eben fo wenig gelernt roirb, mie 
ba$ Velle (baS Sßollen), fonbern bat nur baS SSefen ber 5lScefe 
unb bie Cueöen, aus benen fte entfpringt, beschrieben, mie ber 
s ileftbetifer ba§ Söefen ber ®unft unb bie Cluette, auS ber fte ent* 
fpringt, baS ®ente betreibt, ©chon in feinen (£rftltngS= 
manufertpten *u Bresben 1816 meift er eS ab, bie 5lScefe als 
Pflicht, als sBeft immun g beS SRenfchen zu lehren, inbem er 
treibt : „äftan mirb fragen, ift benn bie ©clbft Peinigung, ber 
&ungertob bie $ fliegt, bie böchfte 93eftimmung beS äRenfchen 
unb ber einzige redjte 2Beg? 5lber ioldje ^rage ift tböricht. 1 ) 
©8 gibt fein abfoluteS Soll für ben Eitlen, atteS ©oll ift 
roefentlidj relatiö, eS gibt ba her feine $8eftimmung beS SDienfdjen, 
benn alle SBeftimmung fann nur bem jufommen, roaS feinen 3*oecf 
unb feinen Urfprung aufeer ftch hat." 

$)aS ift ber emige treislauf bei (Schopenhauer: erft be* 
hauptet er: es gibt feinen perfönlichen ®ott, baS bleut er bem 
tfefer fo oft ein, bis biefer, menn er bie oerfdmlbete Anlage 
Zum Atheismus in ftch trägt, bieS ©runbbogma glaubt; 



') »Uerbmg3 ift btefe ^rage tf?Örid)t, ba3 brauebt ui$t erft ®cbopen = 
tjauer 3U entbcefen. 2Bo tft benn aber in ber djriftltdjen StScefe bie 
@elbftpeiniguncj unb ber £ungertob als ^Jfltd)t unb Sefrinunung 
anbefobten? — <5mb btefe £af djenfptelereien mit bem £batbejtonb 
ber a)riftlia?en £ebrc, um bicfelbe läcfcrticb $u maa?en, meHeia?t aueb ein 
*ft ber ©ered&tigteit? 



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beS sffieltmeifcn ©^openfauer. 173 

jefct behauptet er fdjon, auf bte crftc Behauptung fid) ftüfcenb, 
ber üflenfdj ^abc 93efttmmung, 3^ uno Urfprung nicht 
außer fid); unb auf bicfe aroette Behauptung arbeitet er roieber 
füfm fort, roie folgt: 

„2Ba8 ^eber roiü, baS tft er, unb roaS biefeS, baS er ift unb 
roifl, fei, ba§ jeigt ibm ber <5pieael bcS SBillenS, ben mir Öeben 
ober SBelt nennen : er seiat ihm, ro a § er roill unb roie febr er e§ 
roitt. SBenbet fid) ber Sßitte, fo tft er in biefem Spiegel md)t 
mehr ju feljen; roir fraaen ocraeblid), roobin er ftdj jefet roenbet, 
roir freien tbörid)t, ba§ er in 9citf)t3 uerloren gebe. $)er, beffen 
Söitle fid) aufbebt unb roenbet, fann und aud. feiner eigenen $e* 
flerion feine jRecbenicbaft geben: benn, roa§ ba lebt, ift unb 
benft. ift eben noch ber Sßiue jum Öeben felbft : unb baS, roaS in 
ber Slufbebung btcfcö SBittenS beftebt, fann jenem auf feine 3Beife 
aegeben roerben, mufe ihm ein *Kid)tS fein; nur ber, roeldjer e£ 
erßriffen, roeldjer feinen Söitten aufgehoben, erfennt e§; aber aud) 
nur infofern er eS ift, in biefem 3lft felbft, nict)t aufcer bem, nod> 
für Rubere." 

Der nid)t pr)il of opt)tf et) gebilbete V ef er, ber ben 
Sport oon SÖMlle unb SBorftellung als Dilettant betreibt, legt 
nad» Durdjlefung obiger ©teile baS Blieb eine Zeitlang au f 
ben üfd) unb benft fid) fdnichtern: „Mix tt)ut es leib, baß ich 
baS (^an^e nid)t oerftehe ; es ift mir eben $u gelehrt, (ebenfalls 
muß es einen für mid) unergrünbltdj tiefen Sinn haben." 
2ÖaS fid) aber ein pfnlofopfnfdj ftubirter ^?efer benft, ber nidjt 
felber ein blinber Sdjopenhauerianer ift, baS roirb biefer 
tfefer fdjon felber roiffen, bem brausen rotr es nia^t oorjU'- 
f abreiben; ftdjer aber roirb er nicht fo ergeben in ben Sd)open~ 
hauerfchen Hillen fetn, um fid) oon ber Klarheit, ^ßräcifion 
unb Sogif biefeS ®roßmeifterS eine für biefen fchmeichel* 
hafte 93orftellung 511 machen. 

^ubem ift auch ber Vergleich beS SBefenS ber &Scefe unb 
bie Duelle, aus ber felbe entfpringt, mit bem SBefeit ber Äunft 
unb aus ber Quelle (bem (&enie), ber fie entfpringt, befonbers 
mißlungen. Schopenhauer fyattt Cüen r WK er felber geftcht, 
glürfliche £age, fomit h a ^ c c * aaa ) unglüefliche Xage, 
in roelchcn er außerorbcntltdj unflar f abrieb, fich in Siberfprüche 
oerroirfelte, unb, roenn er mit bem Langel ber ihm oerhaßten 
tfogtf nicht ausreiste, mit ber poetifchen fttmft oon (bleich* 
niffen fid) ^u bereifen fuchte. 



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174 



ffiiiffotoflie unb ^fiffotogic 



79. |Htt Hlural. pflichte nlehre, Oiltenflefefc barf bie (£djoptn* 
hanerfdie> Philurophu 1 ftrfr niifrt befallen. Bit hbrtfft oerbäthtiae 
gstefr örijopfuhttufrs. (fr führte imar kein asrettfdjes Ceben, 
bewahrte aber bie ttöcetifrbe (Bejtnming! #m unb £radj! 

3)iit einer Üftoral, mit einem «Sittengefefc, ja nicht einmal 

mit einer 'ißf lichtenlehre barf ftch bie ^^ilojop^te nicht bef äffen 

(®. 341), beim ba$ 4. löudj oon „Stile k." beginnt: 

i 

„deiner Meinung nach ift ade 9ßl)ilofopf)ie immer tfjeoretifd), 
inbem e3 ihr mefentlicb ift, roa§ auch immer ber näcbfte ®egen* 
ftanb ber Unterfucfmng fei, fid) ftet§ rein betraebtenb m oerbalteu 
unb 3U forieben, nicht öoraufebreiben. hingegen praftifd) $u merben, 
ba§ £>anbeln ju leiten, ben S&arafter *u beftimmen, ftnb alte 
Wnfprücbe, bie fie bei gereif ter ©in ficht enblicb aufgeben foflte. 
Denn hier, n>o e§ ben SSertb ober Umoertb eine§ DafeinS, mo 
t$ fteil ober SBerbammnifj gilt, geben nicht ihre tobten begriffe 
ben 2lu§fcblag, fonbern ba§ innerfte Söefen be3 Wengen felbft. 
Der Dämon, ber ihn leitet, unb ber nicht if)n, fonbern ben er 
felbft gemäblt bat, mie ^ßlaton fpriebt, fein intettigibler (Ebarafter, 
mie ®ant fieb au§brücft. Die $ugenb roirb nic^t gelebrt, fo roenig 
al§ ber ®eniu3; ia, für fte ift ber ©egriff fo unfruchtbar unb fo 
menig al£ ©erzeug ju gebrauchen, mie er e$ für bie ®unft ift. 
38 ir mürben baber eben fo tböricht fein, ju ermarten, bafc 
unfere 2Jc oralfpfteme unb (Stbifen Xugenbbafte, (Sble 
unb ^eilige, als bafc Sleftbetifen Dichter, ^ilbner unb- 
>ücufifer ermeefen." 

@S ift unglaublich, ma$ man mittelft unoerfrorener 33e- 
hauptungen einem #efepublifum s MeS oorfe^en fann, befonberS 
menn biefes #efepublifum ein 33ebürfnife fühlt, bas ®emiffen 
mit philofophifcber $niffologie ein^ufa^läfem unb gur s Jiuhe gu 
bringen. 

Schopenhauer fteüt hier ben gang erlogenen <Safc auf: e$ 
tauge, um tugenbhaft, ebel unb heilig gu merben, ebenfomenig ein 
©ittengefefc, ate e$ mögltch fei, bafe eine Slefthetif $ünftler fchaffen 
!önne. 9hm hat aber, um tugenbhaft, ebel unb heilig au merben, 
^eber ba$ $eug, bie Anlage, er barf nur noch ben guten 
Hillen haben, baS ©ittengefeft gu befolgen unb baburch tugenb* 
haft, ebel unb heilig ju merben. Um aber ein SDhififer, s iflaler, 
dichter su merben, muß ba§ Talent ober ba$ ©ente baju oor^ 
hanben fein, mo biefeS fehlt, nuftt bie 2lefthetif nid)t$, aber ber 
gute SÖMlle nu$t auch ntd)t§. 2öer feinen guten Hillen nicht 
bethätigt unb bann lafterfjaft, gemein unb unheilig mirb, ber 



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beS SBeltroctien @#op«ü?au«. 175 

tft felber ©djulb baran unb wirb nadj bem dmftlidjen 
($runbgefefce ftrafbar ; wer aber e3 ntcfjt §um $)id)ter, 
yftaler, s Dcufifer bringt, fann bafür fetner Strafe oerfallen, 
benn eö mangelt it)m eben ba3 3 CU 9» oa 3 Talent, ba3 ($enie 
bagu, ein $ünftler werben. 

9hm beletjrt uns aber fdjon bie näcfjfte <Seite (343) in 
einer f cfjlagenben , brafttfdjen unb, fagen mir e$ gerabemegö 
fjerauS, efel^otigen SBeife, marnm ©djopentjauer jebe 
33 erantm crtung be^ugS be$ tfjatfädjlict) oeradjteten ©irren* 
gefe^eS oon fid) abmalten unb ba3 lieben ber $ugenb bem 
ifcalent, ber ®abe, nicfjt bem freien SiÜen ,wfd) reiben mochte, 
um fid) für fein 9Hd)ts$ugenbs£eben faloiren ju tonnen. 

Jrauenftäbt fucbt ben ©d)openr)auer (©. 343) ju oer= 
tfoeibigen : 

„©cbopcnljauer, er, ber bie ©elt al§ SBitte unb $8orftettung 
mit bem „9tid)t£" geenbigt, ift 1818, nadjbem er ba3 s JÖcanufcript 
berfelben bem Verleger übergeben batte, nictjt &u 9Hcr)t3 ge^ 
morben, fonbern ift nad) Italien, bem Sanbe, mo „bie Zitronen 
blüben", gereift unb tjat bort, äbnlid) roie ©oetbe, gar nicbt als 
ein .^eiliger gelebt, fonbern bat neben bem (Schönen au et) bie 
©djünen genoffen. C£r tjat jmar nicbt mie ©oetlje feiner (Se* 
liebten „be§ £>eyameter£ 3)?afe, leite mit fingember £>anb, auf ben 
Würfen geaabtr, bat aber üieHeicfct in i&rem ©cboofee Materialien 
*u feiner „9ftetapbt)fif ber ®efcblecbt§iiebe" gefammelt." 

@3 fommt nod) fcböner. $Ötr müffen ben Jrauenftäbt aber 
ein wenig unterbrechen unb oor bem trüben Cloaca-raaxima- 
Strom fetner $3egeifterung einen £)amm errieten, SBir Ijaben 
in „$er .pimmel ooller Zeigen ju Seimar" (©. 109) über 
bie t)ejametrirte „beliebte" ®oetfje$ einen 23rtef oon filier 
an Börner gebraut unb barauf be^üglid) bemerft: 

.,•5)0 fommt nun biefer profaifdje ©filier baber mit folgenbem 
Jnhrafcbeien: „<5)iefe8 SNobell fott erfcbrerflid) fteblen unb cjar lieber- 
lieb fein" — unb bie (£migfeit unb ©brwürbigfeit unb <3cbönbeit 
unb Slafftcität (mit welcher ein £>err £>arfer bie mit föeyametern 
betrommelte 5Iber3feite beö XugenbmobettS ju oerflären fuebte) 
werben burd) biefen fatalen ftrafcbefen gerabemeg£ in bie 2J?ift= 
grübe gefebrt — e$ tft wabrfjaft entfefclid), einen flafftidjen Würfen 
berartig ju ftäupen, naebbent er bureb be§ „ebrwürbigen £>erameterS 
9ttafe" ber pcDften poetifdjen SBeibe würbig geworben ift." 

ftrauenftäbt ift mit ber poetifcf) oerflärten föücffeite be$ ge-- 
mieteten lugenbmobelte nodj ntdjt aufrieben, er läjU feinen 



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17<> 



ftmffologie unfc ^fiffologtc 



§errn unb üDieifter in einer mit fämmtlidjen cwntfdjen Tutoren 
fc^r glücfliai Wetteifer üben Jorm Materialien feiner 
M ÜJ?ctap^t)ftf ber $efd)led)tsltebe'' fammeln. 2ßir wollen uns 
feine föebeweife ein wenig oerallgemetnern unb abfdjmädjenb 
jagen: im Horbell fammeln! Da ift bod) waf)rf)aftig nad) 
ben Korten bes (SmmenibeS unb beö ^Cpoftelö Paulus bie 2ßeta= 
p^t>f t f jur Greta -^fjofif fjerabgepuraelt. (üörief an Situs, 
L 10—13.) 

9hm oertfyeibigt aber Jrauenftdbt auf eine ber ganzen 
Sa^open^auer= s ÄoraI würbige Seife feinen 9J?eifter, wie 
folgt : 

„Sft baS niefct ein gräflicher SBiberiprud) «oifc&en Üeben unb 
£ebre? $od) beruhigt Surf)! (£in Optimift ift trofc attebem 
Siopentjauer in Italien ntd)t geworben. G£r bat bort ben 
Optimismus noef) ebenfo für „oerruebt" gehalten, roie er eS in 
2)eutf erlaub getban. &at aud) ©ebopenbauer in Italien ntd)t 
als SBettelmbnd) gelebt unb fid) feine $lnfprüd)e auf päpftlicbc 
l£anonifation erworben, feine aScetifdje ®eftnnung — biefeS 
fann id) (£ud) auS feinen SRetiebücbern bewetfen — bat er boef) 
mit binübergenommen unb bat fie fid) bort bemabrt." 

2Bie ift biefe ^ertfjeibigung ber SlScefe <5d?openf>auerS 
ooll oon faufttfeben, farfaftifeben Sifcen jur 5öeruf)igung beS 
ßefet«! 

1. (Sin Optimift ift er in Italien niebt geworben; was 
bas fajon wertf) ift! 

2. (Sr fyd ben Optimismus noeb eben für fo oerruebt 
gehalten, wie in $)eutfd)lanb. 



3)er Optimismus ift oerruebt, 
Unb bie SIScefe ift oerbuegt 
Sn Tempeln, bie er beimaefuebt, 
5n Käufern negatiüer 3u&t. 
Söer miberfpricbt, ber ift üerflucfct. 

©r bat bie SBabrbeit uns gebracht, 
törlöft ftnb mir auS ^rrtfjumS vca<f)t; 
SBaS üor ibm tuar, baS ift Derfradjt, 
SBaS nad) ibm fommt, wirb ausgelacht, 



Gr ift beS ®eifteS böcbfte 2Jto*t! 

3. „<$r f>at feine Hnforüdje auf päpftlidje Ganomfation"; 
in ber ifyat ein fefjr einfdjneibiger 3öife, ber aber feine gan^e 
©cbärfe bureb baS SBeftreben JrauenftäbtS oerliert, ben ©ebopen- 
Ijauer wegen feiner SlScefe canonifiren au wollen. 



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*c$ Schweifen Schopenhauer. 



177 



grauenftäbtensi Sdjladjtgeminnung 

Qft „aScetifdje ©efinnung"; 

3;n ber ganzen £eben3bauer 

|>telt fic feft ber Schopenhauer, 

Unb fo braute er ju Ctfjren 

©elbft bie §äu|er ber §etären. 

Senn er mir fein Dptimift war, 

2Ba3 oerblümt ^cigt : nur fein (£f)rift roar, 

$)ann fatin er audj jeben galles 

5Racr) (Müften treiben Ellies! 

s Jhir aScetifdje ®ejtnnung 

iörauajt bie SugenbbolbesQnnung, 

DaS tarnt aus ben fltetfebücfjern 

grauenftäbt ganj flar oerfidjern, 

Seil ber niemals fdjttarj berußt ift, 

„Der bes eignen SertljS bemüht" ift. 

Statt Q3efa)eibenf)cit ju Ijegen, 

Sollft ben ®röf$enu)atm bu pflegen! 

80. flenn;, rolu iTulir ('mifunnmljn. Ucrlaugt in artjt gereimten 
Uvrfen üou ber Hadjiuf 1t ein JUonnment. lüi v tragen hin- einen 
$tetn turnt ort. Sjöjöu nrieber bas (bvfül)l beö eigenen iHerttjes 
gegenüber bem träten* unb <8)tternge?ndjt ber anbern Hlr uTrirlirtt. 

& 344: 

„(SineS hatte Schopenhauer oor Dielen, bie in feinem 5llter 
nach Italien gesogen ftnb, öorauS, ba§ ftolje Söeroufctfein, 
ein grofeeä unfterblicheS SBerf bollbracht unb bamit fich ein $)enf= 
mal bauernbev al$ (£r$ gefefct ju haben. Sa, er qing mit ber 
goffnuna nach Italien, bafj ihm etnft auch bie yea^melt ein 
2>enfmaf errieten roerbe. £enn im 2lpril 1819 auf ber 9teife üon 
Neapel nach SHom fcfcrieb er in ietn Sfieifebuch iene 93er[e, bie er 
fpäter mit ber Ueberfchrift „Unöerfchämte $erfe" in bie 2. Auflage 
ber Parerga beftimmt bar, reo man fie jefct auch finben roirb ; bie- 
ielben lauten: 

„Hu* langgehegten, tiefgefühlten @chmer3en 
Cßanb fich ö empor aus meinem innern ^erjen; 
(Sä feft3uhalten bab' ich lang gerungen, 
2)och weifj ich, bafc piltty eö mir gelungen. 
2Rögt euch brum immer, wie ihr wollt, gehörten, 
2)es$ Serfe£ l'eben tonnt ihr nicht gefährben, 
Aufhalten fönnt ihr'ö, nimmermehr oernichten: 
(Sin 2)enfmal wirb bie Fachwelt mir errichten." 

»ruinier, Stntffoloflie unb qjftffoloßtc. 12 



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178 Äniffologte unb ^ßfiffologie 

Dtcfc jämmerliche 3J?ac^e ift ein neuer, eflatanter SöeweiS 
für ben ($röfjenwat)n beS SÖeltwetfen. 

1. will er mitsein paar (5ä)unbretmen fid} aua? ben Lorbeer 
beS Didiers gewinnen, unb 

2. ftnbet er im ganzen Unwerfum feinen würbigeren (Stoff 
für feine 53egeifterung, als fein eigenes ^dj, — er fjat feine 
geringeren Schmerlen, als im oorauS etn 2ttonument ju 
beanfprucfyen, fefct ftdj aber gerabe baburdj ein üftonument 
totaler ^mpotens im SReimfadj. 

$11$ einmal ber üöudjbänbler Siganb burdj eine Ijodjgrabig 

btöbe (Satnre ben Treiber biefeS abfdjladjten wollte, gab i^m 

biefer jur Antwort 1 ): 

„©§ tönt bctuc ?eicr fo traurig unb matt 
3n ben üeipjtger ©örfenbatfen, 
^13 waren bte ©aiten nur alter Spagat 
Son beimgeiebieften S3üa?erbatten. 

fierr Stganb beftieg ganj munter 
§m SireuS ber ^oefte 
®cn ^egafuS, aber baö $teb 
SBarf ttju augenbfieflia? herunter." 

%n ä^nli^er SBeife fönnte man ben ©cfcopenfjauerfchen 
SBerfua? f ennjeia^nen : 

9ttit einem Jlügelf abläge 
<5ef)'n wir ben $t)ilofop^en, 
SBom <ßegafu$ getroffen, 
$n einer fct)tcfcn Sage. 
$m 9ttift vom ü)ict)terroffe 
Söereut er feine $offe, 
Unb nac^ bem »Stalle riecht er, 
Der abgeworf'ne Dieter. 

Jrauenftäbt entfdjulbigt barauf wieber (©. 345): 

„^a icf) ©djopenfcauer bereits o6en wegen beS Vorwurfs 
be§ &odmtutb§ grünblidj (!) gerechtfertigt babe, fo barf id) 
bieröon rooljl gleich nodb einige bocfcmütbtg füngenbe 2 ) 5tuf* 
jeichnungen nuS bem uteifebud) nnfnüpfen. 

*) 3« „©ober? SBobinV" üon ©. Sörumier. 2. %üiia$* neue ftolge, 
2. üBb., ©. 40. 

') 9hir flingenbe? O nein! Slucb fpringenbe, fingenbe, jtoingenbe, 
bringenbc, ringenbc, fdjroingenbc, aber bei allebem utebt gelinge nbe! 
(5ine eoloffale ©abe, ftdj läcberltd? ju machen, fann bem ftrauenftäbt nidjt 
abgefproeben werben. 



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bcS ©ettweifen @<$oj>enf>auer. 



179 



„2Kir ftnb bie na& Sefannten oft fremb, unb bie ftremben oft 
vertraut, unb idj rcbe ju i&neu bitten biefelbe €>ürac§e, mäfjrenb 
onbere Öeutc Sterin groften Untertrieb machen, eigentlich, roeil 
icf) bon allen fo roeit abftebe, bafc mir ber Untersteh be§ 
^ufäfliö äufterlidj Taljen ober fernen berfdmiinbet, roie bie Stellung 
ber Gfrbe in ifjrer Söafjn, b. b. ibrer ^ßaraUaye, feine 9lenberung 
in ber fcfceinbaren (Stellung ber gijfteme t>entriad)t. Söenn ic§ 
bod) nur bie ^llufion lo§ werben fönnte, ba§ Kröten? 
unb Otterngesüdjt für meine§ © I e i et) e n anaufeljen, ba 
märe mir öiel geholfen!" 

Da muß man bod> fagen: Dtefer ^Belhueife Ijat in ber 
©elbftroertlj* unb ©elbftüberfdjäfeung ba3 $öä)fte geletftet! 
<3elbft, wenn er fict) poctifet) begeiftert, befingt er ibieber nur 
ftd) felbft. $Ba£ follte er audj auf biefer SBelt befingen? 
Da3 Kröten = unb Dtternge^üait ber erbärmlidjen aj^cn|cr)r)cit V 
Da bort bei biefer feiner 2£eltaufd)auung audj alle roman- 
tifdje ^ßoefte auf. 9cur er felbft ift fein nnirbiger £>ora£, 
4J<äcen unb §oraj jugleid). Die ^cadjwelt befommt einen 
ausgiebigen SRippenftoß, ja ntdjt auf£ •ättonument ^u oergeffen. 
$ll§ $nfdjrift fönnte man in ben Hörtel meißeln: ^falm LH. 1: 
Dixit insipiens in corde suo: non est Deus. 

gür biefen Dichter blüfjt n?eber eine SBeatrice, nodj eine- 
Vaura. Die Damen, mit benen er im £anbe Dantes unb 
Petrarcas oerfefjrte, um, tote Jrauenftäbt fagt, „bie 3WetcU)l)^fif 
ber l*iebe 311 ftubiren"; biefe Damen fjätten it)m für ein bar* 
gereiftes ($ebid)t unter bie 9?afe gelabt. (£3 luar für biefelbeu 
aud) nidjt genug 23elol)nung, baß er biefeS „$röten= unb 
Otterngezücht" für feines (9leid)en anfafy. 9cun ift e3 eine 
alte Qrrfafjrung, baß 1'eute, welche in ifjrcr ganzen Umgebung 
unb in ber ga^en äflenfcfyfjeit nur fdjledjte, erbärmlidje Staate 
feljen, jumeift bie ganje SOtfenfajljcit im SReflej: il)re3 eigenen 
<5eelenabel3 $u betrauten fidt> angeiuölmt fyaben. 

Der ©elttueife I)atte oon feinem faufmännifcb, elften iperrn 
33ater nid)t nur ($elb, fonberu aud) bie faufmchmifdje s 2lnftdjt 
geerbt : wer Ellies, tuas er auf ber 95Mt brauet comptant mit 
flingenber S^ün^e bellen fann, felbft bie metapfipfifdje £iebe 
mit eingeregnet, ber oerfteljt ntdjt nur ba3 ®efdjäft, fonberu 
weiß audj ben 33erfet)r mit feinen -äWitmenfctjen nur oon ber 
(#efa)ä ftsf eite aus au betrauten. 

grauenftäbt finbet felbfrocrftänblia^ an (Schopenhauer 
Ellies plauftbel: feine bibaftifdje unb feine praftifcr)e -ättoral 

12* 



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180 



tfniffologic unb ^fiffologie 



feine (Selbfrwertb' unb feine Selbffcüberfcbäkuna, ; in biefem 
(Sinne berietet er (©, 345): 

„2Sie fein hohe« Selbftgefübl 1 ) unb fein <&efübl ber „&etc; 
rogenität" unter ben äJcenfcben, fo begleiteten Schopenhauer 
auf feinen Reifen mitten unter allen ©enüffen auch feine 
eiaenttjümüdjen peifimiftifcben 9lnfichten öon ber 9cegatiüität atteö 
ÖHücfg, oon ber 9Hcbtigfeit aller (Uenüffe u. f. f., unb in 
biefer innerlichen Oebe tröftete ihn nur (£in£ unb hielt ihn auf= 
recht: baö Gefühl be3 eigenen 2öcrthe£. 80 j. $ö. su 
Bologna ben 19. Scoöember 1818 fchreibt er : „©ben meil alle* 
©lücf negatio ift, fommt e3, bafj, menn un3 enblich einmal boll* 
fommen roobl wirb, mir e§ aar nicht recht aemahr roerben, fonbern 
$löe3 eben nur fo leicht unb fanft an unö oorüber^iebt, btö c§ 
üorbei ift, unb nun ber pofitib gefühlte Langel ba3 öerfchrounbene 
®lücf auöbrücft; bann merfen mir, bafj mir e§ fefoubalten ber^ 
fäumt haben, unb jur (£ntbebrung gefeilt fich bie 9ieue." 

„eigentlich adeö ©lücf, ba§ man geniefjt, unb beinahe alle 
^reunbfchaft, bie man hegt, beruhen auf £äufchung. ©rmeitert 
fich bie drfenntnifj, fo muffen fie meiftenS fdhminben. dennoch 
)0U man hier, mie überall, aetroft ber SBahrljeit nachgeben unb 
immer unbersagt ftreben, mehr unb mehr mit fidh unb mit ber 
2öelt iti'8 Steine su fommen, e§ fade auf rechts unb linfg, mns 
ba mill unb mag, beglücfenbc Schimären, beglücfenbe Neigungen : 
gefroft bormärtö, ohne Scbrecfen bor ber immer gröfjer roerbenbcn 
Bebe! s Jcur etneS einzigen mufj man ficher iein, biefeS, 
bafj man nicht feinen eigenen tlnmerth hinter ben auf= 
gehobenen Schleiern entbecfen fann: 1)er Slnblicf ift 
bie töbtlidje ©orgone; alfo feinet eigenen 2Bertbe£ 
fei man fich im Snnerften bemufet, mill man ben Xrug 
entfernen.') $enn eigentlich ift nicht blofj ber gröfete, fonbern 
ber einzig mahre geiftige Schmerzgefühl ieineö Unmerth^: 
alle anberen geiftigen Reiben fönnen nicht nur geheilt, fonbern auf 
ber Stelle gänzlich aufgehoben merben, boch ba§ höhere $8e = 
mu fetfein feine« SGÖertbeS, mer beffen recht gemifj ift, fann 
ganz gelaffen fifeen unter Seiben, bie ihn ohne bieieS jur 5kr= 
*meiflung bringen mürben, er fann ohne Sreube unb ohne Sreunbe 



») $a3 mar fcpon etwas niebr alä höbe* Selbftgefübl, baö war fcbon 
mafolofc ©telfeit unb amoibernbe öoffart. 

*) SBelche l'ogif! l. Man fou ja nicht feinen eigenen Unmertt) f>in tev 
bem aufgehobenen Schleier entbeefen ; 2. alfo feinet eigenen SertheÖ immer 
innerlich fich bewußt bleiben, wenn man ben Xrug entfernen will. Senn 
man fich aber 1. ben eigenen Unroertb bureb 9Jicbtaufbebuug be3 ©chleicrö 
verheimlicht, um 2. fia? im SBeroufjtfein feine« 2Bertr)e3 nicht ftören 511 
(offen, fo ift ja eben im geftrjalteu am eigenen 2öertrjgefüf)l unb im 2kr= 
binbern ber ©ntbüHung bes eigenen UnwertbeS ber eigentliche unb wahre 
Selbfttrug gelegen. 



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be$ Sffietttoeiien ©cbopenbauer. 



181 



in unb auf ftd^ ruben, fo ein allmädjtiger ü£roft tft bie lebhafte 
©rfennrnifj be§ eigenen 2öertbe§ unb baber jebem (&ut auf 
ber SSelt oorausieben. ttmgefebrt fanu über förtenntnife be$ eigenen 
Unroertb§ nidjtö auf ber Uöelt je tröften : btofe öerbecfen lägt fte 
fid) burcb $rug unb ©aufelei, ober betäuben burd) Getümmel, 
aber beibe§ nicjt auf bie $>auer." 

81. (fr Ijorli über bas ('"Ijriltnttbum : Pie jK Clinton ulurpirt ben 
Jhrait. lüflriirr ber ^htlo Tophi t (b. Jj. ilpnl r^rbuhrt. Religion 
nur ein naibtoenbtgea Hliirriicn. ..rohe (6rnuitbrr" ui hunoiaen. 
$elbft i^rnuf n Hobt mtrb oc ae nnber bem bcbutio t rtr u iinfinn fetnee 
JHeifler* hleinlimt. jln Jtattlns' Hömerbrief bte kniffe 

iirijounihaurrü nerartfretlt. 

53on befonberem $ntereffe finb ©djopentyauers ^nftc^ten 
über pofirtüe Religion, $ircf)e unb (Sfjriftentfwm, mie er felbe 
in Stalten nieberfdjrieb (©. 349): 

„$>a8 (Sbriftentbum fagt: Siebe beinen 9cäd)ften roie biet) 
fetbft. !^d) aber babe geiagt: ©rfenne in beinern 9Jäd)ften roirfltcb 
unb in ber $bat bid& felbft, 1 ) unb and) in bem ferneren erf ernte 
baSfelbe mieber." (gloren$, 9iobember 1818.) 

„$)te fatbolifebe Religion tft eine Slnroeifung, ben £>immel au 
erbetteln, roeld&en au öerbienen ju unbequem märe. 3Me Pfaffen 
ftnb bte Vermittler biefer ^Bettelet." 

„(Sigentlicb tft alte pofitibe Religion ber Ufurpator be$ 
XbtoneS, ber ber^S^tlofop^ie gebüprt. ^ilofopfjen merben 
fte baber ftet§ anfeinben, menn fte fte aud) als ein notbmenbtaeö 
Uebel, eine Strücfe für bie franfbafte (Bc^mädje be§ ®eifte§ ber 
meiften Sftenfcben betrachten füllten." 

„Die roben ©emütber ju bänbigen unb üon Unrecht unb 
ÖJraufamfeit abgalten, taugt niebt bie SBabrbeit, benn fte 
tonnen fte nietjt fnffen, alfo ber 3rrtbum, ein 9)?ärd)en, eine $a= 
ra&el. $)aber 9?otbroenbigfeit ber pofttioen <&lauben§leljre." 

£a$ ftnb ja boef) burebivegs; 2lu3fprücfye, mürbig, in einer 

<5dmap$bube t>on einem alten 33ranntroeinfeffel probucirt $u 

werben, nur ift ber ©dmapsbubbljift etroaS befdjeibener, ate ber 

93ubbfuft © djopenb au er. ör erfdjnringt fid) niebt $ur unge= 

Neuerlichen ©el&frmertfjfcbäfcung unb ^ält fieb nidjt für ben einzigen 

l ) SRadjbetn nun §a)openbaner, ber grofte ©erbefferer be3 <£briften= 
tfntmS, in ber 2Warquct f t ictbft erfannt bat, bat er fieb fetbft 
geobrfeigt, Sit ©oben geworfen, über bie (Stiege geb refft unb 
alte« £uber geb elften. — 9iad)bem er alle SKenfömt al3 lieber, 
Äröten unb Ottern bejeia^net, bat er feine in ber größten @elbftfd?ä'tjung 
probneirte Definition als ©Atoinbel bocumentirt. 



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182 tfniffologie unb ^fiffotogic 



Verfünbiger ber SBafyrfyeit. üDte rofjen ($emütf)er ju bänbigen 
it. f. m., ba^u taugt nidjt bie SÖafjrfjeit, fagt ©djopen* 
Ijauer. 9hm ja, bie ©djopenljauerfdje 3Ba|r^ctt taugt 
aüerbingä nidjt baju, bcnn menn bie ©djopenfjauerfcfye 
Safjrfjeit allgemeine Verbreitung fänbe, fo märe 2ftorb, Xobt* 
fdjlag unb allgemeine 5lnardne permanent. £)te ©djopen- 
fjauerfdje SWetapfjüfif ift 3111* Wufredjterfjaltung georbneter Qu- 
ftänbe feinen ©djuß ^uloer mertl); nur für Cheine, bie 
tnbie<S>d)Openfjauerfau ^fyilofopljie eingegangen finb, fjabcn 
am @nbe in Versmeiflung bocumentirt, bafe biefelbe botf> ©uen 
<Sdju& ^ufoer rocrtr) ift. 

23ei biefer 33eradjtung ber $irtf>e unb be3 ßfjrtftentfmms 
unb an bie ©teile berfelben ^oftintng feines pfnlofopfn'fdjen 
$Rettung3apparate£ mirb e3 erflärlict), menn er bie SQtafdjfjeit 
bei jeber Gelegenheit ber £fjiermelt gletajftellt — nur mit einer 
SluSnafjme: er f elber ftellt fid) über bie gan^e SftenfaWief)* 
unb 33ie^'0ttenfa>2Belt f melier er feine grünblicbfte 33eradjtung 
niemals oorentljält. 

(@. 352.) Qu Srient, ben 14. 9ftai 1823, fdjreibt er in 
[eine SBrief taf dje : 

„£>er Söitte im SJienfcben bat aenau benfelben Stotd, mie ber 
Sßille im ibier : fid) näbren unb $inber $euaen. 2lber nun, roelcr> 
einen fompltcirten unb fünftlidjen Apparat oa^u bat ber SiKenfd), 
melcb fünftlidje Littel $um felben Bmerf, mie oiel Sntetteft, lieber- 
legung unb feine Wtraftion, bie felbft bei ben täglichen Sßerbanb* 
lunaen be§ gemeinen Sebent in Stnmenbung gebraut merben. Unb 
bocp mirb nur eben bagfelbe bejmecft imb erreicht mie Dom Xbier. 
(£§ ift, mie menn berfelbe 28ein einmal in einem irbenen ®efäfe, 
ein anber mal im fünftlicf) gearbeiteten SBedjer gereift mirb: e£ 
bleibt berfelbe Söein, mie bie $>egenflinge biefelbe bleibt, ber (Sriff 
mag ®olb ober SReffmg fein." 

3)a8 ift aud) bem 5 railcn f*äbt, cem ^rofclobljubler fernes 
SD?ctftcr^ f 31t ftarf ; er gefjt bemfelben aber bodj nur fefjr 
fdjonenb, mit ($laceefjanbfd)ufjen, ju £eibe, inbem er lamentirt: 

„$)iefe au Orient niebergefc&riebene, aud) fonft in Sa^open* 
fjauerä Söerfen auSgefproajene 2tnfid)t, ju ber ibn oielleidjt 
irgenb eine $lnfcf)auung auf ber föeife oeranlafet bat, fdjeint 
(nur?) mir aöer ju benjenigen ju geboren, bie mit (SJrunb ange^ 
fochten merben fönnen." 

SCßir galten e* für überflüffig, bie matte Verlegung be$ 

ftrauenftäbt t)icr anjufübren. 9htr ber ©ajlufj bat einiget 



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fce§ SMtweifen @#opcnf>auer. 



183 



gntereffe, roeil er geigt, rote felbft bie größten SBerefjrer be$ 
^^itofop^en fia) freuen, mit ben unfinnigen Behauptungen ir)re§ 
SReifterS fia) etnoerftanben gu erflären. 

grauenftäbt (@. 353): 

,.2lud) bem gewöhnlichen Sttenicben liegen 5u Seiten bie „eroigen 
'Dinge" am bergen, unb deiner fühlt burai blofeeS ©icfmäbren unb 
$tnbereraeugen feine Lebensaufgabe erfüllt. *>ßlit bem über ben 
thterifcbeit ^ntetleft ftcb erbebenoen menfcblicben SnteUeft, melier 
#cetapbt)tifen, fei e§ nun in gorm bcr Wlofophie ober ber 
SReligjon, erjeugt, f et) e i n t nlfo bod) auch ein b oberer Söitle 
al§ ber blofc tbterifebe oerbunben au fein, obroofjl <§<$opeuhauev, 
t rote ich bereits ©. 152 angefübrt habe, Don einem groetfadjen 
SBiHen im SRenfcben nichts roiffen roottte." 

$)a3 7. Kapitel in ©t. 'ißauli föömerbrief enthält eine ge- 
raberoeg3 oernidjtenbe SSerurtheilung beS (Schopenhauer- 
fdjen Gnnen*95Mllen*$niffe3 in ber Ztjzoxk, aber auch feiner 
metaphtyfifcben (freilich mehr unterhünbifchen) ©tubien in ber 
<ßra£i3; aud) fein blöbroütfnger 5lu$fprucb, bic fatholifaje Ate* 
ligton fei eine 5lnroeifung, ben §>immel gu erbetteln, roeil 
bas Sßerbienen beSfelben gu unbequem märe, roirb burdj btefes 
7. Kapitel, roie burcr) ben gangen Börner brief als eine ber un- 
zähligen, ebenfo freien als oerlogenen Behauptungen beS Seit- 
weifen ftigmatifirt. 

82. (gmpftfljlt txt UirrniftbfVtfi. ^djmnijigf $avfd)läQt, £lnn= 
ktttttg? (Hnifrimliiimimuu jFratttnftäbta gegenüber Sinjonenlfatterö 
flegränimng ber OTetragainie. Jltc blöbefien, Ijönbgretfltajften 

Püberfnriuije. 

(Sin roie oft roie ber fefyrenber $niff ift es auch, bie $ira)e, 
bie (£rfchetnung bes (SfjriftentlMmS in ber Söelt, mit 93ubbr)iS* 
muS, ©ö^enbienft ber (Sln'nefen unb $nber unb a^ohamme^ 
baniSmuS auf bie gleite Stufe aufteilen! ©o in „Söille :c.", 
IL 17., @. 177: 

„Tempel unb Kirchen, $agoben unb ÜJfoicbeen in allen ßanben 
unb 31t allen Reiten in s $rad)t unb ©röfee jeugen bon bem meta* 
boftfdben SBebürfnifc beS Wenfdjen, roeldjeS ftarf unb unüertilgbar 
em pqtoftfcben auf bem Sufce folgt." 

$)aß bem großen Seltroeifen fein gang unoerfrorener, pro- 
mulgirter (SultuS ber Venus vulgivaga nicht beeinträchtigt 
roirb burdj bereite abgetfjane ©ittengefefce, baS liegt ihm 



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184 toiiffotogie unb ^fiffotogic 

befonberS am fersen. $n bicfer offen baliegenben Slbficht fudjt 
er in ber Xfyeorie noch mehr jujugeftenen unb $u oerthetbigen, 
als et fid) f elber im praftifdjen £eben erlaubt ^at, um hinter 
bicfer fpanifdjen SBanb feiner Sporte feine ^ßrari§ noch ate 
ein gan^ minbereS, unoerfängliche3 unb unanfechtbare^ ($ebaljren 
barguftellen ; aber feine $läne unb $$orfchlage in Söejiehung auf 
ben gefchledjtlichen 33erfeljr finb bermafjen exorbitant unb ge* 
eignet, ba£ gefellfchaftliche unb ftaatlia^e Öeben in bie oollfte 
^erfefcung unb Sluflöfung gu bringen, baß feine (Schüler bie 
fcr)u>ere 9cotf) ^aben f mit fophiftifeben Qrrtlärungen unb ttö* 
fdnoächungSphrafen ihm ein wenig heraufhelfen. §ocf)tntereffant 
ift ein ^3crtct)t über biefeS £fjema bei grauenftäbt (<§>. 354): 

„(bleich auf biefe (Stelle folgt freilich in ber „Sör ief taf c&e" 
toieber eine ©teile, in ber (Schopenhauer ben SBiHen be3 
^Jfenfchen ttneber nur bon ber pbtifiichen Seite auffa&t. (Sie 
banbelt öon bem <$efchlecht3triebe ober „bem Sörennpunft be3 
38illen£", eine «Stelle, bie, roenn ich fie ^ter ausführlich mitteilte, 
ben Sßerläumbern (Schopenhauer^ io recht nrillfommenen (Stoff ju 
neuen Wdnoärsungen bieten mürbe. (Schopenhauer macht 
nämlich in biefer ©teile, auf bie Uebelftänbe, bie au3 ber SSRono-- 
gamie für bie natürliche ©efchtecbtSbefriebiguncj entfpringen, hin* 
meifenb, Sßorfdjläge su einer 2lrt £ e t r a g a m i e. $ ch halte e 3 
nicht für geeignet, biefe g ans e Betrachtung, b ie (Schopem 
hauer auch noch in einem befonbern hinterlaffenen 
ÜDcanufcript ausführlicher behanbelt hat, hier mitju* 
t heilen. 216er ba§ rottt unb mufj ich hier ein für allemal lagen, 
bafj alle folche anftöftig flingenben (Stellen, wohin auch bie im 
2. Sanbe ber Parerga in bem Kapitel über bie Söeiber enthaltenen 
53emerfungen gegen bie Monogamie gehören, in ©djopenbauerS 
SRunbe boch einen gan t s anbern (Sinn haben, al§ etma in bem 
2Runbe eines unaüchtigen SSoltüftlingS. 1 ) «Schopenhauer 

») 2(tö eine (Seele, engelgleid), 
Söerfe^t er iljn tn$ $immel reich- 
2)a3, »aS fein reingeroafayner 9Jtunb 
2113 neue§ @f)erea)t gibt funb, 
2)a§ barf man bodb tteraleidjen ntebt 
2mt bem (Müft beS Sbfetoicht, 
2Jtan barf tr)m niemals! nehmen frumm 

2) aö, roa$ bei Anbern fajledjt unb bumm. 
2>arum ift ja ber ^tyiloiopb 

©cformt au3 einem ctg'nen (Stoff. 
SBei aUebcm fommt ftrauenjtabt 
äJctt bem (Söftem nichts auf§ £ayet, 

3) a3 ©ünbet ift boa> gar 311 fc^mu^tg - 
3)a3 bumme $olf, e3 würbe fhttjtg. 



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bc$ Selttoetfm @<bopenbauer. 



185 



ipridjt nämlid) in ibnen Pom ©tanbpunfte ber Söejabung be£ 
SSiUenS jum Seben ober Pom eubämonotogifdjen <Stanbpuntte — 
Pon einem Stanbpunft alfo, ben er felbft in feiner 
<£t$i! Perwirft." 

2öir unterbrechen r)tcr ben Söcrtc^t JrauenftäbtS, um auf 
einen t)öct)ft intereffanten s ßunft Qhtgutoetfen. grauenftäbt bünrt 
bie projeftirte Setragamie (bie gleichseitige SBierweiberei) 
f elber 311 exorbitant; ber 35orfchlag ift fo fdjmufcig, baß ir)n 
grauenftäbt gar nicht §11 publiciren wagt, unb baß er wirflich 
febr fchmufcig fein muß, baS erfehen wir au* fcr)r öielen fehr 
ftarfen ©teilen über baSfelbe Ztftma, bie fid) g-rauenftäbt 
anzuführen niebt gefreut fjat. ^rüberie fann alfo bem 
Slpoftel nicht oorgeworfen werben, im ®egentbeil, er hat ootl 
feinem ÜKctfter ein gute* ©tücf Unoerfrorcnheit geerbt, fomit 
müffen bie oerfchämt in ber ^rieftafchc gelaffenen ©teilen fdwn 
ficher einige Bieter ober Klafter über bie Grenzlinie be* praftifd) 
errungenen £erratn3 htnauöreichen. $)a weiß fich nun grauem 
ftäbt nidr)t mehr anberS 31t helfen, ate: Schopenhauer Oer wirft 
in feiner (£tf)if felbft ben brieftäfcblich mebergelegten 
tetrafräulieben ^orfcblag einer eherechtlichen Grunblage. 

Qrc macht ben ^3r)iIofopl)cn ju einem confufen $opf, ber 
fich biametral wiberfpridjt, um mit bem Slbwifchtuch, au* (5on- 
fufion unb Sßiberfprud) gewoben, ben Vorwurf unb <äiu 
wurf beä fittlichen ©d)tnufce* oon ihm herabzufegen, liefen 
eigentümlichen ftieimgungSoerfud) bezüglich ber £etragamie fefct 
grauenftäbt noch weiter fort (©. 355): 

„3d) habe biefen s #unft bereits in ber Don mir beforgten 
2. Auflage ber Parerga herooraeboben, wo icb ju ben ein wenig 
(nur?) mormonifd) flingenben «Sorten (BcbopenbauerS in bem 
(Sapitel über bie SBeiber (33b. IL §383) in einer 9lnmerfung unter 
bem Xeyt gefaßt habe, maS id) bier wieberholen mitfj: „(£S wirb 
aewifc nicht an ©oleben feblen, bie au§ biefen 5leufcerungen ber 
Sdjopenbauerfchen ^hilofopljie ben Vorwurf ber größten Unfitt* 
lidtfett macben. liefen aebe ich einfach zu bebenfen, bafe 3 ebopen^ 
bau er hier nur öom Stanbpunft ber söejabung be£ SBidenö Aum 
Seben rebet. $)iefe f aber unb ibr „SBrennpunft", baS gefcblecbtlidje 
£eben, ift befonntlicb nach <3chopenhauer§ (Etbif bie CueUe adeS 
UnbeilS unb aller ©ünbe. 'Die ©ebopenbauerfche (Etfnf ftetlt baS 
ehelofe ßeben böber als baS eheliche. 3)ie freiwillige .tieufebbeit 
ift ihr ber (Gipfel ber ©elbftperleugnung, bie allein jur (h'löfung 
Pon biefer SBelt ber ©ünbe unb be§ (SlenbS führt." 

„Snbem aber (Scbopenbauerbie freiwillige $eufd)beit höher 
fteHt, al§ bie ^efchlechtSbefviebigung, perwirft er eo ipso pon 



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186 Äniffologie unb ^fiffologie 

feinem etbiicben 8tanbpunft au§ bie SBotygamte. ©erabe alfo in 
feinem äJcunbe bat bie SBeüorjugung biefer öor ber Monogamie 
nidjt ba§ Unftttücbe, ba8 fte in iebem anbern allerbingS bätte." 1 ) 

grauenftäbt fäljrt in feiner ^ertfjeibtcjung fort (JB. 356): 

„3$ füge bier su bem ©efagten nod) tttutt, bafe e§ fetbft 
Dorn eubämonolcgifcben ©tanbpunfte ber „93ejabung be» 2öitlen§ 
3um Seben" immer nodj einen grofeen Unterfcbieb macbt, ob man, 
raie einft ba3 junge $eutfd)Ianb im mottüftigen ®inne bie @man^ 
cipation be§ ftleifcbeS prebtgt, ober ob man, mie ©djopenbauer 
tbut, nur im föinblicf auf bie öielen unglucf (ic^en , unöerforgten, 
früfcelofen SSeiber, bie au§ ber monogamifcbem (Sinricbtung ent* 
ipringen, ber ^ßolngamie baS SBort rebet. 9Wan lefe ben erroäbnten 
§ 383 ber Parerga aufmerffam unb man mirb finben, bafe nicbt 
Söottuft e£ ift, roa§ Scbopenbauer $um Sßertbeibiger ber^oli^ 
gamie macbt, fonbern TOtleib mit ben oielen, burcb bie europäifcben 
Sbegefefee unglücflicb roerbenben SBeibern. 5lu§ biefem unb feinem 
anberen SDcotioe aber bat er autf) ben erroä'bnten $lan $ur £etra= 
gamie in feiner SBrieftafdje entworfen, mie ber ganje rotffenfdjaft= 
liebe £on, in meinem berfelbe getrieben ift, bemeift. 3" einem 
ipäteren SKanufcriptenbudje (Spicilegia) Darauf surücffommenb, 
fagt er: „SNein SBorfdjlag ber Setragamie geroäbrte ben grofeen 
^ortbeil, bafe bie Bunabme ber 93eöölferung baburcb gegemmt 
mürbe." 2 ) Sdjopenbauer fann in ben SBorfcblägen, bie er *ur 
^erbeifübrung einer riebtigeren, naturgemäßeren Stellung oer 
beiben ©efcblecbter ju einanber maebt, geirrt baben, aber gemeine 
flJcotibe mirb man tfjm febmerlicb naebmeifen fünnen." 

83. (ßränbe für bie aTetragamte. $ti mer JFranen ftnb »ter 
«ijHtefmntter im ijauk nnmögiiaj, roerben fortgejagt nnb ift 
jooann nou innen netne stturnna ?n oeTnrajten. 

T)er Sefer mufc es bodj balb fyerauSfriegen, bafc biefes 

ewige kämpfen gegen ^nf lagen, bie fict) ber SBertbeibicjer 

felber fabricirt (meil er fein ebenes ^abrtfat am leicfyteften 

mieber felber mtberlegen fann) gerabemegS abgefd)macft mirb. 



*) SBic fciefe £erren fajlau finb ! $>ie $*ogtf im (ta^en unb (£rofjen 
mit ifjren wuchtigen ©runbfteincn unb ©djtüffen ift iftnen f)oc^grabig $u= 
roiber, ba fabriciren fie nun immer eine eigene ^erlonatlogif — wuter 
9tuönat;megefet?e naaf bem SWotto: „%a, ©auer, baö ift bei un3 ganj 
roa§ Slnbereg." 

2 ) Ser ftc^ in biefer eflatanten (Sonfufion be§ SJert^eibigerö unb bcS 
5i}ert^eibtgteii jureebtfinbet, bem ift ju gratuüren. SWitteib mit ben un= 
eerbeiratbeten grauen — o mie barmf)er$ig! ©eöößerungös unb ^Jrote« 
tariatSüerminberung burc^ Jetragamie — o roie febarfftnnig ! 



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be§ SBcItmeifen ©cfcopenfauer. 



187 



^•mmer: er war mc gemein, unb er hat es nicht fo arg ge* 
meint, ober: er hat an einer anberen ©teile wieber gang was 
SlnbereS gesagt unb fich felbft wiberfprochen. $)te fdjwerfte 
Auflage gebt nicht auf (Gemeinheit, b. f>. fic hat hier mit 
bem perfönlichen (Sfjarafter beS ^^ilofop^en nichts ju tt)un, 
fonbern fic menbet ficf) gegen feine gefchriebenen ^läne, 
würfe, SluSlaffungen unb Reformen, unb in Anbetracht biefer 
Momente fann ber tfefer, ber feine tfogif noch nicht oergeffen 
hat, bodj nur ausrufen: §)ier ^errfcr)t Siberfprucb, ßonfufion, 
Unfinn, föücfftchtslofigfeit auf alle ^iftorifa^en unb fociologifchen 
(Erfahrungen, unleiblidje (£itelfeit, bie Alles aus ftd) heraus 
reformiren unb beffer machen möchte, unb am (£nbe einen efla- 
tanten Unfinn burcfj einen, wenn möglich, nodj größeren Unfinn 
gu masfiren fucht. 

bisweilen fiefjt fich felber Jrauenftäbt gezwungen, wenn ihm 
ber 933eltmeife mit feinen SBorfajlägen gar 311 bicf bafjerfommt, 
baS Lächerliche berfelben einzugestehen. So ®. 356: 

„Unter ben mancherlei 23ortbeilen, bie er in feiner föerab- 
laffung auf ben gewöhnlichen eubämonologifchen Stanbpunft fich 
öon ber ^olhgamie öerfpracb, mar fpafcbafter Sßeife auch biefer, 
bafj, wie er' in feinem Stfjanuicriptenbuch Cogitata fagt, „ber 
iOfann nicht in fo genaue SBerbinbung mit feinen Schwiegereltern 
fame, bie Surcfct oor meieren iefct unjä^lifle (£ben oerbinbert — " 
3)och machte er fich felbft mieber ben fönrourf: 10 Schwiea<ev= 
mütter ftatt (Hincr." 

(£S fommt leiber f er)r feiten oor, baß ber SßMtweife unb 
feine Apoftel (furg nachbem fie in ihrer DriginalitätSfucht ohne 
fltücffuht auf (Gefchichte, Erfahrung unb frühere Genfer ihre 
©entengen, Programme, Entwürfe, Reformen, immer eines geift* 
reicher als bas anbere, loslaffen) fich f elber fubject^objecrio 
werben, fich f elber in ihrer Spaßhaft igfeit erfennen unb in 
fo guter, f eltener, unaufgeblafener Saline fich befinben, baß fie 
fich i^rer eigenen t'ädjerlichfeit beimißt werben. 

■ättan ben!e fich ben «Schopenhauer mit bem ®efid)t, aus 
welchem neben allem „Schar ffinn" unb hochfritif ehern hinein- 
flauen in bie Seit bodj eine entfefcltche SBerbiffentjett, Un* 
gufriebenheit, Bosheit, Streitluft unb Rechthaberei hcrauSfchaut, 
mit jehn Jrauen unb gehn (Schwiegermüttern oerfehen, 
ba wäre ihm ficher alle ?uft an feinen neuen (£hepatenten unb 
auch alle friegerifche §ufi oergangen — er wäre im heften 



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188 



Äniffologie unb ^Pftffotogic 



3*allc nicht ein einfacher Stieget, fonbern ein Schlägefrieger 
geworben ! £ätte er in feiner befemnten £>eftigfeit unb (ärobbett 
bie Stiefmütter unb bie (Gattinnen in Jurie gebraut, fo wären 
fieser auch oon 40 £)änben sugleid) 33erfudje angeftellt worben, 
bem Seher ber Defagamie (3ehnfrauenmirthfchaft) bie klugen 
auszufragen. 

2öenn fich fo ein Seher ber glorreichen gufunft nur einmal 
baburd) einen tarnen gemacht §at, baft er in feiner gewaltigen 
^antafie Ellies über ben Raufen rennt, was nodi aus ber 
Vergangenheit an Religion, föecht, (Sitte, (Shrenhaftigfeit, ®efefe, 
9lnftanb ihn unb feine lehrbegierigen Anhänger genirt, 
fo ift er ein gemalter 9)?ann, — er fann jeben Unfinn 
behaupten unb wirb immer Anhänger ftnben, bie benfelben 
oertljeibigen , ober wenn baS bod) nicr)t mehr recht angeht, 
menigftenS fa)ön^ufärben oerfuefien. 



84. Jlerblenbnnji ber jfriwen, bie ftdj ?n 3«djiUermnen bes ffltit» 
wtiftn madjen. 3»etne Huöfnriirije über bie <£lje ftnb uns J5*ittbten 
in arugenbljättfent mdjt benanr geg fl ngfu . Uerrdrtmpft bie fronen 
reitenlttttö entre^ltdj. 3* eine £eljre über bie &tznal'<&hvt. 

3)ie übergefchnappten tarnen, welche in neuefter Qldt ber 
■ättobe hulbigen, bie Sföerfe Schopenhauers ^ödt)ft geiftreich 
unb fuperb, auch feljr oerftänblich ju finben, fönnen fich bei 
biefem SÖeltweifen fct)ön bebanfen für feine SluSlaffungen unb 
Urtheile, bie er über bie grauen auSgefprod)en unb für bie 
Stellung, bie er ihnen in ber ($ef ellfchaft ^ugebacht hat. 

grauenftäbt fehltest biefeS Kapitel über bie grauen (S. 357): 

„$ch fragte Schopenhauer einft, ob er nie an'S §>eirathen 
aebacht! (£r ermiberte, eS fei ihm mohl einiae SDiale tn feinem 
£eben nahe gelegt morben, ju heiratfjen, eS fei aber nie etwaS 
barau§ geworben, unb er rechne fich biefeS jum ©lüde an; benu 
im ^oche ber (£he hätte er mohl fchmerlich feine SSerfe fchaffen 
fönnen. „Unter ^hilowphen unb 5>idjtern." fchreibt er in feinem 
^ftanuferiptenbuch Spicilogia, „ftnb bie 33erheiratheten fchon als 
folche oerbächtig, ihre Sache $u fuchen, nicht baS föeil ber 
SSiffenichaft unb ftunft/" 

$)a entftef)t nun biegrage: Qft ber Nihilismus, ber bie 
gange Seit rein nur in SBille unb Sßorftellung einf ct)acr>teln 
möchte, ber SßMffenfchaft unb ber Shinft junt §eil? 2BaS fann 



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beS SBelttotifen ©cfyopenfjauer. 189 

ein Scbopenfjauerifcb angekaufter ftünftler Ijeroorbringen ? ifitas 
fyatte Schopenhauer mit Äünftlem $u ttwn unb mit melden 
$ünftlern fjat er einen s 43erfefjr gehabt ? Sa3 für frudjtbringenbe 
;$been über Shmft t)at er aufgeteilt? Sie ftdj bei ifmt $llle$ 
nur um ba§ Seltcentrum feiner ^erfönlidjfeit fjerumgebrebt, 
l)at er auef) nur mit jenen fäinftlern oerfefjrt, roelcbe fid) mit 
feinem, oon allen Nationen gelobten unb berounberten 
$efiajt 311 f er) a f f c n gemalt baben. 

ferner 5 raucn ft act : 

„lieber bie oft aufgeworfene Srage» ob e£ überbaupt beffer 
fei, ju beiratben ober ntit, febreibt er in feiner ,,$rieftafcbe M : »4>ie 
3?rage, ob e§ beffer fei, ju beiratben ober nid)t, läfet fieb in febr 
oielen gälkn barauf jurüeffübren, ob SiebeSforgen beffer finb 
al£ 9tabrung3forgen."" 

ifötr fc^en auf bier mteber bas Utilttäteprincip be3 HzntxaU 
(Sgoiften fjeroorgefebrt. 

(£inc nod) aus ber „93rieftajdje" gebrachte (£ljarafteriftif ber 
SÖeiber wollen mir aus guten ®rünben übergeben; felbe erin- 
nert p jet)r an bie Kolloquien mit jenen ^rofefforinnen, bei 
benen er )eine <Stubien über feine üttetapfjnfif ber ©efdjlecbt^ 
liebe gemadjt fjat. 

©eine 2lnftd)ten über bie „£>erual=@bre" finb folgenbe 1 ): 

„®ie Serualebre ^erfaßt ibrer 9?atur naeb in Söeiber* unb 
Männer - (Bbre unb ift üon beiben Seiten ein mobloerftanbener 
esprit de corps. 3)ie meiblid)e @bre ift bie aUgememe Meinung 
Don einem uMäbcben, bafc fte ftcb Qar feinem Spanne, unb oon 
einer %xau, bafc fte fid) nur bem tbr angetrauten Spanne im 
gegeben babe. {% I. ©. 388.) $)ie meiblicbe (£bre bat sroar groic 
; iötcbttgfeit für ba§ meiblicbe ©lücf, aber ibr Söertb ift boef) nur 
ein refatmer, fein abfoluter, über ba§ Seben unb feine Broeefe 
binau^liegenber. Salier ift ben überspannten Xbaten ber Sucretia 
unb beä Sirginiuä fem SöeifaH au febenfen, unb ber ©cblufj ber 
(£mi(ia ©alotti bat etroaS @mpörenbe§. 3ene§ auf bie ©pike 
treiben be8 roeiblicben @brenprincip£ gebört sunt SBergeffen be* 
RioecfS über bie SKittet. $>ie ©eiimlebre bat mebr al§ aue anbern 
Cibren einen blofc relatiöen, ja man möcbte fagen einen blofc 
conoentionellen SSertb." AB. I. S. 388.) 

$>amen, melaje in biefer Stiftung feine SBorfif t mefjr, 

aber befto mefjr s Jcad)fid>t brauchen, merben bem Sfikltmetfen für 

biefe feine ©fjrenerflärung fefjr banfbar fein unb ifjren 



M Scbopenbauerlejrifon, I., 144. 



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1^0 tmffologie unb ^flffologte 

flfleifter ju fcfycifeen tviffen. $Öenn bie grauenefjre nur einen con- 
ventionellen 3Bertf) tjat, fo f)at biefelbe eigentlich gar feinen 
SBertb- 2Benn fomit ber ©bebruef) Convention eil mtrb, fo 
ift bie ©erualeftre ein überflüffiges 95?öbel gemorben. 

ferner : 

„Die (3$eut)led)t3et)re ber Männer tüirb burd) bie ber SSetber 
berVorgerufen , al§ ber entgegengefefete esprit de corps, tvelcbei 
verlangt, bafc Seber, ber bie (fbe eingegangen ift, barüber roadje, 
bafe btefeä partum nict)t burd) einreißen einer lasen Obfervanj 
feine Seftigfeit Verliere. Demgemäß forbert bie (Ebre be§ äRanne§, 
bafj er ben ©bebrueb feiner Srau aönbe unb tvenigften§ burd) 
Trennung Don ibr ftrafe. Die ben maxm burd) S3erluft ber ®e- 
frf)led)t§ebre treffenbe ©cbanbe ift md)t fo grofe, roie bie ba§ SBeib 
treffenbe, meil beim Spanne bie ($efd)led)t§beäiebung eine unter= 
aeorbnete ift, inbem er in noeb Viel anberen unb tmdjtigern ftebt." 

%d?bem in ©d)openfjauer3 ®ef)trn ba3 ct)rtftHc^c 
<Sittengefefc, ivcldjeS bem 2Beibe bie if)tn gebüfjrenbe jreifjeit 
gegeben, für eine Gfn'märe gilt, mad)t er audj bei vielen ($e- 
legenbeiten Sßerfucfye, baS 28eib in baS alte beibnifebe 53erl?ältmf? 
^urücfjuveriveifen. 

85. IHe jFranen fort nnb fort Ijerabgetmtrbigi nnb br rnbgrfrtjtmjjf t . 
jDttröjwegs folgen «nb #üb*r Otis reinem Umgang mit peibd- 
bttbern. Und* bie ülcnrdjenmürbe ber JFrauen in JFroge gebellt. 

(Sr fagt (tferifon 460): 

„Den SEBeibern feljlt e8 an aller Objectivität be3 <$eifte§, fte 
fteefen überall im (SubiectiVen. Daber baben fte meber für SJcuftf 
nod) $oefie, nodj bilbenbe fünfte tvirflid) unb roabrbaftig Sinn 
unb ©mvfänglidjfeit; fonbern blofc $lefferet *um Söebuf ibrer ©efau% 
fuebt ift eS, tvenn fie folebe affeftiren. SOcit mebr pug baber al§ 
ba§ feböne fönnte man fie ba§ unäftbetifebe ©efcbledjt nennen. 
Sbr Langel an rein objectivem 5lntbeil rübrt baber, Da&, mäbrenb 
ber SUcann in Willem eine birefte föerrfdjaft über bie Dinge, fei 
e§ burd) S3erfieben ober Söearoingen, anftrebt, fie überall unb 
immer auf eine bloft inbirefte, nämlid) mittelft be§ SJcanneS, ge= 
miefen finb. SBeiber fönnen bebeutenbe§ Talent, aber fein (SJenie 
baben." 

lieber bie (Stellung be$ SBeibe* in ber ©efe«föaft Reifet 
e$ (ebenbafelbft): 

„Die SSeiber finb unb bleiben im ($an$en bie grünblicbften 
unb unbeilbarften $bilifter, be§balb finb fte bei ber böd)fi abfurbeu 
Einrichtung, bafe fte @tanb unb SRittel be§ 90canne§ tbeilen, bie 



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be$ SBcltiücifen (Schopenhauer. 



beftänbigen $lntpornerinnen feinet uneblen (£brgetse3, unb ferner ift 
megen berfelben (Sigenfchaft ihr 93orberrtcben unb $onangeben 
ber SSerberb ber mobernen ®efellfchaft. (Sie ftnb sexus sequior, 
ba§ in jebem SBetradjt surücfftehenbe ameite ©efchlecbt, beffen 
<5d)tt>äcbe man bemnacb fcoonen fou, aber roelchem ©brfurcht 
hu bezeugen lächerlich ift. $113 bie 9catur ba$ Äenfdjem 
gekhlecbt in jene £äl?te spaltete, bat fte ben Schnitt nicht gerabe 
ourch bie TOtte geführt. 1 ) ©ei aller Polarität ift ber Unterschieb 
be§ pofttiben unb negattben $ol£ fein blofj qualitatiüer, fonbern 
auch ein qttantitatioer. ©o haben auch bie alten unb bie orten* 
talifeben Wülfer bie Söeiber angesehen unb baburch bie Urnen 
angemeffene (Stellung richtiger erfannt, als mir mit unterer 
altfran^öfifcben&alanterieunbabgefcbmacftenffieiber- 
oeneratton. l)a§ 2Seib im Occibent nämlich, bie w ^ame", be- 
finbet ftcb in einer falfdjen Stellung,, beren übele folgen in 
gefettfdjaftUcber, bürgerlicher unb polittfeber &inficbt nur babureb, 
bafe bem ©amenuntuefen ein (£nbe gemacht unb bem 
weiblichen ÖJefchlecht feine naturgemäße olle roieber 
angemiefen mürbe, beseitigt merben fönnten. ©erabe, 
rueil e3 tarnen gibt in ©uropa, ftnb bie SBeiber niebern (StanbeS, 
alfo gerabe bie SWebraahl be§ ®efchlecht£, üiel unglücklicher al§ 
im Orient." 

„SBegen be£ £>ange§ ber 2öeiber jur $erichroenbung follte 
ba§ metbliche Erbrecht befebränft merben. Sßetber 
fällten niemals über ererbtet eigentliches Vermögen, 
alfo Kapitalien, .§äufer unb Sanbgüter freie 3)i§~ 
pofition hohen, ©te bebürfen ftet§ etne§ 93ormunbe§, baber 
fte in feinem möglichen Salle bie Sßormunbfchaft ihrer Kinber 
erhalten foUten." 

„gerner foUte megen ber Sügenbaftigfeit unb S3erfte£lung§funft 
ber SBeiber bor ©eriebt ba§ tfeugnife eines SßeibeS caeteris paribus 
. meniger ©erpicht haben, al§ ba§ eine§ SWanneS." ö£. II. 277. 661.) 

£)ie grauen tonnen fid) noch allerfchönftenS bebauten, baft 
ber Sökltmeife nicht auch confequenter 2£etfe nach fetner ©n* 
fchränfung ber Jraucnrechte unb nach feinem £)efagamprinctp 
ben orientalischen §arem mit oergitterten Jenftern 
einzuführen anräth unb ben ^dieitcrhaufen für bie SÖitroen 
befürmortet, bamit nach feinem ^ßrinctp biefcS ,^it f cl)r fich 
ausbreite nbe ®ef djlecht ein wenig oermtnbert merbe. 

(Selbft einige SBor^üge, welche ber SBeltweife ben grauen 
3uerfennt, merben an btefelben auch mteber nur mit obligaten 
IRippenftöfjen ausgefeilt. (So beantwortet er (P. II., 650) bie 

') 2Jcan ntufj jur ©ntlafhtng be$ ^&ilo|"opr)en Her annehmen, baß er 
bei beriet fjer&en Sluöfprüchen immer nur bie eben bier fo fc^ön bejeichnetc 
&at6roelt t>or Äugen bat. 



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Äniffologie unfc ^fiffologie 



Jrage, warum fid) bic Seiber 311 Pflegerinnen ber crften Ätnb^cit 
eignen : 

«3« ^ffeflerinnen unb (hjieberinnen unferer erften ®inb&eit 
eignen bie Seiber fid) aerobe baburd), ba§ Tie felbft finbifd), 
läppifd) unb fur^idjticj, mit (Stnem SBort 3eitleben8 Qrofce $inber 
finb, eine 9lrt TOttelftufe äWtfcfyen bem ftinbe unb bem SRannc, 
al§ welcher bcr eigentliche *D2enfdj ift." 

Sllfo felbft bic 2ftenfchenwürbe bcr grauen wirb oon ü)m 
in 5 ra 9 c flcfteflt. £)iefe 2lnftd)ten erflären uns fein echt mänu- 
üa}e3 ^Benehmen, fein im Stöfs erwachtes s Jftenfchhett3gefühl 
gegenüber bcr SKarquet, bei welcher er praftifche llebungen 
feinet theoretifchen Softem^ in cbenfo faßlicher als fd)lagenber 
^Beweisführung ntebergelegt bat. 

(££ ift anzunehmen, baß fcr)r oiele „tarnen", bic in neuefter 
^eit für bie Schopenhauer f che Seltwei^eit f anwärmen, nur 
ihre wißbegierige 9?afe t)ier unb ba in eines ober bas aubere 
feiner Söücber hineingefteeft haben, ohne fldj grünblid) mit ^nfjalt 
unb Xcnbcnj berfelben befannt $u machen, unb baß fic fomit 
gar feine $lf)nung oon jener Stellung (jaben, in welche fic bura> 
bic Sdjo penhau er fdje ^Ijilofopfne bineingebrängt werben 
müßten. Schopenhauer f priest feine $lnf djauungen unb ^3^anta- 
fieen jumeift fo als ü)ccifum aus, baß er bei $ebem ober 
$eber, ber ober bie fid) bamit nicht einoerftanben erflären, 
bieS SÖiberftreben als eine Jeinbfchaft gegen bie ewige, 
oon if)m juerft unb in ihrer ganzen gülle oerfünbete 
Söahrheit anfielt, 9cur er allein umfließt $UleS, was . 
bcr 3ttenfd) als Offenbarung 33erftänbmß btefeS irbifdjen 
Gebens notfnoenbtg braucht. 

86. pte CjDfffnburnnö (Sötte» ner leugnet er, bnfnr wirb tljtn „ber 
05 a Inen |n einer befonberen (Dffenbarnna". ftnrijbero er ben wahren 
(Satt ntctrt anerkennt, fajntfet er ftäj f*lb*r alkrfranb <5ötter. 
jTefct ntieber Unfall, früher ftntljtttenbtakeit. 

Pachtern biefer Seltioeife bie gan^e Offenbarung im Gilten 
unb leiten 33unbc (wie benfelben S&erfudj fct)on oor ibm 
fmnberte oon (Genies angeftcllt f^ben) ins (Gebiet bcr ^JZärcbcns 
weit oerwiefen hat, macht er gewiß mehr brolliger als tragifa)er 
Seife ben (bälgen gut ©arte feiner oon ihm gepriefenen 
Offenbarung. 



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beS Scltwcifcn ©cbopeiifauer. 193 

$n „Seit je." (IL, 723—727) ^eigt eS: 

„Tier (Balgen ift ein Ort gans bejonberer Offenbarungen unb 
eine SBartc, bon welcher au§ bcm s JMenfcben, ber baielbft feine 
SMinnung behält, bie $Iu3ftcf).t in bie (Smigfeit fidj oft roeiteu 
auftbut unb beutlidjer barfteUt. al§ ben meiften s 43t)iloiop^en über 
ben 9$aragrapben ibrer rationellen 93ft)djologie unb £ueologie. 
$>iefe£ gebt au§ ben unö aufberoaforten, üon Verbrechern gehaltenen 
(Mgenprebigten beroor, meldje geigen, rr>elct)e große unb frfmette 
Umroalaung be§ innerüen 28efen£ im Sftenfcben ba eintritt, roo er 
bei ooUem 33emufetfein einem geroaltiamen unb gemtffen 5£obe 
cntgegengebt, alfo bei ^inricbtungen." 

®eit ber Qctt, als £>d)openfjauer oom ^fyilofoplnefatfyeber 
meggefdjoben mürbe, fyat er fämmtltcben Sßrofefforen ber ^fjilo- 
fopf)ie feine 9iad)e gefdnooren. §ier feljen mir, roie er jum 
(Balgen oerurtfyeilte 33erbred)er roeüauS mefjr für geeignet |ält, 
Offenbarungen an bte 9#enfdjljeit §u oerfiinbigen , als jene 
„^Ijilifter", meldje mit SlnftellungSbecreten eine$ "ißrofeffors einen 
$atf)eber beftfcen. 

s Jcaa)bcm ©cbopenbauer im Unioerfnm burdjauS feinen 
yiai$ gefunben, in meldjem ein tran^cenbenter perfbnlidjer ($ott 
unterzubringen märe, fcbnifct er fid) mit bem fdjarfen Z afdjenmeffer 
feiner Dialcfrif, je nacty tarnte, oerfdjiebene (Götter: einmal ent- 
berft er bie „ 9cotfjroenbigf dt", bann mieber ben „ (Genius", bann 
bte „9}atur", unb fa>n 1814 »errietet er ein oölligcS £)anf- 
gebet an ben $ufall. 

ftrauenftäbt (®. 360) SBeimar 1814: 

„(Siebente, bafc ber Zufall, jene auf biejer (Srbe (nebft bem 
3rrtt)um, feinem trüber, unb ber Sborbeit, feiner $ante, unb ber 
s 5oSbeit, feiner ®rofemutter) berrfcbenbe SOia&t, bie jebem ©rben^ 
fo&n, unb aucb bir, burd) grofee unb fleine <ötreidje jäbrlid) unb 
täglicb ba3 Seben oergäUt — bebenfe, fage id), Safe biefe arge 
tfJcadjt e3 ift, ber bu SBoblfein unb beine Unabbängigfeit berbantit 
inbem fie bir gab, ma3 fte bielen Staufenben üerfngte, eben um 
e£ (Jinjelnen, mie bir, geben ju tonnen. SBenn bu e§ bebenteft, 
fo mirft bu nidjt tbun, al3 befäfeeft bu ba*, roa3 bu ibr banfeft, 
oon SRecbtömegen, ionbern bu mirft miffen, burd) bie ©unft melcber 
manfelmütbigen £>errfd)erin bu e3 Ijaft, unb menn iljr baber bie 
£aune fommt, e§ bir jum Xbeil ober ganj ju nehmen, fo mirft 
bu nid)t 3eter fcbveien über bie llngerecfetigfeit, fonbem bu mirft 
miffen, bafc ber Ruf all natnn, ma§ berBufall gegeben fjatte, bu 
mirft allenfalls bemerfen, bafe er bir nid)t ganj fo günftig ift, al§ 
eö bi§ber festen : fönnte er boef) niebt blofe über ba§, ma§ er ge= 
geben, fonbem aud) über baä fcftalten, ma§ bu fauer unb rcblid) 
ermorben fjätteft. — 3ft er nun aber immer fo günftig gegen bieb, 

»rumter, Ätitffoloflic unb 'iUfiffologie. 13 



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1 1)4 



Äniffotogie unb ^ftffologie 



bafe er bir biel mebr Qtbt, als faft Allen, auf bcrett gufeftnpfen 
bu roanbeln roillft, o fo fei frob, eifere nidjt über ben s -8efi& feiner 
gefdjenften ®abe, mijjbrauci&e Tie nicftt, fiel) fie als baS Seben 
eines launigen &erm an, berroenbe fie mit 2Bei3f)eit unb Güte." 

(Sefcen roir ben Jall: ein Gpmnafialprofeffor gibt feinen 
(Schülern jum Sfjema einer Aufarbeitung: „GlütfSgüter, unb 
rote foll ber üftenfd) fid) biefen gegenüber benehmen?" unb ein 
fortgefdjrittener «Stubent fabririrt nun obige gebetartige 9(n= 
fpracDc an ben 3 u f a ^ f° ^ ann oer Vwfeffor bei ber ©enfur 
biefeS ArbeitSftütfeS beiläufig fagen: „Sie fommen (Sie ba§u, 
ben QufaU %u einer benfenben, urtfyeilenben, fjanbelnben ^er- 
fönlidtfeit $u madjen, — unb roaS bilben (Sie fidr) ein, baß 
btefer 3ufa(t an ^^rer ^pljnfiognomie unb $l)rer fonftigen Ge- 
leljrfamfeit fdjon im oorlnnein, ef)e Sie fo fä)ön unb fo ge = 
lefjrt geroorben finb, roie roir jefct an $ljnen biefe Gaben %u 
berounbern Gelegenheit baben, eine fo große propljetifdje Jwubc 
unb ein fo nad^alttges ^ntereffe oerfpürt bat, um gerabe (Sie 
oor fo oielen Saufenben ju begünfrigen? (Sie fagen felber, 
nia^t oon SRedjtSroegen, fonbern bura) Gunft finb ^bnen biefe 
Gaben gefpenbet roorben, unb ber 3ufall, ber bas $au fenben 
oerfagt Ijat, um es Qfynen geben ^u fönnen, fjat ^ftnen in 
feiner Vorliebe für $f)re roertfje 'Jterfon alles biefeS ^ugeioorfen. 
•©ei allebem baben (Sie aber, roeil ©ie notortf dj ein fjöd)ft 
mtßtrauifdjer $unge f* n0 ' au f liefen ^ren fplenbtben Gott fein 
rea^teS Vertrauen, (Sie fürajten, er fönnte %$mn bie ganje 
$3efd)erung audj roieber abnehmen unb audj baju, roaS (Sie 
fidj fauer unb reblitt) erroorben fjaben, unb aus Angft oor 
biefem launigen, Ijöcbft unoerläfjlidjen Jperrn oerfpredjen (Sie 
tfnn, (Sie wollen bie GlücfSgüter mit SÖetSfjeit unb Güte 
oerroenben. 9hm roeiß iä) jroar nid)t fo gcroiß, roie (Sie 
f elber, baß (Sie bie 2£ eis i) ei t befugen, roenn (Sie aber biefelbe 
roirfliefy befifcen, fo fann $fjnen ber launige Gott, ber ^ufall, 
biefelbe ebenfo gut roieber roeg nehmen, als bie materiellen 
Güter, bie er Qfmen gegeben fjat. (£inem perfönlidjen Gott 
gegenüber fann fia? ber üttenfdj t>antbax ober unbanfbar be= 
zeugen, aber bem 3 u f a ü juliebe etroas $u tfyun ober $u laf f en, 
gegenüber bem Qufatt öon itgenb einer Verpflichtung, oon 
einer Gunft* ober Ungunftbegeugung gu reben, baS ift ffofyt 
'pfyrafe unb reiner Unfinn." — ©inen Gnmnaftalfajüler fönnte 



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beä Sßeltroetfen @a?openrjauer. 195 



man In biefer SBeife abfan^eln, aber oor jcbem f äfcgettcl eines 
at^etfttfcf)en Söeltroeifen muft man in gebücfter ©tjrfurdjt ba* 
fteijen. 

87. (Eklatante &tifpitlt tum <£öelftmt b*ö iUdttunren. £ndj 
feine ^drälcr prahlamiren ben fttrjeietnns ais bte edjte 

iUabrbeit. 

©. 363: 

„2113 ein Dr. SBenefe ben ©cbopenbauer recenftrte unb bie 
C£itate au§ ©djopenbauer oerbrebte unb fätfdjte — machte 
©cbopenbaucr über tön folgenbe$ ®ebi$t: 

„Ärmer emptrifcfjer teufet, bu weißt es nid?t, rote bu fo bitmtn bift, 
2)enn bu bift, fei c3 gettagt, aa? a priori fo bunun." 

9113 fiefi nun biefer „arme Teufel" au» 9cotb 1854 su Berlin im 
neuen Äanat ertränfte, fdjrieb ©djopenbauer an ftrauenfräbt 
barüber febrüergnüat. 9. Wpril. „Dr. ßinbner bat mir bie 
33offtfd)e mit SBenefeS Ücefrolog juaeidjicft, mofür icb tbm iebr 
banfbar bin, ba e§ mtcb intereffirt, Die Saufbabn biefe£ ©ünber§ 
ju [eben. 1 ) 3d) glaube, er bat e3 fcbliefettd) bem (£mpebofte§ 
gteidjtbun roouen unb ift in ®ott weift melrfjeS 2odj gefprungen, 
u>o ibn ber Xeurel finben fann. 2 ) ©tatt ber ebernen Pantoffeln 
mirb roobl einmal bie golbene dritte ausgeworfen werben, gragt 
ftd), ob ein $)erangement feiner 2lngelegenbeiten ibn ba^u bewogen 
bat. — Siel ©elbftmorb in Berlin? OKau&'d, ift pbbfifd) unb 
moraltfcb ein t>ermalebeite§ Sfteft, unb bin icb ber Sbolera febr 
banfbar, baft fte mieb Dor 23 Snbrcn barau§ oertrieben bat unb 
bierber in'3 milbere SHima unb fanftere ßeben. bitter Ort für 
meine ferneren Xage." 

tiefer bem ungtütflieben ©elbftmörber nod) in bie bunfel* 
grünen, trüben glühen be3 „Weiten Kanals" $u Berlin nad)* 
gefcfjleuberte §ofm, «Spott unb §aft ift fo reit etn (Srempel 
Sur (Sfjarafteriftif @d)openbauer§. 

graueuftäbt finbet ba3 $(tteö ganj in ber Drbnung unb 
fud)t ben §a(3 bes '»ßbilofopfjen gegen Berlin noeb gu erflären 
unb 511 entfdmlbigeu. 



2)cv arme Xeufel fjattc gegeu 0 tt <§crjopcnr)aucr gcfi'mbigt; 
batte er nur ben perföniiajcn ©ort blaöpr)emirt , fo roäre er bei ©ort 
@cf/op ertt}au er er/er nodj in ber ©unft gefriegen. 

») 2öenn c§ ftcr) barum fjanbelt, einen (Sünber, ber gegen ben Sßelt* 
metfen gefünbigt tjat, $u ftrafen, ba fommt audj roteber ber Jeufet aU 
©eria^tSoolIjieber ber pbtfofopbifcben ©ottbett <m (Sbren. 

13* 



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196 



tniffologie im* ^fiffologic 



©. 363: 

„$)afe nun in bem „pbpftfcb unb moralifch oermalebeiten 9ceft" 
Schopenhauers $)ocentenlaufbabn nur eine fur$e mar, barüber 
bat man ftcf) nidjt ju munbern. 9lbgefeben baoon, bafe bamate 
an ber berliner Uniüerfität ne6en ftegel unb ©chleiermacber auf- 
kommen für einen iungen, ieinen eigenen 2öeg gebenben ^riüat- 
bocenten unmöglich mar, fo ^atte auch ©chopenbauer überhaupt 
nicht ba§ 3eug basu, al§ ^ocent Karriere su machen. (£r mar 
*u grofe, ftanb $u hoch ba (!). 2)enn obmopj er, mie feine 
aufarbeiteten $orlefungen reißen, e$ fel)v roobl üerftanb, fich in 
ber gorm be§ 93ortrag£ au nffomobiren, b. h- auf ben ©tanbpunft 
ber ftubirenbeu Sugenb berabaulaffen unb feine ohnehin fchou 
beutliche ©pracbe ben Jünglingen mit SRücfftcbt auf ba£ SDcafe 
ihrer ^enntniffe noch beutlicher, faßlicher su machen, fo ging bod) 
eben feine $Iffomobation§fäbigfeit eben nur fo roeit unb nicht metter. 
1)em ^nfmlt nach meicbcn feine 33orlefungen nicht um ein iitelchen 
oon ber „SSelt alö SSille :c." ab, lehren benfelben entfchi ebenen 
Atheismus unb 3$efftmtdmit$, treten mit berfelben 
Energie gegen bie herrfchenben occibentalen $or = 
urtheile auf. unb hätte bamit roobl Schopenhauer auf bem 
.^atheber ®lücf machen fönnen, märe er auch nur gebulbet morben. 
^a, hätte er neben feinem ®eift, feiner ©elehrfamfeit unb feiner 
sjpradbgeroalt, bie ihn gu einem ausgezeichneten ^ocenten befähigten, 
auch iene Söiegiamfeit unb ©cbmiegiamfeit, jene Solerans gegen 
bie £üge unb jene Unterm ürfujfeit unter bie oon oben ober oon 
unten beliebten SDteinungen beieffen, burch melche bie ©opbiften, 
bie öon, nicht für bie $biloiopt)ie leben, ihr (JHücf machen, bann 
hätte auch er reüffirt. Vlber feine äRiffton mar eine höhere. @r 
mar basu berufen, ben Tempel ber s £büofopbie oon ben ®eroerb£> 
(euten su reinigen; barum burfte er auch nicht einer üon ihnen 
werben." 

grauenftäbt behauptet gan$ im ©inne feines Üfteifterö, 
ber SlthetSmuö- fei bie Saht hei t unb ba$ dhtiftenthum (aud) 
noch basu in einer rationalifttfcben ^bfcbroädmng) fei bie £üge, 
jeber nod) mehr abgefcbroädjte DetemuS unb Zt)ti$mu$ märe 
boch noch „occibentaiifche* ^orurtheü". Dem gegenüber barf 
ber echte, b. h- &er atheiftifche $$ÜQf0pf) feine £olerans 
befi^en, ba gibt e3 nur einen $ampf auf tfeben unb Xob. 

Qn biefcm ©tnne fprtcbt graucnftäbt folgenbeS Verlangen 
au€ (©. 364): 

«<£8 märe ju roünfchen, bafj alle UnioerfttätSbocenten oon 
bemfelben (Reifte ber reinen unb rücfftchtSlofefien SSahrhaftigfeit 
befeelt mären, ber au3 ©cbopenbauerS Söorlehtngen athmet, bann 
mürben bie klagen, bie ben ©toff feiner ^Ibhanblung über bie 
llnioerfitätSpbüofopbie bilben, balb oerfiummen, unb bie auf bem 



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fcfS ffieltroeitcn ©(bopmfau«- 197 

$atbeber berrfdjenbe unerfdjrocfene (Sbrlidjfett mürbe balb audb 
t>on ba in äffe Greife ber SBinen^aft. be§ ÖebenS unb ber Siteratur 
einbringen, mürbe au§ allen Sie öüge, bie (Sfjarletanerie unb 
<5opl)ifterei berbrängen, mürbe nuf atte üerjüngenb unb fräftigenb 
würfen." 

$lfo nur fo gefdjmtnb als mbglid) fämmtlicfye $atf)eber mit 
Sltljeiften befefeen, — fort mit aller (Sljarlatanerte unb £üge! 
<3 dj o p e n fj a u e r obenan, <ßeffimt$mu$ unb SltljeiSmuS im glor 
unb in ber verjüngten unb gefräftigten (Generation werben 
bie fegenetoollen grüßte be$ 9ltf)ei3mu3 reifen! 

88. Jlie „freöjc Jtudflüftgkeü", „ber llnjtnn Hegels" wirb mnn 
Wtiivatxftn mit $trvn vtvftfcfimpft ftndj Jolling unb #tdrte 
werben IrerabgerifTen. Hur er allein bat ein Peojt, ilbilofortr 
?» r^in. Jtadj einige Üttnlnraben »an $djiwBf*<£kftarett über 

llninerJttätenrofeJTaren. 

Die unmittelbaren Vorgänger im Gebiete ber (Spekulation 
werben oon ©djopenbauer jämmerlid) ^er^auft; er oerfäumt 
feine (Gelegenheit, biefelben als eleube Qtfjarlatane ju be^eidjnen. 
33efonberS auf §egel bat er e$ fdjarf. §>egel gibt aber aud) 
waljrlid) §anbljaben, um ir)n 311 f äffen: fo 3. $8. ber ©afc in 
Tegels (Sncpflopäbte, § 12, bie geljre 00m 3Befen: 

„$a3 SBefen, al§ ba§ bureb bie Weaatioität fetner felbft ftd) 
mit fid) bermittelnbe ©ein, ift bie SBejiebung auf fiel) felbft, nur 
inbem fie SBejieljiina auf ein anbereS ift, ba£ unmittelbar nur al§ 
ein ®efefcte§ unb 33ermittelte§ ift." 

Darüber Sdjopentyauer : 

,/5)ie3 ftebt in 4 gebrueften Beilen, bie eben fo biele banbgreif* 
liebe Söiberfprüdje enthalten." 

&egel, § 116: 

„$)a£ SBefen ift nur reine Sbentttät unb (Sdjein in fidj felbft, 
alg e3 bie ftet) auf fid) beaie&enbe Sßegatioität, fomit Slbftofjen 
feiner 0011 fid) felbft ift; e$ enthält alfo mefentlid) bie ©efttmmuna 
beä Unterfd)iebe§." 

Darauf (Sdjopentjauer : 

,/Die freche $Rud)lofigfett biefeS ßbarlatang, bie eigentliche 
improbita8 feines Treibens, beftebt barin, bafe er SÖorte jufammen= 
fcfct, bie DÖffia unmögliche Operationen be§ SnteffettS angeben, 
nämlich Söiberfprücbe unb Söiberfinne ieber $lrt. $)a mirb benn 



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198 Sniffologie unb Vflffologie 

beim Sefen ber ^ntetteft fo auf bie Holter aefpannt, mie eS ber 
ßeib mürbe, roenn man ifun ^Biegungen unb Stellungen aumutbete, 
bie ganj gegen feine 5trtt(uIatton gingen." 

$)tefe Unoer ftänblidjfett ber ^egelfdjen ^ropoftrionen, 
bie ntdjt nur ber frembfpraajltdjen ftorm, fonbern audj feljr oft 
bem completen Unfinn berfelben äugufdjretben ift, fjaben fdjon 
cor ©djopenfjauer otele anberc ^ßf)ilofopf)en gefenn§eidfmet. 

©djopenfjauer geljt aber bem §egel (alte geinbfdjaft, 
roeil er unter §egels .^errfdjaft in Berlin feinen £ef)rftufyl er* 
f)ielt) nodj Diel berber 311 $etbe (©. 372): 

„Sm ®anjen enthält öegelS ^büofopbie 3 U baaren Unfinn 
unb »S forrupte (Einfälle. §lu feiner s 45t)itofop^ie ift nicbtS beut= 
lid), als ibre Slbficbt, melcbe ift r bie ©unft ber dürften $u er* 
roerben burä) ©erPilität unb Drtfjoborje. Die Deutlicbfett ber 
$lbfiä)t contraftirt febr pifant mit ber Unbeutlicbfeit be§ Vortrags, 
unb mie ftarlefin auS bem (£i entroicfelt fidj am (£nbe eine§ ganjen 
lÖanbe» öott bombaftiteben (SJatlimatbiaS unb UnftnnS bie ebele 
iWocfenpbilofopbie, bie man in Ouarta ju erlernen pflegt, nämlicf) 
ÖJott Sater, ©obn unb beiliger ©eift, bie 9tid)tigfett ber eüange* 
lifeben (Sonfeffton unb bie 3alfcf>beit ber fatboltfcben u. bgl." 

Söäfyrenb bie Slnfdjulbigungen bejugS SBiberfprüajen unb 

baaren UnfinnS bei «£egel gemife ntebt ungerecht finb, ift e$ 

bod) audj roieber oon <5djopenl)auer3 Seite ein Unfinn, ben 

,£>egel ber proteftanttfa^en Drtboborie 51t befdjulbigen. 

' lieber bie Unoerftänblicbfeit £egetö fär>rt Scfjopenfjauer 

fort : 

„Um bie 9)cenfd)en au moftificiren, ift nid)t£ tauglicher, als 
ifmen etroaS öoraulegen, baoon fie beutlicb merfen, bafe fie e$ 
nict)t Perfteben; bamerben fie, befonberS Deutfcbe, bie treuberjiger 
iiatur finb, fogleidb annehmen, ba£ eS nur an ibrem SÖerftanbe 
liegt, bem fie im Stillen nid)t gar oiel zutrauen; augleid) merben 
fte ibr 9ftd)toerfteben ebrenbalber üerbeblen, moju fein ftcberereS 
Drittel, al§ einauftimmen in ba§ Sob ber niebtoerftanbenen 2öet8= 
beit, bie nun eben baburd) immer mebr Autorität erbält, immer 
mebr tmponirt unb immer mebr SJcutb unb Selbftöertrauen in 
Dem oorauSfefct, ber, feinem SSerftanbe ernftlid) trauenb unb auS 
eigenen Mitteln urtbeilenb, baSDing für eine unftnnige ©albaberei 
erftärt." 

Jidjte, ©beding unb §egel merben in feinen Cogitata fum- 
marifdj oerarbeitet (©. 372): 

„Siebte bat mirflicb eine grofee ©ntbeefung gemadjt, bie ber 
9ciaiferie ber Deutfcben, öermöge roelcber, menn ibnen einer baaren 
Unfinn oorfcbroafct, fie auS gurebt, ibr SBerftänbnife au compro= 
mittiren, bobenlofen Xiefftnn barin finben unb ben Snbalt loben, 



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teö SBclttücifcn @a)epenf>auer. 199 

rooburd) ficfc ein pfeilofopfeüd)er Sfluf trofc bem SBeften bei ilmen 
begrünbet, ber, einmal etablirt, fefer lange bauett, bis ein benfenber 
®opf einmal bie Elften rebibirt. vcad) tljm feat ©cfeelling bie (£nt* 
becfung mit öielem SBortfjeile benufct, jebodj in itjrem ganzen 
Umfange fte an gebrauten mar Regeln oorbefealten, ber fte ber- 
mafeen benufct feat, bafc nid)t§ für bie folgenben übrig bleibt unb 
fie nun balb nicf)t£ mebr fein mirb al§ ein abgenufeter ®unftgriff. 
Dann mirb eine ^eriobe ber größten Deutlidjfeit unb Sebutfam- 
feit im $lu$brucf folgen, meil ber 53erbact)t auf boble 9cüffe unb 
2öinb immer rege fem mirb." 

$lu$ allebem a,ebt bie 53erfttmmung SdjopenfjauerS fjer= 
cor, beffen ©djrtften ntdjt beamtet mürben, roäfjrenb biefe £)ret 
reidjlicben SRufjm einernteten. Dtefe ^idjtbeadjtuna, oon 1819 
bis 1836 oeranlagte ibn, in fein OJcanuicriptenbudj ^u fd)reiben: 

„Die gänslid)e Wid&tbeadjtuncj , bie mein SBcrf erfahren bat, 
beroeift, bafe etrtroeber id) be$ 3cttalter§ nic^t mürbig mar, ober 
umgefebrt. 3« beiben fetten Reifet e3 jefct — fdjroeigen." 

2lu3 ben maffenbaften ^efdump jungen ber Untoerfttäts* 
pfnlofopljie unb ber ilnioerfitätsprofefforen nur nod> einige 
©roiproben (Parerga :c. r 1. 53b.): 

allen anberen Sßtffenfdjaften feaben bie ^ßrofefforen ber- 
ielben blofj bie 5krpflid)tung. nad) Gräften unb TOglicftfeit bo3 
ju lebren, roa$ roabr unb richtig ift. ©ana allein bei ben s #ro= 
fefforen ber s #btloiopbie ift bie ©atf>e cum grano salis oerfteben. 
.<Oier nämlidb bat e§ mit berielben eine eigene Söeroanbtnifj, roeicfee 
barauf berufet, bafe ba3 Problem iferer ^tffenicbaft baäfelbe ift, 
morüber aucfe bie Religion in ibrer öetfe $luffdfeluf$ ertfeeilt, 
mefefealb id) biefe al8 bie SOcetapfenfif beS SBolfeS be* 
% e i cb n e t fe a b e. Demnacb foden nun ^mar aucfe bie ^Srofcff oren 
ber ^ßbilofopfeie aflerbing3 lebren, roaö roabr unb richtig ift. 
.pierauä entfprang jener naioe, idjon in meiner ®rittf ber staut* 
icfeen s #bilöfopbie angebogene $u3fprud) eineä ganj reputirlicben 
WlofopfeieprofefforS im Safere 1846: „leugnet eine $feilofopfeie 
bie ©runbibeen be3 (SbriftentbumS, fo ift fie entmeber falfcfe, 
ober, menn aucfe mabr, bocfe unbraucfebar!" SDcan fiebt 
barauS, bafe in ber Unioerfttätgpfeilofopfeie bie SBaferfeeit nur eine 
8ecunbärfte£le einnimmt unb, menn e3 geforbert mirb, aufftefeen 
mufj, einer anberen Grigenfcfeaft $lafc ju machen. DiefeS alfo 
unterfcfeeibet auf ben Unioerfitäten bie $bilofopfeie üon allen anberen 
bafelbft farbeberf affigen Siffenfcfeaften." 

«3n Solfle feieroon mirb, fo lange bie stirere beflebt, auf ben 
Unioerfitäten ftetS nur eine folcfee 93feilofopfete gelehrt merben 
bürfen, roeld^e mit Durchgängiger 9türfficfet auf bie 2anbe3religion 
abgefaßt, biefer im SSefentlicfeen parallel läuft unb bafeer ftetS, 
allenfalls frauS h'gurirt, feltfam oerbrämt unb baber fcfeon Oer* 



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200 



Ämffologie unb ^ftffofogte 



ftänbttc^ gemadjt, bodj int ©ruitbe unb in ber &auptfacfie nidjtö 
nnbereS at§ eine ^arapbrafe unb Slpologie ber ÖanbeSreligion ift." 

Stockem ©äjopenfyauer bie UnioerfitätSprofefforen nrieber in 
aüen möglichen ©pracfyoenbungen befdjulbigt, baß fic nur ate 
£eudfyler um be3 ®elbe$ unb iljrer (Sriftenj nriflen ifjre fo= 
genannten conferoatioen $l?ilpfopljeme forgetragen, fommt er 
am @nbe mit feinen Söurfgef hoffen audj an ben 'jtapft Ijeran, 
um btefem ben (daraus ^u madjen. 

„"Senn, bafe eö mit ber Sß&itofopbie io redjt eigentlicher, bitterer 
(Jrnft fein fönne, läfct rooljl in ber ftteael fein 5Jcenfcf) fid) meniger 
träumen, al§ ein 3)ocent berfelben, gtetc^ttneberungläubigfte 
(Sbrift ber $apft *u fein pflegt." 

Gtiner ber auffattenbften pfiffe unb kniffe bei Sdjopen- 
bau er ift bie ^luffteüung irgenb einer 33 e Häuptling, bte er 
nidjt beroeift, tuctl er fic eben ntdjt bewetfen fanu, unb ba$ 
barnadj erfolgenbe $luffüf)ren eines ganzen babplonifdjen % ljurmeS 
oon (Sdjwßfolgerungen auf einer berartigen bunftigen 53e^aup- 
tung. 9tad)bem er ben £efer, bei welkem er ben Langel aller 
tfogtf oorauSfeftt, burd) einen fetfen SluSfprud) oerblüfft Ijat, 
fommt er gefcbnrinb mit feinem $)aber ijerangerücft, fo audj 
fuer: $)afjer gehört e$ benn aud) $u ben feltenften fallen, baft 
ein wirf Her) er ^fjilof opfy aud) 3tigleidj ein Docent ber 
s $f)ilofopf)te gercefen wäre. 

89. jDer VfrtltmtiU fajretbt fedjs Reiten oaii über feinen PJertlj 
unb (eine <5röf?e ! Unaiaubliaje £etfrnn$en im ÜtelbfUob unb 
förößenntatnt. <£r oben, ber Jfixtft, unter iljm lauter $nierae. 
tf £r trat o*n ^rijleier ber tUaijrijeit gelüftet" n. f. m.. unb ift 
immer ?n wenig erkannt, fu mentg genriefen. 

grauenftäbt bemerft: 

liefce ftd) au§ ben Sluffdjreibungen <Sd>openbauer3 ein 
ganse§ ,,$ud) be§ UnmutbS" iufammenfteflen, au3 bem beroor* 
flehen mürbe, mie bie $id)tbead)tuna, meiere er erfahren, ifin nur 
baau geführt I^at, immer tiefer in feinen eigenen SBertb, ben er 
o&nebefc nid)t gering anfd&lug, fid) bineinjureben u. f. ro." 

Jrauenftäbt bringt nun fedjs ©eiten tfobeSljnmnen, roeldje 
©djopenljauer feiner SEBeiSljeit, unb <Spott; unb Sßer- 
adjtung3au3brüd)e, bie er feinen pljilofopfjtfdjen 3^^cnoffen er- 
füllen läßt. 



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bc3 SBeltroeifen <Sd>optnbauci. 201 
9eur einige ©eifpiele (ß. 375): 

.,2Benn (Siner allein oben ftebt nnb bie Slnberen niefct herauf 
fönnen, fo mufe er, wenn er niefct allein fein mag, su ibnen berafc 
fommen" 

„23on ber <&elebrten*SRepublif ift oft bie Diebe, aber niebt öon 
ber ®emalens9repuolif. %n biefer gebt e§ io su: (Sin föiefe ruft 
bem anbern su, bureb ben oben Bmifcbenraum ber ^abrbunberte, 
obne bafc bie Smergenmelt, weldje barunter wegfrieebt, etwaS 
mebr oernäbme, al§ ba§ (Setön, unb mebr üerftänbe, al§ bafe 
überbaupt etwa£ oorgebt. Unb wieberum biefe§ ®e*merge treibt 
ba unten unaufbörlicbe hoffen unb maebt grofeen Särm, fcbleppt 
fidj mit bem, was $ene baben fallen laffen, proflamirt 
§eroen, bie felbft 3merge finb u. bgl., moöon jene föiefengeifter 1 ) 
ficb niebt ftören laffen, ionbem ibr bobe§ ©eiftergefpräet) fort 
fefcen." 

„53enn ein $abuletfrämer ben Herren öaarnabeln unb ben 
Damen s $feifenföpfe anbietet, fo lacbt man über feine Dummbeit, 
aber wie oiel toller ift ber ©infaH be3 93bilofopben , ber bie 
©abrbeit su Sftarfte trägt unb fte an bie ätfenfeben abaufefcen 
bofft — bie ffiabrbeit für bie SDcenfcben." 

„Web in bie pbilofopbifcben ©treitigfeiten meiner 3eit ein= 
*umengen, faßt mir fo wenig ein, wie, wenn icb ben $öbel auf 
ber ©äffe ftd) balgen fet)e, binab^ugeben unb Xbeil an ber Prügelei 
SU nebmen." 

„Die SßbifofoPbie nacb bem Söitten ber 3)tadjtbaber mobein 
unb fie jum SBerfeeug ibrer kleine $u macben, um bafür (Selb 
unb Remter $u erlangen, fommt mir oor, wie wenn giner *ur 
Kommunion gebt, um feinen junger unb Dürft ju füllen." 

Sdjopenfjauer bewegt fid) audj feinen gebauten 53or^ 
männern in ber ^Ijilofopfne gegenüber gerabeweg* In £ügen unb 
s l*erleumbungen, um felbe fyerabfefcen 311 fönnen $Mr fyaben anber* 
warte naa^gewiefen, wie 3. 23. Jidjte felber oor feiner föeoolution^ 
pf)ilofopf)ie erfdjrocfen ift, als ibm bie ftubirenbc $ugenb ^ n 
ftena, bie Gonfeauenaen feiner Veftrc praftifd) auSgliebernb, eine 
9tatf>tmufif machte unb bie genfter feiner Söoljnung jertrüm= 
merte — aber feine ^^ilofopbie, bie im£ ebenfo wie bie ©djopen- 
bauerS ate ein Unfinn erfdjeint, fjat er n icb t nadj bem Si II en 
ber 2ttad)tljaber gemobelt, im ®egentl)eil , er t)at oon 
feinem Äatljeber berartig t^ronumftürgerlicfeen unb fürftenfeinb 
liefen förafefyl erfüllen laffen, baß man trachtete, itjn lo$ 
juwerben. 



») £aö fennt bod) ^cber, roaS fcaä beifjt, unb wer ber ift, ber fliiefau 
gtift! 



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202 



Äniffologie unb ^ßftffologie 



9todjbem ©djopenfjauer jämmerlich geminfelt unb gc- 
fchimpft, bafj man feine ^tlofopftic oernacbläffigt itnb ba$ 
platte, (Schlechte, 5$erfer)rte, 2lbfurbe. ben gemeinen köpfen an= 
gemeffen, emporgehoben, meil bas Sledjte, 33 orjü gliche, Un* 
gemeine (b. i. feine ^fjüofopljie) bei ihnen (ben gemeinen 
Söpfen) feinen Seif aß gefunben, gelangt er mieber $u feinem 
beliebteren Kapitel, jur SDcenfcbenöerachrung, oon feiner §>öbe 
herab. @. 377: 

„£af$ ich in beiben Säßen an mir ielber irre rourbe, laß 
baran, bafj ich oon ber ©röfee ber (Srbärmlidhfeit ber ^Jienfctjen 
feinen Söegriff t>atte noch haben fonnte;" „in beiben Sölten erhielt 
ich bann unb mann einen £roft burch ba£ Qrofje 2ob, bie 5öer= 
efjrung ©naelner, welche gegen bie allgemeine $8ernad)läffigung 
befto greller beröortrat. ^tefeö trug bet, mich SU orientiren." 

„öerne bie ganse ©cbärmlichfeit ber SRenkhen überhaupt, bann 
bie beineö 3eitalter§ unb ber beutfehen (belehrten insbefonbere, 
recht beutlidp unb im 3ufammenl)ange begreifen, bann mirit bu 
nid)t mit beinern 2öerfe an ber&anb flehen unb fragen: ^ft ba£ 
s JJ^enichengefchlec^t berrüeft, ober bin ich'S?" „3 ch babe ben 
Schleier ber 233 a 1) r Ip e i t tiefer gelüftet, als irgenb ein 
Sterblicher üor mir. — $lber ben mill icf) feben, ber 
tich rühmen fann, eine elenbere 3e^9enoffenjchaft ge = 
habt ju haben, a IS ich." „Steine .ßettgenoffen haben burch 
bie gänzliche 53ernachläifigung meiner ßetftungen unb bermetligeS 
©elebriren beS 9)febiocren unb Schlechten alle§ Mögliche gethan, 
mich an mir ielbft irre ju machen. Olücflicher Söeife ift e£ 
ihnen nicht gelungen, fonft mürbe ich ju arbeiten aufgehört haben, 
mie ich hätte müffen, menn ich burch meine Arbeiten zugleich einen 
Unterhalt }U erwerben gehabt hätte. $)a£ beutübe Saterlanb hat 
an mir feinen Patrioten erlogen. $)ie beutfehen au loben, baju 
mürbe mehr SöaterlanbSliebe errorbert, al§ man nach bem Soofe, 
melche§ mir gemorben, billiger Sßeife öon mir oerlangen fann." 

Doch t)at Schopenhauer 1813 reichlich für bie greimtüigen 
beigefteuert, einen Säbel fammt $er)enf gefauft unb biefe 
bebenden ($egenftänbe einem anbem oerachteten beutfehen ge- 
fchenft, baß biefer arme Xeufel für ihn feine £>aut *u üftarfte 
tragen folle. 

Senn er aber auch für feine ^bilofopfne alles mögliche 
£ob fchon bamate eingeerntet hätte, fo mürbe trofcbem ba3 
beutfehe SBaterlanb nicht bie greube erlebt höben, in biefem 
Seltmeifen einen fülmen, mutagen 33orf echter $u finben, benn 
er hätte auch bamals bie fchöne fpanifche Sanb für feinen 
Sfluthmangel fnngeftellt: „bas 23aterlanb hat in mir feinen 



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bea Seltmetfen ©d>openhauer. 203 

Patrioten erlogen." Unb ($roinner, fein Stpoftel, fagt eben fo 
fdjön entfd)ulbigenb : „Slber felbft einzutreten feblte itjm 
ber innere Antrieb!" 

JJrauenftäbt f)ält fidj nun fjödjlidj über jene Unbesonnenen 
unb Ottifjgünftigen auf, melcbe nacb (£inficbt in bie ©elbftmertb- 
fdjäfymg @djopen()auer3 ausrufen: ,,<3elbftüberfd)äkung — 
nidjts ate (5elbfmberfa}äfeung ! " unb fudjt feinen attjeiftifa} 
frommen Sefern tangmäebtig ben 53emei3 311 tiefem, baf$ aud) 
bie 9ftd)tanerfennung beS £efepublirum3 eine große ©djulb an 
ber Verbitterung unb €>elbfterf)ebung be3 Seltmeifen getragen. 

(@. 382.) 1821 {abreibt er in feinem goliant: 

„(Silber, (&olb unb ©belfteine finben jeben Xng Käufer, baber 
man, mit i&nen oerfeben, nie in *ftoü) geratben fann. $lber (£bel= 
fteine Dom erften 9tang, bie ljöd)ft feiten unb geroiffermafcen un= 
icbä&bar finb, finben aud) nur feiten einen ftenner, ber fie ju 
fdSäfcen meife unb nacb ibrem ooUen Sertb be^ablt, unb wenn 
man fie aber nidjt üerfcbleubern miß, fonn man mit ibuen arm 
fterben, aber reiche (£rben fjinterlnffen. ©ana eben fo merben 
fteine Talente leictit erfannt, gefcbäfct unb genufct, binaegen bie 
iebr grofeen, bödjft feltenen, faft unfebäfebaren ialente 
finben febr febmer einen Senner, ©cbäfcer, Söelobner ibrer SSerte, 
geben oft üon ber s JJiitroelt ungenoffen auf bie 9?ad)welt über." 

^rauenftäbt fud)t, mie gemöbnlidj, audj f)ier feinen Patron 
,}u oertfyeibigen, unb nuar bieSmal burtf) bie concentrirte (Srfnoefel- 
fäure feines (SoftemS, buxd) ffiillc unb 3$ or fte Illing. @. 383: 

„9cid)t§ ift in meinen klugen natürltcber, als bafj ©d)open = 
bauer feine 9?id)tbead)tung bei ben Beitgenoffen als notbmenbig 
erfannte (!!) unb bennoeb (!!) febr unangenebm bureb biefetbe 
berübrt mürbe unb über biefetbe in 3orn gerietb. (£r mar eben 
nid)t blofe ^ßbilof opb, fonbern aueb ätfenfd). nidjt blofc reiner 
Sntelleft, fonbern aud) SSiüe. 511» s #bilofopf) (reiner ^ntelleft) 
erfannte er fein ©cbitffal al§ notbmenbig unb fanb e$ ganj in ber 
Drbnung, al8 9}fenfcb (SöiUe) bingegeu empfanb er e$ febmeraltd) 
unb roarb barüber erbittert." 

90. Per Sföjniinbfl ber gatifen mm ^ranrnfläM gegriffenen 3£ri»Jl* 
tbeerte bes £d)Cptn hau er- ShjfUms. 4 r r aufit ßiib t fndjt bie ®>ebr t djr n 
$ajopen|janer0, um tbn etwas ?n entlajten, anöj nieten &nberen 
binönf?nbemeiren. Hie £äifrerltdjkett, ben gtatnpf mm WUe 
unb Intellekt für eine förfntonng §tdjQptntyavitv& f» otnbietren. 

'iftadjbem Jrauenftäbt anbermärtS oon bem £rofte fpridjt, 
melden bie ©d)ooenljauerfd)e ^fnlofopfjie ifjren Gängern 
gemäßen foll, unb naebbem mir r)ier feben, mie beim ganjen 



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204 



.tmffologte imfc ^ftffologte 



<5pftem oon SÖille uitb Söorftellung bie $orftellung über 
. bcn Hillen gar feine (Seroalt, feinen (Einfluß beim (Softem- 
erfinber f elber gezeigt l)at, fo erlauben mir uns trofc aller 53er * 
tljeibtgung ©djopenljauerS gerabe in bicfem Umftanbe bie 
totale Unfrucf)tbarfeit unb ben redeten, blof3gelegten <Sd)roinbel 
biefer ganzen fogenannten SBefeeligungS* unb ärofttfjeorie 51t 
erfennen. 

(£ss ift ein mißlungener Sife unb ein abgefcbmatfter 
$unft griff, wenn Jrauenftäbt, um Hefen 5Biberfprucb bei 
©djopen^auer abäufcfyroacben, benfelben äugletdj allen anbcren 
SBeltroeifen, ®elef)rten unb ©nftematiferu auf ben dürfen 
3U Ijeften fud)t, roie folgt (@. 384): 

„$lu§ biefem $)uali§mu3 tion Sntelleft unb 3Bttte, bem feljenben 
ÜJeläijmt'en unb bem ftarfen ©linben, läfet ftd& überhaupt ba£ 
tounberlicf)e ©emifd) Don ©röfce unb SHeinbeit, üon (£r&abent)eit 
unb 9?iebrigfeit, oon (Starte unb (Scbroädje erflären, baS fo Diele 
9J?enfd)en, unb qerabe bic ©enieS am meiften, un§ barbieten. @$ 
merben fttf) aufeer (Schopenhauer unfcfcroer noch etneSftenge 
anberer ©röfjen auffin-ben laffen, bie nicht immer unb 
allen Stunben grofe, fonbern auch oft [ehr Kein roaren, beren 
SSiDe nicht immer mit bem SnteUeft gleiten Stritt hielt, fonbern 
oft geßen ihn im 9fücfftanb blieb." 

3Benn es nach graucnftäbt nicht un ferner ift, (Tropen 311 
finben, bie fich mit ihren Übeorieen tn fo contrabictorifchc 
SBtberfprüche roie (Schopenhauer oerroicfelt haben, fo ift fefjr 
ju bebauern, baß fidj grauenftäbt aud) nicht einmal an eine fo 
un fernere Arbeit fjerangemagt t)at. 

Um bie (Srtraoaganjen «Schopenhauers im Seben abäu; 
fchroädjen, werben btcfelben alfo oerallgemeinert, allen ober bod) 
ben meiften Genies jugefchrieben, unb bem ®cnie merben baju 
allerhanb ^3rioilegien unb 33ollmachten erteilt, als ob fid) baS 
(#ente als folcheS nicht nur über alle ®otteSgebote, fonbern 
auch über bie gewöhnlichen Regeln unb 3lnf Haltungen oon (Sitte 
unb (Sonoeniens ^inmegaufe^en berechtigt märe. 

(S. 384: 

„SJaS ©enie führt eben neben bem intclleftuellen Seben 
ouch ein perfön licheS, unb $11 tierlangen, bafc eS in bem lefctern 
ftetS eben fo grofc bnftebe, rote in erfterm, beifet tierlangen, bafc 
ber geniale fein 2flenfch fei. $)er ©eniale bleibt aber, io 
übermenfehlich er auch oon ber inteHeftuellen (Seite erfcheinen mag, 
tion ber 28itIenSfeite immer noch ein äNenfdj." 



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205 



$)a$ ift bodj eine bödjft fopfjtftifd) gebredifelte, gerabeweg£ 
abgefd^maefte 33ertf)eibigung$metf)obe. @3 lägt fidj ja bod> aud) 
ber ^nteUeft ooin Stilen nic^t berartig zertrennen, baß ber 
Sitte bes Üftenfdjen, ben er in feiner §anblung$meife manu 
feftirt, nid)t aud) auf ben ^nteüeft ben größten Ginflug unb 
Drutf ausüben müßte. Scr ber £)offart, ber 3lugenluft (Söeftfc) 
unb JleifdjeSluft ergeben ift, bei bem wirb nadj be3 alten unb 
wahren 2lpoftel§ 9lusfprudj aud) ber ^ntelleft außerorbentlia> 
getrübt werben ; basieren Hart ober oerbuufelt bie (Srfenutntß 
(^otte<5; ber Xfyox fagt in feinem ^er^en: CN ift fein 
$ott; nadj biefem ^falmenwort, ba3 fo einfad) Hingt unb fdjetnt, 
ift ber Sille ber £)err über ben Qntelleft — im (Reifte, 
im $ntelleft glaubt ber Stftenfa) an ($ott unb fürchtet fid) oor 
(#ott — unb barum fud>t er benfelben im £>er£en, b. f). im 
Sitten, ju oerleugnen. ©o befämpft ber eigene Sitte ben 
eigenen Qntelleft unb bringt benfelben in Verwirrung. Die 
©ünbe ift ber böfe Sille unb bie ganje Offenbarung bezeugt, 
wie ber Qntelleft immer oon ber <5ünbe getrübt wirb. 

Ser fid) ber f leinen s J)füf)e unterziehen will, bie ljunberte 
oon ©teilen bes alten unb neuen 53uube3 in ber (£oncorban$ 
ber Vulgata unter bem ©d)lagmort Voluntas (Sitte) nadj- 
jufudjen, ber wirb crfcr)e» r wie biefer ftampf be£ Sillens mit 
bem ^nteüeft, für beffen ©rfinbung Sdwpenfjauer patent 
unb Privilegium eigener ©rfinbung in 3lnfprud) 
nehmen will, in ber ^eiligen ©dmft oiel braftifdjer, beutlidjer, 
erfenn* unb fühlbarer bargeftettt ift, unb befonberS in ben 
(hangelten unb Mpoftelbrtefen eben ber Sitte als ber notb- 
wenbigfte gaftor ber (Jrfenntniß, ja als bie ^ebingung ber- 
felben erfannt wirb, fo baß eben nur ber wafjre, friebferttge 
MuSgleidj be£ $ntellefte3 mit bem Sillen oom Sitten bebingt 
ift, wie es bei $ufa3 II, 14 beißt: „(£f)re fei ®ott in ber 
§öf)e unb Jnebe ben Üftenfd)en auf (Srben, bie guten Sittens ftnb.". 

($erabe bei ©dwpenfyauer ift ber llnfriebe beS Sillens mit 
bem $ntetteft ber fdjwarje gaben, ber burdj fein ganzes <3t)ftem 
binburdj geljt, unb wenn einer aud) auf bie Siffenfajaft ber 
P^fiognomif fein ©Aftern b. f). feine Käufer bauen möa^te, fo 
fann man bod) fagen: es läßt fidj faum ein unf rieb fertigeres, 
oon innerer .ßerfattenfjeit — bei übrigens genialen Anlagen — 
metjr -jeugenbeS ($eficbt auffinben, als baS (&eficbt biefeS Seit* 



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206 



fotiffologie unb ^fiffologie 



weifen, wie e$ nadj einem gelungenen <ßorträt in bcr großen 
^öiograp^tc $inbner*<$miimer im ©tafjlftidje £u erfeljen ift — 
ja, biefe3<Sdwpenf)auerfd)e wie ba3 33oltaire=®efirijt tonnten nodb 
als bie beften Jolien — für bie (Jngel* unb |)eiligen=®efid)tev 
be$ feiigen Slngelico Riefele gebraust werben/ 

(£3 ift bafjer gerabewegs eine unmabre 93ebauptung, wenn 
ftrauenftäbt fagt: 

„(£r (©dwpenbauer) mar fieb be§ betriebenen boppelten 
iJafeinS unb ber (Srbabenljeit feine§ in tellef tuellen Sebent 
über fein peribnlicbeS audj febr gut bemufet unb wollte be§balb 
atö fein ©innbtlb „ben 33aum im ©türm, ber bennod) feine rotben 
^rücfjte auf ben «Bmeigen trägt", in ein ^etfcfcaft ftedjen laffen 
mit ber Umfdjrift: dum convollor mitescunt ober conquassata sed 
ferax." 

Diefer gan^e 'ißetfdjaftöbewete r)inft nadj aüen leiten; bei 
<3djopenf)auer ift bie ungef)euerlid)fte £>offart, «Selbftliebe, 
€>elbftwertljfd)äkung, ber größte (SgotemuS, ben man fict) benfen 
fann, in feiner ^erfönlidbfeit fo übermäd)tig, unb er gerätf) 
be^fjalb bei jebem SJBiberfprud), 3 lüC ^f^ an feinem ©ttftem, bei 
fragen um ben legten (&runb in einen berartigen 3 orn » 
e$ offen unb erfidjtlid) baliegt, wie nid)t ber ^ntetleft, fonbem 
ber 3Btlle bei ifym bie große ($eige fptelt; wenn aud) er ba$ 
nia)t einbefennt unb gelten laffen will, fonbem bei jeber 2ln = 
fe a^tung als (Sdju^webr ben $nte lieft feinen ©egnern ent= 
gegenfjält, um biefelben al$ Jeinbe ^ cr ßrfenntniß, ber 
SÖa^rbeit, ber einzigen redeten unb magren 'JMjilofopfjie (wie 
er fein ©pftem immer benennt) f)in;$uftellen unb t>eräd)tlict) ju 
madjen. 

SÖäfjrenb <&d)o penbau er alle djrtftliajen Wlofopben in 
einer SBeife ignorirt, als ob es weit unter feiner SfiMirbe märe, 
biefelben aud) nur namentlidj $u ermähnen , weiß er feine 
atfjeiftifcben unb peffimiftifdjen Vorläufer nie genug fjodjgufjalten 
unb 511 rühmen. <5o citirt er §ume unb Voltaire mit 33or= 
liebe, lieber £mme fagt er (2öille 2c. 3. HufL II. 665): 

„Xie 2 SBerfe Natural history etc. unb Dialogues etc. feien fo 
lefenSmertb, wie fie in $)eutfd)lanb beut au £age unbefannt finb, 
wo man bagegen patriotifcf) am efelbaften ®efafel einbeimifeber 
fidb fpreijenber s Mtag§föpfe unglaublich ©enüaen finbet unb fie 
al§ grofce SWänner auSfdjreit." „9lu§ jeber ©eite bon $)abib 
&ume ift mebr ju lernen, al§ au§ &eael§, &erbart§ unb «Sdjleier- 
macf)er§ fämmtlicben pbilofopljifcben SBerfen aufammengenommen." 



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be£ SBettroetfen (Schopenhauer. 



207 



91. £djaptnb**tr* JÜetaplmftk ber (Sefdjkdjtelteb* ein Hf|«ltttt 
1"ttn*r £tubtro tmb ein JTnfuU für bte «tfrunenttielt. 

©inen oorsüglicben SCÖcrt^ legte (Schopenhauer, unb mit 
i^m bte Slpoftel beSfetben, auf feine 9ttetapfmftf oc * ^efchledjt^ 
liebe, ^n feinen Cogitata f)at (Schopenhauer (grauenftäbt 
<S. 390—391) in einem ®efpräch amifchen £>apbni§ unb (Sfjloe 
ben $ern biefer fetner üttetapbpftf niebergelegt unb $am mit 
ber Einleitung: 

„3Bemt in jmei Öiebenben ber fie leitenbe (Seift ber (SJathmg 
ftatt in infttnftmäfctgen (Gefühlen ftcf> in bcutlic^en gegriffen au«; 
fprädje, fo mürbe bie hohe ^oefie ihre§ oerliebten Dialogs, welche 
jefct nur in fdj Wärmer ifchen ©ilbem unb bmmopbtiftühen Wambeln 
öon überschwenglicher (Sebnmcht, SUjnbung, unenbücher SBonne, 
unaussprechlicher (Seligfeit unb ewiger breite u. f. ro, rebet, etwa 
folgenbermafcen lauten:" 

Jolgt nun ba$ ®efpräch, in welchem nicht nur ber fafra* 
mentale (Ebarafter ber (£be, b. fj. bie religiöfc, fonbern auch bie 
poetifche ober romantifche (Seite in jenen Qualm h^abgejogen 
wirb, melcher Schopenhauer fo befannt geworben ift, als er 
auf jenen eigenthümlicben Unioerfttäten in ^tau'tm über biefe 
3J?etaphPfif Unterricht genommen $at, oon bem er felber ganj 
unoerhohlen mit feinen Äpofteln $u fpredjen liebte; ja er ging 
fo weit (©. 339), biefe feine Sfletaphtyfif ber ($efcblechtSliebe 
„eine ^ßerle" ju nennen, nur ift biefe ^ßerle mit ber fprich* 
wörtlichen ^erle, welche ben (Schweinen oorgeworfen mirb 
(melche in bem (Sinne beS (Sprichwortes fein Sßerftänbnijs für 
ben SCÖerth berfelben befityen), nicht ju oerwechfelu, benn für 
biefe (Schopenhauerfdje ^erlc bürften gerabe (Schweine 
bie befte SBerthfchätJung unb bie oerftänbnißinnigfte greube an 
ben £ag legen. 

£>ie Angriffe, melche fich Schopenhauer burch biefe 
s JJ?etaphtyftf unb bie ba^u gegebene „metapbhftfche (£rflärung ber 
^äberaftie" ^uge^ogen (S. 392 — 394), in benen befonberS &oaf 
mit bireften löefchulbigungen bem SßMtweifen ju L'eibe ging, 
finb thetls §11 arg, tt)eife ^u meitläufig, um hier ausführlicher 
befprochen werben $u fönnen. Söei berlei Gelegenheiten ^üütc 
fich (Schopenhauer in feinen *ȧf)tlofopt>crimantct unb fefcte fich 
in ben Luftballon feiner ^ochfehäftung, unb fuhr hinweg über 



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208 



Aniffologie unb ^ftffologie 



bie elenben Äüpfe unter ifjm, wie er eben bei btefen Ungelegen« 
(jeiten in feinen Senilia treibt (®. 395): 

„©in £bett be§ $ubltfum§ rotrb bemerft b«ben, rote bas 

(iterarifebe ©efinbel mit föotb unb Steinen nadj mir roirft unb 

babei öon fo febroacbem SBerftanb ift, md)t öorberaufeben , bafe 
beibeS auf fein eigenes £>aupt äurücffättt." 

$)er 3BeItiuetfe f>at es> roobl felber gefüllt, bag fein ®e= 
fpräd) $roifcben üftann unb grau be^ugs einer (£f)efcblte(3ung 
mebr eine ilrt ooti Xfjiergefpräd) al$ SD^enfc^cncjcfpräc^ ift, benn 
fein Slpoftel grauenftäbt felber berietet über bie 93eforgnij3 
3d)openJ)auer$ : er roerbe für biefen feinen pl)itofopfyifa)en (Sn* 
ntemuS einige $nfed)tung erfahren (©. 391). ftrauenftäbt fagt 
febr verblümt unb fef)r fdjlau: 

Jin folgen fünften feiner TOlofopfne, roie bie SRetapbüfif 
ber ®e)d)lecf)t3ltebe, rourbe ftcb Scbopenbauer be£ ®egeniafce£ 
berfelben mx $atbeberpbilofopbie reit beroufct unb beabfiebtigte 
baber am ©cbluffe beS ®apitet§ über bie „äRetapböfif b. &." einen 
Vieb auf bie ^btlofopbieprofefforen. Denn er fdjretbt in feinen 
Pandecta: „»»im 3d)tu& be3 $apitete über bie ,M- b. <&." fott 
fteben: 1>ieie3 Kapitel babe icb mit fo Diel größerer gtebe unb 
^lu^fübrftdjfeit aufgearbeitet, atö icb babei auf ba£ Sftifefatten ber 
s #büofopbieprofefforen, roelcbeS für mieb ftet§ aufmunternb geroefen 
ift, siemlid) fieser rennen fonnte; benn für ben $atbeber 
mürbe i icb bie fe§ Kapitel red) t unanftänbig auänebmen. 1 ) 
3ür benfelben ift freiließ aueb meine ganje s £brtofopbie niebt fonber-- 
Ucb geeignet u. f. ro." 

folgen §)iebe auf bie ^rofefforen unb bie $at^eber= 
pfyilofopfjen. 

53ei fetner &bt)anblung über biefe Gattung üftetapfjnfü 
übergebt ©djopenljauer, roie aus bem 9faü)folgenben (SGBelt al§ 
2Btüe 2C. SörocffjauS, 2. 33b. 608) erftdjrlia}, ben notorifd) 
oerberbliajen ©influß ber peffimiftifcfyen SBeltanf cfyauung , roie 
biefe burd) bie mobernen Romane unter ba3 SBolf fjerunterfiefert 
unb bis jur ^arrljeit unb junt ©elbftmorb (Server) ausartet. 
(£r fagt roofjl barüber: 



x ) Slber für eine bösere Jöebterfcbule $ur S3ereblung be3 ®eifte$ unb 
^erjenö roäre e£ mefleiebt noeb angejeigter! SDfit einer „Jungfrau", roelcbe 
fiatt Religion mit bem inebr untere, als über=(meta=)pbt>fifcben Unter= 
riebt über $bUofopfne unb ®et'cblecbt§liebe nacb ©ebopeubauer bedürft worben 
ift, tonnte ein junger äflann, ber ftcb ba£ ©lücf eine3 bäu§ltcben £erbe$ 
begrünben wollte, einen frönen ftang macben. 



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be§ Settweifen ©djopenbauer. 209 

„2)ie SSertljer unb 3acopo £5rti3 ejiftiren nidbt blo§ in fdo? 
manen, fonbern jebeö Sabr l)at beren in (Suropa roenigftenS ein 
balbe§ £)ufeenb aufouroetfen : sed ignotis perierunt mortibus illi: 
benn i^re Seiben finben feinen anberen Sbroniften, alg ben ©djreiber 
amtlicher ^SrotofoHe , ober ben $8erid)terüatter ber geitungen. 
Qod) werben bie Sefer ber poliseigericbtltcben s >(ufnaljmen in eng^ 
ÜKben unb fransüfifcben £age£blättem bie 9tid)tigfeit meiner 5ln : 
gäbe bezeugen. 9^ocr) größer ober ift bie $abl berer, meiere bie* 
felbe ßeibenfdjaft in'§ Örrenbauö bringt, (Inblicb bat iebe§ ^abr 
aud) einen unb ben anbern Satt oon gemeinfebaftlicbem ©elbftmorb 
eines liebenben, aber bureb äufeere Umftänbe oerbinberten s $aare* 
aufjuroeifen , mobei mir tn&nnf&en unerflär(tcr) bleibt, roie bieie, 
meldje gegenteiliger Siebe geroifc, im (Senuffe biefer bie r)öd)ftc 
Seligfeit su finben erroarten, ntdjt lieber burd) bie äufcerften 
Schritte fid) allen SBerbältniffen entheben unb jebe$ Ungemad) 
erbulben, al3 bafe fte mit bem Seben ein Gbiüd aufgeben, über 
lDelctje^ binau$ ibnen fein gröf$ere£ benfbar ift. 2Ba3 aber bie 
nieberen ©rabe unb bie btofeen Anflüge jener Seibenicbaft anbe* 
langt, fo bat Seber fi e tägüi öor ftugen, unb fo lange er niebt 
alt ift, meiften§ aueb im ftersen." 

„&lfo fann man nad) bem bier in (Erinnerung ©ebraebten 
meber an ber ^Realität noeb an ber 9ticbtigfeit ber Sacbe ameifeln, 
unb follte baber, ftatt ftcb su nnntbem, oafe aueb ein s #biloiopb 
biefe§ beftänbige &bema aller Siebter einmal ju bem feinigen 
madjt, ftd) barüber munbern, bafj eine ©ac^e, roeläje im SKenfcben- 
leben burcbroegS eine io bebeutenbe 9totle fpielt, oon ben SjS&tlo* 
fopben bi£>ber fo gut rote gar niebt in ©etraebtung genommen ift 
unb al§ ein unbeaebteter Stoff oorliegt. Sßer ftd) noeb am meiften 
bamit abgegeben bat, ift ^laton, be|onber§ im „©aftmabl" unb 
im ,,^Sbäbru§"; roa§ er ieboct) barüber öorbringt, bält ftcb im 
(Gebiete ber äRntben, Sögeln unb ©eberje, betrifft aueb grö|ten= 
tbeil§ nur bie griedjifdje Sfrtabenliebe. S)a3 Söenige, roa£ Stouffeau 
im Discours sur Tinegalite (§ 96. ed. Bip.) über unfer Xbema fagt, 
ift fallet) unb ungenügenb. 1 ) ®ant§ Erörterung be§ ©egenftanbes 
im 3. Slbidwttt ber 2lbbanblung „lieber ba§ (Sefübl be3 «Sdjöneu 
unb (Srbabeuen" (<S. 435 fcL ber 9tofenfranäifcben 9lu§gabe) ift 
iebr oberfläcblicb unb obne ©adjfenntnife, baber jum Xbeil aueb 
unrichtig. Snblicb ^latnerS Öebanblung ber ©acbe in feiner Än* 
tbropologie (§ 1347 fg.) roirb ^cber platt unb feiebt finben. &in; 



*) 25a3 SBtcle, »ela)c3 ©ebopenbauer Ü6er biefeS Xbcnta fagt, ift aud) 
falfcb unb ungenügenb, benn »ad fllouffeau unb ©ebopenbauer au§ ibren 
?eben3gepflogenbeiten fidj für (Srunbfteine jum Aufbau tbrer$ßbiu)= 
iopbie b^awSgefunben baben, ba§, fönnte man fagen, ift jum ©er = 
ftänbni^ iljrer ^bilofopbie niebt falfcb unb ungenügenb, fonbern eajt uno 
aufeerorbentlicb genügenb. 2)ie sperren fuebten ibre Probleme ibren 
^rafttfen anjupaffen, unb ba finp beibe über bie ^bpfif ber C»efcblccbt#= 
liebe ntdjt binaudgef ommen. 

»runner, Jhttffolofljc unb ^fijfotogtc. h 



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210 



Äniffologic unb ^fiffotogic 



gegen üerbient SpinojaS Definition wegen ihrer übericbwenglichen 
5caiöetät jur Aufheiterung angeführt su werben : Amor est titillatio. 
concomitante idea causao oxtornao (Eth. IV. prop. 44. dem.). Vor- 
gänger habe ich Demnach nicht au benu&en, noch au wtberlegen; 
bie Sache hat fich mir objecto? aufgebrungen uno ift oon felbft 
in ben 3ufammengang meiner SSeltbetrachtung getreten." 

Schopenhauer hat allerbtngs biefe äßetaptmfif in bcn 
1 3ufammeiihang mit feiner SBeltbetrachtung gebracht. &Mc 
nun feine SBeltbetradjtung mit feinem Veben harmonirt, 
fomit muß fein (ürcurs über biefes Zfyma auch mit feiner 
^eltbetracbtung harmonirea Auffallcnb ift auch Ijkx, wie fid) 
berSBeltweife immer als ben erften Genfer, ben originellen 
(ftebanfenerftnber über bicfeS Xfjtma heroorbrängt; 
was bie heilige Schrift, bie $trcf>ent>äter unb Öeljrer über biefes 
gefchlechtliche 33ert)ältittß unb bie Beziehungen beSfelben auf bie 
göttlichen (Gebote betonen, baS wirb oon ihm fef/r folgerichtig 
ignorirt, baS hat er in feinem £eben grünblich o er achtet, er 
mußte e$ auch aus feinem ($ebanfenf reife als unliebfame Störung 
beftänbig hinauswerfen. 

Auch was er über bie § ei übe feiner Betrachtungen über 
biefeS Steina oorbrtngt, ift gerabewegS unwahr. Crr fagt: 

„Den wenigften Beifall habe ich übrigens uon Denen 511 
hoffen, welche gerabe felbft oon btefer Seibenfchaft beberrfcht finb 
unb Demnach tn ben fuhlimften unb ätberifcrjftcn Silbern ihre 
übericbwenglichen ©erüble auS^ubrücfen fueben ; ihnen wirb meine 
Anficht ui Pbuftfcb, au materiell ericheinen, fo metaphtjfifch, ja 
tranScenoent fie auch im ©runbe ift. 9Jcögen fie Vorläufig er« 
mögen, bafj ber (Segenftanb, welcher fie heute au SWabrigalen unb 
Sonetten begeiftert, wenn er 18 Sabre früher geboren wäre, ihnen 
faum einen Üölicf abgewonnen hätte." 

Dem ©eltwetfen fönnte man auf biefen Syllogismus er= 
wibern: $enc Damen, bei benen er fid) feine Äcnntniffe über 
bie oon ihm eigens behanbeltc SDfrtaphwfif anzueignen pflegte, 
haben ficher auch als 18 Qabrc früher geborene feinen jungen 
•Jßann p SKabrtgalcn unb Sonetten begeiftert - - beim bei 
jenen befagten Damen ba ^ört fid) beer) alle Ißoefte auf. 
Der SBcltweife felber hatte fidj burch feine ^ßraftifen eine ber= 
artig fd)mäblicbe Borfte Illing oom weiblichen ®efcblechte ge^ 
macht, ba(3 er, ber allen ätoetfüjjlem feine oollftc Verachtung 
( ui zollen pflegte, fidier zu ®uttften ber weiblichen Bipedes feine 
Ausnahme gemacht haben würbe! 



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fce$ SBcUtoctfcn (Schopenhauer. 



211 



92. gfctjtfptnbanerd ^bljonblnua über bie &nabenfd>änbnna. 
Mtdfitvixi^tv Pornmrf bea Jlljüofanljen itiwk im Ürfropftt* 
biwer. jFronenJHibt r»<bt mtrfi b«* (tote immer nergebltdj) 
feinen pteißer ans ber Ctüake Jjernnöf«?ielyett. 

^n bcr 3. Auflage „Sßtelt als 28tlle :c." hat (Schopenhauer 
tiefem Kapitel über 9)cetaplji)ftf audj noch einen Anhang über 
^$äberaftie beigegeben. Obwohl mm ©chopenhauer am (Sdjluffe 
biefer ibhanblung bte 53erwerflicbfeit biefe3 ÖafterS anerfennt 
unb in bemfelben eine $krlefcung ber (^erecfjtigfeit burdj 33er = 
fühnmg ber $ugenb finbet, h a * er bodj früher (Seit IL 618. 
644 — 648) in einer h^unfinnigen £ogif ba^fetbe £after ate 
eine „9laturnothroenbigfeit" proflamirt. 

$)er ©eltwetfe führt I)ier bie 9tatur als felbft bewußt 
über tfjre 3(bftchten unb $iele nadjbenfenb ein — ein bei 
att)eiftifchen ^^ilofop^en oft wieberfer)renbe§ 9(u£funft3mittel — 
bie §erren legen ihre ®ebanfen in bie 9Zatur hinein, um 
fiefy bann hmterbrein au Treben unb auf bie Sftatur unb ihre 
t>on ihr aufgehellten ®efefce, unb über ben 3wecf biefer ®efe|$e 
in ihrem ©nftem fortfpinnen ju tonnen. $n biefem ©innc 
(beffer in biefem Unfütne) fchließt (Schopenhauer bie $lbf)anb= 
lung über ba$ Problem biefe3 $after$ wie folgt: 

„Die in JJolge ibrer eigenen (Sefe&e in bte @nge getriebene 
Statur griff mittelft Sßerfebrung beö 3nftmft§ &u einem sftotljbebelf, 
3it einem «Strategen*, um üon 3roeien Hebeln bem gröfjern 31t ent= 
geben. <Sie bat nämlich ben richtigen £roecf im vluge, unglücf^ 
liefen Beugungen üoraubeugen, welcbe attmäl)lid) bie aanae ©pe^ieS 
bepratiiren tonnten, unb ba fie ba§ eigentlich 9Jioralifc^e bei tljrem 
treiben nicht in 2lnid)lag bringt, fo ift fie nicht ffrupulöS in ber 
SBabl ibrer Littel." 

SBir fel)en hier: 

1. $)ie 9catur in ihrer Dummheit unb llnoorfichrigfctt, fic 
entbeeft, baß fie burefj ihre eigenen ^efefee in bie (£nge getrieben 
worben ift. 

2. (Sie ift aber fefjr fc^lau — wenn e£ auf bem geraben 
legalen SBege nicht geht, fo greift fie 31t einer £rteg3ltft (Stra- 
tegem), um oon jwei liebeln bem größern §u entgegen. 

3. $)a$ eigentlich 2)ioralifct)c bringt fie bei ihrem treiben 
niebt tu Slufcblag, baS ift il)r nicht nur gleichgültig, fonbern 
auc^ noc§ febr oft auperorbcntltcfj läftig. 

14* 



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212 



flniffotogie unfc ^ßftffotogie 



4. Ueberfjaupt ift bie Statur in ber Saht t^rcr Littel nid^t 
frrupulös, fonbern fe^r weitherzig, nadjfichtig imb tolerant! 

Senn nun ein 9ftenfdj biefem Öaftcr oerfaüen ift unb bte 
Schopenhauer fdje Setoei^^eit ftubirt, fo wirb er burdj bte 
oon (Schopenhauer am (£nbe ber 9(bhanblung vorgeführte 
SBerwerf Hchfeit unb Ungeredjtigfeit biefeS £after$ fid) 
oon bemfelben fidjer nid)t abgalten laffen, er wirb fid) auf bie 
Statur berufen, welche bodj am (£nbe eine größere, fdjarf* 
finnigere unb, wenn fie in bie (Snge getrieben wirb, fdjlauere 
unb ftrategifdjere 2ttad)t ift, als bie gan^e Schopenhauerfdje 
<St>ftemf pinnerei. So wie hier geht es aber burdjwegS bei 
ber ©chopenfjauerfchen Xugenblehte, mit biefer ift aud) 
nicht ein §unb aus bem Dfen ^u locfen, niebt ein Verbrecher 
jur ©rfenntnig feines Unrechts, jur föeue unb ©efehrung gu 
bewegen, au contraire! 

£)er SBeltweife £>err oon (Schweiber in ftranffurt, auch ein 
^ht^Ph «ften langes unb Anhänger ber Schopenhauer* 
fchen i*hiIofophie, ber, wie bie Schopenhauer)" che „Statur" 
auch eigentlich 3Ro?alif($e bei feinem treiben 
nicht in 3(nfchlag gebracht hat, ift in golge biefer philo^ 
fophtfehen ^aturanfehauung, wie fcr)on früher gemelbet, 
oerurtheilt unb eingefperrt werben. $)er ^bilofoph Stoaf aber 
ift bem (Schopenhauer in feiner „^fndje'' (3. 53b. 3. §eft) 
fürchterlich an ben &ib gerütft unb fyat ihm oorgeworfen, er 
t)abe fich bie Erfahrungen für biefeS Stapittl in ber 
mofphäre ber ^reubenhäufer ober in ber (Sloafe 
gefammelt; er nennt ihn einen üflann mit großem (Gehirn, ben 
Ürbenfer fo oieter fi^en $been unb Sahngebilbe, befdmlbigt ihn 
fogar päberaftifcher Neigungen u. f. w. $5er $poftel 
grauenftäbt fiicbt nun ben üfteifter $u oertheibigen unb fagt gan* 
entrüftet: 

„Ob wohl Schopenhauer, wenn er biefen pftichologifchen 
Schlüffel oorberaefehen hätte, feine „$erle" unter ben „(Srgän* 
jungen" ber 2ftetapf)i)fi£ u. f. w. $urücf behalten hätte? 3d) glaube 
e8 nicht. 3war war er ber SKetnung, man folle bie perlen nicht 
oor ba§ ttterarifche ©efinbel werfen. 91ber für bie»e§ fefirieb er 
auch nicht. Um be§ ®otbe§ alfo, mit bem ihn biefer befprifcte, 
hätte er feine Beile, bie ihm ber äJiitthcifong an bie ©eifte^ 



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bc§ Scltroetfen ©cbopenbauer. 213 

öermanbten 1 ) Werth festen, surücfbebalten. (5r war ftet§ ber An* 
ficht, bafe bie Singriffe be£ Iiterarifcben ©efinbelS auf biefe felbft 
$urücffalten." 

„Sßie Schopenhauer in ben legten fahren feinet Sebent oon 
ben gegen ihn gerichteten Singriffen backte, geht nicht nur au§ 
feinen Briefen an mich heröor, fonbern auch au§ folgenber Stelle 
feiner Senilia: 

(£in $heil be§ literaritchen $ublifum§ wirb bemertt haben, 
tute ba§ literarische ©eftnbel mit $otb unb Steinen nach mir 
wirft unb babei oon fo Schwachem Sßerftanbe ift, nicht borherju* 
feben, bafe beibe§ auf fein eigenes £>aupt aurücffäUr. Sch meinet 
£beil£ fehe bem au Wie (£iner, ber im Aeroftat hoctjfchwebenb 
teleffopifch bie Bemühungen ber ®affenbuben wahrnimmt, welche 
ftch bie Arme auSrenfen, mit Steinen nach ihm ju werfen, unb 
ba§ ^ublifum feinerfeitö wirb fchon merfen, bafe bie Abftcht ift, 
if)m ba§ ©ute au§ ben £>änben unb ba$ Schlechte in bie ftänbe 
au fpielen." 

£>aS ($ute ift natürlich bie Sdjop en hauet f che $$iIof9p(tc 
unb ba$ Schlechte alles anbete, was biefe nicht ift! fomifch 
ift fchon, wie bet SBeltwetfe übet alles, was nicht et unb nicht 
von ihm ift, übet alle anbeten $atfjeber unb ^tofeffoten fct)impft 
wie ein föoljtfpafc, wenn aber bie Angegriffenen ben Spieß 
umf ehrten unb an ihn heranfamen, bann: fittliche Cfrtttüftung — 
<£infteigen in ben $ otb bcS Luftballone — bie ®affenbuben 
unb baS literarifche ($efmbel oon bet §öl)e aus betrachten unb 
Sichoetlaffen auf baS ^ublihint, welches fchon wiffen wirb, wo 
baS ®ute ju finben ift! 

Jtauenftäbt bringt S. 395 ähnliche SBetacbtungSauSbtüche 
aus „Sfiklt :c". $n feinen Cogitata fagt er: 

„2öenn bie Natur burch einen feltenen SBurf wirflich einmal 
einen tief unb flar benfenben ©eift $u Staube bringt, 
ba wäre eS fehr unglücklich, wenn er feine ,tf eit Derberben müßte, 
ftch um bie Narrheiten, bie gerabe im Schwange ftnb, au be* 
fummern." 

Aber aud) biefe 33 e t ad) tung ift ihm nicht t»om ^et^eu 
gegangen, benn grrauenftäbt fagt batübet: 

„(£r hat boch telbft ju allen ßziten fein Augenmerf auf bie 
jebeSmal berrtchenbe Narrheit gerichtet unb fein SSotum barüber 



*) 2flan rotrb liier gleich an bie „Sa fjt Der roanbtf chatten" ©oetbeS 
«rinnert, in roelcbcr @djrift bie Darin roanbelnbcn unb {jaubeluben ^erfonen 
fta? il)re pffiloi'opbifcücn Paragraphen für jeben praftifeben ftaH tetber con= 
ftnttrt baben, ofjne (rote bie (Sdjopenljauerfdje 9?atur) „ba§ eigentlich 
SJcoraltfdje bei tfjrent treiben in Slnfchlag ju bringen." 



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214 tfniffologie unb ^fiffqlogie 

abgegeben. 3m Anfange feiner pbiloiopfjncfcen Öaufba&n mar e£ 
bie naturpf)itofop^tic^e Tftarrbeit , mit ber er ftcfc auScinanber ju 
fefcen fjatte, fpäter mar e£ bie ^egelfdje unb bie ber TOerljegelianer, 
unb in lefctcr 3eit mar e§ bie neufat&oliicfje unb bie materialiftifd&e 
Sftarr&eit u. f. m." 

Unter ber neufatfjolifdjen s Jtarrfjett oerftanb <e>d)open* 
flauer bamalS bie auftaucf>enben Dcutfct)fatr)oUfcn, bie 
fettfjer ofjnebief3 oerfdjollen ftnb. @r fcfrrieb über bie* 
felben in feinen Senilia: 

„$)er $>eutfcfc ober 9?eufatljolicigmu§ ift nicfctS anbereS afö 
populariftrte föegelei. 2öie biefe läfjt er bie SSelt unerflärt, fie 
mit ba of)ne &u3funft, Mo3 erhält fie ben tarnen ©Ott unb bie 
SRenic^eit ben tarnen (S&riftuS u. f. ro." (grauenftäbt 467.) 

93. fjfrabrrfjimpffit aller anbcrnt Ihjfhntf, htfontttB Ijtacl 
bekommt U'mtn STljril. Uralte <$ebanken btm ^djapentjaner 
als laue (grftnfcttng lUQtfdfvitbtn. 

9taa^bem grauenftäbt auf 7 ©eiten angefüfjrt, rote ©djopen* 
f>auer alle pf)ilofopf)ifd)en ©qfteme, bie $u fetner $ett ftdji 
bemerfbar matten, gefjöria, r)era6gcfcr)tmpft a(S SÖmbbeutelei, 
Marren, Stfdjüroafdji, Unfinn, dr)arlatanerte — fagt er, menu 
er Hegelianer lieft: 

„$5ann frage tdj mid) üermunbert: ift ba§ Smmmjjeit ober 
lieber träcfctigfett, fdjroatjt ber Surfte fo, meil er roirflidj io 
ftupib ift ben giften Sortfram, ben baarften Unfinn für 2Bei3= 
fjeit ^u galten, ober meil er ©otenlofm ober 3el)rpfennig für SBer* 
fünbtgung biefe§ (Stoangelti trofft? äfteifteuä infltmre id), für 
lefctereä ju enticfceiben, oomo^l 3)ummf)eit im 9?ationald)arafter ber 
3>eutfd}en liegt, roorüber ba§ ganje $lu§lanb einig, fo ift borf* 
9?ieberträd)tigfett unb geilljeit ber (Srunbdjarafter ber beutfdjen 
Literatur biefe§ 3afcr&unbert§." 

^adjbem er alle ^fjilofopljen gebörig fjerabgeriffen, fagt er 
bodj roteber (Parerga I. 413): 

„(Segen bie moraliidjen unb intelleftuellcn Ungeheuer auf biefer 
SSelt ift ber einzige &erfule§ bie ^bitoiopljte." 

2öer ©djopenfjauerS «Schriften burcblieft, roirb f)un* 
berte oon ®ebanfen, Q3emerfuugen, Mnftdjten, Ur^ 
tfjeilen finben, bie febon gu ljunbertmal in befferer ober audj 
fdjledjterer gorm auSgefprodjen unb niebergefcfjrieben roorbett 
finb. $)er 'pfjilofoph fjat überhaupt bie Karotte, gan^e <5r/ftem^ 
Paragraphen, 5(u3glteberungen, uralte iöemerhmgeu immer für 



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teS SeUweifen ©cbopenfiaucr. 215 

eigene, neuefte (£rfinbung auszugeben. Bo 5, SB. bemerft 

Jrauenftäbt 425: 

„$8ietteidjt märe aueb ©djopenbauer gleich amanaS mebr 
beamtet morben, roenn er auf ben Xitel „2)ie Seit als SBitte ?c." 
ftatt beS fimpeln 9tomenS bätte fefcen tonnen 21. <5dj., orbentlicbcr 
x #rofeffor beS unb beS, orbentlicbeS s D?italieb ber unb ber, ütitter 
beS unb beS u. i. ro. s 2lber ift ein foleber Ginflufj oon Titeln auf 
bie 2ßabl beS ju Öefenben unb ju (Stubirenben mcf)t oerberblidj? 
£at Schopenhauer nid)t Sftecbt, roenn er in feinen Pandecta tagt: 
Jftfof Sücbertiteln mit feinen eigenen Titeln unb Slemtcrn ju prunfen, 
ift böcbft unpnffenb; in ber Literatur gelten feine anberen als 
geiftigen SBorjüge, roer anbere geltenb machen roill, oerrätb, bafj 
er biete niebt bat." «3$ glaube, roenn ©djopenbauer bie länafte 
^Ketbe ber pompöfeiten Jitel Qe&abt, er bätte fie nirfjt unter feinen 
tarnen oefefet. £)afe er auf bem $itel\ ber beiben ©runbprobleme 
ber ötbit fii genannt bat «Dr. Slrtbur Sdjopenbauer , 9J?ttaItcb 
ber fönigl. Worroeg. Societät ber SBtffenfcbaften", baS batte feine 
betonteren ÖJrünbe." 

Das finb ja burcbroegS uralte, längft in ben r>erfdjiebenften 
Jormen abgebanbelte $f>emata; — bas lieber flu ff ige beS 
SlnfüljrenS oon beriet ^emerfungen liegt aber barin, baß bie= 
felben in ben meiften fällen bem gefeierten gelben als eigene 
(Srfinbung fjinaufgebangen werben. 

• 

94. jFrauenftäbt ucrfurfit andj ben |jafc j^djapeuljauerö gegen 
baa CbrifteniljBni pergebltdj burrij ein paar luihe b es fei ben 
abtnfdjwänjen. $ndft ben (Stauben an Omina ?a erklären 
bnrrfj Teine eigene geiftaaUe ßrftnbung. 

ÜDJandje fjaben fd)on in SdjopenljauerS Sdjriften aus 
bie unb ba IjerauSgeriffenen ©teilen, bie über (SfyriftuS ben 
3Beltfjeilanb fpredjen, ben SöeroeiS Wertteilen motten, baß fein 
fonft prononcirt auSgefprocbener .'paß gegen &ird)e unb (£r)riften^ 
tfmm bod) nidjt fo ernftltcr) ( ^u nehmen fei. Diefe (£rfdjeiiwng 
gehört eben aud) roieber 31t ben oielen Siberfprüdjen in 'Sdjopen- 
b auer, bie tro^ aller Söemüfjungen feiner Slpoftel nidjt aus* 
geglid)en roerben fönnen. 

80 fagt Jrauenftäbt (@>. 446): 

„Sie febön fefct Sdjopenbauer bem berufen ftoifdjen 
Seifen, „ber ein böl^cruer, fteifer ÖJliebermann bleibt, mit bem 
man nidjtS anfangen fann, ber felbft niebt roeife, roobin mit feiner 
SciSbeit, beffen ooüfommene föube, 8ufriebenbeit, ©lücffeliflfeit 



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216 Ämffologie unb ^fiffotogtc 

bem SBefen ber Sftenichbeit gerabeju roiberfpricht" — lote fchön 
ie&t er ihm ben föeilanb be§ (£l)riftentl)um§ entgegen , „jene bor ; 
treffliche ©eftalt öott tiefen SebenS, üon gröfjter poetifcher SBafJr* 
beit nnb höchfter Söebeutfamfeit, bie ieboch bei üottfommener $ugenb, 
speiligfeit unb (Srljabenljeit im 3uftanbe be§ höchften SeibenS bor 
und ftejt* 

Das hineinragen einer emberen 3SMt in bte menfchltche 
fueftt fia) Schopenhauer fcr)r fonberbar m erflären; er leugnet 
es nidft tütü es aber tu feinen oou ifjm conftruirten Söftem* 
faften bineinquetfehen. So ©. 454. 

Qu Spicilegia fagt er: 

„3)er (Slaube an Omina, melier bem gefunben Söerftanbe unb 
allen naheliegenben Söermmftgrünben jum irofc su allen Seiten 
unb in aUen Sanbern fteft feft behauptet hat, berufet im iefcten 
®runbe auf folgenben atoei SSafjrbeiten. 1 ) (Erftlid), 9IHe£, roa§ 
gefchiebt, gefchieljt notbroenbig, meil eine ununterbrochene, ftrenge, 
au3nal)m§lofe $aufalfette alle ^Begebenheiten üon Anfang ber Sßelt 
bi§ sunt jefeigen $lugenblicf berbmbet, baber fein abfoluter, 
fonbem nur ein relatioer Bufall ftattbat. 3roeiten§, e § ift ein 
unb baSfelbe SBefen , roa§ in OTem ba ift unb jeber Srfcfeeinung 
*um ©mnbe liegt. 3) ab er alfo fpiegelt ftdj §ebe§ in Sebent, 
fpricht $ltle§ au£ Ottern, unb jeber geqenroärtige Moment finbet 
feinen Entlang in 31Hem unb tingirt mit feiner garbe Me3, u>a§ 
gemeinfehaftlich in ibm ba ift, benn ^ebe§ bat nur feinen Staunt 
für ftcb allein, bie 3eit hingegen haben Sitte gemeinfdjaftlid), fte 
finb zugleich." 

Sir erfudjen ben £efer, biefe Behauptung mit iljrem Letten- 
fdjluffe n; eil unb baljer unb bafeer nochmals ju lefen unb 
befonberS ben Safc: alles, maS gefdjteht, gefdneht itoth- 
roenbig mit ber oerfuchten ©rflärung beSfelben $u beachten. 
$n btefer SöehauptungSmanier h a * Schopenhauer magifche 
drfcheinungen, baS £ifd)flopfen, bie ©efpenfterfrage, bte ^nungen 
bef)anbelt. g-rauenftäbt fagt herüber S. 454: 

„3)en (Streit, ob eS ©eifier ((Sefpenfter) gibt ober niebt, nennt 
Schopenhauer (in feinen Cogitata) eine moljre Antinomie unb 
rühmt fich, biefe Antinomie über baS ©eifterfefjeit unb toae 
bamit jufammenhängt, aufgelöft 31t haben." 

£)iefeS eitrige Selbftrühmen nrirb man bei (Schopenhauer 
geioofmt; jebe grage, bie er anpaeft, I oft er auf für einige 



*) Senn ©ebopenbauer einmal trgcnb einen ©ab al§ SBabrbcit 
auSgefprod&en, fo bat Wemaub mebr ein föec&t, für biefen 9lu$fprucb einen 
«croctS $u verlangen ; bte 53el?auptung genügt — au$ ift'3 ! 



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be3 Settmetfeu (Scbopenbcmer. 217 



3eiten. (£r bringt Ötc^t in jebes DunfeL Slnbere Genfer 
unb Tutoren legen bie t>erfuc^te ^öfung ber £eben3rätf)fel bem 
£efer ttor, baß biefer felber barüber entfdjeiben tonne, ob er 
mit btefer Söfung einoerftanben ift ober nidjt, aber «Sdjopen* 
tyauer öerroaljrt fidj gegen jebe3 9iadmd)terarat feiner tfeljre. 
Dixi — id) bab'3 gefagt, aus ift'3, mein ift ber 9M)tn, iaj 
bin ber crfte unb ber lefcte, ber biefe unb alle anberen fragen 
gelöft Ijat. Qfjr babr, fo lang idj rebe, ba§ OKaul in ©jrfurdjt 
•$u fjalten unb wenn idj fertig bin, Doli 33en?unberung e$ — 
aufzureihen! 

9tun gibt aber gerabe bei ber oerfudjten ßrflärung ber 
magifdben ©rfdjeinungen in: , r 1)ie Welt" g-rauenftäbt 456 felber 
ju, baß gegen biefe ganje »Seite ber <Sdjopenl)auerfd)en 
$f)ilofopfne, gegen biefen ganzen (Glauben an ein Jpereinragen 
ber übernatürlidjen 2öelt in bie natürliche — burdj bie Slllmadjt 
be3 Sillens — ©djopenfjauerS eigene £ef)re Don ber föinljeit 
be3 2Öillen§ im S&iberfprudje fidj befinbe unb füljrt <S. 457 
fogar ©teilen au§ ©djopenljauerS SDfanufcripten an, aus benen 
l)ert>orgef)t, baß audj ifmt felber btefer SBtberfprua? oerftänblid? 
unb oon il)m eingeftanben loorben fei. 

95. Un- fudi t bie Hinüber brö (gnnnaeliumö m erklären, ^ranenftnbt 
bemüht luii, jtbe «urlj nur I'riirinluir rfjri Uli dje llrguun bei reinem 
Uleifler faaleinj mit «eineinem 3*nott in tfbrebe ?u (teilen. $)er 
Holjn ^djonenböuers über bie €rlöfnng ber JHenftbljeit — 

einer ^djnnnsbnbe ronrbia. 

<S. 459 berietet g-rauenftäbt Scbopen Ijau er s 5(nfid)t oon 
ben Söunbern beS (JoangeliumS. 

„Wlit feinem (Glauben an 9J?agie tonnte @cfjopenl)auer 
fel)r leidet bie biblifdjcn Sßunber rechtfertigen, benn er brauchte 
nur au3 ber Mmactjt be§ 2öiHen3 abzuleiten. roa§ in ber SÖibel 
au§ ber 9XHmoct)t ©otteS abgeleitet wirb, ^n ber $bat finbet 
fid) and) in feinen £Tftling£manufcripten folgenber merfroürbige 
S3erfud), ba$ cjröfete ncutcftamentliefje SBunber, ba3 gennffermafcen 
aßen anberen neuteftamentlic^en SBunbern zum ©runbc liegt, bie 
übernatürlicbe ©eburt $efu, au« ber intefligiblen TOad)t be§ 
SBißenS $u ernären. 1 ) Gr treibt nämlid) $u SBeimar 1814: 
„SBenn nur annehmen, roa§ fieb alö 3temlid) geroifj ergibt, fobalb 

*) 2öir feben bier ben SBettrocifen fogar btbelgtäubig werben, wenn er 
mir einen &usfpru* ober eine ©egebenbeit ber beiligcn ®a>rift in feinem 



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218 ßniffologie unb ^ßfiffologie 

man bie ©öangelien aU in her ftauptfadje roafyx anfielt, bafe 
3efu3 (SbrifiuS ein 2Renkb gemeien fei, gana frei öon allem SBöfen 
unb öon allen fünbigen Neigungen, fo mufe (ba mit bem 2eibe 
eigentlich fünbige Neigungen gelebt ftnb, ja ber Seib nichts ift, 
al§ bie öerförperte, ftcßtbar geroorbene fünbige Dleicjung) ^eiu Seib 
aHerbing$ nur ein ©cbeinleib genannt roerben. ($men foldtjen öon 
allen fünbigen 92eiaungen gana freien SDtenidjen, einen folgen 
Xräger eine§ ScbetnletbeS Tut) als öon einer Jungfrau geboren 
au benfen, ift ein ö ortreff lieber ©ebanfe. ©elbft pböftfcb läfjt fidj 
baöon eine roieroobl entfernte SRöglicbfeit aufzeigen, ©emiffe 
Xbiere nämlich — ich glaube einige Snfeften — haben ba§ ßigne, 
bafe bie Befruchtung ber Butter auch auf ba§ Sunge unb felbft 
auf beffen SungeS naebroirft, fo bafj biefes (£ier legt, ohne felbft 
befruchtet ju fein. 2)a| bieie§ ein einziges SDcal bei Sftenfdjen 
eingetreten fei, ift nicht io unmabricheinltch ju beuten, al§ baft e§ 
einen mirflieb fänbenfreien Sftenfcben gegeben habe, unb fobalb 
mir lefctereS annehmen, fann ieneS — bei ber aller Vernunft un* 
erreichbaren Harmonie anziehen ber ®orporifation unb bem inteUi? 
giblen ßlmrafter iebe§ lebenben 2Befen§ unb ber (Srblicbfeit üieler 
Neigungen unb Sharafterjüge f e b r mohl angenommen 
roerben." 

Jrauenftäbt, f elber 51 1 r) c t ft r rote fein 3J?eifter, unberflärter 
^poftel beS $ItfjeiSmu3, oerfucht e$ fogletch nach biefer 
Anführung, beim £efer [eben ®ebanfen an ein noch fo fdjroache^ 
■^nerfennen ber (Soangelienberichte in einer — man fann febon 
be3 gerne in ften «Spottet roegen fagen — bumm-biabolifchen 
Seife 311 unterbrücfeit. (£r fagt ©. 460: 

„Wlan mürbe aber feijr irren, menn man au§ folchen einzelnen 
Serfuchen folgern rootlte, bafj Schopenhauer bie biblifeben SSunber 
sensu proprio für roabr gehalten. Sielmehr rechnete er fie au ben 
2J?i)tben, bie nur sensu allegorico *u nehmen finb, gab fich baher 
aud) fpäter feine äftübe mehr, fie sensu proprio begreiflich au 
machen. Ueberhaupt unterfebeibet er ja ben metapböftfehen ©ehalt 
ber Religion öon ihrer hiftorifchen (Sinfleibung." 

@3 ift auffallenb, rote (Schopenhauer ben r)tftortfd}cn 
33oben haßt; er roill ihn nie betreten, ba3 liegt in feinem 
©pfteme. (Sir hat bie 2Öar)rf)cit gefunben — alle? öor ihm 
ift null unb nichtig — e£ gibt feine (#efd)icbte ber Dicligion, 
e* gibt aber auch feine ($ef Richte ber < tß^t(ofopt)tc — feine 
^ 1 1 0 f 0 p r) i c ift bie erfte, bie einige, bie roafjre, ihr barf nicht 

©rjftem üoii Siüe unb 5Jorftellung unterbringen — fyier 3. SB. für bie 
ftllmacfjt (Sottet bie ©erjopenfjaueriche Allmacht ba$ Stilen* an 
beffen (Stelle fefeen fann. 



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be$ Seltrocifcn Schopenhauer. 



imberf proben werben; er oerad)tet bie gan^e fD2cnfcr)r)cit griinbltdj, 
5XÜe finb fie 3)ummföpfe; erft als feine ^^tlofoür^ie in Oer- 
fdjtebenen köpfen Stnerfennung finbet, fängt er an, mit biefer 
erbärmlichen 3flenfd$eit um einiger SluSermäfjlten mitten fief) 
ein mentg au§3uföfmen. 

ftrauenftäbt fagt roetter <§. 460: 

„$emgemä& machte Schopenhauer auch in fpäteren fahren 
mit ber djriftlichen s Jl)h)tt)otogie feine weiteren ilmfiänbe. Se mehr 
er fidb beraufet mar, ben etljifchen ®ern unb ©ehalt be8 Sbriften: 
tbumS aerettet ju haben, 1 ) befto unbeforgter man er bie Söunber- 
märten beleihen über 99orb. (£r treibt j. $8. in feinen Senilia : 
„$)ie fo intrifate, frnufe, ja fnollige Ethologie be§ (Jf)riftentf)um§ 
mit bem fteUoertretenben SBerföbnungötobe Shrifti, ber ©naben* 
mahl, ber Rechtfertigung burch ben ©tauben u. f. ro. ift ba£®inb 
Weier iehr heterogener ©Item ; fie ift nämlich entftanben au$ bem 
(£onftift ber gefüllten Söabrbett mit bem gegebenen jübifchen 
Monotheismus, ber ihr roefentlich entgegenfteht. 2)aber auch ber 
©ontraft amiiehen ben moralischen ©teilen im neuen Steftamenr, 
roelche vortrefflich finb, allein nur etroa 10-15 Seiten beleihen 
füllen unb allen übrigen, roelche au§ einer unerhört baroefen, 
allem SKenfchenOerftanbe sunt Xrofc forcirten äKetaphirfif unb 
nächftbem au§ Söunbermärchen befteljt." „$>ene ftet£ gefühlten; 
28at)rbeiten hat meine s #btfofopbie flar gemacht unb 
beutlich auögefprochcn, baber bie Begeiferung fo 
Sieler." 2 ) 

Jin einer anberen Stelle ber Senilia finbet fich fotgenbe§ 
fatijrifche ©eipräch oon anno 33. — A. SSiffen Sie fcfjon ba§ 



J ) ®r ift nic^t nur ber Detter ber üftcnfctjr/eit, er ift and) nech ber 
Detter be3 etbifchen ÄerneS unb ©erjatteS be3 SbriftentbumS ! ! 2)aS 
(Sbriftentbum ift ihm alfo au 07 noch- 311 2) an f oerp fliehtet. 3Bir 
haben juoor gefeheu, wie er fcibft feie ^ßäberaftie at3 eine oon ber flauen 
9iatur erfonnene (Srhaltungsmethobc einer fräftigen 2Nenfehhcit crHärt hat; 
ein Umftanb, ber fich burch feine nachfotgenbe (rrttaruug ber JBcrmerf* 
( ichfeit bicfcS £after$ nicht aufheben laßt. 31B Detter bc3 etbifchen 
fernem beS Chnficnthumö fpielt (Schopenhauer halb eine nägtiche, halb 
eine fomifche Wolle. 

») <£* ift niebt p überfchen: fo oft Schopenhauer gegen SbrifmS 
unb gegen ben pcrfbntichcn ÖJott mit feiner #eber arbeitet, ftcUt er fich 
gleich Darnach al3 ben Sßclterlb'f er hm» ber burch feine ^Infofopbie bie 
feenfehheit gerettet hat. Gr hat aß ber erfte bie ftets gefühlte Sßahrhett Mar 
gemacht unb beutlich ausgebrochen. 3) aber bie ©egeifterung fo Bieter! — 
&ie ^egeiftcrung fo Vieler ift entfärben nicht bem t'ernrettcr ber ehr ift = 
liehen ISthif, fonbern bem Äernübertrcter biefer 6t$tt Jttjuf chreiben ; 
bie 3(poftcl fuchen ftch jumeift ihr eigenes* £cbcn burch baö tugenb- 
mufterliche ?eben biefeS größten (£tr)ifer$ sujubeefen. 



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220 



Äniffotogte unb ^Pftffologte 



Weuefte? — B. Wein, maS ift paffirt? — A. $ie SBett ift ertöfi. 
- B. 9ßo8 Sie tagen ! — A. 3a, ber liebe <3>ott bat 9Kenfäett; 
aeftalt angenommen unb fidj in Serufatem hinrichten laffen; ba* 
burch ift nun bie SBelt erlöft unb ber Steufcl geprellt. — B. Q{, 
t)a§ ift ia charmant" — 

„SJcan ftebt auS folgen halb ernften, ba(b fahjrifdjen (Stetten, 
bn§ ber magiealiinbiae Schopenhauer boch weit baüon entfernt 
mar, bibel* unb fircfien gläubig su werben. 2)iefeS Iie§ fein ent* 
fchiebener SltbeiSmuS nidtjt ju." 

96. £>dj0pentjanfr& 3>pieß gegen tlftt gekehrt. «jfrauenßäM als 
ifiüloiäimr ber atbetßirdjen Bfrnnfdjbanbf. |*ämintltdje mdjt* 
atljetliilrijen JUjilofopbifprflfanornt feilt $ölMtnge ber jtaben* 
STljealagie. iHutböefrijimijff itber (Sott nnb über &beülagen. 

(£s jetgt me^r noch als oon ber oerbiffenen atljeiftifchen 
Aufregung Jrauenftäbts oon fetner ©r)araf tcrTof igt ett r baß 
er biefen frioolen, echt fchnapsbubenbuftigen SBife gegen 
t>aS 333er f ber (Srlöfung burd) ben ®ottmenfchen (ShriftuS 
aus ben üflanuferipten feines 9)?eifterS ber Deffent* 
lidjfeit übergeben hat. SBir machen bie (Gegenprobe unb 
finb überjeugt, baß barnach bie Slnfyänger Schopenhauers iljr 
$nbianergef)eul erhallen laffen toerbeu. 

«Der gegen Sdjopent)auer^auenftäbt gefeljrte «Spieß : 

A. SGötffen (Sie fdjon baS Weuefte? 

B. Wein, maS ift paffirt? 

A. Schopenhauer Ijat ben ethifeben Äern unb ®er)alt beS 
(SfjrtftenthumS gerettet. 

B. 2BaS Sie fagen! Wach eigenem, fct)r unoerfchämtem 
(Geftäubniß hat er in „ftreubenhäufern" fid) ©rfahnmgen für 
feine 9ttetaphi)fü ber ®efd>lechtsliebe gefammelt, bie ^äberaftie 
hat er als ein fchlaues 9luShmftSmittcl ber Watur proflamirt, 
einen perföiiüdjen 3BeItfct>öpfer hat er als „terl" traftirt, bie 
UKenfchheit als eine 33iefjberbe betrachtet. 3)ie Söegebenljetten 
ber Groangelien l)at er su Sunbermärdjen gemacht, unb fo hat 
er ben kern unb ®ef)alt beS (ShriftentljumS gerettet. 

A. $a, baS ift ja eben baS SEöunber; er ift bereinige 
2Bunbermann, er ift ber echte ®ottmenfd) unb Söelterlöfer. $)ie 
2t)eologie hat er oemichtet, ade ^ijilofophen oor ihm als 
«Stümper erflärt; „31t mir müffen fie fommen," hat er 



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bcä Söcttroeifcn Schopenhauer. 221 

gejagt — „idj fjabe ber 9ttenfcf$eit ba$ Cic^t ange^ünbet, ifjr 
bic Saljrfyeit gebraut." 

B. $a, ba bleibt ntd)t$ &nbere$ übrig, wenn man ntdjt 
al$ ein (£fel unb 53iefj oerfdnmpft werben will, als ein ©djopen- 
fjauertaner werben. (Sin entfd)iebener Sftfjetft ift Detter be$ 
fernem unb ®ef)alte3 be3 GfjriftentljumS geworben ! $>a mug 
nun fdwn bas gan$e (Sljriftcntfjum atfjetfttfa) werben, baö forbert 
bic Xtanfbarfett, bic man feinem Detter fc^ulbicj ift. 

(So ungefähr f bunte ber auf (Sdjopenfjauer jurttcf geworfene 
ffroffl lauten, beu er nad) 51rt oersweif elter $algencanbibaten 
im ßriminalfjaufe gegen ba3 Söerf ber (£rlöfung auSgelaffen. 

grauenftäbt fäfjrt nun fort, ben SltfjeiSmuS be$ ©eltroeifen 
3U oertfjetbigen (®. 461): 

„liefen SltfteidmuS, ber bic ungläubige Seite ber Sdjopen* 
bauenden s 4$bilofopbie im ©egenfafc gegen bie oorermäljnte 
gläubige bilbet, will id) nun an3fd)lieBlid) in'8 $luge faffen. 1 ) 
ScBic Sdjopenfjauer ftetö mit bem, wa£ er einmal al£ Srrtfyum 
unb als ftinbernifc ber SBaljrbeit erfannt l)atte, mochte ber ©laube 
baran aud) burdj ^abrtaufenbe fanftionirt fein, feine Umftänbe 
mad)te, fo aud) mit bem „lieben ®ott" niefct, worunter er 
ben au£ bem Subent&um in ba§ (£(jriftentrjum übergegangenen 
perfönlkten erlramunbanen ©Ott oerftanb. tiefem unb leinen 
iopl)iftifd)en $ertl)eibigern unter ben ^ßljilofopbieprofefforen f oir>ie 
feinen jefuitifefcen 53eid)üt}ern , unter ben gefrönten £artüffe8 in 
Spott unb (£rnft ben Sfrieg au erflären, war er bi§ in feine lefcten 
Sfaljre hinein unermüblid). (£r nannte in feinen Briefen an mid) 
biefen ©ott nie anberä al3 einen „alten Runter" unb inieinen 
Senilia nennt er bie s #f)ilofopl)teprofefforen gerabeau feile Sölb- 
linge ber Subenmntfjologie, beren Aufgabe e3 fei, bie Zubern 
rantbologic al§ ^bilofopbie einlief) wärmen. Diefe $olemif Sajopen* 
bauerS gegen ben $bei§mu§ bilbet nidjt blofc eine glänaenbe 
Seite (!) feiner $gilofopbie, fonbem aud) feinet (£barafter§. 
Um bie $bilofopt)ie bat (Sdwpenbauer burd) bie $lu§fd)eibung 
atfcS Xljeologifcben au§ ibr fieft berbtent gemacht, benn er Ijat fie 
baburd) üon allen ben SBiberfprüc^en befreit, an benen fie uner- 
müblid) franft, fo lange fie nod) mit Geologie unb mit t^eolo-* 
giften ^Dogmen fict) üerfd)mtlat. (£rft, Wenn man bie Söelt oljne 
tbeologifd)e SörtCle anfielt, fann man eine unbefangene Slnfcbnuung 
ibreS SBefenS erlangen, unb bie Sd)openljauerfd)e SSeltanfcfcauung 



0 Sluf roclc&e Seite ber Sdjopenbauerfcrjen ^bilofoprjte fotl man beim 
glauben ? 2)a3 iöefte wirb fein, um feiner tiefer Seiten webe 311 tlmn unb 
betten gerecht gu werben, menn man roeber an ScfjopcnbaucrS gläubige, 
noerj an bie ungläubige Seite glaubt. 



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222 ftniffotogte unb ^fiffologie 

ift nur barum objectiber al§ bie ber anberen ^Sbtlofophen, roeil 
ftc eine ööllig atheologifdje ift. ©einem (£(jarafter aber bat <3d)open= 
fjauer burd) jene *4*olemif ein dänaenbeS 3 cu Ö n *fe nuSgeftellt, roeil 
er burcb fie gezeigt, ba& ihm bie SBahrfjeit über 2lHeg ging, unb 
bafe er äNutf) genug befafc, felbft bem, roobon bie Anberen eine 
heilige (Scheu zurücffcbrecft unb roa§ anzugreifen roegen feiner 
mächtigen Söeiiüfcer gefährlich ift, fräftig ju Seibc ju geben, 1 ) 
menn er e§ im Sntereffe ber Söabrheit für geboten hielt. Äant 
hatte ihm a^ar bierin fdjon borgearbeitet, aber erft Schopen* 
b au er hat biefe Arbeit bollenbet." 

97. Ctrht $rijöuenli aners (Offenbarung gegen bte gö 1 1 1 i rij e 
unb fnjimpft bte i : ejtljnlter an ber göttlichen (Dfenbartmg als 
(6e werbe ftöre r be« Atheismus. (£5 regnet gegen 
ntthtaiJj*i|Hfir/* JUbUofopljfn IHraijkönfe, 
Uerrdunörer, iTumpen tt. f. m. 

grauenftäbt fät)rt fort, feinen SDtafter mit ©a^tmpf gesoffen 
3U oerthetbigen : 

„(Schopenhauer begnügte ftd) nämlich nicht blofj bamit, 
burcf) $rttif ber SBeroeife Dom Däfern ©otte§, mie ®unt, biefe§ 
Latein für unberoeiSbar su erflären, fonbern er gab auch pofttioe 
Qtegenberoeife gegen baSfelbe. ßkrerga 1. 132.) ferner begnügte 
er ftd) ntctjt bamtt, ben £bei§mu§ a f$ foldjen anzugreifen, fonbern 
er richtete feine Angriffe auch auf beffen SBertheibiger unb 23e= 
fdjüfcer." 

„2)iefe lefctere ^olemit nimmt in ben (Sdjopenhauerfcben 
s JJ?anufcriptcn einen beträchtlichen 9taum ein unb fehrt faft in allen 
mieber. (Sie ift mitunter febr bitter, meil (Schopenhauer nicht 
blofj bie (Korruption ber ^ßt)i(ofopr)te im Allgemeinen, fonbern 
auch ba§ befonbere (Schuf fal feiner $hüofopl)ie bom (Sero erbe, 
ba3 mit bem £he$mu§ getrieben roirb, herleitete. 2 ) $ch gebe in 



A ) 2)ann ift ja auch jeber Verbrecher gu loben, ber allen 2>enen 3U 
£cibe geht, wooon bie Stnberen eine heilige ©djeu ^urücffchrecft, ber niebt 
nur ben erften Slrtifel: „2)u follft allein an einen ©ott glauben" über ben 
fjaufen rennt, fonbern alle anberen neun auch baju zertrümmert. 2>tcfer 
Verbrecher hat einen confequenten Sharafter, benn wäre ber 2lthet§ = 
mu§ eine SBahrheit, fo wäre auch ber Äern unb ©ehalt be3 (Srjriften^ 
tbum£, ben (Schopenhauer r)eucr)tertfcr) ju retten oorgtbt, — eine 
Narrheit! 

*) ©ehr intereffanteS ©eftänbmfe ! SBeil bte 1 1> c i ft t f et) e tt ©ftftemc 
ihm als ein #inberniß bei feinem ©turmrennen gum 9tur)me3tempet im 
SBcge ftanben, nannte er ba3 SSertbeibtgen bc3 £hei3mu§ ein ©c werbe, 
©omit war fein 9ltbet3mu§ aueb ein ©ewerbe, unb er war nur 
über bie unlicbfamcn © c w c r b e ft ö r c r , über bic X beiften, erboft ; unb fo 
bat er in feinem ©roll ben Anlauf gegen ©Ott felber genommen. 



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be3 Selttueifen (Stfiopenfiauer. 223 

ftolgenbem eine 5lu§mahl au3 bieten gegen bie fopötftifc^en 
ißcrtl)eibiaer unb iefuitifchen Veichüfcer be§ $t}ei3muS 
gerichteten ^anufcriptfteöen." l ) 

,,®ann e3 für einen ^bilofopbieprofeffor, b. h- für einen 
9Jcenfchen, ber öon ber ^ßhilofophie lebt, etroa§ — um ein gelinbe£ 
SBort 51t brauchen — Unmürbigere§ geben, aI3 bie Don ihm au& 
gebenbe Veuhulbigung be§ 2ltbei§mu£? Unb fie ift fchon bon 
s 4$lnlo)opI)ieprofefforen geaen mich erhoben tuorben. $)ie Herren 
tfjäten roohl, in ihrem Ötekhreibe über 2ltbei§mu§ fich etma§ $u 
mäfeigen, inbem fte bebächten, roorauf benn eigentlich ber $bci§mu3 
fich grünbet, nämlich: 1. auf Offenbarung, 2. auf Offenbarung unb 
3. auf Offenbarung, unb fonft auf nichts in ber SiÖelt; — bamit 
fte un$ nicht berleiten, einmal in ber £>ifce be§ ©treit§ bie $öf* 
Itchf eit ju öergeffen, bie man ü b e r a 1 1 ber Offenbarung fdjulbig tft." 

SSJir fragen bagegen : $luf was grünbet fich ber $Ut)ci3mu3 ? 
1. s #uf Verleugnung ber Offenbarung, 2. auf Verleugnung 
ber Offenbarung unb 3. auf Verleugnung ber Offenbarung! 
9to ift ber Unter fchieb, baß bie Offenbarung 00m ©reator 
ausgeht unb eine göttliche ift, unb bie Verleugnung oon ber 
Hxtatux ausgeht, baß biefe im äJcißbraudj ihve3 freien Hillens 
©Ott verleugnet unb eine menf gliche ift, bie fich ber gött; 
liehen entgegenfteöt. 

ferner (Schopenhauer (@. 464): 

„So lange ihr jur Conditio sine qua non jeber Sßbilofophie 
macht, ba£ fie nach oem iübifchen £bei£mu§ jugefchnitten fei, ift 
an fein Verftänbnift ber 9?atur, ja an feine ernjiliche 2öahrhcit§; 
forfchung }U benfen." 

SSHr ernribern: ©o lange ihr ^ur Conditio sine qua non 
einer $$tfofoj>$ie mad)t, baß fie nad) bem (Schopenhauer} <hen 
Atheismus augefdjnitten fei, ift an fein Verftänbniß ber 9catur 
unb an feine SÖahrheitSforfdmng 51t benfen. Newton, Wepler, 
©ecdn' waren nicht nur Steiften, fonbern auch (griffen, unc 
bie haken in ber e raffen Sföiffenfdjaft monumentale Sti- 
ftungen hinterlaffen unb bie Jahnen ber ©ferne berechnet, 
bie Gräfte ber 9catur bem 2flenjchengeifte oerftänblich gemacht 



*) (Somiption, GJcroerbe, t'opfnftii'dje 2$ertncibiger, jefuitifdje 53cfd?übcr ! 
3)ic Herren bringen tf)rc SBcroctfc gegen 0ftottc3 ©afein mit bem Schimpf? 
lerifon in ber &anb gegen ^ c n c f bie nod> an einen perfönlichen ©Ott 
glauben, ©djon bicfcS (Schimpfen allein djarafterifirt unb bemeift bie oer= 
^loetfelte £l)orbeit fcer Gottesleugner nadj oen ©cbriftioorten : „<S8 fagt cev 
jfior in feinem £>er3en: gibt feinen ®ott!" 



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224 



Äniffologte unb ^ßfiffotogie 



roä'brenb Schopenhauer bas gan^e SBcltall, Sonne, Ottonb unb 
Sterne in feine gioet Schublabfäften »on 3Btüc unb SBorftellung 
hineinäuftopfen fein ganzes i ? eben lang bemüht gemefen ift, in 
ber elften Siffenfchaft aber rein nidjts geleiftet §at 

Schopenhauer : 

„£ie Religion hat 1800 lang ber Vernunft einen 

SRaulforb angelegt." 

Sonbcrbar ! 3)?aulförbe legt man in ber föegel nur biffigen 
unb routfjoerbächtigen §unben an. Senn man beut Atheismus 
feine tfehrftühle gab, fo gefchal) e3 in ber SBorauSfefcung, baß 
mit beut ÄthetSmuä jebes gefellfdjaftliche £ebcn unmöglich rotrb 
unb ber f rieg eines $eben gegen bie $lnberen, ber $rieg 
Miller untereinanber permanent werben muß. 

ferner S. 464: 

MU öom (Btaat irgenb abhängige ®elegrte in (Suropa ftnb 
heimlich üeridnooren (fünften be§ $bei3mu3, b. fj- ftc unter-- 
brüefen forgfältig iebe SSafjrbeit, bie bem Xbei§mu§ ungünftig 
märe unb aroar mit ber 3lngft unb (Sorgfalt, bie ba§ böfe ©eroiffen 
gibt. SBegen (Ermangelung biefer iöeftrebungen , roie auch ber 
idmlbigen Scbonuna ieneS nichtSmürbigen $reiben§ unb be§ 
»tefpeftS üor StrobfÖpfen fönnen mir öom <5taate feine 
(Ehrenbezeugungen au Xfjetl werben, benn 
6te träten gern grofee Scanner üevefjren, 
Senn fote^c nur aud) äugleidj Klimpe wären." 

(E§ ift boch eine Gemeinheit, $eben, ber noch an einen 
perfönlichen Gott glaubt unb mit Ruberen, bie auch an einen 
folgen glauben, fiel) offen oerbinbet, als heimliche 33er = 
fchmörer ju branbmarfeu, fie toie Verbrecher be3 „bbfen 
GeroiffenS" anjuflagen, ihr Streben ein ntchtätoürbigeS 
Treiben gu nennen unb fie Stroljföpfe gu fchimpfen. 
Ueberau^ fomifch aber mirb bie Schopenfjauerfche Schimpf routh, 
menn biefelbe bie £h c $ en befchulbigt, fie feien Sdjulbbaran, 
baß er (ber Schopenhauer) oom Staate feine &§Ttn* 
bejeugungen erlangt fyat Sllfo Oer langt Schopenhauer in 
feinem Größenmahn, bie Regierungen f ollen ben 9ltbei§mu3, 
auf beffen 33afi3 feine beftehen fann r auch noch mit SluS^ 
Zeichnungen überhäufen. Da3 ift boch Söafjnfinn ohne alle 
s J)Jethobc, unb ßitelfeit ohne alle Grenzen! 



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be3 Seltmeifen ®d?openf)auer. 



225 



98. Jfreltänbtgea dement* nnb #dntnnfen, weil esi nadj JlertbeiMger 
bee {Theismus gibt nnb meil nnib nidjt bie gan?e Jlleli nur bem 
Jtebona bes fltbeistnns, ^djoprnlimuT, anhftvub nnf bem Öuurtjf 
liegt. |3«r UtijctsmnB ift Me einjige ÜÖaljrlyttt ! ! nnb er ber 
etn?tge |Irönb*t berfelben. lü^tttiri in feiner fUntb bem gjegel 
hinauf, er fei ein (Gläubiger ber llngsburger (Ennfeffton. 3itlji 
trab feines JTnbenbaffes ben Heine als illii muten für ben 

ftiljetsnuuT herbei. 

(£r fcbreibt ferner (©. 465): 

„Steine $lbbanblung über ben Sa& bom ®runb baben fte 
liegen laffen, ja mein Söerf ift Hegen geblieben, mäbrenb ba§ Un= 
bebeutenbe unb Schlechte Aufleben machte. 9ltte3 nur, meil fte 
Xbei§mu§ motten, XbeiSmuä; r»om lieben Öiott motten fte erjablt 
baben. Unb meil ich oon bem nichts su berieten mufjte, fann ich 
auf bie 9iad)roelt marten. 3)a§ atteS ift bie Urfacbe. Hinc illae 
lacrimae! 3<h bab' e3 mit ber Söabrbeit gehalten unb nicht mit 
bem lieben ©ort. (£r ober bilft ben ©einen. $)abei ift e§ ifjnen 
eigentlich nur um ba§ 2Sort an tfwn, benn aueb $antbei§mu£ 
laffen fte fich gefallen." 

^Die oon ifjm proflamirte &afjrf)ett märe ber 2ltl)et§mu3 ! 
Das ift feine beftänbig mieberfefjrenbe ^öebauprtmg ; nur im 
©cbjugfak müffen mir ü)m gerechter Seife beifttmmen. $)er 
£>egelfche ^antfjetemuä ift ebenfo im Söefen ein Atheismus, ate 
ber naeft ausgefprochene (Schopenhauers; benn, menn e3 feinen 
perfönlidjen ®ott gibt, menn ($ott nur ein fyofyler begriff ift, 
menn er im S M jerfloffen nur im s Dtafdjen jum iöemußtfein 
fommt, fo ift ba3 rjöchftenS ein enoas oerfchämter unb. Oer * 
fleifterter 9ltr)etemu3 ; unb mit biefem aufgeräumt $u ^aben, ift 
bas einzige 33 erbtenft oon <Strau§ unb (Schopenhauer; 
unb eine (Selbfttäufchung ber Regierungen märe e3, menn fie 
meinten, mit ber §)egelfd)en (Staatslehre liege fict) ein (Staat 
jufammen galten. 

Schopenhauer femer ((S. 465): 

»Sunt glauben ift man fein ^biloiopb- ^feubopfjü'ofop&en 
nenne ich bie, melcbe unter bem Vorgeben, nacb ber 2Öat)rtjeit $u 
forfdjen, an ber $erpetuirung atter occibentalifcrjen Srrtbümer 
gefliffentlich arbeiten." „$)ie äKenfdjbeit mitt bormärtö, ber 
Söabrbeit ju, bie ©ängelbänber reiben unb ba§ ^liefen berfelben 
fann nid^t lange nufeen. 2Iuf atterböchften Söefet)l fotten bie Sort- 
ichritte ber SOcenuhbeit mieber surüefgeben. Profit Sflafjlaeit!" 

Btntin er , ftnlffoloflic unb ^fiffoNic. i ;> 



226 Äniffologie unb Wffotogte 



Heber .£>egete Drtfwbork fpottet er: 

„ftegel ift in feiner Debnftion au§ bem reinen $enfen 6to% 
bis äur 9lugSburgifdjen (£onfeffion unb ber Kommunion sub utraque 
gegangen, warum nid)t aud) bt§ jur föniglid) preumidjen Stturgie?" 

Da3 ift nrieber eine ber fid) überftürgenben Uebertreibungen, 
um ben .^>egel als §>eua)ler ladjerlid) $u machen. £>egel fyat 
fia? meber jur AugSburger Gonfeffion, nodj $ur tommunion ex 
utraque befannt. $)te alberne, in ber ®alle gegen §egel, 
beffen Sttuf <5d)openfjauer, wie es aus melen feiner Äeuperungen 
fjert>orgeljt, beneibete, ausgeflogene 5 ra 9 e » warum er nidjt bis 
,}ur föniglidj preuftifdjen Öiturgie oorgebrungen fei, ift beSfjalb 
ein mißlungener, jeber $Öafjrf)eitSbafiS entbebrenber $)aS 
©ntftellen ber Xljatfaajen, um fdjimpfen unb fpotten ju fönnen, 
ift eine (S&emolmfjeitSfünbe <Sd)openbauerS. Qa, felbft feilte 
öerfdjmäljt er nidjt als ($ewäbrSmann in feinem pljilofopbifcben 
3om ins DWitletb ju sieben, auf ibn fid) $u berufen. 

(©. 465.) $n 33esug auf bie ©taatsplulofopfjen, meiere 1 
wie §egel bas (Sbriftentfjum burd) tfjre fpefulatioe föeligionS^ 
pbilofoplne \u retten fudjen, ftimmt er gana §. §eine bei: 

£>. in feiner 9tomantifd)en ©c^ule 1836 fagt p. 184 richtig, 
bie beutfd&e $l)ilofopbie beftänbe allein in bem, maS ganj un- 
mittelbar auS ber Sfritif ber reinen Vernunft beröorgegangen fei. 
Köllig aber trifft er ben 9?agel auf ben ®opf, wenn er oafelbft 
fagt, wie bie Weuplatonifer baS finfenbe &eioent&um buref) alle* 
gortfefce Auflegungen ju retten fugten, fo bie beutfdjen jefcigen 
©taatSpbilofopben baS (Hjriftentbum; unb ganj befonberS, wenn 
er biefe <StaatSpl)ilofopben ben Junten bergleidjt. inbem fie bie 
^ufttfifatoren beS 93eftebenben unb SBorfjanoenen feien, ÜJeligion 
unb <Staat ftüfcen wollten, nur bafc, waS ben alten, f lugen, ge= 
maltigen ^efuiten tmjjlang, biefen 3roergen biel meniger gelingen 
tonne." 

(£S ift burd) feine $uSfprüd)e erwiefen, weldje §od)adjtung 
(Sdjopenfjauer t»or ben ftyiben im illlgemeinen in fidj ge= 
tragen, wenn er aber einen ^uben, ber aud) von bem grellften 
frafefjler (wie oon 3 c ^ annc ^ ©djerr) wörtlidj als £ump be- 
jetdjnet wirb, für feinen SltljeiSmuS brausen fann, fo fjeiftt es : 
|>er bamtt! 



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be$ IBeltroetfen ©cbopenfjauer. 227 

99. Ufer fUligtim böt, tjl nieberträdTttg t ber Ittljetsmus (b. lj- 
feiner) iß bte reine fjuntnelstoifrter. „Itnjnfte", bie an „ber 
Ijetliaen ÜJahrljett (bes fttfceismns) innt 3«bas geworben". $eine 
(früher gelobt) nttrb je^t roieber ber jitbilajen £öjamiajiflkrit 
befdjnlbiat. Her IHeltmeife Rappelt ftäj ans beut öjrtjtliöjtn 
JJoama trtiUknrlid; einen Unfinn infaminen, nm über 
bie Ten frijunnfen ?n können. 

5ikr irgenbnrie noa) einen (Glauben an ®ott, eine föeligton 
t>at f wirb als Dummfopf, als £>eudjler. als gürftenfned&t oer= 
fa)impft; and) auf bie- prften ift ©djopenfyaucr immer fe^r 
)0)led>t ju f pred)en. Das äftüitär ift ibm infofern angenehm, 
als er baäfelbe gegen ben ^ßöbel brausen tonn — $um (Sdrnfce 
fetner (Mbtaffe, benn bisweilen bämmert es itun bodb, baß es 
mit ben Strien unb fonftigem s Beft^ fef)r fct)icf geljen tonnte, 
roenn ftd) baS bumme SBolf feinen 21tbei3mu$ aneignet unb bie 
notfjwenbig barau3 folgenben CSonfequen^en siebt. Religion 
t>erroed)felt er baber immer febr ebel unb üerf ör)nlict) " mit 
9Heberträd)tigfeit. 9ttemanb foll an (#ott — aber au tfm 
unb ben 9ltbei3mu$ foll 91lle* glauben. 

©. 466: 

„Dafj bie Religion al§ Siftasfe ber nieberträcbttgften 
Slbfidjten bient, ift io alltäflltc^, ba& e§ Üftiemanben mebr rounbern 
barf; bafe aber biefe§ ber ^^ilofoptjie begeanen follte, ber reinen 
ÖimmelStocbter, 1 ) bie nie unb nirgenbä etroaä anbereS al§ bie 
SBabrbeit gefugt bat, mar unferer 3eit aufbebalten." 

„Söenn ein unb ber anbere gefrönte Sartüffe ba§ Regiment 
fiibrt unb in ieiner 9lnßft, ba§ ba3 SBolf flug merben tonnte, 
iebteit mie ^ranj Sftoor: ©eb, lafe alle QHotfen uifammen läuten, 
SlfleS foll in ber Stirpe auf bie Sfniee faden, #lle£, bann mirb 
io ein idjriftftetternber $)ocent ftug§ fromm mie eine iunge $Bet= 
iebroefter, roelrbeö eine alte ... ift — in ($otte£ tarnen; er 
foQL aber feinen Bettelbriefen eine anbere ftorm geben, als bie 
pbilofopbücber Slbbanblunaen; in ber pbiloiopbüdjen SBelt ift 
biefer fromme ein ©ebuit, roeil er an ber beiligen SBabrbeit 
jum 3ubn3 flemorben." 



») @er/r fomifd?! Unter ber „reinen £imme(3tod)ter" oerftefjt er boa) 
nur immer feine, bie atbetftifa)e ^Jr)tlo f opfne unb Unit fo, a(3 ob 
biefe oom |jimmel gefommen unb auf bie (jrbe niebergeftiegen roäre, 
roabrenb ber atr/etftifdje ^fnlofopb auf ber (£rbe geboren tft unb ben Gimmel 
3U frürnten ft<b $ur Aufgabe gemalt fiat. 

15* 



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228 Äniffologie unb ^ftffotogie 

$n biefer SÖeife gefjt e* bei ©djopenfjauer immer fort: 
roer 'PfjUofopf) ift f mufc Sltljeift fein, ber SltfyeiSmuS ift bie 
redjte ^fnlofopfjie , bie reine §immel3tod)ter; wer an einen 
perfbnüdjen ®ott glaubt unb bie feit als ben legten ($runb be3 
2Be(talf3 aud) mit ben (Grünben ber Söiffenfdjaft nadjroeift, ber 
ift ein §>euaM er unb ein ®tf)itft. 9iur Reiften finb ©fjren* 
männer unb (Geniel! 

QaS „^faffenfanmpfen" ift ein befonbere^ 3)2erfmal 
€>rf)openf)auer$ unb feiner s lpoftel. ©o fagt Jrauenftäbt (467): 

„$lufcer ben ^bitoiopbieprorefforen unb ben ^Regierungen 
friegeu aber aueb bie Pfaffen unb bie Ujnen Söeiftebenben ibr Xpeil 
in Siefen polemiid)en 2luf$eicbnungen , 3. SB.: „$aum baben bie 
Regierungen ben Pfaffen roteber auf bie ©eine gebolfen, fo liegen 
bieie ftd) aueb roieber in ben paaren. T)a§ freut midj ber$ = 
lieb. 3)ie Pfaffen unb ibre ©efeöen, beren eS beutjutage aber 
aueb unter ben .ßoologen gibt, s «ö. 9iuboIpb 20 agner, motten 
nirbt leiben, baß im Stiftern ber 3oo(ogie ber 9#enfcb su ben 
Sbieren gereebnet roerbe, bie CHenoen, roelcrje ben eroigen (SJeift 
oerfennen, ber in atten SSefen lebt, (Einer unb berfelbe, unb in 
ibrem finbifeben SBabn fieb an ibm oeriünbigen !" 

ipier fefjen roir ©dwpenbauer roieber auf einmal 311m linfen 
Hegelianer roerben, er fann eben einige Jeften au£ ber §egel- 
fdjen gabritebube braudjen, beren Söefifeer er fonft bei jeber 
(Gelegenheit fyeilloS 31t ocrfcfnmpfen trautet. 

^rauenftäbt berietet ferner (©. 467): 

„2(m febümmften famen aber bei <5cbopenbauer bie 3?uben 
roeg, ba biefe ia nacb feiner Sfteinung ©dmlb finb an biefem 
ganzen Unbeil. ') ©pöttifcb iebreibt er in ben Senilia: „Slber 
bie $uben finb ba§ au§erroäblte 93oIf (SotteS — mag fein, aber 
ber (Seicbmacf ift oerfebieben: mein au§erroä'blte3 Solf finb fie 
nidjt. Quid multa! $ie Suben finb ba§ auäerroäblte fßolt ibre§ 
(Rottes, unb er ift ber auSerroä'blte (Sott feines $otfe§, unb bo3 
gebt roeiter 9ftemanben an." 

ferner: 

„$)er liebe ©Ott, in feiner 2Bet£beit öorauäfebenb , bafc fein 
au3erroäblte§ SBolf in atte Söett jerfireut roerben roürbe, gab beffen 
rotgtiebern einen fpecififdjen ©erueb, barin er fie überall erfennen 
unb berau^finben tonnte: ben foetor judaicu6." 



J ) 2)a§ ftetfet bei ©ebopenfjauer : an bem ©tauben an einen perfon= 
lidjen @ott. (£r bef^impft fytx bie ^ufcen gerabe in jener ©genföaft, 
rcela>e an ibnen noeb bie fAa£en§roertbeftc ift. 



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t>e* Selttüttfett (5cbop«n&aucr. 



229 



93ei (Schopenhauer fjeigt es immer: ^ilf, was Reifen fann, 
felbft ben (Geruch führt er als Sltbeift gegen ben ®otteS- 
glauben ber $uben ^efe^t — baS »erben nicht nur 
^uben, auch Triften orbinär finben. 

grauenftäbt : 

„^Beiläufig fei hier bemerft, ba& (Schopenhauer auch an £>etne, 
ben er lonft für ein ©enie hielt unb gern citirte, ben foetor 
judaicus roch- 3n feinen Spicilegia fchreibt er nämlich : „föeine, 
obwohl ein Scurra (Spa&macher), hat boch®enie unb baber auch 
baS 2lu$seichnenbe ^ ©enieS, nämlich Watüetät. Mein, wenn 
man feine 9?atoetät näher untersucht finbet man, bafj ihre SBurjel 
jübifche Sdjamloftgfeit ift, benn auch er gehört ber Nation an, 
üon ber Ziemer faßt: Sie fchämen unb grämen fich nicht." 

§öchft fonberbar, weil total §a\ÜQ$ unb gar nichts befagenb 
tft bie Art, mit welcher (Schopenhauer feinen ^effimiSmuS unb 
$Uhei§mu3 megen ber Xroftlofigfeit beSietben ^u oertheibigen fucht 

Jrauenftäbt (<5. 468): 

„Sßegen ibreS entfehiebenen s 2ltbeiSmuS hat man bie (Schotten- 
h au erfcß e ^hüofopt)ie nicht minber troftloS gefunben, als megen 
ihres ^efftmtSmuS. Stuf bie gegen ben ^effimtSmuS erhobene 
Slnflage megen ber $roftloftgfeit hat Schopenhauer bereits in 
ber 2. Auflage öon „SBiCle unb SBelt" geantwortet; eine Antwort, 
welche ftch fchon 1826 in feinem SReifebuch finbet in ben Söorten : 
„Sie fchreien über baS Sftelandwlifche unb iroftlofe meiner $bilo= 
fophie; baS liegt aber bloS barin, bafe ich, ftatt als 2leaut; 
oalent ihrer Sünben eine fünftige £>ölle äu fabeln, ge* 
aeigt habe, baf$, wo bie Sünbe ift, in ber Söelt, auch fchon etma£ 
£>öHenartigeS fei/' 

£)aS ift ein reiner, auf totaler Unwahrheit unb fchänblicher 

55erbrehung beS chriftltchen $)ogmaS $ufammengeftoppelter lln- 

finn! 3Ber an einen gerechten ($ott, an einen dichter ber 

tfebenbigen unb Xobten, an eine Ausgleichung , an einen Ort 

ber Belohnung unb einen Ort ber ©träfe glaubt, ben mit ber 

$h?afe abzufertigen: er fabelt fich eine §)ölle — unb ein 

noch größerer, unoerfchämterer Unfinn iffs. allen benen baS 

„etwaö §)b llenartige", was (Schopenhauer in ber 3Belt 

(oerftefjt fich oer alleinige unb erfte) entbetft fyat, ber ganjen 

Hoffnung auf 'S $enfeits als Aequioalent ihrer ©ölt* 

ben entgegenjufefcen! @S ift nothwenbig, auf bie unoer^ 

frorene 9lrt, $)ebufrionen unb (Schlüffe $u Riehen, nichtsfagenbe 

Behauptungen als (Srgebntffe unb fruchte logifchen 9toaV 

benfens htnjuft^en, eutfebieben aufmerffam ju machen. £)as 



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230 



tfniffologte \mt ^fiffologic 



ift gerabemegs bic gred)f)eit be£ $üjjeiSmu£, bcr feinen ©djnnnbel 
burdj fea* aufammengeleimte ©opljtemen bcr ganzen SBelt fnnauf= 
bteputiren nrill. 33om Slequioalent für ein tugenbfjaf te3, 
opferbrtngenbes £eben fd)toeigt ©djopenljauer gänjlidj, 
ba3 liegt offenbar in feiner großen 93efd&eibenf)eit, er fcfyeint ben 
9Wi(fbli(f auf bie ^ßfabe ber Üugenb ^u ftfieuen, bie er hätte 
nxmbeln forinen unb follen, bie aber feiner „2fletaphüfif ber 
®efd)lecht3liebe" fef>r albern unb unjroecfmäfjtg gefeierten 
haben. 

Jrauenftäbt fä^rt fort ilm ju oertheibigen: 

„Stuf bie £roftloftgfeit fjingegen, bie im 9ltbei3mu§ liegen 
fott, finbet fich bie $ntroort in ben Adversaria, angefangen 1828 
in ©erlin, in ben SBorten: „Man fjat geflagt, bafe meine $f)ilo- 
fop^ie traurig unb troftloä märe: aber nichts ift To troftloS, al§ 
baj$ Gimmel unb (Srbe unb confecutiö ber SDcenfd) au§ 9cid)t§ 
geichaffen feien. $)enn ba folgt nüe 9?acht auf 2ag, bafe er &u 
vlidbfö roirb, menn er üor unferen Sluqen ftirbt. Vielmehr ift ber 
SlnfanQ unb ®runb aüe§ Xröftlicr>en Die Sefcre, bafc ber *Ocenfch 
nicht au§ 9tid)t§ gefdjaffen roorben ift." 

Sieber eine ganj freche, unoerfrorene Behauptung. Das 
Xroftlofe liegt in ber 9lu3ficbt auf Vernichtung — ob man 
nun annimmt, baß ber SDtafdj aus Wichts ober aus 5Bas 
gef Raffen morben ift, baS hat auf ben fpecififdjen ®runb 
ber STroftlof tgf ei t gar feinen Einfluß. SBenn (Schopenhauer 
in Verlegenheit fommt, fennt er nur ein probates Üttittcl: 
bie Verlogenheit. Vefer, bie fcfyon ®rünbe haben, fidj atfjeiftifd) 
monier gu füllen, finb auch mit Behauptungen aufrieben unb 
benötigen feinen ®runb. 

Sie Schopenhauer felbft, auch accurat fo feine Slpoftel. 
£)ören mir ^rauenftäbt über biefe grage. 

100. iftudii bie vTru flloligkeit bes Hibeismns trtccnubtspntiren. 
Btr lUcrib einer gteltgimt fei 0ittiirf]hcit, ntdjt «Irö ßltdjhei i, 
unb bei ber $ i t tl i rijk ri t ift bie 05 f l'tuiiung bie Ijanptfarije, 
fagt ,#ranenftäbt , um ben Shijopenbaner toegen feiner JßtüKis 
bera»ö?upnben. ^djwmbel über ^dininbel. 

S. 468: 

„Sßäfjrenb alio bie tbeiftifchen Gegner Schopenhauers feinen 
2ltbetSmu§ troftloS finben, finbet er umgefehrt i^ren SfjeiSmuS 
troftloS. SRan hat fich über bie t>erfd)ieoenen $lnfid)ten in Vetreff 



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be$ SBeltroeifen <5a)openf)cmer 



231 



be$ $roftlofen unb Xröftlichen ntcbt ju munbern. Denn troftloS 
finbet $>eber nothmenbig biejenige vtnftc^t ober 5lu3ftd)t, bte DaS, 
ma3 lern Sötlle roefentltcb bejaht, in ba§ 9fteid^ ber ©bimären 
öermeift. Unfer Söitle bejaht j. 53. bie ©efunbheit. ©inb mir 
nun tranf, fo ift unfere fiage fo lange feine troftlofe, atä mir 
hoffen bürfen, au genefen. (Srft roenn un3 ber 5lrjt biefe &off» 
mniQ gönslich abgefcbnttten bat, meil unfere ®ranfbeit eine unbeiU 
bare ift, alio menn er unfere Hoffnung, in ba£ SReid) ber ßbünären 
oerroiefen bat bann fängt unfere Sage an, eine troftlofe 31t merben. 
Ober um ein anbere3 Sßeifpiel su roäblen : ein Üteidjer üerttert fein 
ganzes $8ermögen. ©0 lange er hofft, weiter befteben *u fönnen, 
ift leine Sage feine troftloie. ©rft roenn fid) biefe Anficht alo 
Sbimäre erroetft, fängt feine Sage an, troftloS su roerben, unb 
fcbon Mancher bat fic^ in biefem gatle baS Seben genommen. 
(Bans ebenfo nun öerbält e§ fiep mit religiöfer unb pr)ilofoprjiic^er 
2ln= unb $Iu3ftdjt ©inb biefe Sem, ma§ unter moralifcher SBitte 
bejabt, förberlicb, fo ftnb fte tröftlicb, im entgegengefefcten 
5atte troftloä." 

Sötr erfu^en ben £efer, f elber barüber nachjubenfen, 
ma3 benn biefe 93eifptele mit ber Jrage ber Xroftlofigfeit 

tfmn ^aben, bie ben 2flenfchen besroingt, wenn er fid) bem 
Glauben an eine obUige Vernichtung nad) bem lobe beS £eibe$ 
hingibt. Unb ferner: 5öo ift fafrtfcb iroftlofigfett ju finben, 
im 2lthei§mu3 ober im (Glauben an einen perfbnlichen ®ott? 
9cach lüelen ähnlichen Ausflüchten, Verbrefjungen unb ©praa> 
roenbungen fommt Jrauenftäbt 31t bem ©chlug: 

„Der roabrc 5Jcafcftab, rooran bie ®üte unb ber 
SBertb einer Religion ju meffen, ift überhaupt u i et) t 
bie Sröftlichfeit, fonbern bie ©ittlicbf eit." 

3Ufo nicht bie 3Bahrh eit, nic^t bie nxriEjve Religion fann 
ben üftenfehen tröften , fonbern nur bie ©ittl ich feit. 9hm 
fommt biejrage: SaS ift ©ittlichfeit? Die ©ittlidjfeit 
ofjne Religion maebt fid) $eber felbft. 5 ra 9 cn na $ cer 
©ittlichfeit beS Reiften ©chopenbaucr ! tytom mir nicht 
33erleumber, Denunzianten, $8ö3mülige, fonbern ihn unb feine 
Apoftel unb jene ®eftänbmffe, ber frechften, unoerfdjäm^ 
teften 31 rt auch noch ba^u, mie mir folebe fd>on früher an= 
geführt haben! (Schopenhauer febreibt über bte 9Jcetaph»ftf 
ber ®efd)Ied)t$liebe, unb mo unb mie hat er feine ©tobten 
über biefeS Xf)ema gemacht? Unb menn er fid) nun in alten 
lagen in bie ,£örfäle feiner metapfmfifchen ©djulen im (Reifte 
ober mehr noch im t'eibe surüdoerfefct, fo fott ihm biefe ®r= 



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232 



«itiffologie unb «ßfiffotogic 



innerung auch noch ^um Xroft gereichen. SÖenn fid) biefe 
§erren boch nur immer erinnern möchten, was fie felber oon 
unb über ihren SOIeifter alles erzählt haben! 

Daß ber Atheismus ntct>t tr oft lieh fei, gefteljt jefct grauen* 
ftäbt felber, otnbieirt ihm aber bafür als $eugniß fetner SGBa^r- 
hett bie Sittlich fett - — Da fjat er im Drange ber pr)tlo- 
fophifdjen ($efchäfte aan^ oergeffen, was ber f)öct)ftc Slttjetft ber 
Seit, Schopenhauer, für eine fomifdje Jigur fpielt, wenn er 
als ber fittlicfje £>eroS feines Atheismus proflamirt wirb. 

Das Sdjönfte ift, wenn bie Herren fich fei ber Einwürfe 
machen, bie fefjr leicht $u wiberlegen finb unb bie ihnen ein 
vernünftiger 9#enfch gar nicht machen fann. 

So ftrauenftäbt (471): 

„$a, aber, fragen üiefleidjt boch noch (Einige, ift e§ nicht $u 
hart, bafe wir entmenfebte heilige werben, baß wir in bie (£tn= 
übe geben unb unteren 2eib fafteien fallen?" 

Sir fragen ben Jrauenftäbt: 2öer wirb benn fo blöbe fragen 
gegenüber Schopenhauer V ^eber weiß es ja boch, baß Schopen^ 
hau er täglia) ^urn fetnften £ifch in granffurt gegangen ift, es 
fich bafelbft fer)r gut fehmeefen ließ, baß er nicht in bie Einübe 
ging, fonbem mit feinem ^ßubel jur i^erbauung um bie Stabt 
herumlief, unb wie er fonft noch feinen Öeib fafteiete, baS fyat 
er ja felber fehr frech feinen greunben berichtet, bie es eben 
fo unoerfroren wieber weiter erzählt unb brueffertig oerbreitet 
haben. $llfo nur ein totaler Kretin hätte obige grage ftellen 
fönnen, feiner, ber fich um bie £ehre unb um bie im tfeben 
befiegelte £ebre biefeS ®roßmeifterS beS 9lthetSmuS auch nur 
ein wenig geflimmert hat. ^un, ftrauenftäbt felber gibt bem 
blöben grager eine außerorbentlid) tröftlicbe Antwort: 

„liefen habe ich gu erwibern : erftenS Oerlangt Schopenhauer 
nicht, bafe wir biete* ober ieneS werben f ollen. SweitenS beftebt 
nach ihm bie fteiligfeit nicht in äufcem, mitunter wiber= 
w ä r t i g e n formen, bie fie in ber (Sefcbicbte angenommen hat, 
fonbern in ber (Sefinnung, in bem gänalidjen Aufgeben be£ 
Eigenwillens, in ber Selbftberleugnung." 

5llfo bie ®efinnung genügt, thun fann einer, was er will, 
wenn nur bie ®efimtung gut ift, fo fagte auch SBachSmutb 
über «Schillers ®efchichtSfchreibung: Die ®efinnung ift 
bie ^auptfadje bei bem £>iftorifer, ob baS, was er bringt, wahr 



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be3 SMtwetfen ©ajopen&auer. 233 

ober erlogen ift, ba3 tfmt gar nidjtö, nur ($efinnung muß man 
fjaben, unb jtoar eine fe^r liberale ®efinnung, ba3 ift atte$! 
$n ber ®efinnung befteljt bie gänslidje 5(uf gebung be§ (£igen= 
mitten^, nidjt in ber ^anblung. Kröftel (£udj, 3$r 
©djopenfjauerianer, madjt es (Suerm 2tteifter naä?: in ber 
®efinnung §at er feinen (Eigenwillen gebrochen, unb in ber 
Xfjat unb ^anblung r)ättc er mebreren aueb fdjon beinahe 
ba$ ®enttf gebrochen, lote ber armen 9ftarquet, al§ er fie zweimal 
( ^u Söoben geworfen. 

$n ber ®efinnung war er ein Sillenbredjer, ba fyat 
er ben (Eigenwillen gän3 lief) aufgegeben, oollfommene 
©elbftoerleugnung! $n ber Xbat ein ®enitfbrecber! 

101. gtifrapffilraiier als ftttltrfyer PiUenhredjer! geint „Zvitb- 
f ebtr fnv Sfagenb gibt ben nrirkfittnfttti ftrflft". <£tn numüifrljtr 
QTrtfbffbfrkrttg. jleltänbtaer JJerlurij, b« Utrjitinfltmg bes 
gtljeiöinna ?tt maskirrn unb üb?nflr*tt*n. Cbarlatanem 

nnb $ophißtrft. 

©inen berartigen <5djw in bei wagt ein Seltweifer (Snbe 
be$ 19. ;$$at)rbunbertS in Mitteleuropa ^u proflamiren, unb 
biefe sperren werfen immerfort mit §eud)elei, Pfaffen- 
ttyum, £üge Ijerum unb füllen fid) in ben s }3f)tlofopljenmantel, 
ber mit lauter (Entbebrung, (Selbftoerleugnung unb Sitten« 
bredjerei in golbenen Settern beftieft ift. 

^retltcr) wirb e3 am Gmbe bem grauenftäbt audj ju bunt, 
er lenft am (Snbe be$ Äapttefe bebeutenb ein, er füfjlt, ba§ er 
fid) mit fammt feinem SWetfter läcberlicb gemadjt bat unb fdjreibt 
(@. 477): 

„(Sine Segre, bie feine anbere (Sxlöfuna üom ©Öfen unb Uebel 
möaltcf) fietjt, al§ bie aän$lidje Verneinung be8 SBittenö, ift trofttoS, 
fie icbläflt ben SBitlen tobt, um ibn $u erlöfen; fie oernidjtet nicr)t 
bloi ba3 fittltcfce, tugenbbafte Seben, weil fie überhaupt ba$ Seben 
öernidjtet, e$ in ba§ bubbbaiftifdje Wirbana 1 ) öerfenft" 



M 2)a3 ift ja eben ber folofjate (Sdjnnnbel : btei'eS SJcrfenfen in ba§ 
SGtröana! SGDcnn man bic entfefcttdje Strenge ber Seljre btefeS SBelt* 
weifen betradjtet uab baneben fem?eben, fo fann boeb biet" er 9^irt)ana = 
üerfenfer nur afö ein $ariefin au§ fetner £beatert»erfenrung beroor= 
fomntcn. 



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234 



Äniffologie unb tßfiffologic 



,,2>ch cjebe btefeä au. 3ch habe aber auch fchon getagt, bafj 
Schopenhauer mit fetner ßetjre öon ber Verneinung beg Sitten^ 
ba§ ©ebtet ber (£tbtf überfd^reitet unb ü6er baS 3iel berielben 
binau^ichiefjt. 1 ) galten mir un§ innerhalb feiner eigentlichen (Stbif, 
b. b- feiner Setjre üon bem magren SSefen unb ber eckten $rieb; 
feber aller $uaenb, mie er ftc in ber Slbbanblung über ba£ gun= 
bament ber moxai in ben „beiben ©runbproblemen ber ©tbif" 
bargelegt bat fo werben mir in berielben burdjauS nichts ftttlich 
£roftlo|e£ finben fönnen. Vielmehr bietet biefe (Sthif in bem 
9cachroeife, bafj e£ eine Strtebfeber in un§ gibt, meiere ftarf genug 
ift, bic antimoralifcben Slriebfebem ju überroinben, unb bafj eö 
eine (Srfenntnifj atbt , meiere biefe Sriebfeber in Veroeaung fefct, 
ben roirffamften iittlicben $roft bar, ben cg gibt (!!!). 
(r$ ift biefeS jroar fein Sroft übernatürlicher föülfe, roie ihn bie 
Äirche bietet, fonbern ein Xroft, roelcher auf bie immanenten 
moralifchen Sfräfte im SOtafchen üerroeift (!!), aber bafür ein 
2roft, ber einem firchlich ungläubigen Seitalter, roie baS unfrige, 
angemeffener ift als ber fircblicbe, unb hinlänglichen ©riafj bietet 
für bieten." 

3GBaS für ein total verlogenes $eroäfche! üDforalifcbe £riefc 
feber, roeldje gegen unmoralische £riebfebern fämpft, alfo eine 
neue 3lrt geberfrieg, ein Sriebfeberfrteg. — Söeim patentirten 
©rftnber ber moralifchen Irtebfeber t>at fich biefelbe nicht 
beroäfjrt, roährenb feine unmoralifchen £riebfebern fich als 
echte Söaare ungebrochen gehalten haben; unb fchon gar: bie 
•ßhilofophie Schopenhauers foll ben roirffamften jltiKdßn £roft 
bar bieten, ben es gibt! ©ine £riebfeber, roelche gegen bielln^ 
fttt lieh feit abf olut nichts ausrichtet, bie foll ben roirffamften 
fittlichen £roft gewähren! — $eigt uns nur ©inen S unb er, 
©inen Verbrecher, ber burch ben Schopenhauerfchen 
Atheismus ju einem befferen Öeben befehrt roorben ift! — 
Senn ein ©chopenhcmerfct)er 2ltheift ju einem i'eibenbeu fagt: 
9*imm eine 'tßiftole unb fchiefj biet) tobt, ober nimm ©panfali — 
nun, baS roäre roenigftenS bie ©onfequenj ber Verzweiflung, bie 
©onfequenj beS SnftemS; fich öto su ber Ung eh euer lief) feit 
oerfteigen, Schopenhauer fönnte' für ben Xroft, roelchen ber 
2ttenf<h im (Glauben an einen gerechten, lebenbigen ($ott em* 



») ©onberbar! $n feinem £eben hat er ba§ ©ebtet ber (£tf)if 
nicht überfefjritten, ba ift er ftanbrjaft — außerhalb beS ©ebteteS 
ber (£tt)if ftehen geblieben , f omit hat er in feinem £eb«n aua) nicht über 
baS ^iet ber (£tf>tf hinauägefchoffen unb hat im ©egentheit gar nichts 
ergiclt. 



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b<3 Settmeifen ®c^opcnf»auer. 



235 



pfinbet (ftrdjttdjer £roft nennt ifm grauenftäbt), in bcm aufge= 
blafenen fjodjmütfjigen ®enxifcf)e eines an (^rößemoalm leibenben 
SBeltroeifen, ber ftd> burd^roegS an (Rottes ©teile fefct, unb 
feine gottlofe §efjre als einen Sroft für bie oerleugnete 
Offenbarung ausgibt, einen fjinlänglidjen C£rfafc für 
ben ($otteSglauben finben - baS ift geraberoegS fopt)iftifcr)cv 
©aiwinbel, mit bem grauenftäbt fein Kapitel: „$)enfumrbigeS 
aus <Sa>penf>auerS ßeben unb Öefyre" bef fliegt. * 

$)ie unausbleibliche Verzweiflung, meldje bem 3ltf)eiSmus 
auf bem Jufte nachfolgen muß, fönnte ntdjt glän^enber bewiefen 
werben, als burd) bie obige ©ajlugrafete grauenftäbtS, bie er, 
mit ©djwefel gefüllt, oor ben klugen beS ?eferS aufftetgen 
lägt unb bie in jerriffenen <ßappenf)ülfen ju SBoben fällt, ©ir 
galten felbft i'efer, bie feiger wirflidj gemeint haben, eS fei 
an ben Xroftoerheißungen (Schopenhauers unb feiner 2tpoftel 
was SßtafjreS bran, für fo ehrlich, baß fie bieS obige £roft* 
djangement als total oerunglüeft anerfennen. $n ber £ef)re, baß 
ber Sflenfdj nur ein höh^eS Xfner fei, unb wie baS iljier 
oerenbe unb ütS 5(11 surücffließe, ba gibt es — mit aller 
S^arlatanerie ber Sprache, mit allem fopfjiftifdjen 3lufpufc — 
feinen £roft, fonbem nur Verzweiflung, unb wer in biefer 
2)eSperattonSphilofophie einen Xroft gefunben ^u haben oorgibt, 
ber macht nur einen Verfudj, fidj felber unb anbere anzulügen. 

• 

102. Briefe ^jvptn^üntr». £eine (Segner )uib jeirä TTiö nnb 
burnirt. H»etn ntnt tljm felber paientirter Hpaftei 4*rauen(läbt 
ift fein Jtetrns nnb fötl „ben Htm bes aTjjriftentbnms retten 44 , 
^rfjanenijaner gibt ?u, baH man fiaj ben atyeiamns benhen könne. 
$t&im»ft über ^etjttnntnnaen nnb niajt riojtige ßemetFe, 
bte bonj nnr rein |JrtnUegtnm frob. iFrenbe, bafe es mit bem 

#tljnsmus oarmärte geljt! 

(£ine ganj beliebte $lr t <S tt} o p e n h a u e r S unb f einer 2(poftel 
ift es, iljre (Gegner als bomirte Äerle, als (Efel. als Leiber 
unb gef)äfftge ^Inf^roär^er au ftgnalifiren. So fchliegt ^tauen-* 
ftäbt fd)on bie Einleitung ju ben Briefen «Schopenhauers: 

«SJtögen nun bie gebäfüßen unb bornirten (Segnet 
Schopenhauers auf's iReue bebaut fein, auS bieten Briefen 
Stoff ju Wdjmäräuncjen ju sieben _ fc en (£in ficht igen unb 



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236 tfniffologie mtb ^fiffotogtc 

Unbefangenen 1 ) roirb Schopenhauer auf'3 9ceue au£ benfelben 
nicht bloß al§ (Ebarafter entgegentreten, fonbern auch als ein 
Tittli«er (KSorotter- 

@§ tft fc^r gut, baß uns ftrauenftäbt fdjon früher beutlich 
genug auSeinanbergefefet hat, baß bei (Schopenhauer unb feinen 
Anhängern bie (Sittlichfeit nicht pebantifa), fleinltch unb mit 
Unoerftanb in ber ,$anblung3metfe beS 2Jcenfcben gefudjt 
merben bürfte f mie auch, baß bie §eiligfeit nicr)t in ben äußern, 
mitunter roiberroärtigen formen, fonbern in ber ®efin- 
nung, in bem gänzlichen Aufgeben beS (Sigenmillens, in ber 
<Selbftoerleugnung $u fuchen fei. $)a£ ffdfct auf beurfcf;, ber 
3ttenfcb fann im ©runbe tfjun, roa3 er mill, auf feine §anb = 
lungSroeife brauet bie vSirtlicbJeit unb bie §eiligfeit feinen 
(Einfluß 311 nehmen, bie §auptf adje ift bie (fteftnnung, unb 
ber genügt es, wenn er in Sort unb (Schrift über S>ittltchfeit 
unb .^eiligfeit etmaS äufammenphilofophirt, moburdj er feine 
(^efin nung betätigt. 

(Schopenhauer felbft nennt bie brei erften Verbreiter feines 
(Suterns Slpoftel. (So im Briefe IG. S^ember 1847: 

„Sie mürben mir einen ®efaUen tbun, roenn (Sie öon ^hrem 
neuen $raftat befaßtem älteften Slpoftel ein (Syemplar auf bem 
SSeae beS SBuchbanoelS fenben motlten, al§ melcbeS ihn febr freuen 
mürbe, unb möchte ich gern bie 3 erften Slpoftel meiner Sehre 
in gutem hernehmen rotffen. $em S3ecfer fchicfen Sie geroifj 
eine§." 

^uergu macht Jrauenftäbt bie 9cote: 

„3u ben brei erften &pofteln feiner Sebre rechnete Scbopen* 
bauer ^)orguth, $ecfer unb mich, ^orguth unb mich nannte er 
im (SJegenfafee ju 93ecfer aftibe 5lpofteI. meil mir öffentlich 
in $)rucffchrtften für ihn aufgetreten maren, mährenb 93ecfer mit 
ihm nur correfponbirt hat. Sebodj fpradh er bon Werter immer 
mit großer Achtung, nannte ihn einen grünblichen Kenner feiner 
^hitofophie unb legte großen SBerth auf bie mit ihm im Söhre 
1844 geführte pbiloiopbtfche Gontroöerie." 



l ) 2)a§ tiört fidj gcrabe fo an, roie ba$ ©efcöret eines (Spafjmadjerö 
bor einer SWarftbube: „2J2eine #erren unb 2)amcn! 2Ba3 fic tyier feben 
werben, ijt für ba3 gebitbetc Ißublifum bejonberS intereffant; unfere 
Silber unb Storftctlungen mttfamnit ber (£jrplifation ftnb für bie auf* 
geltarte äJcenfcbenflaffe berechnet. 2Bir faben un§ in allen £aupt= 
ftabten (SuropaS ben ©eifaÜ aller ftadjgetebrten errungen. (Üntrttt 
30 Pfennige, n>irb fogteicfj angefangen!" 



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bcä Sfißeltrorifen ©djopenbautr. 



237 



@. 476. 5. Qan. 1848: 

„Sie, Söecfer, *5)orgutb unb einige münbücbe Söeurtfjeiler finb 
mir bie Sftepräfentanten fünfttgen Scbaaren." 

lieber eine gegen bie pofitioe Religion gerichtete tm ©inne 
©djopenbauerS abgefaßte Sdmft jrauenftäbtö: 

w ^l)re Schrift ift im ©an^en eine Application meiner 
s #bilofopf)ie auf bie gegenwärtige (£rifi$ in 9teltcjion3iad)en unb 
bie teulofeti ^rrtbümer, in bie man ficb allfeittQ oerloren pat. 
Xieic Application ift burd)au§ richtig unb febr glütflid) gemäblt. 
Sie jeigt bie Abtoege, auf welchen bie ÖJläubiaen wie Die Un= 
gläubigen fid) befinben unb baburd) im ^Begriffe ftepen, ba§ (Triften* 
thum untergeben ju laffen. Sie baben gejeigt, wa§ ber alleinige 
Sern beweiben fei, wäbrenb Jfcne um bie Scbale ftreiten. Sic 
baben baburd) bie lefcte unb richtige Anftrengung jur Rettung be£ 
Sbriftentbumö aufgerufen, bie aber nur eine foldje fein fönntc, 
loie bie etne§ Scfntfö, öon bem man Kanonen unb SBaaren über 
53orb wirft, baö Seben ber Seute §u retten, ^n ber Sadje felbft 
baben Sie ooltfommen 9tecf)t unb bie Straft ber SSabrbeit ift um 
cnblictj grofj, jumal menn fie au§fprid)t, ma3 man nur bunfct 
füblte. Sie baben baber gute (Erfolge tu boffen, ia 3bre Schrift 
tönnte in bem Streite (£pod)c machen , allein 3gnen fteljen bie 
Meinungen aller Parteien entgegen. Sie wirb ben Steiften unb 
Atbeiften, ben 9iationaliften unb Crtbobojen gletcb anftüfjig er; 
kleinen, jubem ift 3bre (Sntfdjeibung bem $roteftantt£mu§ um 
aünftiger als bem $atbolici3mu§. Snbeffen ift bie SSabrbeit am 
Gmbe immer ftegreicb" 

Sir fet)en t)tcr ben g-rauenftäbt oon ©djopenljauer ate 
Detter be$ (£t)riftentf)um3 proflamirt — wie foll fid) bas 
(Sfjriftentfjum gegen berlei Detter bodj genug banfbar bezeigen! 
s J*ur bie Bemannung fotltc oom <Srf)iff ber $ird)e $u retten 
fein, bie tanonen unb SBaaren foll man über 53orb werfen !! 

©eljr gut. £>ie "»ßolemtf gegen ben S d) open bau erfreu 
Atheismus foll gerabewegS o erboten werben (feine ftanonen), 
bie Saaren (bie Sebre, Saframente unb $nabenmittel) aua} 
über 23orb geworfen, unb bann werben bie tfeute gerettet, jeber 
ift felbft fein ©rlöfer, unb wenn biefe fämmtlidjen ©rlöfer 
in eine troftlofe £age fommen, fo füllen fie fid) nur an bie 
Detter bes $ern3 oom (Sljriftentfmm , an ba3 (Sdjopen* 
bauerfdje Apoftolat wenben, unb bort wirb it)nen bie £rofc 
quelle aufgefd)loffen ! ! 3tterfwürbtg f ba§ bem grauenftäbt aU 
$em Detter be3 (Sfjriftentfjumö nod) immer fein Monument 
gefegt worben ift ! 



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238 



fötiffologte unb ^fiffotogte 



grauenftäbt ging nodj fc^ärfcr tn'3 $eug W n SDZctftcr. 
tiefer malmt tfnt (©. 481): 

„@ie behaupten 31t niel, roenn @ie ben £bei§mu§ für 
unbenfbar erflären, benn benfen läfjt ftd) aar 9ttandt)e§. Um 
bie 93el)auptung ju bertreten , fteflen (Sie Seroeife auf, bie 
aröfctentf)etl§ nidjt richtig unb iämmtlidj ftringent 
linb. 2)a§ ift fcblecbte ^olitif. Denn roer iefet Sbre 93etoeife um= 
ftöfjt, roirb öorgeben, ben XbeiSmuS feftgeftellt ju baben. Ueber* 
baupt f 0 II man niebt meinen, bureb ungeuügenbe, 
fcbtelenbe, biufenbe Söeroe tf e unb ben %on ber Hübet* 
fiebt ben Beuten @anb in bie klugen ftreuen ju fönnen; 
fie merfen'3 unb man biScrebitirt fidj bei ibnen." 

2)a§!"elbe r)ättc Schopenhauer ftcb f elber auch anraten 
fönnen, auch er ftellt Behauptungen auf, auf bereu loolfigem 
®runbe er bann feine Söetoeisgebäube aufführt, nur ftellt er 
feine Behauptungen noch auoerfichtlicber auf, fpridjt fie nod) 
feefer au$ unb ift in fetner ©opfytftif fpradjlich unb froliftifcb 
gercanbter, als biefer fein s 2lpoftel, bem er ftetö gute flehten 
^um Kampfe gegen baS ßhtiftenthum erteilt. 

(Schopenhauer rätt) bem gtauenftäbt 35crftct)t im Kampfe 
gegen ben Xh^muS, ermuntert ihn aber auch baju unb freut 
fidj, loenn es mit bem Atheismus ootroättS geht. 

@. 483: 

„©rftaunt bin ich über bie föibnbeit, mit ber Sie ftcb gegen 
ben Xhei§mu§ ansprechen. 2Ba§ ich nur angebeutet, allenfalls 
bie ^rämiffen baju gegeben bnbe, fpreeben ©ie gerabeau au§. 
$ln unb für fieb habe ich nichts baroiber; aber icb furebte, bafj e§ 
Sbnen bei ben Seuten febaben fann. ^nbeffen ift mafjr, bafj man 
Oon allen Seiten ie&t breifter roirb unb mit bem lieben (5Jott immer 
weniger Umftänbe macht." 

103. Wit $riicpntbnnfr ni Frankfurt 184S mit ilcrßnügcn 
bem Httteinfjdjte&en in bie „fanoeraine CunntUe nnb bie 
|*rifBrhfn" t bie Proletarier (b. !j. bie p ruh tiftijcn iHlietften) 
ntl'rijaut tinb einem ©fftfier ?nm $ertU$itn$s$erdräfte feinen 

dDpernaumer letljt. 

3Me föeoolution 1848—49 machte bem Schopenhauer 
oiele Schmerlen. Die ftürmenben Proletarier in granffurt 
toaren ja boct) lauter confequente Anhänger ber <5cf)open= 
hauerfdjen fleljre. (£r fürchtete für fein ©igentljum unb für fein 



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be$ BWtwrifen ©cbopenfjouer. 239 

t'eben; ba regnete e$ ©ebimpf über bie (Sanattte. 3Bir Ijaben 
fc^on f rüber einmal bemerft, roa£ audj ftterfjer paßt: 

9Jtan fann mit Petroleum bie SBanjen, 
2)iit (5onfcquen3cn bie p&ilofopfjen curanjen. 
(Sie (äffen ftd> ungern bamit begießen 
Unb »ollen baoon nic^t^ bören unb uuffen. 

%m 2. üftär* 1849 tamentitt ©ebopenbauer an grauem 
ftäbt: 

„21bcr ma$ baben mir erlebt! Kenten ©ic fieb, am 18. ©ep* 
tember eine 93arrif abe auf ber ©rüde unb bie ©djurfen btS 
biebt oor meinem £>aufe ftebenb, $ielenb unb febieftenb auf ba§ 
Militär in ber gabrgaffe, beffen (Segenfcbüffe ba§ £>au§ erfebüttern ; 
plöfclicb (Stimmen unb Gepolter an meiner öerfebl offenen ©tu6en- 
tbür; icb, benfenb, eSfei bie f ouöeraineßana iüe, oerrammle 
bie Zhüx mit ber ©tauge; iefct gefebeben gefährliche ©töfte gegen 
biefelbe; enblicb bie feine ©timme meiner äftagb: „e3 finb nur 
einige Ceftreicber." ©ogleicb öffne icb Siefen oerebrten 
greunben. 20 blaubofiae ©tocfböl;men ftürjen berein, um au» 
meinem genfter auf bie <§>ouberatne ju fdnefjen, beftnnen ftcb 
aber balb, e§ ginge üom näcbften £>aufe beffer. 9lu§ bem erfteu 
©toef refogno§cirt ber Offizier ba§ $acf binter ber SÖarrif abe: 
fogleicb iebiefe icb ibm ben grofeen doppelten Cperugucfer — unb 

yvxüv ooyüv tovt toxi (pQoviiaxr\Qiov ($lriftOpl)., Nubes). 1 ) 

$)em Jrauenftäbt mirb f elber bange über biefe 35olfö- 
f$mä$ltngen. (£r fudjt ben unangenehmen ßinbrutf au^wuefceu, 
mie folgt: 

„3cb babe biefe 93rieffte£le ©cbopenbauerS über fein 8er* 
holten gegen bie fouüeraine Canaille, obgleich biefelbe feine bemo- 
fratifeben ©egner mie ©ukforo u. 21. auf £ 92eue in SButb öerfefeen 
mirb, nid)t unterbrüefen mögen, roeü fte Siebt auf ©cbopenbauer£ 

») ftrauenftäbt fügt biefem 5Bcvö @. 491 eine erflärenbe 9?otc an, 
roeubc aber über bie 93ejicfjung biefcS SBcrfcö auf bie oorbergebenbe ©rief^ 
[teile be3 Sdjopenbaucr oollfommen febroeigt. 63 ift bte3 ber 
5üerS 94 in ben „SBolieu". Dr. @dmh)cr (ÄriftopbancS' SBerte. ©rfte* 
93änbcben, (Stuttgart, Gebier, 1842, <5. 56) überfebt ben 2$er3 frei: „2)a3 
ift tteffinniger ©eifter ©pefuliergcinaaV' ; wörtlich müfcte bie Ueberfefeung 
lauten: „$cr weifen ©eifter ift bicS bie Söerfftatt". 2)crfelbe 
©trepftabeä fagt 3$er3 128 auf 2kr3 94 bcjüglta?: „Unb (taj) gebe jefct 
gerabe jur 3)enhoerfftatt." $ n roeubent 3 u f ami uenbange biefer 2kr3 
beö SlriftopbaneS mit beut öon ©ebopenfjauer fo erfreultcb. angerjofften unb 
burdfj ©eibülfe feinet Operngucfersf geforberten 3af ar "inenp effem 
ber Proletarier ftcfien foll, ift etma3 fa^roer f?erau§5ubeuten ; müfjte 
nur fein, bafj ber ^bilofopb, perennirenb com ©röftemoabn überroälttgt, 
feine bura> baä hineinbringen ber (Solbaten beunrubtgte SBobnung als 
„beS »oeifen ©eifted ©erffiatt" bc3eia?nen rooüte. 



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240 



Äniffologic unb ^fiffologic 



leftament wirft, in welchem er befanntlicb au feinem Unioerfal* 
erben „ben tn Berlin errichteten f$onb£ *ur Unterftüfcung ber in 
ben 2luirubr= unb (£mpörung§fämpfen ber 3atjre 1848 unb 1849 
für s 2lufred)tbaltung unb .fterftedung ber geiefclicben Crbnung in 
» Deutfcfyanb inoalibe geworbenen preufeiicben Solbaten, wie auch 
ber Hinterbliebenen foldjer, bie in jenen kämpfen gefallen ftnb", 
einaefefet bat. UebrigenS bat l)ter Schopenhauer nur feiner 
politifcben Ueberseugung gemöfc gebanbclt. Schopenhauer mar roie 
(SJoetbe ein geinb gewaltsamer Umwälzungen, meil fic bie geiüigc 
(£ntwicflung bemmen unb un§ au» ber ©ultur in bie Barbarei 
Aurücfwerfen. £aS tnteUeftuelle ^ntereffe ging ibm über Me§. 
$)a§ Volf hielt er überbieö für einen eroig unmünbigen Souüerain, 
welcher baber unter bleibenber Vormunofcbaft ftefjen mufc unb nie 
feine Üiecbte ielbft oermalten fann, ebne grenzenlose (Sefabren 
herbeizuführen." 

Das ift (ebenfalls bie bodjfte Veiftung in ber praftifchen 
Sßf)tlofopf)te Schopenhauers, welche auch bie größte ftner- 
fennung oerbienr. 

Sföenn ber Atheismus im Volte lebenbig unb ber (Glaube 
an ben perfbnlicben ®ott unb bie Verantwortung oor bemfelben 
weggeleugnet wirb, ba fommen bie roo^lbabenben, lebengenießenben, 
ben Verluft ibrer §abe befürebtenben, am (&nbc fogar baS 2lu3* 
geraubt- unb Durchgeprügeltwerben in 5Xu^fict)t fjabenben tr)co- 
rettfcfjen $ltfjetften unb eifrigen Verbreiter beS Atheismus 
in eine $lrt wütbenbe Verzweiflung, bie fid) gegen bie confequenten 
Durchführer ifjrer eigenen ^rtneipien menbet. 

Derfelbe Schopenhauer, ber bie größte Jreube über bie 
Verbreitung bes Atheismus unb ben für ihn unb fein Süftem 
barauS erwaebfenben SRuhm bei jeber Gelegenheit äußert, unb 
fidj ber ebenfo lächerlichen als mahrhaft blöb) innigen Öffnung 
hingibt, feine SDforalp rebigt, bie ftdj auf bie moralifche 
Geftnnung auch tynt felber nur befchränft f bie roerbe 
einen eifern en Siegel für feine Gelbfaffe unb einen eifernen 
'ßanjer für feinen geheiligten i'eib abgeben, ber gibt einem 
öfterreidn'fchen Offizier feinen großen, golbenen Opern* 
guefer, baß biefer oom jenfter aus erfehen fönne, oon wo unb 
wie am beften, fidjerften, einbringlichften unb töbttichften in „bie 
(Schürfen unb bie fouoeraine ßanaille" huteingefeuert 
werben fönne, benn biefeS blöbe Volf ift „ein ewig unmünbiger 
Souoerain", welcher baher unter bleibenber Vormunbfchaft flehen 
muß unb nie feine fechte felbft oerwalten fann, ohne grenzen- 
lofe Gefahr hetbeiguführen. 



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fflMttoeifen (Schopenhauer. 241 



104. <£tnf £tkiifin, ben &tfätn*tn im JTaljre 1851 gegeben. 

Der ©cbreiber biefe3 fjat fdjon 1851 bcn befi^enben 33er* 
breitem ber atheiftifchen ^fjttofopfyie bie am Xage liegenbe 
^öomirtftett berfelben in einem 93ürf)letn (Mene thekcl 
phares, bas mehrere Auflagen erlebt bat unb in ^ßariö auch 
fran^öfifct) erfdnenen ift), ba£ irbifdje <$exia)t vorgehalten, roeldjeS 
über biefelben unausbleiblich ergeben wirb. (£3 foll fywc ber 
unliebfame <3d)lu§ btefer frcbigt, auch für Schopenhauer unb 
feine Anhänger aufjerorbentlich geltenb, folgen: 

„37. SSenn ihr bie (SefefceStafeln äericblagen, oerfpieen, jer* 
fplittert habt, meint ihr, (Einern Splitter — Sinem ©gerben 
be3 ©efefceS roerbet ihr noch Dichtung oerfchaffen fönnen! SBenn 
ihr bie neun ©ebote öeracbtet, roie rootlt ihr benn ba§ lefcte ben 
Ernten oorfchreiben : Du follft nicht begehren beine3 
9c äfften ®ut, roa§ ihr in ber Söebrängnife ber föeüolution 
überie^t gabt in bie mobernen Söorte: heilig ift baS ©igen* 
tbum?" 

„38. Sie werben ben Steinfeherben be£ legten (Gebotes euch 
an bie Stopfe merfen — unb fo gut über ba3 lefcte ®ebot tacken, 
aU ihr in eurer SIrorbeit über ba§ erfte gelacht habt: Du follft 
nur altein an einen (Sott glauben." 

„39. Dann roerbet ihr erft jur ©inftcht be3 3ufammenbang3 
ber Dinge gelangen, bann roerbet ihr fluchen ben abgefallenen 
Gbriften, rote ben ungläubigen Suben, bie erft felber Speiben ge^ 
roorben unb euch bann ju Reiben gemacht, bann roerbet ihr fluchen 
über bie BeitungSbiebe , bie eud) unb baS Sßolf um ben ©lauben 
befahlen burd) ihre Süaen, bie euch juerft genoblen ben glauben 
an (Sott, roa§ eud) heb roar um ber anoern ©ebote mitten, bie 
euch im „heitern 2eben§gemi§ M gemrten, unb bie folgerichtig aud) 
am (Snbe ben (glauben an baä (Eigentum ben tonen auö 
ben Sperren ftablen." 

„40. 3a, äum glauben an ba§ erfte ©ebot roerbet ihr erft 
fommen, roenn auch ba§ lefcte nicht mebr gehalten roirb, roenn 
euch bie Uebertretung beS legten ^ermahnt hat; ia bann, bann 
roerbet ihr reuig gum erften roieberfehren, roenn eure ÜJcammon* 
göfeen jerfchlagen finb, bann erft roerbet ihr roieber ben einen 
roahren (Sott anbeten." 

„41. Sie haben euch oorgemacht unb oorphilofophirt unb 
oorbemonftrirt, bafc ber äRenfch ba^ allerhöchfte, ba3 einsig hohe 
in ber Söelt fei, unb ba§ aufeer ihm nichts fei! (Sie haben euch 
bieSöorte: (£3 ift nur(Sin©ott unb aufeer ihm ift feiner 
umgebreht unb euch gelehrt: @3 ift nur ber ÜRenfch unb 
außer ihm ift nichts — auch fein ®ott! Unb roenn fie 

SB r Hinter, ttiiiffologic unb Sßfiffologtc. 16 



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242 .(httffotogic unb ^ftffotoßic 

fdjon um ber Sd&roadjen mitten ein Sugeftänbnifc machten, fo 
faßten fte: (£3 ift nur ein ©ott im ättenfcben ielber, ber üttenfd) 
ift fein ©ott unb aufcer ifim ift fein ©ott!" 

„42. Unb ba baben fte ba§ fogenannte 2J?enfdjentf)um öer ; 
gottltcbt unb eud) getröftet — bafe in biefer 9#enfcfcenreligion, im 
§>elbftcultu8, in ber ©elbftanbetung ba3 ©lücf unb bie Utetigion 
ber Bufunft liege; fie baben ftd) auf ben SBropfjetenftuljl gefegt 
unb eud) oerbetfeen: Unter fdjöner (Srbenftern roirb werben 
au einem $arabie§." 

„43. 'JtaS roirb aber in ber £bat ein $arabie§ roerben bott 
^ant^ern unb tigern, bofl 9lffen unb ^öänen, bott ©eflien, bie 
ftd) gegenseitig, aerfrafcen unb gegenfeitig auffreffen. (Statt bem 
belügen, friebltdjen, reinen (burd) ©ottöerleugnung, rote fte meinten, 
rein geworbenen) SRenfcbentbum mirb auf etnmai ber ©iebcommu- 
ni§mu§ bafteben mit bem Wedjt be§ ©tarieren, mit ber oberften 
Suftiä ber Saufte, Sfrttttet, (Sifenftangen unb $refd)fleget.* 

„44. 3)ann roirb ftdj ba§, roa£ iljr eud) in eurer $ljorbeit 
ßabt al£ reineS Sftenfdjentbum angreifen laffen, jeigen at§ reinem 
Seufettbum — benn ber äftenfdj, bon ®ott in ooEer ßüge abge* 
febrt, ift ntd)t§ anber§ at§ ein bodjmütbiger Teufel, ein gefallener 
(Steift mit einem Seibe." 

„45. $rofe eurem Weicbtbum feib trjr trofttoS geroorben, itjr 
beteten r roeü üjr roeggeroorfen ^abt ben (glauben an ©Ott, an 
fein ©efefc, an feine ßtebe, bie aud) ir)r hättet lebenbig barftetten 
fotten an euren ©rübem; tfjr roaret neibifd) euren armen trübem 
um baä (Sbangelium , um bie Skrföbnung in tbren ©eiftern, um 
ben beiligen Stieben in ibrer ©ruft, um Die Ijimmlifdje Hoffnung 
tf)re§ i^erjen§ * 

„46. 3m fatanifefcen Uebermutf), int teuflifdjen Weib babt itjr 
bureb SBort unb $bat, b. b- burd) euere fogenannte $luff(ärung 
unb eure tbatfäd)Iidje WidjtSnufcigfeit, burd) eure offen getriebenen 
Safter ben Firmen ifjren legten äroft geftofilen, iljr f)abt fte auerft 
beneibet unb bann beraubt um ba§ (Sbangetium , um bie frobe 
53otfd)aft, um ben feiigen Srieben, ber nid)t mit (Mb au faufen 
ift, ber nur erroorben roirb burd) ©rtenntnife ©otteä unb Qrr- 
fenntmfe feiner felbft al§ ®efd)öpf — ba§ ftd) öor feinem ©cböpfer 
au beugen bat, ba§ if)tn btenen mufc — roenn e§ roitt Stieben 
erlangen unb Seligfeit." 

„47. 3&r $abt ben (SHauben an ben geregten ®ott Iäd)erlid) 

gemacht, unb e£ ift eu<$ nid)t eingefallen, bafe barnacb bie Firmen 
en ©lauben an euren geregten SBefifc gar aum Stobtladjen 
ftnben roerben." 

„48. SBie e3 im alten ©unb geheißen : $lug' um $luge, 3alm 
um 3afm, fo roirb e§ jefet aud) etnmai beiden: GUaube um 
©laube. SEÖenn iljr bte Firmen gelehrt babt, bie (Srlöfung m 
berleugnen unb ben jenfeitigen Gimmel, fo müfcten fte am Snoe 
Warren fein, roenn fie, roie e§ nur angebt, ftd) md)t felber erlöfeten 
au§ ber bie§feitigen ^öUe." 



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fceS Seltroeifett Scbopen&autr. 



243 



»49. $)ie 3eit ber SBerroirrung tft ntdjt mebr ferne, roer 
etroaS ©efübligfeit fjat, fann fte in allen (^liebem fpüren. liefet 
meljr auf Söagen unb Stoffe bürft i&r eurf) oerlaffen, niebt mebr 
auf ^euerfcblünbe un fc <£>eere§fäulen, benn bie Ütoffe roerben ge- 
lenft üon 9Jienfc^en unb bie Seuerfdjlünbe jünben ftdj ntdjt feloer 
an, e$ roirb ibnett bie föicbtung gegeben unb üe roerben ange^ünbet 
üon 2#enfd)en, unb bie fteereSfäulen ftnb gebaut auS 2Rentd&en." 

„50. Söenn ibr auf ®ott nidjt galtet unb eueb uic^t binbett 
laffet buref) fein (&efe&, rote eure SSerfe setgen, meint ibr ba noeb, 
e£ laffeu fieb anbere b in ben bureb einen (Sib? Söenn ibr 
fcen legten dement serftört unb aufgelöst bnbt, meint ifjr ba: bte 
Steine roerben auf einanber bleiben unb nid)t anfangen stammen 
au rollen? 

„51. $ln biefem Siele fiebt bie (SJeiettfcfcaft, ber erfte $ampf 
galt bem beiliaen QJeift in ber ®irdje, ber jroeite bem 2oao3, 
(Rottes ©obn, ber britte bem Sater als ©djüpfer. 2>er äRenicben* 
geift bat ftcb ben $bron (SotteS errungen — er oerleugnet ben 
lebenbigen breieinigen ÖJott unb bat baS leere ©ort, ba£ bpble 
s $bautom: SSeltgetft an feine Stelle gefefct. Unb biefer Söelt^ 
geift roirb jäbten, roägcn unb tbeilen mit feiner SBage, bis ber 
i&err, roie er fdjon einmal getban — feinen (£ngel fenbet, 9?amenS 
TOcbael (b. b. roer ift roie ®ott) mit ber SBage fetneS ®ericbteS, 
mit bem <§d)roert — baS ben $racben bänbigt; bis bortbin fdjroebt 
bec SBeltgeift ober* euern Häuptern unb feine Sittige fcblagen 
facfienb in bie ©lutb ber Firmen, unb feine brauen roiifjlen in 
euerer £abe, unb fein Äracfoen tönt obne Unterlaß: „(Sejäblt, 
geroogen, getbeilt." 

9hm nodj roas! $)enfen roir uns ben (Sdjopenfjauer, 
feinem aus Sorten unb §>anblungen errotefenen (Sfjarafter 
nacb, als reinen Proletarier, ber, Don Söefifcenben ausgebeutet, 
mit SHeib unb Rtnbern am Jpungertua^e nagt unb ber, jur 
s -Botlenbung fetner 2$er$roetflung ^um Sltljetften geroorben, 
fidj jebe Hoffnung auf eine jenfettige StuSgletdmng weggeleugnet 
f)at. Unb biefer <3djop etil) au er nürb — inforoett es feine 
errotefene perfönltdje Jetgfjeit unb Xobesfurd)t zuläßt — einer 
ber roütljenbften 3$orfämpfer ber flteoolution fein unb gerabe 
jene befifcenben, ljod)mütI)igen atfyeifttfd)en Seltroetfen tobtfa^lagcu, 
bte tfjn unb feine ®enoffen per ©Surfen unb fouoe* 
ratneßanaille trafttren unb bte im $olfe ntdjts s 2lnberS als 
einen eroig unmünbigen Souocratn erfennett roollen, ber unter 
bletbenber SBormunbftfiaft fielen mug unb nie feine SRedjte felber 
Perroalten fannü 

<Somtt tft bie ebenfo beftänbig als unoerfroren angefün* 
btgte ed)te 2öaljrf)ett beS (Sdjopenfjauerfdjen ©pftems 

18« 



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244 



Äniffotogie unfc $ftffologie 



nur für 33efifcenbe unb ($enie§enbe, n?clcr)c gelegentlich ber 
Anforberungen ber armen £eufel, bie auch etwas mttreben, 
mithaben unb mitgenießen motten, als fouoeraine (Sanatlle 
bezeichnet werben, benen bie befifcenben unb genteßenben Seit- 
weifen mit i'uft unb SÖonne falte söleibofmen in bie ausge- 
hungerten üttägen fjineinfeuern laffenü 

§ier ift bem Atfjeiften bie §)eud)lermaSfe ber oon JJtaucnftäbt 
iljm angefcfmteichelten etlichen (tfefinnung ju Söoben gefallen, 
unb baS oerjerrte, ^agcrfüüte ($efid)t beS erbarmungSlofen, grau= 
famen (£goiften ift in feiner 3Möße offenbar geworben. 



105. Ot&araktmfttrdf« <5Men ans fctr fovttfpvnbtni 
Jtdjoptttljantrs ?nr &titntbinn$ frinea Cljarahters. 

Der größte X^eil ber Briefe Schopenhauers an grauen = 
ftäbt enthält 93eforgniffe be$ugS ber SBerbreitung feiner tyfylQ- 
fcpr)te unb feines 9tuhmcS, immer wieberfehrenbeS Selbftlob, 
unb beftänbigeS ($efa)impfe über bie ^rofefforen ber ^^tlofop^tc 
im Allgemeinen, weil biefe fo geiftesbefchränft finb unb tr)n als 
ben größten Söeltbenfer nicht anerfennen wollen; bann über 
^rttifer, bie it)n nicht genug loben ober ihn am (£nbe gar igno* 
riren. (£s ift eine beftänbige ©elbftberäucherung feines (Pentes 
unb ein beftänbigeS §crabreißen Aller, bie feinem philofophtfehen 
(^efelerhut nicht (£r)rfurct)t bezeugen. 2Bir wollen fdjlagenbe 
(Stellen über biefe betagten £f)emata bringen. 

Am 2. 2)färs 1849 berichtet Schopenhauer bem grauenftäbt 
oon einem §>errn o. Cuanbt, ber ihm gefchrieben: 

„$)er SSeg, welchen Sie Dom Scalen 311m ^bealen ge= 
funben haben, ift eine grö feere (Sntbecfung als bie, welche 
oon ben ^ßortugieien gemacht würbe, ba§ man über 
baS SBeltmeer oon (Suropa nach ^nbien gelangt." 

Sehnliche (^l au bensarti fei werben 00m Seitweifen immer 
mit bem empfänglichften §ergen aufgenommen unb im Te Deum- 
^atalog ber ihm angethanen gnunnen gewiffenhaft Bezeichnet. 



9ächt auch baS §irn oerbrannt? 
(£r fräht als wie ein ®acfel, 
Unb lobt wie ein Orafel 




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be3 Söcttroctfcit (Sefjopenljaucr. 



245 



£)e$ (Schopenhauer 33ücher, 
Uni) btefer glaubt ihm fic^cr. 
®emofmt, bie ftärfften «prifen 
$u fchnupfen ofme liefen, 
©eftt man bcn 5öei$heit$riefen 
9}och über bie 'portugiefen, 
$)ie uns mit ^nbten oerbunben, 
911$ fie bcn $Öeg babin gefunben. 

(Schopenhauer fängt fämmtltcbe fchimmernben Komplimente, 
bie wie bunte Schmetterlinge an feiner 9cafe oorüberflattern, unb 
fteeft fie auf bie 9cabel, um felbe feinen Jreunben als ÜJhifter 
oor^ujeigen: „<e>efjt ffi, fo müf$t Qhr'3 machen, wenn $br 
(Suct) bie §mlb beS größten Seifen erwerben wollt." Staut man 
biefem phüofopbifcben §>onigtiegcl mit ber 5 ra 3 e an ocn ^ e ^ D 
gerüeft märe, wo benn bie 9lehnlichfeit ^wifchen Realem unb 
^bealem unb Europa unb $nbien ju fuebett fei, unb worin 
benn eigentlich (Schopenhauers weltbeglücfenbe ©rfinbung beftebe, 
fo mürbe §err o. Quanbt entweber gefdjwiegen haben, was bas 
ßlügfte, ober er mürbe mit einem neuen Unfinn geanttoortet 
haben, was bas ÜDümmfte gemefen märe. 

21 m 9. £)ecember 1849 banft er bem Jrauenftäbt für 
eine belobenbe ftrirtf in bcn blättern für literarifche Untere 
haltung; er fa^reibt: 

„3)en ^bilofopbieprofefforen mufj es $um grofcen 5lerger ge* 
reichen, (Sie gleichen iefct Seilten, bie in einem finftem SBinfel 
bes ©aals immer genatenftübert morben finb, ieboeb nicht gefchrieen, 
fonbern fittl gehalten haben, unb ba fommen nun «Sie, mit einem 
Sickte bie ©cene au beleuchten. $on meiner vierfachen SBurjel 
^weiter Auflage haben fie nicht einmal ben Xitel in irgenb einer 
ihrer literariieheu 3eitungen angezeigt, fonbern hufch, bufcb, nicht 
ein SBorr, iebweigen, fefretiren. 5lber «lies irae fommt, „balb mirb 
Gimmel unb G£rbe uns Gnel bohren, mir finb unmieberbringlid) 
Oerloren." (©oetbe.) 3cb möchte ben Sfriegsconfeil ber Sperren 
behorchen, ihre Verlegenheit mufe unbefchreiblich fein." 

„3>cb hoffe, bafj s 2lnfang§ SDcai fterr b. $)ofe aus 9Jc uneben 
bei Öhnen gemefen ift : er wollte <§ie auffuchen, unb gab ich ihm 
Diele ®rüfee mit. Slofe ber ©frupel bleibt mir, bafj er nacb 
Bresben, wohin er juerft wollte, gerabe in ben $ampf* unb 
©ebreefenstagen gefommen wäre unb oietteicht umgekehrt ift nach 
©üben. $)as wäre febr febabe. 9ln genauer $enntnifj aller meiner 
©ebriften unb Ueberaeugung bon meiner SBabrheit fommt er Sbnen 
menigftens gleicb, wenn er ©ie nicht übertrifft: fein (Her ift 



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246 Äniffologie unfr ^flffologic 

unbefdjreiblidj imb bat mir bielftreube gemadjt. (£r blieb 14 $age, 
blofe um mieb jeben smeiten £ag 311 befugen. Leiber gibt er 
nod) nichts *ur treffe, er ift erft 26 Sabr. s 2Iber er tft ein 
fd&reibenoer Spoftel, (einreibt ^Briefe an Seute, bie er niebt fennr, 
tbnen au fagen, bafj Tic midj lefen fotten. ©ogar bie ©Triften 
$)orgutb§ ftnb ibm alle ganj geläufig, aud) ber iRäfce, unb über= 
baupt jebe 3eüe, bie je Don mir gerebet ßat : aufeer ftd) gerietl) 
er, al§ id) fprad) toon einer föecenjion de Anno 1821, bie er nod) 
nid)t fannte : er fpürt it>r nad). (£r ftubirt ben 93ubbbai§mu$ 
unb bat fid) JJ. 5- ©(ömibte s 2lbbanblungen ber ®aif erliefen 21fa= 
bemie abgefdjrieben ! 3$ fage Sbnen: ein ftanattfuä!" 

Mit mir ift 2Ule$ beim Gilten, bin gefunb roie immer, fcfcrcibe 
fleifeig an ben operibus mixtis, bie im §rübjabr sur treffe fertig 
fein werben. $)ann motten mir an einen Verleger benfen. deinen 
tbeuern, lieben, grofcen, febönen Sßubel babe uf) oerloren: er ift 
öor &lter§fcbmäcbe geftorben, nidjt ganj 10 Sfabr alt. $at mid> 
inniglid) betrübt unb lange." 

30. (September 1850: 

„993o gibt e§ in ber beutfeben Literatur ein SBudj, roeld)e£ 
man auffdjlagen fann, mo man mitt, unb gleid) mebr ©ebanfen 
empfängt, als man ju faffen öermag, al§ mein 2. 33b. „Söelt unb 
Sitte" r 

©djopenfjauer fefct im Briefe felber eingefdjaltet baju: 
„?fui, Hilter, renommtre ntebt!" — ©onberbar! Senn er 
mir fit d> t)ättc ntdjt renommiren wollen, fo mürbe er btefeä 
©elbftlob einfad) ausgetrieben ober trgenbmie getilgt f)aben! 

16. Dctober 1850: 

„Oi meine Slbbanblung über bie UnioerfitätSpbilofopbie gleidjt 
ietjt bem miebernben Streitrofj im ©tatt, eS mitt beraub! £>ie 
^büofopbieprofefforen roerben ibre greube erleben, Urnen mirb 
fein, als ob e£ Obrfeigen regnete. 9?od) mitt id) au &erbart§ 93e* 
tifen bemerken ben füßlid), oerblaienen, erbärmlichen Qcinfatt, bie 
SWoral auf $leftbetif 311 grünben u. f. ro." 

„SSiel roid)tiger ift, bafj mein brauner $ubel, jefct 17 äflonat 
alt, cmna fo grofe unb genau io geroaebfen auSfiebt tote ber feiige, 
ben eie gefannt baben, babei aber ber lebbaftefte £>unb ift, ben 
id) jemals gefeben!" 

£obgef)eul unb ^ßretägebubel 
greut tfm audj an feinem "pubel. 
9tor mer üjn redjt lobgefmbelt, 
©id) oor tljm Ijerumgepubelt, 
Söurbe gnäbig aufgenommen, 
Senn er auf ©efud) gefommen. 



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be3 Seltroeifen @$opeiujauer. 247 

(£r war soll Dürft unb ooü SBebürfen 
®ang unerfättlid), flhujm fdjlürfen. 
2öenn $emanb üjm baö 8ob oermeigert, 
£)a war fein Qoxn gut SButl) geftetgert; 
$)a£ £ob üerfchlingt et mit @ntsücft|eit, 
Der £abel bringt iljn gur SBerrücftfjeit. 
betrachten wir bie alten (kriechen, 
2öa3 waren ba3 für eble Reiben! 
2Bar bodj ein $eber fefjr befdjeiben, — 
Wlit btefem eitlen ($ecf verglichen. 
Sie füllten fich, wie e§ lefen, 
gängig uon bem fyöd)ften Siefen; 
(Sie waren feine Sßabelthürmer 
Unb waren feine §immelftürmer, — 
(Sie waren frei oom $ocbmutf)3fparren, 
2ttit einem Söorte: feine Marren! 

106. Kritiker, bie iJjm nid|t ttttbebingt £vb fueitben, jinb gnmptn, 
fredjc J3uben, gHmfeer, miferable Stdjufte. <£r bebauert, ben 
lUi 1 1 aire nufrt auf bem Hornel be$ JEHanuments jFrtebrttbs H. 
?b fmben, unb es regnet &liH?e, iflegel, Wiri?töe <£fel, 
Jtönörötitenpam, ^rijnjierjanaeti, £atbeberaeftttbel, 

ÜTtubbeitiel. 

26. (September 1851 an grauenftäbt: 

„Shre Oleflerjonen über mein 93uch finb wohl im (öanjen 
wahr : boch geben fie eben nicht tief ein. Seiber haben (Sie äugen' 
fcheinlich babci blofe an bie $lp!jor tarnen jur 2eben§wei§heit gebaut 
unb machen e§, wie ba£ SjSublifum, ba$ auch immer nur Dorn 
^e&ten unb 9ceueften weife. $)och etwas jur ©rwiberung. $a 
ich ftet§ nur üon £>em rebe, ma§ ich au§ innerer unb äußerer 
(£rfabruna, fenne, io mufcten &j>bori3men jur 2ebensmei8beit notb* 
wenbig ötel Subjefttoeg enthalten. — 2)a8 3urücffommen auf ba£ 
(Sienie unb wa§ barau§ folgt, ift mit Sßiffen unb Sßorbebacht ge= 
icheben. 3<h bin nämlich ber l£rfte, ber ba§ eigentliche SSefen 
be§ ©enieS ergrünbet unb beutlich erflärt Ijat. £ie heften öor 
mir, namentlich Sean $aul in feiner $leftf)etif, unb Diberot 
„Du genie", fino auf ber Oberfläche geblieben. $)af)er war e§ 
nötbig, bafe ich nichts aurücfbebtelt öon meinen ©ebanfen über ben 
(&egenftanb, auch Wenn e§ blofc eadem sed aliter mar. blofe neue 
2)arfteHung unb Beleuchtung ber Sache. $ch bin hier, wie in 
öieleu $>tnaen, fehr üiel tiefer ber ©ache auf ben ®runb gefommen, 
al§ bie Slnbern." 



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248 



Ämffofogte unb ^ftffologie 



„SDlit meiern 3)anfe fcbicfe icb 3bnen mliegenb ba§ Statt au3 
her „©egenroart" üurücf. 9?id)t, roa§ ber Sumn über miä), roaä er 
über ®ant fagt, ärgert mid), alfo beffen ^ilofo^te lebte nur nocb 
bei einigen £anbfcaftoren unb ©dwlmeiftern : bie öegelfaje 2öei8= 
beit wäre ba§ Siebt ber Seit! - greebe ©üben! 2Öer er fei, famt 
ieb nur fo mett faqen, bafj er bbcbft roabrfcbeinlicb bertelbe ift, 
ber einft in ben föallefcben ^abrbücbern bie taubere SHecenfton 
über mieb Geliefert bat; — unb sroar beäfyaih, roetl, bier roie bort, 
er ftd) ereifert barüber, bafe icb gefaßt babe, meine Sßbtlofopbie fei 
ein Sbeben mit 100 $boren: baä fann er niebt öerbauen; obroobt 
eS ein ganj unoerfänglicbeS ®Ieid)nife ift, auSjubrücfen, bafj mau 
ba§ (Stubium meiner ^bilofopbie bon iebem @nbe berfelben an= 
fangen fönne, — bnber e§, aufjer ibm, feinen SRenfcben febofirt 
bat. SSon biefem SCßenfdjen nun ift nur fo Diel ausgemalt, bafe 
er ein £ieftger ift, roeil 2lnimelungen auf meinen $ubel barin 
üorfommen. Dr. (jmben roirft feinen 23erbad)t halb auf Xiefen, 
balb auf Senen, feft überzeugt, c§ fei ein föteftger. Da baben 
<3ie bie faubern Srüdjte ber Vlnontimität." 

«Sdjopenbauer jammert, bafj auf bem Oftomiment für 
Jriebricb ben (^roften ber grojfo Ijerrlia^e, unfterblicfye Voltaire 
fefylt. t)at ben $lnfct>ein r als ob ©djopenfyauer nidjt mußte, 
n>ie Jriebridj, auf fefte ®runbfteine oon bitteren ©rfaljrungeit 
geftüfct, ben Voltaire einen ©dwft geheißen. (Somit fonnte man 
ja boa^ nidjt einen oom 3ftonumentalbelben fetbft aB ©djuft 
gebranbmarften ($efellen als eine 33a$reliefjierat am ©ocfel 
anbringen. 

„5)a§ Üftonument 3riebrtd)$ be£ ©rofjen fenne längjt au£ 
bem Änöferftieb, fann aber banadj blofc öon ber ®ompofitton ut* 
tbeilen, alfo : sBon ®ant bat ber ®önig wenig ober gar 
nirf)t§ gemußt. 1 ) 5ßon Seffing er^äblte mir unlängft Dr. $affa* 
öant, ber meinet ^llter§ ift, ibm babe in feiner Sugenb £effina§ 
©dnuefter erjäblt, Seffing babe einft eine Muttens beim ®omg 
gehabt, oon ber aurücffommenb er fo befüerat geroefen fei, bafj er 
fieb bie ^ßerücfe abgeriffen unb fie roütbenb *ur ©rbe geworfen 
babe. hingegen ift e§ ffanbalitö unb empörenb, bafj be$ ®önig§ 
mabrer Sreunb unb ®eifte3bruber feblt, ber arofee, berrlicbe, un- 
fterblicbe Sßoltaire.'-') $)afj er mit bem ®önia ftcb übermorfen batte, 
ift feine föntfdnilbigung: benn ba§ bat ben Äönig niebt abgebalten, 
bei feinem $obe 1776 fetbft fein eloge ab^ufaffen unb at§ Mfa= 
bemifer e§ in ber berlinifcben Mfabemie felbft oorjutefen. 3lucb 
Wofe§ 9#enbeI3?otm fottte barauf ftebn: ber.^önig liefe ibn öfter 



J ) batte ibm gefdjrieben, tafe auf bem 5riebrtcb3=1)enfma( in 
53crtin aueb Äant unb Jeffing ftäuben. 

*) Sottatre feblt auf bem ^riebria^ö^enfmat ju Söerttn. 



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beS SBeltoeiien «Schopenhauer. 249 

f ommen, fich mit ihm ju unterhalten. 5lber fte habend gemacht, 
rote ber $ommerfcbe Sieutenant, ber ben SötfenbelSfobn itic^t in 
bie Oper liefe. ®eben (Sie um Mitternacht hin sunt „SDfonn üon 
(£ra unb Stein" unb fragen Sie ihn, roer feinem greunbe feine 
Stelle gegönnt hat unb Scbulb ift an bem foloffalen $lbberiten= 
ftreich? — 2)a nicft er mit bem ®opfe, unb eine bumpfe, hohle 
Stimme fpricbt: „bie Schäfer". — 

„$)ie üielen populären ©efcfncbteit ber $bilofopbie, ä- auch 
bie amei oben ermähnten, (4 ober 5 finb bieS 3ahr erschienen, 
rooju (SrbmannS fommt), melche je&t fabricirt unb, trofc ber 
Scbroierigfeit beS 23erlagS, gebrucft morben, finb eine Solge ber 
(Sefunfengeit beS (Glaubens : man menbet fich su ben Pbilofopben." 

„£$n bem SRündjener ©elebrten^näeiger fteht eine lange lob» 
ftngenbe Sftecenfton ber @thif beS ©balibäi: in allen Journalen 
mirb alfo baS $robuft btefeS SünberS Oerherrlicht unb gepriefen. 
9hm halten Sie bagegen, bafc meine (Stbif in feiner einzigen ber 
oielen bamalS flortrenben ßiteraturseitungen angezeigt morben, 
aufgenommen in bem Öeipjiger Sftepertorium (baS nichts unermähnt 
laffen barf), bafelbft aber für* unb in ber hämifchen Intention, eS 
al§ ein unbebeutenbeS ^robuft ber SBernachläffigung *u empfehlen. 
Unb ich füllte nicht Oon coquins meprisables reben? 5lber quos 
ego, meine $lbbanblung über bie UnioerfitätSpbilofopbie fommt 
ichon auS bem $8acfofen. £ie oerbienen'S!" 

30. October 1851: 

„$er ®ant fteht auf meinem $ult, ganj unb heil, atterbingS 
hält eS fchtoer, ihm feine 'geiftige (SJröfee amufehen. $cb ließe 
gern ein balb$)u&enb machen, aber Der jefcige bieftge ©aguerrotöpeur 
ift ein fo unerträglicher, unbefchreiblich roioerroärtiger ®lofe unb 
. Siegel, bafc fchon feine Qtegentoart mir ein oerbrtefjlicbeS (Seftcbt 
auffegt, Söortefcten Sommer fafc ich bei ihm bereits bor bet- 
rat cbine: er benahm fich aber fo, bafj ich Plö^lich auffprang, Jput 
unb Stocf ergriff unb jur $bür hinauf. (£r tft ber ©njige fyitx, 
ber gute SKaTcbtnen hat. (SS ärgert mich, bafj bem fo ift. ®a 
nab ich oon Zubern 2 grofje Photographien machen laffen: fte 
finb forgfältig ausgemalt, aber fchänbliche ®arrifaturen. Sonber* 
bar, als ich oaS dtne, als eS neu mar, aufmerffam betrachtete, 
fiel mir ein, ich fätje barauf auS, mie £aUetoranb , ben ich 1808 
oft unb bequem gefehen. Wenige £age barauf ftfc ich bei $ikbe 
neben einem alten ©nglänber: nach einiger ®onoerfation unb 
^öertraulichfeit fagt er: „Sir, foll ich 5$ nen iogen, mem Sie 
ähnlich fehen? bem Xallet)ranb, ben tch in jungen fahren 
oft gefehen unb gefprodjen habe." — ÄurioS ift 8, aber 
buchftäblich mahr. — 3>iefe ftra&en ntag icb Sbnen nicht fchicfen : 
alfo fotten Sie baS mit bem ber 9ttab. Mertens gleichseitig ge- 
machte hoben: ich fehe barauf indignabundus auS, als ftänbe tch 
eben Oon ber 5ibhanblung über bie UniüerfttätSphilofophie auf. 
galten Sie eS in (Sfjren: beim jebenfallS merbe ich ntcht mieber 



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250 Äniffologte unb ^fiffologte 

So jung baguerroti)pirt. 28enn ber ftimmel unä bod) einen fran* 
SÖfifc&en $)aguerrott)peur jufübrte ! Stött ben Deutzen ift'S nichts, 
ben fiofeigen (Sieht. " 

£)en §etnridj Sftetbegg, (war fatfjolifdjer ^ßriefter, apofrirte, 
Öcirat^cte unb würbe ^ßrofeffor $u §eibelberg) nimmt ©djopen= 
fjauer arg mit: 

w ^n ben ftetbelbcrger ^abrbüobern, 9fo0ember nnb Rentner 
1850, belehrt un£ £>err 9tetd)lin Söcelbegg, p- 907, ber 9toum fei 
ba§ „blofee SBerbältnifc ber $inge ju einanber." £)abet polcmifirt 
er nicr)t etma gegen $ant, ignorirt ibn aber aud) nid)t: nein, er 
ift ganj ebrlidf) ein Sgnorant, ber ba$ ber ®antifd)en 
^ßtjilofop^ie md)t fennt. ©oldje Söurfc^e leben Don ber $$t(p* 
foppte! gfö ^°^ te & er S°fl m Saben fein! — Söenn nun ein 
fleifjiger, im $ant belefener ©tubent biefem föerrn ^ßrofeffor untere 
®tnn griffe unb tagte: „®uter Sunge, ba müftte ja, roenn man 
bie Dtnge roegnimmt, aud) ber 9t aum oerfdjroinbeu." — ! ©o 
aber ift ba§ gan^e $acf, oom (£rften bi§ sunt Seiten, liefet» 
lernen, nid&t§ benfen, nichts treffen, ionbern auf bem Äatbeber 
naturalifiren mie ein ©dmfterjunjje : — aber öon bem (Seroerbe 
treffen, laufen unb bann famtegtefjern geben. — 51n berfelben 
©teile polemtftrt befagter 3J?enfdi gegen ben üon Oerfteb au§ge= 
fprodjenen ©a&, „bafj Körper frafterfüttte 9täume ftnb", al§ gegen 
ctroaS 9?eue3, unb roetfc gar nid)t3 baüon, bafj ba£ ein befannter 
®antifd)er ©afc ift, ben Shnt leiber oon ^rteftlen gefto&len bat, 
roie id) nadjgeroieien. (£r mad)t'§ alfo mit Oerfteb, roie SSoigt 
länber mit mir. — Unb fo Ijat bie§ ganje $atfjebergeftnbel bie 
^bilotopljie um 70 $abre jurütf gebracht, inbem e§ $ant§ grofee 
(Intberfungen allmälig obliterirte unb öergeffen machte, um plump 
SU naturalifiren, als bätte e§ nie einen ®ant gegeben : ba§ mad)t, 
au§ feiner ^biloiopfjte ging fein lieber ®ott tjeroor." 

107. Pfrfcaninties Itolh. 3ummt9 &nmptttyttih t #«rtt*, 

■Pntnmbretfttölmt. gnmptn; tagqpn £vb txnt* Butbrüntv*, 
htv tixt 5*rijiilfr btö Wclttufifftt tncrbnt mill. 

2. Januar 1852: 

„SReulid) fam ein ©tubent au§ (Siefjen, ber eben nur junt 
£Ijeil bie Parorga gelef en, mid) au befeljen ; mar ein (Srofjneffe ber 
Sorte SBertberä. — Wlan fiefjt, e§ roirft bod). 51ber ba§ üer= 
bammle SSolf lieft ftet§ nur ba§ 9?eue." 

w @rbmann§ pft)c^ologifc^e ©riefe babe burebblättert; fabe§, 
bumme§ 3eug ! 5)er @ble bat, öor'm Sabr, in einer feiner, nad)* 
ber gebrueften ^bilifter=53orlefungen , über Soeben unb SSeinen, 
meine ^eorie be§ 333einen§ üorgetragen, obne mtcb su nennen. 
Seberd^en ausrupfen ! SBoflen ©te m SlHem unb Sebent, mag id) 



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free Seltroeifen (Schopenhauer. 251 

ben $l)ilofopl)ie s $rofefforen oormerfe, ein fcf)öne8, fomplete& 
(Ejempel, Icfen ©ie „ber (Encpflopabte ber $btlofop&ie ^weiten, 
etilen Zfyil", oon $rofeffor gtfeher in (Erlangen! — desgleichen 
©engler'3 „5)ie Uebäb ®otte§". 1 ) — $etbe§ gans neu. £>ie 

2 bringen ftdj immer tiefer herunter, unb meine „Uni* 

oerfttätäpbilofopbie" gibt ihnen ben ©nabenftofe." 

„35orcjutb ift ehenfattS lebhaft angeregt burch „^Ibfid^tltc^feit 
im ©chicfialeV) fchreibt, mir mürben bie .•{paare $u SBerge ftehn, 
roenn ich feine SebenSgefdjichte hörte. — £$bre $lnefbötchen amüfiren 
mich. $)er ^agemann, genannt Don foeigenborf, erzählte ich oor 
18 Sauren bte bamalS eben erfonnene ^tacheluhmeingefchichte, unb 
batte auch fte arofte jjreube baran. ©ie unb ich waren bie Sekten 
au§ ber glorretdjen SBetmarfchen ^eriobe." 

11. ÜJcärj 1852: 

„(Empfangen ©ie meinen danf für bie abermalige ©lorification, 
bie ©ie burch Shre Sftecenfton mir haben $u £beil werben laffen. 
Sie 2)arftellung tft gut, forgfältig unb überhaupt, mie ich fte Don 
Jtönen erwartete; auch glaube ich, ba§ Tie Piel Wirten wirb, fjaupt- 
iächlich, weil man fühlt, bafe au§ Shnen aufrichtige Ueberjeugung 
rebet. 9cur (Eine§ barin hat mich öerbroffen, nämlich, baft ©ie 
fagen, ich hätte ba§ Sgnoriren unb ©efretiren jum ibeil oer= 
ichulbet, burch meine Angriffe auf bie ^htfofüphie-^rofefforen. - 
Diefe Angriffe batiren ja erft öon 1847 (bi§ bal)in maren blofe 
flehte ©arfaSmen untergelaufen), nnchbent ich Pon 1813 bi£ 1847 

oergeblich auf irgenb einige (Seredjtigfeit öon biefen 2 

gewartet hatte: alfo nach & fahren ber (Sebulb! (Erinnern ©ie 
lieh bod) nur SbreS eigenen (SrftaunenS, als ©ie jufättig meine 
(Sxiftens entbeeft hatten. 1813 trat ich auf, garbenlehre 1816, ba* 
£auptmerf (Enbe 1818 u. f. ro. (Ein folcheS methobifcheS ^gnoriren 
be§ allein SöeachtenSmertben unb (Eelebriren beS (Schlechten, 34 
Safere lang, ift ohne SÖeifpiel. 3ch bin noch öiel ju glimpflich 

mit ben & umgegangen. 3fh hoffe, bafj ©ie bei irgenb einer 

(Gelegenheit Shren 3rrtl)um berichtigen werben." 

„Leiber hat man Shre Berichtigung be§ angezeigten $)rucf* 
fehler^ einjufchieben oergeffen: työchft üerbriefjlich. — Slucb noch 
mufe ich bemerfen, ba& ©ie mit Unrecht meine „UnioerfttätS- 
philofopljie" unerquieflich nennen, ©ie ift burch bie 5)arfteHung, 
i'ebenbigfeit unb 53el)emenA fehr unterhaltenb, ja, oiedeicht bie 
fchönfte Snbeftiüe, 0 i e feit (£icero in Verrera gefchrieben warben." 

10. 3unt 1852: 

„SBecfer fam oon Wain^ herüber, blofj um mich au fehen. 
(Er mißbilligt S)orgutf)3 Jabel meines ritterlichen (Ehrenfobey, ber 



') ©chopenbauer fpraa) unt? fc^rieb öfter ftatt ^bec: Uebäb. 
*) 2>ura) bie „IranScenbente ©pefulation über bie anfa)einemx 3lt»= 
fichtlicbfeit im @a)icffale bc0 ©naelnen", im 1. SBanbe ber Parerga. 



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252 Ämffotogje unb ^ftffologte 

ihm gerabe gefällt. — £er alte $)orguth ift im 75ften 3ahr, 
icbreibt mir, er möchte meinen ®eburt£tag Hüffen, um ihn mit 
feinen 3 iöcbtern (bie auch meine ©chriften ftubiren) feiern 
3U fönnen. $ft ba§ nicht öiel? — %n ber 3)tba8falia (Seuitteton 
Aitm granffurter Sournal) com 14. $lpril fteht ein furjer, aber 
fefjr auter 9lrtifel über mich, üon unbekannter Jpanb. — ftier tft 
ein ältlicher, febr literarischer, ja balb gelehrter (£ommi§ eine« 
grofcen §aufe§, ber 1847, nadbbem er meine üierfacbe SBurjel ge ; 
Iefen, mich auf ber ^romenabe anrebete, mich feiner Verehrung 
$u oerficbern unb nur ein SUcal mit mir ju reben. ©eitbem hatte 
tcb ibn nicht mieber geieben. 9ftm ift ber SOcann 3 SÖcal in unfere 
Sefegefellfcbaft (beren äKitglieb er nicht ift) gegangen, um mid) 
bort ju finben. (Snblicb traf er mich unb fagte, er märe blofe 
gefommen, mir $u bauten für 9l£le§, roa« ich gefcbrieben: alle 
meine SSerte, fogar bie Farbenlehre, babe er angefcbafft unb ftubire 
fie fleißig, mit feinem ©ohne, ber. ein ©tjmnafiaft bon 21 fahren, 
je&t sur Uniöerfttät foll unb ibm bie griechischen unb latemifcben 
©teilen überfefct. dergleichen freut mich febr, baS ift ecbt, ba§ 
ift etroa§ $lnbere§, als (Samaraberie. Sludj 2>ofj fcbreibt mir Hon 
einem SBrauerdfobn, ber jebodj ftnbirt bat, allein ein 93rauer 
gemorben ift unb feine Söücber fautt, jebocb mein §auptroerf ge- 
tauft bat, nadbbem er ba3 Kapitel uon ber ©efcblech triebe gelefen. 
- §lber tr»a§ mich mebr al3 2lUe§ gefreut bat, ift ba§ mir übet= 
fanbte „Programm be£ ®ömnafium§ au 9corbbaufen, jur öffent= 
lieben Prüfung am 5. unb 6. 9lpril", entfjaltenb „3ur föftematücben 
(Sntmidlung oer (Geometrie au$ ber Slnfcbauung" öon ßofarf, 
l'ebrer ber Söcatbematif unb ^ßbofif- $a roirb erzählt, roie man 
febon lange öerfuebt bat, bie ©uflibiicbe Sftetbobe au änbern, bt* 
enblid) bureb mid) bie ©acbe auf immer uunnberleglicb entidjiebeu 
fei; folgen bie ^auptftetten au§ bem Kapitel Pom ©einSgrunb in 
ber üierfacben SSurjel, tDÖrtlicb, roie icb fie 1813 im 2ßirtb§bau3 
ju SHubolftabt niebergefchrieben, unb bann eine ausführliche $robe 
einer XarfteHung ber ©eometrie in meinem ©inn, im ©anjen 30 
©eiten 4to unb ®upfertafel. ©te müffen ba§ burcbauS lefen, 
tonnen ja nötigenfalls e§ fommen laffen,.bie wenigen Söogen. 
$iefe§ Kapitel hatte 1813 juerft (SoetheS «lufmerffamfeit 
ouf mid) gesogen." 

„SortlageS neue (&efcbid)te ber ^bilofopbie, entbaltenb 16 (Seiten 
über mieb , roirb Shnen eben öorliegen. $ie gmeite öälf te be» 
®apitel§ beftebt au§ abgefebriebenen ©teilen meiner SBerfe, ift 
f olglicb febr gut, abgefeljen oon ber pole-melo, pot-poum, 3ufammen- 
fteflung. 51 ber ma§ er felbft refertrt unb gar beurtbeilt, ift falfd), 
fc^ief unb id)led)t. ©rft ignoriren bie Herren mich 35 ^ahre lang, 

unb bann werbe icb eben einrangirt unter lauter 2 als aud) 

fo @iner, unb gar nod) oerglicben, ja äbnlifb gefunben, mit bem 
erbärmlichen *8enefe, auf ben ich ba§ Xenion anroenbe: 

„ärmer empirifa>er Xeufcl, bu weifet nia^t, rote bu fo bumm bift, 
2)enn bu bijt, fei eö geflaut, ad?, a priori fo bumm!" 



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SJeltweifen «Schopenhauer. 253 

12. ftult 1852: 

„SWeine Slbfianblung über bie Uniberfttätgphilofobhen, bie Sie 
jefet unerauicflicf) genannt haben, erquieft ^eben, ber ba§ treiben 
biefer — elenben Sftiethlinge fennt, unb ich bebauere Mofj, noch 
äu fdjonenb mit folgern Ötefinbel umgegangen $u lein." 

„93or einigen SSochen traf icf> hier einen alten SSefannten au£ 
Berlin, ber ftch freute, mich ju tehen, roetl er cor feiner 5Ibreife 
bei&umbolbt mar, ber fich lebhaft erfunbigte, roo ich benn märe, 
roelc$e§ mein ^öefannter nicht au fagen gemußt, ba&er jefct ftch 
freute, bei feiner fliücffehr Sr. G&ceÜena 93ertct>t erftatten, ja fogar 
bemfetben meine gehorfamfte (Smpfeblunp überbringen ju fönnen. 
Denfelben ^atte am felben Sage noch (£mer nach mir gefragt, er 
mufcte aber nicht mehr, mer — alte ^robbet! $)en $orgutf). fcabe 
nie gefetjen, Sie tonnen ihm fein gröfcereS $laiftt machen, atö 
roenn Sie ihm meine ^aguerrotnpie mitbringen, jur Slnftcht, aber 
raobi berpaeft!" 

„®ein ©^impfen ift $u hart gegen Liener, meldje fteinbe be£ 
fterrn ftnb, beffen 93rob fte effen, unb bieö ift baS SBerbältnifc ber 
^Bhitofophieprofefforen jur ^ijüofophie." 

Schopenhauer feftt natürlich immer borauS, ba§ feine 
$$tlofoj>$te allein ben tarnen ^^tlof op^ie oerbient, ba§ fie 
bie §errin atter anberen ^hüofophien fein fofl, mte er ber 
£)err feiner ^3r)iIo[opr>ie ift. 

6. Sluguft 1852: 

„$)af$ ich hätte bem £>umbo!bt bie Parerga überfeineren fotten, 
ift venia verbo ein fnoüiger (Sinfatt! 3<$ meine 2öerfe bem 
(Sompüator ju güfcen legen! Sie trauen mir mehr $>emuth ju, 
al§ ich befifce. 3)ie Speidjellecferei ber belehrten gegen ihn ift 
efethaft, jumal, menn fte feinen fchönen Stil bemunbern. 2)cr 
hat etroaä ganj fpeeififeh Sangroeiligeä, in feiner breiten 2öot)U 
c^efefetheit. 9Kit melcfjer irgenb wichtigen allgemeinen SBahrhett 
»Qumbolbt bie äftenfehbeit bereichert habe, habe ich noch au lernen. 
— 2öa§ foH mir fein (Smfiufc? — 3<h berlange nichts. — ^ch 
habe ihn grüfeen laffen, meil mir un3 perfönlich fehr mohl fennen, 
(1826 biet berbanbelt haben, nicht 3Biffenfchaftltche§) unb er nach 
mir gefragt hatte." 

„SBieber eine ®efchidjte ber neueren ^hitofophie bon tuno 

gif eher! — Sehen Sie, roa3 ber fagt bon Schelüng unb 

£egel = $(ato unb 2lriftotele3 ! — unb ber (Snthufia§mu§, mit 
bem er ben ontologifchen 99emei§ borrrägt, bie armen 3ungen£ 
,ut bethören unb ju belügen! — ©lenber !* 



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254 Äniffologie unb ^ßfiffologtc 

108. (Salle t boft glrofeflToren ben U er bieit Horben bekommen, ber 
nur ,.«e i Rige n (f rnine tuen" oer lieben sterben Tollte. $t «beuten, 
bte tljn iefen, bodj belobt. fJartüffe! jFredjbett, tbn ?» ianoriren, 
tferonrt ein Gtaerkoof, näajierner, platter ßelclle. #tajte ein 
lüinbbeutcl. Wentel ein Pennmiant. (Eigenlob feiner 

JUriiofopljte. 

21. ftuguft 1852: , 

„pdj banfe Sfjuen für bie (Sbrenbejeugungen , bie (Sie mir 
roünfcjfen, ia aar oerfebaffen möchten. Seien Sie gaiu rufjig : ber 
Sßerbienftorben unb ba£ Öerbienft treffen niebt fo leidjt $ufammen, 
bat alfo gute SSege. Xiefer roirflicb ebel unb ergaben coneipirte 
Orten, für bie Söbne be§ 9Jcar§, ober ber äRufen, allein, ift 
bereite feinem boben Rwed untreu geroorben: au§ „nicht mehr 
atS 30" bat man „nicht roeniger als 30" gemaebt; baber eine 
9Jcena,e Seute Don febr geringen SSerbienften baffelbe ®reu* tragen, 
momtt ber St"önig ben Sßrinaen üon Sßreufjen für bie Ueberroältigung 
ber babifeben SRebeüion belobnt bat. 'Sie SSertbeilung ift in ben 
£>änben be§ Kapitels, roelcbeS au§ lauter ^rofefforen beftebt bie 
nun jeben alten emeritus auö ibrer (Silbe bamit beforiren. s. 53. 
furjlicb ben dreujer für feine mütbologifeben ftafeleien, u. 9, m. 
— (£3 müfjte im Jnlanbe mit eben fo Diel Bwtücfbaltung., njie 
im 2lu3lanbe, üertbcilt merben, blofj an eigentliche, geiftige 
(Sminenjen." 

„$lber 3)a§ ift ein erceüenter (Sinfatt, bafc Sie ben föumbolbt 
auf mein Urtbeil über bte garbenlebre ^inroeifen möchten : — ba 
mürben Sie ibu in Jngrtmm üerfefcen. (£r Ijat ftd) im 3. SBanb 
be§ ftoSmoS auf ba§ ftlägttdrfte mit ber 9ceutonifcben garbenlebre 
fompromittirt, wobeier üon einem grünlichen föotb rebet, bieS 
ift roie üon einem Oft ; 2öeft=2Binb : er rebet alfo gana mie ein 
5ÖItnber üon ber garbe. — Ueberbaupt, rao ift eine (Sitelfeit, bie 
ut niebt gefränft hätte? Wlan bient nicht ber SSelt unb ber 
SSabrbeit sugleicb. 3)aher, menn e§ .^reuje regnete, feinet auf 
meine ©ruft fiele." 

12. (September 1852: 

„Üceulidj mar mieber ein Stubent au3 (Siefcen bei mir. greute 
fieb febr über mieb, bat um ©rlaubmfe, um Oftern mieber ju 
fommen, ebe er bie Llniüerfttät roccbfelt. Sft hübfeh üon ben 
Jünglingen! 3)er neue Slpoftel, 1 ) Sßerfaffer be3 f leinen 2lrtifel§ 
in ber 3)iba3falia — angebeuber Süangelift ®il$er ift ttnrflicb ein 
überlegener ®opf; iammerfchabe , baft er fein (gelehrter ift. (£r 
bat einen 2ütffafc über meine Wofopbie unb einen über meine 



l ) ©djopenljauer nennt feine Stüter abweebfetnb Äpoftel unt) ©Dans 
geliften. 



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beS Settrocifen @a)openbauet. 255 

Sarbenlebre abgefafct, bie er in bie SMbaäfalia fefcen wollte, weldje 
e$ aber abgelebnt bat: ftc ift audj ntd)t ju folgen ernften fingen: 
nun wei| er nicbt, rooljin er bieie @ier legen foff. 93or 8 $agen 
bat er eine breiwöcrjentlic^e Serienreife nacb $orol angetreten. 
ÖJanj öon felbft tagte er mir, er werbe in Sftüncben ben 3)ofc 
aufhieben. 2)iefeS ©icbbefucben ber Slpoftet gefaßt mir febr: e§ 
bat etwa$ (£mfte£ unb ®ranbiofe§ : „wo jwet in meinem tarnen 
oerfammelt ftnb, bin icb mitten unter Urnen." 

22. October 1852 gefjt e$ mieber fcbarf über $$tfo* 

foppen unb 9taturf)iftortfer lo$, bie fo frccr) finb, beim £rtump$* 

wagen ©djopenfyauerS ntdbt anaujiefjen ober wenigftenS 

hinten niajtnad^utaucfyen. $)a wirb wieber mit Stuften, 

Gauneret unb (Slique gearbeitet, unb ber wegen [einer *?erfibie 

aua) bamate feljr befannte Jallmeraner ^um Kampfe gegen bie 

„Jmfterlütge" aufgebest. 

».Sefet folgen Sie mir in bie 5)eutfcbe ©aunerberberge. 3bren 
finftern ftintergrunb bilbet bie (©ie miffen mober ftammenbe) iefct 
allgemeine, in atlen <Scbulen, (SJumnaften, Uniöerfitäten, Söücbern, 
Journalen eifrigft betriebene ©agotage unb SartüfftaniämuS : bie 
feilen ßumpe treiben e§ aber io plump abficbtlid), fo bärenbaft 
ungefcbicft, treten fo maftig, auf, bafe ber (Srfolg, fo roabr id) lebe, 
ber entgegengefefcte fein mtrb. einen (Sr^Sagot unb Xartüffe 
babe icb Sbnen fcbon ben faubern öerrn 9t. SB agner befannt 
gemacbt. Ob Sallmeraper! fcblätft $u? $omme, unb wie 
$)u oor lVi 3^abren bem elenben Ütina3ei§ eine berbe, offene 
liebe, mobfoerbiente 3ücbtigung tjaft angebeiben laffen, 1 ) jum $rofte 
aller geblieben ; fo macbe e3 einmal mit 3enem unb feiner (Söttinger 
©efellenfcbaft. — 9cad) ber pfpcbologifcben (Seite bin ift nun bie 
Aufgabe biefer Herren, bar$utbun, mie Seib unb (Seele jmei 
grunbüeriduebene vSubftanaen finb unb lefcterc im ®opf blofc logirt : 
al§ unfterblidj ift fie abfolut=einfacb unb untbeilbar, rnufc alfo ibre 
a,an*e Bagage oon ^ntetlert, ©efübl SBillen, Seibcnfcbaften u. f. m 
m Siner 9cufe bort oben jufammenbaben, in (Sinem Sßunft, als 
Seibnifcfcbe SJconabe : baber alfo fönnen bie SBegebrungen, Seiben- 
fdmften u. f. f. ntebt in ben anberen partibus be§ SeibeS fteefen, 
mie 33icbat unb 3<b fagen. 2J?erft'§! $)ie§ rnufc burebgefefct 
roerben, tro& Staut einerfette unb ben fransöfifeben $bt)ftoIog,en 
anbererfeitS. Herfen (Sie ma3? Sefet leien (Sie im lefcten Seip- 
Atger Repertorio bie bödtft lobenbe föecenfiou be§ nid)t3würbigen 
yJcacbwerfö üon Softe (Soft unb 93ofc befanntlidje pbilofopbiube 
lumina Böttingens!) „ÜHebicinifcbe $fpcbologie". ^er anontome • 
(Scb . . . lobt ba8 $)ing im Vertrauen auf feine Slnonpmität. 3« 
bem S3ucb Wirb obige obligate Sebre aufö SSeitläuftgfte bureb- 
gefübrt unb m. SBagner unb Holtmann böcblicb gelobt (e§ ift 



») 3n ben ©tättent für titcrartfe^c Untcrbattung. 



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256 Äntffologic unb «Rfiffotogie 

s 2lHe3 (£tne ciique). $)ie Seele wirb mit alten 2Seiber=$lrgumenten 
bemonftrirt. 3)ie grechbeit, mit ber ®ant babei ignortrt roirb, 
fann mich über bie grechbeit tröften, mit ber man mich ignortrt. 
Nun aber roeife ber Schacher nicht, ba bie Seele atte§ Kenten, 
Sotten u. f. ro. allein oottbringt, roa§ er mit bem fo fünftltd) 
fomplicirten, 3-5 $funb ferneren ÖJebirn anfangen fott: er erflärt 
e§ für ben blojjen ($rnäbrungS*2lpparat ber Sinne§roerf= 
jeuge !!!!!!! Sßietleicht ift nie ein frecherer Unftnn auSgefprochen 
roorben. — $afl> alfo finb bie Seute, bei benen Sie in Sie Schule 
gehen, unb too Söidjat oberflächlich ift. ®ant nnb 3$ ftnb ein 
tfaar (Sfel, auf bie man gar nicht hört. $a$ ift beutfct)e 9teb= 

It*fetr 

22. Ocooember 1852: 

„$)er föerbart ift ein entidjiebener Cuerfopf, hat feinen S3er^ 
ftanb öerfehrt angezogen u. f. ro. 5lber roa3 fann abfurber fein, 
atö mich einen 2ltomiften $u nennen. — (Sbenfo falich ift e§, ben 
£>erbart einen 5ltheiften ju hetfeen, ba er ben phhfifotljeologifcheit 
ÖeroeiS qeltenb gemacht hat, mit tchamlofefter SReticena ber roabrcn 
(Mnbc in Spants Argumentation bagegen, bie er fo öerfälfcbt 
öorbrtngt, ber 2 . . . !" 

9cad) einem Schimpf über ben gidjte jr. heißt e3 : 

„$>iefe§ barf un§ nicht rounbern, ba ber Sbarafter Pom SSatcv 
erbt: biefer mar ein Sßinbbeutel, miß fagen ein SDcenfch, ber 
e* auf ^Ilufton unb iäuichung abgefehen gat: aber ber hatte 
baju SBerftanb unb Talent, machte e3 alfo fein, 3)er Sohn hin* 

gegen ift, in Solge feiner SÖcutter, ein unb nun oermöge 

be$ oäterüchen (Ibarafter$. $lber fehr bernagelt müfete ber Sefer 
fein, ber feiner 5)arftellung nicht anmerft, bafc $8o§beit, Schlechtia- 
feit unb 9ceib allein au3 bem ®erl reben: unb nun gar Seier, bie 
mich fchon ionft rennen! Sich roirb er fchaben, nicht mir; fo gern 
er auch mich roieber Por ber Söelt aubeefen möchte mit bem Scheffel, 
unb ihr aufbinben, e3 märe nichts bamit, märe Piel ßärm um 
Deichte. Sogar moralifch fucht mich ber $erl au Perbädjtigen, 
möchte mich al§ ÜDcepbiftopbele3 barftetten! — 3m (Donjen aber 
tröfte ich mich mit ©oetbeS Herfen: 

„@o will ber @pU3 au$ unferm (Statt 

Und immerfort begleiten: 

$oeh feinet Mellens lauter @d)att 

SBeroetft nur, bafj roir retten!" 

30. 2ttärs 1853 befommt Söolfgang, STcen^el feinen £ert. 

CDer Unglücf liehe hat in feiner ßiterar. Leitung 100X1 ocr Wfo - 

fophie Schopenhauer^ noch nichts gebracht. 

„$e§ 9coaf§ eben ermähnte „Rheologie al§ 9teligion§philo= 
fophie" finbe ich in 90cen$el§ Siteraturblättern Pom 18. UJcarj unter 
ber Ueberfchrift „antichrtftliche treffe" roütbenb heruntergehängt, 
aber blofc roegen ber ©ottlofigfeit ihres- SnhaltS. 2)aS fchabet 



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be3 Seltroeifen ©djopenfjauer. 257 

bem 93ucf)e niefit, beim bafe biefer Wentel, ber Denunziant, ent* 
meber ber er6ärmlict)fte Gagot, ober ber nid)t3mürbigfte $artüffe 
ift, roeif$ bie SBelt. $on mir ift nicf)t§ barin gefagt: ber fennt 
meine $f)ilofopIjic nid)t." 

$a$ f)at ber SDcenjel bawm ^cr>a6t ! £)ätte er ben ^djopen* 

flauer gelobt, fo märe er meber ein (£agot, norf) ein Xartüffe, 

fonbern einer ber geiftreid)ften $ritifer in £)eutfd?lanb geroefen. 

2lm 30. September 1853 : - 

„Sßor 14 Sagen tarn ein Dr. Sefjrer an einer SKealfctjule 
im &ersogtt)um ... ein grofeer Wann üon gegen 40 3aljren trat 
ein, falj micfc an, bafc mir$tngft mürbe, unb fdjrie: 3d) mitt Sie 
iefyen, idj mufe Sie leben, id) fomme Sie jn fefjen! 3eigte großen 
(£ntl)ufia3mu§. Weine $f)ilofopr)ie T)ätte iljm ba3 Ceben roieber* 
gege6en. Scharmant!" 

tiefer föealprofeffor, ber bod), menn bie ©djilberung beöfelben 
oon ©eile be$ SBeltmeifen mat)r ift, auct) maS man fo fagr, ein 
fef)r überfpannter 2ftenfd), ober brafttfct)er : „ein Ijalboerrücfter 
Äerl" mar, befommt als gleißnote für feinen (£ntfmfia$mu3 ein 
„fcf)armant!" 

s }im 28. Qannar 1854 mirb bem Slpoftel grauenftäbt bie 
atterf)öd)fte ^Inerfennuug be^üglict? feiner tfobmerfe §u erfennen 
gegeben : 

„£od)mürbtger (Sr^(Sbangelift! l ) 
Da f)abm Sie maljrücf) mir etnen grö§tmöglid)ften ®efaflen 
erzeigt, unb menn irgenb etmas e§ oermag, fo mufj 3br Surf) 
meiner ^f)ilofopf)ie 33a&n 6red)en; oögleicrj mir fe&en, nute otel 
erforbert ift, um ba£ Wenfcfjenpacf baf)tn ju 6ringen, bajj e3 feine 
Wen m'Sficfee? ftecft, bie meber fturaroeü, nod) 9Jufcen Oer- 
iprectjen, — menn auct) $luffdjlüffe, an benen jenem $acf felbft am 
Weiften gelegen ift. $lber bie £>oblf)eit unb Sangroeiligfeit ber 
s #fjilofopfjafter, V* 5 n ^ r J un ^ ert Öinburcft, bat fte fopffd)eu gemacht 
unb ber W)Uofopl)ie allen ®rebit gerauöt. — Da fommen «Sie 
unb löfen Sfcre Kanonen. Sörabtifimo! — .<oa6e 3t)r ißudj 2 mal 
mit uncnblicfcem tßläftr gelefen: ift mir, al§ fär)e id) in einem 
$onüerfpiegel mein berfleinerteä $8tlb. 3ft eine oottfommen ätjn- 
Iictje Wintatur. Sie baben e£ machen tonnen, meil Sie nidjt nur 
eine boUftänbigc $enntni§ unb $3erftänbnife meiner Wlotopfne 
fjaben, fonbern fo tief eingebrungen finb unb fte fo burd)bad)t 
unb burdjbrungen Oaben, ba§ Sie fo üiel batoon miffen, mie id) 



») tiefer ®vicf erfolgte auf 3uf^idung eines (SremplarS ber „©riefe" 
ftrauenftä'btS Ü6er feine $l)ttofopf)ie, oon benen er, ebe fte im 2)mcf fertig 
waren, nichts! erhalten fjatte, aU bie Sluöoängebogen be§ üorangebrueften 
9lrtifelä ber Sefrmtufter^eutem. 

»ruitner, Jhiiffoloflte unb ^fiffolofllc. 17 



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258 tniffologte unb ^Jflffologic 

fclbft. 3)ie§ betoeifen beionberä bie brei lebten, apologetifcben 
Briefe; unb burdj ba§ titele ©tubium finb (Sie fo su &aufe in 
meinen ©cbrtften, bafc ©te au§ ben entlegenften SBtnfeln feeran* 
fdjleppen, mnö ©ie eben braueben, oft Singe, bie 40 Safere öon 
einanber abgefafct finb. S)afj aber ba§ 9lHe$ gan$ sufammenpafet 
unb fügt, bemeift bie (£inbeit unb 5efti(ifeit meiner Sebent unb 
Söelt^lnftcfet. SBie anberS $8. ©cbetlmg; fogar ©ptnojn; aucfe 
Sunt: — bei feinem (iejje ficfe SaS fo machen: fie Sitte baben 
gefacfelt." 

„&abe ben 2. 93anb ber Gtt&if öon ^icfete burcbblättert: ein 
acutes ©pftem ber platteften s #bilifterei ! — &abe burcbblättert 
ben 1. Sßanb <55efct)ict)te ber neueren ^bilofopbie öon ftuno 
ftifefeer: 8 / s be§ SBanbeS ©ptno^a, Depelianiftrt unb mit bem 
fraffeften $öbfergtauben an ©pino^a als eigene fefteftelleber* 
jeugung Porgetragen, bie fo empöre nbe SR oral be£ ©pU 
11050 noeb outrirt! 2)a§ glaub' ia), bafe er 10) gubörer in 
föeioelberg batte; bie ^ungenS laufen biu, um &u öernebmen, 
ma§ ifjrer ©ier unb bbfen (belüften aufaßt, baij eS meber 9tedjt 
unb Unrecbt, noeb ®ute§ unb 93öfe§ gebe. 3>a3 s JD?inifterium in 
Söaben bat iebr reefet getban, bem ÜJcenfcben ba§ £>anbroerf $11 
legen. @r ftefet ba, als ber lefcte Hegelianer unb Dlftärtprer — 
feiner Urtbeilölofigfeit: fein $atboliF glaubt fo feft unb blinb an'S 
(Süangelium, mie er an bie deliramenta Spinozae. (£r bat gemeint, 
burä) biefen glauben atle§ eigene $)enfen 511 erfefeen." 

11. TOat 1854: 

„(£ben babe ben neuen $anb ber 9lecr> t§let)r e öon 
©tabl burcbblättert. Wit roelcfeer ftreebbeit fo ein $artüffe 
bie SuQenb m belügen fuebt! $lumpe$, bummeS, elenbeä ©e- 
trätfebe. freiliefe mufe fo ein ® erl midj ignoriren bis sunt legten 
^luaenbltcf : 

2)en Jeufct nterft baS Söölfcbcn nidjt, 
Unb wenn ev fic tetm fragen bSttc. — 

$lber boeb! Sitten ©oldben jittert bei meinem tarnen ba§ &er$ 
im Seibe. glauben ©ie mir'?." 

109. ©fftiift*, M* ffint ^djriftfn iclcn, ödobt. /renbe, baß tt 
iwrträtirt wirb unb feint Itbilufoub« ins jlalk g*!jt. $tmt 
»frlanltdit (grlrbeimmg „xmptfant". stellt ftnen ftotbbba aua 
Bvontt in (einer ^tubierfhib* ?nr Hereljrung auf. «freine 
Hbtloro^ljie im nartbeilbaftejien £iöjte. „$tüt" ifl ein 
Pfaffen- unb ^Itmnbermart. 

22. 3[um 1854: 

w 6Jrüfeen ©ie ben Sinbner : n;a§ er mir gefebrieben, beftötigt 
fiefe. S3on ber öon ibm al§ begeiftert gemelbeten SKagbeburger 
(Barnifon fam neitltct) su mir Sieutenant ü. © , ein 9lpoftel, 



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bc§ SBcltmrifen @c§open&auer. 259 

"ber mid) fo inne bot, mie <3ie ober Dofe, unb bei jeber Ötelegen* 
Jjeit eine Stelle au§ meinen Schriften citirt: feit 3 Safjren lieft 
er fte unb gar md)t$ anberg. ©irca 20 Officiere feiner 
<&arnifon mären Don gleichem (£ifer unb hätten im Februar 
beratbfdjtagt, ob fte mir nicf)t mollten eine gemeinfame ®eburt§* 
tagSgratulation fdjicfen: märe aber unterblieben. Votm-c»! — 
d) botte fallen laffen, bafe idj im (£nglifd)en £>ofe fpeife: am 
Jage braut (feinem lefcten ^ier) finbe id) ifjn bafelbft f neben 
meinem $lafc etablirt, mit nod) einem febr artigen Cfftcier feiner 
(öarnifon. Ratten grofee£ ©aubium über mid): baber id) bi§ 
3 3 /4 Ubr blieb unb nun, frob, meinen Kaffee unb ©cbtäfdjen ge* 
niefeen ju merben, nad) &aufe eilte: aber o mel)! fdjon unten tm 
£afen roerbe id) angerebet oon einem leibhaftigen — ^bilofopbie* 
örofeffor, ber bereite 1V S ©tunben in meiner 6tube auf mid) 
gemartet batte, ba er e^prefe au§ Hornburg, mo er babet gefommen 
mar, midj su fontempltren : jefct batte er mid) nad) bem Daguerro* 
tnpen erfannt, trofc meinem £mt. $llfo ging er mit. (£$ mar 

IRrofeffor 2B au§ W , berfelbe, ber al§ Docent 

bem (j bie 3ubörer weggenommen bat. UebrigenS nid^t 

tuet an ibm: aber prie§ mid) unbänbig unb öerftd)erte, bafc Sittel 
iefct Doli fei Don meiner ^büofopbie in münblid)en unb fd)riftlid)en 
^leujjerungen. C'est charmant!" 

%m 2. 9ttai 1855: 

„&ier fcbeint, ® ottlob, allmäbüd) ber Teufel (öS au fein: td) 
t)ernebme atterbanb. 3- in ©el gemalt merbe id) fd)on iefct, 
Don einem fefjr oomiglidjen SMaler, beffen lebensgroße üßenu§ 
unb (Supibo in ber $arifer SluSftellung , bie fo 93iele§ ftreng ab* 
geroiefen bat, aufgenommen ift. (Sr ift ein gran^ofe, beifet aber 
Suntefcbüfc! (Sr bat fcfcon im ©inter (mobl abfid)tlicb) ficb au 
mir an ber Table d'hote gefegt unb ift febr oft babin gefommen, 
fo bafe er mid) oft im lebhaften Sieben gefeben bot, meil id) aE= 
mälig, ba er ein guter ®erl ift, mit ibm üertraut mürbe unb lo3* 
legte: baburcb fennt er meine mabre ^bDftognomie genau. (Sr 
fennt meine Gloria bloß au3 ben <Stabtgefpräd)en : aber er malt 
micb auf eigene 9tedjnung, obiuobl er febr tbeuer ift: id) fragte im 
^Sinter einsWal, roa3 er für ein $roträt näbme, etma 202oui3bor.V 
— Plus que cela mar bie Antwort. mirb ebbeS 9?ore3 merben: 
babe fcbon 2 9ttal gefeffen, gegen 2 ©tunben, SöormittagS: iefct 
mufj e3 einige Sage trocfnen. &3 fommt erft frier auf bie (Batterie 
iux ^luSftettun^, Bann nadj ©erlin auf bie s 2lu§ftettung. Sott, 
maä merben bie ^bilofopbteprofefforen fid) baran meiben! unb 
bann meine alten SÖefannten unb meine neuen f^reunbe in ^Berlin ! 
Qx fagt, eine ®efellfcbaft junger SJialer, öon einem ^eibelberaer 
<5tubenten inficirt, ^ält ^Ibenbd Vorträge unb Disputationen über 
meine ^Sbitofopbie, unb geroiffe Damen machen ficb i^rerfeitö aud) 
toiel bamit tu fcbaffen. Ergo (nebft ben öielen Ofticieren) mirb 
meine s #bilofopf)ie ein grofeeg ^ublifum friegen, nicbt blofe auf 

17» 



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260 Ätiologie unb ^fiffologie 

ben ©cbulen, ben boben roie ben niebern: — gebt in 's SBplf, meil 
eg (Srnft ift. 

„35en SBaabergefcUen, b. b- fein SBcrf, 1 ) §abe nocb immer nicbt 
&u fefjen gefriegt. ©o ein 9c*arr bilbet fidt> etn, bafe, mag er gegen 
mid) fagt, ©erntet baben unb mirfen müffe, - 3eber mirb feben, 
bafe er ein $ropf ift: unb babei ift er fo bumm, mid) anaufübren, 
mörtlicb: mäbrenb jebe ©teile, bie man anfübrt, mir neue Öefer 
bringt." 

29. Qunt 1855: 

„($nblicb babe icb aueb etmag oon Söcolefcbott geleien, nämlicb 
im „Sfreiglauf beg Sebeng" 2. Slufl. 1855 bag Kapitel „ber SBiHe", 
31 Seiten ftarf. £>ätte icb nidjt gemufet, bafe bieg ber berühmte 
^r. ^Dfolefcbott gefcbrieben bat, fo mürbe icb eg nietjt einmal öon 
emem ©tubenten, fonbcrn oon einem SBarbtergefellen, ber Anatomie 
unb $bt)ftologic gehört bat, berrubrenb glauben, (so träfe, un= 
roiffenb, rob, plump, ungelenf, überbaupt fnotenbaft ift bag Beug. 
3efct freut eg micb, ba§ id) biete ©efetlen in bie SBebientenftube 
cjeroieten babe. Unb $em gibt, nacb Serficberungbeg Dr. SWatjer 
m SKainj, Sörotfbaug 1000 Souigbor für feine ^bnftologie öon 
30 unb etlicben Sogen! (Er roirb feben! — ©etbft tag M$bV)fio ; 
logifdje in bem ßapttel ift feiert, abgebrofebeneg 3eug. $a$u ift'g 

grob antimoralifd), unb binten bangt bem nod) ber rotbe 

Sappen ber (Gauner- Dtepublif aug ber $afd)e. ©ebr reebt bat 
man getban, folebem ©efetten bag jus legendi ^u nebmen: bog mar 
unerlafelid). — «lug berfelben Scbule ift ein neueg 93ud) öon 
Dr. $8ü ebner, Socent in Bübingen, über „®ratt unb Stoff" — 
unb gans im felben ©eift. 3d) boffe auöerfidjtlicb , bafe biefem 
Söurfcgen aueb bag jus legendi genommen merbe. 2)iefe 2 . . . . 
oergiften Popf unb fters sugleicb, unb finb unmiffenb mie bie 
knoten, bumm unb fcrjlecfct.'' 

„JÖier geroefen ift 53 bat, unter fatfefcem tarnen, fieb 

bier einen Xag öerfteett gebalten, um im moblberfcbloffenen 2öagen, 
mit 3agen, mid) ju befueben. ©in feböner, febr grofeer junger 
ilftann; fc&eint mirflid) ftenntniffe ju baben, in orientalifeben 
©pracben; fagt, er motte in 3ürid) meine ^Bbilofopbie bocireu: 
ift biefleiebt ftinb. Seim $16 Web - füfete er mir bie &anb! 
morüber id) üor ©ebretf laut aufidjrie." 

7. September 1855: 

„23iele Sefucbe babe erbolten, Preisrichter aug 9Jc\, erft 
28 ^abre alt, Sßrofelpt $)orgutl)g; gebier aug Sern, ber mir fein 
93uctj über <Sljt)lod gefebidt t)atte; aud) noeb junge 90caler unb 
SSrofeffor SBälrr aug $5regben: ber bat mir febr gefallen, braü unb 
gefdjeibt: fennt alle meine ©Triften fet)r genau unb ift Pott baoon, 



») (Er meint bier ben Dr. ^ofrnann, ber SöaaberS Serie $u jener 3«t 
herausgegeben bat. 



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beS Sßettroetfen (Schopenhauer. 261 

jagt, bafc in $)re§ben grofeer Slntfjeil baran ift, beionber§ bie 
SSeiber mären gana Oerieffen brauf. — D. Jpornftein, junger ®om* 
4>onift r Sdjüler 9f. SSagnerS, ber aucb, rote &ornftein fagt, febr 
eifrig meine Söerfe fluoirt. tiefer ift nodj ^ier, bezeugt mir 
übertriebene (£brfurcf)t, 5. $8. ftefjt Dom Sifd) auf, brausen ben* 
ienigen £$aborit:®ettner ju fucfien, ben id) e6en requirire. — 9lÜe 
biete ßeute finb febr beleien in meinen SÖerfen. — 531ofe bei Sifdj 
präfentirt bat ftd) mir ^Srofeffor SSarnfönig au§ Sübtngen, Surift, 
mir burd) fein jus naturae befannt: pröfentirte ficb aI3 ftreunb 
ftirf)te§, ber febr gut auf mid) -*u fprecben märe, — credat Judaeus 
Apella! ^Der ift em gar guter, freunblicber unb geicfjeuter SRaim: 
babe mebrmalS mit ibm getafelt, Sagt mir biet Sd)meid)elbafte§ 
über meine perfönlicbe Gr icbeinung, bie tmpofant fein 
foU: aber ein alter (£nglänber, ber nicbtS öon mir meife, fagte 
mir fürslirf) ba$ Selbe." 

„$)er Ütecenfent be§ SBeigelt in ben (iJreiuboten mirft biefem 
Dor, bafj er wbjeftiü, öon einem beftimmten Snfteme eingenommen, 
bie übrigen barfteUe: meiere« Stiftern ba§ aber ift, fagt er niefct, 
tueti er mid) niebt nennen mitt. Solche $erl§ fotlte id) niebt 
nennen?" 

„9tfein $Ub ftebt feit 14 Sagen auf ber SluSftcHung : ift grofe 
belauf banact) gemefen: mirb oon aüer SBelt bettwnbert unb febr 
äbnltcb gefunben: blofe Gmben, Siljer unb icb ftimmen nid)t ein. 
28aS, 33ilb?! — Sicelides musae, paulo majora canamus! SBefagter 
$rof. SÖäbr bat mir eröffnet, bafj b. Saunifc, ber biefige $f)ibta3, 
meine Söüfte ju machen tüünfd)t: babei fefcte er mir bringenb ju, 
icb möchte einmal binaren, ba§ Atelier oe§ Saunifc 3U befeben: 
babe am (£nbe ,,^a, ja" gefagt: aber id) balte auf Stiguette: ber 
itaunifc mujj au mir fommen. SSenn er lange genug auf mid) 
gemartet bat, mirb er am @nbe fagen: „Sll§ ber $erg ntdjt junt 
^ropbeten (am, ging ber $ropf)et 311m Söerge." — 

23. 2)e*ember 1855: 

„$ommt mir ein ©rief auä 3ürid) tfon einem Stf. &. mtU 
benb, in einem Greife, au bem er gebore, feien meine Schriften 
mit foldjer SBegeifterung gelefen, baff fic fet)r münfeben, mein 33ilb 
*u baben in ^uguerrotup^eidjnung, in Sarbenbilb ober roie, unb 
bafj ber ®ünftler e§ an it)n fduefen unb ben SBetrag fid) üon ber 
$oft jablen laffen möge. 3>ie baben fieb eine feböne Reit gemäblt, 
in ben füraeften, finfterfteu Sagen, too J^tätte unb Sdmee 5ttte§ 
erf(^meren. ^nbeffen roitt id) e§ machen laffen, fobalb bie Sage 
etma§ länger unb better finb. — Sie feben, ba§ 3Bac^§tbum be§ 
9lu(md befolgt bie ®efefce einer geueröbrunft, b. b- gebt nietjt in 
arit^metrif^em, fonbern geometriicbem, mobl gar fubifebem S3er- 
bältnife, — unb ber 9?tf ift bei J^airo angelangt. S)a mögen nacb- 
ber bie ^rofefforen ftcb auf ben ^oof ftetten: frustra!" 

„3Xietn s 2(u§feben bat fid) niebt febr oeränbert feit 1847 ; fonbem 
id), Smben, $il$er, ©minner unb meine 9tfagb finb barüber einig, 



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262 tfniffologie unb ^ftffologie 

bafj baS ©üb r»on Suntefchfifc nicht bie eigentliche Slehnlichfeit 
bat, — fonbern fo ein faux air; bafjer ba§ grofce ^ublifum unb 
alle tfebrtgen ^ierfelbft e£ iebr ähnlich finben." 

„$)er ©ubbha ift öon meinem fchtoarsen llebenuge befreit 
roorben, ift öon guter ©ronce, glänzt rote (Solb, ftept auf einer 
ichönen Soniole in ber (£cfe: fo bafc ^eber beim (Eintritt fchon 
liebt, roer in biefen „heiligen fallen" öerrfc^t. ^Jft ein febr felteneä 
Stücf, roahrfcheinlich au§ Xibet. £er (SJehetme Üiatlj Krüger, 
ber ihn in $ari§ für mich aufgetrieben hat, miß mich jefct aber* 
mal§ malen laffen, com ffllakx Rammet, in Oel, halbe Sebent 
gröfee, al§ 93enbant jum 93ilbe be§ ^uftinuS ferner, bom felben 
analer, mel<heS fchon 3 lochen bei mir hängt. $)iefe SBoche fott 
ba§ Stfcen losgehen: fann mich bem nicht entheben, roegen beä 
obligeanten Krüger unb ber in ben &ofen ihrer ©äter ftecfenben 
ftachroelt.'' 

„©inltCQcnb ein ÖJebicht unb 3 ©riefe (remittenda) au§ bem 
Orient Ccctbent unb äRittelreidje. 2)er ©rief beS SrauenatmmerS, 
bie fich nicht unterfdjrieben hat, ift öon üteler ©ebeutung, alä 
Snmptom. ©ebenfe ich nämlich, welche tiefe SBirfung unb (£n s 
t(ufia$imt$ meine ^ßbilofopljie in Ungelehrten, OJefchäftöleuten unb 
gar noch SBeibern herborgebradjt hat, unb roie ©iele§ ber 5lrt 
mir nicht erfahren, fo fommen mir über bie föotle, bie folche 1900 
fpielen mirb, 1 ) ©ebanfen, bie ich fchriftlich nicht ein Sftal Sbnen 
mittheilen mag: Sie fönnen fie auf eigene £anb haben." 

51m 6. Qanuar 185(5 belobt Schopenhauer ben grauenftäbt, 
ber ihn in ber Schrift über ben 3ttateriali3mu3 fefjr ftarf 
gelobt f)at, ebenfalls roieber febr ftarf retour: 

„Seele, Seele, Seele". — 3ft ein Pfaffen* unb ?l(te=2öeiber- 
SSort, ba3 man nicht gebrauten fott, ein Unbinp, eine giftion ber 
Spiritualiften. 3lu§ £>afc gegen baäfelbe fchretbe ich rigoriftifch 
„SrübiäligV 

„$)a$ mären fo bie £>auptfachen : Heinere habe übergangen, 
galten Sie nur biefe Zustellungen in Gohren." 

„$)a§ aber hatte ich nicht ermnrtet, bafj Sie ein gan$e§ ©uch 
gegen biefen ©üchner fchreiben mürben, ohne ju rügen, bafe er 
m ber ©orrebe mich auf ba§ stumpfte unb Xümmfte parobirt unb 
bann Stabtflatfd) über mich borbringt, al§ $a§q uillant, unb 
nachher eine Stelle öon mir aum ÜDfotto eineS Kapitels nimmt 
unb Äant barunter fefct, al£ 3alfariu3. (geringer apoftolifcher 

föifer. — 9J?it einem folchen gehen Sie oielmehr ho- 

norifice um unb behanbeln ihn fäuberlich." 



») ffiic t»te ßuftänbe jefct erwarten laffen, wirb bie SWenfäheit 1900 
üon ber tiefen SBirfung feiner ^bilofoprjte unb com (£ntr)ufia§mu§ für bio 
fetbe nid?t üiel oerfpüren; eS werben eben etwas wichtigere Lebensfragen 
auftauchen. 



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fceS Seltrodim ©c&openfmucr. 263 



110. jfludj fein UubMja ift rrijünrr als alle anbrrrn. tödlrTriiott 
ein jÖnrbiernrlVUr, |Hll*nbrfl)*r, £lttßierf*fcer; hnthnlirdirr 
|Jfiiffjnnitl? , iurk. »fmne llJjüflIaplne mtro in btr Hielt 
bie arößte Hüllt fpielen. fjjeael mtf bem Sidjinbanaer. 
Hetiaflenberg, itartüffe, Lumperei, (Eljarlatanerie. 

(£s muß öfter aufmerffam barauf gemalt werben, ba§ es bem 
Seltmetfen niebt überhaupt um Verbreitung be3 $ltf)eiSmu£ ju 
tfjun mar, beim er feinbete alle anberen atljeiftifdjen ^ßljilofopfjen 
ingrimmig an — nur fein SltljetSmuS ift ber edjte, unfehlbare, 
ortbobojre ttttyeismus. (£r leugnete ®ott — wollte aber 
burdjauS nid)t, baft aud) anbere (Gottesleugner ficf> an (Rottes 
©teile fefcen ; er allein fjattc baS ^ßrioilegium, ber einjige 
tüdfjvt, anbetungSwürbtge ($ott ber ®ottlofigfeit $u fein. $)a§ er 
feinem getauften Söronce-Söubbfja göttliche Verehrung sollte, 
war bod) nur ein reiner §umbug ; er felber war ja ber fleifdj* 
geworbene Söubbba be3 19. Qa^r Rimberts, unb für alle fünf* 
tigen ßetten. 9lmen. £)a$ war fein einziges Credo, an bem 
er feftbielt mit allen feinen ßäbnen. 

13. SKai 1856: 

,,9cocf) babe Reibung su tbun öon einer frönen (£ocbonnerie, 
bie in 3^rer 9cäl)e ergangen ift. (Sin Orientalift, öon benen, 
welche id) 31t einer 9(nfteuung bei ber s 2lffenfomübte empfohlen 
babe, 31. ^eber, bat in Berlin ben 1. Sflär«* in ber miffenfdjaft* 
lieben Sßorleferei=(&ejetl)cf)aft eine SBorlefung über ben 93ubbbai§mn§ 

§ ei alten, erbärmlich, unwiffenb, »od ^rrtbümer unb etn $aar 
ügen baau. ©olebe ift abgebrudt im Journal „S)aS 9luSlanb" 
(nid)t aRagaam für bie Literatur be3 Slu3lanb8) 9er. 13. 14 Söcicb 
erwähnt er al§ ben fterolb be§ $8ubbbai3mn§ unb als „einen 
immerinn geiftreirfjen, aber {ebenfalls ueriebrobenen ^Inlofopbcn." 

„UNein ©ubb&a wirb jefet galöanifcb üergolbet unb wirb 
berrlicf) glänsen auf feiner $onfole in ber (Scfe. $)ie ^Birmanen, 
laut $ime§, baben foeben eine ganje $agobe oergolbet: ba barf 
id) nid)t aurütfbleiben. 9cod) ein SBubbba ift r)ier, im SJefifc eineS 
reichen (£nglänber§. £>abe babin gewallt abriet, mein Sa tu $u 
fagen. (£r ift in Üebengcjröfee, aber mebt, wie meiner, üon SBronce, 
wnbern'oon einer ^apter-SWäcfcesäRaffe , olfo ein 3lbgnfc, wafir- 
fcbeinlid) au3 (Sbina. gans oergolbet, unb meinem in allen ©lüden 
auf ein ftaar äbnlicb. deiner ift mir lieber: ift edjt, Xibetanifd)! 
jener unteriebeibet fieb ganj allein burdj eine flache 9cafe unb 
furje, feiftere ÖHiebmafeen, — ebineftfeb! SKeiner ift mager unh 



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264 Äniffotogie unb «Pflffotogtc 

langatmig, lonft tout crache. 2)a§ ortboboye, berühmte, fanfte 
^ädSeht be§ SWunbeS baben 99eibe, ejaft! SMe «Stellung. Reibung, 
Srifur, £oto§, 90115 baäielbe!" 

„Wein sroeitc§ 53ilb ift mett oorgefcbrttten, tuirb gut, gans 
anber§, al§ ba§ erfte, md)t fo ibeal, mebr inbioibueU." 

„$luf ber Büricber Uniberfttät mürbe, gegen fo bieten 3fta= 
teriali$mu§, gerabe meine $bilofopbie als ftorf ioealifttfcbe§ ®egen= 
gemid)t febr ^nffenb unb bienlid) fein, ©otttob ! toutes les 
affaires sont longues, faßt Voltaire." 

„Söetfer bat mir feinen Sobn unb feineu 9ceffen gefdjicft unb 
^rofeffor SBäbr in 3)re§ben aucb feinen ©oljn. ©efdfiebt, bamit 
biefe jungen Seute einft al§ alte ßeute bamit renommiren fönnen, 
mio) im tfleifdj gefeben unb gefprocben au baben. 3>er iungc 
53äl)r, ©tubcnt, fam auS fieipjig unb ersäblte, bafj ber ^rofeffor 
SSeifje möcbentlid) ein pbilofopfJticbeS $onferbatorium ^alte : ba 
aben bie Stubenten über meine ^büofopbie biSputirt, unb bie£ 
at ben 9(nla§ 3ur Preisfrage gegeben." 

28. $um 185(3: 

„$lu§ einliegenbent Sßrief feben Sie, roie er$um fompleten 
©bangeliften roirb. ?lin beften gefaßt mir, bafe erfagt: @ct)open- 
bauer bat nie eine unbebeutenbe geile gefcbrieben." 

„$>a§ aroeite SBtlb ift fd)led)t aufgefallen, eineftrt ®arifarur; 
bab'ä bem SUcaler gefagt, unb nun fdjeint'3, bafe er e§ nid)t boU= 
enben null, dagegen baben öfterreicbifcbe Offiziere, bie feit äabr 
unb £ag mid) tägliä) bei Sifdj feben, ßuntefiufeenS smette^sötlb 
böd)ft äfjnlid) gefunben." 

Kltl 30. JJult 1856: 

„bieten 3)anf für bie Sftübe, bie Sie fidj gegeben baben, bie 
£Utinteffen$ au§ ber Saupaftete be3 ®arfäV) berauäjuäieben. 
erfebe, bafe biefer ein gans nieberträcbtiger Pfaffe ift, ber ftd) nidjt 
jcbeut, bie frecbften Sügen aufsutifcben, menn aud) jeber mit meinen 
Serfen 53efannte fte fogleid) al§ folcbe erfennen roirb unb £)a§ 
affäfonnirt er mit feinem platten ®atbolifd)en-$faffentrnk. Scbaben 
fann mir fein Leitern im ©eringften nid)t. SSielmegr fnlft e§ 
tbeit§ burd) Erregung ber Slufmerffamfeit , tbeilS burcb £>erbor= 
rufen ber Dppofition, jebenfaHS in ben ©eiftern, bietteidjt aucb in 
ber Siteratur. — $)er SBeifte mufe ba§ ^ublitum für febr bumm 
balten, ba er nidjt benft, bafe Seber fogleid) merfen roirb, bafe au§ 
feiner Slnmerfung blofe 9ceib unb &afe be3 ®uten fpridjt." 

,,^5)ie ^erle aße roerben micb nicbt berunterfdbreiben, fonbent 
arbeiten an meinem 9?ubm. ®ie mir fcbon jefet befannte Schaar 
ber eigentlichen ©ntbuftnften ift grofe genug, mir bie (SJemifebeit 
31t geben, bafj einft meine ^gtlofoprjie in ber SBett eine Solle 



») 35tcfcr fjattc in ber 3citfd)rift „9?arur unD Offcnbaruttg" einen 
tt!c( qeflen @a>openbauer gefd)rtebcn. 



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fcc§ ffieltroetfen <Sa?open&auer. 265 

finden wirb, mie noA nie irgenb eine anberc, in alter ober neuerer 
Seit. $a§ tbut bie tfraft ber Sßabrbeit unb bie SBicbtigfeit bei? 
(Begenftanbe§." 

„SÖorige SBodje bin in SDcains gemefen, babe Söecfer befucbt, 
feine 3rau gefeben, bie nodj eine Slpoftolin auf bie Serraffe braute. 
— ^rofeffor 93äbr au§ ®re§ben mar geftern mteber bn unb öott 
be§ Iobcn§mertbeften ganati§mu£ : rooßte feine ect)t rufftfcbe 
©ilber*$)ofe gegen meine alte, abgenufcte £eber=2)ofe auStaufcben, 
ber SReitqme megen, meldjeg id) abfällig. ©rää'blte Don einem 
£>errn be SSilbe, ber, früher in s #reufeen angeftellt, ein mütbiger 
^anatifer für micf) mar, bi§ er, 85 Sabr alt, mit meinem tarnen 
auf ber 3unge, geftorben ift; — unb Pon feinem (Säf)r3) <Sobn, 
ber feinen SBefurf) bei mir in einem begeifterten ©riefe befcbrieben 
bar." - 

„£)er neuoergolbete 33ubbf)a glänzt auf feiner Shmfole unb 
ertfjeilt Sbnen feinen »Segen." 

14. ^liKUift 1856: 

„2öie nur folcfce . . .topfe glauben fönnen, bafj ®eifier meinet 
©cblageS nicbt ba§ fimpelfte alter logifcben ©efefce, ben <Safc Pom 
SSiberfpruct), beobachten merben, ober tbr Öeben binburctj an einem 
©pftem arbeiten, ofjne Pon S5em, ma£ fte lebren, einen burdj* 
bauten, beutUcben begriff unb ein flares 33ilb cor klugen $u 
Oaben, mobei bie $coglicf)feit alles SSiberfprucfjes; meajftut; — 
fonbern roäbnen, bafc fte marten müfeten, auf $erl§, bie \o gemein 
finb, mie bie Riegen an ber Söanb; ®crl§, mie fie jeber £>ans 
unfehlbar " 

(g-otgt bier eine @d)opent)auerfef)e ^ote.) 

„löüdmer ift mie bie £mnbe, bie beute gegen un3 fnurren, 
morgen mebeln, ift ein§ mie ba§ anbere ,^u achten. 21ber mir ge= 
fällt, ma§ er im $eyt fagt: i'iebig muffe ein Slnbänger meiner 
s #büofopbie gemorben fein; märe mir feljv lieb, etma£ Stinte fcbeint 
Siebig allerbingS qerodjen ju bnben." 

„Sd) jefet in 91 , Sebrer an einer <3cf)ule , Poll 

(Sntf)ufta§mu3; batte Por 3 9)conat meine ^erfott im $raum ge= 
ieben, unb fte fei richtig aufgefallen. — ^orbmatt bat fteb smei 
^b.otograp^ieen meiner $erfon gefnuft: babe bae bent ßünftler 
frei gegeben: er bat fcfjon ^iemlict) Piel abgefegt." 

„$uno Sifcber fagt in ber SSorrebe au feinem Surf) über 
SÖafo pon Sßerulam, „ftd) in ber ^büofopbie orientireu bei&e beut 
\u Sage nidjtö 9lnbere§, al§ bie Santifcfje $biloiopbie auf's ®rünb* 
licbfte frubiren": recte. «Iber, meint ^ant, bafe er oljne midj 
bergeftalt reljabilitirt fein mürbe? 9ce, mein Hilter, mabrbaftig 
niit. Unb bie brei ©opbiften, mie fte baliegen, unb bie 5)umm= 
beit beS ©obnef (SctjetlingS , bie ^orrefponbena be§ 58ater§ mit 
Siebte berau^ugeben, barauf flar ift, ba§ bie $erl§ maren, mag 
icb fte genannt babe. Unb ^»egei fommt attmäblid) gar auf ben 
©dnnbanger." 



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266 Äniffologie unb ^fiffologic 

31. Cctofrer 1856: 

„Sauienb Staut, alter greimb, für 3bre abermaligen Söeric^tc 
unb Slbfcbrtften. ©ie feben, roie aH ba§ $ad bemüht ift, micjb 
herunter ju fcbretben; e§ aber fo ungefcbicft angreift, bafe e§ mir 
nicbt§ fcbaben fann : bie Herren Oergeffen, bafc baS lefenbe $ublifum 
nicbt mebr burcbmeg ein iolcbeS ift, roa§ mid) nid)t gelefen bätte 
unb bafjer ibren ßügen glaubte; unb fobanu mabnen aud) btefe 
Öumpe, eine Autorität $u Ijaben, bie ibren SBorten ©eroicbt 
gäbe: toeit gefehlt! — 3)a roiH ber 2öei%e micb jum ©d)ettingianer 
machen, 1 ) meint, burct) fluge Kombination, fo am $ult, bie geber 
im 3ftaul, bätte icb, burd) rfjemifcbe 3lu§fonberungen , au§ be§ 
<ScbeHing§ aufgeroärmtem §mnoai3mu§ meine Sßbtlofoöbie gemalt! 
(Iber fönnt iljr ©olb au§ SOxift sieben. 2tu£ladjen roirb man ibn. 
Inb meine „foeralofigfeit" ! 3>ie beftebt üoraüglidj barin, bafe id) 
eine SBifite ntd)t angenommen böbe. — £>abe e§ in ber $rote= 
tantifdjen ®ircbenaettung, bie f)ier gebalten mirb, nacbgelefen." 

.ßmif djen bem Briefe ©cfjopenfjauerS t>om 31. October 
1856 bis aum legten Briefe <5djopenf)auer3 an grauenftäbt 
liegt ein Zeitraum öon ore * Qö^en. $5ie Urf adje, warum bie 
CSorrefponbenj be3 SEBeltmeifen mit feinem ofjnebieS bi§ jur 
©ebanfenfflaoeret ergebenen Slpoftel Jrauenftäbt aufgehört ijat, 
erflärt Jrauenftäbt fclber au3 ber 9fofjeit, ber Üiedjtfjaberei unb 
bem (^röfcennxifm ©cfyopenbauer3, ber burdjauS feinen Siber- 
fprudj gebulbet, inbem ^rauenftäbt jenem legten erhaltenen 
Briefe folgeube (Srflärung beifügt: 

*8n>ifc^cn biefem testen ^Briefe (ScbopenbauerS an micb unb 
bem oorigen oom 31. Dftober 1856 lieat ein Zeitraum oon mebr 
al§ bret Sabren, roäbrenb beffen er nicbt an micb geidnrieben bat. 
3luf feine 3nüeftiöeu gegen mieb unb 93ona SWetjcr tm oorigen 
©riefe batte icb ibm nämlicb unummunben §u üerfteben gegeben, 
bafc er fieb fein „SörüHen" erfpart bätte, roenn er nur auf ben 
eigentlicben (Sinn meiner unb ber 9ftet)erfcben Stebauptung ein* 
gegangen märe, ftatt ibr in ber ftifce foglcid) einen ©inn unter- 
zulegen, ben fie gar niefet batte. Jcb batte ibm aud) naebgemiefen, 
bafj er fogar 3)a§fetbe bebauüte, als icb unb Jürgen Sßona TOetjer. 
inbem ja aud) er in ber SBelt al§ 2ÖiÖe unb SBorftettung I, § 66 
erfläre, bafc bie tugenbbaften £>anblungen unabbängig feien oon 
abftraften Dogmen unb Sßbilofopbemen, alfo Oon ber Auslegung, 
melcbe bie Vernunft ibnen gibt. @3 tonnten alfo ftanbiungen 
oon moralifdt)em Söertb aueb bei materialiftifeber Auslegung 
berfelben, bet Ableitung berfelben au§ ©toffbemegungen, befteben. 



*) Qn einem Slrtifcl über ben „Äampf be$ ®(aubenö gegen ben 3Wa= 
tericm'SmuS" in ber „^ßroteftantifeben ^irebenjeitung", 1856, Wr. 3. 



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b<§ Seltmeifen @c$openfauer. 267 

äöeitereg aber, al$ eben bieie§, bätte id) in meiner SBertbeibigung 
be$ äRateriaIi§mu§ , unb in Uebereinftimmung mit mir SB o n a 
SJieper, nid)t bebaupter. — Sdj mar fo überaeugt, bafe ©cfcopens 
bauer im borigen ©riefe mir unrecht getban, baf$ icb obne ©cbeu 
ibm 33orroürfe über feine föeftigfeit machte, bie iljn mitunter 
bmbere, richtig ju tefen, toa§ oaftebt. (Sr bracfc hierauf bie 
Sorrefponbena ab. $>a er nun nid)t mebr an micf) fdjrieb, fdjrieb 
audj id) nicf)t mebr an iljn. ®elegenf)eit, an i(jn au treiben, 
naf)m td) erft mieber, al§ er mir nacb bem ßjrfcfjeinen ber 3. Wuf* 
läge ber „SBelt a(§ Söiüe unb S3orfteuung" ein Freiexemplar ber* 
ielben burd) S8rotfbau§ jugefd)irft t)atte. $)a fcbrteb id) ibm einen 
Kaufbrief, morin id) ibm äugteict) über meine fortgelegte $&ätia/ 
feit für feine $büofopbie berichtete, unb hierauf folgte obiger fem 
lefcter ©rief." 



111. Einige 3*i«Utn nns ben oou #ranenftäM nfröffentlidjtat 
^pljarisinen (aus btm |IafljlaJT*) bes itt*ltttretfett, mvlHjr ?ur 
^tlentlytnng feines (Kljarakters unb feines nljüflföiibtfdjen 
$tjJJ«ms bienlidj fein können. 

©efonbere Söeacfjtung, oerbient, bafj ©djopenljauer felber 
mieberljolt feine ^3r)tIofopt)ie nidjt als eine ©iffenfdjaft, fonbern 
als eine ßunft betrautet nriffen nrifl. 

„$er $büofopb üergefie nie, bafe er eine Äunft 
.treibt unb feine SBif fenicbaft. SJäfjt er fid) im TOnbeften 
oon jenem ©türm uon ber ©teue rücfen, läfet er fid) auf Urfacbe 
unb SBirfung, auf ftrüber unb ©päter, ober gar auf 9Ibiptnnen 
au3 Gegriffen ein, To ift ibm bie $f)ilofopf)ie oerloren, unb an 
ibrer ©tatt werben ibm SWärcben. deicht bem Söarum gebe er 
nad), roie ber $l)i)fifer, &iftorifer unb Sftatbematifer, fonbern er 
betrachte btojj ba§ 2B a 8 unb lege e£ in gegriffen nieber (bie ibm 
finb toa£ ber SKarmor bem Söilbner), inbem er e§ fonbert unb 
orbnet, iebe§ nad) feiner $lrt, treu bie SSelt mieberfpiegetnb, in 
Gegriffen, mie ber OTater auf ber Seinroanb." 

„OTe ^Bbitofopben baben barin geirrt, bafj fie bie ^btfofopbie 
für eine SBiffenfcbaft bielten, unb fie baber am Öeirfaben be§ 
©afceS Pom ©runbe fugten." 

„SJcad) SBelt^nfang unb (£nbe, Buftanb Por unb nacb bem 
$obe u. f. m. fragen, morin ber 3n>ecf faft alles ^büofopbirenS 
oor $ant beftanb, unb moju un£ atlerbingS bie blofce Vernunft 
treibt:'— bie§ ift ba£ miberfpredjenbe beginnen, ba£ $)ing an 
ftcb nad) ben ($efe&en ber (Srfdjeinung erfennen m motten. $ie 
©onberung unb (Jrfenntnifc beiber ift bie roabre wlofaPbie." 



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268 



ftniffologie unb ^ßftffologie 



$ntereffant ift, baf? ©djopenfjauer fctbcr auSbrücflidj ba§ 
23oIf (bcn rr ^3öt>el an bem ($lütfe fetner Ghrftnbung feinen 
Xt)eil nehmen lägt ; fein ©wftem ift ein (styftem für bie ($eifte3* 
ariftofratie, ein Gtbangeltum für bie 9teidjen, ma£ bat)er mit 
bem (Sbangelium für bie Ernten unb für bie Ernten im (Reifte 
(mit tueldjer Benennung im ©bangeitum bie $)emütt)igen be= 
äeidjnet werben) in beftänbigem Sßiberfpmdbe fid) befinbet. 

©d)opcnr)auer: 

mar hu boreiltg, bafe man au§ bem bisherigen $?i§lingen 



tuenigftenS benfen f ollen, bafe aucfj tjter est quadam prodire tenus. 
216er bie Hoffnung foll man aufgeben, bafe eine genügenbe $bilo~ 
fobljie, ba§ Slbbilb ber SBottenbung ber SBeftnnung be§ Sftenfäjen, 
je bem bumbfen, befumung^iofen , taumelnben Sßöbel einleuchten 
rönnen unb ä la portee do tout le monde fein merbe. ©te mirb 
ftunft fein unb, mie biefe, nur SBenigen mirf(ict) bafetn. $enn 
für bie Reiften finb meber Söfcuart, noct) 9tapf)ael, nodj <5bafe-' 
fpeare je baaemefen: eine unüberfteigbare ®luft trennt bieie auf 
immer bon ber SWenge, mie bie 9Mtje ber dürften bem $öbe( 
tuuugänglid) ift. 2(nber§ fann e3 aud) mit ber eckten $t)UofcmTne 
nid)t fein." 

3Öenn aber ba3 arme 33 elf au§ ber atr)eifttf ct)cn 5Bcr^ 
gtoetflung, melct)e beer) am dmbe baS finale ber ©djopen* 
tjauerfdien $r)ilofopr)te ift, fidt) feine (ionfequen^en 3iet)t 
nact) feiner %xt, unb trenn ber „$öbel" über biefe atljeiftifdjen 
$iu$ermär)tten mit Söredjftattgen logget) t, bann t)ilft aucr) bie 
3Rora(, melct)e <Sd)openr)auer berfünbet, nid)t3 ntefjr (benn bie 
<Sd)openr)auerfd)e SDJoral ift für ben ^öbel aud) ntd)t t»er = 
ftänblid), unb bie au3erroär)lren (#eifte3ariftofraten tt)un ja 
ofmefjin nact) biefer -Ufte ral, maS fie gelüftet) — unb in biefer 
£)efparation ift ©djopenfjauer für baS ^ineinfdrieften in bie 
danaille !! 

<Scr)openr)auers ^ßt)ttofopr)te ift fo eigentlich bie $rudjt 
feines @goi3mu3, eine Rechtfertigung feinet £eben£, mie e$ 
aucr) in foigenber Kummer au£ feinem pofjn auf bie Unfcr)ulb, 
au§ feiner feefen 93ertr)eibigung fernes lüberlicr)en $ugeub^ 
lebend t)ert»orget)t, ba£ er al£ nott)menbig bargefteüt unb 
melcr)e$ nicht berrjinbert merben bürfe. 




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* 



bc§ SBeltroeifcn @#opcnbauer. 26iJ 

112. |Ke Unfrijnlb uuMrntlirii bumm. finale: Itlit Dem 
ftrrrfjiagfitfn tjirnhaftm tfl bie itfeli tmrntibttt. 

$)ie 9lbf)anblung Sd)openf)aucr3 über „Unfdjulb" ift fp 
eigentlid) ein fR c f I c feinet @rf errungen unb ber SBSelt- 
anfdjauung unb Anthropologie, bie er ftd) aus feinem l'eben 
fyerau^gefponnen bat. 

„$)ie Unfdjulb ift roeientttd) bumm. £te§ baber, meit ber 
8mecf be§ 2eben§ (icb bebtene mid) biefeä 2lu§brutf£ eigentlicb 
nur figürlid) unb tonnte jagen, ba§ Söeien be£ Sebent ober ber 
SBelt) oer ift, bafc mir unteren eigenen böfen SBitten erfennen, bafe 
er Dbjeft für un§ merbe unb mir bemnad) un§ im ^nnerften bt- 
febren. Unier Seib ift fdjon ber Dbjeft gemorbene SBitte, unb 
bie Sbaten, bie mir feinetmegen üoHbringen, seigen un§ ba§ 93bfc 
biefe§ 2öilten§. ^m Stanbe ber Unfcbutb. mo au£ Langel an 
Sßerfucbung ba§ Söfe unterbleibt, ift baber ber SDZenfcb gletcbiam 
nur ber Apparat jum Seben, unb baS, rooju biefer Apparat ba 
ift, bleibt noeb au§. (Sine foldje teere gorm be$ Sebent, leere 
Scbaubübne, ift an fid) ielbft mie aUe fogenannte Realität (2BeÜ) 
niebtig, unb ba fie nur burdi -öanblung, ^rrtbum, Gfcrfenntnife, 
burd) bie $onöulfionen be§ 2Biuen^ 33ebeutung erbalteu fann, ift 
tbr (£barafter 9htd)ternbeit, $)ummbeit. (£in golbeneS Beitatter 
ber Unubutb, im Scblaraffentanb, ift baber fabe unb bumm, aud) 
eben niebt ebrmürbig. 2>er erfte Öerbrecber, ber erfte 9ftörber, 
®ain, ber bie Scbulb unb bureb fie erft in ber Oieue bie $ua,enb 
unb iomit bie 93ebeutung be§ ÖebenS erfannt bat, ift eine tragiidje 
Jiaur, bebeutenber unb faft ebrmürbiger, al§ atle bie unicbulbigen 
sxblaraffen." 

S>o oergleia^t er aud) bie ^(jitofopbie unb bie 35erirrungen 

berfelben mit ben SSerirrungen feines 3mi eno ^ eDen ^- 

„Sftebmen mir nun bem ©efagten au Sotge eine gemiffe notb- 
menbige (Sntmitfelung unb ^ortfdjreitung in ber ©eiebiebte ber 
Wnlofopbie an, io müffen mir aueb irjre ^rrtbümer unb gebier 
al$ im aemiffen Sinne notbmeubige erfennen, müffen fie anfeben, 
mie im öeben be§ einzelnen boraügficben 9ftenfcben bie S3erirrungen 
feiner Sugenb, bie nictjt üerhinbert roerben burften, fonbern in 
Denen man ibn gemäbren laffen mufete, bamit er eben öom Seben 
fetbft bieienige Slrt ber Söetebruna, unb Selbftfenntnife erbielte, bie 
ibm auf anberem Söege niebt beigebradjt merben fonnte, für bie 
eö fein »Surrogat gab. 2)enn oa§ SBuct) mirb nie gefdjrieben 
merben, roetdjeS bie ©rfabrung erfefcen fönnte: bureb ©rfabrung 
aber lernt man niebt nur Rubere unb bie SSelt, fonbern aueb fiefi 
fetbft fennen, feine $ebter, feine Srrtbümer als folebe, unb bie 
riebtigen $lnftcbten, su benen man, öor Anbern, üon ÜJatur be= 
ftimmt ift unb oon felbft bie SHicbtung nimmt. Ober mir mögen 
bie notbroenbig burebäumacbenben gebier anfeben, mie flattern 



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270 Äniffologie unb Wffologte 

unb äljnlidje ®ranf Reiten, bie man überfteben mufe, bamit ba§ 
©ift au£ bem Seibe fomme, ba§ feiner Statur anfing. 3)emnacb 
fönnen mir un§ nictjt mobl benten, bafe bie ©efcbicbte ber $bilo= 
fopbie fo gut mit ®ant, ate mit $f)ale§ anfangen fonnte. $ft 
aber eine Totere mebr ober minber genau bestimmte 9?otbroenbtg* 
feit in ber ©efdncbte ber ^ßbilofopbie, fo tt)irb man, um ben ®ant 
bollftänbig ju berfteben, audj feine Vorgänger gefannt t)aben 
müffen, juerft bie nädrften, ben &br. SBolf, ben &ume, ben Socfe, 
bann aufmärte bi§ auf ben $bale§." 

(Somit waren alle „^büofoptjteen" oor bem ©djopen* 
Ijauer (Spibemieen (üölattern), ben ®eift ^u reinigen, unb feine 
^ilofopljie, meint er, f)at ben ®eift ooüfommen gereinigt. ($$ 
füll aber nur einmal feine *>ßf)ilofopf)ie im 33olf einbringen, 
toa<S freiließ nitt)t bura^ bas ©tubium be§ 93olfe3 in feinen 
SBüajern, fonbern burd) Söeobadjtung unb 9}acbaf)mung ber 
att)etfttfct>en Ü^eorctifer unb ^rafrifer gefdjeljen mirb, bann mirb 
man erleben, ma§ für ^rüa^te am Raunte ber 9ftenfd$eit 
berausmadjfen werben. 

$n feinem ©rorbium ber £)tanoilogie ($>ianöa-=33erftanbe^ 
erfenntnijj) ftellt ber 5Beltmeife alles £>enfen als pure ®efjirn* 
funftion bar. 

(£r bocirt: 

.„Sie ber $Ragen »erbaut, bie ßeber ©alle, bie Bieren Urin, 
bie föobeu ©amen abfonbem, fo ftellt ba§ ©ebirn üor, fonbert 
SSorfteüungen ab, unb jroar ift biefeä au§fd)liefelid) gunftion be§ 
grofjen ©ebim§, roäljrenb ba§ Heine bie $3eroegungen lenft. s 2llfo 
£er ganje Sntelleft, aUe^ SBorftetten, ©enfen, ift eine pljnfiologifd&e 
gunrtton be§ grofcen @ebirn§. $lber biefe ftunftion bat etma£ 
SigeneS, ma§ fte gar bötjer ftellt, al§ bie ©alle, meiere bie Seber, 
unb ben ©petdjel, melden bie ©petcbelbrüfen abfonbern, nämlich 
biefe§: bie gan^e Sßelt beruht auf ibr, liegt in ibr, ift burdb fte 
bebingt. $)enn biefe eytftirt nur al§ unfere (unb aller $btere) 
Söorfteflung, unb ift folglich oon btefer abböngig unb oljne fte niebt 
mebr." 

„Sßielleicbt febeint ^bnen $5a§ paraboy, unb e§ ift mobl nod) 
Gnner unb ber Rubere oon Unten, ber ganj ebrlid) meint: roemt 
aueb ber SBrei au§ allen föirnfaften gef dalagen mürbe, fo blieben 
barum föimmel unb (£rbe, ©omte, Sftonb unb (Sterne, ^Sflanjen 
unb Gtlemente boeb fteben. — SBirflicb? Söefeljen ©ie boeb bie 
©aefce etmaS in ber 9eäbe. ©teilen ©ie ftcf) eine folebe Sßelt 
obne erfennenbe§ SBefen einmal anfdjaulidj oor — ba ftef)t bie 
©onne, bie (£rbe rotirt um fie berum, STag unb ^ac^t, unb bie 
SabreSseiten mecbfeln, ba§ 9Keer fc^lägt Xöellen, bie TOanjen 
üegetiren: aber #lle3, mag ©te je^t fi4 oorftetten, ift blofe ein 



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beS aBeUwetfen (Schopenhauer. 



271 



9luge, melcbeS ba§ $ltte§ ftebt, ein ^nteHeft, ber e§ percipirt, alfo 
eben ba§ ex hypothesi $lufgebobenc. Sie fenncn ia feinen .frimmel 
unb ©rbe unb SDconb unb Sonne fo icblecbttjin, an nnb Tür jidj; 
fonbern, Sie rennen blofe ein Vorfallen, in roelcbem ba3 ?lHe* 
üorfommt unb auftritt, nidjt anber3, wie Sbre träume be3 9Zac^t^ 
auftreten; melcbe iraummelt ba§ (Srmacben SDcorgenä oemicbtet. 
9?tcf)t anberS märe offenbar biete gan^e Sßelt bemicbtet, menn ber 
Sntetteft oufgeboben ober, mie eben gefaßt, ber Vrei au§ aßen 
föirnfaften geTcfjlagen roäre. 3$ bitte, nidjt $u meinen, ba3 
fei Spafe: e§ tft ©rnft. Die $onfequen*en, meiere barau§ für 
bie SDcetapbbftf fliegen, geben un§ bier niebtö an. 2Bir betrachten 
e$ bier blofc, um auf bie grofce SBicbtigfeit, bie bobe Dignität be$ 
^nteHeftä aufmerffam 511 merben, ber ber ©egenftanb unferer 
ferneren ^Betrachtung tft, unb fttoat je&t üon Sutten attSgebenb, 
Pom Vemu&tfein be»ielben: mir ftellen Selbftbetracbtung be§ 3n* 
reHettS an." 

2Öa3 feinen 3 u f)örertnnen in ibrem $ugenbübermutf;e be- 
fonbern beruf)tgenb oorfommen mochte, liegt in folgenbem (Sror= 
btum bes $apttel£ uou ber Verneinung be* Sillens jum Öeben 
ober oon ber föttfagung unb Jpetligfeit: 

„^tnmer aber bemerfen Sie. ein für allemal, ba§ alle meine 
etbifien ^Betrachtungen nie bie gorm be§ GJefefceS, ober ber Vor* 
febriften baben, ich nie iage: man fott bieg tbun unb jene 3 
niebt, fonbern icb immer nur mieb tbeoretifcb Derbalte unb ba§ 
$bun jeber $lrt auflege, beute, ma§ im Innern babei oorgebt, in 
begriffe." 

113. Uns (Bnht ber Sldjopntljauer füjen OTbeorte in ber JJraits. 

9cact)bem mir nun bie tfebensäufjerungen be$ '»ß^tlofoptjen 
au$ feinen Briefen unb nad) ben Söertdjten be3 erften fetner 
s )lpoftel betrachtet haben, motten mir auf ®runblage be3 foge- 
nannten Scbopent)ctuerlertfon3, in melcbem Jrauenftäbt bie 
marfantefteu Stetten au$ feinet SöictfterS Schriften alpfjabetifcb 
georbnet niebergelegt hat» bie phtlofophifcben (^runbjuge unb 
(^runblagen feinet Snftems bem £efer jur Begutachtung, je nacb 
bem Sitten unb ber Vorftellung beSfelben, oorlegen. 

Str galten es nict)t für nöthtg, bei ben Ininbertmat oor= 
fommenben Weiterungen Schopenhauers über ®enie, über 
bie Verbienfte bes (Pentes, über bie oermetgerte unb gemährte 
Inerfennung beS (Pentes, über anbere ^^ttofop^en unb anbere 
Styfteme, über baS beftänbige Söefchimpfen ber seitgenöffifchen 
^bilofophteprofefforen, über feine Vorliebe für Dilettanten 



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272 



frniffologie unb ^fiffologic 



in feinem Seferi reife, weil biefe gebulbig unb ergeben feine 23e= 
ftauptungen f)innel)men unb if)m ntdjt mit ber ^roitfgange per 
l'ogif, mit 5 rö 9 en m & rcm $runbe an ben §al3 fommen, 
roaS ben S&eltroetfen immer in bie größte (Erbitterung unb 
regung oerfefct, — » mir galten e£ ntcr)t für nötfjig, naa) all ben 
ÄuSlaf Jungen in biefer 9iidjtung — ben $efer eigene auf ben 
(£goi§mu^ .fwdjmutl) unb (#rößenroafm aufmerffam ju madjen, 
oon bem biefer Seltoeife roie nodj feiner oor ifjm be- 
berrfdjt roorben ift. £>ie (^Sefcr)icr)te ift ifjm ein $)orn im 
"?lugc r ba3 tebriftentfjum als eine unleugbare Xfjatfadje t)agt er 
au£ ooller Seele, ben Sorten (Sljrifti unb ber $lpoftel gefjt er 
fdjcu au$ bem SBege; rote oft bemerft er: baS ß(jriften= 
tf)um fagt, worauf bann er baS, roaS biefer angebliaje (£r)rtftcn= 
tbum fagt rotberlcgt unb aus feiner ^Ijilofopfjte fjerauS con= 
ftruirt. $)a gcfdnetjt nun ifjm unb feinen Sdjülern öfter baS 
3ttall)eur, baß fie 3. 33. fpecififd) lutfjerifdje (Säfce als „baS 
(ityriftentlnim" bejeitfmen, roenn iljnen biefe leidjter 51t befämpfen 
fdjetnen, als bie ftabile &ird)enlef)re. Qu fjunbert 2ttalen fommt 
©ebopen bau er aud) mit ferner hingen aufs £apet, bie s #nbere 
längft oor ifjm oiel präcifer gemalt fjaben ; er brütft benfelben 
gan$ fetf bas (Siegel fetner Jabrtfftrma auf. ÜDann fprict)t er ana) 
immer oon ber Safjrfjeit ber Wlofopljie, bas ift aber eben 
nur feine <ßf)ilofopl)ie, Ellies, roaS oor ifjm ba roar, ift naa) 
ifmt purer Sdjroinbel; $ant ift tbm nur ein Söegroeifer ins 
§eiligtf)um feiner <pf)ilofopf)ie, roeldje bie oon ifmt entbetfte 
SBafjrfjett entfalten foll. (£r ift roütbenber "tßrebiger beS 2ltl)eiS~ 
muS, fjaßt alle anberen Sltfjetften oor ifjm, unb mit Ujm; 
man fönnte bei if)m bas farone 5(yiom griebridjS: „i^n meinem 
t'anbe fann Qeber naa) feiner ^dqon feiig roerben", baf)in ab* 
änbem: „9htr naa) metner ^fjilofopljie foll $eben ber Xeufel 
f)olen." (£S ift ifjm bei feinem Egoismus faftifa) ntdjt um bie 
Verbreitung beS 2ltl|jeiSmuS überhaupt, fonbem and} bier nodj 
fejjr egoiftifa) um bie Verbreitung feines gang eckten, oor* 
$üglirf)en, puren, unoerbefferlidjen, patentirten s 2ltf)eiS= 
muS 311 tf)int; faftifa) roill er aber aud> nur Hanget unter 
ben befifcenben klaffen. (Er fpridjt öfter aus unb beutet öfter 
an: für baS arme 25olf taugt feine ©afjrfjeit nidjt, bie 6a * 
naille muß fdjarf regiert, muß ge^äfjmt werben, für bie 
ISanaille foll noä) eine Religion erjftiren, benn baS bumme, 



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beS Söeltroeifen ©cfyopenfauer. 273 

blöbe SBolf brauet einen ^ap^aum; bie Sltfjeiften im $olfe 
follen, wenn fie fidj gegen bie SBefi^enben mutffen, oon ©olbaten 
Sufammengepfeffert werben. Die ganje cf>riftlic^c ÜWoral gilt ifjm 
als ©djwinbel, baS erfte ($ebot: „Du follft allein an einen 
($ott glauben" ift ber ($egenftanb feinet grimmigften paffes 
unb ©potteS, aber am legten ®ebot: „Du follft nid) t begehren 
betnes ^äajften ($ut" baran fjält er feft mit 3äfjnen unb 
Krallen, baS f abreibt er in gläubiger 9lnbad)t an bie Xf)üre 
feiner eifernen Stoffe: beilig ift baS (£i gentium. Diefen 
legten ^e$en aus ber ®efefcgebung beS oerfjafjten „^uben- 
g Ott es" will er wie eine Driflamme im Kampfe mit ben 
bereinbredjenben Stögen bes Proletariats fjodjgefyalteu wiffen! 
3flit freute übergibt er feinen foftbareu Cperngucfer bem Offi* 
jier, baß biefer oom genfter aus erfeben fönne, wofyin er ben 
Kugelregen feiner s JDIannfd)aft 31t birigiren fjabe, um in bie 
8d)itrfen unb Canaillen mit größtem Ürfolg f)tneinfeuern unb 
einige Rimbert in iljrem iölute nieberfrrecfen 311 Können, ©eine 
(£tf)if, feine SDfetapfjnfif ift nadj feinem eigenen (^eftänbnig 
fein ©oll, fein ($efefc, nur eine tfefjre, aber bie befte, fdjönfte, 
erfjabenfte, alle anberen (£tf)ifen weit hinter fidj laffenbe t'efjre. 
^reilidj für baS bumme 35olf taugt fie ntd)t, wie fie für ifm 
felber audj nidjt getaugt. fjat; er f)at gelebt nad) feinen ($e* 
lüften, was er eben tljun fonnte, weil er bas nötbige $elb $u 
biefem tfeben befeffen bat, baS arme 33olf will aber aud) nadj 
feinen (belüften leben unb fud)t fid) nun bie mangelnben 9ttittel 
ju biefem C'eben, fo gut unb fo fdjledjt es gefjt, $u oerfdjaffen. 
§ter ift aber ber ©tanbpunft, bei welajem ber pfyilofopf) im 
Siegeslauf feines atljeiftifdjen JortfdjrttteS plöfelid) fielen tkitt, 
fid) ben 9iad)folgenben ^uwenbet unb ausruft: £Hs fjierfjer 
unb nicbt weiter! Da fjört fia) auf einmal ade piulofopbie 
unb aller ftortfdjritt auf, baS ift ber feierliche Moment ber 
föeaftion! — Die atfjeiftifdjen Lebemänner, bie ifjn unb feinen 
2(tf)eiSmus preifen, baS finb feine greunbe, bie lobt er. Die 
atfjeiftifdjen Proletarier, bie iljm („nadj feinen Korten") „ben 
23rei aus bem |)irnfaften" fdjlagen unb baS ®elb aus ber 
Gifenfaffe nehmen wollen, baS finb ©dürfen unb Canaillen, — 
in biefe muß fjtneingefeuert werben! Das ift baS ginale ber 
©djopenfjauerfeben pf)ilofopfjie in ber Praxis! 

9 r u n n e r , Siitffologtc unb «ißfiffologif . 1 b 



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274 



Äniffofogte unb ^ftff otogic 



114. $fßimbtgf0 gnljmttt ber £or?iiae mtb JPritiütgtttt ber 
großen (J&tiftar. ßeißf sariftobratte. ßefdjetbenljett mit <5*n« 
tttmerträöltrii. Stieltet, olyne *s tu mallen, fein« 
flljuftagttinme. STugtnb unb fußer, pteisijett unb 
Pnmtnljeit angeboren. 

Um bcm Öcfcr baS ^achfudjen ^u erleichtern, unb baft ber- 
felbe fic^ oon ber föichtigfeit unferer Zitate ofme 9J?ühe über* 
geugen fann, entnehmen mir bie oerfdjiebenen Zitate aus bem 
(bchopenhauer^erifon 1 ) eben, nrie fie bafelbft in ber alphabetifchen 
Slnorbnung ber SOiaterte nacfjeutanber folgen. 

2Öir ^aben bem £efer in ben bisher angeführten (Sitaten 
fdt)on fo mel SDtaterial ju einem Urtheil über bie h^r nach* 
folgenben ju §änben gegeben, bafj toxx es fc^r oft für 
überflüffig gehalten haben, auf bie oielen SBiberfprüdje aufmerffam 
•$u machen, loeldje jumeift fo eflatant finb, bafj es bem £efer 
wenig 3J?ühe foftet, biefelben aufeuftnben unb ju conftatiren. 

SBegen SRaumerfparnift finb bei ben Zitaten aus ben oer- 
fdjiebenen (Schriften (Schopenhauers folgenbe 3lbfürjungen 
gemacht ioorben: 

Ü. bebeutet: 3)ie betben ®runbprobleme ber (Stljif, 2. $lufl. 

„ Ueber baS (Sehen unb bie Jarben, 3. 2lufl. 
Gb. „ Ueber bie 4fadje Surfet beS SafceS oom aureichen* 

ben ®runbc, 3. Slufl. 
§. „ 2luS Arthur Schopenhauers hanbfehriftlichem Nachlaß. 
ufl. ,, Slrtfmr (Schopenhauer oon ihm über ihn. 
9t „ Ueber ben Sillen in ber Statur, 3. Slufl. 
^J. „ ^arerga unb ^ßaralipomena, 2. $lufl. 
SB. „ SÖett als Sille unb SBorftellung, 3. Slufl. 

§ören ioir ben SÖeltmeifen, wie er ben $efer in allen Birten 
oon ben 93orjügen beS ©enieS (immer beS (einigen) ^u be- 
lehren fucht. 2BaS er über $lfabemien fagt, ift theilroeife feljr 
wahr — baS ift aber fcfjon oft oon Ruberen auch gefagt 
loorben — bei ihm aber müffen alte biefe Söemerfungen nur 
als ®runblage feiner ®enieoerhcrrlichung herhalten. 



*) @djopenf}auers?ertfon. ©in p(jtlo)opf?ifa)e§ SBorterbudj, nadj Slrt&ur 
@d>openf>auer§ fa'ntmtttdjen ©Triften unb fyanbfdjriftlid>em föadjtafi. 8c= 
arbeitet oon ^uliuS ^auenjtöbt. Seipgtg, »rocfljauS, 1871. 2 8änbe 
(382 unb 507 Seiten). 



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bc$ ffieltroeii'en ©cbopeubauer. 275 

„Die mirflid) ü6er(eQenen unb öriöilegirten (Öeifter, meldje 
bann unb mann einmal sur (Erleuchtung ber übrigen geboren 
werben, finb e§ „öon <&otte§ (Knaben" unb öerbalten fid) bemnacb 
Ali ben Slfabemien unb ju beren illus.tros confreres, mie geborene 
Surften ju ben jablreiften unb au$ ber Sttenge gemäblten 9te= 
Präsentanten be§ SSolfeä. $)aljer fottte eine geheime ©c§eu bie 
Herren 2lfabemifer marnen, et)e fie fid) an einem folgen rieben, 
— e3 märe benn, fie hätten bie triftigften <&rünbe aufeumeifen." 
(20. II, 303.) 

„ÜSenn bie <&röf$e ber ©eifteätraft nidjt eine rein intenfiüe 
märe, bie burd) fein Webeneinanber unb öeieinanber anmädjft, 
bann mären 2lfabemien öiel meruV' (Jp. 468.) 

,,©etfte§überlegenbeit jeber Slrt ift eine febr ifolirenbe ©igen* 
fcbaft, bie geflogen unb gebafct roirb. .Bunt SSormärtSfommen in 
ber SBelt, aud) jur ©rlangiing oon (Sbrenftellen unb SBürben, ja, 
dh$nt in ber gelehrten xöelt, ftnb ftreunbfdjaften unb Samara* 
berien bei SSeitem ba§ ftaimtmittel. $afcer fifct 5. $8. in ben 
9lfabemien bie liebe Sftebiocrität ftet§ oben auf, Seute öon $Ber= 
bienft bingegen fommen fpät ober nie Ijiuein." ( s #. I, 491.) 

„(Sine Sfabemie ift fein ®lauben§tribunal. 2öot)t aber bat 
nun jebe, ef)e fie fo bobe, ernfte unb bebenflicbe fragen, mie*. 53. 
bie über bie SreUjeit be§ SBiUenS unb ba§ gunbament ber Söforal 
aufftettt, öorljer bei fid) felbft au§jumac^en, ob fie aud) mirftid) 
bereit ift, ber SBafjrbeit, mie immer fie lauten möge, öffentlich 
beizutreten. Xenn binterber, nadjbem auf eine ernfte Srage eine 
ernfte $lntroort eingegangen, ift e§ nicbt mebr an ber Bett, fie 
aurürfiünebmen. £>iefe 93ebenflid)feit ift obne ämeifel ber ©runb, 
roeS&alb bie 2lfabemien (£uropa3 fidj in ber wegel mobl büten, 
fragen iolcber 9lrt aufstellen." (ß. XVII.) 

„GS gibt brei Birten öon Slriftofratie: 1) bie Slriftofratie ber 
Geburt unb beS SRangeS; 2) bie (Seibar iftofratie; 3) bie 
geiftige Slriftofratie. üefctere ift bie üomebmfte." 

„xßäbrenb jebe biefer brei §lriftofratien umgeben ift öon einem 
£>eer öon erbitterten 92 eibern, fo üertragen fid) bie ber einen 
Slriftofratie $lngebörigen mit benen ber anbern meiftenä gut unb 
obne Weib, meil Seber feinen $or$ug gegen ben ber anberen in 
bie Sßaage legt." {% I, 4.59.) 

SÖJie fid) „bie geiftigen ^Xriftof raten, bie öornefjmften," 
unter einanber oertragen, ba$ fyat ber Söeltmeife ju Ijunbert- 
malen bemiefen, gerabe biefe oomeljmfteit f Wimpfen am 
gemein ften gegeneinanber; er fjat nämlid) oljne Unterlaß feinen 
Sßor^ug gegen bie Stnbern in bie SEöaage gelegt, $ntereffant 
ift, mie <Sdmpcnf)auer bie $erträglid)feit biefer 3 Staffen unter 
einanber — ganj au3 fid) felber IjerauS — auf ben ,£odjmutlj 
bafirt: meil nämlid) jebe biefer klaffen fid) für öor^üglidier 
l)ält als bie übrigen jmei. 

18* 



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276 Äniffologie unb ^ßfiffologie 

„SBur^el ber 2o6reben auf bie 93eid)eibenheit. 

SBer felbft Serbienft hat, läfct auch bie echten unb mirflichen 
Sßerbienfte Ruberer gelten. Slber ber, bem felbft Söoraüae unb 
ÜBerbienfte mangeln, roünfcht. bafi e§ aar feine gäbe; ihr Ylitblicf 
an Stnbem erregt feinen $eib, er möchte alte perfönlich Söeoor* 
äugten ausrotten. $cufe er fte aber leiber leben laffen, fo fott e$ 
nur unter ber 53ebingung fein, bafj fte ihre Sßonüge oerftecfen. 
$)ie3 ift bie SBurjel ber fo häufigen Sobreben auf bie 53efd)eiben= 
heit." (». II, 485; I, 277; II. 232.) 

„$)ie SBeicheibenheit ift Demnach eine ju (Öunften ber platten 
©eiubfjnlidjfett erfunbene, fchlaue iugenb, welche bennoch, e6en 
burrf) bie in ihr an ben Xag gelegte ^cothroenbigfeit ber Schonung 
ber Slrmiäligfeit, biefe aerabe anS Sicht jieht." {% II, 232.) „2>ie 
$ugenb ber Söefcheibenjeit ift blo£ jur ©chufcmehr gegen ben SJceib 
erfunben roorben." (93. II, 496.) „Unfehlbarer baher noch, al3 
(&oethe£: „9cur bießumpe finb befcheiben", märe bie ^Behauptung 

Seroefen: Xie, meiere fc eifrig bon 5lnberen ^3efct)eiben^eit for= 
em, auf 53eicheibenheit bringen, finb juöerläfftg Sumpe." 
(SB. II» 485.) 

„Uno erträgt ichfeit ber SJefc&eibcn&eit mit Serbien ft 
unb ©enie. 

(£§ gehört ju ben nachgeiprochenen 3rrtl)ümern: „Sßerbienft 
unb ©enie finb aufrichtig beicheiben." {% II, 64.) 

„53efct)eibenr)cit in einem großen Reifte mürbe ben ßeuten 
raofjl gefallen, nur ift fte leiber eine contradictio in adjecto. 
3Denn ein folcher fann nichts (SroßeS fchaffen, ohne bie 2lrt unb 
SÖeife, bie ®ebanfen unb Slnftdjten feiner 3eitgenoffen für nichts 
äu achten. Ohne biefe 9lrrogans mirb fein großer 9Wann." n, 
85 fg.) „(££ ift fo unmöglich, baß, mer SBerbienfte fjat unb mei§, 
mag fte foften, felbft blinb bagegen fei, roie baß ein SDcann Don 
fechS guß iQör)e nicht merfe, baß er bie $lnbern überragt. §oraj, 
Öucrej, Oöib unb faft alle Gilten hoben ftoU oon ftch gerebet, 
begleichen Tante, Shafefpeare, <8afo oon SBerulam unb SBiele 
mehr. Taß ©iner ein großer ®eift fein fönne, ohne etmaS baoon 
ju merfen, ift eine Stbfurbität." (SB. II, 484; fr II, 496.) 

„Söefdjeibenheit bei mittelmäßigen gähigfeiten ift bloße föhr* 
liehfeit, bei großen Talenten ift fie Heuchelei. Tarum ift 
Tiefen offen auSgefprocheneS ©el6ftgefuhl unb uuberhohleneS 
SBeroußtfein ungeroöhnlicher Gräfte gerabe fo mohlanftänbig, als 
Senen ihre Söefcheibenheit." U, 638; SB. I, 277.) 

©ehr bebauerlich. £ope be $ega, (Salberon, Sdffo, Newton, 
Wepler, OKichelangelo, bie genialen Söaumeifter ber Maria novella 
in glorena, Slngelico ftiefole, ^acopone ba £obi, ber Vorläufer 
Danted, ber große Slftronom ©ecccfji unb hunbert anbere, welchen 
bie echte djnftltche Söefchetbenhett nicht megbteputirt merben fann, 
finb alfo feine ©enies gemefen. ©eil Schopenhauer oor 



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bc$ Sdtweiien <Scf>op«ü)auer. 277 



^odjmutf) unb Größenwahn berften wollte, oerallgemeinert er bcn 
^odjmutf) auf alle (Genies. (Sben lefen wir in einer 93iograpf)te 
ftaöbnS (bei Gelegenheit ber Gmtbüllung feinet 3)Jonumentö $u 
feien): „Gleiä) ben meiften bebeutenben ßünftlern ber 93er = 
gangenfjett, bie r fei e$ in ber SOMerei ober in ber ülttuftf, wahrhaft 
Großes leifteten, war §aobn eine ttefreligiöfe 9*atur; feine 
(Sompofitionen führen nid)t nur immer bie Ueberfdjrift: In No- 
mine Domini unb fdjließen mit ben Korten: laus Deo, fonbern 
feine Oratorien unb Üfteffen finb audj oon inniger 9tnbadjt bura)- 
weljt. (Seinem frommen, befdjeibeneu (Sinn blieb jebe 
<Selbftüberf)ebung, jebe türtftlereitelfeit fremb, ba er 
SüleS, wg3 i^n oor Ruberen au^eicbnete, Gott ju- 
f abrieb. „SBenn e$ mit bem (Somponiren nidjt rettet gefjen 
Witt," pflegte er $u fagen, „fo ge^e id) im 3iromer auf unb 
ab, ben föofenfranj in ber .'panb, bete einige &oe unb bann 
fommen bie $been." 

Mt biefe 9ftatf>ematifer, 21ftronomen, Söaumetfter, Dtdjter, 
läflaler unb SDhiftfer finb na$ ©djopenfjauer eben nia^ts ate 
elenbe£>euayier unb^umpe unb fid)er feine Geniel gewefen. 
(£3 ift auffallenb, wie (Sdwpenljauer immer unb ewig an feiner 
<Selbftoerl)errIid?ung unb (Selbftoertfjeibigung arbeitet; alle, bie 
nidjt affurat fo benfen unb fjanbeln wie er, finb Dummfbpfe, 
unb atle, bie fia? einbilben ober rühmen wollten, baß fie felb- 
ftänbig aud) fo benfen unb fjanbeln wie er, finb audj Dumm- 
kopfe; nur jene, bie pubelartig ju feinen Jüßen liegen 
unb ifjn anftaunen — nur benen fann mit (Erlaubnis 
einiges Talent juerfannt werben! 

„^btifioanomüdjer $luSbrurf be£ böien @barafter£. 

„(Srofce ipefttgfeit be§ SBoHen§ ift an ftd) eine ftete Cuette be$ 
SeibenS. 2Seil nun oielcS unb beftigeS ßeiben öon üielem unb 
beftigem SSMen unjertrennlidj rft, träat ber <&ef id)t3au§brucf 
febr böfer SDfenicben ba& Gepräge be3 innern SeibenS; 
felbft wenn fie atteS äufeerlidje Glütf erlangt baben, feben fie ftetä 
unalütflid) au3, fobalb fie nicbt in augenblitflicbem 3ubel begriffen 
finb, ober fid) Oerftetten." (2B. 1, 429.) 

9fadj Durdjlefung biefer 'öeurtbeilung be§ GefidjtSauSbrutfS 
wäre für ben £efer ber ler)rrctc^ftc Moment, ein wotylgetroffeneS 
Porträt oon (Sdwpenljauer anjufeljen! Der SÖeltweife fjat in 
feiner (£itelfeit feine 2lbuung, wie treffenb er fid) Iner felbft 
gezeichnet t)at. 



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278 Äniffologte unb ^ftffologte 

©er alte ^trtfjiim, baß ber äftenfch eigentlich unfrei fei r 
notfjgebrungen immer fo banbeln muffe, mie er eben hanbelt, 
wirb oon »Schopenhauer noch febr ausführlich unb ptaufibel 
bargeftellt. ^act) biefem ^rincip märe bie (Strafe ber 35er * 
brecher ba3 größte benfelben angetbane Unrecht. 

„$)ie Slngeborenfjeit be§ inbioibuellen (JbarafterS mirb 
burd) bie 6 r blich feit beä (SfjarafterS bemiefen. (SBergl. 93er* 
erbung.) 3ufolge berfelben legen bei ber aHergleidjften ©raieljung 
unb Umgebung öerfdnebene $inber ben grunböerfeniebenften (Sfja* 
rafter aufä $eutlichfte an ben Sag." «£. 53.) „Sugenben unb 
Saft er finb angeboren." (@. 53 ff.) „£cr ethtfefe Unterfchieb 
ber (£haraftere ift angeboren unb unöertilgbar. $)em 93o£baften 
ift feine SöoSbeit fo angeboren, mie ber (Schlange ihre ®ift$äbne 
unb (Mtblafe; unb fo menig, mie f»e, fann er e§ änbern." ((£.249.) 
„S)ie in ben üerichiebenen SRenfcfcen fo fjöcbft öerfdjiebene @m = 
pfänglichf eit für bie 9)cotioe be§ ©igennufceS, ber S8o§fjeit unb 
oe§ 9Jcitleib3, morauf ber ganje moralikhe SBerth be§ äftenkhen 
beruht, ift nicht etma§ au£ einem änbern @rflärliche§, nod) burch 
Belehrung ju GrrlangenbeS unb baber in ber #eit (£ntftebenbe3 
unb S3eränberliche8, m, Dom Bufall Abhängiges, fonbem ange- 
boren, unöeränberlich unb nicht meiter erflärlich." ((£. 238.) 

$)en ®egenfa$ jmifchen Dummheit unb (Scblechtigfeit in 

tinficht auf bie Zurechnung fchilbert ber Sßeltmeife nud) feinem 
öftem mie folgt: 

„3ft einer bumm, fo entfchulbigt man ihn bamit, bafe er nicht 
bafür fann, aber rooflte man ben, ber fdjlecht ift, eben bamit 
cntfdmlbigen, fo mürbe man auägelacfot merben. Unb boch ift ba£ 
eine mie ba§ anbere angeboren. $)ieg bemeift (b. h- biefe fü&ne 
^ebauptuna), ba| ber SBiUe ber eigentliche TOenfctj fei, ber SnteUeft 
bloi fein Serfaeug." (©. II, 259.) 

$3ei (Schopenhauer gilt baS „Üteim bich ober ich f**ß 
er hat baS Söeftreben, feine gemagten Behauptungen auch Mit 
gänzlichem Langel an tfogif unb großem Slufmanb oon ©opr)tftif 
in fein ©pftem htneinjufchachteln. 

9luf bie ^Demagogen ift ber SBeltmeife in offenbarer Slngft 
für feine eiferne ftaffe immer fehr fchlecht $u fprechen. 

„2)a§ SBolf mirb, mie ade Unmünbigcn, gar leicht ba£ Spiel 
binterliftiger ®auner, melche bttyalb Demagogen beifeen." 
ffl. II, 264.) 

„3>ie falfche S3orfpiegelung, al3 feien bie Regierungen, ©efefee 
unb öffentlichen (finriefctungen ©djulb an allem (Sleno, mäbrenb 
ba§ (Slenb boeb oon bem menfchlichen 2)afein unzertrennlich ift, ift 
nie auf lügenhaftere unb frechere Söeife gemacht morben, al§ öon 
ben Demagogen ber „Sefctaeit". Tiefe nämlich finb, al§ geinbe 



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be£ Söeltroeifen (Schopenhauer. 279 

beg (£6riftentbum3, Optimiften. Die flehen ben Dptimi3mu§ 
tcbretenben foloffalen Uebel ber SSclt fcbretben fte gänalicf) ben 
Regierungen *u; träten nämlicb nur biefe ibre ©dutlbigfett, fo 
mürbe nadj ißrer Öorfpiegelung ber Gimmel auf ©rben ertftiren." 
(% I, 275.) 

£)a3 Denunctren als (£rfaufte, als §eudjler u. f. w. atter 
jener ^rofefforen ber ^fjücfopfjte, bie fid) cor ©djopentyauer 
ntdjt ftumm unb er)rfurct)töt>o^ oerbeugen, ift eine permanente 
Karotte be3 ©eltweifen. 

„$eine Nation ift fo wenig, wie bie Deutfcben, geneigt, felbft 
m urteilen unb banad) au oerurtbeilen, woau ba§ fieben unb 
bie Siteratur frünbltct) 9lnlaf$ bieten, ©ie ftnb obne Walle, wie 
bie Rauben; aber wer obne ®atte ift, ift ofjne $$erftanb unb obne 
bte au£ bieiem beroorgebenbe 6cbärfe 3um Nabeln tabelbafter 
Dinge, weldje Pom s J?ad)citjmen berfelbcn abbält." OJS. II, 584.) 

„Die Urtbeil^Ioftgfeit ber Deutfcben zeigte ftcb befonberS in 
ibrem SBerbalten jur ßtoetbeicben garbenlebre unb aur föegelfcben 
s #büofopbie. 36r Urtbeil über ®oetbe£ ftarbenlebre entfpricbt 
ben (Erwartungen, bie man ftcb su machen bat oon einer Nation, 
bie einen geift= unb öevbtenftlofen, Unftnn fcbmierenben unb boblen 
^bilofopfjafter, wie £>egel, 30 3a6re long als ben grölten aller 
Genfer unb SBeifen präconiftren fonnte." {% I, 105; II, 210.) 

„Der beutfctje ©elebrte ift. au arm, um reblidj unb e6renbaft 
fein %u fönnen. Daber ift breben, winben, fid) aecomobiren unb 
feine Ucberaeugung üerleugnen, lebren unb febreiben, ma£ er niefct 
glaubt, frtedjen, fcbmeicbeln , Partei macben unb ®amerabfcbatt 
icbliefcen u. f. w., hin 2ltte^ eber, als bte SBabrbeit fein (Sang 
unb feine SKetbobe. (Sr wirb babureb meiftenS ein rücfftcbtSlofer 
Stomp." {% n, 518.) ') 

„Dilettanten — fo werben Die, melcbe eine SStffenfcbaft 
ober $unft au§ Siebe au ibr unb $reube an ibr treiben, mit 
(SJeringicbäkung genannt oon Denen, bie fufc be3 ©ewinneä balber 
barauf gelegt haben; weit fie nur baS ©elb belectirt, ba3 bamit 
au üerbieueu ift. Diefe QJeringicbäbung berubt auf ibrer nieber* 
träebttgen Ueberaeucjung, ba§ deiner eine (Sacbe emfllicb an= 
greifen werbe, wenn tbn nidbt 9?otb, junger, ober fonft welcbe 
©ier baju anfpornt. Da3 $ubühtm tft beäfelben ©eifteS unb 
baber berfelben Meinung; bierauä entfpringt fein burdjgängiger 
Weipect üor ben „ßeuten oon gacb" unb fein SOcMfctrauen gegen 
Dilettanten." {% II, 515 fg.) 



*) 2Wtt be§ ?ot>e§ füften (Sprühen 
feiert er, bte cor ilmt frieeben; 
Sev bas triebt tf)ttt, tft ein ?ump, 
©agt er flegelhaft unb plump. 
2öer nia^t auf ©ajopenfiauer fct)tDÖrt, 
3)er tft »ernagelt unb bett)ört! 



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280 Sniffofogie unb Wffofogie 

„5}oraug ber Dilettanten bor ben ßeuten bon Sadj. 

„Ön äBaprbeit ift bem Dilettanten bie (Sad&e ßmecf, bem 
Spanne bom ^acb alö folgern blofe 9KttteI; nur Der aber mirb 
eine ©acbe mit ganzem (£rnfte treiben, bem unmittelbar an üjr 
gelegen ift unb ber ftcb au§ Siebe au itjr bamit bekräftigt, fte con 
amore treibt. 23on «Sollen, unb nicbt bon ben Sobnbienern, 
ift ftet§ ba§ ©röfete ausgegangen." II, 516.) 



115. Brilon urieber cfienie--flennmiimimi. JlljUaJanb unb JIljtjTxker. 
Pem funbröoltfr fall Orr 0tibetsmus eingeprägt werben, n i rli t 
Religion! flrttrilegten ies (Benies. Ufas es firij ÜUes erlauben 
barf. ©ente Ijoflj über Talent, IHe hieran? in ber Literatur. 

glljantafteen. 

$Iudj bei ben ($ebanfen über bie Gtinfamfeit, bie übrigens 
in Zimmermanns befannten 4 Q3änben über bie ©nfamfeit fdjon 
genugfam ausgeprägt finb, Ijanbelt es fidj bei tfjm wteber nur 
um bie ©elbftoerljerrltdjung beS ®enieS. 

„3e böber (Siner nur ber 9ianglifte ber Dcatur ftebt, befto 
einfamer ftebt er, unb jmar mefentlid) unb unbermeiblidj. Dann 
aber ift e3 eine Söobltbat für ibn, roenn bie bbbftfdje (Sinfamfeit 
ber geistigen entfprtcfjt; mibrigenfall§ bringt bie baufige Umgebung 
bcterogener SSefen ftörenb, ja feinbtid) auf ibn ein, raubt if)m 
fein ©elbft unb bat uid)t§ al§ (Srfafc bafür ju geben. «Sobann, 
mäbrcnb bie Sftatur atoifdjen SRenfcben bie rueitefte Söerfdjiebenbeit, 
im SEK oral ifdjen unb Sntellettuetten, gefegt bat, (teilt bie ®efeu% 
fcbaft, bieie für nicbtS ncbtenb, fte aue gleicb, ober bielmebr fte 
iefct an ibre ©teile bie rünftlicben Unterfdjiebe unb (Stufen be£ 
Stanbeä unb 9tange§, melcbe ber 9fanglifte ber Ücatur febr oft 
biametral entgegen laufen. Sei biefer 5lnorbnung fommen bie bon 

9catur bodj ©tebenben au fura Die Gkfedfcbaf t , melcbe 

man bie gute nennt, bat nicbt nur ben 9cacbtbeil, oafe fte un§ 
SUcenfcben barbietet, bie mir nidjt loben unb lieben fönnen, fonbern 
fie läfet aucb nicbt a^ bafc mir felbft feien, mie e3 unterer Dcatur 
angemeffen ift; bielmebr nbtbigt fie un§, be§ GinflangeS mit ben 
s 2lnbern megen, einaufcbrumpf en , ober gar un§ felbft au benm^ 
ftalteu." I, 446 fg.) 

„Dem intefleftueU bocbftebenben Söcenfcben gemäbrt bie (£tn= 
famfeit einen amiefacben Sßortbeil: crftlicb ben, mit ftcb felber au 
fein, unb atneitenS ben, nicbt mit 5lnbern *u fein. Diefcn lefcteru 
mirb man bocb anfdjlagen, menn man bebenft, mie bicl Bmang, 
S3efcbmerbe unb felbft (&efabr jeber Umgang mit ftcb bringt. 
Ötefefligfeit gebort au ben pefäbrlicben, ia, berberblicbeu Neigungen, 
ba fie un$ tti (Sontact bnngt mit SBefen, bereu grofje 9Jcef)nabl 
moralifcb id)led)t unb inteüeftueU ftumbf ober berfebrt ift." ($. I, 
451.) 



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t>e$ SMtmeifen (gcbopenbauer. 281 

„©infamfett ift ba§ £008 aller berüorragenben ©eifter; fte 
roerben folcbe biSroeilen beieufaen, aber ftetö al§ ba§ Heinere oon 
amei Uebeln erwählen." {% I, 455.) 

„9cadjtbeile ber ©infamfeit. 9ceben tfjren grofcen $or= 
tbeilen bot bocb bie ©infamfeit aucb ibre Keinen 9cad)tbeile unb 
Söefdjmerben, bie jebocb im SBergleicb mit benen ber ©efettfcbaft 
gering, finb. Unter jenen Ücacbtbetlen ift einer, ber. nicbt fo leidet, 
mie bie übrigen, aum ©emufetfein gebracbt mirb, nämlid) biefer: 
mie burcb anbaltenb fortgefefeteS Bubaufebleiben unfer ßeib fo 
empfinbliaj gegen äufeere ©inflüffe mirb, bafe jebe§ fübte Süftcben 
ibn franfbaft afficirt: fo mirb bitrdj anbaltenbe 3urücfgeaogenbeit 
unb ©infamfeit unfer ©emütb fo empfinblicb, bafe mir burcb bie 
unbebeutenbften Vorfälle, SBorte, mof)l gar burcb blofee Lienen, 
un§ beunruhigt, ober gefränft, ober öerlefet füllen ; mäbrenb $)er, 
melcber ftet§ tm (Getümmel bleibt, dergleichen gar nicbt beachtet." 

(». 5 457.) 

$m gleiten ©tnne bcftänbtger (Selbftoerherrltcbimg ftettt 
er ben ^ßbtlofopben bocb über ben ^ßr)r)fif er : 

„3ur ©ntbecfung ber loidjttgften Sßnbrbeiten mirb nicbt bie 
^Beobachtung ber feltenen unb Oerborgenen, nur burcb ©i'P cri- 
men tc barftellbaren ©rfcbeinungen fübrtn; ionbern bie ber offen 
baliegenben, Sebent augängltcbeu Phänomene, daher ift bie 9lyf; 
gäbe nicbt ioroobl, au feben, ma§ nocb deiner gefeben bat, al§ 
bei dem, ma8 Seber fiebt, m benfen, ma§ nocb" Seiner gebacbt 
bat. Darum aucb gehört fo Otel mebr baau, ein ^ßbitofo^b» afe 
ein ^buftfer au fein." II, 116.) 

$)af3 ben ftinbetn iiocr) immer Religionsunterricht erteilt 
mirb, macht bem Seltmeifen grofte ©chtneraen, es foll benfelben 
offenbar in einem ©<hopenhauers£atechtSmu3 fein Atheismus 
beigebracht roerben. 

„der ÖJebanfenfreibeit ftebt nichts fo binberlicb int SBege, als 
ber ^roang, ben bie dornten ber jebeSmal berrfcbenben £anbe£= 
religton nuf ben ©eift auSuben. Deicht allein auf bie Sftittbeilung 
ber (öebanfen, fonbern auf baS Kenten felbft erftrccft ftcb jener 
3roang baburcb, bajjj bie Dogmen bem aarten, bilbfamen, oertrauenS- 
ooflen unb gebanfenlofen $inbeSalter fo feft eingeprägt merben, 
bafe fie mit bem ©ebirn oermacbien unb faft bie Dcatur angeborener 
Gebauten annehmen." (ö. II, 207 fg.) 

©3 märe bem (Schopenhauer eine nach feinem $atechiS- 
muS herangereifte Generation in fetner Umgebung 311 roünfdjen 
gemefen, freiließ, ber SBeltmeife ift bei folgen Gelegenheiten 
nicht in Verlegenheit gefommen; feine lefcte unb bünbigfte Ar- 
gumentation lief ja auch " l 8 ran ^f urt 1849 * n au ^ : 
.fnnetnfeuern in bie ©anaillc — hier ift mein Dpcntgucfer 



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282 tfniffologie unb ^fiffologic 

(jum Offizier), bafj Sic bic Stufte ja recht fidjer treffen 
fönnen. 

ßr befintrt mit groger @elbftbead)tung bie ($etfter erften 
föangeS unb fteüt fie fjoefy über bie Jachgelehrten unb ^rofefforen. 

„(Sin eyclufiöer gadjgelebrter ift bem gabrifarbeiter analog, 
ber, fein Sehen lang, nidQtS 2lnbere3 macht, al§ eine befttmmte 
Schraube, ober £>afen, ober föanbbabe ju einem beftimmten 2Berf= 
mtge ober SJcaidjme, roorin er bann freiließ eine unglaubliche 
Virtuosität erlangt. 2lucb, fann man ben gacbgelebrten mit einem 
Spanne Dergleichen, ber in feinem eigenen £>aufe toobnt, jebodj 
nie beraub fommt. $n Dem S? au fc * enn t er 2ltfe§ genau, jebe§ 
£reppcben, jeben ffiinfel unb jeben ©alten; aber außerhalb be§* 
ielben ift ihm 2llle§ fremb unb unbefannt. — Söabre Silbung jur 
Humanität hingegen erforbert burdf>au£ SBielfeitigfeit unb lieber* 
blief, alfo, für einen ®elebrten im böbern «Sinne, allerbinaS etroaS 
^olöbiftoria. 2Ber aber oottenb^ ein 9ßbitofopb fein null, mufj 
in feinem $opfe bie entfernteften (Snben be§ menfcblicben 2Biffen§ 
sufammenbringen. — ©e ift er erften SRangeS nun gar werben 
niemals gacbgelebrte fein, Sbnen ift ba§ ®anje be3 2)afein3 aum 
Problem gegeben unb über ba§felbe toirb Seber Don ihnen, in 
irgenbeiner §orm unb Sßeife, ber SJcenfcbbeit neue 5luffc&lüffe er* 
tbeilen." II, 520.) 

^Dte SBorredjte ber ©enieS rumoren bem Seltroeifen immer 
im $opf herum, für baS ®enie gibt e3 feine (Sefe^e, feine 
33erbinblicbfeiten, rote für bie 2llltag§naturen. $)a8 ®enie fann 
manche Slnforberungen abroeifen, roeldje 9lnbere (oerfteljt fief) 
bumme Äerle) erfüllen müffen. Unglaublich! 

„(Geniale haben oft heftige Söegierben, finb ber SBottuft unb 
bem 3orn ergeben. Ru grofeen Serbrechen fommen fie jeboerj 
nicht, roetl, wenn biefe fich ihnen barbieten, fie bie Sbee berfelben 
lebhaft unb tief erfennen unb nun biefe (Srfenntmfe Die Uebermacht 
über ben SSitten geroinnt, ihn nunmehr (eben rote beim ^eiligen) 
roenbet, unb bie SDciffetbat alfo unterbleibt. Sntmer alfo partt* 
eipirt ba§ ®enie etroa£ Don ber föeiligfeit, inbem e§ bie Sßebingung 
hu biefer bot, foroie ber ^eilige etroaä Dom ®enie." (30c. 275. 
136.) 

„$ein SDcann üon ©enie mar je ein Sööferoicbt, weil bie 
33o§heit bie Sleufeerung eine§ fo heftigen 28ollen§ ift, bafc felbige3 
ben Öntetteft allein su feinem 3>ienfte braucht unb nicht suläfet, 
bafc er frei roerbe ju einer rein objectiDen Betrachtung ber 5)inge. 
(Sin Sööferoicbt fann einen geroaltigen Sntetteft haben, aber er 
fann ihn nur auf 3)a§ richten, roa£ irgenb eine Begebung auf 
feinen fetllen hat." (©. 399.) 

„3n bem entfdhiebenen Ueberroiegen be3 (Srfennenä über ba§ 
Söolten liegt bie SBerroanbtfcbaft aroifeben $ugenb unb ©enie. $)er 



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be$ SÖMtroeifeix ©djopenfauer. 283 

Unterfcbieb liegt aber barin, bafe ba§ Uebergeroicbt be§ (Srfennenä 
beim ©enie ficb al§ foldjeS, b. b- al§ Doufommene (£rfenntnife 
äußert; im $ugenbbaften aber feine 9)cacbt auf ben SBitten übt 
unb burcb bie Senfung bieieS ftcf) äußert, gerner ift beim Genie 
bie Qntenfität ber ©etftegftäfte eine abfolute, ein febr bober Grab 
fcblecbtbin. hingegen ift *ur £ugenb unb Güte nur eine relatibe, 
b. b- tm SßerbältniB jum inbiüibuetten SBitfen große ^ntenfttät ber 
(Srfenntnißfraft erforbert, bie roobl oft burcb bte geringe natürlicbe 
©eftigfeit be3 SBoOenä unterftüfet roirb." 400.) 

„2)er mit Genie begabte opfert ficb in feinen SBerfen gan* 
für ba§ Ganse. $)aber ift er frei bon ber Sßerbinblicbfeit, ftaj im 
(Sinaelnen für ©injelne au opfern. 2)ieierroegen fann er mancbe 
$lnforberung abroeifen, bie iJlnbcre billig erfüllen muffen. (Sr 
leibet unb leiftet bod) mebr, al§ alle 2lnbern." (3)1. 275.) 

„$)ie bloßen £alentmänner fommen ftet§ §u rechter Seit; benn, 
wie fie üom Geifte ibrer Bett angeregt unb oon oem Söebürfniß 
berfelben berOorgcrufen roerben; fo ftnb fie aucb gerabe nur fäfng, 
biefem ju genügen. Sie greifen baber ein in ben fortfcbreitenoen 
SBilbung^gang ibrer 3eitgenoffen, ober in bie fcbrittroeife görberung 
einer ipectetten SBiffenfcbaf t ; bafür roirb ibnen Sobn unbSBetfau. 
$er näcbften Generation jebocb ftnb it)re SBerfe nicbt mebr genieß 
bar. $)a§ Genie bingegen trifft in feine Seit, roie ein dornet m 
bie ^ßlanetenbabnen, Seren roobtgeregelter unb überfebbarer Orb* 
nung fein öbttig eycentrifcber Sauf fremb ift. 5)ennod) fann e£ 
nicbt eingreifen in ben oorgefunbenen regelmäßigen $8ilbuna§gang 
ber Seit, fonbern wirft feine SBerfe roeit binau§ in bie üorhegenbe 
^öabn, auf roelcber bie Seit fotcbe erft einholen bat. 'Saber 
ftebt baS Genie in feinem treiben unb Seiften meiftenS mit feiner 
Seit im SBiberfprucb unb $ampf." (SB. n, 445 fg.) 

„3)a§ SBefen be§ Geniel ift ein SRafe ber ©rtenntnißfraft, 
roelcbeS ba§ jum SDienft be§ SBtllenS erforberlicbe roeit überfteigt. 
Slber bieg ift eine bloß relatibe Söeftimmuna; fie roirb erreicht 
foroobl burcb föerabftimmung be§ ^Bittens, al3 burcb (Srböbung 
ber ©rfenntniß. 9£icbt im uiufjme, fonbern in $)em, rooburd) 
man ibn erlangt, liegt ber SBertb, unb in ber Seugung unfterb= 
lieber tinber ber Genuß." (SB. II, 440.) 

„?We $etn gebt au§ bem SBoden beroor, ba§ (Srfennen l)in= 
gegen ift an uno für ficb fcbmer*lo§ unb beiter. $)a nun beim 
Genie ba§ (Srfennen über ba§ SB ollen üorberrftfjt, ber ^ntetteft 
oom SJienfte be§ SBillenä loSgefprocben ift, fo genießen bie Geniel 
jene gleicbfam über irb i fct>e £>eiterfeit, bie in itjren s #bi)ftog* 
nomieen *um 2tobrucf fommt." 

„$5a§ Genie lebt roefentlicb einfam. (£3 ift au feiten, um 
leiebt auf feineö (Sleicben au treffen, unb au üerfdjieben oon ben 
Uebrtgen, um ibr ©efetle ju fein. (Sie roeroen an ibm unb feiner 
brüefenben Ueberlegenbett fo roenig greube baben, roie er an ibnen. 
Sie roerben bnber ficb bebnglicber mit ibres (SJleicben füblen, unb 
er roirb bie Unterbaltung mit feines ÖJleicben, obroobl fie in ber 



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284 Äniffologte um> ^ftffologie 

flieget nur bureb tbre nadjgelaffenen SBerfe möglicb tft, boraieben." 
(333. II, 445. 9i. 32.) „'Der SÖtenfcb bon ®ente tft berbammt, in 
einer oben SBelt 311 (eben, mo er ntcbt auf feines ©leiten trifft, 
n)ie Quf einer Snfel, bie feine anbern ©eroobner bat, al§ Riffen 
unb Papageien." (©. 359.) 

„3" ben bereits genannten, ben Lebenslauf be§ (&ente§ feinet 
toegS ju einem glücfltcben macbenben ßigenfcbaften unb 3uftänben 
fommt nocb ein SJiifcberbältnifj nacb Aufcen, inbem ba§ ®enie in 
feinem treiben unb Seiften meiftenS mit feiner Rtit im Sßtber* 
fprucb unb Kampfe ftebt, weit e§ ber (Sntmicflung^ftufe feiner Bett 
rcett borauS unb bon biefer erft einsubolen ift. $)ie SBerfe be§ 
^JenieS finben bemgemäfe in ber Siegel niebt bei ber Söiitroelt, 
fonbem erft bei ber Ücacbtoelt Anerfemtung." (SS. II, 445—447. 
SS. II. 439.) 

„SSeiSbeit unb <&enie, biefe jroei ©ipfel be§ s #arnaffe3 menicfc 
lieber (Srfenntnifj, murmeln niebt im abftraften biScurftben, fonbern 
im anfdjauenben Vermögen, £te eigentlicbe SSeiSbett ift etroaS 
SnbuftibeS, niebt etroa§ AbftrafteS. (Sie beftebt niebt in ©äfeen 
unb ©ebanfen, bie @iner als fRefultate frember ober eigener $or* 
febung im ®obf berumtrüae: fonbem fie ift bie ganje Art, roie 
ftcb bie SSelt in feinem $opfe barfteflt. 3)ieie in io böcbft ber- 
febieben, bafe babureb ber SSeife in einer anberen SSelt lebt, al§ 
ber ifyox, unb ba§ (SJenie eine anbere SSelt ftebt, al§ ber (Stumpf? 
fopf. $afe bie SSerfe beS ®enie§ bie aller Anberen bimmelmeit 
übertreffen, fommt blofs baber, bafj bie SSelt, bie e§ fiept, unb ber 
eS feine Auhagen entnimmt, fo biel flarer, gleidjfam tiefer berau§= 
gearbeitet ift, als bie in ben köpfen ber Ruberen, melcbe freilicb 
Siefetben (SJegenftänbe enthält , aber ju jener ftcb berbält mie ein 
cbtneftfcbeS Söilb obne Schatten unb ^erfpeftibe jum botlenbeten 
Oelaemälbe. 'Der Stoff ift in allen köpfen berfelbe, aber in ber 
S3oufommenbeit ber ftorm, bie er in jebem annimmt, liegt ber 
Unterfcbieb, auf meinem bie fo bielfacbe Abftufung ber SnteUü 
genjen *ule&t berubt: biefer ift alfo id^on in ber SSursel, in ber 
anfebauenben Auffnffung oorbanben unb entfielt niebt erft im 
Abftraften. 5)aber eben ^eigt bie urfprünglidje geiftige lieber* 
legenbeit ftd) fo leidjt bei jebem Anlafe unb mirb äugen b lief- 
lieb ben Anberen füblbar unb berbafjt." (SS. n. Sb., erfteS 
SBucb, 7. Kapitel, ©. 80.) 

$)ie ($efd)icf)te wirb immer in fjödjft bcrädjtltcfjer $Beife 
t>om SÖSelttoetfen mitgenommen! ■ 

„2>ie ©efcbicbtSmufe ®Iio ift mit ber ü'üge fo bureb unb bureb 
inficirt, mie eine ®affenbure mit ber ©tjpbiliS. $)ie neue, fritifebe 
(SefcbicbtSforfcbung mübt ftcb Jioar ab, fie ju curiren, beroältigt 
aber mit ibren localen Mitteln bloft einzelne, bie unb ba auS- 
breebenbe ©tnnptome; mobei noeb baju manebe Cuacf falb er ei 
mit unterläuft, bie ba$ Uebel berfcblimmert. 'Die Söegebenbeiten 
unb Sßerfonen in ber ©efcbidjte mögen ben roirflieb bageroefenen 



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oe§ SBMttoetfen «Schopenhauer. 



285 



ungefähr fo deichen, roie meiftenS bie Porträts ber (Sdjriftfteller 
auf bem Sitelfupfer biefen felbft; alfo eben nur fo etroaS im Um= 
rtfe, fo bafc fie eine föroadje, oft burcb einen fallen 3»ö gans 
entfteate $lebnlid)feit, biSroeilen aber gar feine haben." II, 
480 fg.) 

„£ie ®efchtd)te ift jroar um fo intereffanter, ie fpecietter fte 



ieber föinficht bem Romane. — l&aS eS übrigens mit bem ge- 
rühmten Pragmatismus ber <$efd)icbte (b. b. bem Ableiten ber 
Gegebenheiten nach bem ©efefce ber Sftotioation) auf ftch habe, 
roiro 3>er am beften ermeffen rönnen, welcher ftch erinnert, bafe 
er biSroeilen bie Gegebenheiten feines eigenen SiebenS ihrem magren 
^3ufammenhange nach erft sroanAig Sabre hinterher öerftanben hat, 
obtoobl bie 5>ata baju ibm öouftänoig Dorlagen; fo fchroieria, ift 
bie Kombination beS SBirfenS ber SJcotiöe, unter ben beftänbtgen 
(Singriffen beS SufaCIS unb bem Gerbeblen ber 9lbfid)ten. M (SS. I, 
217; II, 502.) 

„£er föiftorifer fott ber inbioibueEcn Gegebenheit genau nach 
bem Sehen folgen, roie fie an ben bielfacb oerfcblungenen Letten 
ber ®rünbe unb Solgen fid) in ber Seit entroicfelt; aber unmöglich 
fann er bieau alle $)ata beftfcen, TOeS gefeben ober 91lIeS erfunbet 
haben; er ttrirb jeben s 2lugenblidf bom Original fernes GtlbeS Oer- 
laffen, ober ein falfcbeS fdjiebt ftch ihm unter, unb bieS fo häufig, 
bnfj man Urfache hat, anzunehmen, in aller ® ef c^ic^te fei beS 
gatfehen mehr, als beS fahren." (SB. I, 289.)') 



116. ftigenthnm. tjaft gegen bie Ctteratnr bes i&ttielalters. 
^diäiuina unb llrbf rfriiätiung ber gjnnbe. fjierardrte ber 
3"t?ilinnn. üif fEfyittt l'utb narfj ber rfjriftüdjen Üloral 
nirljt rcrijtloö! JMafjtker! (fr l'djnlü borii bas £atein. 
yijüittartrrn über IJUnfdjenfarbe. |legeneratton bea 
(ßefnjledjts. ütifltöttttre. §nmanttät. JKtttelölter. 

Um bie etferne $affe ift ber Söetfe immer in großen ©orgen, 
beim ©gentium hört ficr) bie ®leia)fjeit ber fechte auf! 

„Obgleich bie Gräfte ber SDcenfdjen ungleich ftnb, fo finb boch 
ihre fechte gleich; toetl biefe nicht auf ben Gräften beruhen, fon- 
bern, wegen ber moralifchen 9catur beS Rechts, barauf, bafc in 
Gebern berfelbe SSille sunt ßeben, auf ber gleichen (Stufe feiner 
Objectioation, ftch barftedt. $>ieS gilt ieboch nur bom urfprüng- 
liehen unb abftracten föecbt, welches ber 9Jcenfch als SJcenfch hat. 



J ) 2)er Selttoeife ift aber aurf) rin grofeer fteinb ber »arjren (Uc* 
fanchte, benn cor einer tüafjren (äkfdndjte feines Gebens hat er bei roieber^ 
holt eingeftanbener Slngft auch eine aufrichtige ©cheu, ja fogar Slbfcheu »er= 
rattjen. 




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286 f mffologte unb Wffologte 

StaS (Sigentbum, tüte auch bie Ehre, melcbe ^eber mittelft feiner 
Gräfte ftcb ermirbt, rietet ficb nach bem äfeafce unb ber 2lrt btefer 
Gräfte unb gibt bann feinem 9ted)te eine roeitere <Spbäre; hier 
hört alfo bie ©leicbbeit auf. $)er bierin beffer $u§geftattete ober 
ibätigere erweitert burcb gröfcern drroerb nicht fein $Kerf)t, fonbcm 
nur bte Qafyi ber $>inge, auf bie e$ ftcb erftrecft." II, 257.) 

„9!uf ©üntnaften foflte feine altbeutfcbe Siteratur, Nibelungen 
unb fonftige Poeten be§ SRittelalterS gelehrt werben; biefe $inge 
finb jimar böcbft merfraürbig, aucb lefenStoertb, tragen aber nicht 
Sur Söilbung be§ ©efcbmncfö bei unb rauben bie 3eit, welche ber 
alten, mirfiicb flafftfcben Siteratur angehört. 3)ie Nibelungen 
mit ber tytitö ju Dergleichen ift eine rechte $8la3pbemie, mit 
welcher bie Obren ber gugenb Dor TOem üerfcbont bleiben fotfen/'v 
(% II, 607.) 

ÜDte tägliche ^Betrachtung unb iöeadjtung feinet Rubels 
ftimmte fein für SWcnfc^en nicht fefjr feinfühliges §erj mit 
befonberer Vorliebe für bie mebelnbe Gegebenheit biefeS £>au$* 
thtereS. Grr fdjretbt über ben. £>unb „in moralifcher 
£tnftcht": 

„$er ftunb ift mit Necbt ba§ ©tmtbol ber Xreue." {% H, 
685.) „3n Europa gilt eö (mit Unrecht) für ein Brauel, wenn 
ber treue £>unb neben ber Ütubeftätte feines &errn begraben wirb, 
auf welcher er bisweilen au§ einer Sreue unb ^Inbänglicbfeit, mie 
fte beim Sitenfcbengefcblecbte nicht gefunben wirb, feinen eigenen 
£ob abgewartet bat." (©. 240.) 

„£en $bieren gebt swar bie ^ä^igfeit ber (Sprache unb bee 
Sachen^ ab. Sebodt) bat be§ 9Wenfcben einziger Sreunb, ber £mnb, 
einen analogen, ihm allein eigenen unb cparafteriftifcben 21ft öor 
allen anberen gieren OorauS, nämlich ba§ fo auSbrucfSOolle, 
moblwollenbe unb grunbebrlicbe SBebeln. 2Bie öortbeilbaft flicht 
bocb biete ibm üon ber Natur gegebene 33egrüfjung ab jegen bte 
53ücflinge unb grinfenben $>öfltcbfeit§bejeugungen ber Hftenfcben, 
beren SBerftcberung inniger §reunbfdjaft unb Ergebenheit e3 au 
■Suberläfftflfeit, wenigftenS für bie (Gegenwart, taufenbmal über* 
trifft." (SB. n, 108.) 

„2Ber nie einen ^unb gehalten bat, fagt ber ©panifcbe 
Skttetrift Sarra, wetfj nicht, mag lieben unb geliebt fein ift." 
{% I, 79.) 

„i^ür ba§ 93ebürfnifj aufbeiternber Unterhaltung unb um ber 
Einfamteit bie Debe ju benehmen, ftnb bie £mnbe ju empfehlen, 
an beren moralifdjen unb intellektuellen Eigenfcbaften man faft 
allemal 5*eube unb Söefriebigung erleben wirb." II, 88.) 
„3Soran Tollte man ftcb bon ber enblofen Sßerftellung, ftalfcbbeit 
unb föeimtücfe ber SNenfcben erholen, menn bie föunbe nicht mären, 
in beren ehrliches (3$eftd)t man ohne 9JJifetrauen fchauen famt?" 

II, 225.) „$er &unb ift ber aüeinige mahre Gefährte unb 



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beä SBcttrocifcn «Scbopenbaucr. 287 

treuefte greunb be§ SJcenfcben, bie foftbarfte ßroberuna, tüte 
duöier tagt, bie ber äRenfd) gemacht bat." II, 403. Slnmerf. 
$. 349.) 

„(5$ ift empörenbe ©raufamfeit unb ioUte polizeilich oerboten 
fein, ein fo böcbft intelligentes unb fein füblenbeS äßefen, tnie ber 
öunb, gleich einem Verbrecher an bie Äette ju legen, rao er Dom 
borgen big sunt Slbenb nichts, als bie ftetS erneute uttb nie be- 
trieb igte (Sebnfudjt nach greibett unb ^Bewegung empfinbet, fein 
Öebcn eine langsame harter ift, unb er burcb folcbe ©raufamfeit 
enblicb entbunbet tnirb, ficb in ein milbeS, lieblofeS, untreues $bier 
Derroanbelt." {% II, 403, SInmerf. unb 318.) „fieiber roirb auch 
xu ben Viütfectionen am bäufigften baS moraltfcb ebelfte aller 
£biere genommen: ber Jpunb, roelcben überbieS fein febr ent* 
roicfelteS 9ceroenft)ftem für ben Achmers empfänglicher macht." 

II, 403.) 

£)te X^tere werben nad) ber djrtftttd)en tfehre ntct)t für 
restlos erflärt. (Schopenhauer tagt: 

,,3)ie öermeinte 9ied)tloftgfeit ber $biere, ber 28abn, bafe unter 
ftanbeln gegen fte ohne m oralif che Söebeu tung fei, oberbafj 
eS gegen $bicre feine Pflichten gebe, ift gerabe^u eine empbrenbe 
SRobbeit unb Barbarei beS OccibentS, beren CueUe im Suben* 
tbum liegt." (®. 238 ff. 162. % I, 79; II, 397 - 399. 402. 
SUc. 467.) 

„Sitte 3eiten unb atte Sänber baben febr mobl baS 2Jittleib 
al§ bie Cuette aller Sftoralttät erfannt, nur Europa nicht; rooran 
allein ber foetor judaicus <Sct)iilb ift, ber bier MeS unb s 21tteS 
bttrcbatebt. 2>a mufc eS bann fcblecbterbingS ein ^fticbtgebot, ein 
(Stttengefefe , ein 2> m P er( rtto, furtum eine Orbre unb ®ommanbo 
fein, bem parirt totrb; baüon geben fie nicht ab, unb motten nicht 
einfeben, bafe dergleichen immer nur ben ©goiSmuS jur ©runb- 
läge bat." (©. 249. 3K. 467.) 

Die SBirfung ber flafftfer auf (Schopenhauer: 

.,(£S gibt feine größere Crrqtticfung für ben ©eift, als bie 
Seftüre ber alten ^lafftfer; fobalb man irgenb einen öon ibnen, 
unb märe eS auch nur auf eine balbe ©tunbe, in bie föanb ge- 
nommen bat, fühlt man alSbalb ficb erfrifcbt, erleichtert, gereinigt, 
gehoben unb geftärft, nicbt anberS, als hätte man an ber frifcben 
gelfenquette ficb gelabt. Siegt bieS an ben alten Sprachen unb 
ujrer Vottfommenbett, ober an ber ©röjje ber ©eifter, bereu Söerfe 
oon ben Sabrtaufenben unöerfebrt unb ungefcbroäcbt bleiben? 
Vielleicht an beibett jufammen." (9ß. n, 597.) 

Slnerfennensmerth ift fein Umoille gegen bie projectirte 2lb= 
f djaffimg beS (StubiumS ber Iatetntfct)en (Sprache. 

„3)te Slbfchaffung beS Sateinifcben als allgemeiner belehrten* 
fprache unb bie bagegen eingeführte ^leinbürgereiber 9?ational= 
literaturen ift für bie SBiffenfchaften in ©uropa ein mabre§ Unglücf 



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288 Äniffologte unb ^ftffologte 

geroefen. 3unäcbft, meU e£ nur mittelft ber lateinifcben Sprache 
ein allgemeines europäifd)e§ <&elebrtenpublifum gab, an beffen 
(&e)ammtbeit jebe§ ertdjeinenbe 99ud) ftcfe bireft roanbte. 9Jun ift 
aber bie &af)i ber eioentlict) benfenben unb urtbeilSiäbigen ®öpfe 
in aans (Suropa obnegin id)on fo Hein, bafe, roenn man ipr Sorum 
noct) burd) ©pracbgrenjen jerftütfelt unb au§einanber reifet, man 
ibre mobltbätige SSirffamfett unenbltcb fcbroäcbt. hieran roirb ficb 
balb ein jroeiter, nocb größerer 9Jacbtbeil fnüpien: ba§ Aufboren 
ber (Erlernung ber alten ©pradjen." 0$. II, 521. 576.) „ßateinifcbe 
Tutoren mit beu tieften $oten berauöäugeben, rote jefct gekbiebt, 
ift eine ©cftroeinerei unb eine Infamie." [% n, 521. 606.) 

,,$)urd) ba§ ßatemidjreiben allein lernt man bie Aktion a!3 
ein $unft!uerf bebanbem. beffen Stoff bie «Sprache ift, roeldje 
ba&er mit größter (Sorgfalt unb iöebutfamfeit bebanbelt werben 
mui Demnacb rietet Heb iefct eine gefebärfte $lufmerffamfeit auf 
bie Söebeutung unb ben Sßertfj ber Söorte, ibrer Bufammenftellung 
unb ber grammattfalifeben formen; man lernt biete genau abroägen 
unb fo baS (oftbarc Material l)anbbaben, roelcbeS geeignet ift, bem 
5ln3brucf unb ber Schaltung toertbooller ®ebanfen ju bienen; 
man lernt SRefpeft baoen öor ber Spradje, in ber man fcfcreibr, 
fo bafe man niebt nacb SBillfür unb Öaune mit ibr umfpringt, um 
fie urnjumobeln. Obne biefe Sßorfdmle artet bie ©c&reiberet leicht 
in blofceS ®emäfcbe au§." (% II, 605 fg.) 

9hm fyaben aber gerabe bie gefdjmäfjten Sffcöndje beS Littel* 
altert bie beften lateinifdjen gereimten lieber unb §t)mnen ge- 
malt, ba3 Dies irae unb baä Stabat mater ftefjen nod) 
unübertroffen ba, erft in neuefter $ett fjat ein fa^webifa^er ®e* 
lejjrter ttmnbert>oll fdjöne ^mnen aus alten fdjroebtfdjen Sfjor* 
büdjern herausgegeben. 

(£r ereifert fidj gegen bie pofirtoe ©c^äbltc^feit ber fcfjledjten 
Literatur, felbftoerftänbltd) f)ält er feine Literatur für bie befte, 
benn er fjat ja juerft bie Safjrfjett gefunben unb felbe ber 
unbanfbaren SBelt mitgeteilt. 

ift in ber Siteratur nid)t anberS, als im Seben; roobin 
aueb man fieb roenbe, trifft man fogleicb auf ben incorrigiblen 
$öbel ber 2Renfd&beit, melier SlHeS erfüllt unb Meg befebmufer, 
roie bie fliegen im (Sommer. $)af)er bie Unjaf)l fcbledjter SÖücber, 
biefeS muebernbe Unfraut ber Siteratur, roeldjeS bem SBei^en bie 
Wabrung enüie&t unb ibn erftieft. (Sie reiben nämlid) 3eit, <$elb 
unb Slufmerffamfeit be§ ^SublifumS. meiere oon 9Jecftt3roeaen ben 
guten 93üd)ern gebören, an fidj, mäljrenb fie blofc in ber Slbfidjt, 
(#elb einzutragen, ober 5lemter ju üerieftaffen, gef trieben ftnb." 
(Sie finb alfo nidjt blofe unnüfe, fonbern pofttiö fäöblicb.'' n, 
589 fg.) 



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toes Seltroeifen ©djopenfjauer. 



289 



2Öir erlauben uns folgenbe, oon Schopenhauer felbft auf* 
geftettte Siegel gegen bie Xoleranj unb «^öflichfeit in ber 
Citeraturgefdjichte auch ihm gegenüber in Slnmenbung 311 
bringen, ma$ freilich nach feiner Veranlagung nicht in feinem 
Sinne gelegen mar — er nahm ba3 SRecbt 311 energifcher $3e- 
fdjimpfung feiner (Gegner nur für fieb in ?(nfprucb, bie 
Zubern fottten nicht mueffen, nur bemunbem: 

M$ ift burefcaue falfrf), bie Toleranz, reiche man geaen 
fiumpfe, btrnlofe Üftenfchen in ber (SefcQtchaft notbmenbig haben 
mu§, auch auf bie Literatur übertragen ju motten. 2)enn hier 
finb fie unoertchämte Ginbringlinge, unb bier ba3 Schlechte herab* 
jufefeen ift Pflicht gegen ba§ ®ute. Uebergaupt ift in ber Stteratur 
bie Höflichkeit, al£ meldje au8 ber (Sefettfcbaft ftammt, ein 
frembartic^eS, fehr oft fdjäblicbeS (Element: meil fie tierlangt, bofj 
man baS schlechte gut beißt unb baburch ben 3roecfen ber Sßiffem 
ichaften, mie ber ®unft, gerabe entgegenarbeitet." OR. n, 545 fg.) 

Söenu mir aber jefct 1881) in Europa IRunbfcfjau über bie 
focialen 33crr)ältntffc unb 3uftänbe halten, fo mirb e3 uns auf* 
fallen, mit melier v^eefheit Schopenhauer feine $irngefpinnfte, 
melche ben tfjatf ad) liehen (Srfd)etnungen im focialen Öeben contra* 
biftorifch miberfprecben, feinen Verehrern an ben §afc $u hängen 
fudn. Die Utopien btefes SUbetften finb oft gerabemegS jum 
dachen : 

„fünfte unb SBiffenfcbaften finb $inber be£ Suru§, unb ihr 
2öerf ift iene Verüottfommnung ber Technologie in allen ihren 
3meigen, melche baö 9)cafcbinenmefen su einer früher nie geahnbeten 
Höhe gebracht hat $)ie Qcraeugniffe ber Söcafcbincn aber fommen 
feineSioegs? ben deichen allein, fonoern bitten ju ©ute. Sluch ba£ 
Seben ber niebrigften klaffe hat baher geaen frühere Betten oiel 
an Sequemlichfeit geroonnen, unb bureb Serminberung fehlerer 
förderlicher Arbeit ift bie ©eifteSfultur allgemeiner gemorben. 
Söeil ferner bie fünfte bie Sitten milberu, )o merben auch bie 
Kriege unb Quelle immer feltener. 9lbgeiefjen hteröon 
aber ift gegen bie $lbfcbaffung be§ SupiS unb gegen bie (£infüh s 
rung gleichmäßiger Vertheilung aller förperlicben Arbeit au er= 
mögen, baß bie große £>eerbc beä 9Jccnfcbengefcblecht3 ber Führer 
uno Seiter bebarf, unb baß biefe fomobl öon förperlicher §lr= 
beit, als Don gemeinem Langel befreit 511 bleiben, ja auch nach 
SNaßgabc ihrer öiel größeren Seiftungen mehr ju befi&en unb au 



genießen berechtigt finb, als ber gemeine äKann." (». II, 262-264.) 

Wur bie Ofenie* (ber «Mttoeife ift felbftoerftänblich bas erfte 
®enie, ba3 (#enie kat' exoehen) fönnen burch ben importirten 
unb beutfeh jugeftu^ten S3ubbhi$mu3 bie (Srlöfer unb Detter ber 



33runner, Sniffotofiic unb ^«fiffologic. 



18 



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290 äniffologtc imb ?fiffotogte 

ütteufcbbett werben. $to$ boctrt wie folgt atteS (Srnfteä ber 
SEÖcltWetfe: 

„SSürbe bie agfetndje Verneinung be§ 2Sitlen§ jum Öeben 
burcb freiwillige $eufcbi)eit eine allgemeine im Sftenfcbengefcbledjt, 
fo ftürbe biefe§ au§, unb ba alte 2Bi(lcu3er[cf)einunaen in ber 
9ktur aufammenbängen, fo läfet ftd) annehmen, bafe mit ber bödtften 
5öitfen§erfcbeinung aud) ber fcbmädbere SBiberfcbein berfelben, bie 
£bierwelt, wegfallen mürbe. 3ttit gänalicber ^lufbebung ber (£r= 
fenntnifj fdfcmänbe bann aucb Don felbft bie übrige SSelt tn 9?icf)t§, 
ba obne «Subject fein Object. £)ie übrige 9iatur bat alfo 
ibre ©rlöfung Dom Sföenfcben ju erroarten, melier $riefter unb 
Opfer sugteicf) ift." (SS. I, 449 ff.) 

„Broar fünbigt meljr al§ 9lfle3 bie SRenic&enmelt, al£ in 
welcher moralifd) e>djled)tigfeit unb Sßieberträcbtigfeit, inteCCeftueö 
Unfäbtgfeit unb $)ummbeit in erfcbrecfenbem ffllafc üorberrfcf)en, 
ba§ ©anfara an. $)enno<f) treten in tt)r, miewobl fel)r fporabifdj, 
a6er bod) ftet§ unb oon Beuern überrafdjenb , ßrfcbeinungen ber 
Üteblidjteit, ber ©ütc, ja be£ (SbelmutbeS , unb eben fo aucb be§ 
großen 3krftanbe£, be§ benfenben ($etfte§, ja be§ ®enie§ auf. 9?ie 

geben biefe gana au§. 28ir müffen fte al3 ein Unterpfanb nehmen, 
afe ein gute§ unb erlöfenbeS $rinctp in biefem <Sanfara ftecft, 
meld)e§ sunt £>urcbbrud) fommen unb ba§ ®anae erfüllen unb 
befreien fann." II, 233.) 

§bren mir nun, wie ftnnretdj unb merfwürbig ftdj ber 
SBeltmetfe bie (Sntftefjung be3 $cenfa>ngefcblecf)te$ gufammett« 
pt)tIof opi)irt : 

„$)a§ 90cenfcbengefcblecf)t ift bÖd^ft Wabrfcbeinlidj nur an biet 
(Stetten entftanben, weil wir nur brei beftimmte gefonberte $t)pen, 
bie auf nrfprünglicbe Waffen beuten, baben: ben faufaftfeben, ben 
mongolticben unb ben ätbiopifdkn $t)pu§. Unb amar bat biefe 
CSntftebung nur in ber alten Sßelt ftattftnben fönnen. £)enn in 
Sluftralien fyat bie Statur e§ au gar feinen Riffen, in 9Imerifa aber 
nur au tanggefebmänaten SOcecrfafcen, nidjt aber au ben fura* 
gefdjmänaten , gefebweige *u ben oberften, ben ungefebwänaten 
&ffengefct}lecf)tern bringen fönnen, welche bie lefcte ©rufe bor ben 
SDcenfcben einnebmen. gerner bat bie ©ntftebung be§ SÖßenfdjen 
nur atuifeben ben SBenbefretfen eintreten fönnen, 1 ) weit in Den 
anberen 3onen ber neuentftanbene 9ftenfdj im erften SBinter um* 
gefommen wäre. 3n ben beifeen 3onen nun aber ift ber SOcenfdb 



l ) 2)er SBeltroeife fpric^t über btefcö föttroitfelungStbema mit einer 
<Sidjerr)ctt, a(§ ob er est fdjon bamal§ at§ $atrian oon trgenb einer fiobett 
Sßalme herunter beobadjtet bätte, unb bann bie ©eele btefe3 SpamanS nadj 
ber ?er)re »on ber ©cetenwanberung mitfammt ifiren ©rinnenmgen in 
©a^openbauer eingeaogen roäre. 



ee3 Söeltroeifen (Schopenhauer. 291 

ichroar$, ober toenigften§ bunf elbraun. £)ie$ alfo ift ofjne Untere 
jcbieb ber fttaffe bie roabre natürliche unb eigentümliche garbe 
t>e3 !Ü£enfcbengefchlecbt§, unb nie bot e§ eine üon 9eatur meife 
IWaffe gegeben. 1 ) (£rft als ber 3Renfdj außerhalb ber i&m allein 
natürlichen, sroifcben ben Sßenbefreifen gelegenen foeimatb lange 
.Seit binburrf) ftcb fortgepflanzt bat, unb in Solfle btcfer $ermeb= 
rung [ein ©efcblecbt fidtj in bie folteren Bönen tierbreitet, mirb er 
bell unb enblicb meifc." II, 167-17(>. 28. II, 625.) 

£>er gebulbige Vefer ift über bicfen mit großer Sicherheit 
oorgebrachten Jarbenumfchmung fo erftaunt, oafc er benfelben 
an fich felber burcbmacben unb oor lauter SBermunberung alle 
färben fptelen möchte. 

Sie genau ber Sßeltweifc über bie ©ntftehung ber Sprache 
gegen bie beplorablen £)iftorit'cr unb Sprachforfcber be§ bipe = 
bifcben (^efcblecbte* ^u berichten meift! (£r gählt nämlich feine 
Gegner mit einem -w hundertmal mieberholten , freilich burch 
biefe Sieberbolung nicht beffer geworbenen 3Bi^ f ^u ben %fotu 
b ein igen 53tet)cnt. (£r lehrt: 

„3)ie allmähliche ^egrabation ber Sprachen ift ein bebenf* 
liehet Argument gegen bie beliebten Xheorieen unierer Optimiften 
Pom „ftetigen ^ortfehritt ber TOenfctjrjeit jum Seffern*, roo^u fie 
tue beplorable ©efebiebte be3 bipebücben Otefcblecbtö Derbrehen 
möchten; überbie§ aber ift fie ein fchmer ju löfenbe§ Problem. 
Sßir fönnen bod) nicht umhin, ba§ erfte au§ bem Sdjoo&e ber 
9catur irgenbmie hervorgegangene 9)cenfcbengefcblecf)t un§ im 3« 5 
ftanbe gänslicher unb fmbifcher Unfunbe unb folglich roh unb 
unbeholfen *u benfen; mie fott nun ein fold)e§ ©efchlecbt bie höchft 
funftPoüen Spracbgebäube erbacht haben? £a3 SBIaufibelfte 
fcheint bie Annahme, bafe ber uKenidj bie Sprache inftinftio 
erfunben hat, inbem uriprünglich in ihm ein Snftinft Hege, Per- 
möge beffen er ba£ $um (Gebrauch feiner Vernunft unentbehrliche 
-iöerfeeug unb Crgan berfelben ohne föeflerjon unb benmjjte s 31b= 
ficht herPorbringt, welcher ^nüinft fiel) nachher, menn bie Sprache 
einmal ba ift unb er nicht mehr sur 9lnroenbun$ fommt, Perlierr. 
SSie nun aüe SBerfe beä Snftinfte eine ihnen eigentümliche, be^ 
tounberungSroürbige SBottfommenheit haben, — eoen fo ift e£ mit 
ber erften unb urtprünglichen Sprache; fie hatte bie hohe S8oH= 
fommenheit aller SBerfe be§ SnfttnfU" II, 599 fg.) 

9cad) feiner ■Dcarotte wirb ber töubbhtemus immer hodj 
über ba$ ©hriftenthum gefteüt. Ml& ©ute unb treffliche ift 



*) ©in Sinf, mehr ein ffrengeS ©ebot für bie ütfaler, Sfbam unb 
<£oa al§ 2Rof)ren ju malen, unb für bie Silbbauer, 3U (Statuen ber Ut* 
eitern fchtoar^en ÜJcarmor ober Gbenbolj ju nelmten. 

19* 



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292 Äntffologie un* ^ßfiffologte 

im 93ubbf)t3mu3 fdjon oor Üaufenben oon $afjren bagemefen, 
and) bie unbegrenzte 9cädjftenliebe. ©djopenljauer fjat 
Momente, in benen er fief) ber fcbmeidjelfyaften Hoffnung $tn* 
gibt, man fönne bieten bipede9 jeben Unftnn öorfctymäften, menn 
man fidj nur oorerft ate ba$ lrcltcrlof cnbe r einjig Saljrfyeit 
oerfünbenbe ^rineip m'njufteüen — fo unverfroren ge- 
mefen ift. 

©egen bie cr)riftlicr)en Oftiffionare, meldje ifjr £eben für U)re 
Uebergeugung unb ifjren $eruf einfefcen, ift btefer tägliche ©aft 
an ber feinen Table d'höte befonberS erbittert. Senn biefelben 
für feinen M$et£ini!8 <ßropaganba machen mürben, bann tiföt 1 * 
roa$ anberS. Ob ber Seltmeife eine greube fjätte, unter 
atfjciftifdjen Sflenfdpfreffern ju mofmen, im Vertrauen: er 
werbe biefelben mit feiner ^fjüofopfn'c unb (£tf)if ju etroa£ 
iöefferm befefjren, baS ift offene Jrage. (ix meint: 

„SBenn mir ermägen, ba& e§ für baS (gelingen ber ®lauben3* 
etnimpfung mefentliä) ift bafe fie im aarten ®mbe3alter geiebebe; 
fo mirb un§ ba§ SJJtfftonSmefen nidjt mebr blofj als ber ©ipfel 
men|d)lid)er Bubringlicbfeit, 5lrrogana unb Smpertinena, fonbern 
audj atö abmrb eric|einen, fo roeit nämlicb, aU e3 fid) nidjt auf 
Golfer befebränft, bie noeb im Buftanbe ber ®inbbeit finb, mie 
etma Hottentotten, Gaffern, Sübfeeinfulaner unb bergletdjen, mo 
e$ bem^emöfi aueb mirfüd) (Erfolg gehabt bat; mä'brenb b.ingegen 
in Snbien Sie Sbraljmancn bie Vorträge ber SJctffionarien mit 
berabtaffenbem beifälligem Öäcbeln, ober mit 5ld)feljucfen ermibern 
unb überhaupt unter biefem ißolfe, ber beememften ®etegenbeit 
ungeaebtet, bie $Befebrung§oerfud)e ber TOfftonarien burdjgängig 
Q efrf)eitert finb." II, 351.) 

„SBenn ber ®aifer Oon (£f)ina ober ber $önig öon <5iam unb 
anbere afiatifdje SWouarcben europätfeben !tDcäd)ten bie (£rlaubnifc, 
SDcifftonäre in ibre Öänber ju fenben, ertbeiten, fo finb fie ganj 
unb gar befugt, e8 nur unter ber Söebincmng m tbun, bafe fie eben 
fo Diele bvibbtja ift ifdje $riefter, mit gjetdjen ^ed)ten, in ba$ be* 
treffenbe europäifebe 2anb fc^iefen bürren; mo$u fie natürüd) folebe 
maplen mürben, bie in ber jebe§maligen europäifeben ©pradje 
oorber moblunterricbtet finb. 3)a mürben mir einen intereffanten 
SBettftreit bor ?lugen baben unb feben, mer am meiften ausrichtet." 
(». 4 240.) — 

<3d)openl)auer meint f)ier fieser, er (jabe einen bialeftifa) 
fefjr fcblagenben ©egenfafc in biefer gorberung auSgef proben. 
Stuf biefen ^ergleidj fönnte eine cfyrtftlidje Regierung moljl ein* 
geben, bie ebinefifdjen unb bubbbifttfdjen ^iffionare mürben auf 



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be3 Seltroetj'ert (Sdjopenftauer. 293 

einige £age einen 2öea)fel in bie gewöhnlichen Unterhaltungen 
einer ®roßftabt bringen. 

$)ie ^nfidt)tcn unb banalen (Schimpfereien über bie ginftermfj 
be3 Mittelalters finb fo ooll ber gehäffigften UngereaV 
tigfett unb eines wahrhaft blöben UnoerftanbeS, baß 
wir btefclben (befonberS in unfercr Qtit, in welcher bie 
beutung beS (^rogfapitals gegen bie ifolirten, in feiner ®enoffen- 
fcbaftSoerbinbung ftef)enben Arbeiter bie £eute auf ganj anbere 
Ansichten über ba* oerfelmtte Mittelalter gebraut Ijat) olme 
weitere Verlegung bem £efer twrfübren fönnen. (£r fagt: 

„Vergleicht man baS Alterlbum mit bem barauf folgernden 
Mittelalter, etwa ba§ Beitalter bes $ericle§ mit bem 14. Sabr= 
bunbert, fo glaubt man faum in beiben biefelbe Art öon Seien 
toor fid) ju haben. Dort bie idjönfte Entfaltung ber Humanität, 
Dortreff liebe ©taatSetnriebtungen, weife ©efefce, flug uertbeilte 
Magiftraturen , üernünftig geregelte Freiheit iämmtlicber fünfte 
nebft ^ßoefie unb ^Bbilofophte, unb babet ba§ Sehen burcb bie 
ebelfte ©efetligfeit üerfcbönert; l)ier hingegen bie Beit, ba bie $ircbe 
bie (Setfter unb bie (bemalt bie ßetber gefeifeit hatte, bnmit bitter 
unb Pfaffen ihrem gemeinfamen Öafttbiere, bem britten ©taube, 
bie ganse Söürbe be£ Sebent auflegen fonnten. 3>a finbet man 
^auftredgt, fjeubali£mu§ unb ganattömuS im engen Söunbe, unb 
in ihrem ÖJetolge gräuliche Unwiffenbeit unb ©eifteSfinfternifc, ihr 
entfprecbenbe Sntolerans, ©lauben§$wifte, 9teligion3friege, ®reu^ 
$üge, ^efeerOerfolgungen, Snauifitionen; al§ gorm ber (SefeHigfeit 
aber ba§ au§ 9tobbeit unb ©ecferet sufamraengeflicfte ftiitterroefen 
mit feinen pebantifdj auSgebilbeten unb in ein Suftem gebrachten 
grafcen, mit begrabirenbem Aberglauben unb affenwürbiger 2Beiber= 
t-enerattou." II, 373 fg.) 

„$a§ ritterliche ©brenprincip, feineSwegS ein urfprünglicbeg, 
in ber menfdjlicbcn 9?atur gegrünbeteS, ift ein ®inb jener Beit, 
wo bie häufte geübter waren, als bie ®öpfe, unb bie $faffen bie' 
Vernunft in Letten hielten, be§ belobten Mittelalter^ unb feines 
9tittertbum§. $>amal§ lie§ man für Tief) ben lieben ©ort nicht 
nur forgen, fonbern auch urtheilen. demnach mürben fchroierige 
tHechtSfäde burch Orbalien ober ©otteäurtbeile entfctjiebeu , bte, 
mit wenigen Aufnahmen, in Broetfämpfen beftanben. Unb hierauf 
ging ba§ DueÖmefen berbor." I, 402.) 

„3m Mittelalter, biefem Millennium ber SHobbeit unb Un* 
wiffentjeit, florirten bie Söärte, ein Beieben ber ^Barbarei." 
(% I, 190. Söergl. $art.) „Die Reibung be§ Mittelalter^, gegen 
bie ber Alten gehalten, ift geichmacflo§, barbarifch unb wiber- 
. wärtig." flj. II, 171.) 

Ü)a3 ift fo bie Manier, wie ein ^btlifter auf ber 53ierbanf 
nach bem 8. Prügel über $rictf)entl)um unb Mittelalter philo- 



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21)4 Äuiffologie unb $fiffologi< 

fop^trt. Dag ba$ gan^e griedjtfa^e <3*aatSmefen auf ber bie 
3D?cnfd)f)ctt entmürbigenben ©daueret gebaut mar, ba$ ignorirt 
bcr SBclttrctfc ; baft naa? 3erftörung bcr mittelalterhajen 3ünfte 
imb ®enoffenfdjaften bie ©daueret be£ Kapitals auftauet ba£ 
ignorirt er aud) ; bafc bie auSgefogenen, vertretenen ©clacen be3 
(^roftfapitals bie gefcbloffene Macbt bc3 Mittelalters gegen bie 
graufamen fernen unb gegen bie Sölutfauger be3 armen Mannes 
berbeimünfdjen, ba3 ignorirt er aud), nur um in feinem sunt 
Sölöbfinn gefteigerten §a§ gegen bas ßfyriftentbum , meldjeS er 
in bem Söort ^faffentfyum oerftanben fjaben mitt, lo^ulaffen. 
Diefe SButl^Diatribe gegen ba3 Mittelalter ift einer ber oer* 
ädjtlidrften 5lu£brüdje be$ Seltweifen, mit Verleugnung aller 
fnftorifcf)en Sfjatfadjen unb einer abficbtlidjen (£3famotirung ber 
mirflieben, faftifdjen 3"f^«^- 

117. #etne üloral entljäit kein fallen. Pent Pulke kann 
öUeranäbtaß (uon tueaen $injernnö ber (Belbkafle) jöorat 
in geltflifln beiaebrarfjt roerben. Päd (Berne unb geniöbnltifce 
&ijnfe. (Dffeubttruna nnr für Ätnber. £djan mieber (Statte. 

Sie fict) ber <ßf)ilofop() bie Moral oorftellt, unb roaS au* 
biefer Moral für eine (^runblage be$ i*eben3 im <&taate ge* 
nommen werben tonnte, baS mag ftd) ber tfefer felbft 3uredjt- 
legen. 

„$)er 3roecf ber Moral al3 SSiffenfctjaft ift nierjt, anaugeben, 
roie bie Menid&en Rubeln i ollen. SBtelmefor bat fie e3 mit bem 
mir! liefen Jpanbeln ber Menden au tbun unb l)at ben gmecfV 
bie in moralifrfjer föinftebt bocfcft oerfefnebene £>anblung8roeite ber 
Menfdben ju beuten, $u erflären, unb auf ibren legten ÖJrunb 
äurücfaufübren. 3)aljer bleibt jur s iluffinbung be§ 5 unoament ^ 
ber Moral fein anberer 2Seg, als ber empirifebe, nämlid) ju unter= 
fudjen, ob e§ überhaupt ftanblunsen gibt, benen mir eckten, 
moraltcben SBertb auerfennen müffen, — roelcrje3 bie ftanb* 
lungen freiwilliger ©ereebtigfeit, reiner Menschenliebe unb roirf* 
liefen (£belmutf)3 fein merben. $)iefe ftnb fobann al£ ein gegebenem 
^bänomen 511 betrauten, n>eu$e3 mir richtig au erflären, b. I). 
auf feine mabren ©rünbe aurüefsufübren , mitbin bie iebenfalte 
etßentbümlicfje $riebfeber naefourneifen baben, meldte ben Menden 
m föanblungen biefer, bon jeber anbern fperinfcf) r»erfd)iebeneu 
VXrt bewegt. $>iefe $riebfeber, nebft ber (Empfänglidtfett für fie, 
mirb ber Tefcte <&runb ber Moralität unb bie ®enntnife berfelben 
ba§ Sunbament ber Moral fein, hingegen eine (Sonftruction 
a priori, eine abfolute ©eiefcgebung für alle vernünftige SSefen 



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be$ SBeltroetfen «Schopenhauer. 295 

in abstracto entbaltenb, au liefern, fann mcf)t $lufg,abe ber (Stbif 
fein." ((£. 195.) „Die SWoral bat e§ mit bem mirf Itcben föanbeln 
be§ SWenfcben unb nicbt mit apriorücbem ®artenbäuferbau ju tbun, 
an beffen Örrgebniffe ftc^ im ©rnft unb Drange be£.2eben§ fein 
SMenfcf) festen mürbe, beren SBirfnng baber, bem ©türm ber 
Öeibenfcbaften geaenüber, fo biet fein mürbe, mie bie einer $lt)ftter* 
fprifee bei einer geuerSbrunft" ((£. 143.) 

Die dmftlidje Floxal fann ber SBeltmeife ntdjt brausen. 
Dafür bat er moljl ben glänsenbften s £cmei3 in fetner ^rarte 
geliefert; felbftoerftänbltd) fonnte er in ber Dljeorte au3 ©djo* 
nunc] für feine (£bre nidjt jurütfbleiben. ßr meint: 

„Dem Sßolfe mirb bie SJtoral burcb Geologie begrünbet als 
auSgefprodjener Söttle <&otte£. Öterotfj läfjt ficb feine mirffamere 
Söegrüubung ber Floxal beuten, als bie tr)eoIoaüct)e , benn mer 
mürbe fo oermeffen fein, ftdj bem SBitten be§ TOmäcbtigen unb 
Mmiffenben ju miberfefcen? (Bemife 9£temanb ; menn nur berfelbe 
auf eine gans autbentifcbe, unbe^meifelbare, fo *u fagen, officielle 
Söeife oerfünbigt märe. s 2lber biefe Söebingung ift e§, bie ftcf) nicfet 
erfüllen läfjt. föierju fommt nocf) bie ©rfenntnifc, bafe ein blofe 
burdj angebrobte ©träfe unb oerbeifjene Söelobnung bemirfteS 
moralifcbeS föanbeln im ($runbe auf (£goi3mu$ berubt, alfo fein 
moralifcbeS märe. 93ottenb§ aber feit ®ant§ jerftörenber ßrittt 
ber fpecttlatiöen Geologie ift meniger als je an eine $8egrünbuug 
ber etbif burcb Dbeologie ju bcnfcn." ((£. 111 fg.) 

,,©ott nun aber einmal bie iJNoral burcb ein mi)tbifcbe§ Dogma 
a,eftüfct merben, mie bod) ftebt ba ba§ ber SWetempftjcbofe über 
iebem anberen!" 

©cbopenbauer fefct ber ct)rtftUcr)en 2)coral feine Tl oral 
entgegen, bte er auf ba$ s JD2itleib begrünbet. 

„Die moralifcbe $riebfeber mufj fcblecbterbing§, mie jebcS ben 
SBiUen bemegenbe äRotiti, eine ficb bon felbft anfünbigenbe, be§-- 
balb pofitib mirfenbe, folglich reale fein; unb ba für ben SWenicben 
nur ba3 ©mpirifdje, ober bocf) aU mögltcbermeife empirifcf) bor* 
banben 93orau§gefefete Realität bat; fo mufe bie moralifcbe irieb^ 
feber in ber $b«t eine empirifcbe fein unb als folcbe ungerufen 
Tief) anfünbigen, an ttn3 fommen, obne auf unfer fragen banacb 
3U marten, bon felbft auf un§ einbringen, unb bie§ mit foleber 
(bemalt, bafc fie bie entgegenftefjenben , riefenftarfeu , egoiftifeben 
9Jiotibc menigftenä möglicbermeife überminben fann." ((£. 143.) 
„Dteier gorberung entfpriebt atteiit ba$ ättitleib." 

@l)e mir biefeS oom 9)?ttleib$centrum mirfenbe 9J?oralfö,ftem 
in feiner gerabemeg£ lädjerltdjen Uubaltbarfeit betrauten, motten 
mir bod) früher bemerfen, baß ber $ube ©ptno^a ba§ Ottitletb 
gerabemegs verurteilt, baß fomit ©djopenljauer bor ©pmoja 
nod) ma* oorauS f>at. 



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296 Äniffologie mtt> ^ftffotogie 



©ptitoja fagt im 50. Öefjrfafc be$ 4. £t)etle$ feiner ^t^tf : 

„TOtleib ift bei einem SOJenfcftcn , ber nad& ber ßeitungber 
Vernunft lebt, an nnb für fidj fdjlecbt unb unnüfc. $)enn 
9J?itIeib ift Unluft, unb baber an unb für fid) fc§(ed)t. 
35a§ ©ute aber, ba§ au§ ibm folgt, ba§ U)ir nämlich ben bemit= 
leibeten Sföenidjen Don feinem Seib au befreien finden, fucfjen mir 
nadj bem blo&en ©ebot ber Vernunft su tbun, unb nur Don bem, 
maS mir nadj bem ©ebot ber Vernunft tfjun, fönnen mir gemife 
roiffen, bafe es gut ift. $)aber ift Sflitleib bei einem en. 
ber nacb.bem ©ebote ber Vernunft lebt, an unb für fid) fcbledjt 
unb unnüfc." - „£uerau3 folgt, bafc ber 9J?enfd), meld) er 
nad) ber Leitung ber Vernunft lebt, fo öiel al§ mög = 
ltdj 5it bemirfen ftrebt, bafe er niebt öon 9flitleib er- 
griffen merbe!" 

$)a$ ift ja eine gan$ allerliebfte $ubeumoran ! 9Jad) biefer 
9)2oral fyaben ber jübifdie ^ßriefter unb ber tfeüit ganj 9iedjt 
gehabt, ate biefelben an bem .^alberfdjlagenen bei Qeri^o 
(£ueaS X, 33) mttleibloS vorübergingen, fie maren eben bie 
Vernünftigen, unb ber oon 9ftitleib gerührte ©ama^ 
rttan, ber bem Ceibenben $u Reifen fudjte, ba$ ift ber unoer = 
nünftige £>ummfopf gemefen. 2Bie biefe 3W ora 1 be3 pantbeiftif d)eu 
^uben (Spinoza mit ber üftorat ber ortboboren Xahnubjuben 
gteidjlautenb ift, ba$ finbet fidt) in ben talmubifdjen ®efeften, 
oon (Stfer berauSgegeben, unb oon ben preupifa^en (^eric^ten 
gegen bie (Sinrebe oon Rabbinern als cdjte unb mafjre Heb er * 
feftung anerfannt. 1 ) Söetradjten mir nun bie Oftitleibstfyeorie 
unfereS Seltmeifen ! 

tiefer <8ornirtbeit be$ Söelnneifen läßt ftd> bureb ein argu- 
mentum ad hominem entgegen treten. Webmen mir an, ein 
Liener ober eine üftagb bitte ben <Sa>penf)auer um einige 
Imnbert (Bulben betrogen — mit biefem feljr begüterten unb 
babei aber amb fcr)r groben ®ef eilen ein 9ftitleib toegeu 
biefer paar bunbert (Bulben fjaben, ba$ märe ein reiner 
Unfinn. — $>a$ üttorio be$ Triette märe fomit fjier gan$ 
unhaltbar unb oon einer flieftitution ber oeruntreuten (Summe 
feine föebe; unb fola^e gälle ließen fid) 31t fmnberten anführen, 
in benen baS 9)?itlcib als SöafiS ber 9D?oral ein unbrauchbar 



0 „$er ^uetnfpieget im fiepte ber 2öar>rf>cit." 8on Dr. ^acob 
(fgejer. ^afcer&om, 1884, ©omfaciuSbrucferet. 



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DeS SBcftroetfen @a)openfauer. 297 

üttöbel, fein ®runb, fonbern ein Slbgrunb ift!! btefer SBcife 
arbeitet ber Sß^tlofop^ an feiner neuen SOloral fort unb fort. 
§ätte ihm eine Regierung eine SöefferungSanftalt für Sträflinge 
al§ 33erfuchSftatton fwt feine 9ttitleibSmoral übertragen, er 
mürbe biefeS Anerbieten mit |>ohn als eine Söeleibigung jurücf- 
gemtefen Ijabm, unb gmar in ber VorauSficbt einer foloffalen 
Blamage! ©eine üftoral fjat ja nad) feinem eigenen ®eftä'Tü> 
ntffe fein ©oll. 

$n einem fort wirb ber ®egenfa$ bes (Genies gegen bte 
gewöhnlichen töfcfe mit ber größten ©attSfaftion unb bem 53e= 
mufttfein feines ungewöhnlichen Kopfes bemiefen, inbem er wieber - 
holt baS ©hrenfletb beS (Genies aus feiner p$tfofop$tfdt)ai 
iröbelbube bem Öefet gur Verehrung oor^eigt. 

„Me Sonnen nimmt bic (Steiftlofigfeit an, um fteft babintev 
au oerfteefen; fte oerbütlt fict) in ©cbmulft, in Söombaft, in ben 
jton ber Uebeilegenbeit unb SBornebmigfeit; nur an bie 9?aioetät 
mad)t fte fiel) niebt, meil fie bier foglcid) blofe fteben unb blofec 
(Sinfältigfeit $u SKarfte bringen mürbe. <5elbft ber gute Sopf 
bnrf nod) nietjt naio fein; ba er trotten unb mager erfrfjcinen 
mürbe. $aber bleibt bie Sftaiüetät baS ßbrenfleib beS 
(SenieS, mie Wacft&eit baS ber ©cbönbeit." H, 58:3.) 

5£ie gefa})oinb er ben Offenbarungsglauben abthun null, 
unb mie eS bei ihm ftets auf bie Verherrlichung feiner Offen- 
barung herausgeht! 

„SJer ift nur nod) ein profceS $inb, Welver im (Srnft benfen 
fann, bafe jemals SBeien, bte feine ÜEHenkben maren, unferm ®e- 
idt)lect)t Äuficblüffe über fein unb ber SSclt Xafein unb Bwecf 
gegeben bätten. (£S gibt feine anbere Offenbarung, als bie ©e= 
banfen ber SSeifen. ^nfofern ift eS alw einerlei, ob (Einer im 
Söerlafj auf eigene, ooer auf frembe ÖJebanfen, lebt unb ftirbt; 
benn immer ftnb eS nur menfcblicbe Ötebanfen, benen er üertraut, 
unb menfcblidjeS 53ebünfen. Sebocf) baben bic 9tfenfd)en in ber 
Siegel bie 8cbmäd)e, lieber Slnbern, meldje übernatürliche Cuellen 
oorgeben, als iljrem eigenen Sopfe äu trauen, gaffen mir nun 
aber bie fo überaus grofce intetteftneUe llngleicbbeit jmifeben TOeufdt) 
unb Sftenfd) tnS 2luge, fo f bunten allenfalls mobl bie ©ebanfen 
beS (Einen bem Slnbern gemiff ermafjen als Offenbarungen gelten." 

II, 387.) 

$)aS hetfit bod) fytx, mit ber p^tlofop^tfdt)cit ©djiebtruhe 
bem £efer über bie 9tafe fahren. 5llfo feht — meine 
Ctfebanfen (unb ich bin bod) ber meifefte aller SBeifen), bie fönneu 
(£uch fchon als Offenbarung gelten! 



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298 Sntffologte imfa «Pfiffotogie 

118. UHfbcr baö e hrlliaftr cTIjcma. Dir Ufliur ttia frfjlane <£rfro= 
betritt rinea ICaßfrö befttmlMöt. tJntrtottsmns. Urltji btr JJfafff n. 
iH« Uftfftßkctt. Jlfttfdrtret, Shtpbißm t. Urftmmg btr Ubüüfüplrt*. 
Jftdft*. Ptr JJöbtl. La canaille. Ilarttrtbnlc. ttrttgelfUnfe. 

Sir fönnen nidjt umbin, bie Betrachtungen «Schopenhauers 
über eines ber efelfjafteften haftet mieberfjolt §u erwähnen 1 ); e3 
danbelt fidj um ein Beikel, uue biefer ©eltmeife in feinem 
Ötij^enttw^n fieb oft in bie lädjerlicfrften Siberforücbe oerrennt 
nnb, wenn er bann auf feinen Unfinn aufmerffam gemalt nrirb, 
mit ©ntlabung be$ (SdjtmpflertfonS feinen 9iücfaug antritt. @r 
bringt eine Söfling be$ Problems ber ^äberaftie tüte folgt: 

„£>aS Problem ber s £äberaftie. 2ln fiel) fetbft betrachtet 
fteEt bie ^äberaftie fid) bar al§ 'eine nidjt blo§ mibernatürlicbe. 
fonbern aud) im böcbften ©rabe mibermärttge unb ^Xbfccjen er^ 
regenbe SDconftrofttät, eine £>anblung, auf melcbe allein eine böttig 
perberfe, üerfdrjrobene unb entartete "äRenfcbennatur irgenb einmal 
hatte geratben fönnen, unb bie fiel) böcbften^ in gan$ oereinaetten 
Säßen roieberbolt bätte. Söenben mir nun aber un§ an bie Gr- 
fahrung, fo finben mir ba§ ©egentbeit fueroon. 2Str leben nämlich 
biefeS Safter, trofc feiner ^Ibfctjeulidjfett, au allen Seiten unb in 
allen Säubern ber 2Belt, ubllig im ©cbmange unb in häufiger 
$lu»übung. £iefe gänaltcbe OTgemetnbeit unb bebarrücbe IlnauS* 
rottbarfeit be3 auer)t nur al§ irregeleiteter ^nftintt erfebetnenben 
Safter§ bemeift, Da& baäfelbe trgenbroie au£ ber menfd)Ucben 9tatur 
feloft berborgebt, ba e§ nur au» Metern ®runbe leberjeit unb 
überall unauSMeibüd) auftreten fann. Dafe nun aber etmaö fo 
oon (Srunb aud 9?aturmibrige§ au§ ber Üiatur felbft berüorgeben 
fodte, ift ein Problem, ba§ berßöiung bebarf." (333.11,642-644.) 

„Söfung be§ Problem §. S)ie Beugung im Hilter ber ab- 
fterbenben SOfanne^fraft mürbe ichmacbe, ftumpfe, fteche, elenbe 
unb furj lebenbe Stfcenfchen in bie Söelt fefcen. 9c*un liegt aber 
ber 9catur nichts fo febr am &eraen, mie bie ©rbaltung ber ©PecteS 
unb ibreS eebten $npu3, moau moblbefcbaffene, tüchtige, fräftige 
^nbtotbuen ba§ SRittel ftnb. $a fte bodj aber, ihrem (SJrunbfafee 
natura non facit saltus aufolge, bie Samenabfonberung beS StKanneS 
ntctjt ptökltd) einteilen tonnte, fonbern aueb bier, mie bei iebem 
s 2lbfterben, allmähliche $)eterioratton öorbergeben mufcte; fo fab fte 
fid), um ihren au erreichen , genötigt, ibr beliebtes Sßerf* 
aeug, ben ^nftintt, in ibr ^ntereffe au aieoen, melcheS nun aber 
bier nur babureb gegeben tonnte, bafe fte ibn irre leitete. 5)ic 
päberaftifebe Steigung fübrt (^letcbgülttgfeit aegen bie SSeiber mit 
ftcb, metebe mebr unb mebr zunimmt, aur vlbneigung mtrb unb 
enbtich bi§ jum Sötbermiuen anmäcbft. ®te 9?atur erreicht alfo 



l ) @icbc 9h". 92, ©. 211. 



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te3 Seltroeifen <&d)optnt)anuc. 299 

baburcf), bafe, ie mehr im Üttanne bie BeugungSfraft abnimmt, 
befto entfdjiebener jene in ibernatürliche Sichtung berfelben mirb, 
ihren eigentlichen 3toecf. 2)em entfprechenb finben mir bie s ^8äberaftie 
burchgänajg als ein Safter alter Männer. SBäfjrenb alfo bie 
s #äberaftie ben Beeden ber 9iatur gerabe entgegen$uroirten fcheint, 
mufc fie bielmehr eben biefen 3n)ecfen, roiemohl mir mittelbar, 
bienen, als $lbn>enbung größerer Uebel. 3>ie in fjolge ihrer eigenen 
©efe&e in bie (£nge getriebene s Jiatur griff mtttelft Söerfehrung 
beS SnftinftS 51t einem Dcothbebelf, einem ^trategem, um bon 
sroeien Uebeln bem größeren ju entgegen. «Sie bat nämlich ben 
richtigen 3tnecf im $luge, unglücftidjen Fügungen oorsubeugen, 
meiere allmählich bie ganae SpecteS beprauiren tonnten, unb ba 
fie baS eigentlich 9JioraÜfct>e bei ihrem treiben nicht in Slnkhlag 
bringt, fo ift fie nicht icrupulüS in ber 2Bahl ber Littel." (SB. n, 
618. 644-648.) 

furios! pr einen pcrfönüct)cn ©Ott als Schöpfer unb 
Otcgicrer ber Seit finbet Schopenhauer tu biefer Seit fein 
2luSnahmSftübchen. £>afür ift aber eine nadjbenfenbe, fpintt; 
ftrenbe, fct)r fcfjlaue Statur ba (aber mo beim?), welcher ntct)t^ fo 
fe^r am ^er^en liegt, als bie (£rf)altung, ber SpeäeS unb tt)rc^ 
edjten £t)puS (u. f. m. wie oben), unb biefe raffinirte 9catur- 
p^ilofop^ie erreicht burdj (Srfinbung eines efelfjaften ÖafterS 
ihren Qtvtdl $)enn biefe fonft bumme ®anS oon SeibSbilb 
„ift nict)t ffruoulös in ber Sahl ihrer Littel". (£s 
ift ftcr)cr ein efelfjafteS Xtyma, toir fönnen es aber nicht um* 
gehen, benn ber Seltroetfe gerirt fich babei gerabe fo, als ob 
er jum Söefmfe ber (Srlangung eines &hrftur)(s an ber Unioerfität 
SU Soboma eine §abilitationSoorlefung abhalten wollte. — 
Söefanntlta) ^atte Schopenhauer auch im liberalften tfager fefjr 
oiele fcharfe (Gegner prooocirt, unb §ttwtt weitaus mehr, als 
bureb feine peffimifttfehe $$ttofop§te — burch feinen maßlofen 
§oa)muth, feinen ©rögenmahn unb fein brutales genehmen gegem 
über ben geringfügigen Siberfprüd)en. Senn er nun gar $u 
fühlbar megen feiner paraboren ©emeblifte bombarbirt mürbe, 
fuchte er loieber ein wenig einbleuten. £)te angeführte 33cr= 
theibigung beS befprochenen SafterS ijattc ihm oiel btttern Spott 
eingetragen, ber fogar in eine giftige Spifte gegen feine eigene 
^erfönlichfeit ausgelaufen. 

(£r erflärte nun anbermärts bie SBermerflichfett biefeS tfafters 
(in ^arerga II, 340 unb &tf)il 128) nrie folgt: 

„$>er roahre unb le^te ®runb ber $ermerflicbfeit 
ber ^äberaftie. £er roabre, lefcte, tief metapböftiebe ©runb 



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300 



tniffologte unfc ^fiffotogie 



ber SBertoerflidtfett ber ^äberaftie ift biefer, bafe, roäbrenb bcr 
SBitte *um Sehen fic& barin bejaht, bie golge foldjer ^Bejahung, 
roelctje ben 2öeg sur (Erlöfuncj offen bält, alfo bie Erneuerung beS 
SebenS gänalicg abgctänitten ift." (SB. Ii, 648 fg.) „Sitte nriber* 
natürlichen ®efälect)tsbefriebigungen ftnb berbammltd), meil burd) 
fic bem triebe roitlfabren, alto ber Söitte Aum Seben bejaht trürb, 
bie 93ropagation aber megrällr, roelcfce bod) allein bie 9ftöglichfeit 
ber SBernetnung be§ SBittenS offen erhält." 

£)urch biefe Umfe^r auf ebenem SBege r)ättc nun (Schopen- 
hauer bie „ s Jiatur, ber ntd)ts fo fct)r am ^erjen liegt, ttrie bie 
Erhaltung ber ©pecieS", unb „bie nicht ffrupulb'S in ber SSafjl 
ihrer 2J?ittel ift". außerorbcntltch blamtrt, wenn biefe 9tatur in 
bcr %f)at eine ^Serfon märe, bie fid) aflerhanb feine ^ßlänc mact/t, 
Me (SpccteS ju erhalten, unb bie biefe ^3läne bei ben Bipedes 
(ämeibeintge £hierc, SDtafdjen genannt) auf fo fdjlaue Slrt 
ourchauführeu weiß. 

Sflvm ftecft aber hinter biefer 9latnr nur ber ©eltmetfe, 
ber ihr feine $hefen biftirt unb in ben üttunb legt, lote er 
felbe eben braucht; es ift baS ganjc Vorgeben ber SBünfche, 
„welche ber 9Jatur fo fcr)r am ^er^en liegen", ein purer 
$niff (Schopenhauers, tme er ja felber eiugefteht, baß ein ®enie 
allerhanb kniffe erfinbcn müffe. freilich ift ibm biefer fniff 
fehr mißlungen, er fucht benfelben burd) einige kniffe, bie er in 
ethifche (Spinnweben einhüllt, wieber gut gu machen, was 
freilich eine fehr oergebltche 9ttühe ift. 

Sährenb nun ber S&eltweife anberwärts immer für bie 
Erhabenheit ber ^atur^njecfe ftreitet ober minbeftenS bie mehr 
bebcnfliche als nachbenfliche Sdilauljeit biefer 9ktur rühmt, 
meldje „(Strategeme in Anmenbung bringt, bie ihrem 3wecfe 
;w miberfprechen fcheinen, um größere Uebel absuwenben", ficht 
ftch ber SBeltweife hier oeranlaßt, bie Schlauheit unb bie <Stra- 
tegeme biefer miferablen Statur ju oerwerfen unb biefelbigc 
9latur „bcr 23erlcftung bcr ®ered)rigfeit" au^uf lagen. 

©eine Slpoftel fliegen fid) über Anführungen eflatanten Uli* 
finnS aus ben ©djriften ihres 3)leiftcrS mit ber SluSfludjt 51t 
helfen, man müffe ihn gang fennen, 211 leS gelefen fyabcn, um 
ihn recht 31t oerftehen! s9hm fragen mir aber: SCBas ift baS 
für eine Siffenfchaft ober (beim bie $$ttofop$te ift ja nach ihm 
eine &unft) was für eine $unft, bie ihre eigenen Äunftgebtlbe 



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be# Seltroeifen ©cfcopenfjauer. 301 

unter fitfi juerft imb bann jebeS audj mit ber So gif unb 
bcn $)enfgefefcen in unlösbare SBiberfprüdje oeruntfelt? 

£)ie (Ittelfeit unb SBerltcbtljeit in fein ®enie finb fo mädjtig, 
baß er Ellies unb $ebeS, mas er $um ®egenftanbe feines <Spin- 
tiftrenS maa)t, am (£nbe auf fein liebes $ dj surütffüfjrt, überall 
muß fein ©ubject bie Hauptrolle fpielen. So 3. 53. in einer 
&bf>anblung über ben Patriotismus: 

,/Eer^ Patriotismus, menn er im 9Reidje ber 2Biffenid)aften 
ftdj geltenb machen mitl , ift ein fdjmufciger ©efclle, ben man 
binauSroerfen foH. <2)enn maS fann impertinenter fein, als ba, wo 
baS rein unb allgemein SRenidjlicfce betrieben mirb unb mo SBal)r~ 
beit, SHarbeit unb <8cf)önbeit allein gelten füllen, feine SBorliebe 
für bie Nation, melier bie eigene roertfje perfon gerabe angehört, 
in bie Söagfcbale legen ju motten unb nun, auS folcber 9iütffid)t, 
balb ber Sßabrbeit ©eroalt an^utbun, balb gegen bie grofeen ©eifter 
frember Nationen ungerecht ju fein, um bie geringen ber eigenen 
berauSjuftreicfcen." (% II, 523. 2K. 177 fg.) 

9lls ob es bie einzige unb größte aller Aufgaben märe, nur 
ja ben großen ®eiftern geregt $u werben, ds gibt ja aber 
nad) feiner £ef)re nur (Einen großen ($eift, beim roenn 
bie ganje £f)eologie caput ift (mie er es fjofft), fo fommen bie 
*Pf)ilofopljen ans $3rett; menn aber bann alle ^fnlofopfjen (bie 
er als ©djroinbler unb 3>ummföpfe be$eidjnet) audj caput merben f 
bann gibt es nur (Stiten großen ($eift, baS ift er, ber 
^tfiopenljauer : „$u mir müffen fie fommen — id; fjabe 
bie Söafjrfjeit entbetft!" 

Der SleruS als 23erfünber beS perfönltdjen (Rottes unb ber 
Stföfutig burd) (£$nftu£ bringt ben Söeltroeifen immer in eine 
berartige SButfy, baß er fidj berfelben nid)t anberS, als bura) 
©djimpfroorte 311 entlebigen roeiß unb ^aM immer mit £ift 
unb SBolfsbetrug Ijerumroirft. <5o 3. 53.: 

„$)aS ©rwibgebeimnifc unb bie Urlift aller Pfaffen auf ber 
gangen (Erbe unb au allen Seiten, mögen fie bra&mamfdje ober 
mobammebaniicfje, bubbbatftifc&e ober d)rtftlicf)e fein, 1 ) ift 3olgenbeS. 
©ie bflben bie gro&e Starte unb Unoertilgbarfett beS metapbt)» 
ftfc^en SBebürmiffeS beS SKeufAen richtig erfannt unb roobl gefaßt ; 
nun geben fie bor, bie SÖefriebigung beSfelben *u befifeen, inbem 



*) ©r fc^t bie c^riftlidicn Pfaffen fc^r fctyau aukfct, obroobl nur btefen 
ftetö fein ^ngrimin gilt ; bie braljmanifdjen, mofjammebanifdjen unb bubbfjU 
fttfdjen machen tf)m fia)cv feine Strupel, felbe follen nur al§ £rtarier feinen 
eigentlichen $a§ gegen ba$ (£rmfienu?um becfen. 



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302 Ifrtiffologte unfc ^ftffologte 

ba$ SSort beä grofeen föät&fetö tönen auf aufcerorbentlidjem 2öege 
birect jugefornmen tüärc £ie§ nun ben SRenfdjen einmal ein* 
gercbet, tonnen ftc folebe leiten unb be&erricfcen nad) fteraenSluft. 
sßon ben 9?egcnten geben baljev bie flügeren eine 2ltlian$ mit 
ifmen ein ; bie nnbern werben felbft t»on Urnen be^errfc^t." n, 
387 fg.) 

„$)er £>a& ber Pfaffen gegen bie SUiagie gebt au§ einer buntein 
9U)nung unb SBeforgni§ beroor, bafe bie 9)fagie bie Urfraft an 
ibre richtige Quelle surücf »erlege, roäfjrenb bie $ird)e ifjr eine 
(Stelle aufcerbalb ber 9?atur angeroiefen bfltte." (9t. 127.) 

„3)ie Pfaffen unb ibre (Metten motten niefct leiben, bafe im 
©Dftem ber Boologie ber 9J?enfd) ju ben Xfjieren gerechnet roerbe ; 
bie Gflenben! roelaje ben eroigen ©eift berfennen, ber in allen 
Siefen lebt, ©iner unb berfelbe, unb in iljrem finbifefien Söa^n 
fieb an ifjnen üerfünbigen." OT. 467. II, 402.) 

SaS ift es benn aber, 

Staut ben Seltroeifen ber citnge Ctfeift 
$n einer giftigen (Solange beißt; 
«Benn Sanken ifjm fein Söett oerftinfeu 
Unb gierig an feinem SBlute trinfen; 
Senn ifjn ein Alligator fdjlutft 
Unb ntdit retour tn$ Saffer fpueft; 
Senn eine §n)äne ifjn jerfe^t 
Unb fid) an feinem 53lute le$t; 
Senn tr)n ein Q3är ju 53oben fdjlägt, 
$n bem ber en/ge ®eift ficr) regt? 
3erfleifd)t ifjn aud? be* ÜigerS >Ja$n — 
£>at c$ ber „ero'ge ©eift" getrau; 
Zermalmt ein £üroe fein Gebein, 
s Mu$ er bem „Reifte" banfbar fein, 
„$)er ja in allen Sefen lebt". — 
Sie ber (Gebaute nur ergebt! 
$t)r Pfaffen „mit bem finbifdien Safjn", 
£)ürt mid), ben größten Seifen, an, 
t)cr bie 9Jatur ooll 8tft belaufet — 
Unb bodj fo großen Unfinn plaufdjt! 

Senn <Sd)openfymer in feine atfjetftifdje Sutf) hineingerät^, 
berfängt er fidj oft berartig in feinen gnrngefptnnften, baj? es 
nia^t ber äflübe roertf) ift, ifm ernftltcr) 3U roiberlegen, unb e$ 
boüfommen genügt, feine paraboren Sut|au$brüdjc im Immo* 
riftifa^en £id)te emaufdjauen. 



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fceS gBeftroeifen Schopenhauer. 303 

Mitunter mad)t aber ber 3Bcitmcifc (ehr beacbtcn^mertlje 
®eftänbntffe über bie $ftfftgfett unb oon ihm felbft eingeftanbene 
fniffologie. ($eftänbniffe, bte gang präeftti^ auf ifm, auf feine 
^fiffigfeit paffen, wenn er burd) $robf)eit, ©dumpfen feinen 
&fer 31t verblüffen fudjt, um über benfelben feine ©uperiorität 
3u erlangen, ©o 3. 53. 206: 

&W ©d)openf)auer über ^fufdjer unb Sßf ufdjcret , unb 
befonbers über abfurbe unb febr oft unreblidje (^rfinber oon 
^ilofcp^emen fagt, wollte er felbftoerftänbltd) nid)t auf fid) 
felbft angemenbet »iffen, inbem er fid) ja in einemfort ate ben 
einzigen, magren, eckten $erfünbtger ber einigen, luafjren unb 
ea)tcn ^fjilofopfrie ausgegeben f)at. Sir fttmmcu feinen (#e; 
banfeu über ^fufcfyerei oollfommen bei, unb jmar nod) tüel mefjr, 
als er e$ felber tiüinfdjen fonntc. 

Mt ^fufeber finb e$ im legten ©runbe babureb, bafe ibr 
SnteUeft, bem SSiUen nod) ju feft oerbunben, nur unter beffeu 
s ilnfporuung in :£bätigfeit gerätb unb baber eben ganj in beffen 
Dienfte bleibt. Sie finb bem^uiolge feiner anbern, aß perfönlicber 
■Stoerfe fäbig. liefen gemäfj febaffen fie fd)lecbte ®emälbe, geift- 
lofe (Sebicbte,. feiebte, abturbe, iebr oft nuef) unreblicbe ^biloiopbeme. 
$W ibr £bun unb Siebten ift alfo perfünlicb. £aber gelingt e£ 
ibnen böcbften§, fieb ba* 3leufjere, 3ufädige unb beliebige frember, 
echter SBerfe al§ Lanier anauciQnen, roo fte bann, ftatt oe£ ®ern$, 
bie ©djale raffen, jeooeb bermeinen, $We§ erreicht, ja, jene über- 
treffen *u baben." (28. II, 437 ; I, 278.) „<£tn miUfürlicbeS ©pielen 
mit ben SOiitteln ber ftuuft, obne eigentliche ftenntnifj bes 3n)erf3, 
ift in jeber ber (Srunbcbarafter ber ^mfeberei. (Sin folebeS seigt 
fid) in ben niebtS tragenben ©tüfcen, ben jmerfloien Voluten, 
^aufebungen unb SSorfprüngen fcfyecbter 2lrcbiteftur, in ben nidjtS* 
fagenben Saufen unb Figuren, nebft bem jroecflofen ßärm fd)lecbter 
Sffitftf, im SHingflang ber 9teimc ftnnarmer ®ebid)te u. f. m." 
(2B. II, 464. 472.) 

Die göttliche Offenbarung uürb mit einem muß in jiuei 
feilen 00m SBeltmeifen abgetan: 

„9tof Offenbarungen wirb in ber ^bilofopbie nicbtS gegeben, 
baljer ein ^büofopb bor allen fingen ein Ungläubiger fein 
mui" (SSv #orrebe, X. Slnmerfung.) 

9htn erflärt aber ©ebopenfjauer oft genug feine ^Ijtlo* 
fopfjie fünftlid) (beim bie ^tjilofopfjie ift ja fünft unb ntd)t 
SÖiffenfajaft) als bie einzige, edjte unb roafyre Offenbarung ber 
SBaljrfyeit, — nur biefer feiner Offenbarung gegenüber 
ba foll bie ganjeSelt unb alle <pi)ilof opfyen aud; nod) 



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304 Äntffologie unb ^ßfiffologie 

ba$u ftreng gläubig werben, ba r)etj3t e$ bei ifjm: „$a, 
93auer, bas ift etwas 2lnbere3 !" äoftbar finb feine ©d&lufc 
folgerungen, fo qitct) r)ier. Querft rumpelt er ben Sefer mit 
einer 53 e Häuptling an: 9faf Offenbarung wirb in ber $fjüo* 
fopfyte nidjts gegeben, unb auf bie Häuptling fn'n fommt gleta) 
bie ©djfogfolgerung: £af)er ein ^bilofopfj oor allen fingen 
ein Ungläubiger fein mug! 

©elbft bei ©eftwtmung be£ UnterfdnebeS gwtfdjen ben ^Inlo* 
foppen unb ©opfjiften fjolt fidj ber Seitweife feine SStlber au3 
ben merftoürbigen, oon ifjm felbft rüf)iulicb geoffenbarten (£r~ 
fafjrungen, bie er fict) im (Miete feiner äftetapfjpfif ber 
®efdjled)t$liebe gefammelt fjat; aua? l)ier fommt wieber eine 
afute föranffjeit, fem unoerraudjbarer $orn über bie angeftellten 
«JSrofefforen ber ^Ijilofopfjie giim SBorfcfjetn, bie er of)tte Unterlag 
als bejahte §eud)(er, ja noa) garter, als greubenmäbajen er* 
HM 

„$5a§ ®elbt>erbienen mit ber ^bilofopfue war unb blieb bei 
ben Gilten ba3 Stterfmal, meldjeä ben Sopbtften öom ^bilofopben 
unterfebieb. $a3 S3erbältnif$ ber ©opbiften }U ben ^mlofopgen 
war bemnad) gan$ analog bem 3m if eben ben 2Rä beben, bie 
fid) au£ Siebe bingegeben baben, unb ben bejablten 
Ofreubenmäbcben. 3)iefe uralte Slnficbt bat ibren guten ÖJrunb 
unb berubt barauf, bafc bie ^b'lofopbie gar Piele Serübrung^ 
punfte mit bem Seben, bem öffentlichen f wie bem ber ©tnselnen 
bat; me^balb, wenn (Erwerb bamit getrieben wirb, aläbalb bie 
^tbfiebt ba$ Uebergemiebt über bie (ginficfjt erhält unb au$ angeb* 
lieben ^bilofopben blofe ^ßara fiten ber Jßb.Uofopbie werben; foldje 
aber werben bem SEBirfen ber eckten $f)ilofopben bemmenb unb 
feinblicb entgegentreten, ia fidb gegen fte oerfebmören, um nur, 
ma§ ibre <5acbe förbert, jur (Geltung ju bringen." 1, 166 bi§ 
169, II, 462, SB. II, 178.) 

©3 enthält aua) biefer Vorwurf, ber bem ge^äffigen, fdjimpf* 
feiigen, alle anberen 'pilofopfjen als erbärmliche 3ötcr)te be= 
fjanbelnben (Sfjarafter ©djopenfjauerS entfpringt, eine große Un= 
mafjrf)eit, benn e3 fjaben ja gerabe, wie fa>n wieberljolt bewerft, 
audj mele Regierungen in ifjrer Sßerblenbung atr)eifttf ct)e ^ro^ 
fefforen angeftellt, unb bie folgen be$ SltfjeiSmuS, ob biefer 
nun oerfdjleiert ober enthüllt auftritt, finb in 53e$ief)ung auf 
bie ®runblage ber ©taatengebäube bod) bie gleiten. 9cad)bem 
nun oiele ^rofefforen ber ^fnlofopljie ju bem gleiten föefultate 
bes 9ltfjei3mu3 fjinfüfjrten unb biefe ^rofefforen oon ben 8te 
gierungen angeftellt morben finb, fo fjätte ja ©ebopenfjauer aU 



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be<S Seitweifen Schopenhauer. 



305 



eifriger 33erfunber unb Verbreiter be3 s #tf)ei3mu§ fefjr 3ufrieben 
fein fönnen, wenn e3 ifmt nur um bie ©aaje be£ $ltljei$mu3 gu 
tfnm gemefen märe ; aber aud) l)ier fjanbelt e3 fid) bei tfjm, nrie 
bei Willem unb $Ulem, um feine ^erfon, um feinen (SgotemuS, 
um feinen 2ltf)ei3mu3; er erflärt fomit audj afle anberen 
atfjeiftifdjen (Glaubens* unb t^ciftifct)cn Unglaubenäoerfünber als 
be^a^Ite £>eud)ler, bie. ni<$t auf bem regten SÖege finb, nur er 
ift ber einzige, ber oon ber 92atur ober bem ©djitffal, ober ber 

^otfymenbigfeit, ober bem 3 u f a ^ ( oenn m ^ °^ c f cn nac ^ ^ m 
in§ tfeben eingreifenben 9)cäd)ten ajangirt er nad) SBebarf nrie 
ein Xfjeatcrmeifter, ber balb biefe, balb jene (Souliffe oorfdjicbt 
unb Sottinen fjerunterrollen lägt, tote er e§ eben §u ber ftatt- 
finbenben $omöbie brausen fann) fjtngeftellte pljilofopfyifcfye 
^eua^tttjurm, ber afle auf bem ftürmtfdjen £eben3meerc Ijerum^ 
jegelnben ^loeiflcr in ba$ 2a nb ber 33ersroeiflung einlabct 
unb Ijerbeilocft, nrie biefeS £anb im 3. Canto be3 Inferno oon 
Dante gef Gilbert ift 

©djopenfjauer ift ber größte (£goift, ben bie (£rbe je ge* 
tragen, ber boajmütljigfte unb intolerantefte aller SBeltioetfen, 
ben bie ®efd)id)te ber ^ilofopfn'e aufeumeifen tjat, benn berfelbe 
befdjulbigt afle <ßfjtlofopf)en, meldje über ben ®runb ber SBelt 
nadjforfdjen, in ber Kngft, baß biefe bodj auf ben (#ebanfen 
etne3 <5d)öpfer3 unb $egierer3 ber Seit fommen fönnten, at§ 
(Sgoiftcn. (£r fefet fid) an (Sottet ©teile, er ift bie ed)te 
Offenbarung, erber einzige Sßerfünber ber SEBafjrljeit 

§)ören mir üjn: 

„Der $rieb su pfjiloiopbiren , ber iebr allgemein in ber 
SKenfdföeit ift ber felbft be§ SHobeften ftä) bemächtigt, fommt nid)t 
etma ba&er, bafe ber 90cenfd) fic& ergaben Ü6er bie 9catur füblt, 
bafe fein <$eift ibn in (Sphären böserer $lrt, au$ ber ©nblidjreit 
in bie Unenblidjfeit siebt, ba§ ^rbifcfce i&m nid)t genügt n. bat m. 
Der gafl ift fetten, ©onbern e§ fommt baber, bafe ber TOenfc^ 
mitteilt ber Söefonnenbett, bie il)m bie Vernunft gibt, ba§ Stöifelidje 
feiner Sage einfielt, unb e§ Ujm fehlest gefällt, fein Daiein al$ 
ganj precair unb foroobl in ipmfi^t auf beffen Anfang, al§ beffen 
(£nbe, flanj bem Sutatl unterworfen au fefjen, noeb baju eS auf 
ieben gall «13 äufeerft furj anrifefcen jroei unenblicben Seiten ju 
finben, ferner feine $erfon all öerfd)minbenb flein im unenblid)en 
fliaume unb unter jabllofen SBefen. Diefelbe Vernunft, bie ißn 
treibt, für bie Bufunft in feinem ßeben ju forgen, treibt ibn audj, 
über bie Bufunft naä) feinem fieben ftd) ©orge ju machen. @r 

93 r niincr, Ärttffotofltc unb ^flffolofltc. 20 



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306 Äniffologte unb Wff^ogtc 

münfcht ba§ 51H $u begreifen, ^auptföd^üc^ um fein SSerbältnife ju 
btefemTO au erfennen. ©ein äRotto ift hierin, tote meiften§, 
egoifttfch." 

Stach (Schopenhauer foll fomit bt? ^Uofop^te cjar fein 
föedjt ^aben (et geftattet e$ ihr nicht, benn ba$ märe ja ($e- 
merbeftörung tu feinem ©efajäft be§ SlthetömuS), über Urfadje 
uub 3mecf ber Seit nad^ubenfen. 9iach feinem ©Aftern barf 
ber ^P^ilofopr) gar nicht fragen : moher unb mo$u ift bie Seit ? 
benn in biefer Jrage fieht er fa>n einen Angriff auf fein 
©Aftern unb einen Umftura be^felben, nur mas in ber begriff- 
lid)en Seit ba ift, barf nad) ihm ein ®egenftanb ber ytyiQ- 
fopf)ic fein. 

$)arum fagt er aua? gan$ entfdneoen: 

„'Die cc^te pbilofopbifche SbetrachtungSroeife ber Seit, b. h- 
biejenige, roelche un3 ihr inneres Sefen erfennen lehrt unb fo 
über bie (£rfcheinung hinausführt, ift gerabe bie, welche nicht nad) 
bem Sober unb Sobin unb Sarum, fonbern immer unb überall 
nur nach bem SaS ber Seit fragt, b. b- melcbe bie $)inge nicht 
nach irgenb einer Delation, nicht nach einer ber (Steftalten be§ 
©afceS Dorn ($mnbe betrachtet; fonbern umacfcbrt gerabe 3)a8, 
ma§ nach 2lu8fonberung biefer ganzen SÖetrachtungSart noch übrig 
bleibt, ba§ in allen Delationen erfrfjeinenbe, felbft aber ihnen nictjt 
untermorfene, immer ftcb aleictje Scfen ber Seit, bie 3been 
berfelben, jum ©egenftanb bat." (S. I, 322 fg.) 

„Die 93bilofopl)ie foll immanent fein unb nicht fich berftetgen 
ju übermeltticben fingen, fonbern fich barauf befcjuränfen, bie 
gegebene Seit öon ©runb au§ au berfteben ; biefe gibt ©toff genug." 
(% II, 94.) 

„^Bbilofopbie ift eigentlich ba§ SBeftreben, burd) bie SBorftetlung 
binburch $a§ ju erfennen, mag nicht SBorftellung ift unb bod) 
auch in un3 felbft ju finbeu fein mufc, fonft mir blofee SBorftettungen 
mären." (£. 338.) 

üflerfmürbig ift, mie er fich felbft oor bem tarnen „®ott" 
fürchtet unb bemfelben aus bem Sege geht, fo in S. II., 269: 

„$ie ^hilofophie ift mefentlich SeltmetSbeit. ihr Problem ift 
bie Seit, mit biefer allein hat fte eSju thun unb läfct bie (Sötter 
in Duhe, ermartet aber auch bafür, auch bon ihnen in Sftube ge* 
laffen ju merben." 

9tor in biefen paar Qtikn ift mieber ein ganzer Knäuel 
oon^chopenhauerfchen gügen (Äniffc nennt er es) enthalten, 
benn 1. gibt es feine (Götter; 2. fomit fönnen bie (Götter 
burch bie "ȧ^Uofo^cn auch ntct)t beunruhigt merben; 3. es 



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• be$ ©ctttüctfcn ©cfropenfauer. 



307 



tonnen fomit (Götter bie ^ilofopf?en audj nidjt in iljrer föulje 
ftören, unb ift fomit 4. ber ffiunfdj, bie Götter f ollen bte 
^Ijilofopfjen in föulje laffen, ein gang unnötiger nnb baljer audj 
unfinniger 3Bunfd». Sollten aber Stpoftel <5cfjopenl)auer§ 
eimoenben, Götter ift In' er nur für ©Ott gefegt, fo ernribem 
wir gang logifdb: 5. ©ajopenfyauer fjat ©ott niajt in 
ffiulje gel äffen, fenbern iljm (als pljilofopfyifajer $au8fytl 
be3 SBeltallS) bie Sofjnung aufgefünbigt unb ben üöetoete 
^u führen gefugt, baß im ©eltafl für einen tranScenbenteu 
©Ott fein ^la^ fein fönne, unb 6. baß bie Seit ebenfoioenig 
einen (Sdjöpfer brauet, als 7. ber Seltioeife, ber fidj bie Seit 
bura? feine SeiSfyeit guredjtlegen will, einen (5a?öpfer nötljig 
bat. 8. Senn nun ber ^fjilofopf) meint, bie ©ötter füllten ifjn 
ebenfo in föufje laffen, mie er bie ©ötter in s Diube gelaffen t)at f 
fo ift 9. biefer Sunfdj auf einer oerlogenen 33orau§fe$ung 
bafirt unb fann fomit gar ntebt erfüllt werben. — 1)ie 33erant= 
wortlidjfeit be§ ©Ott oerleugncnben SDtafdjengeifteS oor ©Ott 
ift burdj einen in $recf$eit gufammengcftoppelten Äntff nia)t 
aufgehoben. 

©eine 'pbilofoplne ift für bie ©Ute, für bie Seifen, für bie 
großen, eblen, erhabenen ©eifter, alle anbere ^ilofopljie ift für 
baS blöbe $olf, für ben „gelehrten *ßleb£", für bie Marren, 
©o erflärt er e$ beutlidj in einem ©egenfaft gttrifdjen oulgärer 
unb höherer ^btlofopljie. 

„Segen ber grofeen tnteUeftueKen 93erid)iebenbeit ber Wengen 
pafet ttiebt (Sine ^bilofopbie für 5We, fonbern eine jebe jiebt, 
naefe ©efefcen ber SBnbtoermanbtfcfcaft, bagjentge ^ublifum an fieb, 
beffeit SBilbuug unb (SteifteSfräften Ue angemeffen ift. $)aber gibt 
e3 aUe^eit eine niebrige (Scbulmetapbuftf, für ben gelehrten s #leb£, 
unb eine bösere, für bie (Slite. äRufcte bod) j. $8. aud) ®ant§ 
bofjeßebre erft für bte ©djulen berabgejogen unb Oerborben werben 
burd) ftrteS, ®rug, <galat unb äbnltdje £eute." ($.11, 363 fg. 
<£>• 303 fg.) 

„$)a& biefelOe ^bilofopbie für Marren unb SBeife taugen folle, 
ift eine unbiüigejjorberuug, angefeben, baß bie inteÜeftueHe SSer- 
fdjiebenbeit ber 9Jcenid)en fo grofe ift mie bie moralifdje, unb ba§ 
will öiel fagen." 304 fg.) 

(Sidj oon bem bummen SBolf nur redjt braftifa? ju unter- 
f Reiben, fidj auf bie fyödjfte ,§öl)e fjinaufeufdjwinbeln, um mit 
SBeraajtung auf ben „armen *ßleb3" berabfeljen $u fönnen, ba$ 
madjt bem Seltmeifen immer ein großem ^laifir: 

20* 



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308 Äniffologic unb Wffotogie 

„Xer grofee ftaufe ift blofcer ^3öbel r mob, rabble, la Canaille." 
(2B. II, 161.) „SJcacbiaüelli bemerft richtig: Nel mondo non 6 
ee non volgo (eg gibt nichts $nbcreS auf ber SBelt, als SBuIguS), 
unb $bilo (über ben 9tubm) bemerft, bafj sunt grofeen Raufen 
gewöhnlich (Einer mehr gehört, als ^eber glaubt." (SS. II, 446 fg.) 
„(Einige ©enieS baben bie übrigen Sjcenfchen, mit ihren eintönigen 
^btifioßnomieen unb bem Durchgängigen (Gepräge ber MUtäglicbteit, 
nicht für SReufcben anerfennen motten; benn fie fanben in ihnen 
nicbt ihres (bleichen unb gerietben in ben natürlichen Srctyum, 
baß ihre eigene Jöefdjaffenljeit bie normale märe. £$n biefem 
(Sinne iudjte Diogenes mit ber Laterne nach ätfenfchen; — ber 
geniale ßobeletb fagt: «unter Eaufenb habe ich einen äftenfcbeu 
gefunben, aber fein SBeib unter allen biefen"; - <&ractan be* 
zeichnet fte febr treffenb als hombres que no lo son (SKenfcben, 
bie feine ftnb), unb ber Sfural fagt: „$5aS gemeine S3olf 
üebt auS mie SÜcenfcben: (StmaS biefen (Gleiches habe 
ich nie gefeben." 0*. 32. % II, 87. 863.) 

„$)aS jäbe geftbalten an gemiffen SSorurtbetlen, SBabnbegriffen, 
Sitten, Gebräuchen unb Reibungen fommt baber, bafe ber grofee 
.^aufe gar menig benft, meil ibm 3cit unb Uebung biesu mangelt. 
&o aber bemabrt er amar feine ^rrtbümer gar lange, ift bagegen 
aber auch nicht, mie bie gelebrte SBelt, eine SBetterfafjne ber ge- 
fammten SBinbrofe täglich mecbfelnber Meinungen. Unb bieS ift 
ferjr glücflicb; benn bie grofee icbmcre SWaffe ficb in fo rafcber 
©emegung Doraufietten, ift ein fcbrccflicber ©ebanfe, aumal menn 
mau babei ermägt, roaS MeS fte bei ibren SBenbungen fortreiten 
unb umftofeen mürbe." 1$. II, 65.) 

(ES ift gerabemegS fomtfcb, mie ber große Söeltmeife ficfy 
gerabe am 3 ernten ($ebot mit feinen Prallen feftfjält; mer 
biefeS übertritt, mer be£ 9?ädjfteit ®ut unb §abe nic^t refpef? 
tirt, für ben gibt es feine ©träfe, bie groß genug märe, — er 
muß minbeftens rührig Durchgeprügelt werben. Äuf ben Scfmfe 
feiner Äaffe ift er immer außerorbentltd) bebaut gemefen, ba 
r)at er feinen ©paß oerftanben. ©elbft ein menig Religion unb 
($orteSgIaube unb (Gottesfurcht fyat er in biefem Jalle aller* 
gnäbigft geftattet, nur baß bie §eiltgfeit beS (Eigenthums nicht 
entheiligt merbe. UebrigenS nur barauf losgeprügelt! ©0 fagt er: 

„@S ift au mißbilligen ,. bafj Regierungen unb gefefcgebenbe 
Körper bem bummen SBorurtheile beS ritterlichen (EbrenprinctpS 
aegen Schläge baburdj SBorfdjub leiften, bafj fte mit (Eifer auf 
^Ibftettung aller SjSrügelftrafen beim (£ibil unb Militär bringen. 
Sie glauben babei im ^ntereffe ber Humanität au tjnnbeln; mäb- 
renb gerabe baS ©egentbeil ber $aU ift, inbem fte babureb an 
ber $3efeftigung ieneS mtbernatürlichen unb beittofen SSabneS ar= 
beiten. 53ei allen Vergebungen, mit SluSnahme ber fehroerften, 



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fceS Seltweifen ©cbopenfaucr. 



301) 



finb Prügel bie bem 9Renf$en äuerft einfallenbe, baher 
bie natürliche SBeftrafung. 2Ser für ©rünbe n ictj t 
empfänglich mar, roirb eS für Prügel fein; imb bafe 
3)er, melctjer am (Sigentbum, roeit er feines bat, nicht geftraft 
merben fann, imb ben man an ber Xxztyzit, meil man feiner 
$)ienfte bebarf, nictjt ohne eigenen 9^act)tr)cil ftrafen fann, burch 
mäfeige Prügel geftraft roerbe, ift io billig, tuie natürlich." I, 
408 fg.) 

2Benn bei ben armen Staffeln, meldje bte Söeftfeenben im 
Ueberflufe fchtoelgen fer)cn f bte SBeltaufchauung biefes Wfofophen 
grüßte trägt, bie tfjn fdjäbigen, ba ift es auf einmal aus 
mit feiner Humanität unb mit feinem Sftoralprincip, bas 
rein nur im Üttit leib beftel)eu feil, ba ift er auch mit feinem 
ÜJcitletb £ii (Snbe. Mut feft barauf losgeprügelt, — mer 
bie Drtfjoborie feiner „Gifernen" (faffe) antaftet, ber foll für 
Prügel empfänglid) fein. 

$n bem gehalten an ber ftaffe, an bem ©efifc 
felbft mit aller ®raufamfeit, §ärte unb Unerbittlichfeit, nacfibem 
alle cmberen (Gebote (Gottes in bie föumpelfammer geworfen 
finb, mamfeftirt fich bie echte lieber tr acht unb (Gemeinheit 
feiner atheifttfdjen ^^ilofop^ic! — ^nbem ber atljeiftifche 
Sßeltmeife ben armen Anhängern feiner i'ehre, bie ihm in 
ber Wutymtoenbimg feinet SnftemS gar nicht gefallen wollen, 
bie <Prügelftrafe bictirt, hat er im eigentlichen (Sinne fein 
eigene^ duftem unb fich felber baju gechvfeigt. 

119. Jlas ilublikum fall nur PJ*rkf mtntger fluserroäblten l*ren. 
Religion für bttS iUilh. (br l'rMirijr ©rbnuttfl anHj nljnr Udintuu. (!) 
ilemoröliftruna. burdj Keligion. (!) Poö GTIjrtftMttljnm abßtftarbüti. 
Jfelam, ÖrnlTminsmitit . gtabbbatdtnus mti uanügüdjer. ihiljm, 
l\n\)m unb Hrtrljrnljm Irin etnnats §HuMum itrijrift unb 
$xttMtt«t. (grforbernife ?ur Unfhrblidjkeit. Perth 

£dbftrajüimna. 

pr bas $olf mill er fcr)on mieber Religion ; wenn er an 
bie unausbleiblichen $öirfungen feiner ißbilofophie auf baS $olf 
benft, ba jieht er augenblicflich bie ftolsgeblähten (Segel feines 
<3nftemfchiffeS ein unb flüchtet in ben &afen ber Religion. (Sr 
hat Kngft oor bem Sturm. $)ann ift er fo oorftchttg unb 
gnäbig, bem $olfe Religion ( ut belaffen. Die „Wahrheit" 
(bas heißt, was er für Wahrheit ausgibt) ift nur für bie 



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310 Ämffologie unb ^fiffologie 

Söefi^enben, bei bcn armen Ücuf ein müßte ja feine „SÖafjr- 
beit" ein ®ift werben. $n Wefem @inne pfjilofopfnrt er über 
Religion: 

„$)ie Religionen ftnb toie bie Sewfttnmrmer; fie bebürfen ber 
Dunfelbeit, um ju leuchten. (Sin aeiuiffcr ©rab allgemeiner Un* 
roiffenbeit ift bie ©ebingung aller Religionen, ift ba§ (Clement, in 
meinem allem fie leben tonnen, ©obalb hingegen 9lftronomte, 
Raturroiffenfcbaft, ©eologie, <$efd)icbte, Sänber- unb SBölferfunbe 
ibr Siebt allgemein berbreiten unb enblicji gar bie ^bilofopbie junt 
SBorte fommen barf, ba mufc ieber auf Söunber unb Offenbarung, 
geftüfcte ©laube untergeben, roorauf bann bie $büoioübie feinen 
$lafe einnimmt." II, 309-371.) 

„$>af$ bie (Jimlifation unter ben ebriftlicben 5Sölfevn am böcbften 
ftefjt, liegt nidjt baran, bafc ba§ (£briftentbum ibr günftig, fonoern 
baran, ba| e§ abgeftorben ift unb roenig (Sinflui mebr bat; ii> 
lange e3 ibn f^attt, mar bie (jtüilifation roeit aurücf, im Littel* 
alter." — „hingegen baben i^Sfom, 93rabmai§mu§ unb Üöubbbatö* 
mu§ noeb burajgreifenben ©tnflufe auf§ fieben; in (£b.ina nodj am 
meuigften, baber bie (Siöilifatton ber europäifeben aiemlicb gleich 
fommt. Sitte Religion ftebt im SlntagoniSmuS mit ber Qtmtux." 
423 fg.) 

„Religionen ftnb bem S3olfe notbroenbig unb ftnb ibm eine 
unfebäkbare SBobltbat. Söenn fie ieborf) ben ftortfdbritten ber 
SDienfcbbeit in ber Grrfenntnife ber SBafjr&ett fiep entgegenjteßen 
motten, fo müffen fie mit möglicbfter ©Tönung bei ©eite gehoben 
Werbest. Unb au Verlangen, bafc fogar ein großer ©etft — ein 
©bofefpeare, ein ©oetbe — bie Dogmen trgenb einer Religion 
bona fide et sensu proprio ju feiner llebergeugung macbe, ift tote 
oerlangen, ba& ein Riefe ben (sdjub eine§ 3^erge§ ansiebe." 
m. II» 185.) 

„3Die (Sutbanaiie ber Religion. SSenn, roie ju boffen 
ift, bie Sftenfcbbeit bereinft auf ben jjhmft ber Reife unb Söilbung 
gelangen mirb, roo fie bie roabre Sßbilofopbie einerseits beröors 
anbringen unb anbererfeit§ aufeunebmen oermag, bann roirb bie 
Söabrbeit in einfacber unb fafjlicber ©eftalt bie Religion öon bem 
^ßlatje berunterftofeen , ben fie fo lange öifarirenb eingenommen, 
aber eben baburd) jener offen gebalten f)atte. $)ann toirb bie 
Religion ibren Söeruf erfüllt unb ibre $8abn burcblaufen baben; 
fie fann bann ba§ bi§ sur Wünbigfeit geleitete ®efcbled)t entlaffen, 
felbft aber in trieben babinfebeiben. 3>a§ mirb Sie Gättbanafie 
ber Religion fem." («. II, 361.) 

$)tefe StuSlaffungeu oerbienen eine fleine 23eleucbtung. 

1. £)ie Religion ift ein Öeucbttfmrm, ber nur im £)unfeln 
leudjtet. 

2. £)er Sioütfation ift ba$ (S$rtftent$um niajt günftig. 

3. Qm Mittelalter gab e$ fefjr roenig (Siotlifation. 



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fccS SBcttrocifen ®<$opmf}auer. 



311 



4. $er 3$lam, SrafjmaiätnuS, 93ubbf)at§mu£ haben jefct 
nodj einen burchgreifenben ©nfluß auf ba$ £eben. 

5. Religion ftef)t ber (£ultur entgegen, aber 

6. bie üReligion ift bem 3$olfe notfjwenbig unb eine SEßo^lt^at. 

7. %ix mit Schonung barf fie bei (Seite gehoben werben. 
$)er iHiefe <Sbafefpeare bat aber ben Schuf) be3 ßwergeä ooa ) 
angezogen unb nicht weggeworfen! 

8. 3Me wahre (felbftöerftänblich bie <Sd)openbauerfche) tyfylQ* 
foppte wirb bie Religion erfefeen. Diefe ^^ilofop^ie wirb ber 
£ob (bie (Sutbanafie) ber Religion fein. 

Wut auf ben ßnbfcbluft (jat ber Seitweife in feiner $er= 
frreuung r)tcr wieber oergeffen. Senn feine ^fnfofopfjie Safjr* 
^ eit ift f wanun fie bem Stfolfe oorentfjalten? Sarum ba£ 
33olf tauften? Sarum ba3 SBolf, wenn bei biefem bie notfj* 
wenbigen folgen berScfjopenfjauerei burchbrechen, prügeln? 
Sarum in ba$ 33olf htneinfdneßen? Sarum hat ber Seit* 
weife 1849 bem Offizier feinen guten Operngucfer geliehen, baft 
er erft reebt in bie Schufte unb (Sanatllen (Zeichnungen 
vSdjopenhauerS in biefem grafle) fnneinfeuern fannV 

$)a$ ift ja burcbwegS eine ihre nothwenbigen (Sonfeqitenjen 
oerleugnenbe, infame (Gaunerei: „bie Üieligion bleibe al£ eine 
Xäufdjung fürs $3olf, ba§ es feinen Jammer in ®ebulb ertrage". 

$)er Atheismus für bie $ebübeten, b. fj- Befifcenben, baft 
fie ungenirt unb ungehemmt burdj mittelalterliche SÖfärchen fich 
bem oollften £eben$genuf$ überlaffen fönnen. Das ift bod) ein 
freoelbaftes Spiel. (£r oerfiinbet im freefeften ^wdjmuth feine 
^fnlofopljie als bie einzige Sahrfjeit, unb wir fet)en ihn, einen 
erbärmlichen, feigen Std)t, oor ben (£onfec|uen^en feiner ^^ito- 
fopfne in ftuxdjt unb XobeSangft beben unb gittern. 

Wort) fein &utox auf biefer Seit fyat fo offen unb naa> 
faltig über feinen föufjm nachgebaut unb fo rütffid)tSoo(l über 
ben Serth unb bie (^röße feine« s JhihmeS geschrieben wie 
(Schopenhauer. 

Sir bringen fax eine föeilje feiner Betrachtungen über bie 
®rö§e unb Unoerlierbarfeit beS (b. h- nur feinet) fthifnneS: 

„$)er föubm beruht eigentlich auf 'Dem, ma8 (Siner im öer* 
gleich mit ben Uebrigen ift. Xemnacfi ift er weientlidj ein SRela* 
tibeS, fann ba&er auch nur relattben Sßertb haben. @r fiele aan* 
weg, wenn bie Uebrigen würben, wa§ ber (berühmte ift. Wollten 



« 



3 1 2 äiüffologte unb ^ftff otogie 

SSkrtb tonn nur $)a§ haben, ma§ ihn unter allen Umftänben 
behält, alfo hier, ma£ (Siner unmittelbar unb für ftch felbft ift ; 
folglich mu§ bierin ber SÖcrtf) unb ba3 (Slücf be§ grofeen §erjen§ 
unb be§ grofeen Sfopfeö liegen. Wo nicht ber Stubm, fonbern 
3>a§, rooburch man ihn uerfcient, ift ba§ SBertboolIe. 3)enn e§ 
ift gleicbfam bie <3ubftan$ unb ber 9tM)m nur ba3 $lcctben§ ber 
8ad)e." ( s 43. 1, 422.) „3n eubämonologifcbcr &inftcbt ift ber s Jiubm 
nichts tueiter, als ber feltenfte unb föftlicbfte SBiffen für unferen 
<Stolj unb unfere ©telfeit." I, 423.) 2>a unftreitiQ ber 9hif)m 
nur baS ©ecunbäre ift, ba§ blofe (Sdjo, Mbbilb, ©chatten, ©umptom 
beä 23erbienfte£, unb ba jebenfaHS ba§ ©enmnberte mehr SBertb 
haben mufe, al§ bie ©emunberuna, fo fann ba§ eigentlich ©e= 
glücfenbe nicht im SRubme liegen, lonbern in Xem, rooburch man 
ifm erlangt, alfo im ©erbienfte felbft, ober, genauer $u reben, in 
ber ©eftnnuna unb ben gätjigfeiten, au£ benen e§ beroorging." 
W. I, 424. SB. II, 440.) 

„Unberlierbarfeit be$ eckten DtubmS. ©o ferner e* 
ift, ben föubm $u erlangen, fo leicht ift e§, it)n ju behalten. 3)er 
9hibm fann eigentlich nie oerloren geben; beim bie Sjjat, ober 
ba§ SBerf, burcb bie er erlangt roorben, fteben für immer feft, unb 
ber 9tubm berfelben bleibt ibrem Urheber, aucb roenn er feinen 
neuen hinzufügt. SBenn jebocb ber SHubm roirfticb oerfliugt, roenn 
er überlebt roirb, fo mar er unecht, b. f). unüerbient, burcb augen= 
blicfücbe Ueberfcbä&ung entftanben, roo nicht gar burcb absichtliche* 
SluSpoiaunen." I, 421 fg.; II, 498.) 

„$)er unöerbiente, fcbnelle unb f alf che 9ftub m. ©eint 
falfcben, b. t. unberbienten SHubm, ift ba3 ©erounberte ber ©e^ 
rounberung nicht roertb- ©ein SÖeftfcer mufs an ihm sebren, obne 
$)a£, roooon berfelbe ba§ ©nmptom, ber blofje 9lbglanj fein fotte, 
roirtlicb $u haben, tiefer $ubm muft ihm oft berleibet roerben, 
roenn biSroeilen trofc aller au§ ber (Eigenliebe entfpringenben 
©elbfttäufcbung ibm auf ber foöbe, für bie er nicht geeignet ift, 
bocb fcbminbelt, ober ibm m äKutge roirb, al§ märe er ein fupferner 
$)ucaten; mo bann bie s 2lngft oor (Sntbüllung unb oerbienter $)e* 
Tiiütbigung it)n ergreift, junta! menn er auf ben ©tirnen ber 
9ttttmenfct)en ba§ Urtt)ett ber Sftacbroelt lieft. (£r gleicht fonacb 
bem ©efifeer burcb ein falfcbeg ^eftament." I, 425.) 

„5)a nicht im 9tubme, fonbern in bem, moburd) man ihn er= 
(angt, ber Söertb liegt, unb in ber 3eugung unfterblicher ftinbec 
t>er ©enufe, fo ftnb 55ie, melche bie 9?ichtigfeit be§ 9?achrubme§ 
t>arau§ au bemeifen fuchen, ba§, mer ihn erlangt, nicht! babon 
erfährt, bem ^lügling ju Dergleichen, ber einem Spanne, melcher 
auf einen Raufen ^lufterfchalen im $ote feine§ DcacbbarS neibifche 
©liefe mirft, febr toeife bie gänaliche Unbrauchbarfeit berfelben 
tjemonftriren mottte." (SB. II, 440.) 

,.5)a3 echte, grofee ©erbienft ift im ©taube, feinen 9tuhm bei 
t>er 9cachmelt mit Sicherheit su antieipiren. 3a, mer einen mirflich 
örofjen ÖJebanfen erzeugt, mirb fchon im Slugenblicf ber ©oneeption 



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bc3 SBeltroeifeit (Stfiopenbauer. 313 

beSfetben feinet ,8ufammenbange3 mit ben fommenben ©efcbleebtem 
inne ; fo ba§ er babet bie $lu§Debnung feinet 3)afein§ bureb 3abr= 
bunberte füblt unb auf biefe Seife, roie für bie Waebfommen, fo 
aueb mit ibnen lebt." II, 510.) 

Organ, roontit man jur s JJcenfcbbeit rebet, ift allein 
bie ©ebrift, münblicb rebet man nur ju einer Slitiabl Snbiuibuen. 
Daber, roa£ fo gefagt mirb, im 33erbältnife sunt 9Jtenfcbenaefcblecbte 
tßribatfaetje bleibt. 4) ie Ambition mirb bei iebent (Schritte 
oerfälfebt; bie ©djrift allein ift bie treue $lufbemabrerin ber 
Gebanfen. 2lucb fommen bie Gebauten au mögltebfter 3)eutlicbfeit 
unb S3eftimmt()eit erft bureb bie €>ebrift; beim ber fcbriftliebe 
Vortrag ift ein mefentlieb anberer, all ber münblicbe, inbem er 
allein bte böcf)fte ^Sräcifton, ^oneifton unb prägnante ®ür$e suläfet. 
Seber tiefbenfenbe Geift bat baber baS SBebürrmfe, feine Gebauten 
bureb bie (Scbrirt feftmbalten. (£3 märe in einem genfer ein 
munberlicber Uebermutb, bie miebtigfte (£rfinbuna, be§ 9)cenfcben= 
gefcblecbtö unbenufet laffen ju motten. Sonacb mtrb e3 febmer, an 
ben eigentlicb grofeen Geift $erer 511 glauben, bie niebt gefebrieben 
baben." flS. I, 45.) 

„Um unfter blieb au fein, mufe ein 3Berf fo üiel Sreffliebfeit 
baben, bafj niebt leiebt fieb (Einer finbet, ber Tic alle fafct unb 
Kbäfct, ieboeb allezeit biefe £retf liebfeit oon tiefem, jene uon 
Jenem erfannt unb berebrt mirb, mobureb ber Strebit be§ 3öerfe£ 
fteb bureb bie 3> fl brl)imberte binbureb erbält, inbem e§ balb in 
biefem, balb m ienem (Sinne oerebrt unb nie erfdjöpft mirb. 
$>er Urbeber eine£ foldjen 2Berfe§ fann aber nur (Einer fein, ber 
niebt blo§ unter feinen 3ettgenoffen , fonbern aueb unter ben 
folgenben Generationen feinet Gleichen oergeblieb fuebt, fur$ (Einer, 
Don bem ba§ 9lrioftifebe lo fece natura. 0 poi nippe lo stampo 

roirflieb gilt." (% Ii, m fg.) 

„3u eigentlidjen Geifteäroerfen, ju Gebanfen, bie a(d folebe 
unb an fteb bauernben Söertb baben, ift ber gemöbnltcbe SWenfcb 
nie, unb bas Genie nur in feltenen Slugenblicfen fäbig. Xaber 
ift jebeS fcinfotlenbe GeifteSmerf mißlungen unb bem Untergange 
beftimmt, menn ber 2lutor nur bie normalen GeifteSfräfte batte 
unb aueb, menn er e3 al§ fortlaufenbe Arbeit febrieb, an bie er 
ging, rote er iebeS äWetl mar, fteb bmfefcenb mit bem Gebauten: 
„nun mitt ieb- fdjreiben". £enn ba febreibt er blo§ au£ ber (Er= 
innerung unb 3tuar auS einer ganj allgemeinen, oon oielen oer ; 
febiebenartigen 5lnfebauungen abftrabirten (Erinnerung; blofje SBe* 
griffe finb ibm gegenmärtig. hingegen im begeifterten Moment 
lebreibt er auS einer gegenmärtigen Slnfcbauung, einem neuen, 
frifeben SlDpercü, öor melebem ibm bie übrige Seit uerfebminbet." 
®. 470.) 

„2Ser bie meite SHeife jur 9Jaebmelt Dorbat, barf feine 
unnüfce Bagage mitfcbleöpen; benn er mufe leiebt fein, um ben 
langen ©trom ber 3eit rrinab ju febmimmen. 5öer für alle Seiten 
febreiben mitt, fei furj, bünbig, auf ba§ Sefentlicbe befebränft ; er 



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314 Jtniffofogie unb Wffofojfe 

fei 6i§ $ur $argbeit bei jeber 5$braie un ^ i eöem Sßorte bebaut, 
ob e3 nict>t qucq ju entbehren fei ; roie, mer ben Koffer aur meiten 
föeife paett, bei jeber SHeinigfeit, bie er bineinlegt, überfegt, ob er 
niefct audj fic toeglaffen tonne. XaS bat Seber, ber für alle 3eiten 
fctjrie6 r gefüblt unb getban." (£. 471 ffl.) 

üDJan möge bie ©djrtf ten fäm miliarer "ßfn'lofopfjen be£ 

ÄltertljumS, be£ ^Mittelalters unb audj ber neueften 3 eit ^ ur ^ 

forfdjeu, fo eitel, fo felbftgefällig, fo immer oon feinem ®enie, 

oon feinem Sertfj unb feinem SRufmt, oon feiner (£rf)abenfjeit 

über alle Anbeten bat noeb feiner oon feiner eigenen £>anb ge* 

fa)riebene geugniffe Ijinterlaffen, wie biefer! 1)ie (Srfenntnifc 

feinet eigenen großen Söertfjes ift immer ba$ böcbfte 3iel feiner 

(ttebanfenarbeit gemefen. ©o: 

^(Sigentlicb ift nidjt blo3 ber gröfjte, fonbern ber einzig toabre 
qetfttge ©cbmera ©efübl feines llnroertbeS; alle anbern geiftigen 
ßeiben fönnen nid)t nur geseilt r fonbern auf ber ©teile gänalicb 
aufgehoben roerben bureb ba§ rjötjere 99emufjtfetn feines SßertbeS. 
2öer oeffen reebt gemifj ift fann gan^ gelaffen fifeen unter Seiben, 
fann opne 8*eube unb obne greunbe auf ftcb ruben. <5o ein 
allmächtiger i roft ift lebbaf te (Srfenntnife be§ eigenen 
SöertbeS. Umgefebrt fann über (Srfenntni& be§ eigenen Un* 
roertfjeS nid)t3 auf ber SBelt je tröften ; blo§ üerbeefen läfjt fie fief) 
bureb $rug unb ©aufeleien, ober betäuben burrf) (Getümmel, aber 
beibeS niebt auf bie 2>auer." :346.) 

„Gnnen s #unft gibt e§ für jeben SERenfdjen oon auSgejeicbnetem 
tnnern 23ertb, su meinem gelangt er geborgen ift; biefer ^ßunft 
ift ber, too er innig unb oöHig flar teinen eigenen SBertb er- 
fennt. Unb ba SBertb immer relatiü ift, inbem bem begriff bie 
iÖebeutung beS $Bergleirf)§ roefentlid) ift; fo ift bieS sualeid) ber 
$unft roo er ben Unroertb ber Uebrigen erfennt. 9cun ift er 
aeborgen; benn bie Slnbern fönnen iljn nie mebr irreführen; ihr 
Xbun unb if)r deinen roieejt ibm iejt leidet ; er ift über alle 
Slutorität erbaben, erfennt bte heften für feine ÖteifteSbrüber unb 
bie «Menge für beftanb* unb roefenlofe ©cbatten." (Wl. 277.) 

120. Sttibftbeumnbernng vljnt <£ nbe. Heredjttater $tnl?. l^efe 
rdjänMtrfj*n Jfbilafapjjteprafeflüren. Ufabrbeit bnrdr eigenes ümb= 
benken. StKeber aufgewärmte #ttpr ei fangen bes ßnböljatsmus 
ulö ItfeUreltgtan oljne alle Hiidtftdjt anf bie £djrtften (Belehrter 

contra. 

Der ^3r)tIofopr) foll nur immer feine eigenen 33orjüge be- 
rounbem unb feinen ®to!g unerf füttert beroafjren, benn bie 
33cfct)cibcnr)eit ift eine (Jrfinbung für bie Gumpen! 



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fccS SBettwcifeu «Schopenhauer. 315 

„Stola ift nicht, wer will, fonbern böcbftenS fann, wer Witt, 
Stola affeftiren, toirb aber auS biefer wie auS ieber angenommenen 
^HoQc balb herausfallen. £enn nur bie fefte, unerschütterliche 
Ueberaeugung bon übermiegenbenSBoraügen unb befonberem SBertbe 
macht mirflich ftolj. $)iefe Ueberaeugung mag nun irrig fein ober 
auf bloß äußerlichen unb tontoentionetten SBoraügen beruhen, baS 
Ühabet Sern Stola nicht, wenn fie nur wirflieb unb ernftlicfc öor- 
hanben ift. Sßcil alfo ber Stola feine SBurael in ber Ueberaeugung 
hat, fteht er, roie ade (hfenntniß, nicht in unferer SSiafür." 
(% I, 380.) 

2Ötr fefjen, wie fchlau ber 2Öeltweife jebe Verantwortung, 
für feinen un leiblichen ^oefmtuth oon fich abjulenfen fucht, er 
will gar nichts bafür fönnen. £)ören wir ihn ferner: 

„25aS größte ftinberniß beS StolaeS unb folglich fein fchlimmfter 
geinb ift bie Sitelfeit. als» welche um ben ©eifatt Slnberer buhlt, 
um bie eigene hohe SDceinung üon ftcf) felbft Darauf au grünben, 
in roelcher bereite gnna feft au fein bie JöorauSfefcung beS StolaeS 
ift." I, 386.) 

„35er UnOerfchämtheit unb $>ummbreifiigfeit ber meiften 
aftenieben gegenüber tjjut Seber, ber irgenb welche SBoraüge hat, 
gana wohl, fte felbft im Wuge au behalten, um nicht fie gänjlich 
in Sergeffenbeit gerathen au laffen; benn roer, folche gutmüthig 
ignorirenb, mit jenen fich gerirt, als wäre er gana i^rcö bleichen, 
ben roeiben fie treuherzig bafür halten. s 2lm metften aber ift 
folcbeS Denen anauempreblen, beren *8oraüge oon ber böcbften s 2lrt, 
b. h- reale unb rein persönliche finb, ba btefe nicht roie Orben unb 
Xitel jeben Slugenblicf burch finnliche (Sinmirfung in Erinnerung 
gebracht roerben; benn fonft roerben fte oft genug baS Sus Minervain 
ejemplificirt ieben." 1, 380. 466.) 

„So fehr auch burchgängig ber Stola getabelt unb oerfchrieen 
roirb, fo ift boch au oermuthen, baß bieS hauptfächlich üon Solchen 
ausgegangen ift, bie nichts haben, worauf fie ftola fein fönnen. 
Die Xugenb ber 93ef cheibenheit ift eine erflecflicbe 
(Srfinbung für bie Sumpe." I, 380.) 

Die ^^ilofop^ieprof eff oven , roeil biefelben feine Stellung, 
nicht befürwortet haben, finb ber beftänbtge $egenftanb feinet 
Spottes unb feiner Scbmähfucht. 

„Die Unioerfitäten finb offenbar ber Joeerb alles jenen Spiels, 
welches bie Wicht mit ber ^hüofopbie treibt. 9cur mittelft ihrer 
tonnten $antS (Spocbe machenbe ßeiftungen öerbrängt roerben burch 
bie SSinbbeuteleien eines Sichte unb ihm Webnficber. 
DieS hätte nimmermehr aefchehen fönnen oor einem eigentlich 
Philofophifchen ^ublifum, b. h- einem bie ^bilofoöljie ihrer felbft 
wegen fuebenben, auS wirtlich benfenben köpfen oeftehenben $u* 
blifum. 9cur mittelft ber Unioerfitäten, oor einem auS gläubigen 
Stubenten beftehenben ^ublifum, ift ber ganae pbilofopböche 



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316 Äniffologie unb Wotogic 

(Bfanbal ber legten 50 ^a^re möglitf) gemefen. $)er ©runbirrtljum 
hiebet liegt nämlicfj barin, bafe Die ifnioerfitäten aucf) in ©adjen 
ber ^l)iIoiopf)ie baS grofee 2öort unb bie entfcbeibenbe (Stimme 
ftcb anmafcen, loeldje allenfalls ben brei obernjjacultäten jufommt. 
2)afe icboct) in ber ^SljttoToß^ie, als einer SBiffenfdjaft, bie erft 
gefunben merben foll, bie Sacbe ftcb anberS üertjält, mirb über* 
leben ; nrie aucb, bafe bei Söefefeung t»6ilofopr)if<^er Sebrftüble nicbt, 
roie bei anbern, allein bie JJärjiafeiten, fonbern nocb mebr bie 
(VJefinnungen beS Stabibaten in Söetracbt fommen." 

„OeffentlicbeSebrftüble gebübren allein ben bereits geid&affenen, 
mirflicb oorbanbenen SStffenfcbaften, roeldje man bafjer eben nur 
gelernt *u baben braucht, um fte lebren *u fönnen. 2lber eine 
jjöiffenfcbaft, bie nocb gar nictjt ejiftirt, bie il)r 43tcl nocb nicbt 
erreicht bat, ntct)t einmal ibrett SBeg ficber fennt, ja beren 9Jcog= 
liebfeit nod) bestritten wirb, eine folebe SBiffenfcbaft bureb Sßrofefforen 
lebreu ju laffen, ift eigentlicb abfurb." ($. I, 193-195.) 

(£mpf eblung ber ©infebränfung beS pr)tlofopt>ifcf)en 
UnterricbtS auf Uniöerfitäten. „(Sieljt man Don ben Staate 
.Werfen ab unb fafct bloS baS Sntereffe ber ^bilofopbie inS s üuge, 
fo muß man nriinfeben, bafe aller Unterriebt in berfelben auf 
Uniöerfitäten ftreng bejebranft roerbe auf ben ÜB ortrag ber Sog if, 
als einer abgefcbloffenen unb ftreng beweisbaren SBiffenfdjaft, unb 
auf eine gans succinctc oorsutragenbe unb burcbauS in ©inern 
Semefter üon $baleS btS Slant JU abfoloirenbe (Sefcbiebte ber 
W)ilofopbie, bamit fte in golge ibrer $ürae unb Ueberftcbtlidjfeit 
ben eigenen 2lnftct)ten beS &errn ^rofefforS möglidjft wenig Spiel- 
raum geftatte unb bloS als Seitfaben sunt fünftigen eigenen 
©tubium aufgebe." I, 210 fg.) 

„SMe bloß erlernte SBabrbett Hebt unS nur an, Wie ein an- 
gefegtes ®lieb, ein falfcber 3alnt, eine wäcfyferne 9cafe. 2)ie bureb 
eigenes 5)enfeu erworbene aber gleicbt bem natürlichen bliebe, 
fie allein gebört unS Wirflid) an. darauf berubt ber Unterfcbieb 
^mifeben bem Genfer unb bem blofcen ®elebrten." 0(5. II, 529.) 

£>er SBeltweife (jat Momente, in beneu es if)m total am 
logifcfyen $Öiß beS (SonfequenäenaiefjenS mangelt. (£r maebt ben 
s 3lnfjängcrn fetner '»ßljilofopfyie burdj obige $lufftellung ein miferableS 
(Sompltment. 2öenn fie feine burtf) tl)it erfunbene, oon ifym 
erlernte s $fnlofopfjte annel)men, fo Ijat er il)tten, nadj feinen 
eigenen Sorten eine wädjferne 9Jafe gecremt. 

©ine ber ftänbigen üttarotten ©djopenljauerS ift bie 5ln* 
preifultg beS 53ubbl)aiSmuS als SBeltreligion unb feine bei ben 
Jpaareu Ijerbeige^ogenen, fein* Ijinfenben sScrgIctct)e beS ^öubb^ais- 
muS mit bem (Sfjriftentljum, was fclbftoerftänblidj bei iljm ftets 
jum 33ort^eil bes 33ubb^aiSmuS unb jum 9Jact)tr)eü beS ß^riften^ 
t^umS ausfällt. $lua^ in biefer 33rana^e arbeitet er nur mit 



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fceö Selttocifen ®c$opcnf)auev. 317 

fecfen Behauptungen, oerftecften 3$erbrehungen unb auch offen* 
baren Sügen. 

Der SöubbhatSmuS ift nach ihm felber Atheismus. Der 
Üftenfdj fann nach btefer ßefjre ftch nur an bie ©teile ber nie- 
bereu (Götter fefcen, er fann aud) bte höheren überflügeln; bartu 
befteljt eben nrieber bte oollfommenfte 9J?enfchem>ergötterung. 
(Schopenhauer fommt auch bei btefer Betrachtung 511 feinem 
3tel, baß er unter allen ®elehrten unb ^btlofop^en ber alfer* 
gelehrtefte unb genialfte fei, benn „5U mir muffen fie 3(1 le 
fo muten", fagte er. (Schopenhauer Witt — wie er e§ bem 
Bubbfja nadjfagt — auch oon einem höd)ften 5Befen nichts 
wiffen ; wenn man ©djopenhauer mit ber Jrage um ben testen 
($runb unb Anfang aller SBefen an ben i'eib rücft, fo wirb er 
erzürnt unb fdjimpft unb behauptet, biefe Jrage gehöre gar 
nicht in ben Bereich ber ^^ilofop^ie, bie fidj nur mit bem fid)tbar 
ißor^anbenen 31t bef äffen unb mit bem ($runbe aüer Söefen 
nichts 311 tljun hat. Sß3ic ber BubbljaiSmuS ift auch baS ©chopen* 
fjauerfche Aftern eine fortgefefcte Negation, bie All es unb 
am (&nbe baS Denfen felbft negirt. Das ift bie notljwenbtge 
(£onfequen<$ beS ^t^ilt^muö ! Die fogenanttten cioilifirten 
föuffcn ^aben unter Katharina angefangen, ftd) auf ben $ oU 
tairifdjen (Spott ju verlegen unb in Voltaire ihren ^hWofop^en 
unb ÜWoraliften angebetet. 

3n neuefter £eit macht (Schopenhauer, ber ben praftifa^eu 
Wh^muS in ein fopfjiftifcheS (Softem jufammengefchweißt tjat, 
unter ben <Stubirenben in föußlanb feljr große ^ropaganba. 
(£r ift ber (Sport ber Ijöfjeren klaffen, fie befinben fidj babei 
wofjl, benn bie bubbhaiftifche «Selbftoerleugnung, welche (Sdjopen* 
fjauer prebigt, ift ja bodj ein purer ©djwinbel, erliegt fein 
<Soll, feine 33erbutbUdjfeit bartu, es genügt bie ®efin = 
uung, wie (Schopenhauers (Schüler es oft genug betonen. 
Der BubbhatSmus befdjränft fta) auf feine (Sittenlehre. Das 
9ftroana ift baS ^öc^ftc 3iel ber bubbhaiftifchen SQforal, SRtröana 
heißt eigentlich: erlöfdjen, aufhören, nicht mehr fein ; Sßubbfja 
felbft oergleid^t baS ^iroaua öfter mit bem (£rlöfa)en einer 
tfampe. Der Sftenfdj fann fia) nach biefer tfefjre 00m ©lenb 
beS DafeinS nur burch bie »olffommenfte Abtrennung oon allen 
Seitlichen (Gütern, oon jeber Söcgierbc nach einem ®enuß los* 
machen. Der Brafjmane macht bie Bußübungen nur für ftch, 



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318 Ämffologie unb ^fiffologte 

ber Söubbfjmft crfcnnt aud) eine Pflicht bes (Einzelnen, für bie 
(ttefammtheit $u leben. 

Der Nihilismus aber löft and) bte gan^e Wloxal btefer 
<yoei (Spfteme in Siberfprücbe auf: bte entgegengefefcten Wlzu 
nungen finb fdjon über bie SöafiS Niroana, wie über fämmtliche 
SluSglteberung biefer §löccfc nnb (Sittenlehre bei ben (belehrten 
laut geworben, fo baß fid) auch baS Dogma ber bubbbaifrndjen 
Sittenlehre im Nihilismus oerlaufen $at 

Der $öiberf prua) , in ben fid? (Schopenhauer in feinem 
nichts weniger als fyilium Wkn mit tent fcbminbelhaften &n^ 
preifen beS Niroana gefegt f^t, maebt fanen $lpofteln oiel 
Äopffchmergen ; fie fuchen baS gubrmerf beS 3tteifterS burdj 
einen oon uns fchon früher angezeigten ßniff aus bem (Sumpf 
herauSsuwtnben, t npem fie betonen, bie moralifche ®efin^ 
nung genügt, fie ift baS ethifche (Clement, unb an ben f leinen 
SSerftöfeen 'im tfeben beS 3)MfterS barf ber echte ^fnfofopt) 
feinen Slnftoft nehmen. 

$n ben Herfen unb Sluffäften oon Joucauj, Sdjiefner, 
Xournour, 33ournouf, Waffen, $öröfi finb bte gunbamente ^ 
(Schopenhauerfchen 53ubbhatSmuS beS breiteren niebergelegt. Ser 
fich über baS Sefen beS SöubbhaiSmuS in ^ür^e unterrichten 
will, bem ift ber ausgezeichnete, 38 (Seiten lange 9lrtifel oom 
gelehrten ^rofeffor Steinhart in greifingen im 12. 33anbe ber 
|)erberfchen ßitcnflopäbie u. f. w. ju empfehlen. 3Bir mußten 
biefeS 9tefum£ oorauSfenben, um bie naa)folgenben.$lnpreifungen 
beS 33ubbhaiSmuS im wahren Richte barftelien ju fönnen. 

(Schopenhauer behauptet: 

„$>er ©ubbhaiSmuS ift fomogl wegen ber Überwiegenben $ln= 
xaf)l feiner Söetenner, als weßen feiner inneren 93ortrefflicbfeit unb 
xöahrbctt alS bie bornebmfte Religion auf ©rben su betrachten." 
(W. 130. SB. II, 116. *. I, 139; II, 242.) 

gerner: 

„$)er 33ubbf)aiSmuS ift frei oon jener ftrengen unb über* 
trtebenen $Scefe, welche im 93rahmaiSmuS eine grofee SftoIIe 
fpielt, alfo Oon ber abfiebtlichen (Selbftpeinigung. (£r läßt eS bei 
bem (Söltbat, bei ber freiwilligen $rmutb, $)emutb unb ©eborfam 
ber aftöndhe nur auf (Enthaltung Oon aller tfjierifchen Nahrung, 
Wie auch öon aller SBeltlichfeit bemenben." II, 695.) 



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be$ SBcttmctfcn ©cfcopenbauev. 



319 



$n % II, 423 unb £>. 431 bebanbelt (Schopenhauer 
fein tfiebltngSrhema, bie (Erhebung be3 BubbhatemuS über ba£ 
(Shriftenthum : 

*©n eigentbümlicber 9?nd)tbeil be$ (XbriftentbumS, ber be* 
ionber§ feinen $lnfprücnen, SBeltreligion au werben, entaegenfteljt, 
ift, bafe e3 fief) in ber &aupt|ache um eine einjicje inbimbuelle 53e- 
aebentieit brefct unb bon biefer ba§ (Sdncffal ber Sßelt abbänatq 
macht." 

Sir unterbrechen fyex bie Behauptung be$ SSeltmeifen unb 
erflären biefelbe al£ einen fetner auSgefprochenften kniffe, b. h- 
Sügen. %\$ ^Ithetft ftetlt er fich fo, als ob er ben ®nmb* 
ftein be$ firchlichen Credo: „Qdj glaube an Ott ben Bater, 
allmächtigen (Schöpfer Rimmels unb ber (£rbe (Credo 
in Deum, Patrem omnipotentem Creatorem coeli et terrae) 
gar nicht fennen mürbe. DtefeS abfidjtlidje $gnortren be§ 
erften (#lauben3fafce§ ift fomit ein jämmerlicher $niff (wie 
ihm berlei kniffe nach feinem eigenen ®eftänbniß als $rioi* 
legi um o er liehen finb). Die §auptfniffe be$ Seltweifen 
beftehen eben barin, baß er irgenb eine Behauptung aufftellt, 
um ben £efer ^u verblüffen; auf biefe feefe Behauptung 
baut er bann ein ganzes (Stiftern oon «Schlußfolgerungen, fo 
auch f)itx. ©r fährt fort, bie £üge al» ®runbfafc mieberholenb: 

„Grine Religion, bie ju ihrem Sunbament eine einjelne Be* 
gebenheit hat, ftetjt auf fegr fchmacbem gunbament." 

Sfof biefe £üge hin wirb nun bie 9Bet^t)cit be§ BubbljaiSmuS 
gepriefen : 

„Sie meife ift bageaen im BubbbaiSmuS bie Einnahme ber 
taufenb Bubbba3, bamit e§ fich nicht aufnehme, roie im 
(£f)riftenthum , mo ^efuä (EhriftuS bie Seit erlöft bat unb aufjev 
ihm fein &eil möglich ift." 

Der ifrtiff be3 Reiften gleicht hier bem befannten $opf= 
oerfteefen be$ Bogels (Strauß unter feine Jlügel. Das Dogma 
ber Kreation, ber ®runbftein beS Credo, macht ihm (Schmerlen, 
er ftellt fich fo, als ob es für ihn gar nicht ertftirte, unb »er- 
läßt fich auf bie Bornirthett feiner £efer, bie ihm blinben 
(Glauben fdjenfen. 

Daß bas (Söftem (Schopenhauer im oollften (Smflange 
mit bem BubbljaiSmuS fteht, geben felbft feine Slpoftel ju unb 
beioeifen es fogar aus feinen (Schriften. ((Siehe (Schopenhauer* 
tfertfon oon ^rauenftäbt, I. Bb., (S. 99.) 



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320 



föiiffologte uirt? ^ftffologie 



5Iu* in bem Bubbhai3mu$s©port ift©d)openhauer roeber 
ber Chrfinber, noch bcr einzige gobpreifer. (£in Jransofe, ber 
als föidjter in ^nbten thätig mar, 2)c. Qacolliot, ^at für ba3 ge= 
mohnliche Öefepublifum herausgegeben: „LaBible dans Finde — 
Les fils de Dieu — les Vierges" unb flicht in btefen ©Triften 
$u behaupten, bic BebaS (6. Bücher ber $nber ) nnb bic ®efefee 
beS.OWamt hätten ci^cutlicr) bie Bibel infpirirt, bic Religion 
beS Bubbha unb ba£ Slnbenfen an bie 9)cenfchmerbung be£ 
Ghriftna Ritten im Vereine bas rbmifch*jübiiche @hriftenthum 
cjef Raffen, ba£ eigentlich nichts SNnbereS wäre, als eine 9caa> 
ahmung beS BubbhaiSmuS. Die Borfämpfer ber $atfjoIifen 
in ^örafiltcn, ^into be (SampoS nnb ber ^apujiner ®ual, fjaben 
ben ©chminbel nnb bie Unmiffenbeit biefeS ^acolltot gefenn* 
Seia^net nnb gerabe baS ®egentbeil nachgemiefen, baß bie BebaS, 
9Jcanu, Bubbha, Gfjriftna nur Möge ^mportationen chrtft- 
Hdjer, uon ben Brahmanen t>crf älf ct)tcr Behren finb. ty\ 
neuefter $eit bat ein be ÜttüeS („Linde chretienne", ^artS, 
Polmer, 1884) bie ^hantafieen beutfeher ^ilofo^en unb 
©praajfünftler, welche Xrtnität, ^ucarnation, Gölibat, flofter* 
mefen oon ben Brahmanen herleiten wollten, grünblich surücf* 
genriefen 1 ). 

121. ^rfjabljaftf ßfljanptnngett im gnttttfft i>*r &nbb\}ü'-&litxal 
mibtrltgt bnrd] riirtftltdjc ptoralißm. 

Huf feine frühere Behauptung fyn oerfucht er e$ auch, 
bie Slöccfe unb 3ttoral beS GhfiftenthumS 311m Bortfjeile beS 
BubbfjaiSmuS burd) neue Behauptungen t)ttaDäubrücfen. 

„$)er chriftlichen ^löcefe fehlt e§ an einem eigentlichen, Haren, 
beutlichen unb unmittelbaren motte, fte hat fein anbereS als bie 
Nachahmung (Ehrifti." 

„2)te äßoral be§ (ShriftenthumS ftety hinter ber be§ Brafc 
maniSmuS unb BubbhaiSmuSbarin jurücf, bat f i e bie Shiere 
nicht berücfltchtigt. 41 

Diefe Behauptung ift berartig läpptfeh unb blöbe, baß es 
genügt, biefelbe oor^uführen. ©einen *ßubel ftreichelt er unb 
bie üttarquet mirft er ein paar 3ttal $u Boben. SBäre er nach 



») „QJetöi^tSiügen." ^aberborn, Schöning^. 7. Auflage, 1885, 

<§. 85. 



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bc8 Södtwdfeu Schopenhauer. 



321 



fünfjährigem $roceß, nach einem fjartnätfigen 9cidjt3sahlen* 
raollen nicht #i 300 Zfjakx ©chmerjenSgelb unb $u 60 Xfyakx 
^ahreSoerpflegung üerurtheilt morben, raas; ^ätte er fich erft 
in feinen oorgerüeften fahren, rao 3ftenfchenöerachtung, 
3orne3raütf)en, Slufgeregtheit im ßunehmen raaren, für Sitten- 
täte auf ßeute erlaubt, bie feine göttliche (Grobheit im 
^tnbeften burdj eine 9cidjtanerfennung feiner göttlichen Roheit 
herauSgeforbert hätten? 3Mefe3 ®ericht3erfenntniß ift für fein 
übriges i'eben fefjr nü^ltct) unb erfolgreich geraefen. $)er 
Slerger über feinen gebrochenen ^ochmuth ift nach $lu£fage feiner 
Schüler noch oiel größer geraefen, als ba3 gerichtliche Attentat 
auf feinen (Mbfdjmuft; ba3 Attentat auf ben §al3 ber 
s JDßarquet nmrbe bem (&ti%§eilä raieberoergotten.. «Sein 
oor ihm raebelnber unb herumfriechenber "JSubel raar feine Seelen- 
freube, aber ebenfo fonnte er nur in feiner 9cähe philofophifcfje 
höhere £f)iere (gang nach feiner SBeltanfchauung ge* 
fprochen) bulben, bie oor feinen 9lu3fprüchen herumraebelten, 
unb in ihm ben enblich erfchienenen Gxfinber ber Wahrheit unb 
Söeglücfer ber unglüdf liehen Oflenfchheit anbeteten. 

(£3 gehört auch su feinen kniffen, baß er einmal aufgeteilte 
Behauptungen öfter roieberfjolt, um biefelben plaufibel 311 machen. 
©0 heiß* e3 auch ((£. 141): 

„$>ie yjloxai be3 CHjriftentbumS $eigt, abgerechnet öon bem 
SDcangel, bafe fie bie ibiere nicht berueffichtigt (!), bie 
aröfete Ue6ereinfiimmung mit bem SörabmatSmug unb Subbhai§= 
mu3 unb ift blofe raemger ftarf auSaebrücft unb nicht bi$ *u ben 
(^tremen burchaefübrt; baherman faum jraeifeln fann, Safe fie 
rate auch bie Sbee öon einem äJcenfcf) geraorbenen ®ott (Sluatar) 
au3 ^nbten ftammt unb über (Satraten nach ^ubäa aefommen fein 
mag, fo bafe ba§ (£briftentf)um ein 2lbglana inbifcr)en UrlichtS 
öon ben Ruinen ©gtratenä raäre, raelcher aber leiber auf iübtfdjen 
«oben fiel." 

?(uf bie total unbegrünbeten 33ermuthungen „faum", „fann", 
„mag" unb „raäre" baut er gleich wieber raie auf ZfyaU 
fachen fort mit ber beftimmten $lage: „raelcher aber leiber 
auf jübifdjen iöoben fiel." — (£r ift nicht umfonft ein grim* 
miger Jeinb ber geraöhnlichen ^ßrofefforenlogi! geraefen unb bat 
bie ^Dilettanten als tfefer oiel lieber gehabt, raeil ihm biefe nie 
mit ben bummen gorberungen unb fragen oer Schullogif an 

»tunner, ftniffologic unb ^ftffologte. 21 



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322 Sniffologie unb Vffifotogie 

ben Seib rütften, fonbern mit bem blinbeften Glauben feine 
^araborm fununterroürgten. 

(5$ ift aus ben jüngften unb älteften cf>riftli<f)en Sfloraliften 
nad^umeifen, bag ©djopenljauer audj Ijier mit einer fedfen Un* 
nriffenfjeil (ober mit miffentlidjer (£ntftelfung, maS nod? fdjlimmer 
ift) über Mängel ber ^rifttic^en Moral ju ®eridjte ftfct unb 
aua? fn'er roieber auf ^Dilettanten rennet unb fidj an ber $öar)rr)cit 
oerfünbigt. — ßinfemann fagt im citirten Q3ua^e l ): 

ift nid)t leicht, eine genaue 93eftimmuna ber ©ünbe ber 
^Tierquälerei au geben, obmobl e§ eine fofcbe@ünbe ent* 
Rieben a i b t. 3m Allgemeinen liegt Tierquälerei üor, memt 
man entmeoer einem Xbier obne bernünfttgen Bmecf ©cbmenen 
bereitet, ober roenn man jur (Srreidjung eme§ bernünfttg ftttlicßen 
3mecfe§ bemfelben mebr, als burefcaug notbmenbig, mebe tbut. Ob 
unter Metern öernünftigen 3n>etfe aueb bie SÖerroenbung öon gieren 
jum roiffenfcbaftlicben 3mecf, 93it>ifeItion u. berat, gefröre, fann an 
unb für fictj niebt fraglicb fein, unb eS muß öon galt §u galt 
entfebieben roerben, ob bie üon ber Vernunft geforberten (Srenjen 
eingehalten merben ober nid)t. ©ottte fretlid) bie bureb bas 
Gbriftentbum öerbeifjene (Srlöfung aud) ber unbefeelten, aber füb= 
lenben ©reatur ju ®ute fommen, fo märe e£ ein (Srroetö be§ 
gortfcbritteS in djriftlicber «Selbftbefcbränfung, ©itte unb Scbonuna., 
menn mir bie 9ted)te, meiere un§ bie unerlöfte 9farur über bte 
£f)iere einräumt, in immer milberer SSetfe ausübten; aber eine 
nodj fo gefüblooöe «Schonung ber £btere mirb immer an ber 
Sßotfjlage ber SJtenfcben felbft ibre ©renjen finben; fo lange ber 
junger unb bie Äranßjeit aI3 £nrannen in ber SCftenfcbbett malten, 
mufj ba§ niebrigere Dvecbt ber £biere bem böbern ber 9ftenfd)en 
meinen." ,M tft niebt fteebt ben ftinbem ba§ SBrob su nebmen 
unb e§ ben &unben üorsuroerfen." (9ftattb. 15, 16.) 

(Sine eigene $lbl)anblung über bie SBefifcergreifung unb bas 
(£igentfjum3red)t be^ugS ber Xfjtere bringt ®ouffet in feiner 
flttoral. 2 ) 

lieber eine be£ aflenfdfien unmürbige Vorliebe für Xljtere, 
ebenfo mie über bie unmenfdjlidje ©raufamfeit, ate bie 
3tuei entgegengefefcten *»ßole einer fünbfjaften Sßefjanblung ber 



*) Mxbud) ber 2KoraItr)eologie" oon Dr. g. 3E. Smfemarat, ^ro= 
feffor ber fatf>olifcr/ert Geologie an ber Untöerfität Bübingen, greiburg, 
Berber, 1878, @. 264. 

*) „Woraltfcologie" üon ©ouffet. «Raa) ber 7. Staffage beutfa). Staden, 
fcremer, 1851. I. $b., @. 312—315. 



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m Scitroeifcn <§c$i>penf>auer. 



323 



Spiere fyanbelt ^ßictro ©camnt 1 ) unb roenbet fidj oorsüglid) 
gegen bie graufame böswillige Söebanblung ber Sfnere. @r citirt 
Exod. 23, Deut. 25, Levit. 21, Eccli 7 unb Proverb.- 12: 
„Novit justus jumentorum stiorum animas, viscera autem 
impioruni enidelia". 

©benfo fpridjt ber fj. Xfyomtö oon &quin gegen bie grau- 
fame SBefjanblung ber itjiere 2 ). SÖenn bie djriftlidjen 3)iora= 
liften bie 93el)anblung ber £f)iere nadj bem ®efefce ber Ver- 
nunft eingehalten nMffen wollen, fo fefcen fic eben biefe£ @efej} 
fdjon oorau3, unb brauchen nur barauf ^injuroeifen unb ntdjt 
im bubbljiftifdjen üeberfdjroang barüber fid) ju ergießen. 

Sir fjaben fyier nur bie Aufgabe, gtt beroeifen, roie <Sa?open* 
fyauer audj bei feinen ^Behauptungen febr geioalttfjätig oor= 
gegangen ift, fidj um ben toiffenfdjaftliajen Xfjatbeftanb gar 
nid)t gefümmert unb audj £ügen unb Verbreitungen nidjt 
gefreut Ijat, roenn e3 fid) barum fjanbelte, bie Karotten feinet 
(Suterns 311 Derzeitigen. 

122. Per &niff, intberifdre &ä%t fufy ?nr Htkämpfnns ?n «mljlnt, 
kaiboii Trirt ?« ianmrirnt mtfe fett lutljrrifrfint als dyrtjilidr im 
^Ugetnciiwn aitsfitöeöett. U« Bfdogene (foefier* über feit 
<£ljtbrei&trtn im ßnongeHnm. 

Sieberfjolt fjaben wir aua? fdjon barauf aufmerffam ge- 
malt, bafe (Sd)openfjauer unb feine $poftel oft gegen bas 
^rifteut^um polemiftren ober aua) manage Öeljren be3 Triften* 
tf)um$ gutfjeijsen, fia? aber ju biefen 9ttanöoern, wenn fic e£ 
für oortljeilljaft galten, lutljerifdjer Seljrfäfee bebienen, 
bie fie mit einem fummarifdjen Verfahren als Gljriftentljum be* 
jeidmen. <3o 5. 93. 1, 624): 

„2Kit föedjt lebrt ba§ (Sbriftent&um (!), bafe alle äufeeren 
Söerfe roertf)lu3 ftnb, roenn fie nid)t aus jener eckten ©eftnnung, 
meiere in ber roabren ©ermtnttigfeit unb reinen Siebe beftebt, 
beruorgeben, unb ba§ nid)t bie oerric&teten SBerfe, fonbern ber 
©laube, bte ec&te ©efinnung, meiere allein ber beilige (SJeift oer- 
leibt, ntcfct aber ber freiüberleßte, ba3 (SJefefc allein cor Vlugen 
babenbe SBiHe gebiert, fälig mad&e unb erlöfe it. I ro." (SB. 1,624.) 



1) „Theologia moralis". Liber II. Mediolani Oliva, 1874, A. 503, 
pag. 377. 

2 ) „Contra gentiles." Lib. III., cap. 22 (in aÜwi £u8gaben). 

21* 



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324 



taiiffologie unb ^fiffologie 



£)a merben auch oon ihm ^onluS, 2(ugufrinu3 unb tfuther 
als ($eroähr3männer angeführt, ohne auf ben llmftanb ju achten, 
bafjfuf; bie Kirche gegen bie Anficht £utf)er$ in ihrer (£rflärung 
be3 h- $au(u$ unb 2luguftinu§ auSgefprodjen bat 

lieber fjaupt bat Schopenhauer bie Üttarotte, bie fällige 
(Schrift ohne irgenb eine ftiücffidjt auf ben in ben ©teilen ba= 
liegenben <Sinn fo auflegen, mie er biefelbe jum 93eroeife 
einer Slufftellung für ficb jmecfmäfjig finbet. 

War noch ein SBctfotel. %n % IL, 631 führt er in einer 
Betrachtung über ben Ehebruch eine Bibelftelle mit feiner 
Stolegung gu feinem Söebarf ins treffen: 

„Die ©efchlecbtSIiebe, b. i. ba$ Sntereffe ber (Sattung, über- 
mieat, fobalb fte in£ Spiel fommt unb einen entfcbiebenen Sßox* 
tbeil für ftcb ftebt, jebe§ anbere auch noch fo wichtige ^ntereffe. 
3 hm allein metdjen baber (Sbre, Pflicht unb $reue, nacbbem fte 
ieber anberen Sßerfucbung, nebft ber Drohung be§ StobeS, roiber- 
ftanben baben. ©0 finben mir benn, ba& in feinem fünfte ®e ; 
miffenbaftiqteit fo feiten ift, mie in biefem, fte mirb hier biäroeilen 
fogar öon lonft reblicben unb gerechten 2euten beifeite gefe&t unb 
ber ©bebrud) rücfftcbtöloS begangen, menn bie leibenfcbaftlicbe 
Öiebe, b. b- ba§ ^ntereffe ber ÖJattung, ficb ibrer bemächtigt bat. 
@§ fcbeint fogar, als ob fie babei einer höheren Berechtigung ftcb 
bemufct ju fein cjlaubten, al§ bie Sntereffen ber Snbiüibuen je 
oerleiben fönnen, eben meil fie im ^ntereffe ber (Gattung 
banbeln. SBer ficb hierüber ereifern mottte, märe auf bie auf* 
fallenbe 9?acbficbt au üermeifen, roelcbe ber föeilanb im Soangelium 
ber ©bebrecberin miberfabren läfjt, inbemerjugleich biefelbe 
Scbulb bei allen Slnberen oorauMefct." 

$)a£ ift ja beer) eine 9ieibe oon mit £ügen burdjroobenen 
Srugfcblüffen im ^ntereffe unb sur ®eroiffen3beruhigung 
ber ^ebrecher. (£3 ift entf Rieben, baß biefer Seltmeife burch 
berlei äftanboer im ftntereffe bes in bie ^rarte umgefefcten 
Atheismus noch am meiften Anhänger gemonnen f)at 

1. SBirb t)ter (mie früher bie 9?atur) bie ®efchlecht§liebe 
als eine biplomattfdje, fdjlau nacr/benfenbe ^erfönlidjfeit fyna,^ 
ftellt, bie, menn fie im $ntereffe ber (Gattung einen Sßortheil 
erfiebt, fieb ju ben meitge^enbften ßonceffionen veranlagt füfjlt. 

2. £)ie ($efcblecf)t3 liebe djangirt er aber gleich barauf 
in ba$ $ntereffe ber (Gattung; btefeS $ntereffe ift bei it)m 
aber auch mieber eine nachbenfenbe ^ßerfönlichf eit, meldte 
behauptet, ihr müffe jebee anbere $ntereffe meichen. 



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325 



3. DiefeS ^ntereffe für bie Erhaltung ber (Gattung bringt 
bie fonft rcbltc^ftcn unb gerechteren tfeute junt rücffichtslofeften 
Unrecht be$ (Seybruchs, ©omit haben biefe §erren unb tarnen 
eigentlich gar feine SBerfdjulbung, fie haben ja nicht gefün= 
btgt, fonbern fie fönnen biefem $ntereffe ber (Gattung bie 
ganje (Sdjulb anflabcn. 

4. GS fommt noa^ fcfjöner. 9?ach btefem aufgebahrten 
Srugfdjluffe Ijetgt es; fogar: fcheint, als ob fie babei 
einer bohren ^Berechtigung fidj bewußt glaubten, weil fte 
im Q-ntereffe ber (Gattung hobeln." Der Seit weife lägt 
fomit bem (Ehebrecher in feiner unenblidjcn üttenfchenliebe unb 
9tachftcht fogar eine 9lrt feinet ungöttlichen ©egenS an* 
gebeifjen. 

5. (SS fann biefe ^errcn unb Damen ber ©djopenfjauerfche 
$roft beruhigen, baß, wenn fie auch bit $ntereffen ber Qnbü 
oibuen (b. b- ih* c * hatten) hintanfeften, fiebod) tm^ntereffe 
ber (Gattung fehr fegcnSreid) gewirft haben! 

6. 3» m @d)ln& nrirb ber toleranjfcbwi&enbe SÖeltwetfe 
fogar noch fromm; er fchleicht, mit ber Sßibel in ber §anb, 
baher, ftatt wie gewöhnlich mit feinen bubbbiftifchen h^Ugen 
<Sprüd)en , beruft fich fogar auf. ben SBeltheilanb, ben er bodj 
fonft immer mit feiner 2Beteh*it au überragen unb ben er im 
^ntereffe feiner *»|3t)tlofop^ic immer h^^^b^uwürbigen fucht unb 
felbft ber §)eilanb folf ihm *u feinem Vortrag im ®attung$ = 

. inte reffe behülflia) fein. 

7. (£r broht fogar, e3 möge fich 92temanb über fein all er- 
neuertes ©herecbt ereifern, beim ba$ fönne einer ja als guter 
©htift nicht thun, weil ber £>eilanb ber (£r)ebrecheriit eine fo 
auffallenbe 9Jachftd)t erwrefen f)at, unb 

8. weil er felber oon ber Slllgemeinheit be$ tefybxufy* fo 
überzeugt war, baß er augleid) biefelbe (^djulb bei allen 
Mnberen oorauSgefefct fyat. 

Wadjbem e3 für ben ?efer, ber feine tfogif im $opfe t)at, 
genügt, bie erften fedjs $ettcnglieber be$ £rugfchluffe$ ber neuen 
(E'herechtStheorte angeführt 31t ^aben , muffen wir boch fein 
Söibelcitat unb feine SluSlegungSfunft $ur Orientirung 
be$ nichttheologifchen #efer$ etwas näher erflären. 

9. Der §>err fpricht ju ben *»Ph ar ^cm (Johann. 8, 7): 
„28er oon Such ohne ©ünbe ift, werfe ben erften (Stein auf 



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326 Äniffologie unb ^Jfiffotogtc 

fie." Damit ift nidjt gejagt, baß ba<8 2Beib außer ©drnlb fei, 
beim ber ipeilanb üertoeift it)r ja 23. 11 bie ©ünbe. (£r fagt 
aua) feineSmegS, baß bie ^fjartfäer, roeldje it)n umrungen, (£f>e= 
brea^er feien, fonbern nur Sünber. 

$ören wir barüber eine jüngft erftfüenene Gfrangelien * 
erflärung 1 ): 

„Unter afiagtia ift ©ünbe allgemein unb nid)t fpeciett bie 
(Sünbe be3 ($f)ebrud)§ ober ber Unsuctjt ju berfte&en. 3)er $eilanb 
gibt ber Slngelegenbeit eine jebenfafl§ unerwartete SSenbung, inbem 
er fid) an ba£ fittlid&e Söerou&tfein ber ftragefteller menbet unb 
babei Den äubrtngltdjen ©egnern biefeI6e itKübe ju Xbeil werben 
läfjt, mit meldjer er bie ©ünberin nadjfjer bebanbelte. $)ie SBorte 
gern (offen bie Söeftimmung be§ mofatföen (MefceS über ben 
dbebrud) Dötttg unangetaftet, madjen aber bie SInroenbung ber= 
felben auf ben bortiepenben gatl bon einer ^ebingung abhängig. 
$)er £>err berfäbrt bter nad) bem ©runbfafce, roelajen er für oaö 
SSerbalten ber SKitgiteber be§ 2Keffia§reid)e§ m einanber aufgefteOt 
bat: $)a§ Söeroufctfein ber eigenen ©ünbbofttgfeit mufe ben 9ftenfd)en 
bom boc&mütbigen, liebloien Siebten über ben TOtmenfdjen ab* 
balten." 

(Sbenfo fagt üftaier 2 ) über bie Sorte: „2öer bon (£udj ofjne 
©ünbe ift u. f. xo. u , eS belögen fidj biefelben nidjt im engften 
«Sinne auf ba3 23ergef)en be£ (£f)ebrudj3, fonbern in bem Sei* 
teren auf ba3 ®enereüe bon biefer ©ünbe, auf ba3 tfafter ber 
Unfeufd$eit überhaupt, $m gleiten ©inne erflärt bie ©teile 
SOfalbonat 8 ) unb Slnbere. %m auSfüfjrhdjfte'n ift bie Erflärung 
äflaierS, meldje audj bie „auffaüenbe 9tad)f ict)t", meiere 
Sdjopenfjauer bem §eüanb jufebreibt, in ba3 gehörige £itf)t 
fteflt. 

liefet umfonft ift Sdjopenljauer ein au3gefprod)ener Gegner 
ber Ijiftorifdj begrünbeten Siffenfdjaft, er legt fict) %üe$ felber 
in jenem (Sinne jurea^t, ben er jur ($lortfieirung feines ©9= 
ftem§ braudjt. £)aS ift eben feine $unft (benn bie ^^ilofop^ie 



») „Äuraaefafjter (Sommentar ju ben oicr fjeiligen (Stangelien". 25on 
Dr. ftrana $ötaf, o. ö. ^Jrofcffor ber £fieoTogie an ber f. !. Untoerfität $u 
Söten. ®xai, $ucr;f>anblung „@töria", 1885. 3. »b., <§. 324. 

9 ) „Sommentar über ba§ ©Dangelhim be§ ^oljcmneS." $ on Dr. Sfoak 
bert äRaier, ^rofeffor in gretburg. ftreiburg, fterber, 1843. 2. 93b., 
©. 159. 

8 ) Joannes Maldonati, S. J., Cornmont. in 4 Evang. Mogunt , 
Kirchheim, 1854. Tom. II., p. 675. 



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be« Seltroeifen ©cbopenfjauer. 



327 



tft ja nad) ifjm nidjt 3Btff cnfc^af t r fonbern fünft) ober wie er 
nodj beffer fagt, fein $niff. @r fann bic ®efa)ia)te be3 
(SljriftentfjumS unb ber Äirdje nidjt brausen; wag er 
nidjt als 93auftein $u feinem fömfrföftem oerwenben fann, wirb 
entftellt ober oerworfen ober gang tgnorirt. (£3 genügt, 
einen $3ewei§ in biefer ftlidjtung für oiele, bie noä) $u liefern 
wären, anzuführen, wir Ijaben benfelben be3l)alb auaj etwas 
auSfüfjrltajer be^anbelt. 

123. P« Utopien bes lUcltnmkn bejüaHäj eines ff p\j\iüfitp\jiföjtn" 
(Sites — v\jnt #erttfnnö auf (ßtrtt. Per <£tfc ölrne Heligicn. 

$)te Utopien, meld&e ©ä)0penf)auer feinen ßefem be- 
^üglidj be£ pfjilofopfjifdjen (SibeS, melden bie Öeute frören 
fönnen, wenn fie audj ben (Glauben an (Gott unb bie 33er* 
antwortlidjfeit oor bem ewigen fötdjter oerworfen haben, cor- 
fanuinbelt, oerbtenen eS, angeführt ju werben. 

(£r fagt über ben $md be3 SibeS: 

„$)er unbeftrittene Bmecf be8 (SibeS ift, ber nur ju häufigen 
ftalfcbbeit unb ßugenbafttgfeit ber 2tfenfd)en auf bloß mora = 
ftfdjem SSege m begegnen, babureb, bafe man bie üon ibm am 
erfannte moraltidbe SJerpflicbtung, bie Sßabrbeit $u fagen, burrf) 
irgenb eine aufeerorbentlicbe hier eintretenbe 9tücfficrjt erböht, ibm 
Iebt)aft jum SBemufctiem bringt* (20. n, 281. ßey. I, 147.) 

$Ber fann benn aber in einer Söelt ofjne ©Ott bem -Jttenfdjen 
eine moralifdje Verpflichtung auflegen? §at ber große 3Belt= 
weife feine moraltfdie 3$erpflidjtung gegenüber ber ju 
33oben gefdjmetterten unb mißhanbelten äftarquet eingebalten? 
SÖBenn nun ein fo großer Söeltweife $u feinen moraltfdjen Ver- 
pflichtungen erft burdj einen ein £uftrum bauernben ^roceß 
oom weltliä)en $Rid)ter phoftfdj gezwungen werben muß; 
wenn biefer §err fd)on thatfädjlid) gezeigt fjat, baß feine 
9)2etapbi)ftf in Soriflift mit feinem (Schmufc, (Geij unb 
ipodjmutf) bie fd)tnählid)fte 9Heberlage audj in ber 
^ieberlagftraße ju Berlin erlitten l)at — wie foÜ bann 
irgenb ein armer, ungebilbeter, unphilofophifdjer (Gottesleugner 
jur Slnerfennung ber moralifdjen Verpflichtungen gebraut werben? 

£)er Seitweif c geht aber weiter; er geht bireft gegen ben 
religiöfen ©b lo£ unb proflamirt fühn bie oon ber Religion 
unabhängige rein moralifdje 33ebeutung beS GftbeS wie folgt: 



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328 



Äniffologie imb ^fiffologtc 



„Obroo&l bei feiner $lngelegenfjeit bie Religion fo unmittelbar 
unb augenfällig in bog nraftifdje Seben eingreift, mie beim (£ibe, 
fo hat oodb ber (£ib eine öon bem reügiöfen (Stauben unb beffen 
Sßanblungen unabhängige, beäbalb audj ben Verfall ber Religionen 
überbauernbe, rein moralifcfce feebeutung, meldte ft<$ auf beutliche 
93eariffe bringen läßt, ^eber SWenfch trägt nämlich bie, roenn- 
gleich un beutliche Ueberaeugung in ftdj, bafc bie SBett nicht blofe 
eine ö^nftfrfje Sßebeutung habe, fonbern ^ugleict) irgenbnne (!!) 
eine metaöbnfifche. unb fogar auch, bajj auf folche unter tnbiöibueUeä 
ftanbeln feiner blofeen 9)coralität nach noch gan^ anberroeitige unb 
Diel mistigere golgen habe, al3 ihm bermöge feiner emmrifchen 
äöirffamfett sufommen, unb fonad) mitflich Don tranöcenbenter 
Sebeutung fei. $>ie Slufforberung jum <£ibe ftellt nun ben SOcenfcben 
auSbrücflict) auf ben ©tanbpunft, roo er jich in biefem ©inne 
al§ blofc moralifcheS SBefen unb mit SBemufirfein ber hohen Sßidj* 
tigfeit für ihn felbft feiner in biefer ßigenfchaft gegebenen (£nt= 
fcfieibungen anaufeben bat, rooburch iefet bei ihm alle anberen 
Rücfftcbten sufammenfchrumpfen fotten, bi§ jum üollftänbigen 
SBerfchminben." H, 238.) 

$)iefe ganje Argumentation für ben ($ib olme Religion ift 
fo armfelig unb blöbe, fo unhaltbar unb nidjtsfagenb, 
baß man nur Momente aus bem Öeben unb ©teilen au$ ben 
©Triften be3 ©eltmeifen herausnehmen barf, um ba$ ganje 
®artenfjau3 biefer ^emeteführung mit einem Rutf meberpm;erfen. 
2öa3 fofl baS fjeißen, eine irgenbroie metapfjufifche 8e* 
beutung be3 (SibeS — beim Proletarier ohne Religion ift bie 
9Jcctaphnfif eine fomifaje Rebefigur, benn gegenüber bem 
Prügel unb ber ©atrifabe macht fich bie s Jttetapht>fif '(Sdjopen* 
fjauerS nur lächerlich — nrie oft fommt er felber jum 2lu3fpruch, 
baß es beim $olf ohne Religion ntdjt geht? 2Bir gliebern 
aber bie ßonfeguenjen noch weiter au$: e§ gef)t auch beim 
9ttetabemoS, bei ben pin'lofophen, bie fid) fyoty über ba3 arme 
Sßolf erhaben bünfen, nidjt ohne Religion. 2öa$ (5a^open= 
hauer unter Sttetapfmfif unb unter tranken benter Söebeutung 
oerfteht, ba$ mirb beim ©roe be£ 23olfe3 ewig unoer* 
ftanben unb total unnrirffant bleiben, aber auch bie (Siöilifirten 
Oer flehen es nict)t, unb «Schopenhauer, ber immer bamit 
herumflunfert, hat e$ felber nicht oerftanben. 2öarum ift 
er mit feiner bicf leibigen Philofophie in ber §>anb nicht unter 
bie ftürmenben Proletarier in granffurt hineingeraten, um felbe 
^u bef ehren? Sarum hat er $ur Verehrung ber Proletarier 
burdj feinen Dperngutfer mitgeholfen, um nur rea^t gefchtoinb 



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beS SBetttoeifen ©rtopenrjauer. 



329 



biefe „©djufte unbSanaillen" juf ammengepfeffert 311 feiner 
Jreube baliegen ^u feben? 2Öo h a * biefe äftetaphtyfü unb 
iranScenbenj gefteeft, als er bie Sttarquet niebergehauen, unb 
fidj bamacb burch bte $Binfeljüge feiner 5$ertbeibigung aus 
ber ©träfe ^erau^ulügen ben oerunglücften 5$erfudj gemacht 
hat? — £)er Seltweife ^at baS alles fetjr gut herausgefühlt 
unb in bem unoertilgbaren ©elbftbefenntniß niebergelegt: 

„Stteine 53 to ara^j ^ i e null ich Weber tdjreiben noch 
gefchrieben wiffen! 9Ji ein Sßrtbatleben will ich nicht 
oer falten unb übelwollenben Meinung be§ $ubli = 
fumS gum beften geben." 

(£r hat es gefügt, baß, ebenfo wie er brutal bte 9ttarquet 
$u Soben geworfen l)at r ebenfo fein praftifdjeS l'eben alle feine 
tfjeoretifdjen Probleme ju Söoben wirft. — &un, wenn er auch 
feine Biographie nicht gefchrteben wiffen wollte, wir baben uns 
bocfi erlaubt, fie gu f abreiben, unb nicht auf (Gerüchte 00m 
^brenfagen fyn, fonbern aus feiner unb feiner ftreunbe 9luf= 
fdjreibungen. 

SBenn nun ftt)on feine 9fletapht)fif unb feine £ranS^ 
cenbeng auf fein ßeben einen folgen ^ulleinfluß aufjuweifeu 
hat, baß er es in allen (Biebern gefühlt, wie er felber alle 
hoa^trabenben 2ttetaphtofifen unb XranScenben^en unb allen 
moralifchen ©chminbel bei Sßegwerfung ber Religion mit feinem 
eigenen £eben läcr)crücr) gemalt hat, was foll benn nun erft 
üon feinen Schülern erwartet werben fönnen — alle anberen 
föücffichten folten oor bem (£tb sufammenfehrumpfen. 
2öer fpricht biefeS ©oll aus? (Sin 9)2enfch, ber fich felber 
an bas ©oll nicht einmal fo weit gehalten hat, baß er für 
DJiifihanblung eines anberen ^nbioibuumS $u einer bebeutenbeu 
(^elbbuße »erurtheilt werben mußte. 

5luch bei ber ©ibeSformel will er bte Religion ausgemerzt 
wiffen. (£r meint: 

ift unw ef entlich, ob bie beim @ibe in Anregung ge- 
brachte Ueberaeufjung rjon einer metapbtjfifchen unb zugleich mo- 
ralifchen ©ebeutung unfereS DafeinS btofe bunwf gefühlt ober in 
allerlei äWtjtben aefleibet unb baburch belebt, ober aber aur Klarheit 
beS phtlofopl)t)d)en Kentens gebracht fei: woraus weiter fotejt, 1 ) 



0 ©S mufc gerabewegS amotbern, roenn «Schopenhauer orjne Unterlaß 
unertoiefene unb unermeiSbare Behauptungen auffieUt unb gleich gang teef 
mit einem: woraus toieber folgt — eine ftieibe oon Schiliften au3 



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tniffologie unb ^fiffologic 



bafe e§ im Söeientltdjen nicbt barauf anfommt, ob bie (£ibe§formel 
btefe ober iene mntboloflifdie SBe^ieljung, auSbrücfe, ober aber gan* 
abftraft fei, toic ba§ fran*öftfd)e je le jure. $)ie Formel ift nadfj 
bem ®rabe ber inteüeftuetten Sötlbuncj ber ©djroörenben ju roäfc 
len (!!!). $)ie ©acfce f o betrachtet, fönnte fogar (Siner, ber fid) 
5U feiner fReltflion befennt, fe^r mobl junt (£ibe jucjeloffen roerben." 

2Bir fragen nad) biefem (S^pof^ jeben praftifdjen^uriften, 
ob er ba3 projectirte ®eridjt3oerfafjren eines ^ilo* 
foppen, ber ftd) alleweil rüfjmt, er fjabe es jur $larfjett beS 
pfnlofopfnfdjen DenfenS gebraut, für möglich, ober eine gormel 
nadj bem ®rabe ber iittelleftuetten Söilbung nidjt offengeftanben 
unb gerabewegS fyerauSgefagt für einen foloffalen 33löb* 
finn fjält. Da müßte oor jeber (£ibeSablegung eine pfnlo= 
fopfn'fdje "ißrüfungScommiffion niebergefe^t werben, meiere bem 
©cfywörer in einem ftrengen Gramen über feinen intetteftuellen 
SßilbungSgrab rigorofe fragen vorlegt, bann müßten bie *ßrü- 
fungS-(£ommtffäre abftimmen, in welche „Diätenflaffe" oon 
3<ntelteft unb SÖÜbung bie Delinquenten, ber Söetafter unb ber 
(Sntlafter eingefteüt werben follten, unb ein ganzer ©peifejettel 
oon ©ibfdjwüren müßte je nad) bem (Sefa^marf beS ©cfywö* 
renben unb ber ifjn ^ßrüfenben jur 5luSwafjl bereit liegen! 2flan 
fann fjieraus erfeljen, wie wafjr baS ^ßfaimenwort ift: Der 
$fjor fagt in feinem §erjen, es ift fein ($ott! 

Sitte projectirten (f>taatSoerfaffungen. bie ein <5taat 
ofjne ®otteSglauben, oljne Religion conftruiren wollte, geben 
burdj ityre Entwürfe ein eflatanteS geugniß, ^ nen autt ) 
fdjon ber gefunbe, praftifdje SBerftanb flöten gegangen ift. 

Da§ fcfyönfte ift aud) f)ter wieber. baß ber ^ilofopl) bas 
ganje ®efpinnft feiner ^Behauptungen unb 33orfdjläge für 
gunbamentalfteine feiner atljeiftifdjen ©taatSoerfaffung fyält, in* 
bem er fdjließt: 

„$)ie @acf)e fo betrachtet, fönnte fogar (£tner, ber fid) au 
feiner SKelißton befennt, feljr mobl sunt (£tbe augelaffen werben." 

Das fann man fdjon; wie oft finb fdjon bebeutenbe aftörber, 
SKorbbrenner, Räuber unb Gauner ju (£tbcn augelaffen worben! 



feinem $irngefpinnft f>erau$fjafpelt. — 2)a§ ift freiließ fünft unb feine 
2B t f f e n f $ a f t ! Unb um aHeS baS fjinunterauf Luiden, fmb bie beliebten 
Dilettanten öiel gefugter unb brauchbarer, als Üeute, n>eta)e ft<$ bie 
ftretyeit nehmen, mit einem logiföen SWafeßab bie ©ebanfentiefe^gr foiu= 



be$ Scltwctfcn ©cfapenfaucr. 



331 



Senn man aber fdjon bei ©ibfdjwüren mit Berufung auf ben 
lebenbigen ®ott oft erlebt, ba§ falfdje <£tbe gefdjworen werben, 
was würbe erft gefdjefjen, wenn bie ©djwörenben auf 33ubb§a 
unb ben Slpoftel bcsfelben in ©uropa, auf ©ajopenfjauer unb 
feine Wlofo^ie. frören bürften! $ft ba$ ntd>t Elöbfinn 
ofme üftetljobe? 

124. J3et fcer nenen $d|üBenljanerfd|en ©rgantfaHmt ber tfefell' 
fdjöft erfifceint ein Unftnn, «in ZBibtrfptudf nnd) *tm nnfeern. 
Äotnmt Msmteilen felber fnr «tnftifct fcer totalen Uittrnltbarlieit 

feiner (Erfiniutngen. 

(£s ift übrigens intereffant, ^u bemerfen, wie ©djopenljauer 
fefjr oft in $8etra0)tung rein menfdjlidjer forialer 3uftänbe an* 
erfennenswertf) fdjarffinnige SSeobadjtungen anftellt, wte er aber 
gerabe bann, wenn er als SBorfämpfer bes Sltfjeismus bie 
menfcfylidje ©efellfdjaft na* feinem ©tllen unb feiner 33orftellung 
neu ju organifiren fuf) anfdjitft, mit einem Unfinn naa> 
bem anbern aufs $apet fommt. 

$)a ftellt fidj benn ^umeift fjeraus, bajj ber Anbeter bes 
„Subengottes", $önig $)aoib, unb bie ^rop^eten bes alten 
Sßunbes, bann bie Slpoftel, weldje bie frofje s £otfdjaft ber @r- 
löfung $u oerfünben in bie SBelt hinausgezogen finb, auä) weit* 
au« praftifdjere £eute waren, als ©ajopenljauer unb fein 
9tad)trab, bie ®winner, tfinbner, Jrauenftäbt unb ber f leine 
$)aoib 9lfd?er, ber oor ber Söunbeslabe, in welker bas heilig* 
tfmm ©ille unb SBorftellung eingefdjloffen ift, mit feiner 
Jparfe fjerumjappelt, fjarfenflingenb, pfalmenfingenb, beifall* 
bringenb, füßefdjwingenb, taftooÖ fpringenb, lorbeerfdjttngenb, 
weltbejwingenb — benn überall, wo ein getaufter ilpoftat 
gegen bas (£fjriftentf>um wütljet, ba ift ber mwermeibltdje $üb 
babei - . Runter Effing gottelt bas ganje töeformjubentfjum, 
an ber ©pifce ber Slufflärung fjeudjelnbe, im ©rillen aber 
talmubgetreue ^ßr)üofopr)lcr (wie ir)n $)üfjring nennt) Üflenbels- 
for)n, bie Slmfterbamer $uben mit ben 1ÖOO $)ufaten ^ubas* 
gelb für bie Verausgabe ber SGBolfenbütteler Fragmente, weldje 
ßeffing fyiftorifd) erwtefen in bie 28olfenbütteler 23tbliotfjef 
eingefdjwär$t f)at, um ben ©er^og ju büpiren, oon bem 
früher bie drrlaubnifc berausgelotft würbe, ba& ^anbfajrtften 



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332 



Äniffologie unb ^fiffoto^ie 



aus bcr SÖolfenbütteler ©ibliotfjef ohne oorberige (Senfur gebrutft 
werben bürften. £>er 9tatbanoerfertiger tft ein ;jaljri)unbert 
lang ben blöben ©ojim als ber gröfte jDtdjter aller fttitm, 
unb 9tot(jan ber Steife als föepräfentant beS ^ubentfmmS 
binaufgelogen worben; unb bie Millionen frei berumgeljenben 
unb bie bunberttaufenb in ($efängniffen fityenben, mtnber flauen 
^atfjane baben bafür geforgt, baft in nid)t ferner $eit ber 
weife ^iatfjan als ein »erlogener <Sd)Wtnbler allgemein erfannt 
wirb, an bem feine <5pur t»on einem edjten ^uben tft, weil 
ben edjten $uben bie Gebote beS 3djulä)an*arud) unb nidjt 
bie auSgewafdjenen gretmaurerpbrafen am (Srnbe beS 18. $af)r- 
bunberts als OUdjtfdmur ibreS §anbels unb SöanbelS oorge- 
f abrieben finb. 

2öir baben noa? betreffs beS oon ©dwpenfjauer für (£ü> 
leiftungen oerf d)ieben er $3ilbungSftufen unter ben zweibeinigen 
Xfneren oorgefdjlagenen @peife$ettels in Slnbetradjt beS gewalt= 
tätigen (SfyarafterS beS (#ebanfenfünftlers eine SBemerfung nadj- 
äutragen. <s>d)openf}auer, ber fidj eigens einen alten, üerräu&erten, 
aber edjtcn $3ubblja bringen lieg, um felbigen in feiner Sofjnung 
als feinen £>auSgott aufzuteilen unb ifjm nadj bubblnftifdjem 
SHituS ©fjrfurdjt ^u bezeugen, <2>djopenf)auer wäre im (Stanbe 
gewefeu (wenn if)m bie politifd)e s J)?ad)t wäre in bie £>anb ge- 
geben worben), einen (fernen iöubbfya in ($erid)tsfälen auf- 
gitfteüen unb bie zum (£ibe berufenen $eugen 3 U Zwingen, auf 
Q3ubblja ju fdnoören. (£S wäre biefe eventuelle 35crrücftr)ett 
nur eine Jolge ber erften faftifdjen gewefen, bie ftdj in ber 
.^erbetfdjaffung eines ea^ten Söubbfja als .^auSgo^en zur pfnlo* 
fopfufäen *ßrioatanbad>t manifeftirt l)at. 

^ntereffant ift, wie ©djopenljauer, wenn er irgenb ein 
^ßlulofopljem ober eine ins fociale £eben eingreifenbe Slbfyanblung 
aus ficf> fyerauSgefponnen fyat unb fpäter zur ©infinit gelangt: 
„(£s ginge wobl, aber es gefjt bodj nidjt" wieber um* 
fefjrt, unb fiefe auf eine fetyr fajlaue Sfikife aus ben $uerft 
behaupteten Xfeefen — tbre totale Unljaltbarfett einfefjenb — 
fyerauSzuwitfeln fudjt. @o z- 93. will er bie Jrage löfen, 
worauf baS (£igentljumSred)t beruhe. 3)aS gefdnefjt in folgenber 
SBeife: 

„Me§ edjte, b. b. nwralifcbe (£igentbumSred)t grünbet fidj 
urfprünQlid) einzig unb allein auf Bearbeitung ber $)inae, nid&t 



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tieS Selttoetfen @#openbauer. 



333 



auf erfte ©efifcergreifung. $>enn mie iottte bod) bte blofee 
(Srfläruna, meines Sittenö, vlnbere Dom ®ebraud)e einer Sadje 
au§$ufd)ltefeen, fofort aucfc ein 9ied)t baju aeben ? Offenbar be* 
barf fie felbft erft eines 9fed)t§a.runbe$. (£8 fann gan$ u«b a«r 
feine r e cf) t( id) e Söefi&ergretfung geben, fonbern gan$ allein 
eine red)tlid)e Aneignung, Söefifeerroerbuna ber ©adje, bittet 
SSerroenbung urfprüugtitf) eigener Gräfte auf fie. 2öo nämltd) 
eine ©ad)e burd) irgenb eine frembe 90h"tfje, fei biefe noef) fo ficht, 
bearbeitet öerbeffert, bor Unfällen gefdntfct, bemabrt ift, ba ent* 
jietjt ber Angreifer foldjer ©adjje offenbar bem 9lnbecn ben dhrfolg 
feiner barauf berroenbeten $raft, läfet alio ben Seib ^ene§, flatt 
bem eigenen, feinem SBillen bienen, beja&t feinen eigenen Söttten 
über beffen Srfdjetnun^ binau§, bis jur Verneinung oeö fremben, 
b. f). tbut llnrec&t. hingegen blofcer (SJenufe einer (Sadje, of)ne 
alle ^Bearbeitung ober ©idjerfteüatng berfelben gegen 3erftörung, 
gibt eben fo roenig ein fttedjt barauf, rote bie (rrflärung feinet 
2öitten§ jum TOembeftfc." (SB. I, 396 fg.; II, 682 fg. @. 188. 
£>. 146.) 

Qn ber golge fommt bem ®ebanfenfunftler biefe ^Infidjt 
über ba$ (£igentf)um in Slnbetradjt feinet eigenen (£api= 
tal3 fclbcr fct)r bebenflidj oor; er ftfct in Jranffurt, betreibt 
an sinnfälligen üDconatStagen bei feinen Staats* nitb 
buftriepapieren fein ©djntttroarengefdjäft, tnbem er bie 
(£oupon£ fäuberlid) unb forgfam oon ben (SouponSbogen fjerab= 
fdjnetbet, roofjnt comfortabel, pflegt feinen fterblidjen £eib, 
frü^ftücft gut, igt gut unb genug, trinft fein £fjeil; banft bem 
Söubbfja, baß fein -f)err $apa feinen (Eomptoriften, bie bod) 
baS metfte für tfjn arbeiten mußten, fo oiel ($elb fjerab- 
gefdjunben fjat (roofür biefe ©omptoriften au» natürltdjer 
4)anfbarfett.ba$ (56efict)t be3 alten Parpar mit einem Slffengefidjt 
oerglidjen fjaben, worüber fein (Sprößling fid) nid)t einmal 
aufhalten fonnte, fonbern in biefem 33ergletdj nur einen ißeroete 
für fein ©Aftern ber ^ßaotanabftammung belobt unb anerfannt 
finben mußte), lebt ntdjt oon feinem § onorar alletn, auf 
meldieS er at£$o(n für feine Arbeit ein Üicc^t befaß, fonbern 
äumeift oon bem (Srbtfjeil feines 93ater3 (roaS er felber 
banfbar eingeftanben, inbem er ben „Sttanen" be$ ?Uten einen 
f)alb alrrbmifcfyen, Ijalb bubblnTtifdjen 9tad)ruf in baSüttanen- 
reid), in roeldjeS fidj ber 2llte, bte SDefperationSpfn'lofopfyie 
feinet (Sprößlings praftifdj antieipirenb, felber herüber mani= 
firte, nadjgefenbet fjat), fümmert fidj praftifdj einen blauen ^lunber 
um bie oon ifjm tfjeoretifdj auSgefponnenen (äKgentfwmStfjeorieen ; 



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334 



tniffologte unb ^fiffotogte 



— nur, menn er oon ©c^uup^Uofop^cn, oon ben oerhagten 

^rofcfforcn mit bcn Uebelftänben feiner logifd&cn ©ntuncflung 

in bie @nge getrieben mirb, ba fängt er an, nach einiger geit 

einjulenfen, um, wenn er roieber roegen feiner 2Biberfprüche 

gepaeft roirb, fagen ju fönnen: %a, man mufc bei mir 21 lies 

lefen, nicht eines unb ba£ anbere ^erauäreigen, meine SBerfe 

erflären fidj felber u. f. to. — $)as ift fo feine unb feiner 

Odjüler SBertheibigungSmanier, trenn bie ^araborieen be§ 2tteifter$ 

aufgebest werben. 

©o macht er e3 auch fytx, inbem er in einer anbern (Schrift 

((£tl)if 188) über bie Sdnmerigfeit ber (Srfennung be$ ethifchen 

IKechtS in bem auf pofitioem SKecht begrünbeten 23eftfc feljr 

^ahm, fehr öorfidjtig, fehr focialtftenfürchttg unb eiferne^affe* 

hüterifd) feine früheren, ganj unhaltbaren $lnfid)ten 311 benötigen 

fucht! (Sr beginnt: 

„$)ie rein ethifchen SRotiöe jur (£fjrlicf)feit fönnen meiften* 
theil£ nur nach einem meiten Umroeg ihre ^nroenbung auf 
ben bürgerlichen 53eftt} finben. ©ie fönnen nämlich fich aunächft 
unb unmittelbar allein auf ba§ natürliche 9?ec^t belieben; auf 
ba§ öofitiüe aber erft mittelbar, fofern nämltch jene§ ihm ju 
®runbe liegt. 3)a§ natürliche 9ted)t aber haftet an feinem anbern 
(Sigentfjum, als an bem burch eigene 9Kübe ermorbenen, burch 
beffen Angriff bie barauf üerroenbeten Gräfte be§ 53eftfcer§ mit 
angegriffen, Ujm atfo geraubt roerben." 

$n biefer Seife arbeitet er lange fort, um ben SBeroete 
liefern ju fönnen, bafc e§ eine mabre 9Jieberträchttgfeit märe, 
in feine $affe einzubrechen. $)enn ba$ ®elb ift fein ($ott — 
unb ohne feinen ($ott leben, ba§ will er nicht. 

125. (fr Ijaßt bie <8>efdrtä;te. flant reine Üehanptimgen auf 
mUtifdft fügen, £eine kalöflalen UHiberrnrndje betreffs ber 
JFretjjeit bes ptenfdjen. £etne Ijaltlule ßtljtk. £ein Softem 
nnr für 0e^enbe. £eme £nöfl nar ber GTamriUe, melöje 
immerbin nadj bnrnj geitstim im 3a«me gehalten merben 

könne nnb fülle. 

SBenn er beftrebt ift, feinen Atheismus unb feine Wloval 
ju oertheibigen, fcheut er auch ntöjtr bie aüerblöbeften geitungS* 
lügen ins treffen gu führen, menn biefe bura) grünbtiche gorfdjer 
auch fchon längft nriberlegt finb. 



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be$ Scltroctfcn (Schopenhauer. 335 

„$)ie SSerroebung ber Sftoral mit mtitbtfcben Dogmen in ben 
pofttioen <$lauben§lebren — roetd^e SBermebung ieber pofitioen 
®Iauben§Iebre tbre grofje ®raft gibt — bat sur §o!ae, bafe bie 
©laubigen bie SDßoral bon bem mit ibr berroebten 2Jfytbo§ niebt 
mebr ju trennen bermögen unb nun jeben Angriff auf ben S0tytbo§ 
für einen 9lng,riff auf 9fecbt unb Xugenb anfeben. 3)te§ gebt fo 
roeit, baf$ bei ben monotbeiftifeben Sölfern 2ltbei§mu§, ober 
ÖJottlofigfeit, ba§ ©tmontom Don $lbmef enbeit aller 2Kora = 
lität geroorben ift. $)en Sßrieftern finb folt^e $Begriff£bermecbfe= 
hingen roillfommen, unb nur in fjolge berfelben fonnte iene§ 
furchtbare Ungebeuer, ber ganatt§mu§, entfteben unb nicht 
etroa nur einzelne berfebrte unb böfe ^nbtoibuen, fonbern gan$e 
Hölter beberrfeben unb iulefct, roa§ jur @bre ber s D£enfcbbeit nur 
(Sin 2RaI in ibrer (Stemjtcbte baftebt, in biefem Occibent fidj al§ 
^ n g u i f i t i o n berf örpern, roelcbe in SRabrib allein in 300 ^abten 
300 000 Sföeni eben, ®Iauben§facben halber, auf bem Scheiterhaufen 
aualbott fterben liefe." (®. I, 427, Slnmerf. @. 262 fg.) 

$Benn er fidt} nur bie flehte Oflüfje genommen ^ätte, in bie 
Ijtftorifdje Literatur über bie ^nqmfition (Sinficht gu nehmen: 
§efele, Äarbinal XimeneS (beutfa)), fo mürbe er bie gerabemegä 
unfinnige unb blöbe i*üge, e£ feien in (Spanien in 300 fahren 
300 000 Ottensen (Glaubens falber auf bem @djeiterf)auf en ber* 
brannt roorben, bielleid)t nid)t nachgebetet Ijaben. 

5Bir fagen bielleicht: benn auf fyelfenbe ßügen unb (£nt= 
ftellungen gur ^örberung feinet ©oftemjmecfeö ift e$ iljm auch 
nidjt angefommen. 

©cfyon im oorigen ^a^r^unbert ift eine (Schrift erfa^ienen, 
meldte bie blöben gügen über bie fpanifche ^nguifition ins redete 
Ctc^t ftelit. (3. föeufe: (Sammlung ber ^nftrufrionen ber 
fpanifchen ^nquifitton^gerid^te. 2lu3 bem (Spanifajen. 9ttit 
einer fehr intereffanten 53orrebe bon S. ©pittler. §annober, 
1788.) Ehrenhafte unb roahrfjaft $tftoriföe ^roteftanten 
haben alfo fdjon im $al)rtjunbert ber mütljenben unb »erlogenen 
Slufflänmg ben Sljatbeftanb auredjt geftellt. 

Weht umfonft fjat fia? ber philofophifcfje ßünftler fo oft 
gegen bie ®efa)idjte auSgefprochen ; er conftruirt fict) erft alles 
felber, nrie er e$ brausen fann. 33om 2öerfe (SljallonerS, 1 ) 
in bem bie graufamfte £obe$ftrafe (mit SMertheilung an 200 



*) ©enfroürbigfeiten ber SWtiftonäpriefter unb anberer tatholifen, bie 

in (frtglanb ihrer ^Religion wegen ben Xob erlitten haben. 9fa3 bem ©ng= 

lifchen beä «tfchofS Dr. «. (ftattoner. 2 Sänbe, ©ebimingb, ^aberborn 
1852. 



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336 



Äniffologte unb s #fiffologte 



^rieftent in (£nglanb unter ölifabetf)) nur beShalb ooll^ogen 
würbe, weil fic fatfjolifen bic ©aframente fpenbeten, meig ber 
grojse (Mehrte nichts, oon ben ©räueln bcr 2llbigenfer, an 
fatfjolifen oerübt, weifj er auch nichts, unb ba finb boch bie 
®emorbetenrein wegen ®laubcnSfachen fdjaffotirt, in Vrunnen 
geführt unb graufam umgebracht Worben. 

(Schopenhauer ^at bura? feine fecfe£üge über bie fpa* 
m'fdje $nquifition gezeigt, baß feine ©tfyif ebenfo ein ©chwinbel 
ift, wie fein ganjer ^ßefftmiSmuS unb Atheismus. 

SBie er es im £eben gemacht, fo auch in ber ©efchiäjte. — 
CDtc i^atfac^e mit ber -äftarquet mu§ beSfjalb ebenfo oft 
wieberholt werben, fo oft fie als eine C£rflärung feines wüthenben 
35erfa^ren§ in ber fünft feiner ^ljüofopljte oerwenbet werben 
fann! 2luch bie Z$atfa$ett ber ($efchi<hte, bie ihm jumiber 
finb, behanbelt er auf bie gleite gemeine, wütf)enbe unb tölpel- 
hafte Jöeife, biefe „reine <5eele", bie, wie fein erfter 5lpoftel 
fo fdjön oon berfelben fagt, „wie ein gefränfteS finb buräys 
lieben gegangen ift!" 

Veim 9fleifter unb bei feinen Slpofteln ber gleite ©chwinbel, 
bie gleite (Sntftellung ber Shatfad?^ gleite Verlogenheit. 
(£ine ähnliche Verlogenheit, bie mir aus anberen feiner $luS* 
laffungen über basfelbe Ztyma nadnoeifen werben, manifeftirt 
er in bem Verfudj: „ $)ie llnoereinbarf eit ber greift mit bem 
XheiSmuS" nachjuweifen. tiefer XheiSmuS mit allen feinen 
(Sonfequenjen liegt beftänbig wie ein Sllpbrücfen auf feinem 
£>er$en. (£r phantafirt: 

„3)em £beiSmuS suwlfle ift ber Sötenich feinem ganzen ©ein 
unb SBefen (Existentia unb Essentia) nach baS 28er f (SJotteS. 
Mein, wie fotl man ftch öorfteHig machen, bafe ein Siefen, welches 
ieiner ganzen Existentia unb Essentia nach baS SSerf eines $lnbern 
ift, boch ftch felbft uranfänglich unb öom <$runb auS beftimmen 
unb bemnüch für fein Xhun berant wortlich fein fönne? $lu£ bem 
(3a& Operari sequitur esse, b. b- bie Söirfungen iebeS SßefenS 
folgen auS feiner Vefchaffenbeit, ergibt ftch, bafe ber Urheber feiner 
Vcfcfcaffenbeit auch ber Urheber ieiner xöirhingen, ober ftanb* 
hingen, unb als folcher für biefelben öerantwortlich ift. Xöenn 
eine fchlecbte ftanblung auS ber Statur, b. b- ber angeborenen 
Vefcbaffenbett beS SKenfchen entiprtngt, fo liegt bie ©chulb offenbar 
am Urheber biefer üftatur. SBaS würbe man oon bem Uhrmacher 
jagen, ber feiner Uhr jürnte, weil fie unrichtig ginge? Ohne 
Slfeität ift bie Sreigeit unb Verantwortlichkeit unbentbar." 
«£. 71 fg. I, 135; II, 252.) 



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be« SBclttocifcn (Schopenhauer. 



Diefer Söergletdj beS UfjrmadjerS mit ber Uljr, als ®leidjung 
(Rottes mit ben SRenföett, ift total mißlungen. $)aS 
jua^r^aft ßomifcfye liegt aber in folgenbem Umftanbe. ©ajopen* 
Iraner behauptet, ber 2ttenfdj als Kreatur (Rottes fönne leine 
greifet, fomit aua) feine 23erantwortlidjfeit Ijaben; ba follte 
man nun bod) offenbar auf ben oon ©djopenljauer gewünfdjten 
©crjluft geraden, ber SWenfd), als ^idjtgefd)bpf (Rottes, ber 
fei ber §elb ber wahren ftreiljeit, unb biefe wafjre Jrei= 
t>ctt fei eben nur im SltbeiSmuS begrünbet. 9hm ftellt aber 
ber Sltljetft ©djopenfjauer nadj bem famofen Xraum feiner Oflagb, 
oon wegen beS £intenfaf$auSfd)ürtenS, febr entfdjloffen, ent* 
fdjteben unb fraftooll bas 2lj:iom auf: SllleS, was gefd)iefjt, 
baS muß gefdjefjen, es gefd)iebt aus 9totbwenbigfeit. ©omit 
will er bie Jreifjeit im SfjeiSmuS abfolut oerleuguen unb 
fpinnt felber aus feinem % tfjeiSmuS wieber bei einer anbern 
pfjtlofopljtfdjeu tünftlcrlaune bie abfolute 9iotfnoenbigfeit 
aua) für bie Sltfjeiften fjerauS. 

öier erleben wir aber ben ^usfprud): Dfjne Stfeität (b. f). 
bie ©elbftbeftimmung, ©elbftwefenfjeit, bie nur bem Streiften 
jufommt) ift bie Jreifjeit unb23erantwortlia}feit unbenfbar! 

s Jiod) oiel beutlidjer fudjt er bem Reiften bie edjte Sillens* 
freifjeit $u oinbiciren (in 353. II, 364. % I, 68). 

„?lteität ift gletcbbebeutenb mit greibeit, b. b- Unabhängigkeit 
Don einem 2Inberen, fomobl im ©ein unb SBefen, als im $bun 
unb Söirfen, SNtcbtunterworfenfein unter ben ©afc üom ÖJrunb. 
Sie fann baber nicht ber (Erscheinung, nod) aueb einem gefdjaffenen 
2öefen aufornmen, fonberu allein bem uriprünaUcben, auS eigener 
Urfraft unb äflacbtboüfommenbeit (Eyiftirenben, bem $ing an 
f ich, bem SSidcn." 

ferner (in 9t. 142. (£. 72. % I, 68. 135): 

„Freiheit unb SBerantmortltcbfeit aller (Etbit laffen 
fid) ohne SßorauSfefcung ber Slfeität beS SBiUenS wobl mit 
SBorten behaupten, aber n i er) t beuten. SBerantwortlicbfeit 
bat Sreibeit, biefe aber llrfprünglicbfeit äitr ©ebingung. SUeität 
ift atfo bie erfte SBebingung einer ernftlid) gebauten iifyit s ilb= 
hängigfeit bem ©ein unb SSeien nach, oerbunben mit greibeit bem 
^bun nad), ift ein Söiberfprucb." 

SBir Ijaben t)icr nun in $lnbetraa)t ber früher oon ©djopen* 
hauer behaupteten Sftotljwenbigfeit alles 311 ®efdjef>enben 
ben ©piefs, mit bem ber 3Beltweife bie oon ®ort gefa^affene, 
geiftbegabte Kreatur iljrer greibeit berauben möajte, auf fein 

©runtur, fiitlffoloßte unb ^fiffolofltc. 22 



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Äniffologie unb ^ftffotogie 



ganzes ©Aftern überhaupt ansuroenben unb fagen: ©djopem 
ijauers Slfettät bes Sillens, ofyne einen ©Töpfer als Seltgrunb, 
läßt ftdj tootyl mit Korten behaupten, aber ntc^t be* 
roetfen. Senn ber Selttoetfe fein ,,9ttdjtuntem>orfenfein unter 
ben (5afc oom ©nmb" alleroeil als ben Ouelt feiner ©t^tf 
behauptet, fo liegt ber ©runb biefer Söeljauptung eben nur in 
feinem oerfeljrteu Sillen, bem ein fief) felbft erfennenber 
unb erfaffenber Seltgruub jumiber ift; er glaubt in feiner 
©telfcit unb ©elbftfudjt lieber an f tet) felber unb an feine 
^Behauptung, als an ©Ott unb feine Offenbarung. (£r madjt 
fidj sunt Ouell ber wahren Offenbarung unb toill biefen, aber 
oorftchtiger Seife, nidjt ber ganzen Seit hinauf btSputiren, 
fonbem nur ben luofjlhabenben Staffen; für bie armen 
Üeufel, meint er in feiner maßlofen jeigheit, ba fei nodj 
bie Religion als fapsaum gu oermenben, um bie 
„©djufte unb Canaillen", wie er bie ihm fer>r unangenehmen 
s ßroletarteratheiften in Jranffurt taufte, im ©ehorfam gegenüber 
ber beftehenben, ben Söefifcenben unb fajritaltften fetjr günftigen 
Orbnung §u erhalten!! 

Senn ihm bie folgen ber öon ihm fo genannten Satyr* 
hett, b. b. beS oon itym proflamirten SlthetSmuS, an ben tragen 
fommen, ba finbet er: baß feine Sahrheit nicht für $llle, baß 
fie nicht für baS 2Mf taugt. — $)arum folten auch für baS 
SBolf noch (Sibe mit Berufung auf ©Ott im ©ebrauch bleiben; 
er felber geftetyt ja bamit boc| ein, baß bie $lnbad)t 511 feinem 
abgefdjmierten unb verräucherten 33ubbtya für bie ©ttyif beS 
Golfes fer)r ungeuügenb wäre, unb baß baS SBolf mit ber Slfeität, 
mit ber Freiheit ohne (Schöpfer, ohne baS ©efüfil ber creatür- 
liehen Slbhängtgfeit für bie 93efifcenben (weil biefe Freiheit oon 
ber „ßanaille" unb ben „©Ruften" niebt in (Schopenhauers 
Auslegung aufgefaßt werben bürfte) bodj außerorbentlid) 
nuberwärttge Erfahrungen matten müßte. 

9htr nicht biefe ^rofefforlogif unb feine focialgefdjidjtlidjen 
Sonfeguenaen! (£r freut ftch oft über baS Umfichgreifen feiner 
^tyilofoptyie unter beftftenben Dilettanten, aber beim bummen 
SBolf !önnte biefelbe ju einer fetyr unangenehmen (£pibemie 
werben, welche bie §abe ber 23efi$enben tyinrafft. Unjätylige 
3M tyat er fein ©Aftern als bie einzige Sahrheit »er* 
fünbigt, unb eben fo oft muß man es feinen Verehrern im 



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be$ SBettmcifen <S#opent?auei\ 



339 



Wechenexempel oorhalten, bafs ber (Glaube ber 53efiftenben au 
biefe ©ahrheit fetner $eit bura? beufelben Glauben ber 
9Hd)tbeftfcenben an bicfe ©ahrtjeit eine gewaltige 
(Srfdjtitterung erleiben wirb unb muft. 

12«. Jttttü (bebet, ob e$$oli, Sftlein ober rin Jibol ((inen getrimmten 
<Sott) anbetet, ift Jtbolatrte, — ^rfFOoenbouer^flnbetnng nitro mit 

glergnitgen rontrotirt. 

lieber bie conftituticneücn dürften bringt er (in % II, 273) 
golgenbeS: 

„'Die conftitutionellen Surften haben eine unläuabare Slebn* 
licbfett mit ben Göttern beS ©pifuroS, als meiere, obne ftcb in bie 
menfcblicben Angelegenheiten ju mifeben, in ungeftörter ©eligfeit 
unb GtemütbSrube ba oben in ihrem Gimmel fifcen. (Sie finb nun 
ober ein mal jefet 9Jcobe geworben , unb in iebem beutfeben 
2)uobeifürftcntbum wirb eine ^ßarobie ber englifeben S3erfaffung 
aufgeführt. AuS bem englifeben ©bnrafter unb ben engliicben 
SBerbältniffen beroorgeganaen finb bie conftitutionellen <j° rmcn 
bem englifeben SBolfe gemäß unb natürlich; eben fo aber ift bem 
beutieben Söolfe fein ®etbetltfein in Diele ©tämme, bie unter eben 
fo Dielen, wirflieb regierenben dürften ftetjen, mit einem ®aifer 
über OTe natürlicb, weil auS feinem (Jbarafter unb feinen 23er* 
bättniffen hervorgegangen." 

.(Schopenhauer finbet einen faifer über ^lüc in $)eutfa> 
lanb natürlich, weil aus bem C£r)arafter unb ben SBerljältmffen 
beS beutfdjen SßolteS hervorgegangen. SGBie er aber überall bem 
(#runbe aus bem SBege geht, fo auch in ber ®ef dachte, ©er 
hat beim baS römifa>beutfche bleich gegrünbet? darüber muß 
bie ^hilofopbie fa?weigen, es waren ja Pfaffen bie ,§aupt* 
grünber, unb oon benen barf weber was ®uteS, noch was 
$efcheibteS, noch was Naturgemäßes anerfannt werben. 
Aber bieS römifa>beutfche föeicb fjat bei allen ©irren im 
$nnern unb allen Anfechtungen oon klugen boch burch einen 
feften $itt ein ^afjrtaufenb jufammengehalten. $)as 
fchon £u (Schopenhauers Qeiten (fchon 1848 in ©cene gefegte 
unb in AuSficht geftellte) neue beutfehe Oteich follte boch, weil 
auf philofophifch'politifcher 53afiS gegrünbet, länger bauern, als 
taufenb $abre, weil wir aber einerjeits nicht ju ben oom neuen 
Deutzen föetdj gefalbten Propheten gehören, auch anbererfeits 
burchauS nicht als reichsfeinblich oerfchrieen werben 

22» 



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340 tfniffologie unb ^ftffologie 

meßten, unb bei unferen weajfelooüen Reiten ntdjt einmal 
nnffen, roas in 1000 £ageu, oiel weniger mas in 1000 $aljren 
gefdjefjen mirb, fo biirfte es fomof)l für uns als aua) für ftnbere 
am beften fein, lieber baS taufenbjäbrige föeid) abzuwarten, als 
uns in ber ®egemoart mit irgenb einem pro ober contra 
$u blamiren." 

(£s ift erftaunlidj, mit welcher ©cjjlagfertigfeit ©djopenljauer 
baS „®ebet" abtaut! — ftreilid) gliebert er and) fjier toieber 
nur feinen 9tteifter Äant aus, siefjt fdjärfere ©onfequen^en als 
Äant, gerirt fid) aber babei als £)riginal*@rfinbcr. 

$ant fagt: 

„DaS 93eten als ein innerer, förmlicher ©otteSbienft unb barum 
als (Smabenmittel Qebactjt, ift ein abergläubifeber 2öabn (ein Setifd) 
madjen), benn eS tft ein blofe erflärteS 233ünfcben gegen ein SBefen, 
baS feiner (Srflärung ber inneren ©eftnnung beS Sßünfcbenben 
bebarf, tooburd) alfo nichts getban unb öon uns alfo feine bon 
ben ^Sflicbten, bie unS als Gebote obliegen, ausgeübt, mithin ®ott 
mirflicb niebt gebient roirb." 

$ant fdjliejst feine merftoürbige aus feinem ffepttfdjen (Snftem 
fyerauSgefponuene ^idjtpflicfytenlefjre mit bem <Sd)luf3: 

„S)aS ®ebet fann baber niebt für 3ebermanu eine 
»fli*t fein." 

$)aS SBofjer? ift aber eben bas Uuenoiefene; baS 
rooljer, b. Ij. ber ($runb, warum bas ®ebet nidjt ^ßflidjt "fein 
foll, ift eben nur eine 53efjauptung Äants! 

5luf biefeS t)aI6c unb nodj etwas fdjeu unb furdjtfam §in* 
geftettte: „9Hd)tpflid)tfein beS ®ebeteS" fommt <Sd)open= 
fjauer allerbingS in feiner Gonfequena oiel ftärfer $u fpredjen; 
er fpielt bie lefcte ©tidjfarte beS SltljeiSmuS aus (in $.11, 405): 

„Ob man fidj ein Sbol maebt auS £>o!j, (Stein, Metall, ober 
eS äufammenfefct auS abftraften gegriffen, ift einerlei: e§ bleibt 
3bolatrie, fobalb mon ein perfönlicbeS SSefen bor fid) bat, 
bem man opfert, baS man onruft, bem man banft. SS ift aud) 
im <$runbe fo üerfebieben uiebt, ob man feine ©cbafe ober feine 
Steigungen opfert. Seber ÜiituS ober ®ebet geugt unwiberfpredjtid) 
oon Sbolatrie." 

(Sdjon wieber eine fetfe 23ef)auptung nadj ber anbent. 

1. Der perf online ®ott ift naä) ber djrtftlidjen ?eljre niebt 
aus abftraften Gegriffen aufammengefefet, benn ®ott als SBelt- 
begriff ift eben fein perfönlidjeS Sefen, fonbem nur ein ©djema; 



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fceS SBelttteifen Schopenhauer. 



341 



fomit ift aud) ber (Schlug : es bleibt $bolatrie, total um 
begrünbet. 

2. 9iadjbem ber oon <2>djopenl)auer früher als SBelt begriff 
bejeidjnete ©Ott gar fein perfönlidjer ©Ott fein fann, tft fein 
€>djluf$: fobalb man ein perfönlidjeS Siefen oor fidj Ijat, 
and) fdjon nrieber total unbegrünbet. 

3. SGBenn <Sdjopenl)auer fagt: (£3 ift audj im ©runbe fo 
oerfd)teben nidjt, ob man feine Schafe ober feine Neigungen 
opfert, fo erflärt er burd) biefen 9lu3fprudj feiber feine ganje 
<£tl)if unb SlSeetif, mit weldjer er fo oft fyerumflunfert, als 
ben erbärmlidjften unb unljaltbarften ©djwinbel. 

4. jDer ©djlufj: $eber 9tftu3 ober jebeS ©ebet jeugt un» 
nnberfpredjlidj oon Qbolatrie, ift nrieber eine total fredje 
SSeljauptung, bie burdj baS Sort unnnberfpredjlidj jebem 
«icr)t ©djopenljauerianer ba$ s DZaul galten fdjafft; alfo aud) 
tn'er nrieber bie gftedjljeit be$ 2lt()ei$mu$ unb ber ©rößemoalju 
feinet %anari$mu$. 

5. Stenn jebe3 ©ebet ein 3 eu 9 IU 6 f ÜX Qbolatrie ift, fo 
foüte bodj in ber ^ilofoptjie @djopenljauer3 oom ©ebet aud) 
feine Ütebe meljr fein, unb bodj gibt e£ aud) nadj ^djopenfjauer 
nrieber ein ©ebet unb gtoar ba$ allerfdjönfte, $n ®- 236 
fjeifjt e$: 

„(53 at6t fein fdjönereS ®ebet al£ ba3, womit bie altjübifdjen 
©djaufpiele (tote in früheren 3eiten bie englifdjen mit bem für 
ben Äönig) fdjltefcen. G§ lautet: 9Kögen ade Ie6enben SBefen 
t)on ©cfcmeraen frei fein." 

©djopen flauer nennt r)icv einen fentimentalen, weil total 

nuftlofen SBunf dj ein ©ebet. SGßenn es feinen felbftbewujsten 

©Ott gibt, fo fann e$ ja audj fein ©ebet geben ; unb wir fyaben 

e$ aud) f)iw wieber mit einer ber geroöfjnlidjen (Sdjopentjauer* 

fdjen ©pradjfdjwinbeleien ^u tfjuu! 

127. <8>ebankenfreit)ett unb Pafimeniwanö. &tnbe0litrn 
gefrört rdpm bem gtlretmue. Um bert <5rnnb be*$tljet0mK8 
ift keine #r«öe erlaubt, man muß boran «law ben. Pie oijne 
Hingen keine ilerbanuna, fa oljne $trn kein ®ebanke. 

Ueber bie ©ebanfenfretljett fagt er (S. II, 207): 

^cr ©ebanfenfrei&eit ftebt nidjt§ fo binberlidj im SSege, al§ 
ber Swang, ben bie Dogmen ber iebeSmal tjerridäenben ßanbe^ 



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342 



faiiffologte unb ^fiffologie 



religion auf ben ®eift ausüben. 9ftcf)t atiein auf bie ttt&eilung 
ber GJebanfen, fonbcrn auf ba£ teufen fcXbft erftrecft ftc& jener 
3wang baburcb, ba§ bie Dogmen bem sarten, bilbfamen, Der* 
trauenSbotlen $inbe$alter fo feft eingeprägt werben, bafe fie mit 
bem GJefjirn üerwadjfen unb faft bie vktur angeborener ®ebanfen 
annehmen." 

Sdjluft biefer S djopenfjauer- Lamentation nadj feinen 
SBünfdjen: „gort mit allen d)riftlid)en Dogmen. Laßt bie $inbeS= 
|irne mit meinem Sltfjetemus oerwadjfen, baß meine Doftr in 
faft bie OJatur angeborener <$ebanfen annehme!" Diefer ©djluß 
muß bodj offenbar au* allen fonftigen Mlagen unb ©iinfdjen 
fjerauSgefolgert werben. 

Jretlidj befommt bei folgen $elegenbeiten ber Seitweife felber, 
im 9tadjbenfen über bie folgen feinet 'JJeffimiSmuS, wenn er 
in$ 33olf nieberfitfert, feine ängftlidjen iöebenfen wegen fetner 
etfernen $affe, feiner Sertfjpapiere, feinet täglid)en SanbelS in 
bie feine s JJeftaurarion $ur Table d'höte, wo er fidj oon gremben 
wegen feinet überaus auffallenben, geift= unb tfjateiwerfünbenben 
@ejid)te3 bewunbern lägt, unb er fpricr)t wieber ganj fleinlaut 
ben 3Bunf<f> auS: §ür baS gemeine 93olf ift bie Religion fdjon 
nod) gnäbtgft beizubehalten, benn es ift mit biefeu @ Ruften 
unb Kanaillen bod) fein ®pa§ ju madjen, fie fönnten meine 
^^tlofop^ie unredjt (eigentlidj redjt) oerftefjen! 

Senn er nun, wie wir erft gefefjen Ijaben, einmal bie 
®ebanfenfreifjeit oerfünbigt, fo oerfünbigt er ein anbermal 
wieber bie 9taturuotf)wenbigfeit, unb ba gibt es alfo gar 
feine (#ebanfenfreil)eit, bas finb eben $ünftlerlaunen ; 
er fjat beSljalb fdjon fdjlau feine "ißfyilofopfjie beS wi ffenfdjaft* 
lidjen (Sljarafters entf leibet unb f elbige ein $unftwerf ge= 
nannt, — nun, bei Äunftwerfen für Dilettanten (bie mit 
befonberS $ärtlia)er 9iiicffict)t auf biefe Dilettanten gefdjaffen 
finb) barf mau mit bem pebantifdjen Sflaßftab ber tfogif 
unb ber Sonfequenjenforberung ntdjt fyeranfommen ; ber ßünftler 
ftellt bie 5lnforberung, man folle nur ben ©inbrucf feines $unft* 
werfet .in fidj aufnehmen unb jebeS weitere ^aa^grübeln barüber 
unwiberfpredjltd) oermeiben. 

#ören wir ben ftünftler über ®ebulb (% II, 473): 

„Um unter 9Wenfa)en leben ju fönnen, müffen wir Sieben mit 
feiner gegebenen Snbibibualität ertragen lernen, ftierju ift nun 
gut, feine ®ebulb an leblofen (JJegenftänben ju üben, welche 



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be£ iffleltweifcn @d)openljauer. 



343 



üermöge mcdjaniic&er ober fonft pfwfticher 9?otfjn)enbicjfeit unferm 
Zfymx ftch bartnäaifl miberfefeen. $>te bajburä) erlangte ÖJebulb 
lernt man nadtäer auf Sfcenfcgen übertrafen, inbem man ftch ge* 
roöfmt beuten, bafc auch Tie zufolge ftrenger Dcatur* 
notbroenbigfett fo f in b unb banbeln, roie f t c finb unb 
banbeln." 

Sonberbar: wenn nun bas ©ein unb ^anbeln unter 
beut unbesiegbaren 3 wa «9 e btt „ftrengen 9toturnothroenbigfett" 
fteht, fo mug ja auch ba£ Denfen, bie $Öur^e( be3 ^anbete, 
unter biefem ^loange ftefjen, unb wenn e£ feine §anbeln3* 
fr ei hei t gibt, fo gibt e3 confeguenter SÖeife auch feine Denf; 
freiheit; fomit ift entweber bie früher proflamirte Denffreifjeit 
ober bie fpäter proflamirte ftrenge Otaturnothioenbigfeit, b. fj. 
bie §anbeln3* Unfreiheit, ein fünftlerifcher Sdjnnnbel! Die 
leblofen 28efen wirfen burdj mechanifdje Kräfte eben fo 
naturnotfjioenbig auf un£ ein, als bie lebenbigen üBefen 
(ben üflenfdjeu natürlich mit inbegriffen) in ftrenger 9totur* 
nothtoenbtgfeit auf uns eimoirfen. Sie tf)un eben, ioa$ fie 
tfjun müffen, unb fie tonnten nid)t anberS ^anbeln, menn 
fie es audj wollten, benn gegen bie 9caturnotljwenbigfeit nüfct 
fein Slnfämpfen, ba heißt e$ in ©ebulb unterliegen! 

Refill tat. Die Schopenhauerfche Kunftpfjilofopfne ift aufs 
prüfen mit logifchen föcagenaien nicht eingerichtet. Der 
Atheismus ift nicht ein (Glaube wie ber Glaube an ©Ott, 
benn beim (Glauben an ©Ott fann man nact) be$ SlpoftelS SBort 
über bas Stffen um ben ©runb be$ ©laubens nachforfdjen, 
unb bieten ©runb in ©cbanfen erfaffen, bei ber (Schopenhauer * 
fdjen Kunftphtlofoplne aber barf man um ben legten ©runb 
nicht einmal fragen, biefe Jrage fyat ben lebenben Künftler 
ebenfo in .ftarmfeh gebracht, ate bie noch lebenben ^poftel, ihrem 
s JOieifter getreu, ftdj auf bie oerfängltcbe 5 ra 3 c n M)t em? 
laffen wollen. Der (Glaube an ben Sdjopenhauerfchen 
Atheismus ift fomit ber echte Köhlerglaube. 

Wach bem Seitweifen gibt e§ feinen ©Ott, fonbern nur 
eine $Mt, unb biefe ganje Söelt mufs fich in bie jwei philo- 
jophifch^n, oon ihm conftruirten Schachteln, SBorftellung unb 
Söille, ^metn^uänejen laffen. Die greifet bes ajcenfdjen erflärt 
er (oorauSgefefct, bafe ber 9Jcenfch einen Schöpfer als feinen 
tfebenSgrunb anerfennt), felbe fei affurat fo, mie bie Freiheit 
be3 Uhr werfet gegenüber bem Uhrmacher, ein Vergleich, 



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344 



Äniffofogie unb ^fiffologte 



bcn er (wie alles bas, was er gefdjrieben Ijat) für außerorbentlidj 
fdjlagenb unb geiftreidj fjält. 2öie es nun bei ifjm auger ber 
SBelt feinen ($ott geben fann, fo fann eS aud) außer bem §iru 
feinen ®etft geben, ®eift unb £)irn finb ein unb basfelbe. 

9tadj oteten Söefjauptungen, 93erwaf)rungen unb großen Un* 
gufrtebenljeitsäußerungen audj mit ben Hegelianern, beren mit- 
unter oerfdjleierten SUIjeiSmuS er mit (£iferfudjt anfajaut unb 
in einem fort burdj feinen total brutalen SltljetSmuS gu über* 
trumpfen trachtet, fommt er gum ©d)luß (20. II, 69): 

^eitn ein benfenbeS Sßefen obne (Sebirn ift wie 
ein berbauenbeS Söefen obne SJfagen." 

£)urdj biefen nidjt fefjr feinen $$ergleidj bringt ber 3Belt= 
weife feine gange ^fjilofopljte in eine febr unliebfame Situation, 
benn bann fann es einem ®el)trn wie einem üflagen ergeben; 
baS ®ebim fann ebenfo unoerbaulidje «Stoffe abfonbern, als 
ber üttagen, es fann ebenfo gut franfe §irne geben, als es 
franfe Üftagen gibt; ©djopenljauerS $ixn, b. I). alfo fjter fein 
©Aftern, will bie gange 28elt oerf Otlingen, in fid) aufnehmen, 
er fann fie aber nidjt oerbauen unb prätenbirt, baß feine £efer 
biefe oon ifjm unoerbaute $3elt als eine fdjmadfljafte <Speife 
fjinnefjmen Jollen; er präfentirt biefe gange SBelt in gwei 
<Sdjüffeln, inSBille unb SBorftellung, unb gibt fidj für ben 
erften, einzigen Seltfodj aus, ber biefe ©peife für bie gange 
2)?enftt)l)eit genußreidj gu bereiten oerftanben t>at. „Qu mir 
müffen fie am (£nbe fommen!" (SS gibt nad) feiner 53e- 
Ijauptung feinen fjirnlofen ®eift; bei btefer $M)auptung ift 
eS aber immer nod) möglidj, baß es ein geiftlofeS ^irn 
unb ein fjtrnlofeS ®erebe geben fann. 

2Benn eS ofjne §irn feine ®ebanfen gibt, fo ift bie gange 
3öelt, bas gange <5>ternenfi)ftem eine gebanfenlofe Ottadje, 
benn bie SBelt ift bodj fidjer oljne pixn conftruirt worben. 
"Da fefjen wir alfo bas fefjr finnretaje Söeltgebäube oor uns 
ofjne £)irn unb ben Ijödjft confufen llnftnn beS <5djopenljauer 
mit im. ©in etgentfjümltdjer %aU. Jpter fjat bie §Hrn* 
I of ig feit über ben §irnbefi^ einen glängenben ©ieg er- 
rungen! 

(SS erbittert ifm, baß felbft nodj bei ben Hegelianern 
Don ®eift gerebet wirb; feine Wlofopfjie ift bie abfolut geift* 
töbtenbe <ßbtlofopfjie. Unwillig ruft er aus «&. 86): 



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be3 SBeltweifen (Schopenhauer. 345 

„Ue6erbaupt ift biefer „(Seift", ber in iefciger beutidjer Literatur 
fid) überall berumtrei6t, ein burcfeauS oerbächtiger Ö5efeUe r ben 
man baber, mo er fid) herumtreibt, nad) feinem $afc fragen foH. 
2)er mit Seiö^ett berbunbenen (Sebanfenarmutlj al§ 9Jc*a§fe ju 
bienen, ift fein 6äufigfte§ (Semerbe. UebrigenS ift ba3 SBort „(Seift" 
befanntlid) mit bem Sßorte (Sa§ oerroanbt, roeldheS, au3 bem 
Slrabifdben unb ber Sllcltomie ftammenb, £)unft ober 2uft bebeutet, 
ebenfo roie audj Spiritus nvevfia animus oermanbt mit dve/tog." 

128. Per iltfitmeir« aejteljt felber, baß es „aiel Unfall unb 
Hirnaefpimtfle" in ber JWelt gibt, fninnt aber aletaj barnadj 
in feinem Jjirn, baß alles Henken nur im jjirnbrei möglich 
fei. &Uea tft ilnftnu außer reiner iJJjüafanbte. Unbehma bes 
galbenen falbes, gemeiß ben &tljei3tmts mit bem UubbljaismttS. 
£ein auößetramneteö „l&efertiair für maralifaje ©rmtbrafee". 
Argumentum ad hominem gegen feinen Ifabblja^djminbel. 

$n II, 111 unb ty. I, 12. 20 fprict)t ber ©elttoetfe 
in einer 3eile eme fd)roerroiegenbe 5Bar)rf)cit aus, meldjer mir 
bie mofjloerbiente s 2lnerfennimg sollen, unb bte e3 oerbient, mit 
fetten Oettern gebrueft 31t roerben; freilieft foll aud) btefe 5Bafjr-- 
fjett burdj eine oorangel)enbe unerroiefene Söefjauptung um 
ifjren 53oügcr)alt gebraut merben: 

,,^sn SBabrbeit aber gibt e§ roeber (Seift nodj Materie, tu 0 Ii 1 
aber Diel Unfinn unb ^irngefpinnfte in ber SBelt!" 

„$)a§ Stre6en ber Scfjmere im «Steine ift gerabe fo unerflär- 
lid), mie ba§ $)enfen im menfd)lidjen (Sebirn, mürbe alfo au$ 
biefem (Srunbe audj auf einen (Seift im Steine fdjliefeen laffen. 1 ) 
9?et)mt ilrr im SMenfdhenfoüf als Deus in machina einen (Seift an, 
fo müßt ihr audj jebem Stein einen (Seift jugefteben. 2 ) ®anu 
hingegen eure tobte unb rein paffioe Materie al§ ©djmere ftreben, 
ober als (Sleftricität anhieben, abftofjen unb Junten fdjlagen, fo 
fann fte auef) als (Seljirnbrei benfen. ünxh iebem angeblichen 
©eift fann man Materie, aber jeber SDcaterie auch (Seift unter* 
legen, roorauS fid) ergibt (?), bafe ber (Segenfafe falfch ift." 

<2>efjr fdjlau! @r madjt fid) (Gegner, mie er fie brausen 
fann, um f elbige nieberbtSputtren ^u formen, unb (Gegner, bie 



*) 63 fcheint, ber SBeltweife habe hier einmal gegen feine (Gewohnheit 
feine Behauptung, bafj e£ „oiel Unftnn unb ^irngcfptnnfie in ber 
2Belt gibt", bura) obigen Vergleich oon ©teinfehwere unb ®e= 
hirnbenfen ju bewetfen gefugt, wa§ ihm auch auSnehmenb gelungen ift. 

•) %fox müßt, ber ©eltwetfe befiehlt e3, — toeb euch, wenn ibr 
feinem Sommanbo nicht gehorchen wollt. 



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346 



ÄTiiffologie unb ^ftffologic 



boch nürflich eyiftiren, mit benen er aber im Äampf unterliegen 
würbe, bie ignorirt er oornebm! (£r apoftrophirt „(£ure 
tobte unb rein paffioe Materie." 303er finb benn biefe 
(Sure? .'paben nicht audj cr)rtftücf)c ^ß^tlofopr)cn ber Watur ein 
eigenem l'ebenSprincip juerfannt? Das berühmte Söerf über 
bie 9iaturfräftc oon ©ecdji (beffeu SBerf über bie (Sonne in 
ber aftrouomifchen 333c(t als eine ber geadjterften (£rf Meinungen 
anerfannt wirb), bas fchon 31t tfeb^eiten ^Schopenhauers erfchtenen 
mar, folfte er als ^^ilofopft nicf>t beachtet baben? $)em 
unb auch Slnbern fonnte er nicht jurufen: eure tobte, rein 
pafftoe Materie! 

28ir fefjen auch ^ier mieber, mie er fich's mtt bem 93e* 
Raupten unb 5ötberlegen immer ebenfo leidjt gemalt ^at, als 
mie er in feinen kämpfen mit (Schlauheit, aber auch $ugletch 
mit ^räpotenj unb (Grobheit oorgegangen ift; in berfelben 
fdjlauen Slbficfjt menbet er ftch nun gegen bie ortfjobojeen (£ar= 
tefianer mit bem beliebten „alfo" (welches alfo alle früheren 
Behauptungen als bemiefene <Säfce ftempeln foß): 

„$Ufo nicht jene (£artefianifche (Jintbeilung aller Stinkt in 
(Steift unb Materie ift bie philofophifdj listige, fonbern bie in 
SSitle unb SBorftellung ift eS; biefe aber Qe^t mit jener in feinem 
Schritt parallel. $)enn fte bergetfticjt aüeS, inbem fte einerfeitS 
auch baS bort gaiu 9ieale unb Objeftme, ben Körper ber 90?a= 
terte, in bie Sßorftettung t> erlegt, unb anbererfeitS baS Söefen 
an ftch einer jeben (£rfcheinung nur SöiHen äurücffü&rt" 

(£r ignorirt bie fpäteren Anficbten über baS Öeben bes 
($eifteS unb ber 9iatur »ollfommen, wirft fid) nun auf ben alten 
(SartefianiSmuS , fommt bann mit alfo, mit fonbern unb 
wirft, maS immer bei jeber Slbhanblung bie (£oba beS SDtltfit* 
ftücfeS ausmacht, feine drfmbung t>on SBille unb 93orftellung 
als bie einzige ^^ilofop^ie, bie einzige Sahrhett, bie einzige 
SDtafdjen befeligenbe Zf)at als legten <Stidj auf ben £ifdj hin. 

SBollte man alle auf grunblofe Behauptungen aufgebauten 
falfdjen unb unhaltbaren £rugfdjlüffe aus ben Aphorismen 
(Schopenhauers fammeln unb in ber einfachften ©djullogif bem 
^efer flar machen, fo fönnte man minbeftenS jmei ftarfe Bänbe 
bamit ausfüllen. 

$n Beziehung aufs ®elb, auf feine Slnfdjauung, $)efimrung 
unb 3Berthfchäfeung bes Selbes fpricht er fich mit einer fjöchft 
anerfennenStoerthen Offenheit auS. <£r mag bie $uben bes 



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fccS ffieltweifen ©d^openfauer. 347 

alten unb neuen SöunbeS titelt leiben, fpottet bei # jeber (Gelegen- 
heit über ben $ubengott, unb e3 fdjeint, baß ih'm biefer ©pott 
wirfltch aus feinem ^ergen gefommen ift, benn er probucirt 
(in ty. I, 376) einen obüigen (Sultu£ be«§ golbenen halbes. 

„£)afc bie Sßünübe ber SDcenfcben twraüajicb auf <&elb gerietet 
ftnb unb fie biefe§ über atteS lieben, ift natürlich, mobl gar im* 
üermeiblicb ! $enn ba§ ®elb ift al§ ein unermüdlicher Proteus 
jeben Slugenblicf bereit, fieb in ben jebeämaügen (Segenftanb unterer 
Söünfcbe unb mannigfaltigen Vebürfniffe au üermanbeln. £$ eDe§ 
anbere ®ut nämlicb fann nur einem Sßunfcb, einem Vebürfnife 
genügen, ift folglich nur ein relatiöe§ ®ut, <&elb allem ift ba3 
abfolute ($mt, roetl e§ nidjt blofc einem Vebürfnifj in concreto be^ 
gegnet, fonbern bem Vebürfnifc überhaupt in abstracto/' 

„2)a3 ®elb ift bie menfcblicbe ®(ücf iöligteit in abstracto. Dober, 
wer nidjt mebr fähig ift, fie in concreto $u geniefcen, fein ganaeS 
#era an baäfeibe bangt." (V- II, 225.) 

lieber ben ®eia fagt er: 

ift bie hartnäefige, gleidjfam fieb ielbft überlebenbe Siebe 
au ben ®euüffen ber SSelt, bie fublimirte unb öergeiftigte 31eifcbe§* 
luft. SDer ®eia ift ba§ Softer be§ TOerä, wie bte Verkbmenbung 
bo§ Softer ber Sugenb." ( s #. II, 221-223.) 

?^i(ofop^ hätte «Schopenhauer bod) bie weltbefannte 
(&intheilung be3 $lpoftel$ Johannes ^ er 3 ffittt^clffinben im 
(Gebächrniß ijabm fönnen. Die £uft am Söefift heifjt bafelbft 
bie Slugeltluft. Ob nun baS &uge ftd) an Öänbereien, ^aläfteu, 
Juwelen, ®o!b (ober SBerthpapieren) erfreut. Der Veftfc* 
luftige ift in ber s Jfegel fein gleifcbeSluftiger. (Sr ift au 
fdjlau unb bebaut, um nidjt bie Verheerungen ber JleifcheSluft 
in feinem Vefifc a u fürchten. 

2öas nach Schopenhauer ein unoerfchämteS Vorgeben ift! 
(Sr behauptet («iß. I, 125. (£. 200): 

„3u ber ^hilofopbie au lehren, ber tbeologifebe QJrunbgebanfe 
(ba£ $afein be§ perfönlicben ®otte£) üerftänbe fieb Don felbft, unb 
bie Vernunft wäre eben nur bie gäbigfeit, benfelben unmittelbar 
,ut f offen unb als wabr m erfennen, ift ein unberfdjämteä 
Vorgeben. 9?icbt nur Darf in ber $bilofoj?bie ein foleber %v 
banfe ohne ben öodgültigften VeweiS angenommen werben, fonbern 
fogar ber Religion ift er burcbauS nicht wefentlicb, wie ber atbeifttfebe 
Vubbboi^mug aeigt." 

Dtefelben Argumente tonnen oiel triftiger gegen ben 
Atheismus gewenbet werben, So a» 8- 



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348 ftniffofogte unb ^flffotogte 

1. $n ber ^^ilofop^tc ju lehren, bie theologtfdje ®runb- 
tofigfeit ober ber t^eotogtfe^c Slbgrunb, b. f). baS 9ttchtfetn eines 
perfbnlichett (Rottes, oerftänbe ftd) oon felbft, unb btc ^fjtlofopljie 
habe eben nur btc Aufgabe, biefe ®runbloftgfett unb biefeS 
9H$tfetn (Rottes als wahr an^uerfenneu, tft ein unoerfchämtes 
Vorgeben. 

2. s 72td)t nur barf bcr Atheismus in bcr ¥$Uofop$ie 
ohne ben oollgültigften $3eweiS fic^cr angenommen werben; benn 

3. ber (StotteSgebanfe tft eben bei ber ^bee Religion wefent« 
lidj unentbehrlich, unb 

4. ber atljeiftifche ^ubbhaismus ift ja eben beSbalb gar 
feine Religion. 

(£S ift gerabewegS brollig, wenn Schopenhauer, ber immer 
alles ftreng beriefen haben tritt, oft in eigener iöebrangnijj 
oor SBeweiSermangelung ben SöubbhaiSmuS allein oon ihm 
anerfannteS unb aud) oon &nbem ntdjt nur anerfen- 
nenswerthes, fonbern anerfannt* werben *müffenbes 
33eweiSmaterial als lefcte unb fd)lagenbe Ratterte aufführt. 

3Benn eS ihm mit feinen Söeweifen gegen baS Dafein eiltet 
perfönlichen (Rottes, unb für ben ftthetSmuS felber, nicht recht 
3U floppen fdjeint, fo oerlcgt er fid) in feiner atljeiftifttjen Juria 
auf energifdjeS (Schimpfen, ©o auch (in 439): 

„SBenn unfere Sbeolocjen unb 9ielicjionSpbiIofopben Oeftänbtg 
„<&ott unb Unfterblidjfeit" sufammen auSfprechen als aroei au* 
fatnmenaehüriöe (Slebanfen unb awei $5incje, bie ftd) trefflich mtt= 
einanber bertrügen, fo ift folcheS blofj früherer Gewohnheit unb 
bem SSWangel an 9?achbenfen $u$ufchrei6en, benn mit ienem rohen, 
fraffen, abfeheulichen ^ubenbogma beS GotttchöpferS fann fo wenig 
Unfterblichfeit als Freiheit beS SBillenS beftehen." 

Sefcen wir ben gall, ein pofitioer X he o löge (ftatyrtil 
ober ^roteftant) würbe über baS rohe, f raffe, ab fdjeu liehe 
^chopenhauerfche $)ogma beS atheiftifchen SeltwerbenS los* 
gehen, fo würbe bie gan^e fonft fehr unhöfliche atheiftifchc 25er ^ 
binbung (bie wir nach ihrem (Schimpfoorgehen auch eine 
(gchwefelbanbe heißen fönnteu) mit gingern auf biefen unglücf* 
liehen Theologen hinneigen unb ausrufen: ©ef)t ftör ben bummen 
fanatifchen Pfaffen, wie er mit föofjheit, Kraßheit unb 
^bfcheu lieh feit, mit ausgiebigen ©chimpf Worten über uns 
losgeht, woburch er eben ben beweis liefert, baß feine Skwetfe 



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tocä SBelttucifen Sc&opcnhauer. 

t 



ni*t5S merth finb; bentl wer 311 fdjimpfen anfängt, ber f>at 
fcfjon ben feftcn 93emeiSboben unter fich, bie pfjilofophifche föuhe 
verloren unb ift fein Wlofopf), fonbern ein bornirter ^anatifer 
311 nennen. 

(Schopenhauers auögeronnenea, 3er f lüftetet unb 
auSgetrocfneteS föeferooir für moraltfdje ®runbfäfte traben 
mir in ben conftatirten %i)at\ad)tn feinet £eben« fchon gu 
betrauten (Gelegenheit gefunben. (£r felber fpridrjt oon biefem 
ffieferootre in feiner ßtbif (214): 

„0&roof)l ©runbfäfce unb abftrafte (£rfenntnifc feineSroegS bie 
Urquelle ober erfte ®runblage ber SDioralität finb, fo finb fie bod) 
m einem moratifdjen Seben unentbehrlich, al£ bas> Söepältnifc, ba$ 
Weferüotr, in roelchem bie au§ ber Guelle aller SWoralität (bem 
iTRitletben), al§ roeldje nicht in jebem $lugenblicfe fliejjt, entsprungene 
(Öefinnung aufbewahrt roirb, um, wenn ber ftall Ser Slnroenbung 
fommt, burch 5lbleitung8fanäle bahin 511 fliefeen." 

„Ohne feft gcfafjte (Srunbfä&e mürben mir ben antimoralttchen 
Jriebfebern, menn fie burch äufeere (£inbrücfe su 9lffeften erregt 
finb, unmiberftehlich ineiagegeben fein. £a§ gcfthnlten unb be- 
folgen ber öarunbiäfee, ben ihnen entgegen roirfenben äRotioen sunt 
Xrofc, ift ©elbftbeherrfchung." 

£) Üieferooir, mit SJftitleib als ber einzigen s .D?oralttät$* 

quelle angefüllt, roie gefchminb abforbiren bie SlblettungS* 

canäle ben ganzen moralifchen 2öafferoorratf)! D feft gefaxte 

(^runbfäfce unb antimoralifchen Sriebfcbern, 0 Definition ber 

©elbftbeherrfchung, mas hilft unb nüfct baS Stiles! Diefe gange 

atheiftifche SWoral ift boch burch föeferooirbeftfcer unb 

angebliche fefte (Grunbfafcfaffer aU ein purer ©djunnbel naa> 

genriefen. — Die totale Dfjumacht jener atfjeiftifchen 

ijfloral bemeift ber philofophifche ^ltr)ctft burch bie Jurdjt, 

baß feine Wl oral bie 5$olf3maffe nicht im Raunte halten fann, 

unb ba§ er i)izx fleinlaut, um ber (Sicherheit feiner $affe nrillen, 

biefem armen 93olf allergnäbigft (in £obe$angft) noch einige 

Religion oergönnen vM, benn mit ber ©chopenhauerfchen tyfylo* 

fophie im 23olfe fühlt fich ber $fjifofoph nicht nur fehr unfidjer, 

fonbern entf Rieben in feiner Giften j bebroht. ©eine oon ihm 

aufgefunbenc , ben „©ebilbeten" oerfünbigte ©ahrheit taugte 

eben nur für ben höh*™ ^öbel, ber fich m feinem 53cfi% 

inftinfttü erhalten mtll, aber nicht für ben untern gemeinen 

<ßöbel, ber fich im $)ie§jeit$ nicht mit bem jämmerlichen 

üftttleib, melcf^ gar fo fpärlich in einigen Pfennigen au§ bem 



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350 Äniffotogie unb ^ftffotogtc 

2floralreferooir fjerauSträufelt, aufrieben geben mitt, fonbern auf 
ba$ ootte Stteajt bcr ®üterttjeilung im DteSfeitS ^u podjen an* 
fängt! Der niebere työM fagt jum fjöf)ern $öbel: ffiir geben 
eua? feinen Pfifferling für euere feften ®runbfäfce unb für 
euere <Selbftbel)errfa)ung, für euer Safferreferootr; unfere Sftoral 
oerlangt: maa^t euere Waffen auf, mir motten (Mb unb wir 
werben fdmn fürSlbleitungSfanäle forgen; mir motten un§ 
mit eud> erfreuen, mir motten ättitfreube unb banfen eua? 
fünftens für euer 3flitleib, benn iljr fiabt eu* btefjer nur 
für eua? gefreut, aber nie mit uns gelitten. 

märe intereffant, au3 ©djopenfjauers ©Triften feine 
oft auftaudjenben feljr furiofen feften Sttoralgrunbfäfce in einem 
üieferooir gu fammeln; ba mürbe fidj in furger fttit ein 
fa^öner Sumpf, mit f röten, unappetitlitfien Slmpljibien unb 
Gonferoenfd?leim überaogen, fjerauSbilben. 2öie intereffant ift 
3. 53. nur feine tfebenSregel in &e$ug auf ben £>afj I, 497) : 

„Sorn ober &afc in SBorten ober ÜDfienen bilden ju laffen, 
ift gefäbrlid), iftunflua,, ift lädjerlid), ift gemein. SDcan 
barf alfo 80m ober &afc nie anber§ zeigen, al§ in 
$bateu. Se&tere§ mirb nur um fo oollrommener fein 
fönnen, al§ man G£rftere3 Dollfommen öermieben bat." 

Da ^aben mir gleid) eine fefjr fette, auSgemadjfene, e^em- 
plarifdje (^iftfröte aus bem -Jftoralreferooir unfereS 5Beltmeifen! 
Sitte Momente unb @rf Meinungen im (£ljriftentl)um ftefjen 
meit, meit hinter ber oielbelobten inbifdjen SÖ3eltanfä)auung jurüdf, 
ba3 ift ber beftänbige Refrain bei biefem bubbljaiftifdjen <5tyüU 
leiter. (So 3. 53. (©. II, 701): 

„3n ber SJhjftif ber &inbu tritt Diel ftärfer al§ in ber ber 
Sufi ba§ Aufgeben atte§ 2öollen§, al§ moburefc allein bie Befreiung 
öon ber inbiüibuellen @rtften$ unb ibrer Seiben möglidj ift, Ijeroor, 
unb in ber cfjriftlidjen SKufttf ift biefe ©eite ganj borberrfdjenb, 
fo bafc jenes nantbeiftifdje Seroufctfein, meld)e§ aller Sftnftif mefent* 
lid) ift, bier erft fefunbär, in ^folge be§ 5lufgeben3 atte§ SBolleng, 
al§ Bereinigung mit ®ott eintritt, tiefer SBerfduebenljeit ber 
5luffajfung entforedjenb bat bie muljammebanifdje 9Jh)ftif einen 
febr Weiteren CHjarafter, bie djriftlicf)e einen büftern unb 
ftymerjlidjen, bie ber&inbu, überbeiben ftebenb, bält 
auef) in biefer &infid)t bie äJHtte." 

?lua) ^Behauptungen, mie gemöfmlia) am (Sdjlufj, bei 
melden ba§ arme (Sfjriftentljum felbftoerftänblid) fefjr fdjledjt 
megfommt! Die fid)erfte Jeuerprobe für (SdmpenfyauerS 53ubbb,a= 



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be§ SBcltmetfen ©djopcnfauer. 351 



unb ^nberoerherrlidmng ptte man bem SBeltmeiieit bartfjun 
fönnen, wenn man ihn äufammengepacf t, in Hamburg eingefchiff t 
unb über bcn Dccoti fbamal§ war bic ©uegenge noch nicht 
fcfjiffbar) naa? ^nbten unter bie Sßubbbiften irgenbmo ^inetn= 
gefchleppt hätte, um ifm bort ein $al)r lang unter fetneu 
&ubbf)iften bunften gu laffen. ($r wäre gewife ^ahm geworben 
unb hätte mit aufgehobenen §änben gebeten, ifm wieber ju biefeu 
bummen ©Triften mit ihrer bummcn 9Woral unb mit ihren 
fanattfdjen Pfaffen jurücfjubringen. $)a3 wäre ftcher ein bra^ 
fttfc^cr beweis contra feinen gasigen bubbf)iftifchen ©a^winbel 
gewefen. 

129. Per Unbbljfl'&nbeter bebattert von üben ijtrnb bie UerfalTer 
ber .Strfjriftftüfhc bes nenen fJnnbes. Pie #uben fallen fidj für bcn 
iüeUnieifen nirijt erijiben ! PltU ff Ibft bte IPerbrenjer* fftbkömmltnae 
unb Emilien ansratten. Shbanbert immer wir ben JFrüajien 
feiner |I!jüüfüöl|ie ?nrüm. Urtljetlt über Itatljolictemtiö nnb 
y rate llanttomus. öljne hierüber mas Itedjtea ?tt wiflen unb 
flnbtri im haben. Itnr er Ijat bte erijte, mahre Pleirmeis^ett 

erfunben. 

lieber ben $8rabmai£mu3 fagt er felbft II, 430): 

„2)afe bie brei oberen haften bte miebergeborenen heilen, mag 
immerhin wie gewöhnlich barauS erflärt werben, bafj bie Snoeftitur 
mit ber heiligen ©cfmur, welche ben ^""ölingen berfelben bie 
SRünbiflfett berleiht gleichfam eine zweite Geburt fei, ber wahre 
®runb aber ift, bafc man nur in golge bebeutenber SBerbtertfte in 
einem üorheraeaanaenen fiebenjur (Geburt in jene haften gelangt, 
folglich in f o I ch e nt fchon al§ wnfdj ejtftirt haben mufe, währenb, 
wer in ber unterften $afte ober aar noch niebrtger geboren 
wirb, borher auch ihier gewefen fein fann." 

GS wäre intereffant gewefen, %u feigen, in welche $afte, in 
welche brahmaniftifche Sfoefö* ober SßolfSfategorie bic SSrahmanen 
ben Schopenhauer $titetn oerurtheilt hätten! %[$ üDienfcb 
fonnte er in einer Äafte noch nicht e^iftirt haben, weil er eben 
fein 53rahmane war ; felbft bie niebrigfte ®afte hätten fie bem 
3Beltweifen, aus (Europa bahergefommen, nicht anweif en fönnen, 
unb fomit wäre er mit fammt feiner ^tlofopr^ic, tro$ aller 
Sßerbienfte, bie er fich burch feine Sörahmanenbegeifterung er- 
worben hat, unter jene noch uiebrigere gewählt worben, welche 
früher auch £1M C * C flewefen fein fönnen. 



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352 



Äniffologie unb ^fiffologic 



jDicfc gau^e (£intheilung ift burchauS fein ^fjantafieftücf, 
fonbem biefelbe ift gang ftreng unb logifd) auf bie brahmaifttfcfye 
Theologie baftrt, bic uns »on (Schopenhauer felbft ift mitgeteilt 
werben. 

SDft tunter tonn man aber auch fcbon bie ^lufria^tigfeit be= 
umnbern, mit melier ber ^ß^ilofop^, freilief) oijne e$ gerabc 
$u beabftchtigen, feinem außerorbentlich f dumpf feiigen (Sfjaraftev 
ein $>oroffop ftellt. (£r fagt I, 389): 

„3)ie Snjurte, ba§ blofce (Schimpfen, ift eine fummarifche SBer- 
leumbuncj o&ne Angabe ber ®rünbe. 3)urch biefelbe lest ber, ber 
ürf) il)rer bebient, an ben Xag, bafe er nichts SSirfticfyeS unb 
Sönbres aeaen ben Zubern üor^ubringen bat, ba er fonft biefeS 
als bie $rämiffe geben unb bie Gonclufton getroft bem ipörer 
überlaffen mürbe." 

(£ine ber oerädjtlichften (Schimpfmanieren ift, menn fich ber 
(Sdn'mpfenbe fc hoch über ben $u Söefcbimpfenben fteüt, baft er 
angeblich ben (enteren bebauert. <So bebauert ebenfo Ijöfmifcr) 
als ungeredu ber iöubbhaanbeter bie (Schriftfteller beS neuen 
iöunbeS, bie feiner Wlofopfjie ein befonberer Dom im Äuge 
finb (§. 430): 

„93ei ben infpirirten 64 rif tftellern bes neuen 
Xeftaments müffen mir bebauern, ba§ bie ^nfpiration 
ttd) nicht auch auf (Sprache unb Stil erftreeft gar." 

9hm, biefeS Kompliment fann man bem ^^ilofop^en fdjon 
noch in berfelben Äürje ermibern: SBtr bebauern ihn, baß feine 
^nfpiratton fich nur auf (Sprache unb (Stpl erftreeft t)at; 
benn in feiner 'ißfnlofopfne ift ja eben 9Hemanb ba, ber ir)n 
hätte infpiriren fönnen; fein un t) ei (ig er ($eift ift ja immer 
bem ^eiligen (Reifte berfelben oerleugnenb gegenübergeftanben, 
unb fein §>or)n foll ^ier eben mieber bie $nfpiration, ben ^eiligen 
($eift treffen, ber feine $nfpirirten nict)t als ein (Sprachlehrer 
nad) ben Regeln ber Dratorif inftruirt unb biefelben nur in 
ade Safjrfjeit ot)ne oratorifdjen SHebefchmucf (auf meldjen fid) 
(Schopenhauer als ($enie fo oiel einbilbet) eingeführt hat 

Dag bleiben gerabe feine Urfadje haben, fitt) beSSdjopen* 
hauerfdjen Atheismus fel)r ftarf anzunehmen, unb bafä, roenn 
fict) jübifche Literaten beS (Schopenhauer annehmen, bie§ nur 
ein Söemeis märe, bafj bei ihnen ber §a§ gegen baS (S^riften* 
thum nod) oiel ernftltcher unb braftifcher mtrft, als bie Öiebe 
$a ihrer eigenen Nation; baS $at (Schopenhauer burch öfter bei 



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be3 Söcltrocifcn ©djopcnfjaucr. 



353 



thut oorfommenbc Urteile über biefc Nation genugfam beliefert 
So fpriebt er in % II, 278—281 über bte (£manctpation ber 
Quben. 9cadjbem bte (Sbriften (®ojim) oTmebieS fdmn aiknU 
falben einfriert, mobiu fie mit ber $ubenemancipation gefommen 
finb, motten mir am Schluß bie hierher bc^ücjltc^e Betrachtung 
Schopenhauer^ bringen : 

»Sbnen (ben Suben) einen Sintbert am Staat einzuräumen, 
ift abhtrb, fie finb unb bleiben ein frembeS, orientalifct)eö Sßolf, 
müfitn baber ftetd immer al» anföffige Srembe gelten." 

Senn Schopenhauer in feinem etfjtfdjcn (£ifer cjegen- 
über Verbrechern (oor melden er jeber^cit einen mahrhaft 
fürchterlichen Ü^efpcct gehabt, befonberS, menu biefelben ba$ leftte 
(10.) ®cbot nicht refpectireu) hineingerate), ba uürb er mirflid) 
fonüfeh entfefclicb unb ift in feiner iButb fo weit gefommen, 
mie nodj nie ein tfiechtslchrcr ober ®efe^gcber oor tlmt; — 
baß er ben Vorfdjlag maebt fmeil fieb nach feiner Anficht ba$ 
Verbrechen burch Beugung forterbt), bie er» en tu eilen Ver- 
brecherfamilien höcbft graufam auszurotten. (So tft er in 
iB. II, 602 gan3 außerorbentlich gefefcgebcrtfd) geftimmt: 

„$lu3 ber (£rbltcbfeit be£ (£barafter3 Dom Vater unb be£ 
3nteÜeft§ öon ber Butter ergibt fieb, bafe eine roirfliebe unb 
grünblicbe Vereblung be£ iDienfct)engeicr)Iec^t^ nicht fomobl öon 
#ufjen ate öon Suneu, alfo nicht fomobl burch Sebre unb Vilbung, 
als öielmebr auf bem Sßege ber (Generation 311 erlangen fein 
möchte, könnte man baher alle Schürfen faftriren unb atte 
bummen (Gänfe in§ Softer fteefen, hingegen bie Männer öon 
eblem Gbarafter mit ben Räbchen öon (Geift unb Verftanb paaren; 
fo mürbe balb eine (Generation erfteben, bie ein mehr al£ geriete ifcbe§ 
Zeitalter barftedte. Slucb abgefehen öon folchen utopifchen Plänen, 
Itefee fich in Grmäguna, nehmen, bafj, menn nächft ber Xobeöftrafe 
bie ®aftration afo bie febroerfte Strafe beftänbe, ganje Stamm- 
bäume öon Schürfen ber SSelt erlaffen fein mürben; um fo ge- 
miffer, al» bie meiften Verbrechen fchon in bem Hilter ^mifchen 
imanjig unb breifctg fahren begangen merben." (SB. II, 602.) 

(&> ift eine nicht 311 überfehenbe pfuchologifche ©rfcheinung 
an bem 2öeltmeifcn, baß tf)n bie grüßte be3 Atheismus 
im Volf immer müthenb unb graufam ftimmen. Qfn biefen 
Momenten fängt e£ ihm flar 31t merben an, baß feine phrafen= 
aufgeblafene Qtfyt in ihrer §eilfraft ben auftauchenben 33er' 
brevem in ber ($efellfchaft gegenüber ebenfo menig $öirffamfcit 
befifct, ate man burch einen Xigel ooll bufttger ^omabe einen 

Srunncr, Äniffologic unb ^fiffologic. 28 



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354 äntffotogte unb ^Jfiffologie 

SÖeinbrucb ober irgenb eine anbere fdjwerc SBcrwunbung feilen 
fann; bei folgen (Megenbeiten fdjimpft er über bie <Sd)ufte 
unb freut fid), wenn in bie (Sanaille Ijtneingefeuert wirb; er 
wirb 511m intimften <5olbatenfreunb. unb baS hinausfeuern unb 
Jptneinfeuem in bie (Sanaille ift ber lefcte unb nadj feiner 
eigenen, ber ^totfj abgerungenen (£rfenntntß ber w i r f f a m ft e 
•JJaragrapb feiner (£tl)if. 

1)ie s 2lnfid)ten beS «Scbopenbauer über ©wmbolif geben 
ein eflatanteS ^eugntft, baß er aud) in biefem (Gebiete f)4fto- 
rifdje Jfjatfadjcn unb bie fumbolifdjeu 53üd)er unb bie 
$l*erfe, welche oon ^roteftanten unb ftat$oltfett barüber erf Lienen 
finb, gang ignorirt unb mit aller Süfftfancc eines ^affee^auS- 
fdnuäfcers $(nfid)ten oorbringt, weldje beweif en, wie er, unbe- 
fümmert um 9£abrl)eit, ©tubium, ®efcbid)te, audj auf biefem 
SBobett alles nur aus feinem ©wftem unb aus feiner momen^ 
tauen Stimmung betauS^uconftruiren oerfudjt. 

§ätte er bie Serfe tum s jftö(jler, £>ilgcrs, 93ud)mann ($a* 
tljolifen), Söaur, (Staufen, ®uerife, Mlncr, 9)?arfdj, £afel, 
Siner (<ßroteftanten) beaditen wollen, fo würbe baS allerbingS 
fein ganzes (Soncept in Verwirrung gebradjt fjaben. £ören wir 
Um felber: 

„'Ster ^roteftantismuS bat, inbem er bie 9l§cefe unb bereu 
(£entralpunft, bie 23erbienftlicbfeit beS (EölibotS, elimintrte, eigene 
lieb idjon ben innerften Sern beS (EbriftentbumS aufgegeben unb 
ift infofern als ein Abfall oon bemfelben anaufeben. Sutber 
moebte, Dom praftifeben «Stanbpunfte aus. b. 1). in Söe^iebung auf 
bie Streben aräuel feiner üeit, bie er abftellen wollte, gana $ecbt 
baben; nidtf aber ebenfo 00m tbeoretifeben ©tanbpnnfte auS. Jjfe 
erbabener eine Üebre ift. befto mebr ftebt fie ber im ®anaen niebrtg 
unb fd)lcd)t gefinnten 9JJenicbennatur gegenüber, bem Uftifcbrauai 
offen: barum finb im SatboliciSmuS ber Sföifjbräucbe fo üiel mein* 
unb größere, als im ^roteftontiSmuS. ©0 3. 53. ift baS 9JföncbS= 
rtjum, biefe metbobiuie unb, 311 gegenfeitiger ©rmutbigung, ge ; 
meinfom betriebene Öerneinung beS SöillenS, eine Slnftalt 
erb ab euer 21 rt, bie aber eben barum meiftenS ibrem (Reifte 
untreu wirb. $)ie empörenben 3ftif?bräucbe ber Strebe riefen im 
reblicben (Reifte lÜutberS eine bobe Önbignation berüor. 5lber in 
^olge berfelbcn tarn er babin, üom (Sbriftentbum felbft mögtieb 
üiel abbingeu 311 wollen, au melcbem .ftroeef er aunäcbft cS auf bie 
Starte ber 93tbel beidnänfte, bann aber aueb im woblgemeinten 
(Sifer 31t weit ging, inbem er, im oScetifcben ^rineip, baS £erj 
bcSfelbcn angriff. Tcnn narf) bem Austreten beS aScetifcben 
s 4kincipS trat notbmenbig balb baS optimiftifebe an feine Stelle, — 



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be3 SMtroeifen @($openf)auer. 355 

«in ©runbirrtbum, ber in ben Religionen roie in ber ^Sbilofopbie 
otter SBabrbeit ben 2Beg oertritt. 9iadj bem allen fd&eint ber 
$atboüci§mu§ ein fcbmäblid) mifebraudjte§ , ber $roteftantt3mu§ 
ober ein ausgeartete^ (Jbriftentpum ju fein, ba§ S^riftentpum 
überhaupt alfo ba§ (Sc^idffal gepabt boben, bem alles (EMe, 
(£rbabene nnb ©rofee anbeimfättt, fobalb e£ unter Stfenicben be* 
fteben foUV' (SB. H, 716 fg. II, 415.) „2)er ®atbolici8mu§ ift 
eine ^luroeifung, ben Gimmel au erbetteln, roelcben *u öerbienen 
au unbequem märe. £)ie Pfaffen finb bie Vermittler biefer Vettelei." 
{Wl. 349. • 

„3n ben proteftantifcben ®irtf>en ift ber augenfälligste ©eaen* 
itanb bie Ransel, in ben fatbolifcben ber $Utar. Die§ fpmboliftrt, 
bafe ber $roteftanti§mu3 ftcb äunäcbft an ba3 Verftänbnife tnenbet, 
t>er ®atbolici3mu§ an ben glauben." (£. 434.) 

5>em großen SBeltmeifen ift nidjt nur bie $öeltgefd)id)te, es 
ift tbm audj bie (^efa^irfite ber Geologie ein uuentbecfteS tfanb ; 
fr bat 3. SB. nie gelefen ober gehört, baß ber Sßegrünber be$ 
ißroteftantiSmuS, Dr. 2utb>r, loörtlicb gefebriebeu f»at : 

„Dafe 2 uub 5 = 7 ftnb, fann id) faffen mit ber Vernunft, 
loenn e§ aber oon oben berab beifet, e§ ftnb 8, fo fott icb'§ glauben 
miber meine Vernunft unb f üblen. 3)abin gebt ber ieufel 
•allein um, bafe bie römifepen Pfaffen ©otteS SBillen 
unb SBerf meffen mit ber Vernunft!!" 

95Mr fct)en audj r)tcr roieber, nrie ber SBeltwcife mit feiner 
Unroiffenfjeit frccl) auf bie Unnriffenfjeit feiner tfefer fpehtlirt. 

3d)openfjaucr fagt weiter: 

„9Ulc ©uperftitionen boben ben nicht §u oeraebtenben ©eroinn, 
bafe ftc burd) bie imaginäre SBelt, bie fie fepaffen, ben ©täubigen 
in Umgang mit Dämonen, ©Ottern unb ^eiligen bringen, — ein 
Umgang, ber beftänbig bie Hoffnung unterhält unb burd) ben 9tei$ 
ber $äufcbung oft intereffanter toirb, al§ ber Umgang mit roirf- 
licben ^Serfonen. $)arau§ erflärt e§ ftctj, marum ber ®atboüci£* 
mu§ *auberiicbcr toirft, al§ ber $roteftanti$mu§." (SB. I, 380. 
426.) 

3Bo ift beim ber fatb>lifd)e ^atect)i^mu^ f ber ben $atI)oIifen 
ben Umgang mit (lottern, Dämonen unb ^eiligen leljrt, 
iüclct)c imaginäre, jauberifcb, mirfenbe Söelt fid) bie ^fjantafte 
biefer £atb>lifcn Raffen fo»? 

Jerner : 

„Tie fatboliiepe ®ircbe bat, richtig erfennenb, bafe ber $bei§ s 
mu3 in bem SDinfee tebunnben raufe, atö bie Pbnfücbe TOronomie 
populariftrt roitb, confeauenter Söeifc ba£ ^opernifnnifcbe Softem 

23» 



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356 



Ämffologte unb ^ftffologte 



berfolgt, rooher batjer fidj fo fc^r unb mit 3etergefchrei ü6er bie 
33ebränam& beS Galilei ju üerrounbern einfältig ift." I, 
56. 127.) 

jDte theologifchen ?lbbanblungen Schopenhauers machen 
immer einen furzen tyxotffc ; er fchimpft einfach über ^faffcnltft 
unb ^ßfaffentrug. 

Senn fidj ber S^efcr über bie gänzliche Unwahrheit unb 
Unhaltbarfeit obiger ÜDeflamation bes Seifen unterrichten will, 
fo möge er nur in bem fdjon citirten Serfe „(^efchichts* 
lügen", 7. Auflage, ©chöningb, ^abcrboro, ©. 639, alte Sbu 
würfe oom ßopernifns &i§ jum (Galilei herunter burdjlefen, unb 
er wirb finben, baß Schopenhauer auch ^ier ficf> als ein Ger- 
ächter ber ®efduchte uub ^tftortfd)er £hatfachen manifeftirt. 

So er nur fann, jubelt er über baS balbige Srlbfchen ber 
£ircfye, beim bann muffen bie £eute -wr ^ß^iIofo^>^ic fommen; 
in ber ^3f)tlofopr)tc hat aber er aud) fct)on 2llleS ringsum al£ 
(Sfel, £>ummfopfe unb Ignoranten nicbergefchtmpft, fo baß am 
©übe nur er als ber ittefftaS ber Siffenfchaft unb als Seit- 
regenerator auf ben swei g^fen: ®itfe unb SBorftellung fein 
pt)t(ofopr)tfc^e^ ^ationalf)otel pr Sinfefjr ber gangen Seit auf* 
c\abant hat. 

(£r freut ftd): 

„Sine längft prophezeite ©poche ift eingetreten: bie ®irdje 
wantr, wanft fo ftarf, ba& eS ftch fragt, 06 fte ben Schmerpunft 
roieberfinben werbe; benn ber ©laube ift a6hanben cjefommen. 
Sft eS boch mit bem Sichte ber Offen6arung wie mit anberen 
Richtern : einige ©unfelheit ift bie SÖcbingung. $>ie 3al)l $)erer, 
welche ein geroiffer ®rab unb Umfang Don $enntniffen sunt 
(glauben unfähig macht, ift bebenflich grofe gemorben. $)a wirb 
eS (Srnft mit bem Verlangen nach ^Shilotophie, unb e§ bebarf einer 
ernftlich gemeinten, b. h- einer auf SS a t) rrj e 1 1 gerichteten s #htlo= 
iophie." (©. 122.) 

9hm, biefe auf Sahrheit gerichtete ^^Uofop^te ift bie feine, 

fo hat er es ja oft unb beutlich genug gefagt. Sir müffen 

hier bemerfen, baß bie meiften Anhänger Schopenhauers nicht 

„burch einen gemiffen C%ab unb Umfang ihres SiffenS" bem 

glauben entfrembet worben ftnb, fonbern burch jene ($rünbe, 

bie in Johannes III., 19. 20. 21. alfo lauten: „3)aS aber ift 

baS Bericht, baß baS £idjt in bie Seit gefommen ift unb bte 

Oflenfchen bie ginfterntß mehr liebten, als baS l'idjt, benn ihre 

Serfe waren böfe. $eber, ber SööfeS thut, Raffet baS ^ict)t 



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bc$ SÖMtweifcn @d)open&auev. 



357 



unb fommt nid)t an ba$ £idjt, bamit feine SEöerfe nid)t geftraft 
werben; wer aber bie 2Bafjrf)eit tljut, fommt an baS £idjt, 
bamit feine Serfe offenbar werben, weil fie in ®ott gefdjeljen 
finb." 

lieber bie (Sonoerttten gefjt ber SBeltweife mit feiner ge= 
wöbnlidjen fanatifdjen SButb los. $llte (Sonoertiten finb nnr 
löetrüger, Ellies 9fta$fe unb Qutereffe iL f. w. 

„9hir bie Sftnb^eit r ntdjt ba§ 90Ranne§alter , ift bie 3eit, bie 
(Saat be§ Q>31auben£ 31t fäen, jumal nid)t, roo idjon ein trüberer 
wurzelt; bie gewonnene Ueberaeugung aber, roelcbe erroadjiene 
$onüertiteu üorgeben, ift in ber Siegel nur bie 90ßa§fe irgenb 
etncS pertonlicben 3ntereffe§. (£ben weil man fü&lt, bafe bie§ faft 
uidjt anber§ fein tonne, mirb überaß ein .9D?enfcf), ber im reifen 
Hilter feine Religion wecnfelt, oon ben Reiften öeradjtet; öleid^- 
mobt legen eben biefe babnrcfj an ben $ag, bafc fie bie Religion 
niefct für (Sadje vernünftiger Uebersengung, fonbern blofe be§ 
früb unb Dor aller Prüfung eingeimpften ®lanben§ balten." 
W. II, 351 fg.) 



130. Uli U ben t&ianbtn an feinen gttijeismas allgemein etn« 
$etmpfi «riJTen. Per Uteltmeife nnter ITOenrnjenfreffern mit feiner 
Wxhfaplj'it in einer argen jüemme. Dir (Tanuertiten in Jfflafle 
uerfdjimpft. <£r(rebt Wenings Ülinna tian flarnljelm, meldje 
hingegen Unering abgefdjmamt »na langweilig ftnaet. 

Diefe Verallgemeinerung im §)erabid)impfen oon (Sonoertiten 
ift djarafteriftifd). Senn fidj ein (Sfjrift ju feinem 5ltl)ei3mu$ 
befebrt, fo ift ifjm ba$ going plauftbel, aber feiner — ber 
Sdjopenljauerfdje — muß e3 fein, beileibe nid)t ber §egelfcf)e 
ober Jidjtcfdje; er ift allein im Söefifce be3 magren, edjten, 
ortfjoboren 21tl)ei$mu$. 

$)er (Glaube an ($ott, fagt er, mirb eingeimpft; was 
treibt beim aber ber 9ltbeift ©djopenfiauer? $ragt nid?t 
aud) er in feinem Je ber fiel wie bie tfanbdjirurgen ba3 Dorfen* 
gift feines 2Ür)ei3mu$ Ijerum unb fudjt es tfjeils felbft, tljeite 
bura) feine Ipoftel überall einzuimpfen? 9fad) biefem ^ßrtneip 
märe ein 9ttenfd)enfreffer, wenn er ein foldjer bleibt, ein l)ödjft 
ebrenljafter (Sfjarafter, menh er fid) aber jur djriftlidjen 
lüttoral befeljren unb oom SWenfdjenfreffen ablaffen mürbe, fo 
müßte er oon unb naa) (Schopenhauer oeracfytet werben! 



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Sniffologic unb ^fiffologie 



Sir möchten bicfen Seitweifen fc^en^ wenn er einer §>orbe 
oon s Jftenfdjenfrefferu in bie $änbe fiele: wie würbe er biefen x 
Kannibalen iljr Unrecht beweifeu? ©ein jäfjeS Jeft I) alten, 
an ber (Sottlofigfeit würbe tljti md)t retten fönnen; efyer fein 
jäfjeS 2rletfd). Um feiner ungenießbaren ^Ijilofopfyie wegen 
würbe er nidjt gefront werben, fonbern aufgefreffen werben; 
feine fdjon an ber (EpibermiS erfennbare gäfjigfeit, weldje 
einen ungenießbaren traten oerrätfj, fönute i^m allein ^arbon 
bringen. 

dbiefe ©udjt beS Seitweifen, über jebe tfjm unter* 
fommcnbc Chrfdjeinung irgenb ein 'JSrincip aufjubelten, baS in 
feinen Uram paßt, $lle£ gu generalifiren, $u verallgemeinern, 
aber eben nur ju feinem ©ebraud), bie aufgehellten 
^rinetpieu 311 behaupten, ofjne fie $u beweifen, auf bie 33e* 
fjauptungen f)in aber einen pfyantaftifdjen babtilonifajen £fjurm 
oon ©djlüffen aufzubauen, — biefe ©udjt ift ein (Ergebnis 
feinet ®rößenwaf)n3. Ser ifnn nur im SDJtnbeftcn $u wiber* 
fpredjen wagt, ben fjält er für feinen Jeinb unb fua)t ifjn burdj- 
Schimpfen jum ©djweigen ju bringen ; er fann in feiner 9täfje 
nur pfn'lofop!)ijd)e ^3ubel bulben, bie bei ieber feiner